Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 90: rājadharmaḥ rāṣṭraguptiś ca Pflichten des Königs: Schutz der Untertanen, Späher, Sorge für Kaufleute und Bauern

Bhīṣma unterweist Yudhiṣṭhira über Unterhalt und Schutz der Brahmanen, den Sinn des Kriegerstandes, die Wachsamkeit des Königs (auch gegen sich selbst), den Einsatz von Spähern und die Schonung von Kaufleuten und Bauern.

bhīṣma uvāca; vanaspatīn bhakṣyaphalān na chindyur viṣaye tava; brāhmaṇānāṃ mūlaphalaṃ dharmyam āhur manīṣiṇaḥ

Bhīṣma sprach: In deinem Reich sollen Bäume mit essbaren Früchten nicht gefällt werden; Wurzeln und Früchte gelten für die Brahmanen als rechtmäßig, sagen die Weisen.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
vanaspatīn bhakṣyaphalān
Bäume mit essbaren Früchten (Akk.Pl.)
na chindyur viṣaye tava
sollen nicht gefällt werden in deinem Reich (3.Pl.Opt. Akt., ‚man soll nicht fällen‘ / Lok. / Gen.)
brāhmaṇānāṃ mūlaphalaṃ dharmyam
für die Brahmanen [sind] Wurzeln und Früchte rechtmäßig (Gen.Pl. / Nom.Sg.n.)
āhur manīṣiṇaḥ
sagen die Weisen (3.Pl.Perf. / Nom.Pl.)

brāhmaṇebhyo 'tiriktaṃ ca bhuñjīrann itare janāḥ; na brāhmaṇoparodhena hared anyaḥ kathaṃ cana

Die übrigen Leute sollen essen, was den Brahmanen übrig bleibt; kein anderer soll auf irgendeine Weise unter Beeinträchtigung eines Brahmanen [etwas] an sich nehmen.

Wort für Wort
brāhmaṇebhyo 'tiriktaṃ ca
und was den Brahmanen übrig bleibt (Abl.Pl. / Part.Pass.)
bhuñjīrann itare janāḥ
sollen genießen die übrigen Leute (3.Pl.Opt. Med. / Nom.Pl.)
na brāhmaṇoparodhena
nicht unter Beeinträchtigung eines Brahmanen (Instr.Sg.)
hared anyaḥ kathaṃ cana
soll nehmen ein anderer auf irgendeine Weise (3.Sg.Opt. / Nom.Sg.)

vipraś cet tyāgam ātiṣṭhed ākhyāyāvṛttikarśitaḥ; parikalpyāsya vṛttiḥ syāt sadārasya narādhipa

Wenn ein Brahmane, durch Mangel an Lebensunterhalt abgezehrt, nachdem er es [dem König] angezeigt hat, zur Entsagung schreitet, so soll für ihn samt seiner Frau ein Unterhalt festgesetzt werden, o Herr der Menschen.

Wort für Wort
vipraś cet tyāgam ātiṣṭhet
wenn ein Brahmane zur Entsagung schreitet (Nom.Sg. / Akk.Sg. / 3.Sg.Opt.)
ākhyāyāvṛttikarśitaḥ
nachdem er [es] angezeigt hat, durch Lebensunterhaltslosigkeit abgezehrt (Abs. / Nom.Sg.m.)
parikalpyāsya vṛttiḥ syāt
nachdem [sie] festgesetzt wurde, soll für ihn Unterhalt sein (Abs. / Gen. / 3.Sg.Opt.)
sadārasya narādhipa
samt Frau (Gen.Sg.); o Herrscher der Menschen (Vok.)

sa cen nopanivarteta vācyo brāhmaṇasaṃsadi; kasminn idānīṃ maryādām ayaṃ lokaḥ kariṣyati

Kehrt er nicht um, so soll er in der Versammlung der Brahmanen angesprochen werden: „In wem wird diese Welt nun die Schranke [der Ordnung] setzen?“ [?]

Wort für Wort
sa cen nopanivarteta
wenn er nicht umkehrt (3.Sg.Opt. Med.)
vācyo brāhmaṇasaṃsadi
soll angesprochen werden in der Brahmanenversammlung (Gerundiv / Lok.Sg.)
kasminn idānīṃ maryādām
in wem/worin nun die Schranke (Lok.Sg. / Adv. / Akk.Sg.)
ayaṃ lokaḥ kariṣyati
diese Welt wird setzen (Nom.Sg. / 3.Sg.Fut. Med.)

