Kapitel 83: kālakavṛkṣīyopākhyānam
Der Weise Kālakavṛkṣīya und die Krähe: Warnung vor treulosen Ministern
Bhīṣma erläutert die zweite Verfahrensweise (Schutz des Anzeigers) und erzählt, wie der Weise Kālakavṛkṣīya dem Kosalerkönig Kṣemadarśin die Unredlichkeit seiner Beamten aufdeckt und ihm rät, sie einzeln zu schwächen und zu beseitigen.
Bhīṣma sprach: „Dies ist die erste Verfahrensweise; die zweite höre, Bhārata: Wer irgendeinen Nutzen [für den König] bewirkt, dieser Mann ist vom König zu schützen.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
eṣā prathamato vṛttir
dies ist zuerst die Verfahrensweise (Nom.f.Sg.)
dvitīyāṃ śṛṇu bhārata
die zweite höre, Bhārata (Akk./Imp./Vok.)
yaḥ kaś cij janayed artham
wer immer einen Nutzen/eine Sache hervorbringt (Nom./Opt./Akk.)
rājñā rakṣyaḥ sa mānavaḥ
vom König zu schützen [ist] dieser Mensch (Instr./Gerundiv/Nom.)
rājakośasya goptāraṃ rājakośavilopakāḥ; sametya sarve bādhante sa vinaśyaty arakṣitaḥ
Den Hüter des Königsschatzes bedrängen die Plünderer des Königsschatzes alle, wenn sie sich zusammengetan haben; er geht zugrunde, wenn er nicht geschützt wird.
Wort für Wort
rājakośasya goptāraṃ
den Hüter des Königsschatzes (Gen./Akk.)
rājakośavilopakāḥ
die Plünderer des Königsschatzes (Nom.Pl.)
sametya sarve bādhante
alle, nachdem sie sich zusammengetan haben, bedrängen [ihn] (Abs./3.Pl.Präs.Med.)
„König, ich bitte dich, den Herrn über Leben und Reichtum, um Furchtlosigkeit; mit deiner Erlaubnis möchte ich in deiner Gegenwart ein heilsames Wort sprechen.“
Wort für Wort
rājaṃs tvām abhayaṃ yāce
König, dich um Furchtlosigkeit bitte ich (Vok./Akk./1.Sg.Präs.Med.)
prabhuṃ prāṇadhaneśvaram
den Herrn, Gebieter über Leben und Besitz (Akk.)
anujñātas tvayā brūyāṃ
von dir erlaubt, möchte ich sprechen (PPP/Instr./1.Sg.Opt.)
„Aus Freundschaft um einen Freund erhitzt, mit Ergebenheit und ganzem Herzen gekommen: ‚Dieser nimmt dir dein Gut weg‘ [?] – so würde sprechen, wer der Nachsicht ermangelt.“
Wort für Wort
mitrārtham abhisaṃtaptaḥ
um des Freundes willen erhitzt (Adv./PPP)
bhaktyā sarvātmanā gataḥ
mit Ergebenheit, mit ganzem Selbst gekommen (Instr./Instr./PPP)
ayaṃ tavārthaṃ harate
dieser nimmt dein Gut/deine Sache weg (Nom./Akk./3.Sg.Präs.Med.)
yo brūyād akṣamānvitaḥ
wer sprechen würde, ohne Nachsicht/ungeduldig (3.Sg.Opt./Nom.)
