Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 345: nāgāyatanagamanam Der Brahmane sucht den Nāga auf und wartet am Gomatī-Ufer

Ein namenloser Brahmane erreicht auf seiner Wanderung die Wohnstätte eines Nāga und wird von dessen Gattin empfangen; da der Nāga gerade seinen turnusmäßigen Dienst als Zieher des Sonnenwagens verrichtet, beschließt der Brahmane, am Ufer der Gomatī auf seine Rückkehr zu warten.

bhīṣma uvāca; sa vanāni vicitrāṇi tīrthāni ca sarāṃsi ca; abhigacchan krameṇa sma kaṃ cin munim upasthitaḥ

Bhīṣma sprach: Er zog der Reihe nach zu mannigfaltigen Wäldern, Pilgerstätten und Seen und kam schließlich zu einem gewissen Weisen.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
sa vanāni vicitrāṇi
er [zu den] mannigfaltigen Wäldern (Nom.Sg./Akk.Pl.)
tīrthāni ca sarāṃsi ca
und zu den Pilgerstätten und Seen (Akk.Pl.)
abhigacchan krameṇa sma
der Reihe nach aufsuchend (Präs.Part./Instr.Sg./Partikel)
kaṃ cin munim
einen gewissen Weisen (Akk.Sg.)
upasthitaḥ
kam er heran (Perf.Part.Nom.Sg.)

taṃ sa tena yathoddiṣṭaṃ nāgaṃ vipreṇa brāhmaṇaḥ; paryapṛcchad yathānyāyaṃ śrutvaiva ca jagāma saḥ

Über jenen Nāga, den ihm jener Weise bezeichnet hatte, erkundigte sich der Brahmane gebührend; und kaum hatte er die Auskunft gehört, machte er sich auf den Weg.

Wort für Wort
taṃ ... nāgaṃ
jenen Nāga (Akk.Sg.)
sa brāhmaṇaḥ
der Brahmane (Nom.Sg.)
tena vipreṇa
durch jenen Weisen (Instr.Sg.)
yathoddiṣṭaṃ
wie bezeichnet (Akk.Sg., Adj.)
paryapṛcchad
er erkundigte sich (3.Sg.Impf.)
yathānyāyaṃ
gebührend (Adv.)
śrutvaiva ca
und sogleich nachdem er gehört hatte (Absolutiv)
jagāma saḥ
machte er sich auf den Weg (3.Sg.Perf.)

„tena vipreṇa“ bezieht sich auf den in V.1 genannten Muni, nicht auf den handelnden Brahmanen selbst.

so 'bhigamya yathākhyātaṃ nāgāyatanam arthavit; proktavān aham asmīti bhoḥśabdālaṃkṛtaṃ vacaḥ

Er, der Sachkundige, ging zu der ihm genannten Wohnstätte des Nāga und sprach die mit dem Anruf „Hoh!“ geschmückten Worte: „Ich bin da!“

Wort für Wort
so 'bhigamya
er, nachdem er sich genähert hatte (Absolutiv)
yathākhyātaṃ nāgāyatanam
die wie genannte Wohnstätte des Nāga (Akk.Sg.)
arthavit
der Sachkundige (Nom.Sg., Epitheton)
proktavān
er sprach (Perf.Part.Akt.)
aham asmīti
„Ich bin da!“ (direkte Rede)
bhoḥśabdālaṃkṛtaṃ vacaḥ
die mit dem Wort ‚bhoḥ‘ geschmückten Worte (Akk.Sg.)

tatas tasya vacaḥ śrutvā rūpiṇī dharmavatsalā; darśayām āsa taṃ vipraṃ nāgapatnī pativratā

Darauf, nachdem sie seine Worte gehört hatte, zeigte sich die schöne, dem Dharma zugetane Gattin des Nāga, ihrem Gatten treu ergeben, jenem Brahmanen.