Sinn der rhetorischen Frage (kasmin maryādām) unsicher: etwa ‚woran soll sich die Welt dann noch halten?‘.

asaṃśayaṃ nivarteta na ced vakṣyaty ataḥ param; pūrvaṃ parokṣaṃ kartavyam etat kaunteya śāsanam

Ohne Zweifel wird er umkehren; sollte er danach nichts mehr sagen [?], so ist zuvor [dies] im Verborgenen zu tun; das, Sohn der Kuntī, ist die Vorschrift.

Wort für Wort
asaṃśayaṃ nivarteta
ohne Zweifel wird er umkehren (Adv. / 3.Sg.Opt.)
na ced vakṣyaty ataḥ param
wenn er nicht danach [mehr] spricht (3.Sg.Fut.)
pūrvaṃ parokṣaṃ kartavyam
zuvor im Verborgenen zu tun (Adv. / Adv. / Gerundiv)
etat kaunteya śāsanam
dies, Sohn der Kuntī, [ist] die Vorschrift (Nom.Sg.n. / Vok. / Nom.Sg.n.)

Zweite Hälfte (na ced vakṣyaty ataḥ param; pūrvaṃ parokṣaṃ kartavyam) syntaktisch und inhaltlich unsicher.

āhur etaj janā brahman na caitac chraddadhāmy aham; nimantryaś ca bhaved bhogair avṛttyā cet tadācaret

„Das sagen die Leute, o Brahmane, doch ich glaube das nicht; er soll mit Genüssen eingeladen werden; wenn er ohne Lebensunterhalt ist, dann mag er [so] handeln.“

Wort für Wort
āhur etaj janā brahman
das sagen die Leute, o Brahmane (3.Pl.Perf. / Nom.Pl. / Vok.)
na caitac chraddadhāmy aham
und ich glaube das nicht (1.Sg.Präs.)
nimantryaś ca bhaved bhogaiḥ
und er soll eingeladen werden mit Genüssen (Gerundiv / 3.Sg.Opt. / Instr.Pl.)
avṛttyā cet tadācaret
wenn [er] ohne Lebensunterhalt [ist], dann mag er verfahren (Instr.Sg. / 3.Sg.Opt.)

Sprecherwechsel nicht markiert; Zuordnung und Sinn der zweiten Hälfte unsicher.

kṛṣigorakṣyavāṇijyaṃ lokānām iha jīvanam; ūrdhvaṃ caiva trayī vidyā sā bhūtān bhāvayaty uta

Ackerbau, Viehzucht und Handel sind hier der Lebensunterhalt der Welt; und darüber hinaus das dreifache Wissen: das lässt die Wesen fürwahr gedeihen.

Wort für Wort
kṛṣigorakṣyavāṇijyaṃ
Ackerbau, Viehzucht, Handel (Nom.Sg.n., Dvandva)
lokānām iha jīvanam
für die Welten hier der Lebensunterhalt (Gen.Pl. / Nom.Sg.n.)
ūrdhvaṃ caiva trayī vidyā
und darüber hinaus das dreifache Wissen (Adv. / Nom.Sg.f.)
sā bhūtān bhāvayaty uta
die lässt die Wesen gedeihen, fürwahr (Nom.Sg.f. / Akk.Pl. / 3.Sg.Kaus.)

tasyāṃ prayatamānāyāṃ ye syus tatparipanthinaḥ; dasyavas tadvadhāyeha brahmā kṣatram athāsṛjat

Während sie sich müht, [sind] die, die ihre Widersacher wären, Räuber; zu deren Tötung schuf Brahmā hier den Kriegerstand.

Wort für Wort
tasyāṃ prayatamānāyāṃ
während sie sich bemüht (Lok.Abs. f.)
ye syus tatparipanthinaḥ
die ihre Widersacher wären (3.Pl.Opt. / Nom.Pl.)
dasyavas tadvadhāya
Räuber; zu deren Tötung (Nom.Pl. / Dat.Sg.)
iha brahmā kṣatram athāsṛjat
hier schuf Brahmā dann den Kriegerstand (Nom.Sg. / Akk.Sg.n. / 3.Sg.Impf.)