Syntax und Sprecherbezug unsicher; wohl: der Weise entschuldigt sein ungeduldiges Auftreten.
munir uvāca; jñātvā nayān apāyāṃś ca bhṛtyatas te bhayāni ca; bhaktyā vṛttiṃ samākhyātuṃ bhavato 'ntikam āgamam
Der Weise sprach: „Nachdem ich [deine] Maßnahmen und Fehlgriffe und die Gefahren von deinen Dienern her erkannt hatte, bin ich in Ergebenheit in deine Nähe gekommen, um [dir das] Verhalten darzulegen.“
Wort für Wort
munir uvāca
der Weise sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
jñātvā nayān apāyāṃś ca
erkannt habend die Maßnahmen und Fehlgriffe (Abs./Akk.Pl.)
bhṛtyatas te bhayāni ca
und deine Gefahren von den Dienern her (Abl./Gen./Akk.Pl.)
bhaktyā vṛttiṃ samākhyātum
in Ergebenheit das Verhalten darzulegen (Instr./Akk./Inf.)
prāg evoktaś ca doṣo 'yam ācāryair nṛpasevinām; agatīkagatir hy eṣā yā rājñā saha jīvikā
„Schon früher wurde dieser Mangel von den Lehrern der Königsdiener genannt: Die Lebensführung mit dem König ist die Zuflucht derer, die keine [andere] Zuflucht haben.“
Wort für Wort
prāg evoktaś ca doṣo 'yam
schon früher ist gesagt worden dieser Mangel (Adv./PPP/Nom.)
ācāryair nṛpasevinām
von den Lehrern der Diener von Königen (Instr.Pl./Gen.Pl.)
agatīkagatir hy eṣā
Zuflucht der Zufluchtlosen ist diese (Nom.f.)
yā rājñā saha jīvikā
die Lebensführung mit dem König (Nom./Instr./Nom.)
„Denn durch Nachlässigkeit könnte der König straucheln, und beim Straucheln gibt es kein Leben; wie ein lodernd Feuer soll der Unterwiesene dem König nahen.“
Wort für Wort
pramādād dhi skhaled rājā
denn aus Nachlässigkeit möge straucheln der König (Abl./3.Sg.Opt./Nom.)
skhalite nāsti jīvitam
beim Straucheln gibt es kein Leben (Lok./3.Sg.Präs./Nom.)
agniṃ dīptam ivāsīded
wie ein lodernd Feuer möge er sich nähern (Akk./PPP/3.Sg.Opt.)
devateva hi sarvārthān kuryād rājā prasāditaḥ; vaiśvānara iva kruddhaḥ samūlam api nirdahet; iti rājan mayaḥ prāha vartate ca tathaiva tat
„Denn wie ein Gott würde der König, wenn er gnädig gestimmt ist, alle Anliegen erfüllen; wie Vaiśvānara [das Feuer], wenn erzürnt, würde er selbst mit der Wurzel verbrennen. So sprach, König, Maya, und so verhält es sich auch jetzt.“
Wort für Wort
devateva hi sarvārthān
denn wie eine Gottheit alle Anliegen (Nom./Akk.Pl.)
kuryād rājā prasāditaḥ
würde erfüllen der König, besänftigt (3.Sg.Opt./Nom./PPP)
vaiśvānara iva kruddhaḥ
wie Vaiśvānara, erzürnt (Nom./PPP)
samūlam api nirdahet
mit der Wurzel sogar würde er verbrennen (Adv./3.Sg.Opt.)
vāyasaś caiva me rājann antakāyābhisaṃhitaḥ; na ca me 'tra bhavān garhyo na ca yeṣāṃ bhavān priyaḥ; hitāhitāṃs tu budhyethā mā parokṣamatir bhava
„Und meine Krähe, König, wurde dem Tod zugedacht; doch bist du hierin nicht von mir zu tadeln, noch jene, denen du lieb bist. Unterscheide Heilsames und Unheilsames; sei nicht einer, der [nur] aus der Ferne urteilt [?].“
Wort für Wort
vāyasaś caiva me rājann
und die Krähe mein, König (Nom./Gen./Vok.)
antakāyābhisaṃhitaḥ
auf den Tod angesetzt (PPP Nom.)
na ca me 'tra bhavān garhyo
und nicht ist hierin von mir Ihr zu tadeln (Nom./Gerundiv)
na ca yeṣāṃ bhavān priyaḥ
und nicht jene, denen Ihr lieb seid (Gen.Pl./Nom.)
