Kapitel 292: avidyākṛtasaṃsāra-abhimānavarṇanam
Vasiṣṭha über den Kreislauf der Wiedergeburten aus Nichterkenntnis und den Selbstdünkel des Unwissenden
Vasiṣṭha belehrt Janaka: Wer das Selbst nicht vom Nicht-Selbst (Prakṛti) unterscheidet, treibt durch unzählige Geburten, hält Leiden, Askese, Riten und Werke für sein eigenes Tun; am Kapitelende wird die Verkehrung von Eigenschaften des Selbst aufgezählt.
Vasiṣṭha sprach: „So folgt [der Mensch], weil er nicht erwacht ist, dem Nichterwachten [d. h. der Prakṛti]; von Leib zu Leib, tausende Leiber, gelangt er auf diese Weise dahin.“
Wort für Wort
vasiṣṭha uvāca
Vasiṣṭha sprach (Perf.)
evam apratibuddhatvād
so, wegen des Nichterwachtseins (Abl.)
abuddham anuvartate
dem Nichterwachten folgt er (3.Sg.Med.)
dehād dehasahasrāṇi
von Leib [zu Leib], tausende Leiber (Abl./Akk.Pl.)
tathā samabhipadyate
so gelangt er hin (3.Sg.Med.)
abuddham: das Unerwachte/Nicht-Erkennende, hier wohl die Prakṛti.
tiryagyonisahasreṣu kadā cid devatāsv api; upapadyati saṃyogād guṇaiḥ saha guṇakṣayāt
In tausenden Tiergeburten, bisweilen auch unter Göttern, gelangt er zur Geburt durch Verbindung, zusammen mit den Guṇas, infolge des Schwindens der Guṇas [?].
Wort für Wort
tiryagyonisahasreṣu
in tausenden Tiergebärmüttern (Lok.Pl., Kompositum)
kadā cid devatāsv api
bisweilen auch unter Göttern (Lok.Pl.)
upapadyati saṃyogād
er gelangt hin, durch Verbindung (3.Sg.Präs./Abl.)
guṇaiḥ saha
zusammen mit den Guṇas (Instr.Pl.)
guṇakṣayāt
infolge des Schwindens der Guṇas (Abl., Kompositum)
guṇakṣayāt: Sinn unsicher (Verbrauch der Guṇas im jeweiligen Dasein als Anlass zum Wechsel).
dvaṃdvam eti ca nirdvaṃdvas tāsu tāsv iha yoniṣu; śīrṣaroge 'kṣiroge ca dantaśūle galagrahe
Und er gerät in Gegensatzpaare, obwohl er frei von Gegensatzpaaren ist, in diesen und jenen Mutterschößen hier: bei Kopfleiden, Augenleiden, Zahnschmerz, Halsverschluss,
Wort für Wort
dvaṃdvam eti ca nirdvaṃdvas
und er gerät in Gegensatzpaare, [obwohl] frei von Gegensatzpaaren (Akk./3.Sg.Präs./Nom.)
jalodare 'rśasāṃ roge jvaragaṇḍaviṣūcike; śvitre kuṣṭhe 'gnidāhe ca sidhmāpasmārayor api
bei Wassersucht, Hämorrhoidenleiden, Fieber, Geschwulst, Cholera, bei Weißfleckenkrankheit, Aussatz, Brand durch Feuer, bei Sidhma-Ausschlag und Epilepsie,
Wort für Wort
jalodare 'rśasāṃ roge
bei Wassersucht, bei Hämorrhoidenleiden (Lok.Sg.)
jvaragaṇḍaviṣūcike
bei Fieber, Geschwulst, Cholera (Lok.Sg., Kompositum)
śvitre kuṣṭhe 'gnidāhe ca
bei Weißfleckenkrankheit, Aussatz und Feuerbrand (Lok.Sg.)
sidhmāpasmārayor api
auch bei Sidhma-Ausschlag und Epilepsie (Lok.Du.)
Krankheitsnamen nach üblicher Bestimmung wiedergegeben; jvaragaṇḍa- ggf. auch „Fieber und Beulen“.
