Kapitel 90: rājadharmaḥ rāṣṭraguptiś ca
Pflichten des Königs: Schutz der Untertanen, Späher, Sorge für Kaufleute und Bauern
Bhīṣma unterweist Yudhiṣṭhira über Unterhalt und Schutz der Brahmanen, den Sinn des Kriegerstandes, die Wachsamkeit des Königs (auch gegen sich selbst), den Einsatz von Spähern und die Schonung von Kaufleuten und Bauern.
Bhīṣma sprach: In deinem Reich sollen Bäume mit essbaren Früchten nicht gefällt werden; Wurzeln und Früchte gelten für die Brahmanen als rechtmäßig, sagen die Weisen.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
vanaspatīn bhakṣyaphalān
Bäume mit essbaren Früchten (Akk.Pl.)
na chindyur viṣaye tava
sollen nicht gefällt werden in deinem Reich (3.Pl.Opt. Akt., ‚man soll nicht fällen‘ / Lok. / Gen.)
brāhmaṇānāṃ mūlaphalaṃ dharmyam
für die Brahmanen [sind] Wurzeln und Früchte rechtmäßig (Gen.Pl. / Nom.Sg.n.)
brāhmaṇebhyo 'tiriktaṃ ca bhuñjīrann itare janāḥ; na brāhmaṇoparodhena hared anyaḥ kathaṃ cana
Die übrigen Leute sollen essen, was den Brahmanen übrig bleibt; kein anderer soll auf irgendeine Weise unter Beeinträchtigung eines Brahmanen [etwas] an sich nehmen.
Wort für Wort
brāhmaṇebhyo 'tiriktaṃ ca
und was den Brahmanen übrig bleibt (Abl.Pl. / Part.Pass.)
bhuñjīrann itare janāḥ
sollen genießen die übrigen Leute (3.Pl.Opt. Med. / Nom.Pl.)
na brāhmaṇoparodhena
nicht unter Beeinträchtigung eines Brahmanen (Instr.Sg.)
hared anyaḥ kathaṃ cana
soll nehmen ein anderer auf irgendeine Weise (3.Sg.Opt. / Nom.Sg.)
vipraś cet tyāgam ātiṣṭhed ākhyāyāvṛttikarśitaḥ; parikalpyāsya vṛttiḥ syāt sadārasya narādhipa
Wenn ein Brahmane, durch Mangel an Lebensunterhalt abgezehrt, nachdem er es [dem König] angezeigt hat, zur Entsagung schreitet, so soll für ihn samt seiner Frau ein Unterhalt festgesetzt werden, o Herr der Menschen.
Wort für Wort
vipraś cet tyāgam ātiṣṭhet
wenn ein Brahmane zur Entsagung schreitet (Nom.Sg. / Akk.Sg. / 3.Sg.Opt.)
ākhyāyāvṛttikarśitaḥ
nachdem er [es] angezeigt hat, durch Lebensunterhaltslosigkeit abgezehrt (Abs. / Nom.Sg.m.)
parikalpyāsya vṛttiḥ syāt
nachdem [sie] festgesetzt wurde, soll für ihn Unterhalt sein (Abs. / Gen. / 3.Sg.Opt.)
sadārasya narādhipa
samt Frau (Gen.Sg.); o Herrscher der Menschen (Vok.)
Kehrt er nicht um, so soll er in der Versammlung der Brahmanen angesprochen werden: „In wem wird diese Welt nun die Schranke [der Ordnung] setzen?“ [?]
Wort für Wort
sa cen nopanivarteta
wenn er nicht umkehrt (3.Sg.Opt. Med.)
vācyo brāhmaṇasaṃsadi
soll angesprochen werden in der Brahmanenversammlung (Gerundiv / Lok.Sg.)
kasminn idānīṃ maryādām
in wem/worin nun die Schranke (Lok.Sg. / Adv. / Akk.Sg.)
ayaṃ lokaḥ kariṣyati
diese Welt wird setzen (Nom.Sg. / 3.Sg.Fut. Med.)
Sinn der rhetorischen Frage (kasmin maryādām) unsicher: etwa ‚woran soll sich die Welt dann noch halten?‘.
Ohne Zweifel wird er umkehren; sollte er danach nichts mehr sagen [?], so ist zuvor [dies] im Verborgenen zu tun; das, Sohn der Kuntī, ist die Vorschrift.
Wort für Wort
asaṃśayaṃ nivarteta
ohne Zweifel wird er umkehren (Adv. / 3.Sg.Opt.)
na ced vakṣyaty ataḥ param
wenn er nicht danach [mehr] spricht (3.Sg.Fut.)
pūrvaṃ parokṣaṃ kartavyam
zuvor im Verborgenen zu tun (Adv. / Adv. / Gerundiv)
etat kaunteya śāsanam
dies, Sohn der Kuntī, [ist] die Vorschrift (Nom.Sg.n. / Vok. / Nom.Sg.n.)
