Kapitel 106: vairiniyantraṇanīti
Rat an den entthronten Königssohn: List und Unterwerfung gegenüber dem mächtigen Feind
Ein Weiser unterweist einen Kṣatriya-Prinzen, der sein Reich verloren hat, in Listen und Ränken, mit denen man einen überlegenen Gegner zunächst durch Unterwürfigkeit gewinnt und dann von innen zugrunde richtet.
munir uvāca; atha cet pauruṣaṃ kiṃ cit kṣatriyātmani paśyasi; bravīmi hanta te nītiṃ rājyasya pratipattaye
Der Weise sprach: „Wenn du nun irgendeine Tatkraft in dir als Kṣatriya erblickst, so sage ich dir – wohlan – eine Staatskunst, um das Königtum [wieder] zu erlangen.“
Wort für Wort
muniḥ uvāca
der Weise sprach (3.Sg.Perf.)
atha cet pauruṣam kiṃ cit
wenn nun irgendeine Tatkraft (Nom./Akk.Sg.n.)
kṣatriyātmani paśyasi
in deinem Kṣatriya-Wesen siehst du (Lok.; 2.Sg.Präs.)
bravīmi hanta te nītim
ich sage, wohlan, dir die Staatskunst (1.Sg.Präs./Dat./Akk.)
Wenn du [danach] handelst, wirst du große Güter erlangen: das Königtum, den Rat des Königreichs oder wiederum große Fortuna. Wenn dir dies gefällt, o König, so sprich erneut, [dann] sage ich es dir.“
Wort für Wort
ācariṣyasi cet karma
wenn du die Tat ausführst (2.Sg.Fut.; Akk.)
mahataḥ arthān avāpsyasi
große Güter wirst du erlangen (Akk.Pl.; 2.Sg.Fut.)
rājyaṃ rājyasya mantraṃ vā
das Königtum oder den Rat des Königreichs (Akk.; Gen.)
rājaputra uvāca; bravītu bhagavān nītim upapanno 'smy ahaṃ prabho; amogham idam adyāstu tvayā saha samāgatam
Der Königssohn sprach: „Es spreche der Ehrwürdige die Staatskunst; ich bin [dafür] bereit, o Herr. Diese Begegnung mit dir soll heute nicht vergeblich sein.“
Wort für Wort
rājaputraḥ uvāca
der Königssohn sprach (Nom.; Perf.)
bravītu bhagavān nītim
es spreche der Ehrwürdige die Staatskunst (3.Sg.Imp.; Nom.; Akk.)
upapannaḥ asmi aham prabho
bereit bin ich, o Herr (Part.Pass.; 1.Sg.; Vok.)
amogham idam adya astu
unvergeblich soll dies heute sein (Nom.n.; 3.Sg.Imp.)
munir uvāca; hitvā stambhaṃ ca mānaṃ ca krodhaharṣau bhayaṃ tathā; praty amitraṃ niṣevasva praṇipatya kṛtāñjaliḥ
Der Weise sprach: „Lege Starrsinn und Dünkel ab, ebenso Zorn, Freude und Furcht; diene dem Feind, indem du dich mit zusammengelegten Händen [vor ihm] niederwirfst.
Wort für Wort
hitvā stambhaṃ ca mānaṃ ca
nachdem du Starrsinn und Dünkel abgelegt hast (Abs.; Akk.)
krodhaharṣau bhayaṃ tathā
Zorn und Freude, ebenso Furcht (Dvandva Akk.Du.; Akk.)
prati amitram niṣevasva
dem Feind diene (Akk.; 2.Sg.Imp.Med.)
praṇipatya kṛtāñjaliḥ
dich niederwerfend, mit gefalteten Händen (Abs.; Nom.)
tam uttamena śaucena karmaṇā cābhirādhaya; dātum arhati te vṛttiṃ vaidehaḥ satyasaṃgaraḥ
Stelle ihn durch höchste Lauterkeit und [entsprechendes] Handeln zufrieden; der Vaideha, der zu seinem Wort steht, wird dir [dann] den Lebensunterhalt zu geben verdienen.
