Kapitel 96: yuddhadharma
Vom gerechten Kampf: Regeln des Kṣatriya-Krieges und Sieg durch Dharma
Bhīṣma belehrt Yudhiṣṭhira über Regeln der Kriegführung: erst Ankündigung und Angebot, dann ebenbürtiger, offener Kampf ohne Tücke; Verwundete und Wehrlose sind zu schonen, denn Sieg durch Adharma bringt Verderben.
yudhiṣṭhira uvāca; atha yo vijigīṣeta kṣatriyaḥ kṣatriyaṃ yudhi; kas tasya dharmyo vijaya etat pṛṣṭo bravīhi me
Yudhiṣṭhira sprach: „Wenn aber ein Kṣatriya im Kampf einen [anderen] Kṣatriya besiegen will, welcher Sieg ist für ihn gemäß dem Dharma [gerecht]? Danach gefragt, sage es mir.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
atha yo vijigīṣeta kṣatriyaḥ kṣatriyaṃ yudhi
wenn aber ein Kṣatriya einen Kṣatriya im Kampf besiegen wollte (Nom./Akk./Lok.; Opt. Des.)
kas tasya dharmyo vijayaḥ
welcher Sieg ist für ihn dharmagemäß (Nom./Gen.)
etat pṛṣṭo bravīhi me
danach gefragt, sage mir (Part. Pass. Nom.; Imp. 2.Sg.; Dat./Gen.)
bhīṣma uvāca; sasahāyo 'sahāyo vā rāṣṭram āgamya bhūmipaḥ; brūyād ahaṃ vo rājeti rakṣiṣyāmi ca vaḥ sadā
Bhīṣma sprach: „Mit Gefährten oder ohne Gefährten, ins [fremde] Reich gekommen, soll der Herr der Erde sagen: ‚Ich bin euer König, und ich werde euch stets beschützen.‘
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
sasahāyo 'sahāyo vā
mit oder ohne Gefährten (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
rāṣṭram āgamya bhūmipaḥ
ins Reich gekommen, der Erdenherr (Abs./Akk./Nom.)
brūyād ahaṃ vo rājā
er soll sagen: ‚Ich bin euer König‘ (Opt. 3.Sg.; Nom.; Gen. Pl.)
iti rakṣiṣyāmi ca vaḥ sadā
‚und ich werde euch immer beschützen‘ (Fut. 1.Sg.; Akk. Pl.)
Wenn sie aber, ohne Kṣatriyas zu sein, dennoch irgendwie Widerstand leisten, dann sind sie, o Herr der Menschen, mit allen Mitteln zu bändigen, [denn] sie verharren in unrechtem Tun.
Wort für Wort
te ced akṣatriyāḥ santaḥ
wenn diese, keine Kṣatriyas seiend (Nom. Pl.; Part. Präs.)
virudhyeyuḥ kathaṃ cana
sich irgendwie widersetzten (Opt. 3.Pl.)
sarvopāyair niyantavyāḥ
mit allen Mitteln zu bändigen (Instr. Pl.; Gerundiv Nom. Pl.)
vikarmasthā narādhipa
in Fehlhandeln verharrend, o Herr der Menschen (Nom. Pl.; Vok.)
Ein anderer [Kṣatriya] aber greift zur Waffe, weil er den Kṣatriya für kraftlos hält, und ihn, der sich für ganz und gar unfähig hält, selbst zum Schutz [seines Volkes] [?].
Wort für Wort
aśaktaṃ kṣatriyaṃ matvā
den Kṣatriya für kraftlos haltend (Akk.; Abs.)
śastraṃ gṛhṇāty athāparaḥ
greift dann ein anderer zur Waffe (Akk.; Präs. 3.Sg.; Nom.)
trāṇāyāpy asamartham
selbst zum Schutz unfähig (Dat.; Akk.)
taṃ manyamānam atīva ca
und ihn, der [sich] überaus [so] hält [?] (Akk.; Part. Med.)
