Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 83: kālakavṛkṣīyopākhyānam Der Weise Kālakavṛkṣīya und die Krähe: Warnung vor treulosen Ministern

Bhīṣma erläutert die zweite Verfahrensweise (Schutz des Anzeigers) und erzählt, wie der Weise Kālakavṛkṣīya dem Kosalerkönig Kṣemadarśin die Unredlichkeit seiner Beamten aufdeckt und ihm rät, sie einzeln zu schwächen und zu beseitigen.

bhīṣma uvāca; eṣā prathamato vṛttir dvitīyāṃ śṛṇu bhārata; yaḥ kaś cij janayed arthaṃ rājñā rakṣyaḥ sa mānavaḥ

Bhīṣma sprach: „Dies ist die erste Verfahrensweise; die zweite höre, Bhārata: Wer irgendeinen Nutzen [für den König] bewirkt, dieser Mann ist vom König zu schützen.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
eṣā prathamato vṛttir
dies ist zuerst die Verfahrensweise (Nom.f.Sg.)
dvitīyāṃ śṛṇu bhārata
die zweite höre, Bhārata (Akk./Imp./Vok.)
yaḥ kaś cij janayed artham
wer immer einen Nutzen/eine Sache hervorbringt (Nom./Opt./Akk.)
rājñā rakṣyaḥ sa mānavaḥ
vom König zu schützen [ist] dieser Mensch (Instr./Gerundiv/Nom.)

hriyamāṇam amātyena bhṛto vā yadi vābhṛtaḥ; yo rājakośaṃ naśyantam ācakṣīta yudhiṣṭhira

Wer, Yudhiṣṭhira, dem [König] den Königsschatz, der vom Minister entwendet wird und schwindet, anzeigt, sei er [dafür] besoldet oder unbesoldet [?],

Wort für Wort
hriyamāṇam amātyena
der entwendet wird vom Minister (Part.Pass.Akk./Instr.)
bhṛto vā yadi vābhṛtaḥ
ob besoldet oder unbesoldet (Nom.)
yo rājakośaṃ naśyantam
wer den Königsschatz, der schwindet (Akk./Part.Präs.)
ācakṣīta yudhiṣṭhira
anzeigen möge (3.Sg.Opt.Med.), Yudhiṣṭhira (Vok.)

bhṛta/abhṛta ist mehrdeutig (besoldet/unbesoldet, auch: genährt/ungenährt).

śrotavyaṃ tasya ca raho rakṣyaś cāmātyato bhavet; amātyā hy upahantāraṃ bhūyiṣṭhaṃ ghnanti bhārata

Ihm ist im Geheimen Gehör zu schenken, und er ist vor dem Minister zu schützen; denn die Minister töten, Bhārata, den Anzeiger meistens.

Wort für Wort
śrotavyaṃ tasya ca raho
zuzuhören ist ihm, und im Geheimen (Gerundiv/Gen./Adv.)
rakṣyaś cāmātyato bhavet
und zu schützen sei er vor dem Minister (Gerundiv/Abl./3.Sg.Opt.)
amātyā hy upahantāraṃ
denn die Minister den Angreifer/Anzeiger (Nom.Pl./Akk.Sg.)
bhūyiṣṭhaṃ ghnanti bhārata
meistens töten sie, Bhārata (Adv./3.Pl.Präs./Vok.)

rājakośasya goptāraṃ rājakośavilopakāḥ; sametya sarve bādhante sa vinaśyaty arakṣitaḥ

Den Hüter des Königsschatzes bedrängen die Plünderer des Königsschatzes alle, wenn sie sich zusammengetan haben; er geht zugrunde, wenn er nicht geschützt wird.

Wort für Wort
rājakośasya goptāraṃ
den Hüter des Königsschatzes (Gen./Akk.)
rājakośavilopakāḥ
die Plünderer des Königsschatzes (Nom.Pl.)
sametya sarve bādhante
alle, nachdem sie sich zusammengetan haben, bedrängen [ihn] (Abs./3.Pl.Präs.Med.)
sa vinaśyaty arakṣitaḥ
er geht zugrunde, ungeschützt (3.Sg.Präs./Nom.)

atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam; muniḥ kālakavṛkṣīyaḥ kausalyaṃ yad uvāca ha

Hierzu führt man auch diese alte Geschichte an, was der Weise Kālakavṛkṣīya zum Kosaler gesagt hat.

Wort für Wort
atrāpy udāharantīmam
hierzu auch führen sie an diese (3.Pl.Präs./Akk.)
itihāsaṃ purātanam
Geschichte, alte (Akk.)
muniḥ kālakavṛkṣīyaḥ
der Weise Kālakavṛkṣīya (Nom.)
kausalyaṃ yad uvāca ha
zum Kosaler, was er sprach, fürwahr (Akk./3.Sg.Perf.)

kosalānām ādhipatyaṃ saṃprāpte kṣemadarśini; muniḥ kālakavṛkṣīya ājagāmeti naḥ śrutam

Als Kṣemadarśin die Herrschaft über die Kosaler erlangt hatte, kam der Weise Kālakavṛkṣīya [zu ihm], so haben wir gehört.

Wort für Wort
kosalānām ādhipatyaṃ
die Oberherrschaft der Kosaler (Gen.Pl./Akk.)
saṃprāpte kṣemadarśini
als erlangt hatte Kṣemadarśin (Lok.abs.)
muniḥ kālakavṛkṣīya
der Weise Kālakavṛkṣīya (Nom.)
ājagāmeti naḥ śrutam
kam, so von uns gehört (3.Sg.Perf./Instr.Pl./PPP)

sa kākaṃ pañjare baddhvā viṣayaṃ kṣemadarśinaḥ; pūrvaṃ paryacarad yuktaḥ pravṛttyarthī punaḥ punaḥ

Er sperrte eine Krähe in einen Käfig und durchstreifte zuvor das Gebiet des Kṣemadarśin, achtsam, immer wieder auf Kunde bedacht.

Wort für Wort
sa kākaṃ pañjare baddhvā
er, eine Krähe im Käfig gebunden habend (Nom./Akk./Lok./Abs.)
viṣayaṃ kṣemadarśinaḥ
das Gebiet des Kṣemadarśin (Akk./Gen.)
pūrvaṃ paryacarad yuktaḥ
zuvor durchstreifte er, eifrig (Adv./Impf./PPP Nom.)
pravṛttyarthī punaḥ punaḥ
auf Kunde/Neuigkeiten aus, immer wieder (Nom./Adv.)

adhīye vāyasīṃ vidyāṃ śaṃsanti mama vāyasāḥ; anāgatam atītaṃ ca yac ca saṃprati vartate

„Ich lerne die Krähenkunde; meine Krähen berichten mir Künftiges und Vergangenes und was jetzt geschieht.“

Wort für Wort
adhīye vāyasīṃ vidyāṃ
ich lerne die Krähen-Wissenschaft (1.Sg.Präs.Med./Akk.)
śaṃsanti mama vāyasāḥ
es verkünden mir die Krähen (3.Pl.Präs./Gen./Nom.Pl.)
anāgatam atītaṃ ca
Künftiges und Vergangenes (Akk.n.)
yac ca saṃprati vartate
und was jetzt besteht/geschieht (3.Sg.Präs.Med.)

iti rāṣṭre paripatan bahuśaḥ puruṣaiḥ saha; sarveṣāṃ rājayuktānāṃ duṣkṛtaṃ paripṛṣṭavān

So im Reich umherziehend, zusammen mit vielen Männern, erforschte er das Fehlverhalten aller Königsbeamten.

Wort für Wort
iti rāṣṭre paripatan
so im Reich umherstreifend (Lok./Part.Präs.)
bahuśaḥ puruṣaiḥ saha
vielfach mit Männern zusammen (Adv./Instr.Pl.)
sarveṣāṃ rājayuktānāṃ
aller Königsbeamten (Gen.Pl.)
duṣkṛtaṃ paripṛṣṭavān
das Fehlverhalten erfragte er (Akk./Part.Perf.Akt.)

sa buddhvā tasya rāṣṭrasya vyavasāyaṃ hi sarvaśaḥ; rājayuktāpacārāṃś ca sarvān buddhvā tatas tataḥ

Er erkannte das Vorgehen jenes Reiches nach allen Seiten, und alle Verfehlungen der Königsbeamten von überallher [erfahren habend],

Wort für Wort
sa buddhvā tasya rāṣṭrasya
er, nachdem er erkannt hatte, dieses Reiches (Abs./Gen.)
vyavasāyaṃ hi sarvaśaḥ
das Vorhaben/Treiben in jeder Hinsicht (Akk./Adv.)
rājayuktāpacārāṃś ca sarvān
und alle Verfehlungen der Königsbeamten (Akk.Pl.)
buddhvā tatas tataḥ
erkannt habend von da und dort (Abs./Adv.)

