Kapitel 259: daṇḍanītisaṃvāda
Dyumatsena und Satyavān über Todesstrafe und Milde des Königs
Bhīṣma erzählt Yudhiṣṭhira das Gespräch des Dyumatsena mit seinem Sohn Satyavān darüber, ob ein König Räuber töten darf oder nur milde Strafen verhängen soll. Der Text ist an mehreren Stellen elliptisch und schwer verständlich.
yudhiṣṭhira uvāca; kathaṃ rājā prajā rakṣen na ca kiṃ cit pratāpayet; pṛcchāmi tvāṃ satāṃ śreṣṭha tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Wie soll ein König die Untertanen schützen und dabei doch niemanden irgendwie peinigen? Ich frage dich, Bester der Guten; das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
kathaṃ rājā prajā rakṣet
wie soll ein König die Untertanen schützen (Opt.)
na ca kiṃ cit pratāpayet
und dabei nichts/niemanden peinigen (Opt.)
pṛcchāmi tvāṃ satāṃ śreṣṭha
ich frage dich, Bester der Guten (1.Sg.Präs./Vok.)
dyumatsena uvāca; atha ced avadho dharmo dharmaḥ ko jātu cid bhavet; dasyavaś cen na hanyeran satyavan saṃkaro bhavet
Dyumatsena sprach: „Wenn aber Nichttöten Dharma ist, was könnte dann überhaupt Dharma sein? Wenn Räuber nicht getötet würden, Satyavān, entstünde Vermischung [der Ordnung].“
Wort für Wort
dyumatsena uvāca
Dyumatsena sprach
atha ced avadho dharmaḥ
wenn aber Nichttöten Dharma [ist]
dharmaḥ ko jātu cid bhavet
was könnte je Dharma sein (Opt.)
dasyavaś cen na hanyeran
wenn Räuber nicht getötet würden (Nom.Pl./Opt.Pass.)
„‚Dies [ist] mein‘ – dieses [Eigentumsdenken] würde im Kali-Zeitalter nicht mehr bestehen, und es gäbe keinen Weltlauf mehr. Wenn du es aber weißt, sag es uns.“
Wort für Wort
mamedam iti na asya etat pravarteta
‚dies ist mein‘ – das würde nicht in Gang kommen/bestehen (Opt.Med.)
kalau yuge
im Kali-Zeitalter (Lok.)
lokayātrā na caiva syāt
und der Weltlauf würde nicht sein (Opt.)
atha ced vettha śaṃsa naḥ
wenn du [es] aber weißt, sag uns (2.Sg.Präs./Imp.)
Satyavān sprach: „Alle drei Stände sind an die Brahmanen zu binden; von denen, die durch die Fessel des Dharma gebunden sind, wird nur wenig gefrevelt werden.“
Wort für Wort
satyavān uvāca
Satyavān sprach
sarva eva trayo varṇāḥ
alle drei Stände (Nom.Pl.)
kāryā brāhmaṇabandhanāḥ
sind an Brahmanen gebunden zu machen (Gerundiv/Bahuvrīhi)
dharmapāśanibaddhānām
von den durch die Dharma-Schlinge Gebundenen (Gen.Pl.)
„Was die Lehre nach unverfälschter Wahrheit [vorschreibt], das ist zu tun, nicht Tötung auf andere Weise; [nicht] ohne die Taten geprüft zu haben, sondern die Staatskunde nach Vorschrift [anzuwenden].“
Wort für Wort
tattvābhedena yac chāstraṃ
was die Lehre gemäß unverfälschter Wahrheit [sagt] (Instr.)
tat kāryaṃ nānyathā vadhaḥ
das ist zu tun, nicht anders [ist] Tötung (Gerundiv/Adv.)
asamīkṣyaiva karmāṇi
ohne die Taten geprüft zu haben (Abs.)
nītiśāstraṃ yathāvidhi
die Staatskunde nach Vorschrift (Nom./Akk./Adv.)
Elliptisch und vermutlich verderbt; Ergänzungen unsicher [?].
„Der König verletzt Räuber und dabei oft noch mehr Schuldlose: Gattin, Mutter, Vater und Sohn werden getötet, wenn der Mann getötet wird. Wenn ein anderer das Vergehen begangen hat, soll der König daher gründlich erwägen.“
Wort für Wort
dasyūn hinasti vai rājā
der König verletzt Räuber (Akk.Pl./3.Sg.Präs.)
bhūyaso vāpy anāgasaḥ
oder auch mehr Schuldlose (Akk.Pl.)
bhāryā mātā pitā putro hanyate
Gattin, Mutter, Vater, Sohn werden getötet (Pass.)
puruṣe hate
wenn der Mann getötet ist (Lok.abs.)
pareṇāpakṛte rājā
wenn von einem anderen Unrecht getan wurde, der König (Instr./Part.)