Zweiter Halbvers syntaktisch schwierig; Bezug von „manyamānam“ unklar.
bhīṣma uvāca; nāsaṃnaddho nākavaco yoddhavyaḥ kṣatriyo raṇe; eka ekena vācyaś ca visṛjasva kṣipāmi ca
Bhīṣma sprach: „Ein Kṣatriya im Kampf darf nicht bekämpft werden, wenn er ungerüstet und ohne Panzer ist; und [nur] einer gegen einen ist anzurufen: ‚Lass los, ich schieße!‘
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
nāsaṃnaddho nākavacaḥ
nicht ungerüstet, nicht ohne Panzer (Nom., Bahuvrīhi)
yoddhavyaḥ kṣatriyo raṇe
ist ein Kṣatriya im Kampf zu bekämpfen (Gerundiv; Nom.; Lok.)
eka ekena vācyaś ca
und einer ist von einem anzusprechen (Nom.; Instr.; Gerundiv)
visṛjasva kṣipāmi ca
‚schieße [du] los, und ich schieße‘ (Imp. Med. 2.Sg.; Präs. 1.Sg.)
nāśvena rathinaṃ yāyād udiyād rathinaṃ rathī; vyasane na prahartavyaṃ na bhītāya jitāya ca
Man soll nicht mit dem Reiter auf den Wagenkämpfer losgehen; der Wagenkämpfer [soll] gegen den Wagenkämpfer ziehen. Nicht ist auf den in Not Geratenen zu schlagen, nicht auf den Verängstigten und nicht auf den Besiegten.
Wort für Wort
nāśvena rathinaṃ yāyāt
nicht mit [dem] Pferd gegen den Wagenkämpfer ziehen (Instr.; Akk.; Opt. 3.Sg.)
udiyād rathinaṃ rathī
der Wagenkämpfer gehe gegen den Wagenkämpfer (Opt.; Akk.; Nom.)
vyasane na prahartavyam
in Not ist nicht zu schlagen (Lok.; Gerundiv unpers.)
na bhītāya jitāya ca
nicht gegen den Verängstigten und Besiegten (Dat. [statt Akk.])
neṣur lipto na karṇī syād asatām etad āyudham; jayārtham eva yoddhavyaṃ na krudhyed ajighāṃsataḥ
Nicht soll der Pfeil vergiftet sein, nicht mit Widerhaken; das ist die Waffe der Unedlen. Nur um zu siegen ist zu kämpfen; man soll nicht zürnen auf den, der nicht töten will.
Wort für Wort
neṣur lipto na karṇī syāt
der Pfeil sei nicht vergiftet, nicht mit Widerhaken (Nom.; Part.; Adj.; Opt.)
asatām etad āyudham
das ist die Waffe der Unedlen (Gen. Pl.; Nom. n.)
jayārtham eva yoddhavyam
nur um des Sieges willen ist zu kämpfen (Akk.-Adv.; Gerundiv)
na krudhyed ajighāṃsataḥ
man soll nicht zürnen dem, der nicht töten will (Opt.; Gen. Part.)
Zu „ajighāṃsataḥ“: Gen. Sg. Part. Desid. mit Negation; Bezug locker.