Der Satz läuft in Vers 11 weiter.

tam eva kākam ādāya rājānaṃ draṣṭum āgamat; sarvajño 'smīti vacanaṃ bruvāṇaḥ saṃśitavrataḥ

nahm eben diese Krähe und kam, den König zu sehen, die Worte „Ich bin allwissend“ sprechend, streng im Gelübde.

Wort für Wort
tam eva kākam ādāya
eben diese Krähe genommen habend (Akk./Abs.)
rājānaṃ draṣṭum āgamat
um den König zu sehen kam er (Akk./Inf./Aor.)
sarvajño 'smīti vacanaṃ
„Allwissend bin ich“, so das Wort (Nom./1.Sg.Präs./Akk.)
bruvāṇaḥ saṃśitavrataḥ
sprechend, scharf im Gelübde (Part.Präs.Med./Nom.)

sa sma kausalyam āgamya rājāmātyam alaṃkṛtam; prāha kākasya vacanād amutredaṃ tvayā kṛtam

Er trat zu dem geschmückten Minister des Kosalers und sagte: „Auf das Wort der Krähe hin: An jenem Ort hast du dies getan.“

Wort für Wort
sa sma kausalyam āgamya
er trat heran an den Kosaler (Nom./Abs.)
rājāmātyam alaṃkṛtam
den Minister des Königs, geschmückt (Akk./PPP)
prāha kākasya vacanād
sprach auf das Wort der Krähe (3.Sg.Perf./Gen./Abl.)
amutredaṃ tvayā kṛtam
dort dies von dir getan (Adv./Instr./PPP)

amutra: an jenem Ort, offenbar mit Bezug auf eine bestimmte Tat.

asau cāsau ca jānīte rājakośas tvayā hṛtaḥ; evam ākhyāti kāko 'yaṃ tac chīghram anugamyatām

„Der und der weiß, dass der Königsschatz von dir geraubt wurde; so meldet diese Krähe; dem ist schleunigst nachzugehen.“

Wort für Wort
asau cāsau ca jānīte
der und der weiß (Nom./3.Sg.Präs.Med.)
rājakośas tvayā hṛtaḥ
der Königsschatz ist von dir geraubt (Nom./Instr./PPP)
evam ākhyāti kāko 'yaṃ
so meldet diese Krähe (3.Sg.Präs./Nom.)
tac chīghram anugamyatām
dem soll schnell nachgegangen werden (Imp.Pass.)

tathānyān api sa prāha rājakośaharān sadā; na cāsya vacanaṃ kiṃ cid akṛtaṃ śrūyate kva cit

Ebenso sprach er stets zu anderen Räubern des Königsschatzes; und nichts von seinen Worten, hört man, blieb je unerfüllt.

Wort für Wort
tathānyān api sa prāha
ebenso auch zu anderen sprach er (Akk.Pl./3.Sg.Perf.)
rājakośaharān sadā
Räubern des Königsschatzes, stets (Akk.Pl./Adv.)
na cāsya vacanaṃ kiṃ cid
und nichts von seinem Wort (Gen./Nom.)
akṛtaṃ śrūyate kva cit
unerfüllt/ungetan wird gehört, irgendwo (PPP Nom./Pass.Präs.)

tena viprakṛtāḥ sarve rājayuktāḥ kurūdvaha; tam atikramya suptasya niśi kākam apothayan

Von ihm gekränkt, gingen alle Königsbeamten, Erster der Kurus, an ihm vorbei und erschlugen nachts die Krähe des Schlafenden.

Wort für Wort
tena viprakṛtāḥ sarve
von ihm gekränkt, alle (Instr./PPP Nom.Pl.)
rājayuktāḥ kurūdvaha
die Königsbeamten, Erster der Kurus (Nom.Pl./Vok.)
tam atikramya suptasya
ihn übergehend, des Schlafenden (Abs./Gen.)
niśi kākam apothayan
in der Nacht die Krähe erschlugen sie (Lok./Akk./3.Pl.Impf.)

vāyasaṃ tu vinirbhinnaṃ dṛṣṭvā bāṇena pañjare; pūrvāhṇe brāhmaṇo vākyaṃ kṣemadarśinam abravīt

Als der Brahmane die Krähe im Käfig von einem Pfeil durchbohrt sah, sprach er am Vormittag zu Kṣemadarśin:

Wort für Wort
vāyasaṃ tu vinirbhinnaṃ
die Krähe aber, durchbohrt (Akk./PPP)
dṛṣṭvā bāṇena pañjare
gesehen habend, durch einen Pfeil, im Käfig (Abs./Instr./Lok.)
pūrvāhṇe brāhmaṇo vākyaṃ
am Vormittag der Brahmane das Wort (Lok./Nom./Akk.)
kṣemadarśinam abravīt
zu Kṣemadarśin sprach er (Akk./3.Sg.Impf.)

rājaṃs tvām abhayaṃ yāce prabhuṃ prāṇadhaneśvaram; anujñātas tvayā brūyāṃ vacanaṃ tvatpuro hitam

„König, ich bitte dich, den Herrn über Leben und Reichtum, um Furchtlosigkeit; mit deiner Erlaubnis möchte ich in deiner Gegenwart ein heilsames Wort sprechen.“

Wort für Wort
rājaṃs tvām abhayaṃ yāce
König, dich um Furchtlosigkeit bitte ich (Vok./Akk./1.Sg.Präs.Med.)
prabhuṃ prāṇadhaneśvaram
den Herrn, Gebieter über Leben und Besitz (Akk.)
anujñātas tvayā brūyāṃ
von dir erlaubt, möchte ich sprechen (PPP/Instr./1.Sg.Opt.)
vacanaṃ tvatpuro hitam
ein Wort vor dir, heilsam (Akk./Adv./Akk.)

mitrārtham abhisaṃtapto bhaktyā sarvātmanā gataḥ; ayaṃ tavārthaṃ harate yo brūyād akṣamānvitaḥ

„Aus Freundschaft um einen Freund erhitzt, mit Ergebenheit und ganzem Herzen gekommen: ‚Dieser nimmt dir dein Gut weg‘ [?] – so würde sprechen, wer der Nachsicht ermangelt.“

Wort für Wort
mitrārtham abhisaṃtaptaḥ
um des Freundes willen erhitzt (Adv./PPP)
bhaktyā sarvātmanā gataḥ
mit Ergebenheit, mit ganzem Selbst gekommen (Instr./Instr./PPP)
ayaṃ tavārthaṃ harate
dieser nimmt dein Gut/deine Sache weg (Nom./Akk./3.Sg.Präs.Med.)
yo brūyād akṣamānvitaḥ
wer sprechen würde, ohne Nachsicht/ungeduldig (3.Sg.Opt./Nom.)

Syntax und Sprecherbezug unsicher; wohl: der Weise entschuldigt sein ungeduldiges Auftreten.

hriyate hi mahārthaś ca puruṣe vikramaty api

Denn ein sehr großes Gut wird geraubt, selbst wenn der Mann sich [dagegen] anstrengt.

Wort für Wort
hriyate hi mahārthaś ca
denn geraubt wird ein großes Gut (3.Sg.Präs.Pass./Nom.)
puruṣe vikramaty api
während der Mann sich müht, sogar (Lok.abs./Part.Präs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; nur in einem Teil der Handschriften.

saṃbubodhayiṣur mitraṃ sadaśvam iva sārathiḥ; atimanyuprasakto hi prasajya hitakāraṇam

Wie der Wagenlenker ein gutes Ross, will er den Freund aufwecken; denn von übergroßem Eifer ergriffen, dringt er um des Heils willen [auf ihn ein].

Wort für Wort
saṃbubodhayiṣur mitraṃ
den Freund aufwecken wollend (Nom.Desid./Akk.)
sadaśvam iva sārathiḥ
wie ein gutes Ross der Wagenlenker (Akk./Nom.)
atimanyuprasakto hi
denn von übergroßem Eifer/Zorn ergriffen (Nom.)
prasajya hitakāraṇam
nachdrücklich beharrend, um des Heilsamen willen (Abs./Akk.)

tathāvidhasya suhṛdaḥ kṣantavyaṃ saṃvijānatā; aiśvaryam icchatā nityaṃ puruṣeṇa bubhūṣatā

Einem solchen Freund soll ein Einsichtiger verzeihen, ein Mann, der stets nach Herrschaft strebt und Gedeihen wünscht.

