Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 84: mantrisahāyaparīkṣā mantraguptiś ca Eigenschaften der Ratsmitglieder und Minister und Wahrung des geheimen Rates

Bhīṣma belehrt Yudhiṣṭhira, wie der König Gefährten, Gefolge und Minister auswählt und prüft und wem er seinen Rat anvertrauen darf; es folgen Regeln für die Beratung selbst.

bhīṣma uvāca; hrīniṣedhāḥ sadā santaḥ satyārjavasamanvitāḥ; śaktāḥ kathayituṃ samyak te tava syuḥ sabhāsadaḥ

Bhīṣma sprach: „Die Guten, stets durch Scham [vom Unrechten] zurückgehalten, mit Wahrhaftigkeit und Geradheit ausgestattet und fähig, richtig zu reden – die sollen deine Ratsmitglieder sein.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
hrīniṣedhāḥ sadā santaḥ
durch Scham [vom Bösen] zurückgehalten, stets, die Guten (Nom.Pl.)
satyārjavasamanvitāḥ
mit Wahrheit und Geradheit ausgestattet (Nom.Pl.)
śaktāḥ kathayituṃ samyak
fähig, richtig zu reden (Nom.Pl./Inf.)
te tava syuḥ sabhāsadaḥ
diese sollen dir Ratsmitglieder sein (Opt.3.Pl./Nom.Pl.)

yudhiṣṭhira uvāca; sabhāsadaḥ sahāyāś ca suhṛdaś ca viśāṃ pate; paricchadās tathāmātyāḥ kīdṛśāḥ syuḥ pitāmaha

Yudhiṣṭhira sprach: „Herr der Menschen, Großvater, wie sollen Ratsmitglieder, Gefährten, Freunde, Gefolge und ebenso Minister beschaffen sein?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
sabhāsadaḥ sahāyāś ca
Ratsmitglieder und Gefährten (Nom.Pl.)
suhṛdaś ca viśāṃ pate
und Freunde, Herr der Menschen (Nom.Pl./Vok.Sg.)
paricchadās tathāmātyāḥ
Gefolge und ebenso Minister (Nom.Pl.)
kīdṛśāḥ syuḥ pitāmaha
wie beschaffen sollen sie sein, Großvater (Opt.3.Pl./Vok.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe (star).

atyāḍhyāṃś cātiśūrāṃś ca brāhmaṇāṃś ca bahuśrutān; susaṃtuṣṭāṃś ca kaunteya mahotsāhāṃś ca karmasu

[Gewinne] sehr Wohlhabende und sehr Tapfere, gelehrte Brāhmaṇas, sehr Zufriedene und solche von großem Tatendrang in ihren Werken, Sohn der Kuntī.

Wort für Wort
atyāḍhyāṃś cātiśūrāṃś ca
sehr Reiche und sehr Tapfere (Akk.Pl.)
brāhmaṇāṃś ca bahuśrutān
und Brāhmaṇas, vielgelehrte (Akk.Pl.)
susaṃtuṣṭāṃś ca kaunteya
und gut Zufriedene, Sohn der Kuntī (Akk.Pl./Vok.Sg.)
mahotsāhāṃś ca karmasu
und von großem Eifer in Taten (Akk.Pl./Lok.Pl.)

etān sahāyāṃl lipsethāḥ sarvāsv āpatsu bhārata; kulīnaḥ pūjito nityaṃ na hi śaktiṃ nigūhati

Solche Gefährten sollst du in allen Notlagen gewinnen, Bhārata. Ein Edelgeborener, stets geehrt, verbirgt seine Kraft nicht.

Wort für Wort
etān sahāyāṃl lipsethāḥ
diese Gefährten sollst du zu gewinnen suchen (Akk.Pl./Opt.Med.2.Sg.)
sarvāsv āpatsu bhārata
in allen Notlagen, Bhārata (Lok.Pl./Vok.)
kulīnaḥ pūjito nityam
ein Edelgeborener, geehrt, stets (Nom.Sg.)
na hi śaktiṃ nigūhati
denn er verbirgt seine Kraft nicht (Akk.Sg./3.Sg.Präs.)

prasannaṃ hy aprasannaṃ vā pīḍitaṃ hṛtam eva vā; āvartayati bhūyiṣṭhaṃ tad eko hy anupālitaḥ

Ob [er] wohlgesinnt oder missgestimmt ist, bedrängt oder beraubt – der eine, wenn er [gut] behütet wird, bringt es meist wieder ins Lot [?].

Wort für Wort
prasannaṃ hy aprasannaṃ vā
wohlgesinnt/klar oder nicht wohlgesinnt/getrübt (Akk.Sg.n./Nom.)
pīḍitaṃ hṛtam eva vā
bedrängt oder geradezu beraubt (Part.Pass.)
āvartayati bhūyiṣṭhaṃ
wendet/bringt zurück, meistens (3.Sg.Kaus./Adv.)
tad eko hy anupālitaḥ
dies [tut] der eine, wenn er behütet wird (Nom.Sg./Part.Pass.)

Stelle dunkel; Bezug von prasannam/aprasannam/pīḍitam/hṛtam und Objekt von āvartayati unklar, Deutung unsicher.

kulīnā deśajāḥ prājñā rūpavanto bahuśrutāḥ; pragalbhāś cānuraktāś ca te tava syuḥ paricchadāḥ

Edelgeborene, im Land Geborene, Kluge, Ansehnliche, Vielgelehrte, Kühne und Ergebene – diese sollen dein Gefolge sein.

Wort für Wort
kulīnā deśajāḥ prājñā
edelgeboren, im Land geboren, klug (Nom.Pl.)
rūpavanto bahuśrutāḥ
ansehnlich, vielgelehrt (Nom.Pl.)
pragalbhāś cānuraktāś ca
kühn und ergeben (Nom.Pl.)
te tava syuḥ paricchadāḥ
diese sollen dein Gefolge sein (Opt.3.Pl./Nom.Pl.)

dauṣkuleyāś ca lubdhāś ca nṛśaṃsā nirapatrapāḥ; te tvāṃ tāta niṣeveyur yāvad ārdrakapāṇayaḥ

Schlechtgeborene, Gierige, Grausame und Schamlose – diese werden dir, mein Kind, dienen, solange ihre Hände feucht sind [?].

