Kapitel 318: śukaṃ prati nāradopadeśaḥ
Nāradas Rede über das Leid des Daseins und Śukas Entschluss zur Erlösung
Der Seher Nārada schildert dem Weisen Śuka eindringlich die Vergänglichkeit des Lebens, das Leid von Geburt, Krankheit, Alter und Tod sowie die Ohnmacht des Menschen gegenüber dem Schicksal. Daraufhin fasst Śuka, tief erschüttert, den Entschluss, alle Bindungen aufzugeben und durch Yoga die endgültige Erlösung zu suchen, indem er sich zunächst zur Sonne und schließlich zum Berg Kailāsa aufmacht.
„Aus eigenem Antrieb soll er sich um Anstrengung bemühen; wer sich bemüht, verzagt nicht. Vor Alter, Tod und Krankheit soll er das ihm liebe Selbst retten.“
Wort für Wort
svabhāvād
aus eigenem Wesen, von Natur aus (Abl.Sg.)
yatnam ātiṣṭhet
er möge sich der Anstrengung widmen (Opt.3.Sg.)
yatnavān nāvasīdati
wer sich bemüht, verzagt nicht (Sandhi na+avasīdati; 3.Sg.Präs.)
jarāmaraṇarogebhyaḥ
vor Alter, Tod und Krankheit (Abl.Pl., Kompositum)
yo yam icched yathākāmaṃ kāmānāṃ tat tad āpnuyāt; yadi syān na parādhīnaṃ puruṣasya kriyāphalam
„Wer auch immer nach Belieben wünschte, der würde von seinen Wünschen dies und das erlangen — wenn die Frucht des Handelns des Menschen nicht von einem anderen abhinge.“
Wort für Wort
yo yam icchet
wer immer was auch wünschen möge (Opt.3.Sg.)
yathākāmam
nach Belieben (Adv.)
kāmānāṃ tat tad āpnuyāt
von den Wünschen möge er dies und das erlangen (Opt.3.Sg.)
yadi syān
wenn es wäre (Opt.3.Sg.)
na parādhīnaṃ
nicht abhängig von einem anderen (Nom.Sg.)
puruṣasya kriyāphalam
die Frucht des Handelns des Menschen (Gen.Sg./Nom.Sg.)
apare bāliśāḥ santo nirguṇāḥ puruṣādhamāḥ; āśīrbhir apy asaṃyuktā dṛśyante sarvakāminaḥ
„Andere aber, die töricht sind, ohne gute Eigenschaften, die niedrigsten der Männer, sieht man, obwohl nicht einmal mit guten Wünschen [von anderen] versehen [?], alles nach Belieben erlangen.“
Wort für Wort
apare bāliśāḥ santaḥ
andere, die töricht sind (Nom.Pl.Ptz.)
nirguṇāḥ
ohne gute Eigenschaften (Nom.Pl.)
puruṣādhamāḥ
die niedrigsten der Männer (Nom.Pl.)
āśīrbhir apy asaṃyuktāḥ
obwohl nicht einmal mit Segenswünschen versehen [?] (Instr.Pl./Nom.Pl.)
dṛśyante sarvakāminaḥ
man sieht sie als solche, die alles nach Wunsch erlangen (3.Pl.Präs.Pass./Nom.Pl.)
āśīrbhir apy asaṃyuktāḥ wörtlich „nicht einmal mit Segenssprüchen verbunden“; hier als „ohne fremden Segen/Fürbitte“ gedeutet.
„Manchen, die sich vor der Schwangerschaft ängstigen wie vor einer zornigen Giftschlange, wird [trotzdem] ein langlebiger Sohn geboren — wie aber [kommt es], dass eben er, der Vater, [dann schon] ein Toter ist [?].“
Wort für Wort
garbhāc codvijamānānāṃ
und von denen, die sich vor der Schwangerschaft ängstigen (Sandhi ca+udvijamānānām; Gen.Pl.Ptz.)
kruddhād āśīviṣād iva
wie vor einer zornigen Giftschlange (Abl.Sg.)