Wort für Wort
tathāvidhasya suhṛdaḥ
eines solchen Freundes (Gen.)
kṣantavyaṃ saṃvijānatā
ist zu verzeihen von dem Einsichtigen (Gerundiv/Instr.Part.)
aiśvaryam icchatā nityaṃ
der Herrschaft wünschend, stets (Instr.Part./Adv.)
puruṣeṇa bubhūṣatā
von dem Mann, der gedeihen will (Instr./Desid.Part.)

taṃ rājā pratyuvācedaṃ yan mā kiṃ cid bhavān vadet; kasmād ahaṃ na kṣameyam ākāṅkṣann ātmano hitam

Der König antwortete ihm dies: „Was immer Ihr mir sagen möget – warum sollte ich nicht verzeihen, der ich mein eigenes Wohl erstrebe?“

Wort für Wort
taṃ rājā pratyuvācedaṃ
ihm antwortete der König dies (Akk./Nom./3.Sg.Perf.)
yan mā kiṃ cid bhavān vadet
was immer Ihr zu mir sagen möget (Akk./2.Sg.Opt.)
kasmād ahaṃ na kṣameyam
warum sollte ich nicht verzeihen (Abl./1.Sg.Opt.)
ākāṅkṣann ātmano hitam
erstrebend das eigene Wohl (Part.Präs./Gen./Akk.)

brāhmaṇa pratijānīhi prabrūhi yadi cecchasi; kariṣyāmi hi te vākyaṃ yad yan māṃ vipra vakṣyasi

„Brahmane, gib dein Wort und sprich, wenn du willst; ich werde dein Wort tun, was immer du, Weiser, mir sagen wirst.“

Wort für Wort
brāhmaṇa pratijānīhi
Brahmane, erkläre/versprich (Vok./Imp.)
prabrūhi yadi cecchasi
sprich, wenn du willst (Imp./2.Sg.Präs.)
kariṣyāmi hi te vākyaṃ
ich werde tun dein Wort (1.Sg.Fut./Akk.)
yad yan māṃ vipra vakṣyasi
was immer du mir, Weiser, sagen wirst (Akk./Vok./2.Sg.Fut.)

munir uvāca; jñātvā nayān apāyāṃś ca bhṛtyatas te bhayāni ca; bhaktyā vṛttiṃ samākhyātuṃ bhavato 'ntikam āgamam

Der Weise sprach: „Nachdem ich [deine] Maßnahmen und Fehlgriffe und die Gefahren von deinen Dienern her erkannt hatte, bin ich in Ergebenheit in deine Nähe gekommen, um [dir das] Verhalten darzulegen.“

Wort für Wort
munir uvāca
der Weise sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
jñātvā nayān apāyāṃś ca
erkannt habend die Maßnahmen und Fehlgriffe (Abs./Akk.Pl.)
bhṛtyatas te bhayāni ca
und deine Gefahren von den Dienern her (Abl./Gen./Akk.Pl.)
bhaktyā vṛttiṃ samākhyātum
in Ergebenheit das Verhalten darzulegen (Instr./Akk./Inf.)
bhavato 'ntikam āgamam
zu dir in die Nähe kam ich (Gen./Akk./1.Sg.Aor.)

prāg evoktaś ca doṣo 'yam ācāryair nṛpasevinām; agatīkagatir hy eṣā yā rājñā saha jīvikā

„Schon früher wurde dieser Mangel von den Lehrern der Königsdiener genannt: Die Lebensführung mit dem König ist die Zuflucht derer, die keine [andere] Zuflucht haben.“

Wort für Wort
prāg evoktaś ca doṣo 'yam
schon früher ist gesagt worden dieser Mangel (Adv./PPP/Nom.)
ācāryair nṛpasevinām
von den Lehrern der Diener von Königen (Instr.Pl./Gen.Pl.)
agatīkagatir hy eṣā
Zuflucht der Zufluchtlosen ist diese (Nom.f.)
yā rājñā saha jīvikā
die Lebensführung mit dem König (Nom./Instr./Nom.)

āśīviṣaiś ca tasyāhuḥ saṃgataṃ yasya rājabhiḥ; bahumitrāś ca rājāno bahvamitrās tathaiva ca

„Man sagt auch, wer den Umgang mit Königen habe, der sei bei Giftschlangen [zu Gast]; und Könige haben viele Freunde und ebenso viele Feinde.“

Wort für Wort
āśīviṣaiś ca tasyāhuḥ
und mit Giftschlangen, sagt man, ist der (Instr.Pl./3.Pl.Perf.)
saṃgataṃ yasya rājabhiḥ
dessen Umgang mit Königen [besteht] (Akk./Instr.Pl.)
bahumitrāś ca rājāno
und Könige haben viele Freunde (Nom.Pl.Bahuvrīhi)
bahvamitrās tathaiva ca
und ebenso viele Feinde (Nom.Pl.)

Syntax der ersten Vershälfte knapp; „ist bei“ ergänzt.

tebhyaḥ sarvebhya evāhur bhayaṃ rājopasevinām; athaiṣām ekato rājan muhūrtād eva bhīr bhavet

„Von all diesen her, sagt man, droht den Dienern des Königs Gefahr; und von einem davon, König, kann Furcht schon in einem Augenblick entstehen.“

Wort für Wort
tebhyaḥ sarvebhya evāhur
von all diesen her, sagt man (Abl.Pl./3.Pl.Perf.)
bhayaṃ rājopasevinām
Furcht den Dienern des Königs (Nom./Gen.Pl.)
athaiṣām ekato rājan
und von einem dieser her, König (Gen.Pl./Adv./Vok.)
muhūrtād eva bhīr bhavet
schon aus einem Augenblick möge Furcht entstehen (Abl./Nom./3.Sg.Opt.)

naikāntenāpramādo hi kartuṃ śakyo mahīpatau; na tu pramādaḥ kartavyaḥ kathaṃ cid bhūtim icchatā

„Nicht durchweg kann man beim Herrscher Unachtsamkeit ausschließen [?]; doch darf keinesfalls Nachlässigkeit üben, wer Gedeihen wünscht.“

Wort für Wort
naikāntenāpramādo hi
nicht ausnahmslos ist Unachtsamkeit/Sorgfalt (Instr./Nom.)
kartuṃ śakyo mahīpatau
zu üben möglich beim Herrscher (Inf./Nom./Lok.)
na tu pramādaḥ kartavyaḥ
aber Nachlässigkeit ist nicht zu üben (Nom./Gerundiv)
kathaṃ cid bhūtim icchatā
in keiner Weise, von dem, der Gedeihen wünscht (Adv./Akk./Instr.Part.)

apramāda ist doppeldeutig (Sorgfalt/Fehlen von Nachlässigkeit); Sinn der ersten Hälfte unsicher.

pramādād dhi skhaled rājā skhalite nāsti jīvitam; agniṃ dīptam ivāsīded rājānam upaśikṣitaḥ

„Denn durch Nachlässigkeit könnte der König straucheln, und beim Straucheln gibt es kein Leben; wie ein lodernd Feuer soll der Unterwiesene dem König nahen.“

Wort für Wort
pramādād dhi skhaled rājā
denn aus Nachlässigkeit möge straucheln der König (Abl./3.Sg.Opt./Nom.)
skhalite nāsti jīvitam
beim Straucheln gibt es kein Leben (Lok./3.Sg.Präs./Nom.)
agniṃ dīptam ivāsīded
wie ein lodernd Feuer möge er sich nähern (Akk./PPP/3.Sg.Opt.)
rājānam upaśikṣitaḥ
dem König, der Unterwiesene (Akk./PPP Nom.)

āśīviṣam iva kruddhaṃ prabhuṃ prāṇadhaneśvaram; yatnenopacaren nityaṃ nāham asmīti mānavaḥ

„Wie einer erzürnten Giftschlange soll der Mensch dem Herrn über Leben und Reichtum stets mit Sorgfalt aufwarten, [in der Haltung:] ‚Ich bin nichts‘.“

Wort für Wort
āśīviṣam iva kruddhaṃ
wie eine Giftschlange, erzürnt (Akk./PPP)
prabhuṃ prāṇadhaneśvaram
den Herrn, Gebieter über Leben und Besitz (Akk.)
yatnenopacaren nityaṃ
mit Bemühung soll er aufwarten, stets (Instr./3.Sg.Opt./Adv.)
nāham asmīti mānavaḥ
„ich bin nicht [etwas]“, so der Mensch (1.Sg.Präs./Nom.)

nāham asmīti wörtlich „Ich bin nicht“; Sinn: Selbstzurücknahme.

durvyāhṛtāc chaṅkamāno duṣkṛtād duradhiṣṭhitāt; durāsitād durvrajitād iṅgitād aṅgaceṣṭitāt

[Er soll] Furcht haben vor schlechter Rede, schlechter Tat, schlechtem Stehen, schlechtem Sitzen, schlechtem Gehen, vor Andeutung und Gebärde.