Wort für Wort
tatas
darauf (Adv.)
tasya vacaḥ śrutvā
nachdem sie seine Worte gehört hatte (Absolutiv)
rūpiṇī
die Schöne (Nom.Sg.fem., Epitheton)
dharmavatsalā
dem Dharma zugetan (Nom.Sg.fem., Epitheton)
darśayām āsa
sie zeigte sich (periphr. Perf., 3.Sg.)
taṃ vipraṃ
jenem Brahmanen (Akk.Sg.)
nāgapatnī pativratā
die gattentreue Gattin des Nāga (Nom.Sg.)

sā tasmai vidhivat pūjāṃ cakre dharmaparāyaṇā; svāgatenāgataṃ kṛtvā kiṃ karomīti cābravīt

Sie, dem Dharma hingegeben, erwies ihm vorschriftsgemäß Verehrung, hieß den Angekommenen willkommen und sprach: „Was soll ich tun?“

Wort für Wort
sā tasmai
sie ihm (Nom.Sg./Dat.Sg.)
vidhivat pūjāṃ cakre
erwies vorschriftsgemäß Verehrung (Adv./Akk.Sg./3.Sg.Perf.)
dharmaparāyaṇā
dem Dharma hingegeben (Nom.Sg.fem., Epitheton)
svāgatenāgataṃ kṛtvā
nachdem sie den Angekommenen willkommen geheißen hatte (Instr.Sg./Akk.Sg./Absolutiv)
kiṃ karomīti cābravīt
und sprach: „Was soll ich tun?“ (direkte Rede/3.Sg.Impf.)

brāhmaṇa uvāca; viśrānto 'bhyarcitaś cāsmi bhavatyā ślakṣṇayā girā; draṣṭum icchāmi bhavati taṃ devaṃ nāgam uttamam

Der Brahmane sprach: „Ich bin ausgeruht und von dir mit sanfter Stimme geehrt worden. Ich möchte, o Verehrte, jenen göttlichen, vortrefflichen Nāga sehen.“

Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca
der Brahmane sprach (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
viśrānto 'bhyarcitaś cāsmi
ich bin ausgeruht und geehrt worden (Nom.Sg./Perf.Part.Pass.)
bhavatyā ślakṣṇayā girā
von dir mit sanfter Stimme (Instr.Sg.)
draṣṭum icchāmi
ich möchte sehen (Infinitiv/1.Sg.Präs.)
bhavati
o Verehrte (Vok.Sg.)
taṃ devaṃ nāgam uttamam
jenen göttlichen, vortrefflichen Nāga (Akk.Sg.)

etad dhi paramaṃ kāryam etan me phalam īpsitam; anenārthena cāsmy adya saṃprāptaḥ pannagālayam

Denn dies ist mein wichtigstes Anliegen, dies mein ersehntes Ziel; aus diesem Grund bin ich heute zur Wohnstätte der Schlange gekommen.

Wort für Wort
etad dhi paramaṃ kāryam
dies ist nämlich die höchste Aufgabe (Nom.Sg.)
etan me phalam īpsitam
dies mein erwünschter Lohn (Nom.Sg.)
anenārthena ca
und aus diesem Grund (Instr.Sg.)
asmy adya saṃprāptaḥ
bin ich heute angekommen (1.Sg.Präs./Perf.Part.)
pannagālayam
zur Wohnstätte der Schlange (Akk.Sg.)

nāgabhāryovāca; ārya sūryarathaṃ voḍhuṃ gato 'sau māsacārikaḥ; saptāṣṭabhir dinair vipra darśayiṣyaty asaṃśayam

Die Gattin des Nāga sprach: „O Edler, jener [mein Gatte] ist fortgegangen, um den Sonnenwagen zu ziehen, seinen turnusmäßigen Monatsdienst verrichtend; in sieben oder acht Tagen, o Weiser, wird er sich zweifellos zeigen.“

Wort für Wort
nāgabhāryovāca
die Gattin des Nāga sprach (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
ārya
o Edler (Vok.Sg.)
sūryarathaṃ voḍhuṃ gato 'sau
jener ist gegangen, um den Sonnenwagen zu ziehen (Akk.Sg./Infinitiv/Perf.Part.)
māsacārikaḥ
seinen monatlichen Turnusdienst verrichtend (Nom.Sg., Epitheton)
saptāṣṭabhir dinair
in sieben oder acht Tagen (Instr.Pl.)
vipra
o Weiser (Vok.Sg.)
darśayiṣyaty asaṃśayam
wird er sich zweifellos zeigen (3.Sg.Fut./Adv.)

etad viditam āryasya vivāsakaraṇaṃ mama; bhartur bhavatu kiṃ cānyat kriyatāṃ tad vadasva me

Dies also – der Grund für die Abwesenheit meines Gatten – ist dir, dem Edlen, nun bekannt. Nun denn – ist sonst noch etwas zu tun? Sage mir das.