Wort für Wort
dauṣkuleyāś ca lubdhāś ca
Schlechtgeborene und Gierige (Nom.Pl.)
nṛśaṃsā nirapatrapāḥ
grausam, schamlos (Nom.Pl.)
te tvāṃ tāta niṣeveyuḥ
diese würden dir dienen, Kind (Opt.3.Pl./Vok.)
yāvad ārdrakapāṇayaḥ
solange feuchte Hände habend (Nom.Pl., Bahuvrīhi)

ārdrakapāṇayaḥ: wohl „solange (durch Gaben) ihre Hände feucht sind“; Bezug unsicher.

arthamānārghyasatkārair bhogair uccāvacaiḥ priyān; yān arthabhājo manyethās te te syuḥ sukhabhāginaḥ

Die du – durch Besitz, Ehre, Wertschätzung, Ehrerweisungen und mannigfache Genüsse [dir] lieb geworden – als Anteilhaber am Gewinn ansiehst, gerade diese sollen des Glückes teilhaftig sein.

Wort für Wort
arthamānārghyasatkārair
durch Besitz, Ehre, Wertschätzung, Gastehren (Instr.Pl., Dvandva)
bhogair uccāvacaiḥ priyān
durch mannigfache Genüsse Liebe (Instr.Pl./Akk.Pl.)
yān arthabhājo manyethāḥ
die du als Anteilhaber am Gewinn ansehen magst (Rel.Akk./Opt.Med.2.Sg.)
te te syuḥ sukhabhāginaḥ
gerade diese sollen sein glückteilhaftig (Opt.3.Pl./Nom.Pl.)

abhinnavṛttā vidvāṃsaḥ sadvṛttāś caritavratāḥ; na tvāṃ nityārthino jahyur akṣudrāḥ satyavādinaḥ

Von unverbrüchlichem Verhalten, gelehrt, von gutem Wandel und mit erfüllten Gelübden, nicht kleinlich und wahrhaft im Reden: [solche] verlassen dich nicht, auch wenn sie stets [etwas] begehren.

Wort für Wort
abhinnavṛttā vidvāṃsaḥ
von ungebrochenem Verhalten, gelehrt (Nom.Pl.)
sadvṛttāś caritavratāḥ
von gutem Wandel, die Gelübde ausgeführt habend (Nom.Pl.)
na tvāṃ nityārthino jahyuḥ
sie würden dich nicht verlassen, stets Nutzen suchend (Opt.3.Pl./Nom.Pl.)
akṣudrāḥ satyavādinaḥ
nicht kleinlich, wahrhaft redend (Nom.Pl.)

anāryā ye na jānanti samayaṃ mandacetasaḥ

Unedle, die die Übereinkunft [die Regel] nicht kennen, Schwachsinnige [–]

Wort für Wort
anāryā ye na jānanti
Unedle, die nicht kennen (Nom.Pl./Rel./3.Pl.Präs.)
samayaṃ mandacetasaḥ
die Übereinkunft, geistesträge (Akk.Sg./Nom.Pl.)

Satz wird in n=12 fortgesetzt; n=11 (Zusatzvers) ist eingeschoben.

paricchadās tathāmātyā nedṛśāḥ syuḥ kathaṃ cana

Gefolge und Minister sollen auf keine Weise so beschaffen sein.

Wort für Wort
paricchadās tathāmātyāḥ
Gefolge und ebenso Minister (Nom.Pl.)
nedṛśāḥ syuḥ
nicht so beschaffen sollen sie sein (Opt.3.Pl.)
kathaṃ cana
auf irgendeine Weise (Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (star), zwischen die beiden Hälften von 084.009 eingeschoben.

tebhyaḥ pratijugupsethā jānīyāḥ samayacyutān

Vor ihnen sollst du dich hüten; du sollst sie als solche erkennen, die von der Übereinkunft abgefallen sind.

Wort für Wort
tebhyaḥ pratijugupsethāḥ
vor diesen sollst du dich schützen/hüten (Abl.Pl./Opt.Med.2.Sg.Desid.)
jānīyāḥ
du sollst erkennen (Opt.2.Sg.)
samayacyutān
von der Übereinkunft Abgefallene (Akk.Pl.)

naikam icched gaṇaṃ hitvā syāc ced anyataragrahaḥ; yas tv eko bahubhiḥ śreyān kāmaṃ tena gaṇaṃ tyajet

Man soll nicht einen einzelnen wünschen und dabei die Schar verlassen, wenn es auf das Ergreifen nur einer von zwei Seiten hinausliefe; wer aber als einzelner besser ist als viele, um dessentwillen mag man nach Belieben die Schar aufgeben [?].

Wort für Wort
naikam icched gaṇaṃ hitvā
nicht einen wünschen, die Schar verlassend (Opt.3.Sg./Abs.)
syāc ced anyataragrahaḥ
wenn es wäre ein Ergreifen einer von beiden (Opt.3.Sg./Nom.Sg.)
yas tv eko bahubhiḥ śreyān
wer aber allein besser ist als viele (Nom.Sg./Instr.Pl.)
kāmaṃ tena gaṇaṃ tyajet
nach Belieben mag man durch/für ihn die Schar aufgeben (Adv./Instr./Opt.)

Zweite Hälfte („tena“) und anyataragrahaḥ nicht sicher zu deuten.

śreyaso lakṣaṇaṃ hy etad vikramo yasya dṛśyate; kīrtipradhāno yaś ca syāt samaye yaś ca tiṣṭhati

Dies ist das Kennzeichen des Besseren: an wem Tatkraft zu sehen ist, wer den Ruhm an die erste Stelle setzt und wer bei der Übereinkunft [Satzung] bleibt.

Wort für Wort
śreyaso lakṣaṇaṃ hy etat
das Kennzeichen des Besseren ist dies (Gen.Sg./Nom.Sg.)
vikramo yasya dṛśyate
bei wem Tatkraft gesehen wird (Nom.Sg./Pass.3.Sg.)
kīrtipradhāno yaś ca syāt
und wer den Ruhm voranstellt (Nom.Sg., Bahuvrīhi/Opt.)
samaye yaś ca tiṣṭhati
und wer bei der Übereinkunft steht (Lok.Sg./3.Sg.Präs.)

samarthān pūjayed yaś ca nāspardhyaiḥ spardhate ca yaḥ; na ca kāmād bhayāt krodhāl lobhād vā dharmam utsṛjet

Und wer Fähige ehrt, mit Nicht-Ebenbürtigen nicht wetteifert und weder aus Begierde noch aus Furcht, Zorn oder Gier den Dharma aufgibt.

Wort für Wort
samarthān pūjayed yaś ca
und wer Fähige ehren würde (Akk.Pl./Opt.3.Sg.)
nāspardhyaiḥ spardhate ca yaḥ
und wer nicht mit Unebenbürtigen wetteifert (Instr.Pl./3.Sg.Med.)
na ca kāmād bhayāt krodhāl
und nicht aus Begierde, Furcht, Zorn (Abl.Sg.)
lobhād vā dharmam utsṛjet
oder aus Gier den Dharma aufgäbe (Abl./Akk./Opt.3.Sg.)

amānī satyavāk śakto jitātmā mānyamānitā; sa te mantrasahāyaḥ syāt sarvāvasthaṃ parīkṣitaḥ

Frei von Dünkel, wahrhaft im Wort, fähig, selbstbeherrscht, Ehrwürdige ehrend – der soll dein Ratgefährte sein, in jeder Lage erprobt.