Wort für Wort
durvyāhṛtāc chaṅkamāno
vor schlechter Rede sich fürchtend (Abl./Part.Präs.)
duṣkṛtād duradhiṣṭhitāt
vor schlechter Tat, schlechtem Stehen (Abl.)
durāsitād durvrajitād
vor schlechtem Sitzen, schlechtem Gehen (Abl.)
iṅgitād aṅgaceṣṭitāt
vor Andeutung, vor Körperbewegung (Abl.)

devateva hi sarvārthān kuryād rājā prasāditaḥ; vaiśvānara iva kruddhaḥ samūlam api nirdahet; iti rājan mayaḥ prāha vartate ca tathaiva tat

„Denn wie ein Gott würde der König, wenn er gnädig gestimmt ist, alle Anliegen erfüllen; wie Vaiśvānara [das Feuer], wenn erzürnt, würde er selbst mit der Wurzel verbrennen. So sprach, König, Maya, und so verhält es sich auch jetzt.“

Wort für Wort
devateva hi sarvārthān
denn wie eine Gottheit alle Anliegen (Nom./Akk.Pl.)
kuryād rājā prasāditaḥ
würde erfüllen der König, besänftigt (3.Sg.Opt./Nom./PPP)
vaiśvānara iva kruddhaḥ
wie Vaiśvānara, erzürnt (Nom./PPP)
samūlam api nirdahet
mit der Wurzel sogar würde er verbrennen (Adv./3.Sg.Opt.)
iti rājan mayaḥ prāha
so, König, sprach Maya (Vok./Nom./3.Sg.Perf.)
vartate ca tathaiva tat
und so verhält sich das (3.Sg.Präs.Med.)

atha bhūyāṃsam evārthaṃ kariṣyāmi punaḥ punaḥ; dadāty asmadvidho 'mātyo buddhisāhāyyam āpadi

„Doch ich will dir wieder und wieder noch mehr Nutzen schaffen; ein Minister meinesgleichen gibt in der Not die Hilfe des Verstandes.“

Wort für Wort
atha bhūyāṃsam evārthaṃ
doch einen noch größeren Nutzen (Akk.)
kariṣyāmi punaḥ punaḥ
werde ich schaffen, immer wieder (1.Sg.Fut./Adv.)
dadāty asmadvidho 'mātyo
gibt ein Minister meinesgleichen (3.Sg.Präs./Nom.)
buddhisāhāyyam āpadi
Beistand des Verstandes in der Not (Akk./Lok.)

vāyasaś caiva me rājann antakāyābhisaṃhitaḥ; na ca me 'tra bhavān garhyo na ca yeṣāṃ bhavān priyaḥ; hitāhitāṃs tu budhyethā mā parokṣamatir bhava

„Und meine Krähe, König, wurde dem Tod zugedacht; doch bist du hierin nicht von mir zu tadeln, noch jene, denen du lieb bist. Unterscheide Heilsames und Unheilsames; sei nicht einer, der [nur] aus der Ferne urteilt [?].“

Wort für Wort
vāyasaś caiva me rājann
und die Krähe mein, König (Nom./Gen./Vok.)
antakāyābhisaṃhitaḥ
auf den Tod angesetzt (PPP Nom.)
na ca me 'tra bhavān garhyo
und nicht ist hierin von mir Ihr zu tadeln (Nom./Gerundiv)
na ca yeṣāṃ bhavān priyaḥ
und nicht jene, denen Ihr lieb seid (Gen.Pl./Nom.)
hitāhitāṃs tu budhyethā
Heilsames und Unheilsames erkenne (Akk.Pl./2.Sg.Opt.Med.)
mā parokṣamatir bhava
sei nicht von auf das Verborgene gerichtetem Sinn (Nom./Imp.)

parokṣamati unsicher (auf Verborgenes/Fernes gerichteter Sinn, evtl. „unaufmerksam für das Naheliegende“).

ye tv ādānaparā eva vasanti bhavato gṛhe; abhūtikāmā bhūtānāṃ tādṛśair me 'bhisaṃhitam

„Die aber, die nur auf Wegnehmen bedacht in deinem Haus wohnen und dem Wohlergehen der Wesen abgeneigt sind – von solchen wurde [das Vorgehen] gegen mich angesetzt.“

Wort für Wort
ye tv ādānaparā eva
die aber, nur auf Nehmen bedacht (Nom.Pl.)
vasanti bhavato gṛhe
wohnen in deinem Haus (3.Pl.Präs./Gen./Lok.)
abhūtikāmā bhūtānāṃ
dem Gedeihen abgeneigt, der Wesen (Nom.Pl./Gen.Pl.)
tādṛśair me 'bhisaṃhitam
von solchen gegen mich angesetzt (Instr.Pl./Gen./PPP)

ye vā bhavadvināśena rājyam icchanty anantaram; antarair abhisaṃdhāya rājan sidhyanti nānyathā

„Oder die, die nach deinem Untergang unmittelbar die Herrschaft wünschen: Durch Schwachstellen [?] angesetzt, König, gelingen sie nicht anders.“

Wort für Wort
ye vā bhavadvināśena
oder die durch deinen Untergang (Nom.Pl./Instr.)
rājyam icchanty anantaram
Herrschaft wünschen sie unmittelbar danach (Akk./3.Pl.Präs./Adv.)
antarair abhisaṃdhāya
durch Schwachstellen/Lücken abzielend (Instr.Pl./Abs.)
rājan sidhyanti nānyathā
König, gelingen sie, nicht anders (Vok./3.Pl.Präs./Adv.)

antara: Lücke/Schwachstelle oder Vertraute; abhisaṃdhāya: anvisieren/hintergehen. Sinn unsicher.

teṣām ahaṃ bhayād rājan gamiṣyāmy anyam āśramam; tair hi me saṃdhito bāṇaḥ kāke nipatitaḥ prabho

Vor ihnen, König, werde ich aus Furcht zu einer anderen Einsiedelei gehen; von ihnen ist mir ja der Pfeil angelegt worden, [und] auf die Krähe ist er niedergefallen, Herr.

Wort für Wort
teṣām ahaṃ bhayāt rājan
vor ihnen, ich, aus Furcht, König (Gen.Pl. / Nom.Sg. / Abl.Sg. / Vok.Sg.)
gamiṣyāmi anyam āśramam
werde ich gehen zu einer anderen Einsiedelei (1.Sg.Fut. / Akk.Sg.)
taiḥ hi me saṃdhitaḥ bāṇaḥ
von ihnen ja ist mir der Pfeil angelegt (Instr.Pl. / Gen.Sg. / Part.Pass. / Nom.Sg.)
kāke nipatitaḥ prabho
auf die Krähe gefallen, Herr (Lok.Sg. / Part.Pass. / Vok.Sg.)

chadmanā mama kākaś ca gamito yamasādanam; dṛṣṭaṃ hy etan mayā rājaṃs tapodīrgheṇa cakṣuṣā

Durch eine List wurde meine Krähe zur Wohnstatt des Yama gebracht; dies nämlich habe ich, König, mit dem durch Askese weitreichenden Auge gesehen.

Wort für Wort
chadmanā mama kākaḥ ca
durch List, meine Krähe, und (Instr.Sg. / Gen.Sg. / Nom.Sg.)
gamitaḥ yamasādanam
gebracht zur Wohnstatt des Yama (Part.Pass.Kaus. / Akk.Sg.)
dṛṣṭam hi etat mayā rājan
gesehen ist dies ja von mir, König (Part.Pass.n. / Instr.Sg. / Vok.Sg.)
tapodīrgheṇa cakṣuṣā
mit dem durch Askese langen Auge (Instr.Sg.)

bahunakrajhaṣagrāhāṃ timiṃgilagaṇāyutām; kākena baḍiśenemām atārṣaṃ tvām ahaṃ nadīm

Diesen Fluss, der viele Krokodile, Fische und Haie hat und von Scharen von Timiṅgila-Walen erfüllt ist, das heißt dich, habe ich mit der Krähe als Angelköder durchquert.

Wort für Wort
bahunakrajhaṣagrāhām
mit vielen Krokodilen, Fischen und Haien (Akk.Sg.f., Kompositum)
timiṅgilagaṇāyutām
erfüllt von Scharen von Timiṅgila-Walen (Akk.Sg.f.)
kākena baḍiśena
mit der Krähe als Angelhaken (Instr.Sg.)
imām atārṣam
diese habe ich durchquert (Akk.Sg.f. / 1.Sg.Aor.)
tvām aham nadīm
dich, ich, den Fluss (Akk.Sg. / Nom.Sg. / Akk.Sg.f.)

tvām nadīm: der König wird als Fluss angesprochen (Bildrede); die Wiedergabe folgt dem Wortlaut.

sthāṇvaśmakaṇṭakavatīṃ vyāghrasiṃhagajākulām; durāsadāṃ duṣpraveśāṃ guhāṃ haimavatīm iva

[Ein Fluss] mit Baumstümpfen, Steinen und Dornen, von Tigern, Löwen und Elefanten wimmelnd, schwer zugänglich, schwer zu betreten, gleich einer Höhle im Himālaya.