Wort für Wort
etad viditam āryasya
dies ist dem Edlen bekannt (Nom.Sg.)
vivāsakaraṇaṃ mama
der Grund für die Abwesenheit meines [Gatten] (Akk.Sg.)
bhartur
meines Gatten (Gen.Sg.)
bhavatu
nun denn/es sei (3.Sg.Imp.)
kiṃ cānyat kriyatāṃ
ist sonst noch etwas zu tun (3.Sg.Pass.Imp.)
tad vadasva me
sage mir das (2.Sg.Imp.)

„bhartur“ am Pāda-Anfang gehört sinngemäß noch zu „vivāsakaraṇam mama“ im vorigen Pāda (Abwesenheit meines Gatten); „bhavatu“ als Diskurspartikel („nun denn“).

brāhmaṇa uvāca; anena niścayenāhaṃ sādhvi saṃprāptavān iha; pratīkṣann āgamaṃ devi vatsyāmy asmin mahāvane

Der Brahmane sprach: „Mit diesem festen Entschluss, o Tugendhafte, bin ich hierhergekommen; die Rückkehr [deines Gatten] erwartend, o Herrin, werde ich in diesem großen Wald verweilen.“

Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca
der Brahmane sprach (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
anena niścayenāhaṃ
mit diesem Entschluss ich (Instr.Sg./1.Sg.)
sādhvi saṃprāptavān iha
o Tugendhafte, bin ich hierhergekommen (Vok.Sg./Perf.Part.Akt.)
pratīkṣann āgamaṃ
die Rückkehr erwartend (Präs.Part./Akk.Sg.)
devi
o Herrin (Vok.Sg.)
vatsyāmy asmin mahāvane
werde ich in diesem großen Wald verweilen (1.Sg.Fut./Lok.Sg.)

saṃprāptasyaiva cāvyagram āvedyo 'ham ihāgataḥ; mamābhigamanaṃ prāpto vācyaś ca vacanaṃ tvayā

Sobald er zurückgekehrt und ungestört ist, bin ich, der hierhergekommen ist, ihm zu melden; sobald er von meinem Besuch erfahren hat, sollst du ihm folgende Worte sagen:

Wort für Wort
saṃprāptasyaiva ca
sobald er zurückgekehrt ist (Gen.Sg.)
avyagram
ungestört (Adv.)
āvedyo 'ham ihāgataḥ
ich, der hierhergekommen ist, bin zu melden (Gerundiv/Nom.Sg./Perf.Part.)
mamābhigamanaṃ prāpto
sobald er von meinem Besuch erfahren hat (Akk.Sg./Nom.Sg.)
vācyaś ca vacanaṃ tvayā
und die Worte sollen von dir gesagt werden (Gerundiv/Akk.Sg./Instr.Sg.)

„vacanam“ (das zu sagende Wort) bezieht sich auf die in der nächsten Einheit (V.12) folgende Botschaft.

aham apy atra vatsyāmi gomatyāḥ puline śubhe; kālaṃ parimitāhāro yathoktaṃ paripālayan

„Auch ich werde hier verweilen, am schönen Sandufer der Gomatī, mit beschränkter Nahrung die vereinbarte Zeit einhaltend, wie besprochen.“

Wort für Wort
aham apy atra vatsyāmi
auch ich werde hier verweilen (1.Sg.Fut.)
gomatyāḥ puline śubhe
am schönen Sandufer der Gomatī (Lok.Sg.)
kālaṃ parimitāhāro
mit beschränkter Nahrung die Zeit (Akk.Sg./Nom.Sg., Bahuvrihi)
yathoktaṃ paripālayan
wie besprochen einhaltend (Adv./Präs.Part.Nom.Sg.)

Fortsetzung der in V.11 angekündigten Botschaft an den Nāga.

bhīṣma uvāca; tataḥ sa vipras tāṃ nāgīṃ samādhāya punaḥ punaḥ; tad eva pulinaṃ nadyāḥ prayayau brāhmaṇarṣabhaḥ

Bhīṣma sprach: Darauf, nachdem der Brahmane jene Nāgin wieder und wieder beruhigt hatte, zog der Stier unter den Brahmanen zu eben jenem Sandufer des Flusses.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
tataḥ sa vipras
darauf jener Brahmane (Adv./Nom.Sg.)
tāṃ nāgīṃ samādhāya
jene Nāgin beruhigt habend (Akk.Sg./Absolutiv)
punaḥ punaḥ
wieder und wieder (Adv.)
tad eva pulinaṃ nadyāḥ
eben jenes Sandufer des Flusses (Akk.Sg./Gen.Sg.)
prayayau brāhmaṇarṣabhaḥ
zog der Stier unter den Brahmanen fort (3.Sg.Perf./Nom.Sg.)

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