Wort für Wort
amānī satyavāk śakto
ohne Dünkel, wahrhaft redend, fähig (Nom.Sg.)
jitātmā mānyamānitā
selbstbeherrscht, Verehrungswürdige ehrend (Nom.Sg.)
sa te mantrasahāyaḥ syāt
der soll dir Ratgefährte sein (Nom.Sg./Dat./Opt.3.Sg.)
sarvāvasthaṃ parīkṣitaḥ
in allen Lagen geprüft (Adv./Part.Pass.)

kulīnaḥ satyasaṃpannas titikṣur dakṣa ātmavān; śūraḥ kṛtajñaḥ satyaś ca śreyasaḥ pārtha lakṣaṇam

Edelgeboren, mit Wahrheit begabt, duldsam, tüchtig, seiner selbst mächtig, tapfer, dankbar und wahrhaftig: das ist das Kennzeichen des Besseren, Pārtha.

Wort für Wort
kulīnaḥ satyasaṃpannaḥ
edelgeboren, wahrheitsbegabt (Nom.Sg.)
titikṣur dakṣa ātmavān
duldsam, tüchtig, selbstbeherrscht (Nom.Sg.)
śūraḥ kṛtajñaḥ satyaś ca
tapfer, dankbar und wahrhaftig (Nom.Sg.)
śreyasaḥ pārtha lakṣaṇam
des Besseren Kennzeichen, Pārtha (Gen.Sg./Nom.Sg./Vok.)

tasyaivaṃ vartamānasya puruṣasya vijānataḥ; amitrāḥ saṃprasīdanti tato mitrībhavanty api

Wenn ein Mann sich so verhält und einsichtig ist, werden selbst Feinde ihm gnädig, und danach werden sie sogar zu Freunden.

Wort für Wort
tasyaivaṃ vartamānasya
bei ihm, der sich so verhält (Gen.Sg./Part.Präs.)
puruṣasya vijānataḥ
bei dem Mann, der einsichtig ist (Gen.Sg./Part.Präs.)
amitrāḥ saṃprasīdanti
Feinde werden gnädig/besänftigt (Nom.Pl./3.Pl.Präs.)
tato mitrībhavanty api
danach werden sie sogar zu Freunden (3.Pl.Präs.)

ata ūrdhvam amātyānāṃ parīkṣeta guṇāguṇān; saṃyatātmā kṛtaprajño bhūtikāmaś ca bhūmipaḥ

Danach soll der König die Vorzüge und Mängel der Minister prüfen, selbstbeherrscht, einsichtsvoll und Wohlstand wünschend.

Wort für Wort
ata ūrdhvam amātyānāṃ
von nun an, was die Minister betrifft (Adv./Gen.Pl.)
parīkṣeta guṇāguṇān
er soll prüfen die Vorzüge und Mängel (Opt.Med.3.Sg./Akk.Pl.)
saṃyatātmā kṛtaprajñaḥ
selbstbeherrscht, einsichtsvoll (Nom.Sg.)
bhūtikāmaś ca bhūmipaḥ
und Gedeihen wünschend, der König (Nom.Sg.)

Im Text kṛtaprajñaḥ (Nom.) in der Ausgabe kṛtaprajño; Lesung wie gedruckt.

saṃbaddhāḥ puruṣair āptair abhijātaiḥ svadeśajaiḥ; ahāryair avyabhīcāraiḥ sarvataḥ suparīkṣitaiḥ

[Sie sollen] mit zuverlässigen Männern verbunden sein, mit Hochgeborenen aus dem eigenen Land, mit Unbestechlichen, nicht Abtrünnigen, von allen Seiten wohlgeprüften.

Wort für Wort
saṃbaddhāḥ puruṣair āptaiḥ
verbunden mit zuverlässigen Männern (Nom.Pl./Instr.Pl.)
abhijātaiḥ svadeśajaiḥ
mit Hochgeborenen, im eigenen Land Geborenen (Instr.Pl.)
ahāryair avyabhīcāraiḥ
mit Unbestechlichen, nicht Untreuen (Instr.Pl.)
sarvataḥ suparīkṣitaiḥ
allseits wohlgeprüften (Adv./Instr.Pl.)

Syntax der Strophe elliptisch (Minister als Bezugswort ergänzt).

yodhāḥ srauvās tathā maulās tathaivānye 'py avaskṛtāḥ; kartavyā bhūtikāmena puruṣeṇa bubhūṣatā

Krieger, srauva [?] wie maula [erbliche] und ebenso andere, die avaskṛta [?] sind, soll ein Mann, der nach Wohlstand strebt und groß werden will, [aufstellen].

Wort für Wort
yodhāḥ srauvās tathā maulās
Krieger, srauva [?], ebenso einheimisch/erblich (Nom.Pl.)
tathaivānye 'py avaskṛtāḥ
und ebenso auch andere, avaskṛta [?] (Nom.Pl./Part.Pass.)
kartavyā bhūtikāmena
sind zu machen von einem, der Gedeihen wünscht (Gerundiv/Instr.Sg.)
puruṣeṇa bubhūṣatā
von dem Mann, der werden/gedeihen will (Instr.Sg./Part.Desid.)

srauvāḥ und avaskṛtāḥ unsicher (vielleicht „Söldner“ bzw. „eingesetzt/versorgt“).

yeṣāṃ vainayikī buddhiḥ prakṛtā caiva śobhanā; tejo dhairyaṃ kṣamā śaucam anurāga sthitir dhṛtiḥ

[Solche,] deren Verstand geschult und von Natur schön ist, [die] Glanz, Festigkeit, Nachsicht, Lauterkeit, Zuneigung, Beständigkeit und Ausdauer [besitzen] –

Wort für Wort
yeṣāṃ vainayikī buddhiḥ
deren geschulter Verstand (Rel.Gen.Pl./Nom.Sg.f.)
prakṛtā caiva śobhanā
und natürlich, schön (Nom.Sg.f.)
tejo dhairyaṃ kṣamā śaucam
Glanz, Festigkeit, Nachsicht, Lauterkeit (Nom.Sg.)
anurāga sthitir dhṛtiḥ
Zuneigung, Beständigkeit, Ausdauer (Nom.Sg.)