‚sie‘ (tasyām) bezieht sich auf die zuvor genannte Lebens-/Wissensordnung (vārttā/vidyā), unsicher.

śatrūñ jahi prajā rakṣa yajasva kratubhir nṛpa; yudhyasva samare vīro bhūtvā kauravanandana

Erschlage die Feinde, schütze die Untertanen, opfere mit Opfern, o König; kämpfe in der Schlacht als Held, Freude der Kauravas.

Wort für Wort
śatrūñ jahi
erschlage die Feinde (Akk.Pl. / 2.Sg.Imp.)
prajā rakṣa
schütze die Untertanen (Akk.Pl. / 2.Sg.Imp.)
yajasva kratubhir nṛpa
opfere mit Opfern, o König (2.Sg.Imp. Med. / Instr.Pl. / Vok.)
yudhyasva samare vīro bhūtvā
kämpfe in der Schlacht, ein Held geworden (2.Sg.Imp. / Lok. / Nom. / Abs.)
kauravanandana
Freude der Kauravas (Vok.)

saṃrakṣyān pālayed rājā yaḥ sa rājāryakṛttamaḥ; ye ke cit tān na rakṣanti tair artho nāsti kaś cana

Der König, der die zu Schützenden beschützt, der ist der beste Vollbringer edler Taten [?]; wer auch immer sie nicht schützt, mit denen hat man keinerlei Nutzen.

Wort für Wort
saṃrakṣyān pālayed rājā
die zu Schützenden soll der König beschützen (Akk.Pl. / 3.Sg.Opt. / Nom.)
yaḥ sa rājāryakṛttamaḥ
wer [das tut], der [ist] König, bester Vollbringer edler Taten [?] (Nom.Sg.)
ye ke cit tān na rakṣanti
wer auch immer sie nicht schützt (Nom.Pl. / Akk.Pl. / 3.Pl.Präs.)
tair artho nāsti kaś cana
mit denen ist kein Nutzen irgendeiner Art (Instr.Pl. / Nom.Sg. / 3.Sg.Präs.)

rājāryakṛttamaḥ unsicher: gelesen als rājā + ārya-kṛt-tamaḥ.

sadaiva rājñā boddhavyaṃ sarvalokād yudhiṣṭhira; tasmād dhetor hi bhuñjīta manuṣyān eva mānavaḥ

Stets muss der König auf die ganze Welt achten, Yudhiṣṭhira; aus diesem Grund soll der Manunachkomme die Menschen eben ‚genießen‘ [sich ihrer bedienen][?].

Wort für Wort
sadaiva rājñā boddhavyaṃ
stets muss vom König beachtet werden (Instr.Sg. / Gerundiv)
sarvalokād yudhiṣṭhira
[von] der ganzen Welt [her]; Yudhiṣṭhira (Abl.Sg. / Vok.)
tasmād dhetor hi bhuñjīta
aus diesem Grund nämlich soll er genießen (Abl.Sg. / 3.Sg.Opt. Med.)
manuṣyān eva mānavaḥ
eben die Menschen, der Nachkomme Manus (Akk.Pl. / Nom.Sg.)

sarvalokād boddhavyam und bhuñjīta manuṣyān unsicher; ‚genießen‘ im Sinn von nutzen/beherrschen.

antarebhyaḥ parān rakṣan parebhyaḥ punar antarān; parān parebhyaḥ svān svebhyaḥ sarvān pālaya nityadā

Die Fremden vor den Nahestehenden schützend, die Nahestehenden wiederum vor den Fremden, Fremde vor Fremden und die Eigenen vor den Eigenen: alle sollst du allezeit beschützen.

Wort für Wort
antarebhyaḥ parān rakṣan
die Fremden vor den Nahestehenden schützend (Abl.Pl. / Akk.Pl. / Part.Präs.)
parebhyaḥ punar antarān
vor den Fremden wiederum die Nahestehenden (Abl.Pl. / Akk.Pl.)
parān parebhyaḥ svān svebhyaḥ
die Fremden vor Fremden, die Eigenen vor Eigenen (Akk.Pl. / Abl.Pl.)
sarvān pālaya nityadā
alle beschütze allezeit (Akk.Pl. / 2.Sg.Imp.Kaus. / Adv.)

ātmānaṃ sarvato rakṣan rājā rakṣeta medinīm; ātmamūlam idaṃ sarvam āhur hi viduṣo janāḥ

Sich selbst von allen Seiten schützend, soll der König die Erde schützen; ‚auf sich selbst gegründet ist dies alles‘, sagen ja die Kundigen.

