Kapitel 180: jīvasvarūpanirūpaṇam
Bhṛgu belehrt Bharadvāja über Wesen und Fortbestand des Jīva
Bharadvāja bezweifelt, dass es neben den fünf Elementen einen eigenen Jīva gibt; Bhṛgu antwortet mit dem Bild des Feuers, das nach dem Brennstoff unsichtbar wird, und lehrt den inneren Ātman als Wahrnehmenden und Kṣetrajña. Das Kapitel schließt mit dem Weg der Yoga-Schau des Ātman.
bhṛgur uvāca; na praṇāśo 'sti jīvānāṃ dattasya ca kṛtasya ca; yāti dehāntaraṃ prāṇī śarīraṃ tu viśīryate
Bhṛgu sprach: Kein Untergang besteht für die Lebewesen, weder für das Gegebene noch für das Getane; das beseelte Wesen geht in einen anderen Körper, der Körper aber zerfällt.
Wort für Wort
bhṛgur uvāca
Bhṛgu sprach (Perf.)
na praṇāśo 'sti jīvānām
nicht ist Untergang für die Lebewesen (Nom.Sg. / Gen.Pl.)
dattasya ca kṛtasya ca
und des Gegebenen und des Getanen (Gen.Sg.n., Part.Pass.)
yāti dehāntaraṃ prāṇī
geht in einen anderen Körper das beseelte Wesen (3.Sg.Präs. / Akk. / Nom.)
na śarīrāśrito jīvas tasmin naṣṭe praṇaśyati; yathā samitsu dagdhāsu na praṇaśyati pāvakaḥ
Nicht an den Körper gebunden ist der Jīva; ist dieser zerstört, geht er nicht unter, so wie das Feuer nicht untergeht, wenn die Brennhölzer verbrannt sind.
Wort für Wort
na śarīrāśrito jīvaḥ
nicht auf den Körper gestützt [ist] der Jīva (Tatpuruṣa, Nom.Sg.)
tasmin naṣṭe praṇaśyati
wenn jener zerstört ist, geht er unter (Lok.abs. / 3.Sg.Präs.)
yathā samitsu dagdhāsu
wie wenn die Brennhölzer verbrannt sind (Lok.abs.Pl.)
bharadvāja uvāca; agner yathā tathā tasya yadi nāśo na vidyate; indhanasyopayogānte sa cāgnir nopalabhyate
Bharadvāja sprach: Wenn, wie beim Feuer, so auch bei ihm kein Untergang besteht, [so ist doch zu sagen:] Nach dem Ende des Gebrauchs des Brennstoffs wird jenes Feuer nicht mehr wahrgenommen.
Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach (Perf.)
agner yathā tathā tasya
wie beim Feuer, so bei ihm (Gen.Sg.)
yadi nāśo na vidyate
wenn Untergang nicht besteht (Nom. / 3.Sg.Pass.)
indhanasyopayogānte
am Ende des Gebrauchs des Brennstoffs (Gen. / Lok.Sg.)
sa cāgnir nopalabhyate
und jenes Feuer wird nicht wahrgenommen (Nom. / 3.Sg.Pass.)
Der Satz ist elliptisch; die Ergänzung ist unsicher [?].
samidhām upayogānte sann evāgnir na dṛśyate; ākāśānugatatvād dhi durgrahaḥ sa nirāśrayaḥ
Nach dem Ende des Gebrauchs der Brennhölzer wird das Feuer, obwohl es vorhanden ist, nicht gesehen; denn dem Äther folgend ist es schwer zu fassen und ohne Stütze.
Wort für Wort
samidhām upayogānte
am Ende des Gebrauchs der Brennhölzer (Gen.Pl. / Lok.)
sann evāgnir na dṛśyate
obwohl seiend, wird das Feuer nicht gesehen (Part.Präs. / Nom. / Pass.)
tathā śarīrasaṃtyāge jīvo hy ākāśavat sthitaḥ; na gṛhyate susūkṣmatvād yathā jyotir na saṃśayaḥ
So steht beim Verlassen des Körpers der Jīva wie der Äther da; wegen seiner großen Feinheit wird er nicht ergriffen, wie das Licht; daran ist kein Zweifel.
Wort für Wort
tathā śarīrasaṃtyāge
so beim Verlassen des Körpers (Lok.Sg.)
jīvo hy ākāśavat sthitaḥ
der Jīva ist ja wie der Äther verharrend (Nom. / Part.Pass.)
na gṛhyate susūkṣmatvāt
wird nicht ergriffen wegen großer Feinheit (3.Sg.Pass. / Abl.)
prāṇān dhārayate hy agniḥ sa jīva upadhāryatām; vāyusaṃdhāraṇo hy agnir naśyaty ucchvāsanigrahāt
Denn das Feuer erhält die Lebenshauche; dieses möge als der Jīva aufgefasst werden. Das vom Wind gehaltene Feuer erlischt durch das Anhalten des Atems.
