Kapitel 9: saṃnyāsasaṅkalpaḥ
Yudhiṣṭhiras Entschluss zum Leben als Einsiedler und Entsagender
Yudhiṣṭhira antwortet auf Arjunas Mahnung und schildert ausführlich, wie er Waldeinsamkeit, Bettelleben und Gleichmut üben und damit den Kreislauf des Saṃsāra hinter sich lassen will.
yudhiṣṭhira uvāca; muhūrtaṃ tāvad ekāgro manaḥśrotre 'ntarātmani; dhārayitvāpi te śrutvā rocatāṃ vacanaṃ mama
Yudhiṣṭhira sprach: „Nur einen Augenblick lang, einsgerichtet, mit Geist und Ohr im innersten Selbst – nachdem du [es] gehört und [im Herzen] festgehalten hast, möge dir meine Rede gefallen.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
muhūrtaṃ tāvad ekāgraḥ
einen Augenblick lang nur, einsgerichtet (Akk. der Zeit / Nom.)
manaḥśrotre 'ntarātmani
Geist und Ohr im inneren Selbst (Lok. Du. / Lok.)
dhārayitvāpi te śrutvā
[es] festgehalten habend und gehört habend (Abs.)
rocatāṃ vacanaṃ mama
möge gefallen die Rede mir (3.Sg.Imp.Med. / Nom. / Gen.)
sārthagamyam ahaṃ mārgaṃ na jātu tvatkṛte punaḥ; gaccheyaṃ tad gamiṣyāmi hitvā grāmyasukhāny uta
Einen Weg, der in Gesellschaft [einer Karawane] gangbar ist, würde ich deinetwegen niemals wieder gehen; [den anderen] werde ich gehen, nachdem ich die Genüsse des Dorflebens verlassen habe.
Wort für Wort
sārthagamyam ahaṃ mārgam
den mit einer Karawane gangbaren Weg, ich, Weg (Akk. / Nom. / Akk.)
na jātu tvatkṛte punaḥ
niemals, deinetwegen, wieder (Adv.)
gaccheyaṃ
ich würde gehen (1.Sg.Opt.)
tad gamiṣyāmi
so / jenen werde ich gehen (Adv./Akk. / 1.Sg.Fut.)
hitvā grāmyasukhāny uta
verlassen habend die Genüsse des Dorflebens, ja (Abs. / Akk.Pl.n. / Part.)
Zweite Vershälfte im Bezug unsicher (tad = „so“ oder „jenen [Weg]“).
hitvā grāmyasukhācāraṃ tapyamāno mahat tapaḥ; araṇye phalamūlāśī cariṣyāmi mṛgaiḥ saha
Nachdem ich Lebensweise und Genüsse des Dorflebens verlassen habe, große Askese übend, werde ich im Wald, von Früchten und Wurzeln lebend, mit den Wildtieren zusammen umherziehen.
Wort für Wort
hitvā grāmyasukhācāraṃ
verlassen habend Genuss und Brauch des Dorflebens (Abs. / Akk.)
tapyamāno mahat tapaḥ
große Askese übend (Part.Med. / Akk.)
araṇye phalamūlāśī
im Wald, von Früchten und Wurzeln lebend (Lok. / Nom.)
cariṣyāmi mṛgaiḥ saha
werde umherziehen mit den Tieren (1.Sg.Fut. / Instr.Pl.)
Das Feuer zur rechten Zeit opfernd, zu beiden Zeiten das Wasserbad nehmend, abgemagert, maßvoll in der Nahrung, Antilopenfell, Bastgewand und Flechtenhaar tragend.
Wort für Wort
juhvāno 'gniṃ yathākālam
das Feuer opfernd, zur rechten Zeit (Part.Med. / Akk. / Adv.)
ubhau kālāv upaspṛśan
zu beiden Zeiten das Wasser berührend [rituelles Bad] (Akk.Du. / Part.Präs.)
kṛśaḥ parimitāhāraḥ
abgemagert, mit bemessener Nahrung (Nom. / Nom.)
carmacīrajaṭādharaḥ
Fell, Bastgewand und Flechten tragend (Nom.Sg.m., Kompositum)
Kälte, Wind und Hitze ertragend, Hunger, Durst und Mühsal duldend, den Körper durch eine der Vorschrift gemäß gesehene [festgelegte] Askese austrocknend.