Wort für Wort
sthāṇvaśmakaṇṭakavatīm
mit Baumstümpfen, Steinen und Dornen versehen (Akk.Sg.f.)
vyāghrasiṃhagajākulām
von Tigern, Löwen und Elefanten wimmelnd (Akk.Sg.f.)
durāsadām duṣpraveśām
schwer zugänglich, schwer zu betreten (Akk.Sg.f.)
guhām haimavatīm iva
wie eine Höhle im Himālaya (Akk.Sg.f. / Adj.f. / Partikel)

agninā tāmasaṃ durgaṃ naubhir āpyaṃ ca gamyate; rājadurgāvataraṇe nopāyaṃ paṇḍitā viduḥ

Durch Feuer wird eine finstere Enge überwunden, und mit Schiffen ein [Wasser-]Hindernis; für das Hinabsteigen in die Königsfestung kennen die Gelehrten kein Mittel.

Wort für Wort
agninā tāmasam durgam
durch Feuer eine finstere Enge (Instr.Sg. / Nom.Sg.n.)
naubhiḥ āpyam ca
mit Schiffen ein wasserreiches [Hindernis], und (Instr.Pl. / Nom.Sg.n.)
gamyate
wird überwunden, wird durchschritten (3.Sg.Pass.)
rājadurgāvataraṇe
beim Hinabsteigen in die Königsfestung (Lok.Sg.)
na upāyam paṇḍitāḥ viduḥ
kein Mittel kennen die Gelehrten (Akk.Sg. / Nom.Pl. / 3.Pl.Perf.)

durgam/āpyam ergänzt: [Hindernis]; āpya evtl. auch 'erreichbar' (von āp): [?]

gahanaṃ bhavato rājyam andhakāratamovṛtam; neha viśvasituṃ śakyaṃ bhavatāpi kuto mayā

Dein Reich ist undurchdringlich, von Finsternis und tiefem Dunkel bedeckt; hier kann man nicht vertrauen, nicht einmal du, geschweige denn ich.

Wort für Wort
gahanam bhavataḥ rājyam
undurchdringlich [ist] dein Reich (Nom.Sg.n. / Gen.Sg. / Nom.Sg.n.)
andhakāratamovṛtam
von Finsternis und Dunkel bedeckt (Nom.Sg.n.)
na iha viśvasitum śakyam
hier ist Vertrauen nicht möglich (Inf. / Ger.)
bhavatā api kutaḥ mayā
selbst von dir, wie erst von mir (Instr.Sg. / Partikel / Interr. / Instr.Sg.)

Kurzform 'bhavatā api kuto mayā': wörtlich 'selbst von dir – wie [denn] von mir?'

ato nāyaṃ śubho vāsas tulye sadasatī iha; vadho hy evātra sukṛte duṣkṛte na ca saṃśayaḥ

Darum ist dieser Aufenthalt nicht gut, da hier Gutes und Schlechtes gleichgestellt sind; denn hier gibt es Tötung sowohl bei Gutgetanem als auch bei Schlechtgetanem, daran ist kein Zweifel.

Wort für Wort
ataḥ na ayam śubhaḥ vāsaḥ
daher ist dieser Aufenthalt nicht gut (Adv. / Nom.Sg.m.)
tulye sadasatī iha
gleich behandelt Gutes und Schlechtes hier (Nom.Du.n. / Adv.)
vadhaḥ hi eva atra
Tötung ja eben hier (Nom.Sg.m.)
sukṛte duṣkṛte
bei Gutgetanem, bei Schlechtgetanem (Lok.Sg.n.)
na ca saṃśayaḥ
und kein Zweifel (Nom.Sg.m.)

nyāyato duṣkṛte ghātaḥ sukṛte syāt kathaṃ vadhaḥ; neha yuktaṃ ciraṃ sthātuṃ javenāto vrajed budhaḥ

Rechtmäßig ist die Tötung bei Schlechtgetanem; wie könnte es bei Gutgetanem Tötung geben? Hier ist es nicht angemessen, lange zu bleiben; darum soll der Weise eilends fortgehen.

Wort für Wort
nyāyataḥ duṣkṛte ghātaḥ
rechtmäßig ist bei Schlechtgetanem die Tötung (Abl.-Adv. / Lok.Sg. / Nom.Sg.)
sukṛte syāt katham vadhaḥ
bei Gutgetanem, wie könnte Tötung sein (Lok.Sg. / 3.Sg.Opt. / Interr. / Nom.Sg.)
na iha yuktam ciram sthātum
hier ist es nicht passend, lange zu bleiben (Part.Pass.n. / Adv. / Inf.)
javena ataḥ vrajet budhaḥ
mit Eile daher soll der Weise gehen (Instr.Sg. / Adv. / 3.Sg.Opt. / Nom.Sg.)

sītā nāma nadī rājan plavo yasyāṃ nimajjati; tathopamām imāṃ manye vāgurāṃ sarvaghātinīm

Sītā heißt ein Fluss, König, in dem das Floß versinkt; ihr ähnlich halte ich diese alles tötende Schlinge.

Wort für Wort
sītā nāma nadī rājan
Sītā mit Namen ein Fluss, König (Nom.Sg.f. / Adv. / Nom.Sg.f. / Vok.Sg.)
plavaḥ yasyām nimajjati
das Floß, in der es versinkt (Nom.Sg.m. / Lok.Sg.f. / 3.Sg.Präs.)
tathā upamām imām manye
ebenso vergleichbar diese halte ich (Adv. / Akk.Sg.f. / Akk.Sg.f. / 1.Sg.Präs.)
vāgurām sarvaghātinīm
Schlinge, alles tötend (Akk.Sg.f. / Akk.Sg.f.)

Der Fluss 'Sītā' als Bild (Pallas): Sinn der Vergleichsstelle nicht ganz klar; vāgurā = Netz, Schlinge, Falle.

madhuprapāto hi bhavān bhojanaṃ viṣasaṃyutam; asatām iva te bhāvo vartate na satām iva; āśīviṣaiḥ parivṛtaḥ kūpas tvam iva pārthiva

Du bist ja ein Honigabsturz [ein mit Honig überdeckter Abgrund], eine mit Gift vermischte Speise; dein Wesen zeigt sich wie das von Schlechten, nicht wie das von Guten; von Giftschlangen umgeben [bist du] wie ein Brunnen, Fürst.

Wort für Wort
madhuprapātaḥ hi bhavān
ein Honig-Abgrund ja bist du (Nom.Sg.m. / Partikel / Nom.Sg.)
bhojanam viṣasaṃyutam
eine Speise mit Gift vermischt (Nom.Sg.n.)
asatām iva te bhāvaḥ vartate
wie von Schlechten dein Wesen besteht (Gen.Pl. / Gen.Sg. / Nom.Sg. / 3.Sg.Präs.)
na satām iva
nicht wie von Guten (Gen.Pl.)
āśīviṣaiḥ parivṛtaḥ
von Giftschlangen umgeben (Instr.Pl. / Part.Pass.)
kūpaḥ tvam iva pārthiva
wie ein Brunnen du, Fürst (Nom.Sg.m. / Nom.Sg. / Vok.Sg.)

kriyāvṛttiḥ parivṛtaḥ kva vā gacchati duḥkhitaḥ; tathāhaṃ kākaghātena kṛtas tvam asi pārthiva

[Ein Mensch,] von [ ]tätigem Lebenswandel umgeben, wohin geht er, der Bedrängte? So bin ich durch die Tötung der Krähe [dazu] gemacht worden; du aber bist, Fürst, [wie ein solcher] [?].

Wort für Wort
kriyāvṛttiḥ parivṛtaḥ
Handlungs-Lebensweise, umgeben (Nom.Sg.f. / Part.Pass.)
kva vā gacchati
wohin oder geht er (Interr. / Partikel / 3.Sg.Präs.)
duḥkhitaḥ
der Bedrängte (Nom.Sg.m.)
tathā aham kākaghātena
so ich durch die Krähentötung (Adv. / Nom.Sg. / Instr.Sg.)
kṛtaḥ tvam asi pārthiva
gemacht, du bist, Fürst (Part.Pass. / Nom.Sg. / 2.Sg.Präs. / Vok.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, Text offenbar verderbt oder elliptisch; Bezug von kṛtaḥ (Subjekt ich/du) unklar, Übersetzung unsicher.

durgatīrthā bṛhatkūlā karīrīvetrasaṃyutā; nadī madhurapānīyā yathā rājaṃs tathā bhavān; śvagṛdhragomāyuyuto rājahaṃsasamo hy asi

[Wie] ein Fluss mit schwer zugänglichen Furten, hohen Ufern, mit Karīra-Gebüsch und Rohr bewachsen, doch mit süßem Wasser, so, König, bist du; von Hunden, Geiern und Schakalen begleitet, bist du gleich einem Königsschwan.