hitāhitāṃs tu budhyethā
Heilsames und Unheilsames erkenne (Akk.Pl./2.Sg.Opt.Med.)
mā parokṣamatir bhava
sei nicht von auf das Verborgene gerichtetem Sinn (Nom./Imp.)
parokṣamati unsicher (auf Verborgenes/Fernes gerichteter Sinn, evtl. „unaufmerksam für das Naheliegende“).
ye tv ādānaparā eva vasanti bhavato gṛhe; abhūtikāmā bhūtānāṃ tādṛśair me 'bhisaṃhitam
„Die aber, die nur auf Wegnehmen bedacht in deinem Haus wohnen und dem Wohlergehen der Wesen abgeneigt sind – von solchen wurde [das Vorgehen] gegen mich angesetzt.“
Wort für Wort
ye tv ādānaparā eva
die aber, nur auf Nehmen bedacht (Nom.Pl.)
vasanti bhavato gṛhe
wohnen in deinem Haus (3.Pl.Präs./Gen./Lok.)
abhūtikāmā bhūtānāṃ
dem Gedeihen abgeneigt, der Wesen (Nom.Pl./Gen.Pl.)
tādṛśair me 'bhisaṃhitam
von solchen gegen mich angesetzt (Instr.Pl./Gen./PPP)
teṣām ahaṃ bhayād rājan gamiṣyāmy anyam āśramam; tair hi me saṃdhito bāṇaḥ kāke nipatitaḥ prabho
Vor ihnen, König, werde ich aus Furcht zu einer anderen Einsiedelei gehen; von ihnen ist mir ja der Pfeil angelegt worden, [und] auf die Krähe ist er niedergefallen, Herr.
Wort für Wort
teṣām ahaṃ bhayāt rājan
vor ihnen, ich, aus Furcht, König (Gen.Pl. / Nom.Sg. / Abl.Sg. / Vok.Sg.)
gamiṣyāmi anyam āśramam
werde ich gehen zu einer anderen Einsiedelei (1.Sg.Fut. / Akk.Sg.)
taiḥ hi me saṃdhitaḥ bāṇaḥ
von ihnen ja ist mir der Pfeil angelegt (Instr.Pl. / Gen.Sg. / Part.Pass. / Nom.Sg.)
kāke nipatitaḥ prabho
auf die Krähe gefallen, Herr (Lok.Sg. / Part.Pass. / Vok.Sg.)
Diesen Fluss, der viele Krokodile, Fische und Haie hat und von Scharen von Timiṅgila-Walen erfüllt ist, das heißt dich, habe ich mit der Krähe als Angelköder durchquert.
Wort für Wort
bahunakrajhaṣagrāhām
mit vielen Krokodilen, Fischen und Haien (Akk.Sg.f., Kompositum)
timiṅgilagaṇāyutām
erfüllt von Scharen von Timiṅgila-Walen (Akk.Sg.f.)
kākena baḍiśena
mit der Krähe als Angelhaken (Instr.Sg.)
imām atārṣam
diese habe ich durchquert (Akk.Sg.f. / 1.Sg.Aor.)
tvām aham nadīm
dich, ich, den Fluss (Akk.Sg. / Nom.Sg. / Akk.Sg.f.)
tvām nadīm: der König wird als Fluss angesprochen (Bildrede); die Wiedergabe folgt dem Wortlaut.
[Ein Fluss] mit Baumstümpfen, Steinen und Dornen, von Tigern, Löwen und Elefanten wimmelnd, schwer zugänglich, schwer zu betreten, gleich einer Höhle im Himālaya.