Zweite Hälfte (na ced vakṣyaty ataḥ param; pūrvaṃ parokṣaṃ kartavyam) syntaktisch und inhaltlich unsicher.
āhur etaj janā brahman na caitac chraddadhāmy aham; nimantryaś ca bhaved bhogair avṛttyā cet tadācaret
„Das sagen die Leute, o Brahmane, doch ich glaube das nicht; er soll mit Genüssen eingeladen werden; wenn er ohne Lebensunterhalt ist, dann mag er [so] handeln.“
Wort für Wort
āhur etaj janā brahman
das sagen die Leute, o Brahmane (3.Pl.Perf. / Nom.Pl. / Vok.)
na caitac chraddadhāmy aham
und ich glaube das nicht (1.Sg.Präs.)
nimantryaś ca bhaved bhogaiḥ
und er soll eingeladen werden mit Genüssen (Gerundiv / 3.Sg.Opt. / Instr.Pl.)
avṛttyā cet tadācaret
wenn [er] ohne Lebensunterhalt [ist], dann mag er verfahren (Instr.Sg. / 3.Sg.Opt.)
Sprecherwechsel nicht markiert; Zuordnung und Sinn der zweiten Hälfte unsicher.
saṃrakṣyān pālayed rājā yaḥ sa rājāryakṛttamaḥ; ye ke cit tān na rakṣanti tair artho nāsti kaś cana
Der König, der die zu Schützenden beschützt, der ist der beste Vollbringer edler Taten [?]; wer auch immer sie nicht schützt, mit denen hat man keinerlei Nutzen.
Wort für Wort
saṃrakṣyān pālayed rājā
die zu Schützenden soll der König beschützen (Akk.Pl. / 3.Sg.Opt. / Nom.)
yaḥ sa rājāryakṛttamaḥ
wer [das tut], der [ist] König, bester Vollbringer edler Taten [?] (Nom.Sg.)
ye ke cit tān na rakṣanti
wer auch immer sie nicht schützt (Nom.Pl. / Akk.Pl. / 3.Pl.Präs.)
tair artho nāsti kaś cana
mit denen ist kein Nutzen irgendeiner Art (Instr.Pl. / Nom.Sg. / 3.Sg.Präs.)
rājāryakṛttamaḥ unsicher: gelesen als rājā + ārya-kṛt-tamaḥ.
sadaiva rājñā boddhavyaṃ sarvalokād yudhiṣṭhira; tasmād dhetor hi bhuñjīta manuṣyān eva mānavaḥ
Stets muss der König auf die ganze Welt achten, Yudhiṣṭhira; aus diesem Grund soll der Manunachkomme die Menschen eben ‚genießen‘ [sich ihrer bedienen][?].
Wort für Wort
sadaiva rājñā boddhavyaṃ
stets muss vom König beachtet werden (Instr.Sg. / Gerundiv)
sarvalokād yudhiṣṭhira
[von] der ganzen Welt [her]; Yudhiṣṭhira (Abl.Sg. / Vok.)
tasmād dhetor hi bhuñjīta
aus diesem Grund nämlich soll er genießen (Abl.Sg. / 3.Sg.Opt. Med.)
manuṣyān eva mānavaḥ
eben die Menschen, der Nachkomme Manus (Akk.Pl. / Nom.Sg.)
sarvalokād boddhavyam und bhuñjīta manuṣyān unsicher; ‚genießen‘ im Sinn von nutzen/beherrschen.
Die Fremden vor den Nahestehenden schützend, die Nahestehenden wiederum vor den Fremden, Fremde vor Fremden und die Eigenen vor den Eigenen: alle sollst du allezeit beschützen.
Wort für Wort
antarebhyaḥ parān rakṣan
die Fremden vor den Nahestehenden schützend (Abl.Pl. / Akk.Pl. / Part.Präs.)
parebhyaḥ punar antarān
vor den Fremden wiederum die Nahestehenden (Abl.Pl. / Akk.Pl.)
parān parebhyaḥ svān svebhyaḥ
die Fremden vor Fremden, die Eigenen vor Eigenen (Akk.Pl. / Abl.Pl.)
sarvān pālaya nityadā
alle beschütze allezeit (Akk.Pl. / 2.Sg.Imp.Kaus. / Adv.)
kiṃ chidraṃ ko 'nuṣaṅgo me kiṃ vāsty avinipātitam; kuto mām āsraved doṣa iti nityaṃ vicintayet
„Welche Lücke [Schwäche] gibt es [bei mir], welche Verstrickung, oder was ist noch nicht beseitigt? Woher könnte mich ein Fehler überkommen?“ – so soll er stets nachdenken.