Der Satz läuft in n=23 weiter.

parīkṣitaguṇān nityaṃ prauḍhabhāvān dhuraṃdharān; pañcopadhāvyatītāṃś ca kuryād rājārthakāriṇaḥ

Männer, deren Eigenschaften stets erprobt sind, die gereift, lastentragend und über die fünf Prüfungen hinaus sind, soll er zu Vollstreckern der Königsgeschäfte machen.

Wort für Wort
parīkṣitaguṇān nityaṃ
deren Eigenschaften geprüft sind, stets (Akk.Pl./Adv.)
prauḍhabhāvān dhuraṃdharān
gereift, lastentragend (Akk.Pl.)
pañcopadhāvyatītāṃś ca
und die fünf Prüfungen bestanden habend (Akk.Pl.)
kuryād rājārthakāriṇaḥ
er soll machen zu Ausführern der Königsangelegenheiten (Opt.3.Sg./Akk.Pl.)

pañcopadhā: die fünf Redlichkeitsprüfungen (Verständnis wohl nach Arthaśāstra-Tradition, hier nicht ausgeführt).

paryāptavacanān vīrān pratipattiviśāradān; kulīnān satyasaṃpannān iṅgitajñān aniṣṭhurān

Männer von genügender Rede, Helden, in der Entscheidung [Handlungsweise] bewandert, Edelgeborene, wahrheitsbegabt, Winke deutend und nicht hart –

Wort für Wort
paryāptavacanān vīrān
von zureichender Rede, Helden (Akk.Pl.)
pratipattiviśāradān
in der Entscheidung/Umsetzung bewandert (Akk.Pl.)
kulīnān satyasaṃpannān
Edelgeborene, wahrheitsbegabt (Akk.Pl.)
iṅgitajñān aniṣṭhurān
Winke [Mienen] kennend, nicht hart (Akk.Pl.)

deśakālavidhānajñān bhartṛkāryahitaiṣiṇaḥ; nityam artheṣu sarveṣu rājā kurvīta mantriṇaḥ

[Männer,] die Ort, Zeit und Vorgehensweise kennen und das Wohl der Angelegenheiten ihres Herrn wünschen – solche soll der König stets für alle Aufgaben zu Ratgebern machen.

Wort für Wort
deśakālavidhānajñān
Ort, Zeit und Vorgehen kennend (Akk.Pl.)
bhartṛkāryahitaiṣiṇaḥ
das Nützliche für des Herrn Geschäfte wünschend (Akk.Pl.)
nityam artheṣu sarveṣu
stets für alle Angelegenheiten (Adv./Lok.Pl.)
rājā kurvīta mantriṇaḥ
der König soll zu Ratgebern machen (Nom.Sg./Opt.Med.3.Sg./Akk.Pl.)

hīnatejā hy asaṃhṛṣṭo naiva jātu vyavasyati; avaśyaṃ janayaty eva sarvakarmasu saṃśayān

Wer arm an Tatkraft und unfroh ist, entschließt sich niemals; er erzeugt unweigerlich bei allen Unternehmungen Zweifel.

Wort für Wort
hīnatejā hy asaṃhṛṣṭo
arm an Energie und unfroh (Nom.Sg.)
naiva jātu vyavasyati
er entschließt sich durchaus niemals (3.Sg.Präs.)
avaśyaṃ janayaty eva
er erzeugt notwendigerweise (Adv./3.Sg.Kaus.)
sarvakarmasu saṃśayān
bei allen Werken Zweifel (Lok.Pl./Akk.Pl.)

evam alpaśruto mantrī kalyāṇābhijano 'py uta; dharmārthakāmayukto 'pi nālaṃ mantraṃ parīkṣitum

So ist auch ein Ratgeber, der wenig gelehrt ist, selbst wenn er aus edler Familie stammt und mit Dharma, Artha und Kāma verbunden ist, nicht imstande, einen Rat zu prüfen.

Wort für Wort
evam alpaśruto mantrī
ebenso ein wenig gelehrter Ratgeber (Nom.Sg.)
kalyāṇābhijano 'py uta
aus edler Abkunft, auch wenn (Nom.Sg./Part.)
dharmārthakāmayukto 'pi
auch mit Dharma, Artha, Kāma verbunden (Nom.Sg.)
nālaṃ mantraṃ parīkṣitum
ist nicht imstande, einen Rat zu prüfen (Adv./Akk.Sg./Inf.)

tathaivānabhijāto 'pi kāmam astu bahuśrutaḥ; anāyaka ivācakṣur muhyaty ūhyeṣu karmasu

Ebenso mag einer, der nicht von edler Herkunft ist, gern vielgelehrt sein; [doch] wie ein Blinder ohne Führer wird er bei zu erwägenden Handlungen verwirrt.

Wort für Wort
tathaivānabhijāto 'pi
ebenso auch ein nicht Hochgeborener (Nom.Sg.)
kāmam astu bahuśrutaḥ
meinetwegen sei er vielgelehrt (Adv./Imp.3.Sg./Nom.Sg.)
anāyaka ivācakṣur
wie ein Blinder ohne Führer (Nom.Sg.)
muhyaty ūhyeṣu karmasu
er wird verwirrt bei zu erwägenden Handlungen (3.Sg.Präs./Lok.Pl.)

yo vā hy asthirasaṃkalpo buddhimān āgatāgamaḥ; upāyajño 'pi nālaṃ sa karma yāpayituṃ ciram

Oder wer im Entschluss unbeständig ist, klug [und] in der Überlieferung erfahren, dazu mittelkundig, vermag ebenfalls ein Werk nicht lange durchzuführen.

Wort für Wort
yo vā hy asthirasaṃkalpo
oder wer unbeständigen Entschluss hat (Nom.Sg.)
buddhimān āgatāgamaḥ
klug, der Überlieferung erfahren [?] (Nom.Sg.)
upāyajño 'pi nālaṃ sa
auch Mittelkundiger, nicht imstande, dieser (Nom.Sg./Adv.)
karma yāpayituṃ ciram
ein Werk durchzuführen, lange (Akk.Sg./Inf.Kaus./Adv.)

kevalāt punar ācārāt karmaṇo nopapadyate; parimarśo viśeṣāṇām aśrutasyeha durmateḥ

Allein aus bloßem Verhalten aber ergibt sich [keine Eignung] zum Amt/Werk [?]; eine Unterscheidung der Feinheiten gibt es hier nicht bei einem Unbelehrten, Schlechtgesinnten.