Wort für Wort
prāṇān dhārayate hy agniḥ
die Lebenshauche hält das Feuer (Akk.Pl. / 3.Sg.Präs.Med.)
sa jīva upadhāryatām
dieses sei als Jīva aufgefasst (3.Sg.Imp.Pass.)
vāyusaṃdhāraṇo hy agniḥ
das vom Wind erhaltene Feuer (Nom.Sg., Bahuvrīhi)
naśyaty ucchvāsanigrahāt
geht unter durch das Anhalten des Ausatmens (3.Sg.Präs. / Abl.)
jaṅgamānāṃ hi sarveṣāṃ sthāvarāṇāṃ tathaiva ca; ākāśaṃ pavano 'bhyeti jyotis tam anugacchati; tatra trayāṇām ekatvaṃ dvayaṃ bhūmau pratiṣṭhitam
Bei allen Beweglichen und ebenso bei den Unbeweglichen geht der Wind zum Äther hin, das Licht folgt ihm; dort besteht Einheit der drei, das Paar aber ist in der Erde gegründet.
Wort für Wort
jaṅgamānāṃ hi sarveṣāṃ
bei allen Beweglichen (Gen.Pl.)
sthāvarāṇāṃ tathaiva ca
und ebenso bei den Unbeweglichen (Gen.Pl.)
ākāśaṃ pavano 'bhyeti
zum Äther geht der Wind (Akk. / Nom. / 3.Sg.Präs.)
jyotis tam anugacchati
das Licht folgt ihm (Nom. / Akk. / 3.Sg.Präs.)
tatra trayāṇām ekatvam
dort ist der drei Einheit (Gen.Pl. / Nom.Sg.n.)
dvayaṃ bhūmau pratiṣṭhitam
das Paar ist in der Erde gegründet (Nom. / Lok. / Part.Pass.)
„Paar“ (dvayam) meint vermutlich Wasser und Erde [?].
yatra khaṃ tatra pavanas tatrāgnir yatra mārutaḥ; amūrtayas te vijñeyā āpo mūrtās tathā kṣitiḥ
Wo der Raum ist, dort ist der Wind; wo der Wind ist, dort das Feuer. Diese sind als gestaltlos zu erkennen; das Wasser aber und ebenso die Erde sind gestaltet.
Wort für Wort
yatra khaṃ tatra pavanaḥ
wo Raum, dort Wind (Nom.Sg.)
tatrāgnir yatra mārutaḥ
dort Feuer, wo Wind (Nom.Sg.)
amūrtayas te vijñeyāḥ
gestaltlos sind diese zu erkennen (Nom.Pl. / Gerundiv)
āpo mūrtās tathā kṣitiḥ
Wasser [ist] gestaltet, ebenso die Erde (Nom.Pl.f. / Nom.Sg.f.)
bharadvāja uvāca; yady agnimārutau bhūmiḥ kham āpaś ca śarīriṣu; jīvaḥ kiṃlakṣaṇas tatrety etad ācakṣva me 'nagha
Bharadvāja sprach: Wenn in den Körperwesen Feuer, Wind, Erde, Raum und Wasser sind, welches Kennzeichen hat dann der Jīva? Das sage mir, du Makelloser.
Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach (Perf.)
yady agnimārutau bhūmiḥ
wenn Feuer und Wind, Erde (Dvandva Du. / Nom.)
kham āpaś ca śarīriṣu
Raum und Wasser in den Körperwesen (Nom. / Lok.Pl.)
jīvaḥ kiṃlakṣaṇas tatra
der Jīva, welches Kennzeichen habend, dabei (Nom.Sg.)
ity etad ācakṣva me 'nagha
so dies sage mir, Makelloser (Imp.Med. / Dat. / Vok.)
Im aus fünf [Stoffen] bestehenden, fünf Freuden habenden, mit fünf Erkenntnissen verbundenen Körper der Lebewesen möchte ich den Jīva erkennen, wie er beschaffen ist.
Wort für Wort
pañcātmake pañcaratau
im fünffach beschaffenen, fünf Freuden habenden (Lok.Sg.)
pañcavijñānasaṃyute
mit fünf Erkenntnissen verbunden (Lok.Sg.)
śarīre prāṇināṃ jīvam
im Körper der Lebewesen den Jīva (Lok. / Gen.Pl. / Akk.)
jñātum icchāmi yādṛśam
erkennen will ich, wie beschaffen er ist (Inf. / 1.Sg.Präs. / Akk.)