Wort für Wort
ātmānaṃ sarvato rakṣan
sich selbst allseits schützend (Akk.Sg. / Adv. / Part.Präs.)
rājā rakṣeta medinīm
der König soll die Erde schützen (Nom.Sg. / 3.Sg.Opt. Med. / Akk.Sg.)
ātmamūlam idaṃ sarvam
auf sich selbst gegründet [ist] dies alles (Nom.Sg.n., Bahuvrīhi)
āhur hi viduṣo janāḥ
sagen ja die Wissenden, die Leute (3.Pl.Perf. / Nom.Pl.)

kiṃ chidraṃ ko 'nuṣaṅgo me kiṃ vāsty avinipātitam; kuto mām āsraved doṣa iti nityaṃ vicintayet

„Welche Lücke [Schwäche] gibt es [bei mir], welche Verstrickung, oder was ist noch nicht beseitigt? Woher könnte mich ein Fehler überkommen?“ – so soll er stets nachdenken.

Wort für Wort
kiṃ chidraṃ ko 'nuṣaṅgo me
welche Lücke, welche Verstrickung [ist] bei mir (Nom.Sg.n. / Nom.Sg.m. / Gen.)
kiṃ vāsty avinipātitam
oder was ist [noch] nicht beseitigt (Nom.Sg.n. / 3.Sg.Präs. / Part.Pass.)
kuto mām āsraved doṣa
woher könnte mich ein Fehler überströmen (Adv. / Akk. / 3.Sg.Opt. / Nom.)
iti nityaṃ vicintayet
so soll er stets nachdenken (3.Sg.Opt.)

atītadivase vṛttaṃ praśaṃsanti na vā punaḥ

Sie loben das am vergangenen Tag Geschehene, oder aber nicht.

Wort für Wort
atītadivase vṛttaṃ
das am vergangenen Tag Geschehene (Lok.Sg. / Part.Pass. n.)
praśaṃsanti
sie loben (3.Pl.Präs.)
na vā punaḥ
oder aber nicht (Partikel)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, fragmentarisch; Bezug und Subjekt unklar.

guptaiś cārair anumataiḥ pṛthivīm anucārayet; sunītaṃ yadi me vṛttaṃ praśaṃsanti na vā punaḥ; kaccid rocej janapade kaccid rāṣṭre ca me yaśaḥ

Durch verdeckte, vertraute Späher soll er die Erde durchstreifen lassen: „Wenn mein Verhalten gut geleitet ist, loben sie es oder nicht? Findet mein Ruhm im Land und im Reich Anklang?“

Wort für Wort
guptaiś cārair anumataiḥ
durch verborgene, gebilligte Späher (Instr.Pl.)
pṛthivīm anucārayet
soll er die Erde durchstreifen lassen (Akk.Sg. / 3.Sg.Opt.Kaus.)
sunītaṃ yadi me vṛttaṃ
wenn mein Verhalten gut geleitet ist (Nom.Sg.n. / Gen. / Nom.Sg.n.)
praśaṃsanti na vā punaḥ
loben sie [es] oder nicht (3.Pl.Präs.)
kaccid rocej janapade
ob [er] Anklang findet im Land (3.Sg.Opt. / Lok.)
kaccid rāṣṭre ca me yaśaḥ
ob im Reich mein Ruhm (Lok. / Nom.Sg.n.)

dharmajñānāṃ dhṛtimatāṃ saṃgrāmeṣv apalāyinām; rāṣṭraṃ ca ye 'nujīvanti ye ca rājño 'nujīvinaḥ

[Er soll ausforschen lassen] die Dharmakundigen, Standhaften, in den Schlachten nicht Fliehenden, und die, die vom Reich leben, und die, die vom König leben,

Wort für Wort
dharmajñānāṃ dhṛtimatāṃ
der Dharmakundigen, der Standhaften (Gen.Pl.)
saṃgrāmeṣv apalāyinām
der in den Schlachten nicht Fliehenden (Lok.Pl. / Gen.Pl.)
rāṣṭraṃ ca ye 'nujīvanti
und die, die vom Reich leben (Akk.Sg. / Nom.Pl. / 3.Pl.Präs.)
ye ca rājño 'nujīvinaḥ
und die, die vom König leben (Gen.Sg. / Nom.Pl.)

