Kapitel 277: mokṣaguṇopadeśaḥ
Ariṣṭanemis Lehre an Sagara: Merkmale des Befreiten und Lösung von den Fesseln der Zuneigung
Auf Yudhiṣṭhiras Frage, wie ein Fürst befreit die Erde durchwandern könne, erzählt Bhīṣma die Unterweisung des Tārkṣya (Ariṣṭanemi) an König Sagara: Lösung von der Anhänglichkeit an Familie und Besitz sowie eine Reihe von Merkmalen des schon im Leben Befreiten.
yudhiṣṭhira uvāca; kathaṃ nu muktaḥ pṛthivīṃ cared asmadvidho nṛpaḥ; nityaṃ kaiś ca guṇair yuktaḥ saṅgapāśād vimucyate
Yudhiṣṭhira sprach: „Wie mag ein befreiter Fürst wie wir die Erde durchwandern, und mit welchen Eigenschaften stets ausgestattet wird er aus der Fessel der Anhänglichkeit erlöst?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
kathaṃ nu muktaḥ
wie wohl, befreit (Nom.Sg.m.)
pṛthivīṃ caret
die Erde durchwandern möge (Akk.Sg. / Opt.3.Sg.)
asmadvidho nṛpaḥ
ein Fürst wie wir (Nom.Sg.)
nityaṃ kaiś ca guṇair yuktaḥ
stets, mit welchen Eigenschaften versehen (Instr.Pl.)
saṅgapāśād vimucyate
wird aus der Fessel der Anhänglichkeit erlöst (Abl.Sg. / Pass.3.Sg.)
sagara uvāca; kiṃ śreyaḥ paramaṃ brahman kṛtveha sukham aśnute; kathaṃ na śocen na kṣubhyed etad icchāmi veditum
Sagara sprach: „Was ist das höchste Gut, o Brahmane, nach dessen Tun man hier Glück erlangt und weder trauert noch aufgewühlt wird? Das möchte ich wissen.“
Wort für Wort
sagara uvāca
Sagara sprach (Perf.)
kiṃ śreyaḥ paramaṃ brahman
was ist das höchste Heil, o Brahmane (Vok.)
kṛtvā iha sukham aśnute
nachdem man es getan hat, erlangt man hier Glück (Abs. / 3.Sg.Präs.Med.)
bhīṣma uvāca; evam uktas tadā tārkṣyaḥ sarvaśāstraviśāradaḥ; vibudhya saṃpadaṃ cāgryāṃ sad vākyam idam abravīt
Bhīṣma sprach: So angesprochen, sagte damals Tārkṣya, in allen Lehrbüchern bewandert, nachdem er den [Sagara] als [im] höchsten Wohlstand [stehend] erkannt hatte, dieses treffende Wort.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
evam uktas tadā tārkṣyaḥ
so angesprochen, damals Tārkṣya (Nom.Sg.)
sarvaśāstraviśāradaḥ
in allen Lehrschriften bewandert (Bahuvrīhi)
vibudhya saṃpadaṃ cāgryām
nachdem er erkannt hatte, und den höchsten Wohlstand (Abs. / Akk.Sg.f.)
sad vākyam idam abravīt
dieses gute/treffende Wort sprach er (Impf.3.Sg.)
Zu vibudhya saṃpadaṃ cāgryām: Bezug unsicher (Erkennen der günstigen Lage des Sagara oder Erwachen zu höchstem Erfolg) [?].
sukhaṃ mokṣasukhaṃ loke na ca loko 'vagacchati; prasaktaḥ putrapaśuṣu dhanadhānyasamākulaḥ
[Tārkṣya sprach:] Das [wahre] Glück in der Welt ist das Glück der Befreiung, doch die Welt erkennt es nicht; sie hängt an Söhnen und Vieh und ist von Besitz und Getreide bedrängt.
Wort für Wort
sukhaṃ mokṣasukham
Glück ist das Glück der Befreiung (Nom.Sg.n.)
loke na ca loko 'vagacchati
in der Welt, und die Welt erkennt es nicht (Lok. / 3.Sg.Präs.)
prasaktaḥ putrapaśuṣu
hängend an Söhnen und Vieh (PPP Nom. / Lok.Pl.)
dhanadhānyasamākulaḥ
von Reichtum und Getreide bedrängt (Tatpuruṣa, Nom.Sg.m.)
saktabuddhir aśāntātmā na sa śakyaś cikitsitum; snehapāśasito mūḍho na sa mokṣāya kalpate
Wer mit anhaftendem Denken und unfriedlichem Wesen ist, den kann man nicht heilen; der Törichte, in die Fessel der Zuneigung gebunden, taugt nicht zur Befreiung.