Wort für Wort
tam uttamena śaucena
ihn durch höchste Lauterkeit (Akk.; Instr.)
karmaṇā ca abhirādhaya
und durch Handeln stelle zufrieden (Instr.; 2.Sg.Imp.Kaus.)
dātum arhati te vṛttim
zu geben verdient dir den Unterhalt (Inf.; 3.Sg.Präs.; Dat./Gen.; Akk.)
vaidehaḥ satyasaṃgaraḥ
der Vaideha, wahrhaft im Versprechen (Nom.; Bahuvrīhi)
vartamānaḥ svaśāstre vai saṃyatātmā jitendriyaḥ; abhyuddharati cātmānaṃ prasādayati ca prajāḥ
Wer in seiner eigenen Lehre [Pflicht] lebt, selbstbeherrscht und Herr über seine Sinne, der hebt sich selbst empor und stellt die Untertanen zufrieden.
Wort für Wort
vartamānaḥ svaśāstre vai
wer in seiner eigenen Lehre verbleibt (Part.Präs.; Lok.)
saṃyatātmā jitendriyaḥ
selbstbeherrscht, die Sinne besiegt habend (Bahuvrīhi; Bahuvrīhi)
abhyuddharati ca ātmānam
und er hebt empor sich selbst (3.Sg.Präs.; Akk.)
prasādayati ca prajāḥ
und stellt zufrieden die Untertanen (3.Sg.Kaus.; Akk.Pl.)
Danach, wenn du die Kraft der Freunde gewonnen und wohlüberlegt Rat gehalten hast, spalte durch Zwischenträger die Feinde [auseinander] und zerschlage eine Bilva[-Frucht] mit einer Bilva[-Frucht]; oder schließe mit den Gegnern ein Abkommen und vernichte so auch sein Heer.
Wort für Wort
tataḥ suhṛdbalaṃ labdhvā
danach die Kraft der Freunde erlangt habend (Akk.; Abs.)
mantrayitvā sumantritam
Rat gehalten habend, wohlüberlegt (Abs.; Adv.)
antaraiḥ bhedayitvā arīn
durch Mittelsleute gespalten habend die Feinde (Instr.Pl.; Abs.; Akk.Pl.)
bilvaṃ bilvena śātaya
eine Bilva mit einer Bilva zerschlage (Akk.; Instr.; 2.Sg.Imp.Kaus.)
paraiḥ vā saṃvidaṃ kṛtvā
oder mit den Gegnern ein Abkommen geschlossen (Instr.Pl.; Akk.; Abs.)
balam api asya ghātaya
auch sein Heer lass erschlagen/vernichte (Akk.; Gen.; 2.Sg.Imp.Kaus.)
„bilvaṃ bilvena“ ist sprichwörtlich: Gleiches wird mit Gleichem zerschlagen.
stets, o Tigerkönig, [handle] wer als Kundiger das Heilsame wünscht:
Wort für Wort
sadā eva
stets (Adv.)
rājaśārdūla
o Tiger unter den Königen (Vok.)
viduṣā hitam icchatā
vom Kundigen, der das Heil wünscht (Instr.; Akk.; Part.Instr.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile (Stern); syntaktisch mit 15 verbunden, in sich unvollständig.
Wohne im Land des größten Feindes, das von den Klugen gebilligt wird; und pflege den schlechtesten Freund mit [scheinbar] „Weißkrähen-Dingen“, [also] nutzlosen [Reden].
Wort für Wort
vasasva paramāmitraviṣaye
wohne im Gebiet des höchsten Feindes (Imp.Med.; Lok.)
prājñasaṃmate
von Klugen gebilligt (Lok.Part.)
bhajasva śvetakākīyaiḥ
pflege/halte dich an mit Weißkrähen-Dingen (Imp.Med.; Instr.Pl.)
mitrādhamam anarthakaiḥ
den schlechtesten Freund, mit nutzlosen [Dingen] (Akk.; Instr.Pl.)
śvetakākīya: von „weiße Krähe“ (etwas Unmögliches/Nichtiges); Wiedergabe unsicher [?].
ārambhāṃś cāsya mahato duṣkarāṃs tvaṃ prayojaya; nadībandhavirodhāṃś ca balavadbhir virudhyatām
Lass ihn große, schwer durchführbare Unternehmungen beginnen und Dämme in Flüssen sowie Streit mit Mächtigen; sie sollen [sich] mit Mächtigen überwerfen.