Wort für Wort
kevalāt punar ācārāt
aus bloßem aber Verhalten (Abl.Sg.)
karmaṇo nopapadyate
zum Werk/Amt [?] ergibt sich nicht (Gen./Dat.; 3.Sg.Med.)
parimarśo viśeṣāṇām
die Prüfung/Erwägung der Besonderheiten (Nom.Sg., Gen.Pl.)
aśrutasyeha durmateḥ
beim Unbelehrten hier, Schlechtgesinnten (Gen.Sg.)

Syntax des ersten Pādas knapp und unsicher; Ergänzung von [keine Eignung] sinngemäß.

mantriṇy ananurakte tu viśvāso na hi vidyate; tasmād ananuraktāya naiva mantraṃ prakāśayet

Bei einem Ratgeber aber, der nicht ergeben ist, gibt es kein Vertrauen; darum soll man einem Nicht-Ergebenen niemals einen Rat offenbaren.

Wort für Wort
mantriṇy ananurakte tu
bei einem nicht ergebenen Ratgeber aber (Lok.Sg.)
viśvāso na hi vidyate
Vertrauen gibt es ja nicht (Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.)
tasmād ananuraktāya
darum dem Nicht-Ergebenen (Abl./Dat.Sg.)
naiva mantraṃ prakāśayet
soll niemals den Rat offenbaren (Opt.Kaus.)

vyathayed dhi sa rājānaṃ mantribhiḥ sahito 'nṛjuḥ; mārutopahatacchidraiḥ praviśyāgnir iva drumam

Denn der Unaufrichtige, mit [anderen] Ratgebern verbunden, würde den König quälen, wie Feuer, das durch die vom Wind geschlagenen Öffnungen in einen Baum eindringt.

Wort für Wort
vyathayed dhi sa rājānam
er würde ja den König quälen (Opt.Kaus.; Akk.Sg.)
mantribhiḥ sahito 'nṛjuḥ
mit Ratgebern verbunden, der Unaufrichtige (Instr.Pl.; Nom.Sg.)
mārutopahatacchidraiḥ
durch die vom Wind getroffenen Öffnungen (Kompositum, Instr.Pl.)
praviśyāgnir iva drumam
eingedrungen, wie Feuer, in einen Baum (Abs.; Nom.Sg.; Akk.Sg.)

saṃkrudhyaty ekadā svāmī sthānāc caivāpakarṣati; vācā kṣipati saṃrabdhas tataḥ paścāt prasīdati

Der Herr wird einmal zornig, setzt [sie] von ihrer Stellung ab, schmäht [sie] in Erregung mit Worten; danach aber wird er wieder gnädig.

Wort für Wort
saṃkrudhyaty ekadā svāmī
wird zornig einmal der Herr (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
sthānāc caivāpakarṣati
und von der Stellung zieht [sie] ab (Abl.Sg.; 3.Sg.Präs.)
vācā kṣipati saṃrabdhaḥ
mit Worten schmäht er, erregt (Instr.Sg.; 3.Sg.; Part.Pf.Pass.)
tataḥ paścāt prasīdati
dann danach wird er gnädig (3.Sg.Präs.)

tāni tāny anuraktena śakyāny anutitikṣitum; mantriṇāṃ ca bhavet krodho visphūrjitam ivāśaneḥ

Dies und jenes kann ein Ergebener ertragen; bei den Ratgebern aber mag Zorn aufkommen wie das Krachen des Blitzes.

Wort für Wort
tāni tāny anuraktena
dies und jenes durch einen Ergebenen (Nom./Akk.Pl.n.; Instr.Sg.)
śakyāny anutitikṣitum
ist zu ertragen möglich, ertragen zu können (Gerundiv; Inf.)
mantriṇāṃ ca bhavet krodhaḥ
und bei Ratgebern möge Zorn sein (Gen.Pl.; Opt.; Nom.Sg.)
visphūrjitam ivāśaneḥ
wie das Krachen des Blitzes (Nom.Sg.n.; Gen.Sg.)

mantriṇāṃ krodhaḥ wörtlich „der Zorn der Ratgeber“; Bezug unklar.

yas tu saṃharate tāni bhartuḥ priyacikīrṣayā; samānasukhaduḥkhaṃ taṃ pṛcched artheṣu mānavam

Wer aber dieses alles in sich aufnimmt aus dem Wunsch, dem Herrn Liebes zu tun, den Mann, der Freud und Leid teilt, soll man in den Angelegenheiten befragen.

Wort für Wort
yas tu saṃharate tāni
wer aber in sich zusammennimmt dies (Nom.Sg.; 3.Sg.Med.; Akk.Pl.n.)
bhartuḥ priyacikīrṣayā
aus Wunsch, dem Herrn Liebes zu tun (Gen.Sg.; Instr.Sg.)
samānasukhaduḥkhaṃ taṃ
ihn, der gleiches Glück und Leid hat (Akk.Sg.)
pṛcched artheṣu mānavam
man soll befragen in den Angelegenheiten den Mann (Opt.; Lok.Pl.; Akk.Sg.)

anṛjus tv anurakto 'pi saṃpannaś cetarair guṇaiḥ; rājñaḥ prajñānayukto 'pi na mantraṃ śrotum arhati

Ein Unaufrichtiger aber, auch wenn er ergeben und mit den übrigen Vorzügen ausgestattet ist, selbst wenn er des Königs Einsicht und Staatsklugheit besitzt [?], verdient es nicht, den Rat zu hören.

Wort für Wort
anṛjus tv anurakto 'pi
ein Unaufrichtiger aber, auch wenn ergeben (Nom.Sg.)
saṃpannaś cetarair guṇaiḥ
und ausgestattet mit den anderen Vorzügen (Part.; Instr.Pl.)
rājñaḥ prajñānayukto 'pi
auch des Königs [?], mit Einsicht und Klugheit verbunden (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
na mantraṃ śrotum arhati
verdient nicht, den Rat zu hören (Inf.; 3.Sg.Präs.)

yo 'mitraiḥ saha saṃbaddho na paurān bahu manyate; sa suhṛt tādṛśo rājño na mantraṃ śrotum arhati

Wer mit Feinden verbunden ist und die Städter nicht hoch schätzt: ein solcher Freund des Königs verdient es nicht, den Rat zu hören.

Wort für Wort
yo 'mitraiḥ saha saṃbaddhaḥ
wer mit Feinden zusammen verbunden ist (Instr.Pl.; Part.)
na paurān bahu manyate
die Städter nicht hoch schätzt (Akk.Pl.; 3.Sg.Med.)
sa suhṛt tādṛśo rājñaḥ
dieser Freund, ein solcher, des Königs (Nom.Sg.; Gen.Sg.)
na mantraṃ śrotum arhati
verdient nicht, den Rat zu hören

avidvān aśuciḥ stabdhaḥ śatrusevī vikatthanaḥ; sa suhṛt krodhano lubdho na mantraṃ śrotum arhati

Unwissend, unrein, starr, Diener der Feinde, ein Prahler, jähzornig, gierig: ein solcher Freund verdient es nicht, den Rat zu hören.