In tausenden Tiergeburten, bisweilen auch unter Göttern.
Wort für Wort
tiryagyonisahasreṣu
in tausenden Tiergeburten (Lok.Pl.)
kadā cid
bisweilen (Adv.)
devatāsv api
auch unter Göttern (Lok.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile der kritischen Ausgabe; wiederholt den Pāda aus Vers 2, unvollständig.
vaṇikpathaṃ dvijakṣatraṃ vaiśyaśūdraṃ tathaiva ca; dānaṃ ca vividhākāraṃ dīnāndhakṛpaṇeṣv api
Den Weg des Kaufmanns, den [Stand] der Brahmanen und Kṣatriyas, der Vaiśyas und Śūdras, und die Gabe in vielerlei Gestalt auch an Elende, Blinde und Bedürftige.
Wort für Wort
vaṇikpathaṃ
den Weg der Kaufleute (Akk.)
dvijakṣatraṃ vaiśyaśūdraṃ tathaiva ca
[den Stand] der Zweimalgeborenen/Kṣatriyas, der Vaiśyas und Śūdras, und ebenso (Akk.)
abhimanyaty asaṃbodhāt tathaiva trividhān guṇān; sattvaṃ rajas tamaś caiva dharmārthau kāma eva ca; prakṛtyātmānam evātmā evaṃ pravibhajaty uta
Er bildet es sich ein aus Nicht-Erkenntnis, ebenso die dreifachen Guṇas: Sattva, Rajas und Tamas, und Dharma, Artha und Kāma; so teilt das Selbst mittels der Prakṛti sich selbst auf.
Wort für Wort
abhimanyaty asaṃbodhāt
er bildet sich ein, aus Nicht-Erkenntnis (3.Sg.Präs./Abl.)
tathaiva trividhān guṇān
ebenso die dreifachen Guṇas (Akk.Pl.)
sattvaṃ rajas tamaś caiva
Sattva, Rajas und Tamas (Akk.)
dharmārthau kāma eva ca
Dharma und Artha und Kāma (Akk.Du./Akk.)
prakṛtyātmānam evātmā
mittels der Prakṛti sich selbst, der Ātman (Instr./Akk./Nom.)
Svadhā-Ruf und Vaṣaṭ-Ruf, Svāhā-Ruf und Verehrungsgruß, das Opferleiten, Lehren, Geben, und ebenso, sagt man, das Annehmen von Gaben; Opfern und Studieren und was es sonst noch gibt.
Wort für Wort
svadhākāravaṣaṭkārau
Svadhā-Ruf und Vaṣaṭ-Ruf (Nom./Akk.Du.)
svāhākāranamaskriyāḥ
Svāhā-Ruf und Verehrungsgruß (Nom./Akk.Pl.)
yājanādhyāpanaṃ dānaṃ
Opferleiten, Lehren, Geben (Akk.n.)
tathaivāhuḥ pratigraham
und ebenso sagen sie: Annehmen von Gaben (Perf.3.Pl./Akk.)
ātmarūpaguṇān etān vividhān hṛdayapriyān; evam eva vikurvāṇaḥ sargapralayakarmaṇī
Diese mannigfachen, dem Herzen lieben Guṇas, die Gestalt des Selbst [zu sein scheinen], wandelt er so beständig um in den Werken von Schöpfung und Auflösung.
Wort für Wort
ātmarūpaguṇān etān
diese Eigenschaften von der Gestalt des Selbst (Akk.Pl.)
vividhān hṛdayapriyān
mannigfache, herzliebe (Akk.Pl.)
evam eva vikurvāṇaḥ
so eben umgestaltend (Part.Präs.Med. Nom.Sg.)
sargapralayakarmaṇī
in den Werken von Schöpfung und Auflösung (Lok.Du.)
ātmarūpaguṇān: Kompositum unsicher aufgelöst (Eigenschaften, die dem Selbst als Gestalt gelten).
kriyākriyā pathe raktas triguṇas triguṇātigaḥ; kriyākriyāpathopetas tathā tad iti manyate
Am Pfad von Tun und Nichttun hängend, dreifach an Guṇas und doch über die drei Guṇas hinausgehend, auf dem Pfad von Tun und Nichttun stehend, meint er so: „Das ist es.“ [?]