āyuṣmāñ jāyate putraḥ
wird ein langlebiger Sohn geboren (Nom.Sg./3.Sg.Präs.)
kathaṃ pretaḥ pitaiva saḥ
wie [ist es, dass] eben er, der Vater, ein Toter ist [?] (Nom.Sg.)
kathaṃ pretaḥ pitaiva saḥ ist dunkel; vermutlich Anspielung darauf, dass der Vater den Sohn nicht überlebt bzw. vor dessen Heranwachsen stirbt.
„Nachdem sie, die Elenden, die gierig nach einem Sohn sind, Götter verehrt und Askese geübt haben, werden [ihre Söhne], zehn Monate [im Leib] getragen, als Schänder der Familie geboren.“
Wort für Wort
devān iṣṭvā
nachdem sie die Götter verehrt haben (Absolutiv)
tapas taptvā
nachdem sie Askese geübt haben (Absolutiv)
kṛpaṇaiḥ putragṛddhibhiḥ
von den Elenden, die gierig nach einem Sohn sind (Instr.Pl.)
daśa māsān paridhṛtāḥ
zehn Monate getragen (Akk.Pl./Nom.Pl.Ptz.)
jāyante kulapāṃsanāḥ
werden als Schänder der Familie geboren (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
apare dhanadhānyāni bhogāṃś ca pitṛsaṃcitān; vipulān abhijāyante labdhās tair eva maṅgalaiḥ
„Andere wiederum werden geboren, um reichlichen Besitz, Getreide und von den Vätern angesammelte Genüsse zu erlangen — erlangt eben durch ihre [früheren] guten Werke.“
Wort für Wort
apare
andere (Nom.Pl.)
dhanadhānyāni
Reichtum und Getreide (Akk.Pl.)
bhogāṃś ca pitṛsaṃcitān
und die von den Vätern angesammelten Genüsse (Akk.Pl.)
vipulān abhijāyante
werden zu reichlichen [Gütern] geboren (Akk.Pl./3.Pl.Präs.)
labdhās tair eva maṅgalaiḥ
erlangt eben durch jene guten Werke (Nom.Pl./Instr.Pl.)
„Zerfallen durch den fremden [mütterlichen] Leib, ohne eigene Haut, ein Körperwesen, während der Lebensatem der Wesen [darin] eingeschlossen ist, sich regend aus Fleisch und Schleim —“
Wort für Wort
śīrṇaṃ paraśarīreṇa
zerfallen durch den fremden Leib (Akk.Sg./Instr.Sg.)
nicchavīkaṃ śarīriṇam
ein hautloses Körperwesen (Akk.Sg.)
prāṇināṃ
der Lebewesen (Gen.Pl.)
prāṇasaṃrodhe
beim Einschluss des Lebensatems (Lok.Sg.)
māṃsaśleṣmaviceṣṭitam
ein sich Regendes aus Fleisch und Schleim (Akk.Sg.)
Die Beschreibung des Keims setzt sich syntaktisch über V. 22 bis zur Frage in V. 23 fort.
„— verzehrt durch den fremden Leib, den halb beweglichen, halb unbeweglichen fremden Leib, vergehend an seinem Ende, wie ein Boot, das einem [anderen] Boot aufgesetzt ist —“
Wort für Wort
nirdagdhaṃ paradehena
verzehrt durch den fremden Leib (Akk.Sg./Instr.Sg.)
paradehaṃ calācalam
den halb beweglichen fremden Leib (Akk.Sg.)
vinaśyantaṃ
vergehend (Akk.Sg.Ptz.Präs.)
vināśānte
an seinem Ende des Vergehens (Lok.Sg.)
nāvi nāvam ivāhitam
wie ein Boot, einem Boot aufgesetzt (Sandhi iva+āhitam; Lok.Sg./Akk.Sg.)