Wort für Wort
durgatīrthā bṛhatkūlā
mit schwer zugänglichen Furten, mit hohen Ufern (Nom.Sg.f.)
karīrīvetrasaṃyutā
mit Karīra-Sträuchern und Rohr versehen (Nom.Sg.f.)
nadī madhurapānīyā
ein Fluss mit süßem Wasser (Nom.Sg.f.)
yathā rājan tathā bhavān
wie, König, so du (Adv. / Vok.Sg. / Adv. / Nom.Sg.)
śvagṛdhragomāyuyutaḥ
mit Hunden, Geiern, Schakalen verbunden (Nom.Sg.m.)
rājahaṃsasamaḥ hi asi
einem Königsschwan gleich bist du ja (Nom.Sg.m. / Partikel / 2.Sg.Präs.)

yathāśritya mahāvṛkṣaṃ kakṣaḥ saṃvardhate mahān; tatas taṃ saṃvṛṇoty eva tam atītya ca vardhate

So wie ein großes Gestrüpp, an einem großen Baum Halt findend, mächtig heranwächst, ihn dann ganz umschlingt und, über ihn hinausgelangt, [weiter] wächst,

Wort für Wort
yathā āśritya mahāvṛkṣam
wie, Halt nehmend an einem großen Baum (Adv. / Abs. / Akk.Sg.)
kakṣaḥ saṃvardhate mahān
Gestrüpp wächst heran, groß (Nom.Sg.m. / 3.Sg.Präs. / Nom.Sg.)
tataḥ tam saṃvṛṇoti eva
dann ihn umhüllt es eben (Adv. / Akk.Sg. / 3.Sg.Präs.)
tam atītya ca vardhate
und ihn überragend wächst es (Abs. / 3.Sg.Präs.)

tenaivopendhano nūnaṃ dāvo dahati dāruṇaḥ; tathopamā hy amātyās te rājaṃs tān pariśodhaya

[so] verbrennt mit eben diesem als Brennstoff gewiss der furchtbare Waldbrand [den Baum]; ebenso sind deine Minister, König, dem [Gestrüpp] zu vergleichen; reinige sie [von Fehlern].

Wort für Wort
tena eva upendhanaḥ nūnam
mit eben diesem als Brennstoff gewiss (Instr.Sg. / Nom.Sg.m. / Adv.)
dāvaḥ dahati dāruṇaḥ
der Waldbrand verbrennt, furchtbar (Nom.Sg.m. / 3.Sg.Präs. / Nom.Sg.m.)
tathā upamāḥ hi amātyāḥ te
ebenso Vergleichbare sind Minister deine (Nom.Pl.m. / Nom.Pl. / Gen.Sg.)
rājan tān pariśodhaya
König, sie reinige (Vok.Sg. / Akk.Pl. / 2.Sg.Imp.Kaus.)

Das Bild ist knapp: kakṣa ist Gestrüpp; upendhanaḥ = 'als Brennstoff dienend'; pariśodhaya kann auch 'läutere / prüfe' heißen.

bhavataiva kṛtā rājan bhavatā paripālitāḥ; bhavantaṃ paryavajñāya jighāṃsanti bhavatpriyam

Von dir selbst geschaffen, König, von dir gehegt, verachten sie dich und wollen dich töten, [obwohl] du ihnen lieb bist [?].

Wort für Wort
bhavatā eva kṛtāḥ rājan
von dir selbst gemacht, König (Instr.Sg. / Partikel / Part.Pass.Pl. / Vok.Sg.)
bhavatā paripālitāḥ
von dir gehegt (Instr.Sg. / Part.Pass.Pl.)
bhavantam paryavajñāya
dich verachtend (Akk.Sg. / Abs.)
jighāṃsanti
sie wollen töten (3.Pl.Präs.Des.)
bhavatpriyam
dir Liebes / dein Liebling (Akk.Sg.)

bhavatpriyam syntaktisch unklar: Attribut zu bhavantam ('dich, den [ihnen] Lieben') oder 'was dir lieb ist'.

uṣitaṃ śaṅkamānena pramādaṃ parirakṣatā; antaḥsarpa ivāgāre vīrapatnyā ivālaye; śīlaṃ jijñāsamānena rājñaś ca sahajīvinā

Ich habe [hier] gelebt, argwöhnisch und die Unachtsamkeit hütend, wie eine Schlange im Haus, wie in der Wohnung einer Heldengattin, den Charakter des Königs erforschend und mit ihm zusammenlebend.

Wort für Wort
uṣitam śaṅkamānena
gelebt worden ist von mir, argwöhnisch (Part.Pass.n. / Instr.Sg.Part.)
pramādam parirakṣatā
die Unachtsamkeit hütend, meidend (Akk.Sg. / Instr.Sg.Part.)
antaḥsarpaḥ iva āgāre
wie eine Schlange im Innern im Haus (Nom.Sg.m. / Lok.Sg.n.)
vīrapatnyāḥ iva ālaye
wie in der Wohnung einer Heldengattin (Gen.Sg.f. / Lok.Sg.m.)
śīlam jijñāsamānena
den Charakter erforschen wollend (Akk.Sg. / Instr.Sg.Part.Des.)
rājñaḥ ca sahajīvinā
und des Königs Mitlebender (Gen.Sg. / Instr.Sg.)

kaccij jitendriyo rājā kaccid abhyantarā jitāḥ; kaccid eṣāṃ priyo rājā kaccid rājñaḥ priyāḥ prajāḥ

Ist der König wohl Herr seiner Sinne? Sind die inneren [Feinde] wohl besiegt? Ist er ihnen wohl lieb, der König? Sind dem König die Untertanen wohl lieb?

Wort für Wort
kaccit jitendriyaḥ rājā
ob wohl sinnbeherrscht der König (Fragepart. / Nom.Sg.m. / Nom.Sg.)
kaccit abhyantarāḥ jitāḥ
ob wohl die inneren besiegt sind (Nom.Pl.m. / Part.Pass.)
kaccit eṣām priyaḥ rājā
ob wohl ihnen lieb der König (Gen.Pl. / Nom.Sg.m.)
kaccit rājñaḥ priyāḥ prajāḥ
ob wohl dem König lieb die Untertanen (Gen.Sg. / Nom.Pl.f. / Nom.Pl.f.)

abhyantarāḥ: 'die Inneren' (innere Feinde bzw. Hofleute) – Bezug nicht ausdrücklich genannt.

jijñāsur iha saṃprāptas tavāhaṃ rājasattama; tasya me rocase rājan kṣudhitasyeva bhojanam

Als Prüfender bin ich hierher zu dir gelangt, bester der Könige; dir, dem so [Prüfenden], gefällst du mir, König, wie einem Hungrigen die Speise.

Wort für Wort
jijñāsuḥ iha saṃprāptaḥ
als Erforschender hier angekommen (Nom.Sg.m. / Adv. / Part.Pass.)
tava aham rājasattama
zu dir ich, bester der Könige (Gen.Sg. / Nom.Sg. / Vok.Sg.)
tasya me rocase rājan
mir, dem so [Prüfenden], gefällst du, König (Gen.Sg. / Gen.Sg. / 2.Sg.Präs. / Vok.Sg.)
kṣudhitasya iva bhojanam
wie einem Hungrigen die Speise (Gen.Sg. / Nom.Sg.n.)

tasya me: wörtlich 'mir, diesem'; Konstruktion elliptisch.

amātyā me na rocante vitṛṣṇasya yathodakam; bhavato 'rthakṛd ity eva mayi doṣo hi taiḥ kṛtaḥ; vidyate kāraṇaṃ nānyad iti me nātra saṃśayaḥ

Die Minister gefallen mir nicht, wie Wasser einem Durstlosen; „Er handelt zu deinem Nutzen“, allein deshalb ist mir von ihnen ein Vorwurf gemacht worden; einen anderen Grund gibt es nicht, darüber habe ich keinen Zweifel.

Wort für Wort
amātyāḥ me na rocante
die Minister gefallen mir nicht (Nom.Pl. / Dat.Sg. / 3.Pl.Präs.)
vitṛṣṇasya yathā udakam
wie Wasser einem Durstlosen (Gen.Sg. / Adv. / Nom.Sg.n.)
bhavataḥ arthakṛt iti eva
„für dich Nutzen schaffend“, so eben (Gen.Sg. / Nom.Sg.m. / Partikel)
mayi doṣaḥ hi taiḥ kṛtaḥ
an mir ein Fehler ist von ihnen gemacht worden (Lok.Sg. / Nom.Sg.m. / Instr.Pl. / Part.Pass.)
vidyate kāraṇam na anyat
es gibt einen Grund, keinen anderen (3.Sg.Pass. / Nom.Sg.n.)
iti me na atra saṃśayaḥ
so [ist] mir hier kein Zweifel (Gen.Sg. / Nom.Sg.m.)

na hi teṣām ahaṃ drugdhas tat teṣāṃ doṣavad gatam; arer hi durhatād bheyaṃ bhagnapṛṣṭhād ivoragāt

Ich habe ihnen ja nichts angetan; das ist bei ihnen [nun] fehlerbehaftet ausgegangen [?]. Vor einem schlecht geschlagenen Feind muss man sich fürchten, wie vor einer Schlange mit gebrochenem Rücken.

