Kapitel 84: mantrisahāyaparīkṣā mantraguptiś ca
Eigenschaften der Ratsmitglieder und Minister und Wahrung des geheimen Rates
Bhīṣma belehrt Yudhiṣṭhira, wie der König Gefährten, Gefolge und Minister auswählt und prüft und wem er seinen Rat anvertrauen darf; es folgen Regeln für die Beratung selbst.
Bhīṣma sprach: „Die Guten, stets durch Scham [vom Unrechten] zurückgehalten, mit Wahrhaftigkeit und Geradheit ausgestattet und fähig, richtig zu reden – die sollen deine Ratsmitglieder sein.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
hrīniṣedhāḥ sadā santaḥ
durch Scham [vom Bösen] zurückgehalten, stets, die Guten (Nom.Pl.)
satyārjavasamanvitāḥ
mit Wahrheit und Geradheit ausgestattet (Nom.Pl.)
śaktāḥ kathayituṃ samyak
fähig, richtig zu reden (Nom.Pl./Inf.)
te tava syuḥ sabhāsadaḥ
diese sollen dir Ratsmitglieder sein (Opt.3.Pl./Nom.Pl.)
arthamānārghyasatkārair bhogair uccāvacaiḥ priyān; yān arthabhājo manyethās te te syuḥ sukhabhāginaḥ
Die du – durch Besitz, Ehre, Wertschätzung, Ehrerweisungen und mannigfache Genüsse [dir] lieb geworden – als Anteilhaber am Gewinn ansiehst, gerade diese sollen des Glückes teilhaftig sein.
Wort für Wort
arthamānārghyasatkārair
durch Besitz, Ehre, Wertschätzung, Gastehren (Instr.Pl., Dvandva)
bhogair uccāvacaiḥ priyān
durch mannigfache Genüsse Liebe (Instr.Pl./Akk.Pl.)
yān arthabhājo manyethāḥ
die du als Anteilhaber am Gewinn ansehen magst (Rel.Akk./Opt.Med.2.Sg.)
te te syuḥ sukhabhāginaḥ
gerade diese sollen sein glückteilhaftig (Opt.3.Pl./Nom.Pl.)
abhinnavṛttā vidvāṃsaḥ sadvṛttāś caritavratāḥ; na tvāṃ nityārthino jahyur akṣudrāḥ satyavādinaḥ
Von unverbrüchlichem Verhalten, gelehrt, von gutem Wandel und mit erfüllten Gelübden, nicht kleinlich und wahrhaft im Reden: [solche] verlassen dich nicht, auch wenn sie stets [etwas] begehren.
Wort für Wort
abhinnavṛttā vidvāṃsaḥ
von ungebrochenem Verhalten, gelehrt (Nom.Pl.)
sadvṛttāś caritavratāḥ
von gutem Wandel, die Gelübde ausgeführt habend (Nom.Pl.)
na tvāṃ nityārthino jahyuḥ
sie würden dich nicht verlassen, stets Nutzen suchend (Opt.3.Pl./Nom.Pl.)
Gefolge und Minister sollen auf keine Weise so beschaffen sein.
Wort für Wort
paricchadās tathāmātyāḥ
Gefolge und ebenso Minister (Nom.Pl.)
nedṛśāḥ syuḥ
nicht so beschaffen sollen sie sein (Opt.3.Pl.)
kathaṃ cana
auf irgendeine Weise (Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (star), zwischen die beiden Hälften von 084.009 eingeschoben.
naikam icched gaṇaṃ hitvā syāc ced anyataragrahaḥ; yas tv eko bahubhiḥ śreyān kāmaṃ tena gaṇaṃ tyajet
Man soll nicht einen einzelnen wünschen und dabei die Schar verlassen, wenn es auf das Ergreifen nur einer von zwei Seiten hinausliefe; wer aber als einzelner besser ist als viele, um dessentwillen mag man nach Belieben die Schar aufgeben [?].
Wort für Wort
naikam icched gaṇaṃ hitvā
nicht einen wünschen, die Schar verlassend (Opt.3.Sg./Abs.)
syāc ced anyataragrahaḥ
wenn es wäre ein Ergreifen einer von beiden (Opt.3.Sg./Nom.Sg.)
yas tv eko bahubhiḥ śreyān
wer aber allein besser ist als viele (Nom.Sg./Instr.Pl.)
kāmaṃ tena gaṇaṃ tyajet
nach Belieben mag man durch/für ihn die Schar aufgeben (Adv./Instr./Opt.)