Wort für Wort
ārambhān ca asya mahataḥ
und dessen große Unternehmungen (Akk.Pl.; Gen.)
duṣkarān tvam prayojaya
schwer ausführbare lass du in Gang setzen (Akk.Pl.; 2.Sg.Imp.Kaus.)
nadībandhavirodhān ca
und Flussdämme und Streitigkeiten (Akk.Pl.)
balavadbhiḥ virudhyatām
mit Mächtigen sollen sie in Streit geraten (Instr.Pl.; 3.Sg.Imp.Pass./Med.)
Lesart und Satzbau des zweiten Pādas unsicher [?].
Zweifellos erlangt der, der guten Wandels ist, die höchste Bahn; im Himmel erlangt der König den verdienstvollsten Ort. Aber bei Schwund der Schatzkammer, o Kausalya, gerät er in die Gewalt der Feinde.
Wort für Wort
asaṃśayam puṇyaśīlaḥ
zweifellos, guten Wandels (Adv.; Nom.)
prāpnoti paramāṃ gatim
erlangt die höchste Bahn (3.Sg.Präs.; Akk.)
triviṣṭape puṇyatamaṃ sthānam
im Himmel den verdienstvollsten Ort (Lok.; Akk.)
prāpnoti pārthivaḥ
erlangt der König (3.Sg.Präs.; Nom.)
kośakṣaye tu amitrāṇām
bei Schwund der Schatzkammer aber der Feinde (Lok.; Gen.Pl.)
vaśaṃ kausalya gacchati
in die Gewalt, o Kausalya, geht er (Akk.; Vok.; 3.Sg.Präs.)
yājayainaṃ viśvajitā sarvasvena viyujyatām; tato gacchatv asiddhārthaḥ pīḍyamāno mahājanam
Lass ihn das Viśvajit[-Opfer] darbringen, bei dem er all seines Besitzes verlustig geht; dann soll er, ohne sein Ziel erreicht zu haben, bedrängt zur Menge [der Leute] gehen.
Wort für Wort
yājaya enam viśvajitā
lass ihn opfern mit dem Viśvajit (2.Sg.Imp.Kaus.; Akk.; Instr.)
sarvasvena viyujyatām
von aller Habe soll er getrennt werden (Instr.; 3.Sg.Imp.Pass.)
tataḥ gacchatu asiddhārthaḥ
dann soll er gehen, ohne Ziel erreicht (Imp.; Nom.)
pīḍyamānaḥ mahājanam
bedrängt zur großen Menge (Part.Pass.; Akk.)
Der Instr. „viśvajitā sarvasvena“ ist als Opfer mit Hingabe des gesamten Besitzes gedeutet [?].
Preise ihm irgendeinen kahlgeschorenen [Asketen], der die Lehre vom Entsagen kennt; vielleicht möchte er dann auch entsagen, [und] vielleicht gerät er in ein Leiden.
Wort für Wort
tyāgadharmavidam muṇḍam
einen, der die Entsagungslehre kennt, einen Kahlgeschorenen (Akk.)
kaṃ cit asya upavarṇaya
irgendeinen preise ihm (Akk.; Gen.; 2.Sg.Imp.Kaus.)
api tyāgaṃ bubhūṣeta
vielleicht möchte er Entsagung sein/üben (Akk.; 3.Sg.Des.Opt.)
kaccit gacchet anāmayam
womöglich ginge er in [ein] Leiden/zur Gesundheit (Part.; 3.Sg.Opt.; Akk.)
anāmayam: „Gesundheit“ oder ironisch; Sinn des letzten Pādas unsicher [?].
siddhenauṣadhayogena sarvaśatruvināśinā; nāgān aśvān manuṣyāṃś ca kṛtakair upaghātaya
Mit erprobten Kräutermitteln, die alle Feinde vernichten, sowie mit künstlichen [Mitteln] lass Elefanten, Rosse und Menschen [des Gegners] zugrunde richten.
Wort für Wort
siddhena auṣadhayogena
durch bewährtes Kräutermittel (Instr.)
sarvaśatruvināśinā
das alle Feinde vernichtet (Instr.)
nāgān aśvān manuṣyān ca
Elefanten, Rosse und Menschen (Akk.Pl.)
kṛtakaiḥ upaghātaya
mit künstlichen [Mitteln] richte zugrunde (Instr.Pl.; 2.Sg.Imp.Kaus.)