Wort für Wort
avidvān aśuciḥ stabdhaḥ
unwissend, unrein, starr/hochmütig (Nom.Sg.)
śatrusevī vikatthanaḥ
Feindesdiener, Prahler (Nom.Sg.)
sa suhṛt krodhano lubdhaḥ
dieser Freund, zornig, gierig (Nom.Sg.)
na mantraṃ śrotum arhati
verdient nicht, den Rat zu hören

āgantuś cānurakto 'pi kāmam astu bahuśrutaḥ; satkṛtaḥ saṃvibhakto vā na mantraṃ śrotum arhati

Auch ein Zugereister, wenn er ergeben ist, mag meinetwegen sehr gelehrt sein, sei er geehrt oder [mit Gütern] bedacht: er verdient es nicht, den Rat zu hören.

Wort für Wort
āgantuś cānurakto 'pi
und ein Zugereister, auch wenn ergeben (Nom.Sg.)
kāmam astu bahuśrutaḥ
meinetwegen sei er sehr gelehrt (Adv.; Imp.; Nom.Sg.)
satkṛtaḥ saṃvibhakto vā
geehrt oder beteilt (Part.Pass.; Nom.Sg.)
na mantraṃ śrotum arhati
verdient nicht, den Rat zu hören

vidharmato viprakṛtaḥ pitā yasyābhavat purā; satkṛtaḥ sthāpitaḥ so 'pi na mantraṃ śrotum arhati

Auch wer, dessen Vater einst gegen das Recht gekränkt worden war, [nun] geehrt und eingesetzt ist: er verdient es nicht, den Rat zu hören.

Wort für Wort
vidharmato viprakṛtaḥ
gegen das Recht gekränkt (Abl.-Adv.; Part.Pass.)
pitā yasyābhavat purā
dessen Vater es einst war (Nom.Sg.; Rel.Gen.; Impf.)
satkṛtaḥ sthāpitaḥ so 'pi
geehrt, eingesetzt, auch er (Part.Pass.; Nom.Sg.)
na mantraṃ śrotum arhati
verdient nicht, den Rat zu hören

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

yas tv alpenāpi kāryeṇa sakṛd ākṣārito bhavet; punar anyair guṇair yukto na mantraṃ śrotum arhati

Wer aber schon wegen einer geringen Sache einmal bezichtigt [?] wurde, ist, auch wenn er mit anderen Vorzügen verbunden ist, nicht würdig, den Rat zu hören.

Wort für Wort
yas tv alpenāpi kāryeṇa
wer aber schon durch eine geringe Angelegenheit (Instr.Sg.)
sakṛd ākṣārito bhavet
einmal bezichtigt [?] worden sein mag (Part.Kaus.; Opt.)
punar anyair guṇair yuktaḥ
wiederum mit anderen Vorzügen verbunden (Instr.Pl.; Part.)
na mantraṃ śrotum arhati
verdient nicht, den Rat zu hören

ākṣārita: Bedeutung unsicher (beschuldigt/geschmäht).

kṛtaprajñaś ca medhāvī budho jānapadaḥ śuciḥ; sarvakarmasu yaḥ śuddhaḥ sa mantraṃ śrotum arhati

Wer einsichtig ist, klug, weise, im Land geboren, rein und in allen Handlungen lauter: der verdient es, den Rat zu hören.

Wort für Wort
kṛtaprajñaś ca medhāvī
und der Einsicht Geschulte, klug (Nom.Sg.)
budho jānapadaḥ śuciḥ
weise, aus dem Landesteil stammend, rein (Nom.Sg.)
sarvakarmasu yaḥ śuddhaḥ
wer in allen Handlungen lauter ist (Lok.Pl.; Nom.Sg.)
sa mantraṃ śrotum arhati
der verdient, den Rat zu hören

jñānavijñānasaṃpannaḥ prakṛtijñaḥ parātmanoḥ; suhṛd ātmasamo rājñaḥ sa mantraṃ śrotum arhati

Wer mit Wissen und Erkenntnis begabt ist, die Wesensart des Fremden und seiner selbst kennt, dem König Freund und ihm gleich wie das eigene Selbst: der verdient es, den Rat zu hören.

Wort für Wort
jñānavijñānasaṃpannaḥ
mit Wissen und Erkenntnis ausgestattet (Nom.Sg.)
prakṛtijñaḥ parātmanoḥ
Kenner der Wesensart des Anderen und des Selbst (Nom.Sg.; Gen.Du.)
suhṛd ātmasamo rājñaḥ
Freund, dem Selbst gleich, des Königs (Nom.Sg.; Gen.Sg.)
sa mantraṃ śrotum arhati
der verdient, den Rat zu hören

satyavāk śīlasaṃpanno gambhīraḥ satrapo mṛduḥ; pitṛpaitāmaho yaḥ syāt sa mantraṃ śrotum arhati

Wahrhaftig im Wort, von gutem Charakter, tiefgründig, bescheiden, sanft, wer von Vater und Großvater her [im Dienst] ist: der verdient es, den Rat zu hören.

Wort für Wort
satyavāk śīlasaṃpannaḥ
wahrhaftig im Wort, mit Charakter ausgestattet (Nom.Sg.)
gambhīraḥ satrapo mṛduḥ
tiefgründig, bescheiden, sanft (Nom.Sg.)
pitṛpaitāmaho yaḥ syāt
wer von Vater und Großvater her ist (Nom.Sg.; Opt.)
sa mantraṃ śrotum arhati
der verdient, den Rat zu hören

saṃtuṣṭaḥ saṃmataḥ satyaḥ śauṭīro dveṣyapāpakaḥ; mantravit kālavic chūraḥ sa mantraṃ śrotum arhati

Zufrieden, angesehen, wahrhaftig, tapfer, dem Böses verhasst ist [?], ratkundig, zeitkundig, ein Held: der verdient es, den Rat zu hören.

Wort für Wort
saṃtuṣṭaḥ saṃmataḥ satyaḥ
zufrieden, angesehen, wahrhaftig (Nom.Sg.)
śauṭīro dveṣyapāpakaḥ
tapfer, dem Böses verhasst [?] (Nom.Sg.)
mantravit kālavic chūraḥ
ratkundig, zeitkundig, Held (Nom.Sg.)
sa mantraṃ śrotum arhati
der verdient, den Rat zu hören

dveṣyapāpakaḥ unsicher (etwa: der das Böse hasst / Übeltäter verabscheut).

sarvalokaṃ samaṃ śaktaḥ sāntvena kurute vaśe; tasmai mantraḥ prayoktavyo daṇḍam ādhitsatā nṛpa

Wer die ganze Welt gleichmäßig durch Freundlichkeit in seine Gewalt bringt und dazu fähig ist: ihm soll der Rat anvertraut werden, wenn man Strafe verhängen will, o König.