Wort für Wort
kiṃ chidraṃ ko 'nuṣaṅgo me
welche Lücke, welche Verstrickung [ist] bei mir (Nom.Sg.n. / Nom.Sg.m. / Gen.)
kiṃ vāsty avinipātitam
oder was ist [noch] nicht beseitigt (Nom.Sg.n. / 3.Sg.Präs. / Part.Pass.)
guptaiś cārair anumataiḥ pṛthivīm anucārayet; sunītaṃ yadi me vṛttaṃ praśaṃsanti na vā punaḥ; kaccid rocej janapade kaccid rāṣṭre ca me yaśaḥ
Durch verdeckte, vertraute Späher soll er die Erde durchstreifen lassen: „Wenn mein Verhalten gut geleitet ist, loben sie es oder nicht? Findet mein Ruhm im Land und im Reich Anklang?“
Wort für Wort
guptaiś cārair anumataiḥ
durch verborgene, gebilligte Späher (Instr.Pl.)
pṛthivīm anucārayet
soll er die Erde durchstreifen lassen (Akk.Sg. / 3.Sg.Opt.Kaus.)
sunītaṃ yadi me vṛttaṃ
wenn mein Verhalten gut geleitet ist (Nom.Sg.n. / Gen. / Nom.Sg.n.)
dharmajñānāṃ dhṛtimatāṃ saṃgrāmeṣv apalāyinām; rāṣṭraṃ ca ye 'nujīvanti ye ca rājño 'nujīvinaḥ
[Er soll ausforschen lassen] die Dharmakundigen, Standhaften, in den Schlachten nicht Fliehenden, und die, die vom Reich leben, und die, die vom König leben,
Wort für Wort
dharmajñānāṃ dhṛtimatāṃ
der Dharmakundigen, der Standhaften (Gen.Pl.)
saṃgrāmeṣv apalāyinām
der in den Schlachten nicht Fliehenden (Lok.Pl. / Gen.Pl.)
rāṣṭraṃ ca ye 'nujīvanti
und die, die vom Reich leben (Akk.Sg. / Nom.Pl. / 3.Pl.Präs.)
amātyānāṃ ca sarveṣāṃ madhyasthānāṃ ca sarvaśaḥ; ye ca tvābhipraśaṃseyur nindeyur atha vā punaḥ; sarvān supariṇītāṃs tān kārayeta yudhiṣṭhira
[auch] aller Minister und der Unbeteiligten allenthalben, und die dich etwa loben oder aber tadeln würden: sie alle soll man, Yudhiṣṭhira, gut überprüfen lassen.
Wort für Wort
amātyānāṃ ca sarveṣāṃ
und aller Minister (Gen.Pl.)
madhyasthānāṃ ca sarvaśaḥ
und der Unbeteiligten überall (Gen.Pl. / Adv.)
ye ca tvābhipraśaṃseyur
und die, die dich loben würden (Nom.Pl. / 3.Pl.Opt.)
nindeyur atha vā punaḥ
tadeln würden oder aber (3.Pl.Opt.)
sarvān supariṇītāṃs tān
sie alle, gut geprüft (Akk.Pl.)
kārayeta yudhiṣṭhira
soll man veranlassen, Yudhiṣṭhira (3.Sg.Opt.Kaus. / Vok.)
supariṇītān kārayeta als ‚gründlich prüfen lassen‘ gedeutet [?].
tulyabāhubalānāṃ ca guṇair api niṣevinām; kathaṃ syād adhikaḥ kaś cit sa tu bhuñjīta mānavān
Unter an Armkraft Gleichen, und auch unter durch Vorzüge Ergebenen: wie könnte da einer irgendwie überlegen sein? Der [König] aber soll die Menschen ‚genießen‘ [?].
Wort für Wort
tulyabāhubalānāṃ ca
und der an Armkraft Gleichen (Gen.Pl.)
guṇair api niṣevinām
auch der durch Vorzüge Ergebenen [?] (Instr.Pl. / Gen.Pl.)
kathaṃ syād adhikaḥ kaś cit
wie könnte irgendeiner überlegen sein (Adv. / 3.Sg.Opt. / Nom.Sg.)
sa tu bhuñjīta mānavān
der aber soll genießen die Menschen (Nom.Sg. / 3.Sg.Opt. Med. / Akk.Pl.)
Erste Hälfte unsicher (guṇair api niṣevinām); kaścit kann auch auf einen Bevorzugten zielen.
kaccit te vaṇijo rāṣṭre nodvijante karārditāḥ; krīṇanto bahu vālpena kāntārakṛtaniśramāḥ
Ob deine Kaufleute im Reich nicht, von Abgaben geplagt, in Not geraten, [sie,] die viel oder für wenig einkaufen und deren Mühsal in der Wildnis entstanden ist [?]?
Wort für Wort
kaccit te vaṇijo rāṣṭre
ob deine Kaufleute im Reich (Nom.Pl. / Lok.Sg.)
nodvijante karārditāḥ
nicht in Not geraten, von Abgaben geplagt (3.Pl.Präs. Med. / Part.Pass.)
krīṇanto bahu vālpena
[die] einkaufen viel oder für wenig (Part.Präs. / Adv. / Instr.)
kāntārakṛtaniśramāḥ
deren Mühsal in der Wildnis entstand [?] (Nom.Pl., Bahuvrīhi)
krīṇanto bahu vālpena und kāntārakṛtaniśramāḥ unsicher.