„dann verdienen sie Freilassung – so lautet das Königsgebot; ein Brahmane, der Stab und Antilopenfell trägt und kahlgeschoren ist, verdient ein Gewand.“
Wort für Wort
tadā visargam arhāḥ syuḥ
dann verdienen sie Freilassung (Nom.Pl./Opt.)
itīdaṃ nṛpaśāsanam
so [lautet] diese Königsvorschrift
bibhrad daṇḍājinaṃ muṇḍo
Stab und Fell tragend, kahlgeschoren (Part.Nom.)
brāhmaṇo 'rhati vāsasam
ein Brahmane verdient ein Gewand (3.Sg.Präs./Akk.)
Der Halbvers über das Gewand ist kontextlos; vermutlich Büßerkleidung als Zeichen der Sühne [?].
dyumatsena uvāca; yatra yatraiva śakyeran saṃyantuṃ samaye prajāḥ; sa tāvat procyate dharmo yāvan na pratilaṅghyate
Dyumatsena sprach: „Wo immer die Untertanen durch Übereinkunft gezügelt werden können, das wird so lange Dharma genannt, wie es nicht übertreten wird.“
Wort für Wort
dyumatsena uvāca
Dyumatsena sprach
yatra yatraiva śakyeran
wo immer sie können (Opt.Pass.)
saṃyantuṃ samaye prajāḥ
zu zügeln durch Übereinkunft, die Untertanen (Inf./Loc./Nom.Pl.)
naiva dasyur manuṣyāṇāṃ na devānām iti śrutiḥ; na gandharvapitṝṇāṃ ca kaḥ kasyeha na kaś cana
„Weder für Menschen gibt es [nur] einen Räuber noch für Götter, so die Überlieferung, noch für Gandharven und Ahnen; wer [ist] hier wessen [Räuber]? Niemand [ist es allein].“
Wort für Wort
naiva dasyur manuṣyāṇāṃ
nicht [gibt es] einen Räuber der Menschen (Nom./Gen.Pl.)
na devānām iti śrutiḥ
nicht der Götter, so die Überlieferung
na gandharvapitṝṇāṃ ca
und nicht der Gandharven und Ahnen (Gen.Pl.)
kaḥ kasyeha na kaś cana
wer [ist] hier wessen? niemand [ganz] (Nom./Gen.)
Sinn unsicher: vermutlich, dass jeder Wesenstyp einander bedrängt und kein Räuber absolut Räuber ist [?].
„Er nimmt die Lotosblume vom Leichenfeld und vom Piśāca das Göttliche [?]; wer mit diesen Unwissenden, deren Verstand zerstört ist, eine Vereinbarung treffen wollte –“
Wort für Wort
padmaṃ śmaśānād ādatte
die Lotosblume nimmt er vom Leichenfeld (Abl./3.Sg.Präs.Med.)
piśācāc cāpi daivatam
und auch vom Piśāca das Göttliche/die Gottheit (Abl./Akk.)
teṣu yaḥ samayaṃ kuryād
wer bei diesen eine Vereinbarung träfe (Lok./Opt.)
ajñeṣu hatabuddhiṣu
bei Unwissenden mit zerstörtem Verstand (Lok.Pl.)
Der Satz bricht ab; die erste Vershälfte ist dunkel (Bild für Gewinn aus Unreinem) [?].
satyavān uvāca; tān na śaknoṣi cet sādhūn paritrātum ahiṃsayā; kasya cid bhūtabhavyasya lābhenāntaṃ tathā kuru
Satyavān sprach: „Wenn du diese Guten nicht durch Gewaltlosigkeit zu schützen vermagst, dann setze dem durch den Gewinn irgendeines Vergangenen und Künftigen ein Ende.“
Wort für Wort
satyavān uvāca
Satyavān sprach
tān na śaknoṣi cet sādhūn
wenn du jene Guten nicht kannst (Akk.Pl./2.Sg.Präs.)