sravanti hy udarād garbhā jāyamānās tathāpare; āgamena sahānyeṣāṃ vināśa upapadyate
„Denn manche Keime gehen [als Fehlgeburt] aus dem Leib ab, andere ebenso, während sie geboren werden; bei wieder anderen tritt der Untergang zugleich mit dem Eintreten [ins Leben] ein.“
Wort für Wort
sravanti hy udarād garbhāḥ
denn Keime fließen aus dem Leib (3.Pl.Präs./Abl.Sg./Nom.Pl.)
jāyamānās tathāpare
und andere ebenso, während sie geboren werden (Nom.Pl.Ptz.)
āgamena saha
zusammen mit dem Eintreten [ins Leben] (Instr.Sg.)
anyeṣāṃ vināśa upapadyate
bei anderen tritt der Untergang ein (Gen.Pl./Nom.Sg./3.Sg.Präs.)
„Es gibt für das Wiedererstarken der Menschen keine [wirksamen] Mittel — daran ist kein Zweifel; sie werden von Krankheiten zermalmt wie kleine Tiere von Raubtieren.“
Wort für Wort
nābhyutthāne manuṣyāṇāṃ
nicht beim Wiedererstarken der Menschen (Sandhi na+abhyutthāne; Lok.Sg./Gen.Pl.)
yogāḥ syur
[wirksame] Mittel mögen sein (Nom.Pl./Opt.3.Pl.)
nātra saṃśayaḥ
daran ist kein Zweifel (Nom.Sg.)
vyādhibhiś ca vimathyante
und sie werden von Krankheiten zermalmt (Instr.Pl./3.Pl.Präs.Pass.)
vyālaiḥ kṣudramṛgā iva
wie kleine Tiere von Raubtieren (Instr.Pl./Nom.Pl.)
„Von denen, die von Krankheiten verzehrt werden und reichlichen Besitz [für Heilung] hingeben, nehmen die sich bemühenden Ärzte den Schmerz doch nicht weg.“
Wort für Wort
vyādhibhir bhakṣyamāṇānāṃ
von denen, die von Krankheiten verzehrt werden (Instr.Pl./Gen.Pl.Ptz.)
tyajatāṃ vipulaṃ dhanam
die reichlichen Besitz aufgeben (Gen.Pl.Ptz./Akk.Sg.)
vedanāṃ nāpakarṣanti
sie nehmen den Schmerz nicht weg (Akk.Sg./3.Pl.Präs.)
„Und auch jene geschickten, kundigen Ärzte mit ihren bereitgestellten Heilmitteln werden von den Krankheiten hinweggerafft, wie Wildtiere, von Jägern gequält.“
Wort für Wort
te cāpi nipuṇā vaidyāḥ
und auch jene geschickten Ärzte (Nom.Pl.)
kuśalāḥ saṃbhṛtauṣadhāḥ
die kundigen, mit bereitgestellten Heilmitteln (Nom.Pl.)
vyādhibhiḥ parikṛṣyante
werden von Krankheiten hinweggerafft (Instr.Pl./3.Pl.Präs.Pass.)
mṛgā vyādhair ivārditāḥ
wie Wildtiere von Jägern gequält (Nom.Pl./Instr.Pl./Nom.Pl.Ptz.)
Wortspiel im Sanskrit zwischen vyādhi „Krankheit“ und vyādha „Jäger“.
te pibantaḥ kaṣāyāṃś ca sarpīṃṣi vividhāni ca; dṛśyante jarayā bhagnā nāgā nāgair ivottamaiḥ
„Sie, die Absude und mancherlei Butterschmalz-Zubereitungen trinken, sieht man doch vom Alter gebrochen, wie Elefanten von überlegenen Elefanten [bezwungen].“
Wort für Wort
te pibantaḥ kaṣāyāṃś ca
sie, die Absude trinken (Nom.Pl.Ptz./Akk.Pl.)