Zweite Hälfte („tena“) und anyataragrahaḥ nicht sicher zu deuten.
śreyaso lakṣaṇaṃ hy etad vikramo yasya dṛśyate; kīrtipradhāno yaś ca syāt samaye yaś ca tiṣṭhati
Dies ist das Kennzeichen des Besseren: an wem Tatkraft zu sehen ist, wer den Ruhm an die erste Stelle setzt und wer bei der Übereinkunft [Satzung] bleibt.
Wort für Wort
śreyaso lakṣaṇaṃ hy etat
das Kennzeichen des Besseren ist dies (Gen.Sg./Nom.Sg.)
vikramo yasya dṛśyate
bei wem Tatkraft gesehen wird (Nom.Sg./Pass.3.Sg.)
kīrtipradhāno yaś ca syāt
und wer den Ruhm voranstellt (Nom.Sg., Bahuvrīhi/Opt.)
samaye yaś ca tiṣṭhati
und wer bei der Übereinkunft steht (Lok.Sg./3.Sg.Präs.)
Edelgeboren, mit Wahrheit begabt, duldsam, tüchtig, seiner selbst mächtig, tapfer, dankbar und wahrhaftig: das ist das Kennzeichen des Besseren, Pārtha.
Wort für Wort
kulīnaḥ satyasaṃpannaḥ
edelgeboren, wahrheitsbegabt (Nom.Sg.)
titikṣur dakṣa ātmavān
duldsam, tüchtig, selbstbeherrscht (Nom.Sg.)
śūraḥ kṛtajñaḥ satyaś ca
tapfer, dankbar und wahrhaftig (Nom.Sg.)
śreyasaḥ pārtha lakṣaṇam
des Besseren Kennzeichen, Pārtha (Gen.Sg./Nom.Sg./Vok.)
[Sie sollen] mit zuverlässigen Männern verbunden sein, mit Hochgeborenen aus dem eigenen Land, mit Unbestechlichen, nicht Abtrünnigen, von allen Seiten wohlgeprüften.
Wort für Wort
saṃbaddhāḥ puruṣair āptaiḥ
verbunden mit zuverlässigen Männern (Nom.Pl./Instr.Pl.)
abhijātaiḥ svadeśajaiḥ
mit Hochgeborenen, im eigenen Land Geborenen (Instr.Pl.)
ahāryair avyabhīcāraiḥ
mit Unbestechlichen, nicht Untreuen (Instr.Pl.)
sarvataḥ suparīkṣitaiḥ
allseits wohlgeprüften (Adv./Instr.Pl.)
Syntax der Strophe elliptisch (Minister als Bezugswort ergänzt).
Krieger, srauva [?] wie maula [erbliche] und ebenso andere, die avaskṛta [?] sind, soll ein Mann, der nach Wohlstand strebt und groß werden will, [aufstellen].
Wort für Wort
yodhāḥ srauvās tathā maulās
Krieger, srauva [?], ebenso einheimisch/erblich (Nom.Pl.)
tathaivānye 'py avaskṛtāḥ
und ebenso auch andere, avaskṛta [?] (Nom.Pl./Part.Pass.)
kartavyā bhūtikāmena
sind zu machen von einem, der Gedeihen wünscht (Gerundiv/Instr.Sg.)
puruṣeṇa bubhūṣatā
von dem Mann, der werden/gedeihen will (Instr.Sg./Part.Desid.)
srauvāḥ und avaskṛtāḥ unsicher (vielleicht „Söldner“ bzw. „eingesetzt/versorgt“).
[Solche,] deren Verstand geschult und von Natur schön ist, [die] Glanz, Festigkeit, Nachsicht, Lauterkeit, Zuneigung, Beständigkeit und Ausdauer [besitzen] –
parīkṣitaguṇān nityaṃ prauḍhabhāvān dhuraṃdharān; pañcopadhāvyatītāṃś ca kuryād rājārthakāriṇaḥ
Männer, deren Eigenschaften stets erprobt sind, die gereift, lastentragend und über die fünf Prüfungen hinaus sind, soll er zu Vollstreckern der Königsgeschäfte machen.