nāsty ekasya gajo yuddhe gajaś caikasya vidyate; na padātir gajaṃ yudhyen na gajena padātinam; hastinā yodhayen nāgaṃ kadā cic chikṣito hayaḥ; divyāstrabalasaṃpannaḥ kāmaṃ yudhyeta sarvadā; nāge bhūmau same caiva rathenāśvena vā punaḥ; rāmarāvaṇayor yuddhe harayo vai padātayaḥ; lakṣmaṇaś ca mahābhāgas tathā rājan vibhīṣaṇaḥ; rāvaṇasyāntakāle ca rathenaindreṇa rāghavaḥ; nijaghāna durācāraṃ rāvaṇaṃ pāpakāriṇam; divyāstrabalasaṃpanne sarvam etad vidhīyate; devāsureṣu yuddheṣu dṛṣṭam etat purātanaiḥ
Nicht hat einer allein im Kampf einen Elefanten, und [auch] dass einer allein einen Elefanten hätte, gibt es nicht. Ein Fußsoldat soll nicht gegen einen Elefanten kämpfen, noch gegen einen Fußsoldaten mit dem Elefanten. Mit einem Elefanten soll man nicht einen Elefanten bekämpfen; [ein Reiter] auf einem geschulten Pferd [?]. Wer mit der Kraft göttlicher Waffen begabt ist, mag nach Belieben stets kämpfen, [sei es] vom Elefanten, auf ebenem Boden, mit Wagen oder Pferd. Im Kampf zwischen Rāma und Rāvaṇa waren die Affen zu Fuß, und der hochgesegnete Lakṣmaṇa sowie Vibhīṣaṇa, o König; und zur Todeszeit Rāvaṇas erschlug Rāghava vom Wagen Indras den übel handelnden, sündig wirkenden Rāvaṇa. Für den, der mit göttlichen Waffen begabt ist, gilt dies alles [als erlaubt]. In den Kämpfen der Götter und Asuras wurde dies von den Alten gesehen.
Wort für Wort
nāsty ekasya gajo yuddhe gajaś caikasya vidyate
nicht ist einem allein ein Elefant im Kampf, und einem [anderen] Elefant vorhanden [?] (Nom.; Gen.; Lok.; Präs. Pass.)
na padātir gajaṃ yudhyen na gajena padātinam
nicht kämpfe ein Fußsoldat gegen Elefant, noch mit Elefant gegen Fußsoldat (Nom.; Akk.; Instr.; Opt.)
hastinā yodhayen nāgaṃ kadā cic chikṣito hayaḥ
mit Elefant soll man einen Elefanten bekämpfen; irgendwann ein geschultes Pferd [?] (Instr.; Opt. Kaus.; Akk.; Part.)
divyāstrabalasaṃpannaḥ kāmaṃ yudhyeta sarvadā
mit göttlicher Waffenkraft begabt, mag er nach Belieben stets kämpfen (Nom., Tatpuruṣa; Opt. Med.)
nāge bhūmau same caiva rathenāśvena vā punaḥ
auf dem Elefanten, auf ebenem Boden, ferner mit Wagen oder Pferd (Lok.; Lok.; Instr.)
rāmarāvaṇayor yuddhe harayo vai padātayaḥ
im Kampf Rāmas und Rāvaṇas waren die Affen Fußkämpfer (Gen. Du.; Lok.; Nom. Pl.)
lakṣmaṇaś ca mahābhāgas tathā rājan vibhīṣaṇaḥ
und Lakṣmaṇa, der Hochgesegnete, und Vibhīṣaṇa, o König (Nom.; Vok.)
rāvaṇasyāntakāle ca rathenaindreṇa rāghavaḥ
und in Rāvaṇas Todeszeit [mit] Indras Wagen Rāghava (Gen.; Lok.; Instr.; Nom.)
nijaghāna durācāraṃ rāvaṇaṃ pāpakāriṇam
erschlug den Übeltäter Rāvaṇa, den Sündentäter (Perf. 3.Sg.; Akk.)
divyāstrabalasaṃpanne sarvam etad vidhīyate
für den mit göttlicher Waffenkraft Begabten wird all dies festgelegt (Lok.; Präs. Pass.)
devāsureṣu yuddheṣu dṛṣṭam etat purātanaiḥ
in den Kämpfen der Götter und Asuras ist dies von den Alten gesehen worden (Lok. Pl.; Part. Pass.; Instr. Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Zeile 1 (nāsty ekasya gajo yuddhe …) syntaktisch unsicher, Zeile 3 (hastinā … śikṣito hayaḥ) verderbt oder elliptisch [?].