sarpīṃṣi vividhāni ca
und mancherlei Butterschmalz-Zubereitungen (Akk.Pl.)
dṛśyante jarayā bhagnā
man sieht sie vom Alter gebrochen (3.Pl.Präs.Pass./Instr.Sg./Nom.Pl.Ptz.)
nāgā nāgair ivottamaiḥ
wie Elefanten von überlegenen Elefanten (Nom.Pl./Instr.Pl.)
ke vā bhuvi cikitsante rogārtān mṛgapakṣiṇaḥ; śvāpadāni daridrāṃś ca prāyo nārtā bhavanti te
„Wer aber behandelt auf Erden die von Krankheit geplagten Tiere und Vögel, die Raubtiere und die Armen? Meist bleiben sie [dadurch, ohne Heilbehandlung, nicht lange] leidend [?].“
Wort für Wort
ke vā bhuvi cikitsante
wer denn behandelt auf Erden (Nom.Pl./Lok.Sg./3.Pl.Präs.)
rogārtān mṛgapakṣiṇaḥ
die von Krankheit geplagten Tiere und Vögel (Akk.Pl.)
śvāpadāni daridrāṃś ca
die Raubtiere und die Armen (Akk.Pl.)
prāyo nārtā bhavanti te
meist bleiben sie nicht [lange] leidend [?] (Nom.Pl./3.Pl.Präs.)
prāyo nārtā bhavanti te ist mehrdeutig; hier gedeutet als: ohne (verlängernde) Behandlung bleibt ihr Leiden nicht lange bestehen, d.h. der Tod kommt rascher.
So [ist] die Welt: hilflos, unfähig zu klagen, von Verblendung und Kummer überflutet, jäh von der Strömung fortgerissen, hinweggetragen von der übermächtigen [Flut].
Wort für Wort
iti
so (Adv., zusammenfassend)
lokam anākrandam
die Welt, die nicht schreien kann (Akk.Sg.)
mohaśokapariplutam
von Verblendung und Kummer überflutet (Akk.Sg., PPP)
na dhanena na rājyena nogreṇa tapasā tathā; svabhāvā vyativartante ye niyuktāḥ śarīriṣu
Nicht durch Reichtum, nicht durch Königsherrschaft, auch nicht durch strenge Askese lassen sich die Wesensnaturen überwinden, die den Körpern eingeprägt sind.
Wort für Wort
na dhanena
nicht durch Reichtum (Instr.Sg.)
na rājyena
nicht durch Königsherrschaft (Instr.Sg.)
na ugreṇa tapasā tathā
auch nicht durch strenge Askese (Instr.Sg.)
svabhāvāḥ vyativartante
die Wesensnaturen werden überwunden (Nom.Pl./3.Pl.Präs.)
sarveṣām ṛddhikāmānām anye rathapuraḥsarāḥ; manujāś ca śatastrīkāḥ śataśo vidhavāḥ striyaḥ
Unter allen, die nach Wohlstand verlangen, sind manche [nur] Wagen-Vorläufer; es gibt Männer mit hundert Frauen, und zu Hunderten gibt es verwitwete Frauen.
Unter den Geschöpfen, die sich an Paarung erfreuen, gehen die Männer [dennoch] einzeln [dahin, wenn der Tod kommt]. Sieh dies als ein weiteres, höheres [Faktum]; sei darüber nicht im Irrtum[?].
Wort für Wort
dvaṃdvārāmeṣu bhūteṣu
unter den an Paarung sich erfreuenden Geschöpfen (Lok.Pl.)
gacchanti ekaikaśaḥ narāḥ
gehen die Männer einzeln [dahin] (3.Pl.Präs./Adv./Nom.Pl.)
idam anyat param paśya
sieh dies andere, höhere [Faktum] (Akk.Sg./Imp.2.Sg.)
mā atra mohaṃ kariṣyasi
sei darüber nicht im Irrtum (Neg.+Fut.2.Sg. als Verbot)[?]