Der Satz läuft in n=18 weiter.

amātyānāṃ ca sarveṣāṃ madhyasthānāṃ ca sarvaśaḥ; ye ca tvābhipraśaṃseyur nindeyur atha vā punaḥ; sarvān supariṇītāṃs tān kārayeta yudhiṣṭhira

[auch] aller Minister und der Unbeteiligten allenthalben, und die dich etwa loben oder aber tadeln würden: sie alle soll man, Yudhiṣṭhira, gut überprüfen lassen.

Wort für Wort
amātyānāṃ ca sarveṣāṃ
und aller Minister (Gen.Pl.)
madhyasthānāṃ ca sarvaśaḥ
und der Unbeteiligten überall (Gen.Pl. / Adv.)
ye ca tvābhipraśaṃseyur
und die, die dich loben würden (Nom.Pl. / 3.Pl.Opt.)
nindeyur atha vā punaḥ
tadeln würden oder aber (3.Pl.Opt.)
sarvān supariṇītāṃs tān
sie alle, gut geprüft (Akk.Pl.)
kārayeta yudhiṣṭhira
soll man veranlassen, Yudhiṣṭhira (3.Sg.Opt.Kaus. / Vok.)

supariṇītān kārayeta als ‚gründlich prüfen lassen‘ gedeutet [?].

ekāntena hi sarveṣāṃ na śakyaṃ tāta rocitum; mitrāmitram atho madhyaṃ sarvabhūteṣu bhārata

Denn ausnahmslos bei allen beliebt zu sein ist nicht möglich, mein Lieber; unter allen Wesen gibt es Freund, Feind und Unbeteiligten, Bhārata.

Wort für Wort
ekāntena hi sarveṣāṃ
denn ausnahmslos bei allen (Instr.Sg. / Gen.Pl.)
na śakyaṃ tāta rocitum
ist nicht möglich, mein Lieber, zu gefallen (Adj. / Vok. / Inf.)
mitrāmitram atho madhyaṃ
Freund, Feind sowie Mittlerer (Nom.Sg.n.)
sarvabhūteṣu bhārata
unter allen Wesen, Bhārata (Lok.Pl. / Vok.)

tulyabāhubalānāṃ ca guṇair api niṣevinām; kathaṃ syād adhikaḥ kaś cit sa tu bhuñjīta mānavān

Unter an Armkraft Gleichen, und auch unter durch Vorzüge Ergebenen: wie könnte da einer irgendwie überlegen sein? Der [König] aber soll die Menschen ‚genießen‘ [?].

Wort für Wort
tulyabāhubalānāṃ ca
und der an Armkraft Gleichen (Gen.Pl.)
guṇair api niṣevinām
auch der durch Vorzüge Ergebenen [?] (Instr.Pl. / Gen.Pl.)
kathaṃ syād adhikaḥ kaś cit
wie könnte irgendeiner überlegen sein (Adv. / 3.Sg.Opt. / Nom.Sg.)
sa tu bhuñjīta mānavān
der aber soll genießen die Menschen (Nom.Sg. / 3.Sg.Opt. Med. / Akk.Pl.)

Erste Hälfte unsicher (guṇair api niṣevinām); kaścit kann auch auf einen Bevorzugten zielen.

ye carā hy acarān adyur adaṃṣṭrān daṃṣṭriṇas tathā; āśīviṣā iva kruddhā bhujagā bhujagān iva

Die sich Bewegenden fressen die Unbeweglichen, ebenso die Zahnbewehrten die Zahnlosen, wie zornige Giftschlangen andere Schlangen.

Wort für Wort
ye carā hy acarān adyuḥ
die Beweglichen fressen ja die Unbeweglichen (Nom.Pl. / Akk.Pl. / 3.Pl.Opt.)
adaṃṣṭrān daṃṣṭriṇas tathā
die Zahnlosen [fressen] ebenso die Zahnbewehrten (Akk.Pl. / Nom.Pl.)
āśīviṣā iva kruddhā
wie zornige Giftschlangen (Nom.Pl.)
bhujagā bhujagān iva
Schlangen [fressen] Schlangen gleichsam (Nom.Pl. / Akk.Pl.)

etebhyaś cāpramattaḥ syāt sadā yatto yudhiṣṭhira; bhāruṇḍasadṛśā hy ete nipatanti pramādyataḥ

Vor diesen soll er stets achtsam und bemüht sein, Yudhiṣṭhira; denn diese sind dem Bhāruṇḍa[-Vogel] gleich und fallen über den Nachlässigen her.