Wort für Wort
parīkṣitaguṇān nityaṃ
deren Eigenschaften geprüft sind, stets (Akk.Pl./Adv.)
prauḍhabhāvān dhuraṃdharān
gereift, lastentragend (Akk.Pl.)
pañcopadhāvyatītāṃś ca
und die fünf Prüfungen bestanden habend (Akk.Pl.)
kuryād rājārthakāriṇaḥ
er soll machen zu Ausführern der Königsangelegenheiten (Opt.3.Sg./Akk.Pl.)
pañcopadhā: die fünf Redlichkeitsprüfungen (Verständnis wohl nach Arthaśāstra-Tradition, hier nicht ausgeführt).
[Männer,] die Ort, Zeit und Vorgehensweise kennen und das Wohl der Angelegenheiten ihres Herrn wünschen – solche soll der König stets für alle Aufgaben zu Ratgebern machen.
Wort für Wort
deśakālavidhānajñān
Ort, Zeit und Vorgehen kennend (Akk.Pl.)
bhartṛkāryahitaiṣiṇaḥ
das Nützliche für des Herrn Geschäfte wünschend (Akk.Pl.)
nityam artheṣu sarveṣu
stets für alle Angelegenheiten (Adv./Lok.Pl.)
rājā kurvīta mantriṇaḥ
der König soll zu Ratgebern machen (Nom.Sg./Opt.Med.3.Sg./Akk.Pl.)
So ist auch ein Ratgeber, der wenig gelehrt ist, selbst wenn er aus edler Familie stammt und mit Dharma, Artha und Kāma verbunden ist, nicht imstande, einen Rat zu prüfen.
Wort für Wort
evam alpaśruto mantrī
ebenso ein wenig gelehrter Ratgeber (Nom.Sg.)
kalyāṇābhijano 'py uta
aus edler Abkunft, auch wenn (Nom.Sg./Part.)
dharmārthakāmayukto 'pi
auch mit Dharma, Artha, Kāma verbunden (Nom.Sg.)
nālaṃ mantraṃ parīkṣitum
ist nicht imstande, einen Rat zu prüfen (Adv./Akk.Sg./Inf.)
Ebenso mag einer, der nicht von edler Herkunft ist, gern vielgelehrt sein; [doch] wie ein Blinder ohne Führer wird er bei zu erwägenden Handlungen verwirrt.
Wort für Wort
tathaivānabhijāto 'pi
ebenso auch ein nicht Hochgeborener (Nom.Sg.)
kāmam astu bahuśrutaḥ
meinetwegen sei er vielgelehrt (Adv./Imp.3.Sg./Nom.Sg.)
anāyaka ivācakṣur
wie ein Blinder ohne Führer (Nom.Sg.)
muhyaty ūhyeṣu karmasu
er wird verwirrt bei zu erwägenden Handlungen (3.Sg.Präs./Lok.Pl.)
yo vā hy asthirasaṃkalpo buddhimān āgatāgamaḥ; upāyajño 'pi nālaṃ sa karma yāpayituṃ ciram
Oder wer im Entschluss unbeständig ist, klug [und] in der Überlieferung erfahren, dazu mittelkundig, vermag ebenfalls ein Werk nicht lange durchzuführen.
Wort für Wort
yo vā hy asthirasaṃkalpo
oder wer unbeständigen Entschluss hat (Nom.Sg.)
buddhimān āgatāgamaḥ
klug, der Überlieferung erfahren [?] (Nom.Sg.)
upāyajño 'pi nālaṃ sa
auch Mittelkundiger, nicht imstande, dieser (Nom.Sg./Adv.)
karma yāpayituṃ ciram
ein Werk durchzuführen, lange (Akk.Sg./Inf.Kaus./Adv.)
Allein aus bloßem Verhalten aber ergibt sich [keine Eignung] zum Amt/Werk [?]; eine Unterscheidung der Feinheiten gibt es hier nicht bei einem Unbelehrten, Schlechtgesinnten.