Wort für Wort
śītavātātapasahaḥ
Kälte, Wind und Sonnenglut ertragend (Nom.Sg.m., Kompositum)
kṣutpipāsāśramakṣamaḥ
Hunger, Durst und Anstrengung duldend (Nom.Sg.m.)
tapasā vidhidṛṣṭena
durch Askese, die der Vorschrift gemäß ist (Instr.)
Selbst dem Anblick der Waldeinsiedler gegenüber, [selbst] der in Sippen Lebenden [?], werde ich nichts Unliebes tun; wie viel weniger gegenüber den Dorfbewohnern.
Wort für Wort
vānaprasthajanasyāpi
auch des Volkes der Waldeinsiedler (Gen.)
darśanaṃ kulavāsinaḥ
Anblick, des in einer Sippe Lebenden (Akk.Sg.n. / Gen.Sg.m.)
nāpriyāṇy ācariṣyāmi
nichts Unliebes werde ich tun (Akk.Pl.n. / 1.Sg.Fut.)
kiṃ punar grāmavāsinām
wie viel mehr [nicht] den Dorfbewohnern (Adv. / Gen.Pl.)
Syntax der ersten Vershälfte unsicher; die Wiedergabe ist eine wortnahe Lesart.
In sich selbst ruhend, klaren Gemüts, mit dem Aussehen eines Stumpfen, Blinden und Tauben, mit anderen niemals irgendeine Abmachung mit irgendjemandem treffend,
Wort für Wort
ātmārāmaḥ prasannātmā
am Selbst sich erfreuend, klaren Gemüts (Nom.)
jaḍāndhabadhirākṛtiḥ
von der Gestalt eines Stumpfen, Blinden, Tauben (Nom.)
akurvāṇaḥ paraiḥ
nicht schließend, mit anderen (Part.Med. / Instr.Pl.)
jaṅgamājaṅgamān sarvān navihiṃsaṃś caturvidhān; prajāḥ sarvāḥ svadharmasthāḥ samaḥ prāṇabhṛtaḥ prati
alle beweglichen und unbeweglichen Wesen, in den vier Arten, nicht verletzend, gegenüber allen Geschöpfen, die in ihrem eigenen Dharma stehen, gleichmütig gegen die Lebewesen.
Wort für Wort
jaṅgamājaṅgamān sarvān
alle Beweglichen und Unbeweglichen (Akk.Pl.)
na vihiṃsaṃś caturvidhān
nicht verletzend, vierfach [gegliederte] (Part.Präs. / Akk.Pl.)
prajāḥ sarvāḥ svadharmasthāḥ
alle Geschöpfe, im eigenen Dharma stehend (Akk.Pl.f.)
samaḥ prāṇabhṛtaḥ prati
gleich gegenüber den Lebewesen (Nom. / Akk.Pl. / Präp.)
apṛcchan kasya cin mārgaṃ vrajan yenaiva kena cit; na deśaṃ na diśaṃ kāṃ cid gantum icchan viśeṣataḥ
Niemanden nach dem Weg fragend, auf irgendeinem beliebigen [Weg] gehend, kein bestimmtes Land, keine bestimmte Himmelsrichtung besonders zu erreichen wünschend.
Wort für Wort
apṛcchan kasya cin mārgam
nicht fragend nach irgendeinem Weg (Part.Präs. / Gen. / Akk.)
vrajan yenaiva kena cit
gehend auf gerade irgendeinem [Weg] (Part.Präs. / Instr.)
na deśaṃ na diśaṃ kāṃ cid
kein Land, keine Himmelsrichtung (Akk.)
gantum icchan viśeṣataḥ
zu gehen wünschend, im Besonderen (Inf. / Part.Präs. / Adv.)
Mag die Speise einmal, wegen vorherigen Nichterlangens, gering oder unschmackhaft sein: auch bei anderen umherziehend, bei Nichterlangen die [Zahl] sieben vollmachend [?].