Wort für Wort
sthāṇvaśmakaṇṭakavatīm
mit Baumstümpfen, Steinen und Dornen versehen (Akk.Sg.f.)
vyāghrasiṃhagajākulām
von Tigern, Löwen und Elefanten wimmelnd (Akk.Sg.f.)
durāsadām duṣpraveśām
schwer zugänglich, schwer zu betreten (Akk.Sg.f.)
guhām haimavatīm iva
wie eine Höhle im Himālaya (Akk.Sg.f. / Adj.f. / Partikel)
Durch Feuer wird eine finstere Enge überwunden, und mit Schiffen ein [Wasser-]Hindernis; für das Hinabsteigen in die Königsfestung kennen die Gelehrten kein Mittel.
Wort für Wort
agninā tāmasam durgam
durch Feuer eine finstere Enge (Instr.Sg. / Nom.Sg.n.)
naubhiḥ āpyam ca
mit Schiffen ein wasserreiches [Hindernis], und (Instr.Pl. / Nom.Sg.n.)
gamyate
wird überwunden, wird durchschritten (3.Sg.Pass.)
rājadurgāvataraṇe
beim Hinabsteigen in die Königsfestung (Lok.Sg.)
na upāyam paṇḍitāḥ viduḥ
kein Mittel kennen die Gelehrten (Akk.Sg. / Nom.Pl. / 3.Pl.Perf.)
durgam/āpyam ergänzt: [Hindernis]; āpya evtl. auch 'erreichbar' (von āp): [?]
ato nāyaṃ śubho vāsas tulye sadasatī iha; vadho hy evātra sukṛte duṣkṛte na ca saṃśayaḥ
Darum ist dieser Aufenthalt nicht gut, da hier Gutes und Schlechtes gleichgestellt sind; denn hier gibt es Tötung sowohl bei Gutgetanem als auch bei Schlechtgetanem, daran ist kein Zweifel.
Wort für Wort
ataḥ na ayam śubhaḥ vāsaḥ
daher ist dieser Aufenthalt nicht gut (Adv. / Nom.Sg.m.)
tulye sadasatī iha
gleich behandelt Gutes und Schlechtes hier (Nom.Du.n. / Adv.)
Rechtmäßig ist die Tötung bei Schlechtgetanem; wie könnte es bei Gutgetanem Tötung geben? Hier ist es nicht angemessen, lange zu bleiben; darum soll der Weise eilends fortgehen.
Wort für Wort
nyāyataḥ duṣkṛte ghātaḥ
rechtmäßig ist bei Schlechtgetanem die Tötung (Abl.-Adv. / Lok.Sg. / Nom.Sg.)
sukṛte syāt katham vadhaḥ
bei Gutgetanem, wie könnte Tötung sein (Lok.Sg. / 3.Sg.Opt. / Interr. / Nom.Sg.)
na iha yuktam ciram sthātum
hier ist es nicht passend, lange zu bleiben (Part.Pass.n. / Adv. / Inf.)
javena ataḥ vrajet budhaḥ
mit Eile daher soll der Weise gehen (Instr.Sg. / Adv. / 3.Sg.Opt. / Nom.Sg.)
madhuprapāto hi bhavān bhojanaṃ viṣasaṃyutam; asatām iva te bhāvo vartate na satām iva; āśīviṣaiḥ parivṛtaḥ kūpas tvam iva pārthiva
Du bist ja ein Honigabsturz [ein mit Honig überdeckter Abgrund], eine mit Gift vermischte Speise; dein Wesen zeigt sich wie das von Schlechten, nicht wie das von Guten; von Giftschlangen umgeben [bist du] wie ein Brunnen, Fürst.
Wort für Wort
madhuprapātaḥ hi bhavān
ein Honig-Abgrund ja bist du (Nom.Sg.m. / Partikel / Nom.Sg.)
bhojanam viṣasaṃyutam
eine Speise mit Gift vermischt (Nom.Sg.n.)
asatām iva te bhāvaḥ vartate
wie von Schlechten dein Wesen besteht (Gen.Pl. / Gen.Sg. / Nom.Sg. / 3.Sg.Präs.)
na satām iva
nicht wie von Guten (Gen.Pl.)