Wort für Wort
kevalāt punar ācārāt
aus bloßem aber Verhalten (Abl.Sg.)
karmaṇo nopapadyate
zum Werk/Amt [?] ergibt sich nicht (Gen./Dat.; 3.Sg.Med.)
parimarśo viśeṣāṇām
die Prüfung/Erwägung der Besonderheiten (Nom.Sg., Gen.Pl.)
aśrutasyeha durmateḥ
beim Unbelehrten hier, Schlechtgesinnten (Gen.Sg.)
Syntax des ersten Pādas knapp und unsicher; Ergänzung von [keine Eignung] sinngemäß.
Denn der Unaufrichtige, mit [anderen] Ratgebern verbunden, würde den König quälen, wie Feuer, das durch die vom Wind geschlagenen Öffnungen in einen Baum eindringt.
Wort für Wort
vyathayed dhi sa rājānam
er würde ja den König quälen (Opt.Kaus.; Akk.Sg.)
mantribhiḥ sahito 'nṛjuḥ
mit Ratgebern verbunden, der Unaufrichtige (Instr.Pl.; Nom.Sg.)
mārutopahatacchidraiḥ
durch die vom Wind getroffenen Öffnungen (Kompositum, Instr.Pl.)
praviśyāgnir iva drumam
eingedrungen, wie Feuer, in einen Baum (Abs.; Nom.Sg.; Akk.Sg.)
Wer aber dieses alles in sich aufnimmt aus dem Wunsch, dem Herrn Liebes zu tun, den Mann, der Freud und Leid teilt, soll man in den Angelegenheiten befragen.
Wort für Wort
yas tu saṃharate tāni
wer aber in sich zusammennimmt dies (Nom.Sg.; 3.Sg.Med.; Akk.Pl.n.)
bhartuḥ priyacikīrṣayā
aus Wunsch, dem Herrn Liebes zu tun (Gen.Sg.; Instr.Sg.)
samānasukhaduḥkhaṃ taṃ
ihn, der gleiches Glück und Leid hat (Akk.Sg.)
pṛcched artheṣu mānavam
man soll befragen in den Angelegenheiten den Mann (Opt.; Lok.Pl.; Akk.Sg.)
anṛjus tv anurakto 'pi saṃpannaś cetarair guṇaiḥ; rājñaḥ prajñānayukto 'pi na mantraṃ śrotum arhati
Ein Unaufrichtiger aber, auch wenn er ergeben und mit den übrigen Vorzügen ausgestattet ist, selbst wenn er des Königs Einsicht und Staatsklugheit besitzt [?], verdient es nicht, den Rat zu hören.
Wort für Wort
anṛjus tv anurakto 'pi
ein Unaufrichtiger aber, auch wenn ergeben (Nom.Sg.)
saṃpannaś cetarair guṇaiḥ
und ausgestattet mit den anderen Vorzügen (Part.; Instr.Pl.)
rājñaḥ prajñānayukto 'pi
auch des Königs [?], mit Einsicht und Klugheit verbunden (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
na mantraṃ śrotum arhati
verdient nicht, den Rat zu hören (Inf.; 3.Sg.Präs.)
Auch ein Zugereister, wenn er ergeben ist, mag meinetwegen sehr gelehrt sein, sei er geehrt oder [mit Gütern] bedacht: er verdient es nicht, den Rat zu hören.
Wort für Wort
āgantuś cānurakto 'pi
und ein Zugereister, auch wenn ergeben (Nom.Sg.)
kāmam astu bahuśrutaḥ
meinetwegen sei er sehr gelehrt (Adv.; Imp.; Nom.Sg.)
yas tv alpenāpi kāryeṇa sakṛd ākṣārito bhavet; punar anyair guṇair yukto na mantraṃ śrotum arhati
Wer aber schon wegen einer geringen Sache einmal bezichtigt [?] wurde, ist, auch wenn er mit anderen Vorzügen verbunden ist, nicht würdig, den Rat zu hören.