Wort für Wort
kriyākriyā pathe raktaḥ
am Pfad von Tun und Nichttun hängend (Lok.Sg./Nom.Sg.m.)
triguṇas
dreigunig (Nom.Sg.m.)
triguṇātigaḥ
die drei Guṇas überschreitend (Nom.Sg.m.)
kriyākriyāpathopetaḥ
mit dem Pfad von Tun und Nichttun versehen (Nom.Sg.m.)
tathā tad iti manyate
so denkt er: „das“ (3.Sg.Präs.Med.)
Textlich knapp; Deutung von triguṇas/triguṇātigaḥ nebeneinander unsicher.
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften).
„Diese sind von mir zu genießen, wenn ich in die Götterwelt gegangen bin; und hier werde ich eben dies genießen, das Aufsteigen der Frucht von Gutem und Schlechtem.“
Wort für Wort
bhoktavyāni mayaitāni
zu genießen von mir diese (Gerundiv/Instr.)
devalokagatena vai
von dem, der in die Götterwelt gegangen ist (Instr.Sg.)
ihaiva cainaṃ bhokṣyāmi
und eben hier werde ich dies genießen (1.Sg.Fut.Med.)
śubhāśubhaphalodayam
das Aufkommen der Frucht von Gutem und Schlechtem (Akk.Sg.)
nirayāc cāpi mānuṣyaṃ kālenaiṣyāmy ahaṃ punaḥ; manuṣyatvāc ca devatvaṃ devatvāt pauruṣaṃ punaḥ; manuṣyatvāc ca nirayaṃ paryāyeṇopagacchati
„Und aus der Hölle werde ich mit der Zeit wieder ins Menschsein gelangen; aus dem Menschsein zur Göttlichkeit, aus der Göttlichkeit wieder zum Menschentum.“ Aus dem Menschsein geht er der Reihe nach zur Hölle.
Wort für Wort
nirayāc cāpi mānuṣyaṃ
und aus der Hölle ins Menschsein (Abl./Akk.)
kālenaiṣyāmy ahaṃ punaḥ
mit der Zeit werde ich gelangen, wieder (Instr./1.Sg.Fut.)
manuṣyatvāc ca devatvaṃ
und aus dem Menschsein zur Göttlichkeit (Abl./Akk.)
devatvāt pauruṣaṃ punaḥ
aus der Göttlichkeit wieder zum Menschentum (Abl./Akk.)
manuṣyatvāc ca nirayaṃ
und aus dem Menschsein zur Hölle (Abl./Akk.)
paryāyeṇopagacchati
der Reihe nach geht er hin (Instr./3.Sg.Präs.)
Wechsel von der 1.Sg. (Rede des Verblendeten) zur 3.Sg. im letzten Pāda.
ya evaṃ vetti vai nityaṃ nirātmātmaguṇair vṛtaḥ; tena devamanuṣyeṣu niraye copapadyate
Wer dies so beständig weiß, ohne [wahres] Selbst, umgeben von den [vermeintlichen] Eigenschaften des Selbst, der wird dadurch unter Göttern und Menschen und in der Hölle geboren.
Wort für Wort
ya evaṃ vetti vai nityaṃ
wer so fürwahr stets weiß (Rel.Nom./3.Sg.Präs.)
nirātmātmaguṇair vṛtaḥ
selbstlos, von den Selbst-Eigenschaften umgeben (Nom.Sg.m./Instr.Pl./Part.)
tena devamanuṣyeṣu
dadurch unter Göttern und Menschen (Instr./Lok.Pl.)
niraye copapadyate
und in der Hölle wird er geboren (Lok./3.Sg.Präs.Med.)
Er, ein anderes Merkmal erlangend, das prakṛtische, wundenlose Merkmal, und sich auf die Wundöffnungen stützend, hält die Taten für [solche] im Selbst.