āśīviṣaiḥ parivṛtaḥ
von Giftschlangen umgeben (Instr.Pl. / Part.Pass.)
kūpaḥ tvam iva pārthiva
wie ein Brunnen du, Fürst (Nom.Sg.m. / Nom.Sg. / Vok.Sg.)
kriyāvṛttiḥ parivṛtaḥ kva vā gacchati duḥkhitaḥ; tathāhaṃ kākaghātena kṛtas tvam asi pārthiva
[Ein Mensch,] von [ ]tätigem Lebenswandel umgeben, wohin geht er, der Bedrängte? So bin ich durch die Tötung der Krähe [dazu] gemacht worden; du aber bist, Fürst, [wie ein solcher] [?].
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, Text offenbar verderbt oder elliptisch; Bezug von kṛtaḥ (Subjekt ich/du) unklar, Übersetzung unsicher.
durgatīrthā bṛhatkūlā karīrīvetrasaṃyutā; nadī madhurapānīyā yathā rājaṃs tathā bhavān; śvagṛdhragomāyuyuto rājahaṃsasamo hy asi
[Wie] ein Fluss mit schwer zugänglichen Furten, hohen Ufern, mit Karīra-Gebüsch und Rohr bewachsen, doch mit süßem Wasser, so, König, bist du; von Hunden, Geiern und Schakalen begleitet, bist du gleich einem Königsschwan.
Wort für Wort
durgatīrthā bṛhatkūlā
mit schwer zugänglichen Furten, mit hohen Ufern (Nom.Sg.f.)
karīrīvetrasaṃyutā
mit Karīra-Sträuchern und Rohr versehen (Nom.Sg.f.)
nadī madhurapānīyā
ein Fluss mit süßem Wasser (Nom.Sg.f.)
yathā rājan tathā bhavān
wie, König, so du (Adv. / Vok.Sg. / Adv. / Nom.Sg.)
śvagṛdhragomāyuyutaḥ
mit Hunden, Geiern, Schakalen verbunden (Nom.Sg.m.)
rājahaṃsasamaḥ hi asi
einem Königsschwan gleich bist du ja (Nom.Sg.m. / Partikel / 2.Sg.Präs.)
yathāśritya mahāvṛkṣaṃ kakṣaḥ saṃvardhate mahān; tatas taṃ saṃvṛṇoty eva tam atītya ca vardhate
So wie ein großes Gestrüpp, an einem großen Baum Halt findend, mächtig heranwächst, ihn dann ganz umschlingt und, über ihn hinausgelangt, [weiter] wächst,
Wort für Wort
yathā āśritya mahāvṛkṣam
wie, Halt nehmend an einem großen Baum (Adv. / Abs. / Akk.Sg.)
tenaivopendhano nūnaṃ dāvo dahati dāruṇaḥ; tathopamā hy amātyās te rājaṃs tān pariśodhaya
[so] verbrennt mit eben diesem als Brennstoff gewiss der furchtbare Waldbrand [den Baum]; ebenso sind deine Minister, König, dem [Gestrüpp] zu vergleichen; reinige sie [von Fehlern].
Wort für Wort
tena eva upendhanaḥ nūnam
mit eben diesem als Brennstoff gewiss (Instr.Sg. / Nom.Sg.m. / Adv.)
dāvaḥ dahati dāruṇaḥ
der Waldbrand verbrennt, furchtbar (Nom.Sg.m. / 3.Sg.Präs. / Nom.Sg.m.)
tathā upamāḥ hi amātyāḥ te
ebenso Vergleichbare sind Minister deine (Nom.Pl.m. / Nom.Pl. / Gen.Sg.)
rājan tān pariśodhaya
König, sie reinige (Vok.Sg. / Akk.Pl. / 2.Sg.Imp.Kaus.)