Wenn unter Guten durch gegenseitige Spaltung ein Guter in Not gerät: Einen Verwundeten darf man nicht angreifen, und keinesfalls einen, der ohne Nachkommen ist [?].
Wort für Wort
sādhūnāṃ tu mithobhedāt
aber wegen gegenseitiger Spaltung unter Guten (Gen. Pl.; Abl.)
sādhuś ced vyasanī bhavet
wenn ein Guter in Not gerät (Nom.; Opt.)
savraṇo nābhihantavyaḥ
ein Verwundeter ist nicht anzugreifen (Bahuvrīhi Nom.; Gerundiv)
nānapatyaḥ kathaṃ cana
nicht [ein] Kinderloser, keinesfalls [?] (Nom.)
„nānapatyaḥ“: wörtlich „nicht Kinderloser“, d. h. einen mit Nachkommen? Sinn unsicher; wohl: nicht den einzigen Sohn.
Wer die Waffe zerbrochen, die Pferde verloren, die Bogensehne durchtrennt oder das Fahrzeug eingebüßt hat, soll in seinem eigenen Gebiet geheilt werden oder in sein eigenes Haus gebracht werden; und auch ein Unverwundeter ist freizulassen. Das ist das ewige Dharma.
Wort für Wort
bhagnaśastro vipannāśvaḥ
mit zerbrochener Waffe, dessen Pferde umgekommen sind (Bahuvrīhi Nom.)
chinnajyo hatavāhanaḥ
mit durchtrennter Sehne, mit erschlagenem Gespann (Bahuvrīhi Nom.)
cikitsyaḥ syāt svaviṣaye
er soll in eigenem Gebiet geheilt werden (Gerundiv; Opt.; Lok.)
prāpyo vā svagṛhān bhavet
oder zu seinem eigenen Haus gebracht werden (Gerundiv; Akk. Pl.; Opt.)
nirvraṇo 'pi ca moktavyaḥ
auch ein Unverwundeter ist freizulassen (Nom.; Gerundiv)
tasmād dharmeṇa yoddhavyaṃ manuḥ svāyaṃbhuvo 'bravīt; satsu nityaṃ satāṃ dharmas tam āsthāya na nāśayet
Darum ist gemäß dem Dharma zu kämpfen, so sprach Manu Svāyaṃbhuva. Unter Guten gilt stets das Dharma der Guten; darauf gestützt soll man es nicht zerstören.
Wort für Wort
tasmād dharmeṇa yoddhavyam
darum ist mit Dharma zu kämpfen (Abl.; Instr.; Gerundiv)
manuḥ svāyaṃbhuvo 'bravīt
Manu Svāyaṃbhuva sprach (Impf. 3.Sg.)
satsu nityaṃ satāṃ dharmaḥ
unter Guten stets das Dharma der Guten (Lok. Pl.; Gen. Pl.)
tam āsthāya na nāśayet
darauf gestützt soll man [es] nicht zerstören (Abs.; Opt. Kaus.)
Dann wird er mit der Wurzel fortgerissen wie ein Baum vom Flussufer. Dann verhöhnt man ihn, wie einen zerbrochenen Krug am Stein. Darum soll ein Erdenherrscher den Sieg nur durch Dharma erstreben.
Wort für Wort
tataḥ samūlo hriyate
dann wird er samt der Wurzel fortgerissen (Bahuvrīhi Nom.; Präs. Pass.)
nadīkūlād iva drumaḥ
wie ein Baum vom Flussufer (Abl.; Nom.)
athainam abhinindanti
dann schmäht man ihn (Akk.; Präs. 3.Pl.)
bhinnaṃ kumbham ivāśmani
wie einen zerbrochenen Krug am Stein (Akk.; Lok.)
tasmād dharmeṇa vijayaṃ
darum durch Dharma den Sieg (Abl.; Instr.; Akk.)
kāmaṃ lipseta bhūmipaḥ
erstreben nach Wunsch soll der Erdenherr (Adv.; Opt. Des. Med.; Nom.)