Gib Dharma und Adharma auf, gib beide, Wahrheit und Unwahrheit, auf; hast du beide, Wahrheit und Unwahrheit, aufgegeben, so gib auch das auf, wodurch du aufgibst.
Wort für Wort
tyaja dharmam adharmaṃ ca
gib Dharma und Adharma auf (Imp.2.Sg./Akk.Sg.)
ubhe satyānṛte tyaja
gib beide, Wahrheit und Unwahrheit, auf (Akk.Du./Imp.2.Sg.)
ubhe satyānṛte tyaktvā
nachdem du beide, Wahrheit und Unwahrheit, aufgegeben hast (Ger.)
Dies ist dir, bester der Seher, als höchstes Geheimnis verkündet worden, durch das die Götter, die sterbliche Welt verlassend, zum Himmel gelangt sind.
Wort für Wort
etat te paramaṃ guhyam
dies dir als höchstes Geheimnis (Nom.Sg./Dat.Sg.)
ākhyātam ṛṣisattama
ist verkündet worden, bester der Seher (PPP/Vok.Sg.)
Bhīṣma sprach: Nachdem Śuka, der höchst Weise, Nāradas Worte gehört hatte, überlegte er, der Beherrschte, in seinem Geist, gelangte aber zu keiner Gewissheit.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
nāradasya vacaḥ śrutvā
nachdem er Nāradas Worte gehört hatte (Gen.Sg./Akk.Sg./Ger.)
śukaḥ paramabuddhimān
Śuka, der höchst Weise (Nom.Sg.)
saṃcintya manasā dhīraḥ
nachdenkend mit dem Geist, der Beherrschte (Ger./Instr.Sg./Nom.Sg.)
niścayaṃ na adhyagacchata
gelangte zu keiner Gewissheit (Akk.Sg./3.Sg.Impf.)
Durch Frau und Kinder [entsteht] große Mühsal, im Studium der [heiligen] Überlieferung große Anstrengung – was könnte es wohl geben, das ein ewiger Zustand ist, mit wenig Mühsal, [aber] großem Gedeihen?
Wort für Wort
putradāraiḥ mahān kleśaḥ
durch Frau und Kinder [entsteht] große Mühsal (Instr.Pl./Nom.Sg.)
vidyāmnāye mahān śramaḥ
im Studium der Überlieferung [ist] große Anstrengung (Lok.Sg./Nom.Sg.)
Dann, nach kurzem Nachdenken, [suchte er] den für ihn selbst bestimmten Weg – er, der Höheres und Niedrigeres des Dharma kennt, [suchte] den höchsten, zum Heil führenden Weg.
Wort für Wort
tato muhūrtaṃ saṃcintya
dann, einen Augenblick nachdenkend (Adv./Akk.Sg./Ger.)
niścitāṃ gatim ātmanaḥ
über den festgesetzten Weg für sich selbst (Akk.Sg./Gen.Sg.)
parāvarajñaḥ dharmasya
der Höheres und Niedrigeres des Dharma kennt (Nom.Sg./Gen.Sg.)
parāṃ naiḥśreyasīṃ gatim
den höchsten, zum Heil führenden Weg (Akk.Sg.)
Der Satz ist syntaktisch unvollständig und setzt sich im folgenden Vers fort (Subjekt Śuka).
Denn ich sehne mich nach dem höchsten Zustand, aus dem man nicht wieder zurückkehrt; nachdem ich alle Bindungen aufgegeben habe, [suche ich] den festgesetzten Weg des Geistes.
Wort für Wort
paraṃ bhāvaṃ hi kāṅkṣāmi
denn ich sehne mich nach dem höchsten Zustand (Akk.Sg./1.Sg.Präs.)
yatra na āvartate punaḥ
wo man nicht wieder zurückkehrt (Adv./3.Sg.Präs.)
sarvasaṅgān parityajya
nachdem ich alle Bindungen aufgegeben habe (Akk.Pl./Ger.)
niścitāṃ manaso gatim
den festgesetzten Weg des Geistes (Akk.Sg./Gen.Sg.)