Das Bild ist knapp: kakṣa ist Gestrüpp; upendhanaḥ = 'als Brennstoff dienend'; pariśodhaya kann auch 'läutere / prüfe' heißen.
Ich habe [hier] gelebt, argwöhnisch und die Unachtsamkeit hütend, wie eine Schlange im Haus, wie in der Wohnung einer Heldengattin, den Charakter des Königs erforschend und mit ihm zusammenlebend.
Wort für Wort
uṣitam śaṅkamānena
gelebt worden ist von mir, argwöhnisch (Part.Pass.n. / Instr.Sg.Part.)
pramādam parirakṣatā
die Unachtsamkeit hütend, meidend (Akk.Sg. / Instr.Sg.Part.)
antaḥsarpaḥ iva āgāre
wie eine Schlange im Innern im Haus (Nom.Sg.m. / Lok.Sg.n.)
vīrapatnyāḥ iva ālaye
wie in der Wohnung einer Heldengattin (Gen.Sg.f. / Lok.Sg.m.)
śīlam jijñāsamānena
den Charakter erforschen wollend (Akk.Sg. / Instr.Sg.Part.Des.)
Ist der König wohl Herr seiner Sinne? Sind die inneren [Feinde] wohl besiegt? Ist er ihnen wohl lieb, der König? Sind dem König die Untertanen wohl lieb?
Wort für Wort
kaccit jitendriyaḥ rājā
ob wohl sinnbeherrscht der König (Fragepart. / Nom.Sg.m. / Nom.Sg.)
kaccit abhyantarāḥ jitāḥ
ob wohl die inneren besiegt sind (Nom.Pl.m. / Part.Pass.)
kaccit eṣām priyaḥ rājā
ob wohl ihnen lieb der König (Gen.Pl. / Nom.Sg.m.)
kaccit rājñaḥ priyāḥ prajāḥ
ob wohl dem König lieb die Untertanen (Gen.Sg. / Nom.Pl.f. / Nom.Pl.f.)
abhyantarāḥ: 'die Inneren' (innere Feinde bzw. Hofleute) – Bezug nicht ausdrücklich genannt.
amātyā me na rocante vitṛṣṇasya yathodakam; bhavato 'rthakṛd ity eva mayi doṣo hi taiḥ kṛtaḥ; vidyate kāraṇaṃ nānyad iti me nātra saṃśayaḥ
Die Minister gefallen mir nicht, wie Wasser einem Durstlosen; „Er handelt zu deinem Nutzen“, allein deshalb ist mir von ihnen ein Vorwurf gemacht worden; einen anderen Grund gibt es nicht, darüber habe ich keinen Zweifel.
Wort für Wort
amātyāḥ me na rocante
die Minister gefallen mir nicht (Nom.Pl. / Dat.Sg. / 3.Pl.Präs.)
vitṛṣṇasya yathā udakam
wie Wasser einem Durstlosen (Gen.Sg. / Adv. / Nom.Sg.n.)
na hi teṣām ahaṃ drugdhas tat teṣāṃ doṣavad gatam; arer hi durhatād bheyaṃ bhagnapṛṣṭhād ivoragāt
Ich habe ihnen ja nichts angetan; das ist bei ihnen [nun] fehlerbehaftet ausgegangen [?]. Vor einem schlecht geschlagenen Feind muss man sich fürchten, wie vor einer Schlange mit gebrochenem Rücken.