Wort für Wort
yas tv alpenāpi kāryeṇa
wer aber schon durch eine geringe Angelegenheit (Instr.Sg.)
sakṛd ākṣārito bhavet
einmal bezichtigt [?] worden sein mag (Part.Kaus.; Opt.)
punar anyair guṇair yuktaḥ
wiederum mit anderen Vorzügen verbunden (Instr.Pl.; Part.)
na mantraṃ śrotum arhati
verdient nicht, den Rat zu hören
ākṣārita: Bedeutung unsicher (beschuldigt/geschmäht).
jñānavijñānasaṃpannaḥ prakṛtijñaḥ parātmanoḥ; suhṛd ātmasamo rājñaḥ sa mantraṃ śrotum arhati
Wer mit Wissen und Erkenntnis begabt ist, die Wesensart des Fremden und seiner selbst kennt, dem König Freund und ihm gleich wie das eigene Selbst: der verdient es, den Rat zu hören.
Wort für Wort
jñānavijñānasaṃpannaḥ
mit Wissen und Erkenntnis ausgestattet (Nom.Sg.)
prakṛtijñaḥ parātmanoḥ
Kenner der Wesensart des Anderen und des Selbst (Nom.Sg.; Gen.Du.)
suhṛd ātmasamo rājñaḥ
Freund, dem Selbst gleich, des Königs (Nom.Sg.; Gen.Sg.)
Wahrhaftig im Wort, von gutem Charakter, tiefgründig, bescheiden, sanft, wer von Vater und Großvater her [im Dienst] ist: der verdient es, den Rat zu hören.
Wort für Wort
satyavāk śīlasaṃpannaḥ
wahrhaftig im Wort, mit Charakter ausgestattet (Nom.Sg.)
gambhīraḥ satrapo mṛduḥ
tiefgründig, bescheiden, sanft (Nom.Sg.)
pitṛpaitāmaho yaḥ syāt
wer von Vater und Großvater her ist (Nom.Sg.; Opt.)
Wer die ganze Welt gleichmäßig durch Freundlichkeit in seine Gewalt bringt und dazu fähig ist: ihm soll der Rat anvertraut werden, wenn man Strafe verhängen will, o König.
Wort für Wort
sarvalokaṃ samaṃ śaktaḥ
die ganze Welt gleichmäßig, fähig (Akk.Sg.; Nom.Sg.)
sāntvena kurute vaśe
durch Freundlichkeit macht er sich gefügig (Instr.Sg.; 3.Sg.Med.; Lok.)
tasmai mantraḥ prayoktavyaḥ
ihm ist der Rat anzuwenden/anzuvertrauen (Dat.Sg.; Gerundiv)
daṇḍam ādhitsatā nṛpa
von einem, der Strafe verhängen will, o König (Akk.Sg.; Part.Des.Instr.; Vok.)
paurajānapadā yasmin viśvāsaṃ dharmato gatāḥ; yoddhā nayavipaścic ca sa mantraṃ śrotum arhati
In den die Städter und Landbewohner dem Recht gemäß Vertrauen gesetzt haben, ein Krieger und in der Staatsklugheit gelehrt: der verdient es, den Rat zu hören.
Wort für Wort
paurajānapadā yasmin
Städter und Landbewohner, in dem (Nom.Pl.; Lok.Sg.)
viśvāsaṃ dharmato gatāḥ
Vertrauen dem Recht gemäß gefasst haben (Akk.Sg.; Part.Pf.)
yoddhā nayavipaścic ca
und ein Krieger, in Staatsklugheit gelehrt (Nom.Sg.)
Darum sollen die Ratgeber mit allen diesen Vorzügen ausgestattet, wohl geehrt, Kenner der Wesensart [des Volkes], mindestens drei an der Zahl und nach Großem strebend sein.
Wort für Wort
tasmāt sarvair guṇair etaiḥ
darum mit allen diesen Vorzügen (Instr.Pl.)
upapannāḥ supūjitāḥ
ausgestattet, wohl geehrt (Nom.Pl.)
mantriṇaḥ prakṛtijñāḥ syuḥ
Ratgeber, Kenner der Wesensart sollen sein (Nom.Pl.; Opt.)
Sie sollen die Schwächen in den eigenen Bestandteilen [des Staates] und in denen des Feindes erkennen; denn die Ratgeber sind die Wurzel des Rates, [und] durch ihn wächst dem König das Reich.