Wort für Wort
sarvalokaṃ samaṃ śaktaḥ
die ganze Welt gleichmäßig, fähig (Akk.Sg.; Nom.Sg.)
sāntvena kurute vaśe
durch Freundlichkeit macht er sich gefügig (Instr.Sg.; 3.Sg.Med.; Lok.)
tasmai mantraḥ prayoktavyaḥ
ihm ist der Rat anzuwenden/anzuvertrauen (Dat.Sg.; Gerundiv)
daṇḍam ādhitsatā nṛpa
von einem, der Strafe verhängen will, o König (Akk.Sg.; Part.Des.Instr.; Vok.)

paurajānapadā yasmin viśvāsaṃ dharmato gatāḥ; yoddhā nayavipaścic ca sa mantraṃ śrotum arhati

In den die Städter und Landbewohner dem Recht gemäß Vertrauen gesetzt haben, ein Krieger und in der Staatsklugheit gelehrt: der verdient es, den Rat zu hören.

Wort für Wort
paurajānapadā yasmin
Städter und Landbewohner, in dem (Nom.Pl.; Lok.Sg.)
viśvāsaṃ dharmato gatāḥ
Vertrauen dem Recht gemäß gefasst haben (Akk.Sg.; Part.Pf.)
yoddhā nayavipaścic ca
und ein Krieger, in Staatsklugheit gelehrt (Nom.Sg.)
sa mantraṃ śrotum arhati
der verdient, den Rat zu hören

tasmāt sarvair guṇair etair upapannāḥ supūjitāḥ; mantriṇaḥ prakṛtijñāḥ syus tryavarā mahad īpsavaḥ

Darum sollen die Ratgeber mit allen diesen Vorzügen ausgestattet, wohl geehrt, Kenner der Wesensart [des Volkes], mindestens drei an der Zahl und nach Großem strebend sein.

Wort für Wort
tasmāt sarvair guṇair etaiḥ
darum mit allen diesen Vorzügen (Instr.Pl.)
upapannāḥ supūjitāḥ
ausgestattet, wohl geehrt (Nom.Pl.)
mantriṇaḥ prakṛtijñāḥ syuḥ
Ratgeber, Kenner der Wesensart sollen sein (Nom.Pl.; Opt.)
tryavarā mahad īpsavaḥ
mindestens drei, Großes erstrebend (Nom.Pl.)

svāsu prakṛtiṣu chidraṃ lakṣayeran parasya ca; mantriṇo mantramūlaṃ hi rājño rāṣṭraṃ vivardhate

Sie sollen die Schwächen in den eigenen Bestandteilen [des Staates] und in denen des Feindes erkennen; denn die Ratgeber sind die Wurzel des Rates, [und] durch ihn wächst dem König das Reich.

Wort für Wort
svāsu prakṛtiṣu chidram
in den eigenen Grundlagen die Lücke (Lok.Pl.; Akk.Sg.)
lakṣayeran parasya ca
sollen erkennen und des Anderen (Opt.Med.; Gen.Sg.)
mantriṇo mantramūlaṃ hi
die Ratgeber sind ja die Wurzel des Rates (Nom.Pl.; Kompositum)
rājño rāṣṭraṃ vivardhate
des Königs Reich wächst (Gen.Sg.; Nom.Sg.; 3.Sg.Med.)

Zweiter Halbvers syntaktisch knapp; „durch ihn“ ergänzt.

nāsya chidraṃ paraḥ paśyec chidreṣu param anviyāt; gūhet kūrma ivāṅgāni rakṣed vivaram ātmanaḥ

Kein Feind soll seine Lücke sehen; in den Lücken des Feindes soll er nachsetzen; wie die Schildkröte soll er die Glieder verbergen [und] seine Blöße schützen.

Wort für Wort
nāsya chidraṃ paraḥ paśyet
nicht seine Lücke soll der Feind sehen (Gen.Sg.; Nom.Sg.; Opt.)
chidreṣu param anviyāt
in den Lücken den Feind soll er verfolgen (Lok.Pl.; Akk.Sg.; Opt.)
gūhet kūrma ivāṅgāni
soll verbergen wie die Schildkröte die Glieder (Opt.; Akk.Pl.)
rakṣed vivaram ātmanaḥ
soll schützen die Blöße seiner selbst (Opt.; Akk.Sg.; Gen.Sg.)

mantragrāhā hi rājyasya mantriṇo ye manīṣiṇaḥ; mantrasaṃhanano rājā mantrāṅgānītaro janaḥ

Denn die Ratgeber, die Weisen, sind die Bewahrer des Rates des Reiches; der König ist der Leib des Rates, die übrigen Leute sind die Glieder des Rates.

Wort für Wort
mantragrāhā hi rājyasya
Rat-Halter ja des Reiches (Nom.Pl.; Gen.Sg.)
mantriṇo ye manīṣiṇaḥ
die Ratgeber, die weise sind (Nom.Pl.)
mantrasaṃhanano rājā
der König ist der Rat-Körper (Nom.Sg.)
mantrāṅgānītaro janaḥ
Rat-Glieder, die übrigen Leute (Nom.Pl.n.; Nom.Sg.)

rājyaṃ praṇidhimūlaṃ hi mantrasāraṃ pracakṣate; svāminaṃ tv anuvartanti vṛttyartham iha mantriṇaḥ

Das Reich, sagt man, hat die Späher zur Wurzel und den Rat zum Kern; dem Herrn aber folgen die Ratgeber hier um des Lebensunterhalts willen.

Wort für Wort
rājyaṃ praṇidhimūlaṃ hi
das Reich ist ja spähergewurzelt (Nom.Sg.)
mantrasāraṃ pracakṣate
ratkernig, sagt man (3.Pl.Med.)
svāminaṃ tv anuvartanti
dem Herrn aber folgen (Akk.Sg.; 3.Pl.)
vṛttyartham iha mantriṇaḥ
um des Unterhalts willen hier die Ratgeber (Adv.; Nom.Pl.)

sa vinīya madakrodhau mānam īrṣyāṃ ca nirvṛtaḥ; nityaṃ pañcopadhātītair mantrayet saha mantribhiḥ

Nachdem er Rausch und Zorn, Stolz und Neid bezwungen hat, soll er, gelassen, stets mit den Ratgebern beraten, die die fünf Gefährdungen überschritten haben.