Wort für Wort
na hi teṣām aham drugdhaḥ
nicht habe ich ihnen ja geschadet (Gen.Pl. / Nom.Sg. / Part.Pass.)
tat teṣām doṣavat gatam
das ist ihnen fehlerbehaftet geworden [?] (Nom.Sg.n. / Gen.Pl. / Adj.n. / Part.Pass.)
areḥ hi durhatāt bheyam
vor einem Feind, schlecht getroffen, ist Furcht zu haben (Abl.Sg. / Abl.Sg.m. / Ger.n.)
bhagnapṛṣṭhāt iva uragāt
wie vor einer Schlange mit gebrochenem Rücken (Abl.Sg.m. / Abl.Sg.m.)
tat teṣāṃ doṣavad gatam: Sinn unsicher; wörtlich 'jenes ist bei ihnen fehlerhaft gegangen'.
arthe sarvaṃ jagad baddham arthena ca nibadhyate; arthe darpo manuṣyāṇāṃ tasmād arthaṃ virocaya; ekenaikasya doṣeṇa tad viruddhaṃ pracodaya; sa tasya doṣān udbhāvya tasyārthaṃ grāhayiṣyati; sāmapūrvaṃ ca keṣāṃ cid bhedena ca parasparam; vairaṃ kāraya bhūpāla paścād daṇḍaṃ prayojaya; bilvena ca yathā bilvam ākāraṃ chādya buddhimān; aśuddhaṃ sacivaṃ rājann aśuddhenaiva nāśaya
Im Reichtum ist die ganze Welt gebunden, und durch Reichtum wird sie gefesselt; im Reichtum [liegt] der Stolz der Menschen; darum lass den Reichtum strahlen [?]. Durch den einen Fehler des einen stachle den [andern] gegen ihn auf. Der wird, dessen Fehler aufdeckend, dessen Besitz ergreifen lassen. Mit Versöhnung zuerst bei manchen, und durch Entzweiung untereinander stifte, Fürst, Feindschaft; danach wende die Strafe an. Und wie ein Kluger eine Bilva-Frucht mit einer Bilva-Frucht [schlägt], die Absicht verbergend, so vernichte, König, einen unreinen Minister eben durch einen unreinen.
Wort für Wort
arthe sarvam jagat baddham
im Reichtum ist alles, die Welt, gebunden (Lok.Sg. / Nom.Sg.n. / Nom.Sg.n. / Part.Pass.)
arthena ca nibadhyate
und durch Reichtum wird sie gefesselt (Instr.Sg. / 3.Sg.Pass.)
arthe darpaḥ manuṣyāṇām
im Reichtum der Stolz der Menschen (Lok.Sg. / Nom.Sg. / Gen.Pl.)
danach die Strafe wende an (Adv. / Akk.Sg. / 2.Sg.Imp.Kaus.)
bilvena ca yathā bilvam
und wie eine Bilva-Frucht mit einer Bilva-Frucht (Instr.Sg. / Adv. / Akk.Sg.)
ākāram chādya buddhimān
die Gestalt/Absicht verbergend, der Kluge (Akk.Sg. / Abs. / Nom.Sg.)
aśuddham sacivam rājan
einen unreinen Minister, König (Akk.Sg. / Akk.Sg. / Vok.Sg.)
aśuddhena eva nāśaya
durch einen unreinen eben vernichte (Instr.Sg. / Partikel / 2.Sg.Imp.Kaus.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; virocaya (Kaus. von ruc) und der Vergleich mit den Bilva-Früchten (Bild: eine gegen die andere schlagen) sind unsicher.
Beides, Leid und Glück, hast du gesehen und das Königtum durch Zufall erlangt; wie kannst du, König, nachlässig sein, wo das Königtum auf den Ministern ruht?
Wort für Wort
ubhe dṛṣṭvā duḥkhasukhe
beides gesehen habend, Leid und Glück (Akk.Du.n. / Abs. / Akk.Du.n.)
rājyam prāpya yadṛcchayā
das Königtum erlangt habend durch Zufall (Akk.Sg.n. / Abs. / Instr.Sg.)
rājyena amātyasaṃsthena
bei einem auf den Ministern beruhenden Königtum (Instr.Sg.n.)
katham rājan pramādyasi
wie, König, bist du nachlässig (Interr. / Vok.Sg. / 2.Sg.Präs.)