„fünf Freuden“ (pañcaratau) ist unsicher, vermutlich die fünf Sinnesobjekte [?].
māṃsaśoṇitasaṃghāte medaḥsnāyvasthisaṃcaye; bhidyamāne śarīre tu jīvo naivopalabhyate
Bei der Ansammlung von Fleisch und Blut, der Anhäufung von Fett, Sehnen und Knochen: Wird der Körper zerteilt, so wird der Jīva keineswegs wahrgenommen.
Wort für Wort
māṃsaśoṇitasaṃghāte
bei der Ansammlung von Fleisch und Blut (Lok.Sg.)
medaḥsnāyvasthisaṃcaye
bei der Anhäufung von Fett, Sehnen, Knochen (Lok.Sg.)
bhidyamāne śarīre tu
wenn aber der Körper zerteilt wird (Lok.abs., Part.Pass.)
jīvo naivopalabhyate
der Jīva wird keineswegs wahrgenommen (Nom. / 3.Sg.Pass.)
na paśyati na ca brūte na śṛṇoti na jighrati; na ca sparśarasau vetti nidrāvaśagataḥ punaḥ
Er sieht nicht, spricht nicht, hört nicht, riecht nicht; Berührung und Geschmack nimmt er nicht wahr, wenn er wiederum unter die Gewalt des Schlafes geraten ist.
Wort für Wort
na paśyati na ca brūte
er sieht nicht und spricht nicht (3.Sg.Präs.)
na śṛṇoti na jighrati
hört nicht, riecht nicht (3.Sg.Präs.)
na ca sparśarasau vetti
und Berührung und Geschmack kennt er nicht (Dvandva Akk.Du. / 3.Sg.Präs.)
nidrāvaśagataḥ punaḥ
wiederum in die Gewalt des Schlafes geraten (Part.Perf., Nom.Sg.)
bhṛgur uvāca; na pañcasādhāraṇam atra kiṃ cic; charīram eko vahate 'ntarātmā; sa vetti gandhāṃś ca rasāñ śrutiṃ ca; sparśaṃ ca rūpaṃ ca guṇāś ca ye 'nye
Bhṛgu sprach: Nichts hier ist den fünf [Elementen] gemeinsam; den Körper trägt der eine innere Ātman. Er erkennt Gerüche und Geschmäcke, das Gehör, Berührung und Gestalt und die anderen Eigenschaften.
Wort für Wort
bhṛgur uvāca
Bhṛgu sprach (Perf.)
na pañcasādhāraṇam atra kiṃ cit
nichts hier ist den fünf gemeinsam (Nom.Sg.n.)
śarīram eko vahate 'ntarātmā
den Körper trägt der eine innere Ātman (Akk. / Nom. / 3.Sg.Präs.Med.)
sa vetti gandhāṃś ca rasāñ śrutiṃ ca
er erkennt Gerüche, Geschmäcke und das Gehör (3.Sg.Präs. / Akk.Pl. / Akk.Sg.f.)
sparśaṃ ca rūpaṃ ca
Berührung und Gestalt (Akk.Sg.)
guṇāś ca ye 'nye
und die Eigenschaften, die anderen (Akk.Pl. / Rel.)
Die Wendung na pañcasādhāraṇam ist knapp; Wiedergabe unsicher [?].
pañcātmake pañcaguṇapradarśī; sa sarvagātrānugato 'ntarātmā; sa vetti duḥkhāni sukhāni cātra; tadviprayogāt tu na vetti dehaḥ
Im aus fünf [Stoffen] bestehenden [Körper] die fünf Eigenschaften überschauend, durchdringt der innere Ātman alle Glieder; er kennt hier Leiden und Freuden; von ihm getrennt, erkennt der Körper nichts.
Wort für Wort
pañcātmake pañcaguṇapradarśī
im fünffachen [Körper] die fünf Eigenschaften zeigend/erblickend (Lok. / Nom.Sg.)
sa sarvagātrānugato 'ntarātmā
er, alle Glieder durchdringend, der innere Ātman (Nom.Sg.)
sa vetti duḥkhāni sukhāni cātra
er erkennt Leiden und Freuden hier (3.Sg.Präs. / Akk.Pl.n.)
tadviprayogāt tu na vetti dehaḥ
durch Trennung von ihm aber erkennt der Körper nicht (Abl. / Nom.)
Aus Wasser bestehend ist dies alles; Wasser ist die Gestalt der Körperträger. Darin ist der Ātman, aus Geist bestehend, Brahmā, in allen Wesen der Weltenschöpfer.
Wort für Wort
ammayaṃ sarvam evedam
aus Wasser bestehend ist dies alles (Nom.Sg.n.)