Wort für Wort
sa liṅgāntaram āsādya
er, ein anderes Merkmal erlangend (Nom./Akk.Sg.n./Abs.)
prākṛtaṃ liṅgam avraṇam
das prakṛtische, wundenlose Merkmal (Akk.Sg.n.)
vraṇadvārāṇy adhiṣṭhāya
sich auf die Wundöffnungen stützend (Akk.Pl./Abs.)
karmāṇy ātmani manyate
die Taten im Selbst hält er (Akk.Pl./Lok./3.Sg.Präs.Med.)
vraṇadvārāṇi: „Wundöffnungen“, d. h. Körperöffnungen; ātmani manyate: Sinn „als im/am Selbst geschehend“ unsicher.
śrotrādīni tu sarvāṇi pañca karmendriyāṇi ca; vāg ādīni pravartante guṇeṣv eva guṇaiḥ saha; aham etāni vai kurvan mamaitānīndriyāṇi ca
Ohr und die übrigen [Erkenntnisorgane] alle und die fünf Tatorgane, Rede und die übrigen, wirken nur in den Guṇas, zusammen mit den Guṇas; [er denkt:] „Ich tue dies, und diese Sinnesorgane sind mein.“
Wort für Wort
śrotrādīni tu sarvāṇi
Ohr und die übrigen, alle (Nom.Pl.n.)
pañca karmendriyāṇi ca
und die fünf Tatorgane (Nom.Pl.n.)
vāg ādīni pravartante
Rede und die übrigen wirken (Nom.Pl.n./3.Pl.Präs.Med.)
guṇeṣv eva guṇaiḥ saha
nur in den Guṇas, mit den Guṇas (Lok.Pl./Instr.Pl.)
Ohne Sinnesorgane dünkt er sich: „Ich habe eine Wunde“, [der] Wundenlose; der Merkmallose [hält] das Merkmal für sein Selbst, der Zeitlose die Zeit für das Seine.
Wort für Wort
nirindriyo 'bhimanyeta
ohne Sinnesorgane dünkt er sich (Nom.Sg.m./3.Sg.Opt.Med.)
vraṇavān asmi nirvraṇaḥ
„wundenbehaftet bin ich“, [obwohl] wundenlos (Nom.Sg.m.)
aliṅgo liṅgam ātmānam
der Merkmallose das Merkmal als Selbst (Nom./Akk.Sg.)
akālaḥ kālam ātmanaḥ
der Zeitlose die Zeit als das Seine (Nom./Akk./Gen.Sg.)
Verb abhimanyeta/abhimanyate (Vers 59) wird auf die folgenden Verse bezogen; die Konstruktion ist elliptisch.
Der Wesenlose [hält] das Sein für sein Selbst, der Nichtwirkliche das Wirkliche für das Seine [?]; der Todlose den Tod für sein Selbst, der Unbewegte das Bewegte für das Seine.
Wort für Wort
asattvaṃ sattvam ātmānam
der Wesenlose das Sein als Selbst (Nom.[?]/Akk.Sg.)
atattvaṃ tattvam ātmanaḥ
der Nichtwirkliche das Wirkliche als das Seine (Nom.[?]/Akk./Gen.Sg.)
amṛtyur mṛtyum ātmānam
der Todlose den Tod als Selbst (Nom./Akk.Sg.)
acaraś caram ātmanaḥ
der Unbewegte das Bewegte als das Seine (Nom./Akk./Gen.Sg.)
asattvam/atattvam sind formal Akkusative (oder Abstrakta); Wiedergabe als Nominative [?].
Der Feldlose [hält] das Feld für sein Selbst, der Schöpfungslose die Schöpfung für das Seine; der Askeselose die Askese für sein Selbst, der Wegelose den Weg für das Seine.
Wort für Wort
akṣetraḥ kṣetram ātmānam
der Feldlose das Feld als Selbst (Nom./Akk.Sg.)
asargaḥ sargam ātmanaḥ
der Schöpfungslose die Schöpfung als das Seine (Nom./Akk./Gen.Sg.)
atapās tapa ātmānam
der Askeselose die Askese als Selbst (Nom./Akk.Sg.)
agatir gatim ātmanaḥ
der Wegelose den Weg als das Seine (Nom./Akk./Gen.Sg.)