Wort für Wort
svāsu prakṛtiṣu chidram
in den eigenen Grundlagen die Lücke (Lok.Pl.; Akk.Sg.)
lakṣayeran parasya ca
sollen erkennen und des Anderen (Opt.Med.; Gen.Sg.)
mantriṇo mantramūlaṃ hi
die Ratgeber sind ja die Wurzel des Rates (Nom.Pl.; Kompositum)
rājño rāṣṭraṃ vivardhate
des Königs Reich wächst (Gen.Sg.; Nom.Sg.; 3.Sg.Med.)
Kein Feind soll seine Lücke sehen; in den Lücken des Feindes soll er nachsetzen; wie die Schildkröte soll er die Glieder verbergen [und] seine Blöße schützen.
Wort für Wort
nāsya chidraṃ paraḥ paśyet
nicht seine Lücke soll der Feind sehen (Gen.Sg.; Nom.Sg.; Opt.)
chidreṣu param anviyāt
in den Lücken den Feind soll er verfolgen (Lok.Pl.; Akk.Sg.; Opt.)
gūhet kūrma ivāṅgāni
soll verbergen wie die Schildkröte die Glieder (Opt.; Akk.Pl.)
rakṣed vivaram ātmanaḥ
soll schützen die Blöße seiner selbst (Opt.; Akk.Sg.; Gen.Sg.)
mantragrāhā hi rājyasya mantriṇo ye manīṣiṇaḥ; mantrasaṃhanano rājā mantrāṅgānītaro janaḥ
Denn die Ratgeber, die Weisen, sind die Bewahrer des Rates des Reiches; der König ist der Leib des Rates, die übrigen Leute sind die Glieder des Rates.
Wort für Wort
mantragrāhā hi rājyasya
Rat-Halter ja des Reiches (Nom.Pl.; Gen.Sg.)
mantriṇo ye manīṣiṇaḥ
die Ratgeber, die weise sind (Nom.Pl.)
mantrasaṃhanano rājā
der König ist der Rat-Körper (Nom.Sg.)
mantrāṅgānītaro janaḥ
Rat-Glieder, die übrigen Leute (Nom.Pl.n.; Nom.Sg.)
sa vinīya madakrodhau mānam īrṣyāṃ ca nirvṛtaḥ; nityaṃ pañcopadhātītair mantrayet saha mantribhiḥ
Nachdem er Rausch und Zorn, Stolz und Neid bezwungen hat, soll er, gelassen, stets mit den Ratgebern beraten, die die fünf Gefährdungen überschritten haben.
Wort für Wort
sa vinīya madakrodhau
er, nachdem er Rausch und Zorn gebändigt (Abs.; Akk.Du.)
mānam īrṣyāṃ ca nirvṛtaḥ
Stolz und Neid, beruhigt (Akk.Sg.; Nom.Sg.)
nityaṃ pañcopadhātītaiḥ
stets mit denen, die die fünf Prüfungen/Gefährdungen überschritten haben [?] (Instr.Pl.)
mantrayet saha mantribhiḥ
soll beraten zusammen mit Ratgebern (Opt.; Instr.Pl.)
pañcopadhā: die fünf Prüfungen bzw. Versuchungen; genaue Bedeutung hier nicht ausgeführt.
Deren dreier verschiedene Erwägung soll er begreifen, den Sinn darauf richtend; seinen eigenen Entschluss und den des anderen soll er zur Zeit der späteren Beratung mitteilen.
Wort für Wort
teṣāṃ trayāṇāṃ vividhaṃ vimarśam
von diesen dreien die vielfältige Erwägung (Gen.Pl.; Akk.Sg.)
budhyeta cittaṃ viniveśya tatra
er soll erfassen, den Sinn dorthin gerichtet (Opt.Med.; Abs.)
svaniścayaṃ taṃ paraniścayaṃ ca
seinen Entschluss und den des Anderen (Akk.Sg.)
nivedayed uttaramantrakāle
soll mitteilen zur Zeit der späteren Beratung (Opt.Kaus.; Lok.Sg.)
taṃ (Akk.) vermutlich Demonstrativ zu niścaya; Versteil schwierig.
dharmārthakāmajñam upetya pṛcched; yukto guruṃ brāhmaṇam uttamārtham; niṣṭhā kṛtā tena yadā saha syāt; taṃ tatra mārgaṃ praṇayed asaktam
Den Kenner von Dharma, Artha und Kāma soll er, sich [ihm] nähernd, befragen, gesammelt, einen Lehrer, einen Brahmanen, nach dem höchsten Ziel; wenn mit diesem eine Entscheidung getroffen ist, dann soll er jenen Weg ohne Anhaften einschlagen.