Wort für Wort
saktabuddhir aśāntātmā
mit anhaftendem Verstand, unfriedlichen Wesens (Bahuvrīhi Nom.)
na sa śakyaś cikitsitum
jener ist nicht heilbar (Nom. / Inf.)
snehapāśasito mūḍhaḥ
in die Fessel der Zuneigung gebunden, der Törichte (PPP / Nom.Sg.)
na sa mokṣāya kalpate
der taugt nicht zur Befreiung (Dat. / 3.Sg.Präs.Med.)
Die aus Zuneigung entstehenden Fesseln hier will ich dir nennen; höre sie von mir. Mit ohrenbehaftetem Kopf [?] können sie vom Wissenden durchtrennt werden.
Wort für Wort
snehajān iha te pāśān
die aus Zuneigung geborenen Fesseln hier (Akk.Pl.m.)
vakṣyāmi śṛṇu tān mama
ich werde sagen; höre sie von mir (Fut.1.Sg. / Imp. / Gen.)
sakarṇakena śirasā
mit ohrenbehaftetem Kopf (Instr.Sg.n.)
śakyāś chettuṃ vijānatā
sind zu durchtrennen durch den Wissenden (Nom.Pl. / Inf. / Instr.Part.)
sakarṇakena śirasā wörtlich „mit einem Kopf samt Ohren“; Sinn wohl „mit wachem, aufmerksamem Kopf“ oder „mit dem Kopf, an dem die Ohren sitzen“ (Wortspiel mit Fesseln/Ohrringen?); unsicher.
Nachdem du zur rechten Zeit die Söhne [als solche] geehrt/anerkannt und, wenn sie im Jugendalter stehen, [im Leben] eingesetzt hast und sie als zum Lebensunterhalt fähig erkannt hast, wandere befreit nach Belieben.
Wort für Wort
saṃbhāvya putrān kālena
nachdem du die Söhne anerkannt hast, zur [rechten] Zeit (Abs. / Akk.Pl. / Instr.)
yauvanasthān niveśya ca
im Jugendalter stehend, und eingesetzt/verheiratet (Akk.Pl. / Abs.)
samarthāñ jīvane jñātvā
als fähig zum Leben(sunterhalt) erkannt (Akk.Pl. / Lok. / Abs.)
Wisse die Gattin, die Söhne hat, gealtert, verwöhnt und ihre Söhne liebend, und verlasse [sie] zur rechten Zeit, indem du auch auf das Wohl anderer schaust.
Wort für Wort
bhāryāṃ putravatīṃ vṛddhām
die Gattin, mit Söhnen, betagt (Akk.Sg.f.)
lālitāṃ putravatsalām
verwöhnt, ihre Söhne liebend (Akk.Sg.f.)
jñātvā prajahi kāle tvam
nachdem du es erkannt hast, gib auf, zur [rechten] Zeit du (Abs. / Imp.2.Sg.)
parārtham anudṛśya ca
und das Anliegen anderer [Höheres/Anderes] betrachtend (Akk. / Abs.)
parārtham: „das höchste Ziel“ oder „das Wohl anderer“ möglich; hier die zweite Lesart.
svayaṃ mṛtpiṇḍabhūtasya paratantrasya sarvadā; ko hetuḥ svajanaṃ poṣṭuṃ rakṣituṃ vādṛḍhātmanaḥ
Was ist der Grund, dass du, der du selbst ein Erdklumpen bist, stets von anderem abhängig, deine Angehörigen nähren oder beschützen sollst, wo du selbst nicht fest im Wesen bist?
Wort für Wort
svayaṃ mṛtpiṇḍabhūtasya
dessen, der selbst zum Erdklumpen geworden ist (Gen.Sg.)
paratantrasya sarvadā
der von anderem abhängig ist, stets (Gen.Sg.)
ko hetuḥ
was ist der Grund (Nom.Sg.)
svajanaṃ poṣṭuṃ rakṣituṃ vā
die Angehörigen zu nähren oder zu beschützen (Akk. / Inf.)
yadā mṛtaś ca svajanaṃ na jñāsyasi kathaṃ cana; sukhitaṃ duḥkhitaṃ vāpi nanu boddhavyam ātmanā
Und wenn du gestorben bist, wirst du deine Angehörigen keineswegs erkennen, ob sie glücklich oder unglücklich sind; ist das nicht durch das Selbst zu erkennen?
Wort für Wort
yadā mṛtaś ca svajanam
und wenn du gestorben bist, die Angehörigen (PPP Nom. / Akk.)
na jñāsyasi kathaṃ cana
wirst du keineswegs erkennen (Fut.2.Sg.)
sukhitaṃ duḥkhitaṃ vā api
glücklich oder unglücklich (Akk.Sg.m.)
nanu boddhavyam ātmanā
ist es nicht durch das Selbst zu erkennen (Gerundiv / Instr.)
Wessen Zustände wie Hunger und Durst hier als Verkörperter bezwungen sind, ebenso Zorn, Gier und Verblendung, der Wesenhafte [Gute] ist wahrhaft befreit.