Wort für Wort
sa vinīya madakrodhau
er, nachdem er Rausch und Zorn gebändigt (Abs.; Akk.Du.)
mānam īrṣyāṃ ca nirvṛtaḥ
Stolz und Neid, beruhigt (Akk.Sg.; Nom.Sg.)
nityaṃ pañcopadhātītaiḥ
stets mit denen, die die fünf Prüfungen/Gefährdungen überschritten haben [?] (Instr.Pl.)
mantrayet saha mantribhiḥ
soll beraten zusammen mit Ratgebern (Opt.; Instr.Pl.)

pañcopadhā: die fünf Prüfungen bzw. Versuchungen; genaue Bedeutung hier nicht ausgeführt.

teṣāṃ trayāṇāṃ vividhaṃ vimarśaṃ; budhyeta cittaṃ viniveśya tatra; svaniścayaṃ taṃ paraniścayaṃ ca; nivedayed uttaramantrakāle

Deren dreier verschiedene Erwägung soll er begreifen, den Sinn darauf richtend; seinen eigenen Entschluss und den des anderen soll er zur Zeit der späteren Beratung mitteilen.

Wort für Wort
teṣāṃ trayāṇāṃ vividhaṃ vimarśam
von diesen dreien die vielfältige Erwägung (Gen.Pl.; Akk.Sg.)
budhyeta cittaṃ viniveśya tatra
er soll erfassen, den Sinn dorthin gerichtet (Opt.Med.; Abs.)
svaniścayaṃ taṃ paraniścayaṃ ca
seinen Entschluss und den des Anderen (Akk.Sg.)
nivedayed uttaramantrakāle
soll mitteilen zur Zeit der späteren Beratung (Opt.Kaus.; Lok.Sg.)

taṃ (Akk.) vermutlich Demonstrativ zu niścaya; Versteil schwierig.

dharmārthakāmajñam upetya pṛcched; yukto guruṃ brāhmaṇam uttamārtham; niṣṭhā kṛtā tena yadā saha syāt; taṃ tatra mārgaṃ praṇayed asaktam

Den Kenner von Dharma, Artha und Kāma soll er, sich [ihm] nähernd, befragen, gesammelt, einen Lehrer, einen Brahmanen, nach dem höchsten Ziel; wenn mit diesem eine Entscheidung getroffen ist, dann soll er jenen Weg ohne Anhaften einschlagen.

Wort für Wort
dharmārthakāmajñam upetya pṛcchet
den Kenner von Recht, Nutzen, Lust, sich nähernd, soll er fragen (Akk.Sg.; Abs.; Opt.)
yukto guruṃ brāhmaṇam uttamārtham
gesammelt, den Lehrer, den Brahmanen, um das höchste Ziel (Nom.Sg.; Akk.Sg.)
niṣṭhā kṛtā tena yadā saha syāt
wenn mit ihm ein Entschluss gefasst sein mag (Nom.Sg.; Part.; Opt.)
taṃ tatra mārgaṃ praṇayed asaktam
jenen Weg dann soll er einschlagen, ohne Anhaften (Akk.Sg.; Opt.; Adv.)

evaṃ sadā mantrayitavyam āhur; ye mantratattvārthaviniścayajñāḥ; tasmāt tvam evaṃ praṇayeḥ sadaiva; mantraṃ prajāsaṃgrahaṇe samartham

So soll man stets beraten, sagen die, die den Kern und Sinn des Rates sicher kennen; darum sollst auch du stets so den Rat führen, der zur Gewinnung der Untertanen geeignet ist.

Wort für Wort
evaṃ sadā mantrayitavyam āhuḥ
so soll man stets beraten, sagen sie (Gerundiv; 3.Pl.Pf.)
ye mantratattvārthaviniścayajñāḥ
die, die die sichere Kenntnis von Kern und Sinn des Rates haben (Nom.Pl.)
tasmāt tvam evaṃ praṇayeḥ sadaiva
darum sollst du so stets leiten (2.Sg.Opt.)
mantraṃ prajāsaṃgrahaṇe samartham
den Rat, der zur Gewinnung der Untertanen geeignet ist (Akk.Sg.; Lok.Sg.)

na vāmanāḥ kubjakṛśā na khañjā; nāndhā jaḍāḥ strī na napuṃsakaṃ ca; na cātra tiryaṅ na puro na paścān; nordhvaṃ na cādhaḥ pracareta kaś cit

Weder Zwerge noch Buckelige oder Abgemagerte, noch Lahme, weder Blinde noch Stumpfsinnige, keine Frau und kein Eunuch; auch soll hier niemand seitlich, vor, hinter, oberhalb oder unterhalb herumgehen.

Wort für Wort
na vāmanāḥ kubjakṛśā
nicht Zwerge, Buckelige und Abgemagerte (Nom.Pl.)
na khañjā nāndhā jaḍāḥ
nicht Lahme, nicht Blinde, Stumpfe (Nom.Pl.)
strī na napuṃsakaṃ ca
keine Frau, und kein Eunuch (Nom.Sg.)
na cātra tiryaṅ na puro na paścāt
und nicht hier seitlich, nicht vorn, nicht hinten (Adv.)
nordhvaṃ na cādhaḥ pracareta kaś cit
nicht oben, nicht unten soll herumgehen irgendwer (Opt.; Nom.Sg.)

Bezug der Aufzählung sinngemäß: diese dürfen nicht [bei der Beratung zugegen sein].

āruhya vātāyanam eva śūnyaṃ; sthalaṃ prakāśaṃ kuśakāśahīnam; vāgaṅgadoṣān parihṛtya mantraṃ; saṃmantrayet kāryam ahīnakālam

Nachdem er einen leeren Söller bestiegen hat, einen offenen Platz ohne Kuśa- und Kāśa-Gras, soll er die Angelegenheit beraten, indem er Fehler der Rede und der Gebärde meidet, zu einer Zeit, die nichts versäumt.

Wort für Wort
āruhya vātāyanam eva śūnyam
nach dem Besteigen eines leeren Söllers/Fensterbalkons (Abs.; Akk.Sg.)
sthalaṃ prakāśaṃ kuśakāśahīnam
einen offenen Platz, ohne Kuśa- und Kāśa-Gras (Akk.Sg.)
vāgaṅgadoṣān parihṛtya mantraṃ
Fehler der Rede und Glieder/Gebärden meidend, den Rat (Akk.Pl.; Abs.)
saṃmantrayet kāryam ahīnakālam
soll er beraten die Sache zur nicht versäumten Zeit (Opt.; Akk.Sg.; Adv.)

vātāyana: Söller oder Dachfenster; ahīnakālam sinngemäß „ohne Zeit zu verlieren“.

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