āpo mūrtiḥ śarīriṇām
Wasser ist die Gestalt der Körperträger (Nom.Pl. / Nom.Sg.f. / Gen.Pl.)
kṣetrajñaṃ taṃ vijānīhi nityaṃ lokahitātmakam; tamo rajaś ca sattvaṃ ca viddhi jīvaguṇān imān
Erkenne ihn als den Kṣetrajña, den ewigen, dessen Wesen das Wohl der Welt ist. Finsternis, Leidenschaft und Klarheit: wisse, dies sind die Eigenschaften des Jīva.
Wort für Wort
kṣetrajñaṃ taṃ vijānīhi
als Kṣetrajña erkenne ihn (Akk. / Imp.)
nityaṃ lokahitātmakam
den ewigen, dessen Wesen das Wohl der Welt ist (Akk.Sg.)
tamo rajaś ca sattvaṃ ca
Finsternis, Leidenschaft und Klarheit (Nom.Sg.n.)
viddhi jīvaguṇān imān
wisse: dies sind die Eigenschaften des Jīva (Imp. / Akk.Pl.)
Den Jīva möge man als Eigenschaft des Ātman erkennen, den Ātman als [zugehörig] zum Paramātman.
Wort für Wort
jīvam ātmaguṇaṃ vindyāt
den Jīva als Eigenschaft des Ātman möge man erkennen (Akk. / Opt.)
ātmānaṃ paramātmanaḥ
den Ātman [als] des Paramātman (Akk. / Gen.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der zweite Pāda ist knapp und die Beziehung ātmānaṃ paramātmanaḥ unsicher [?].
sacetanaṃ jīvaguṇaṃ vadanti; sa ceṣṭate ceṣṭayate ca sarvam; tataḥ paraṃ kṣetravidaṃ vadanti; prāvartayad yo bhuvanāni sapta
Als beseelt bezeichnen sie die Eigenschaft des Jīva; er regt sich und setzt alles in Bewegung. Darüber hinaus nennen sie den Kṣetravid, der die sieben Welten in Gang gesetzt hat.
Wort für Wort
sacetanaṃ jīvaguṇaṃ vadanti
beseelt nennen sie die Jīva-Eigenschaft (Akk.Sg.n. / 3.Pl.Präs.)
sa ceṣṭate ceṣṭayate ca sarvam
er regt sich und setzt in Bewegung alles (3.Sg.Präs.Med. / Kaus.)
tataḥ paraṃ kṣetravidaṃ vadanti
darüber hinaus den Kṣetravid nennen sie (Adv. / Akk. / 3.Pl.)
prāvartayad yo bhuvanāni sapta
der in Gang setzte die sieben Welten (Impf.Kaus. / Rel. / Akk.Pl.)
na jīvanāśo 'sti hi dehabhede; mithyaitad āhur mṛta ity abuddhāḥ; jīvas tu dehāntaritaḥ prayāti; daśārdhataivāsya śarīrabhedaḥ
Kein Untergang des Jīva besteht bei der Auflösung des Körpers; falsch ist, was die Unverständigen sagen: „Er ist gestorben.“ Der Jīva aber geht, in einen anderen Körper übergegangen, weiter; für ihn ist der Körperzerfall nur ein Fünf[-Werden].
Wort für Wort
na jīvanāśo 'sti hi dehabhede
kein Untergang des Jīva besteht bei der Auflösung des Körpers (Nom. / Lok.Sg.)
mithyaitad āhur mṛta ity abuddhāḥ
falsch ist dies, was sie sagen, „gestorben“, die Unverständigen (Adv. / 3.Pl.Perf. / Nom.Pl.)
jīvas tu dehāntaritaḥ prayāti
der Jīva aber geht, in einen anderen Körper übergetreten, fort (Nom. / Part.Pass. / 3.Sg.Präs.)
daśārdhataivāsya śarīrabhedaḥ
nur Fünfheit ist dessen Körperzerfall (Nom.Sg.f. / Gen. / Nom.)
daśārdhatā (wörtlich „Halbzehn-heit“, d. h. Fünfheit) ist unsicher: vermutlich Auflösung in die fünf Elemente [?].
Durch die Klarheit des Denkens, indem er gutes und schlechtes Werk hinter sich lässt, im Selbst ruhend, mit geklärtem Selbst, erlangt er unvergängliches Glück.
Wort für Wort
cittasya hi prasādena
durch die Klärung des Denkens (Gen. / Instr.Sg.)
hitvā karma śubhāśubham
lassend Werk, gutes und schlechtes (Abs. / Akk.Sg.n.)
prasannātmātmani sthitvā
mit geklärtem Selbst im Selbst stehend (Nom. / Lok. / Abs.)
sukham akṣayam aśnute
Glück, unvergängliches, erlangt er (Akk. / 3.Sg.Präs.Med.)