Deshalb werde ich, nachdem ich mich dem Yoga hingegeben und den Körper, [meine] Hausstätte, verlassen habe, zu Wind geworden in die Lichtmasse, die Sonne, eingehen.
Wort für Wort
tasmād yogaṃ samāsthāya
deshalb, dem Yoga mich hingebend (Adv./Akk.Sg./Ger.)
tyaktvā gṛhakalevaram
nachdem ich den Körper, [meine] Hausstätte, verlassen habe (Ger./Akk.Sg.)
vāyubhūtaḥ pravekṣyāmi
zu Wind geworden, werde ich eingehen (Nom.Sg./1.Sg.Fut.)
na hy eṣa kṣayam āpnoti somaḥ suragaṇair yathā; kampitaḥ patate bhūmiṃ punaś caivādhirohati; kṣīyate hi sadā somaḥ punaś caivābhipūryate
Denn jenes [Höchste] erleidet keinen Untergang, wie der Mond [ihn erleidet] durch die Scharen der Götter [Anm.: Anspielung auf das Trinken des Mondnektars durch die Götter]; erschüttert fällt er zur Erde hinab und steigt doch wieder auf; denn der Mond nimmt immer wieder ab und wird wieder ganz voll.
Wort für Wort
na hi eṣa kṣayam āpnoti
denn dieser erleidet keinen Untergang (Nom.Sg./Akk.Sg./3.Sg.Präs.)
somaḥ suragaṇair yathā
wie der Mond durch die Scharen der Götter (Nom.Sg./Instr.Pl./Adv.)
kampitaḥ patate bhūmiṃ
erschüttert fällt er zur Erde (Nom.Sg.PPP/3.Sg.Präs./Akk.Sg.)
punaś ca eva adhirohati
und steigt doch wieder auf (Adv./3.Sg.Präs.)
kṣīyate hi sadā somaḥ
denn der Mond nimmt immer ab (3.Sg.Präs.Pass./Adv./Nom.Sg.)
punaś ca eva abhipūryate
und wird wieder ganz voll (Adv./3.Sg.Präs.Pass.)
Vergleich mit den Mondphasen; Bezug zum folgenden Zusatzvers, in dem Śuka dieses ewige Ab- und Zunehmen für sich ablehnt.
Und ich werde, nachdem ich diesen Körper in der Wohnstätte der Sonne abgelegt habe, zusammen mit den Ṛṣis in das solare Licht eingehen, das kaum zu ertragen ist.
Wort für Wort
sūryasya sadane ca aham
und ich, in der Wohnstätte der Sonne (Gen.Sg./Lok.Sg./Nom.Sg.)
nikṣipya idaṃ kalevaram
nachdem ich diesen Körper abgelegt habe (Ger./Akk.Sg.)
ṛṣibhiḥ saha yāsyāmi
werde ich zusammen mit den Ṛṣis gehen (Instr.Pl./1.Sg.Fut.)
sauraṃ tejo atiduḥsaham
in das solare Licht, das kaum zu ertragen ist (Akk.Sg.)
Ich nehme Abschied von den Bäumen, den Schlangenwesen, den Bergen, der Erde, den Himmelsrichtungen, dem Himmel, von den Göttern, Dānavas und Gandharvas, von den Piśācas, Schlangendämonen und Rākṣasas.
Wort für Wort
āpṛcchāmi nagān nāgān
ich nehme Abschied von den Bäumen, den Schlangenwesen (1.Sg.Präs./Akk.Pl.)
girīn urvīṃ diśo divam
den Bergen, der Erde, den Himmelsrichtungen, dem Himmel (Akk.Pl./Akk.Sg./Akk.Pl./Akk.Sg.)
devadānavagandharvān
den Göttern, Dānavas und Gandharvas (Akk.Pl.)
piśācoragarākṣasān
den Piśācas, Schlangendämonen und Rākṣasas (Akk.Pl.)