Wort für Wort
na hi teṣām aham drugdhaḥ
nicht habe ich ihnen ja geschadet (Gen.Pl. / Nom.Sg. / Part.Pass.)
tat teṣām doṣavat gatam
das ist ihnen fehlerbehaftet geworden [?] (Nom.Sg.n. / Gen.Pl. / Adj.n. / Part.Pass.)
areḥ hi durhatāt bheyam
vor einem Feind, schlecht getroffen, ist Furcht zu haben (Abl.Sg. / Abl.Sg.m. / Ger.n.)
bhagnapṛṣṭhāt iva uragāt
wie vor einer Schlange mit gebrochenem Rücken (Abl.Sg.m. / Abl.Sg.m.)

tat teṣāṃ doṣavad gatam: Sinn unsicher; wörtlich 'jenes ist bei ihnen fehlerhaft gegangen'.

rājovāca; bhūyasā paribarheṇa satkāreṇa ca bhūyasā; pūjito brāhmaṇaśreṣṭha bhūyo vasa gṛhe mama

Der König sprach: Mit größerem Gefolge und mit größerer Ehrung geehrt, bester der Brahmanen, wohne wieder in meinem Haus.

Wort für Wort
rājā uvāca
der König sprach (Nom.Sg. / 3.Sg.Perf.)
bhūyasā paribarheṇa
mit größerem Gefolge, Ausstattung (Instr.Sg.m.)
satkāreṇa ca bhūyasā
und mit größerer Ehrung (Instr.Sg.m.)
pūjitaḥ brāhmaṇaśreṣṭha
geehrt, bester der Brahmanen (Part.Pass. / Vok.Sg.)
bhūyaḥ vasa gṛhe mama
wieder wohne in meinem Haus (Adv. / 2.Sg.Imp. / Lok.Sg.n. / Gen.Sg.)

ye tvāṃ brāhmaṇa necchanti na te vatsyanti me gṛhe; bhavataiva hi taj jñeyaṃ yad idānīm anantaram

Die dich, Brahmane, nicht wollen, die werden nicht in meinem Haus bleiben; von dir selbst ist zu erkennen, was jetzt als Nächstes [zu tun ist].

Wort für Wort
ye tvām brāhmaṇa na icchanti
die dich, Brahmane, nicht wollen (Nom.Pl. / Akk.Sg. / Vok.Sg. / 3.Pl.Präs.)
na te vatsyanti me gṛhe
nicht werden sie wohnen in meinem Haus (Nom.Pl. / 3.Pl.Fut. / Gen.Sg. / Lok.Sg.)
bhavatā eva hi tat jñeyam
von dir selbst ja ist das zu erkennen (Instr.Sg. / Ger.n.)
yat idānīm anantaram
was jetzt unmittelbar folgt (Nom.Sg.n. / Adv. / Adv.)

yathā syād duṣkṛto daṇḍo yathā ca sukṛtaṃ kṛtam; tathā samīkṣya bhagavañ śreyase viniyuṅkṣva mām

Wie der Übeltäter bestraft werden soll und wie dem Wohltäter Gutes erwiesen wird, so erwäge es, Ehrwürdiger, und setze mich zum Heil ein.

Wort für Wort
yathā syāt duṣkṛtaḥ daṇḍaḥ
wie sein soll die Strafe des Übeltäters (Adv. / 3.Sg.Opt. / Nom.Sg.m.)
yathā ca sukṛtam kṛtam
und wie dem Wohltäter Gutes getan wird (Nom.Sg.n. / Part.Pass.n.)
tathā samīkṣya bhagavan
so nach Prüfung, Ehrwürdiger (Adv. / Abs. / Vok.Sg.)
śreyase viniyuṅkṣva mām
zum Heil setze ein mich (Dat.Sg.n. / 2.Sg.Imp.Med. / Akk.Sg.)

duṣkṛtaḥ daṇḍaḥ: wörtlich 'Strafe des Übeltäters' (duṣkṛt), Deutung als 'Strafe gegen den Übeltäter'.

munir uvāca; adarśayann imaṃ doṣam ekaikaṃ durbalaṃ kuru; tataḥ kāraṇam ājñāya puruṣaṃ puruṣaṃ jahi

Der Muni sprach: Ohne diesen Fehler zu zeigen, mache jeden einzelnen schwach; dann, wenn du den Grund erkannt hast, töte Mann für Mann.

Wort für Wort
muniḥ uvāca
der Muni sprach (Nom.Sg. / 3.Sg.Perf.)
adarśayan imam doṣam
nicht zeigend diesen Fehler (Part.Präs.Kaus. / Akk.Sg.m.)
ekaikam durbalam kuru
jeden einzelnen schwach mache (Akk.Sg.m. / Akk.Sg.m. / 2.Sg.Imp.)
tataḥ kāraṇam ājñāya
dann den Grund erkannt habend (Adv. / Akk.Sg.n. / Abs.)
puruṣam puruṣam jahi
Mann für Mann erschlage (Akk.Sg. / 2.Sg.Imp.)

ekadoṣā hi bahavo mṛdnīyur api kaṇṭakān

Denn viele mit einem [gemeinsamen] Fehler könnten selbst Dornen zermalmen [?].

Wort für Wort
ekadoṣāḥ hi bahavaḥ
mit einem einzigen Fehler ja viele (Nom.Pl.m. / Nom.Pl.m.)
mṛdnīyuḥ api kaṇṭakān
könnten zermalmen sogar Dornen (3.Pl.Opt. / Partikel / Akk.Pl.m.)

Sinn unsicher; mṛdnīyuḥ (Opt. von mṛd) und kaṇṭaka ('Dorn', auch 'Widersacher') – Deutung offen.

arthe sarvaṃ jagad baddham arthena ca nibadhyate; arthe darpo manuṣyāṇāṃ tasmād arthaṃ virocaya; ekenaikasya doṣeṇa tad viruddhaṃ pracodaya; sa tasya doṣān udbhāvya tasyārthaṃ grāhayiṣyati; sāmapūrvaṃ ca keṣāṃ cid bhedena ca parasparam; vairaṃ kāraya bhūpāla paścād daṇḍaṃ prayojaya; bilvena ca yathā bilvam ākāraṃ chādya buddhimān; aśuddhaṃ sacivaṃ rājann aśuddhenaiva nāśaya

Im Reichtum ist die ganze Welt gebunden, und durch Reichtum wird sie gefesselt; im Reichtum [liegt] der Stolz der Menschen; darum lass den Reichtum strahlen [?]. Durch den einen Fehler des einen stachle den [andern] gegen ihn auf. Der wird, dessen Fehler aufdeckend, dessen Besitz ergreifen lassen. Mit Versöhnung zuerst bei manchen, und durch Entzweiung untereinander stifte, Fürst, Feindschaft; danach wende die Strafe an. Und wie ein Kluger eine Bilva-Frucht mit einer Bilva-Frucht [schlägt], die Absicht verbergend, so vernichte, König, einen unreinen Minister eben durch einen unreinen.

Wort für Wort
arthe sarvam jagat baddham
im Reichtum ist alles, die Welt, gebunden (Lok.Sg. / Nom.Sg.n. / Nom.Sg.n. / Part.Pass.)
arthena ca nibadhyate
und durch Reichtum wird sie gefesselt (Instr.Sg. / 3.Sg.Pass.)
arthe darpaḥ manuṣyāṇām
im Reichtum der Stolz der Menschen (Lok.Sg. / Nom.Sg. / Gen.Pl.)
tasmāt artham virocaya
darum lass den Reichtum leuchten [?] (Adv. / Akk.Sg. / 2.Sg.Imp.Kaus.)
ekena ekasya doṣeṇa
durch den Fehler des einen des einen (Instr.Sg. / Gen.Sg. / Instr.Sg.)
tat viruddham pracodaya
den ihm Feindlichen stachle an (Akk.Sg.n. / Part.Pass. / 2.Sg.Imp.Kaus.)
sa tasya doṣān udbhāvya
er dessen Fehler aufdeckend (Nom.Sg. / Gen.Sg. / Akk.Pl. / Abs.)
tasya artham grāhayiṣyati
dessen Besitz wird er ergreifen lassen (Gen.Sg. / Akk.Sg. / 3.Sg.Fut.Kaus.)
sāmapūrvam ca keṣām cit
mit Versöhnung zuerst und bei manchen (Adv. / Gen.Pl.)
bhedena ca parasparam
und durch Entzweiung untereinander (Instr.Sg. / Adv.)
vairam kāraya bhūpāla
Feindschaft stifte, Erdenhüter (Akk.Sg. / 2.Sg.Imp.Kaus. / Vok.Sg.)
paścāt daṇḍam prayojaya
danach die Strafe wende an (Adv. / Akk.Sg. / 2.Sg.Imp.Kaus.)
bilvena ca yathā bilvam
und wie eine Bilva-Frucht mit einer Bilva-Frucht (Instr.Sg. / Adv. / Akk.Sg.)
ākāram chādya buddhimān
die Gestalt/Absicht verbergend, der Kluge (Akk.Sg. / Abs. / Nom.Sg.)
aśuddham sacivam rājan
einen unreinen Minister, König (Akk.Sg. / Akk.Sg. / Vok.Sg.)
aśuddhena eva nāśaya
durch einen unreinen eben vernichte (Instr.Sg. / Partikel / 2.Sg.Imp.Kaus.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; virocaya (Kaus. von ruc) und der Vergleich mit den Bilva-Früchten (Bild: eine gegen die andere schlagen) sind unsicher.

mantrabhedabhayād rājaṃs tasmād etad bravīmi te

Aus Furcht vor dem Verrat des Geheimrats, König, sage ich dir darum dies.