„[Die Könige,] die [andere] in Schrecken versetzen, töten als Rechtschaffene nicht aus Begierde Übeltäter; gerade durch gute Tat beherrschen Könige meist die Untertanen.“
Wort für Wort
vitrāsyamānāḥ sukṛto
in Schrecken versetzend/versetzt, Rechtschaffene (Part./Nom.)
na kāmād ghnanti duṣkṛtīn
nicht aus Begierde töten sie Übeltäter (Abl./3.Pl.Präs.)
sukṛtenaiva rājāno
gerade durch gute Tat die Könige (Instr./Nom.Pl.)
bhūyiṣṭhaṃ śāsate prajāḥ
meistens beherrschen sie die Untertanen (Adv./3.Pl.Präs.Med.)
Erste Vershälfte grammatisch unsicher (vitrāsyamānāḥ, sukṛtaḥ) [?].
ātmānam asamādhāya samādhitsati yaḥ parān; viṣayeṣv indriyavaśaṃ mānavāḥ prahasanti tam
„Wer, sich selbst nicht gesammelt, andere sammeln will, den verlachen die Menschen, [wenn er] in den Sinnesobjekten der Gewalt der Sinne verfallen [ist].“
Wort für Wort
ātmānam asamādhāya
sich selbst nicht gesammelt habend (Abs.)
samādhitsati yaḥ parān
wer andere sammeln/beruhigen will (Desid.)
viṣayeṣv indriyavaśaṃ
in den Sinnesobjekten der Sinnesgewalt unterworfen (Lok.Pl./Akk.)
yatra vai pāpakṛt kleśyo na mahad duḥkham archati; vardhante tatra pāpāni dharmo hrasati ca dhruvam; iti kāruṇyaśīlas tu vidvān vai brāhmaṇo 'nvaśāt
„Wo ein Übeltäter, der zu quälen wäre, kein großes Leid erfährt, dort wachsen die Sünden, und der Dharma schwindet gewiss. So hat ein weiser Brahmane von mitleidsvoller Art gelehrt.“
Wort für Wort
yatra vai pāpakṛt kleśyo
wo ein Übeltäter, zu quälen (Nom./Gerundiv)
na mahad duḥkham archati
kein großes Leid erfährt (3.Sg.Präs.)
vardhante tatra pāpāni
dort wachsen die Sünden (3.Pl.Präs.Med.)
dharmo hrasati ca dhruvam
und der Dharma schwindet gewiss (3.Sg.Präs.)
iti kāruṇyaśīlas tu vidvān
so [lehrte] einer von mitleidsvoller Art, gelehrt (Nom.)
„So wurde ich auch von den früheren [Königen], mein Lieber, den Großvätern unterwiesen, die [mich] sehr beruhigten und ebenso aus Mitgefühl [handelten].“
Wort für Wort
iti caivānuśiṣṭo 'smi
und so bin ich unterwiesen worden (Part./1.Sg.Präs.)
pūrvais tāta pitāmahaiḥ
von den früheren, Lieber, [und] Großvätern (Instr.Pl./Vok.)
etat prathamakalpena rājā kṛtayuge 'bhajat; pādonenāpi dharmeṇa gacchet tretāyuge tathā; dvāpare tu dvipādena pādena tv apare yuge
„Dieses [Vorgehen] nach dem ersten Verfahren übte der König im Kṛta-Zeitalter aus; im Tretā-Zeitalter möge er mit einem um ein Viertel verminderten Dharma verfahren, im Dvāpara mit zwei Vierteln, im anderen Zeitalter mit einem Viertel.“
Wort für Wort
etat prathamakalpena
dieses nach dem ersten Verfahren (Instr.)
rājā kṛtayuge 'bhajat
der König übte im Kṛta-Zeitalter (Impf.)
pādonenāpi dharmeṇa
mit um ein Viertel vermindertem Dharma (Instr.)
gacchet tretāyuge tathā
möge er im Tretā-Zeitalter gehen/verfahren (Opt.)
dvāpare tu dvipādena
im Dvāpara aber mit zwei Vierteln (Lok./Instr.)
pādena tv apare yuge
mit einem Viertel im anderen Zeitalter (Instr./Lok.)
Der Sinn der Viertelangaben (Dharma vs. Strafverfahren) ist knapp und teils unsicher [?].
„So wird, wenn das Kali-Zeitalter eingetreten ist, durch das Fehlverhalten der Könige, wie es heißt, aufgrund der Besonderheit der Zeit der Dharma nur ein Sechzehntel [seines Ganzen] sein.“
Wort für Wort
tathā kaliyuge prāpte
so, wenn das Kali-Zeitalter eingetreten ist (Lok.abs.)
rājñāṃ duścaritena ha
durch das Fehlverhalten der Könige, fürwahr (Gen.Pl./Instr.)
bhavet kālaviśeṣeṇa
es möge/wird sein durch die Besonderheit der Zeit (Opt./Instr.)