Er, nachdem er den großherzigen Seher Dvaipāyana, den Muni, gegrüßt hatte – Śuka, der Muni, umschritt ihn rechtsherum und bat Kṛṣṇa [Dvaipāyana] um Erlaubnis.
Wort für Wort
saḥ abhivādya
er, nachdem er gegrüßt hatte (Nom.Sg./Ger.)
mahātmānam ṛṣiṃ dvaipāyanaṃ munim
den großherzigen Seher, den Muni Dvaipāyana (Akk.Sg.)
śukaḥ pradakṣiṇīkṛtya
Śuka, nachdem er ihn rechtsherum umschritten hatte (Nom.Sg./Ger.)
kṛṣṇam āpṛṣṭavān muniḥ
der Muni fragte Kṛṣṇa [um Erlaubnis] (Akk.Sg./Nom.Sg.Perf.Part./Nom.Sg.)
śrutvā ṛṣis tad vacanaṃ śukasya; prīto mahātmā punar āha cainam; bho bhoḥ putra sthīyatāṃ tāvad adya; yāvac cakṣuḥ prīṇayāmi tvadartham
Nachdem der Seher jene Worte Śukas gehört hatte, sprach der hocherfreute Großherzige wieder zu ihm: „Oh, oh Sohn, bleib doch heute noch, bis ich mein Auge deinetwegen erfreut habe.“
Wort für Wort
śrutvā ṛṣis tad vacanaṃ śukasya
nachdem der Seher jene Worte Śukas gehört hatte (Ger./Nom.Sg./Akk.Sg./Gen.Sg.)
prīto mahātmā punar āha
sprach der erfreute Großherzige wieder (Nom.Sg./Nom.Sg./Adv./3.Sg.Perf.)
ca enam
zu ihm (Akk.Sg.)
bho bhoḥ putra
oh, oh Sohn (Vok.Sg.)
sthīyatāṃ tāvad adya
bleib doch heute (3.Sg.Imp.Pass.impers./Adv./Adv.)
yāvac cakṣuḥ prīṇayāmi
bis ich [mein] Auge erfreue (Adv./Akk.Sg./1.Sg.Präs.)
Śuka, gleichgültig geworden, ohne Zuneigung, mit gelösten Fesseln, nur an die Erlösung denkend, richtete seinen Sinn auf den Aufbruch; er verließ seinen Vater und ging fort, der Beste der Zweifachgeborenen.
Wort für Wort
nirapekṣaḥ śukaḥ bhūtvā
Śuka, gleichgültig geworden (Nom.Sg./Ger.)
niḥsnehaḥ muktabandhanaḥ
ohne Zuneigung, mit gelösten Fesseln (Nom.Sg.)
mokṣam eva anusaṃcintya
nur an die Erlösung denkend (Akk.Sg./Ger.)
gamanāya mano dadhe
richtete den Sinn auf das Fortgehen (Dat.Sg./Akk.Sg./3.Sg.Perf.)
pitaraṃ saṃparityajya
nachdem er den Vater verlassen hatte (Akk.Sg./Ger.)
jagāma dvijasattamaḥ
ging der Beste der Zweifachgeborenen (3.Sg.Perf./Nom.Sg.)
[Er ging] zum weiten Gipfel des Kailāsa, der von Scharen der Siddhas bewohnt wird.
Wort für Wort
kailāsapṛṣṭhaṃ vipulaṃ
zum weiten Gipfel des Kailāsa (Akk.Sg.)
siddhasaṃghair niṣevitam
der von Scharen der Siddhas bewohnt wird (Instr.Pl./Akk.Sg.PPP)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (star); ergänzt vermutlich das Ziel von jagāma in Vers 66 (Kailāsa).