Wort für Wort
mantrabhedabhayāt rājan
aus Furcht vor Verrat der geheimen Beratung, König (Abl.Sg. / Vok.Sg.)
tasmāt etat bravīmi te
darum dies sage ich dir (Adv. / Akk.Sg.n. / 1.Sg.Präs. / Dat.Sg.)

vayaṃ tu brāhmaṇā nāma mṛdudaṇḍāḥ kṛpālavaḥ; svasti cecchāmi bhavataḥ pareṣāṃ ca yathātmanaḥ

Wir aber, Brahmanen genannt, sind milde im Strafen und mitleidig; Wohlergehen wünsche ich dir und anderen wie mir selbst.

Wort für Wort
vayam tu brāhmaṇāḥ nāma
wir aber Brahmanen genannt (Nom.Pl. / Partikel / Nom.Pl. / Adv.)
mṛdudaṇḍāḥ kṛpālavaḥ
mit milder Strafe, mitleidig (Nom.Pl.m. / Nom.Pl.m.)
svasti ca icchāmi bhavataḥ
Wohlergehen und wünsche ich dir (Nom.Sg.n. / 1.Sg.Präs. / Gen.Sg.)
pareṣām ca yathā ātmanaḥ
und der anderen wie meiner selbst (Gen.Pl. / Adv. / Gen.Sg.)

rājann ātmānam ācakṣe saṃbandhī bhavato hy aham; muniḥ kālakavṛkṣīya ity evam abhisaṃjñitaḥ

König, ich gebe mich zu erkennen: ich bin dein Verwandter, der Muni, Kālakavṛkṣīya genannt.

Wort für Wort
rājan ātmānam ācakṣe
König, mich nenne ich (Vok.Sg. / Akk.Sg. / 1.Sg.Präs.Med.)
saṃbandhī bhavataḥ hi aham
Verwandter deiner ja ich (Nom.Sg.m. / Gen.Sg. / Nom.Sg.)
muniḥ kālakavṛkṣīyaḥ
der Muni Kālakavṛkṣīya (Nom.Sg.m.)
iti evam abhisaṃjñitaḥ
so genannt (Part.Pass.)

pituḥ sakhā ca bhavataḥ saṃmataḥ satyasaṃgaraḥ; vyāpanne bhavato rājye rājan pitari saṃsthite

Und [ich war] ein Freund deines Vaters, geschätzt, von treuem Wort; als dein Reich ins Unglück geraten war, König, [und] dein Vater gestorben war,

Wort für Wort
pituḥ sakhā ca bhavataḥ
des Vaters Freund und deines (Gen.Sg. / Nom.Sg.m. / Gen.Sg.)
saṃmataḥ satyasaṃgaraḥ
geschätzt, wahrhaft in seinem Versprechen (Part.Pass. / Nom.Sg.m.)
vyāpanne bhavataḥ rājye
als dein Reich zugrunde gegangen war (Lok.Abs. / Gen.Sg. / Lok.Sg.)
rājan pitari saṃsthite
König, als der Vater gestorben war (Vok.Sg. / Lok.Sg. / Part.Pass.)

Der Satz setzt sich in 067 fort (Lok.Abs.).

sarvakāmān parityajya tapas taptaṃ tadā mayā; snehāt tvāṃ prabravīmy etan mā bhūyo vibhramed iti

habe ich damals, alle Wünsche aufgebend, Askese geübt; aus Zuneigung sage ich dir dies, damit er nicht wieder strauchle.

Wort für Wort
sarvakāmān parityajya
alle Wünsche aufgebend (Akk.Pl.m. / Abs.)
tapaḥ taptam tadā mayā
Askese wurde geübt damals von mir (Nom.Sg.n. / Part.Pass.n. / Adv. / Instr.Sg.)
snehāt tvām prabravīmi etat
aus Zuneigung dir sage ich dies (Abl.Sg. / Akk.Sg. / 1.Sg.Präs. / Akk.Sg.n.)
mā bhūyaḥ vibhramet iti
dass er nicht wieder strauchle (Prohibitiv / Adv. / 3.Sg.Opt. / iti)

vibhramet steht in der 3. Person (vermutlich Bezug auf den König); 'du' ist im Sinne der Anrede ergänzt.

ubhe dṛṣṭvā duḥkhasukhe rājyaṃ prāpya yadṛcchayā; rājyenāmātyasaṃsthena kathaṃ rājan pramādyasi

Beides, Leid und Glück, hast du gesehen und das Königtum durch Zufall erlangt; wie kannst du, König, nachlässig sein, wo das Königtum auf den Ministern ruht?

Wort für Wort
ubhe dṛṣṭvā duḥkhasukhe
beides gesehen habend, Leid und Glück (Akk.Du.n. / Abs. / Akk.Du.n.)
rājyam prāpya yadṛcchayā
das Königtum erlangt habend durch Zufall (Akk.Sg.n. / Abs. / Instr.Sg.)
rājyena amātyasaṃsthena
bei einem auf den Ministern beruhenden Königtum (Instr.Sg.n.)
katham rājan pramādyasi
wie, König, bist du nachlässig (Interr. / Vok.Sg. / 2.Sg.Präs.)

bhīṣma uvāca; tato rājakule nāndī saṃjajñe bhūyasī punaḥ; purohitakule caiva saṃprāpte brāhmaṇarṣabhe

Bhīṣma sprach: Darauf entstand im Königshaus wieder größere Freude, auch im Haus des Hauspriesters, als der Brahmanenstier [dort] eingetroffen war.

Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.Sg. / 3.Sg.Perf.)
tataḥ rājakule nāndī
darauf im Königshaus Freude (Adv. / Lok.Sg.n. / Nom.Sg.f.)
saṃjajñe bhūyasī punaḥ
entstand, größere, wieder (3.Sg.Perf.Med. / Nom.Sg.f. / Adv.)
purohitakule ca eva
und auch im Haus des Hauspriesters (Lok.Sg.n.)
saṃprāpte brāhmaṇarṣabhe
als eingetroffen war der Brahmanenstier (Lok.Abs.)

ekacchatrāṃ mahīṃ kṛtvā kausalyāya yaśasvine; muniḥ kālakavṛkṣīya īje kratubhir uttamaiḥ

Nachdem er die Erde unter einem einzigen Schirm gemacht hatte für den ruhmreichen Kausalya, opferte der Muni Kālakavṛkṣīya mit den höchsten Opfern.

Wort für Wort
ekacchatrām mahīm kṛtvā
unter einem Schirm die Erde gemacht habend (Akk.Sg.f. / Akk.Sg.f. / Abs.)
kausalyāya yaśasvine
für Kausalya, den Ruhmreichen (Dat.Sg. / Dat.Sg.)
muniḥ kālakavṛkṣīyaḥ
der Muni Kālakavṛkṣīya (Nom.Sg.m.)
īje kratubhiḥ uttamaiḥ
opferte mit den höchsten Opfern (3.Sg.Perf.Med. / Instr.Pl. / Instr.Pl.)

hitaṃ tad vacanaṃ śrutvā kausalyo 'nvaśiṣan mahīm; tathā ca kṛtavān rājā yathoktaṃ tena bhārata

Jene heilsame Rede gehört habend, herrschte Kausalya über die Erde; und der König handelte so, wie von ihm gesagt worden war, Bhārata.

Wort für Wort
hitam tat vacanam śrutvā
jene heilsame Rede gehört habend (Akk.Sg.n. / Akk.Sg.n. / Akk.Sg.n. / Abs.)
kausalyaḥ anvaśiṣat mahīm
Kausalya regierte die Erde (Nom.Sg. / 3.Sg.Impf. / Akk.Sg.f.)
tathā ca kṛtavān rājā
und so handelte der König (Adv. / Part.Perf.Akt. / Nom.Sg.)
yathā uktam tena bhārata
wie gesagt von ihm, Bhārata (Adv. / Part.Pass. / Instr.Sg. / Vok.Sg.)

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