Wort für Wort
kṣutpipāsādayo bhāvāḥ
Zustände wie Hunger und Durst (Nom.Pl.)
jitā yasya iha dehinaḥ
besiegt sind bei dem, hier, Verkörperten (PPP / Gen.)
Wer Tag für Tag, Nacht für Nacht, immer wieder, verdrossen ist [bei dem Gedanken] „es muss gegessen werden“, der wird „einer, der den Makel erkennt“ genannt.
Wort für Wort
divase divase nāma
Tag für Tag, wahrlich (Lok. / Partikel)
rātrau rātrau sadā sadā
Nacht für Nacht, immer wieder (Lok. / Adv.)
bhoktavyam iti yaḥ khinnaḥ
„es ist zu essen“, so wer verdrossen ist (Gerundiv / PPP)
doṣabuddhiḥ sa ucyate
mit Einsicht in den Makel wird der genannt (Nom. / 3.Sg.Pass.)
Deutung von doṣabuddhi (Erkenner des Makels an der Nahrungsnotwendigkeit) unsicher [?].
Wer sieht, dass unter Tausenden von Wagenladungen [nur] ein Prastha [Getreide], für Reisezwecke unter Millionen [nur wenig], und im Palast [nur] der Platz eines Bettes [nötig ist], der wird befreit.
Wort für Wort
prasthaṃ vāhasahasreṣu
ein Prastha [Maß] unter Tausenden Wagenladungen (Akk. / Lok.Pl.)
yātrārthaṃ caiva koṭiṣu
und für den Lebensunterhalt/die Reise unter Millionen (Akk. / Lok.Pl.)
prāsāde mañcakasthānam
im Palast den Platz eines Bettchens (Lok. / Akk.)
yaḥ paśyati sa mucyate
wer sieht, der wird befreit (3.Sg. / Pass.3.Sg.)
Elliptischer Vers; Ergänzungen in [ ] sinngemäß [?].
yaḥ paśyati sukhī tuṣṭo napaśyaṃś ca vihanyate; yaś cāpy alpena saṃtuṣṭo loke 'smin mukta eva saḥ
Wer [nur sehend] glücklich und zufrieden ist und, wenn er nicht sieht, niedergeschlagen wird, [der ist nicht frei]; und wer mit wenig zufrieden ist in dieser Welt, der ist wahrhaft befreit.
Wort für Wort
yaḥ paśyati sukhī tuṣṭaḥ
wer sieht, glücklich, zufrieden (Nom.)
na paśyaṃś ca vihanyate
und nicht sehend wird niedergeschlagen (Part. / Pass.3.Sg.)
yaś ca api alpena saṃtuṣṭaḥ
und wer auch mit wenig zufrieden ist (Instr. / PPP)
loke 'smin mukta eva saḥ
in dieser Welt, der ist wahrhaft befreit (Lok.)
Erster Halbvers dunkel; Sinn (Abhängigkeit vom Sehen bzw. von Wahrnehmung/Besitz) unsicher [?].
sukhaduḥkhe same yasya lābhālābhau jayājayau; icchādveṣau bhayodvegau sarvathā mukta eva saḥ
Wem Glück und Leid gleich sind, Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage, Wunsch und Abneigung, Furcht und Aufregung, der ist in jeder Hinsicht befreit.
Wort für Wort
sukhaduḥkhe same yasya
Glück und Leid sind gleich bei wem (Nom.Du. / Gen.)
lābhālābhau jayājayau
Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage (Nom.Du.)
icchādveṣau bhayodvegau
Wunsch und Abneigung, Furcht und Aufregung (Nom.Du.)
arthāṃś ca durlabhāṃl loke kleśāṃś ca sulabhāṃs tathā; duḥkhaṃ caiva kuṭumbārthe yaḥ paśyati sa mucyate
Wer sieht, dass Güter in der Welt schwer zu erlangen sind, Mühsale dagegen leicht zu erlangen, und [dass es] Leid um der Familie willen [gibt], der wird befreit.
tat tasya vacanaṃ śrutvā samyak sa pṛthivīpatiḥ; mokṣajaiś ca guṇair yuktaḥ pālayām āsa ca prajāḥ
Als er dessen Worte richtig gehört hatte, herrschte jener Erdenherr, mit den aus der Befreiung geborenen Eigenschaften ausgestattet, über die Untertanen.
Wort für Wort
tat tasya vacanaṃ śrutvā
dessen Worte, nachdem er sie gehört hatte (Akk. / Gen. / Abs.)
samyak sa pṛthivīpatiḥ
richtig, jener Erdenherr (Adv. / Nom.Sg.)
mokṣajaiś ca guṇair yuktaḥ
und mit aus der Befreiung geborenen Eigenschaften versehen (Instr.Pl. / PPP)
pālayām āsa ca prajāḥ
und beschützte die Untertanen (Perf.-Umschreibung / Akk.Pl.)