Wort für Wort
alpaṃ vāsvādu vā bhojyam
gering oder unschmackhaft, zu essen(d) (Nom.Sg.n. / Gerundiv)
pūrvālābhena jātu cit
durch früheres Nichterlangen, gelegentlich (Instr. / Adv.)
anyeṣv api caran
auch bei anderen umherziehend (Lok.Pl. / Part.Präs.)
lābham alābhe
Erlangen, bei Nichterlangen (Akk. / Lok.)
sapta pūrayan
sieben vollmachend (Akk. / Part.Präs.Kaus.)
Bezug von lābham/alābhe und Zahl sieben (vgl. 2 + 5 in Vers 23) unklar.
Wenn kein Rauch mehr aufsteigt, der Mörser abgelegt ist, keine Glut mehr da ist, die Leute gegessen haben, das Umhergehen der Schalen vorüber ist, die Bettelmönche fort sind –
Wort für Wort
vidhūme nyastamusale
bei rauchlos, bei niedergelegtem Mörser (Lok.abs.)
vyaṅgāre bhuktavaj jane
bei glutlos, bei gegessen habenden Leuten (Lok.abs.)
atītapātrasaṃcāre
bei vorüber[gegangenem] Herumgehen der Schalen (Lok.abs.)
kāle vigatabhikṣuke
zu einer Zeit, in der die Bettler fort sind (Lok.abs.)
Bei Nichterlangen wie bei Erlangen gleichmütig blickend, der große Asket.
Wort für Wort
alābhe sati vā lābhe
bei Nichterlangen oder Erlangen (Lok. / Part.Lok. / Part. / Lok.)
samadarśī
gleichblickend (Nom.)
mahātapāḥ
großer Asket (Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe (nur in Teilen der Handschriften).
Alle Handlungen zum Aufstieg, die von einem Lebenden zu vollziehen möglich sind, sie alle ganz aufgebend, nur noch im Augenblinzeln und dergleichen [Lebensregungen] verharrend [?].
Wort für Wort
yāḥ kāś cij jīvatā śakyāḥ
welche auch immer, von einem Lebenden möglich (Nom.Pl.f. / Instr.)
kartum abhyudayakriyāḥ
zu tun, Handlungen des Aufstiegs (Inf. / Nom.Pl.f.)
So leidenschaftslos umherwandernd, werde ich dauerhafte Zufriedenheit erlangen; denn aus Unwissen bin ich durch Begierde zu großem Übel veranlasst worden.
Wort für Wort
vītarāgaś carann evam
leidenschaftslos, umherziehend, so (Nom. / Part.Präs. / Adv.)
tuṣṭiṃ prāpsyāmi śāśvatīm
Zufriedenheit werde ich erlangen, dauerhafte (Akk. / 1.Sg.Fut. / Akk.)
tṛṣṇayā hi mahat pāpam
denn durch Begierde, großes Übel (Instr. / Part. / Akk.)
ajñānād asmi kāritaḥ
aus Unwissen bin ich veranlasst worden (Abl. / 1.Sg. / Part.Kaus.)
So, in diesem Kreislauf des Saṃsāra, der wie ein Wagenrad gedreht wird, kommt diese Schar der Wesen mit [einer anderen] Schar der Wesen zusammen, jeweils mit einem Anliegen.
Wort für Wort
evaṃ saṃsāracakre 'smin
so, in diesem Rad des Saṃsāra (Adv. / Lok.)
vyāviddhe rathacakravat
das gedreht wird, wie ein Wagenrad (Part.Lok. / Adv.)
sameti bhūtagrāmo 'yam
kommt zusammen, diese Wesensschar (3.Sg.Präs. / Nom.)
bhūtagrāmeṇa kāryavān
mit [anderer] Wesensschar, ein Anliegen habend (Instr. / Nom.)
Deshalb ist mir dieses Unsterblichkeitsgetränk der Einsicht nach langer Zeit zuteilgeworden; nachdem ich es erlangt habe, erstrebe ich die unvergängliche, ewige, feste Stätte.
Wort für Wort
tasmāt prajñāmṛtam idam
deshalb dieser Nektar der Einsicht (Abl. / Nom.)
cirān māṃ pratyupasthitam
nach langer Zeit mir gegenwärtig geworden (Abl. / Akk. / Part.)
tat prāpya prārthaye
ihn erlangt habend, erstrebe ich (Abs. / 1.Sg.Präs.Med.)