Wort für Wort
dharmārthakāmajñam upetya pṛcchet
den Kenner von Recht, Nutzen, Lust, sich nähernd, soll er fragen (Akk.Sg.; Abs.; Opt.)
yukto guruṃ brāhmaṇam uttamārtham
gesammelt, den Lehrer, den Brahmanen, um das höchste Ziel (Nom.Sg.; Akk.Sg.)
niṣṭhā kṛtā tena yadā saha syāt
wenn mit ihm ein Entschluss gefasst sein mag (Nom.Sg.; Part.; Opt.)
taṃ tatra mārgaṃ praṇayed asaktam
jenen Weg dann soll er einschlagen, ohne Anhaften (Akk.Sg.; Opt.; Adv.)
So soll man stets beraten, sagen die, die den Kern und Sinn des Rates sicher kennen; darum sollst auch du stets so den Rat führen, der zur Gewinnung der Untertanen geeignet ist.
Wort für Wort
evaṃ sadā mantrayitavyam āhuḥ
so soll man stets beraten, sagen sie (Gerundiv; 3.Pl.Pf.)
ye mantratattvārthaviniścayajñāḥ
die, die die sichere Kenntnis von Kern und Sinn des Rates haben (Nom.Pl.)
tasmāt tvam evaṃ praṇayeḥ sadaiva
darum sollst du so stets leiten (2.Sg.Opt.)
mantraṃ prajāsaṃgrahaṇe samartham
den Rat, der zur Gewinnung der Untertanen geeignet ist (Akk.Sg.; Lok.Sg.)
na vāmanāḥ kubjakṛśā na khañjā; nāndhā jaḍāḥ strī na napuṃsakaṃ ca; na cātra tiryaṅ na puro na paścān; nordhvaṃ na cādhaḥ pracareta kaś cit
Weder Zwerge noch Buckelige oder Abgemagerte, noch Lahme, weder Blinde noch Stumpfsinnige, keine Frau und kein Eunuch; auch soll hier niemand seitlich, vor, hinter, oberhalb oder unterhalb herumgehen.
Wort für Wort
na vāmanāḥ kubjakṛśā
nicht Zwerge, Buckelige und Abgemagerte (Nom.Pl.)
na khañjā nāndhā jaḍāḥ
nicht Lahme, nicht Blinde, Stumpfe (Nom.Pl.)
strī na napuṃsakaṃ ca
keine Frau, und kein Eunuch (Nom.Sg.)
na cātra tiryaṅ na puro na paścāt
und nicht hier seitlich, nicht vorn, nicht hinten (Adv.)
nordhvaṃ na cādhaḥ pracareta kaś cit
nicht oben, nicht unten soll herumgehen irgendwer (Opt.; Nom.Sg.)
Bezug der Aufzählung sinngemäß: diese dürfen nicht [bei der Beratung zugegen sein].
Nachdem er einen leeren Söller bestiegen hat, einen offenen Platz ohne Kuśa- und Kāśa-Gras, soll er die Angelegenheit beraten, indem er Fehler der Rede und der Gebärde meidet, zu einer Zeit, die nichts versäumt.
Wort für Wort
āruhya vātāyanam eva śūnyam
nach dem Besteigen eines leeren Söllers/Fensterbalkons (Abs.; Akk.Sg.)
sthalaṃ prakāśaṃ kuśakāśahīnam
einen offenen Platz, ohne Kuśa- und Kāśa-Gras (Akk.Sg.)
vāgaṅgadoṣān parihṛtya mantraṃ
Fehler der Rede und Glieder/Gebärden meidend, den Rat (Akk.Pl.; Abs.)
saṃmantrayet kāryam ahīnakālam
soll er beraten die Sache zur nicht versäumten Zeit (Opt.; Akk.Sg.; Adv.)
vātāyana: Söller oder Dachfenster; ahīnakālam sinngemäß „ohne Zeit zu verlieren“.