Wort für Wort
etebhyaś cāpramattaḥ syāt
und vor diesen soll er unachtsam-frei [= achtsam] sein (Abl.Pl. / 3.Sg.Opt.)
sadā yatto yudhiṣṭhira
stets bemüht, Yudhiṣṭhira (Adj. / Vok.)
bhāruṇḍasadṛśā hy ete
denn diese sind dem Bhāruṇḍa gleich (Nom.Pl.)
nipatanti pramādyataḥ
sie fallen [auf den] Nachlässigen (3.Pl.Präs. / Akk.Sg. bzw. Abl.)

bhāruṇḍa: sagenhafter Vogel; Deutung als Raubvogelvergleich [?].

kaccit te vaṇijo rāṣṭre nodvijante karārditāḥ; krīṇanto bahu vālpena kāntārakṛtaniśramāḥ

Ob deine Kaufleute im Reich nicht, von Abgaben geplagt, in Not geraten, [sie,] die viel oder für wenig einkaufen und deren Mühsal in der Wildnis entstanden ist [?]?

Wort für Wort
kaccit te vaṇijo rāṣṭre
ob deine Kaufleute im Reich (Nom.Pl. / Lok.Sg.)
nodvijante karārditāḥ
nicht in Not geraten, von Abgaben geplagt (3.Pl.Präs. Med. / Part.Pass.)
krīṇanto bahu vālpena
[die] einkaufen viel oder für wenig (Part.Präs. / Adv. / Instr.)
kāntārakṛtaniśramāḥ
deren Mühsal in der Wildnis entstand [?] (Nom.Pl., Bahuvrīhi)

krīṇanto bahu vālpena und kāntārakṛtaniśramāḥ unsicher.

kaccit kṛṣikarā rāṣṭraṃ na jahaty atipīḍitāḥ; ye vahanti dhuraṃ rājñāṃ saṃbharantītarān api

Ob die Bauern das Reich nicht verlassen, über die Maßen bedrängt, [sie,] die die Last der Könige tragen und auch die anderen ernähren?

Wort für Wort
kaccit kṛṣikarā rāṣṭraṃ
ob die Bauern das Reich (Nom.Pl. / Akk.Sg.)
na jahaty atipīḍitāḥ
nicht verlassen, über die Maßen bedrängt (3.Pl.Präs. / Part.Pass.)
ye vahanti dhuraṃ rājñām
die die Last der Könige tragen (Nom.Pl. / 3.Pl.Präs. / Akk. / Gen.Pl.)
saṃbharantītarān api
und die anderen auch ernähren (3.Pl.Präs. / Akk.Pl.)

ito dattena jīvanti devāḥ pitṛgaṇās tathā; manuṣyoragarakṣāṃsi vayāṃsi paśavas tathā

Von dem, was von hier aus gegeben wird, leben die Götter und die Scharen der Väter, ebenso Menschen, Schlangen, Rākṣasas, Vögel und Tiere.

Wort für Wort
ito dattena jīvanti
von hier Gegebenem leben (Part.Pass. Instr. / 3.Pl.Präs.)
devāḥ pitṛgaṇās tathā
die Götter und ebenso die Vätergruppen (Nom.Pl.)
manuṣyoragarakṣāṃsi
Menschen, Schlangen, Rākṣasas (Nom.Pl., Dvandva)
vayāṃsi paśavas tathā
Vögel, ebenso Tiere (Nom.Pl.)

eṣā te rāṣṭravṛttiś ca rāṣṭraguptiś ca bhārata; etam evārtham āśritya bhūyo vakṣyāmi pāṇḍava

Dies ist dein Reichsunterhalt und Reichsschutz, Bhārata; gestützt auf eben diesen Gegenstand werde ich dir weiter sprechen, Pāṇḍava.

Wort für Wort
eṣā te rāṣṭravṛttiś ca
dies ist dein Reichsunterhalt und (Nom.Sg.f. / Gen.)
rāṣṭraguptiś ca bhārata
und Reichsschutz, Bhārata (Nom.Sg.f. / Vok.)
etam evārtham āśritya
gestützt auf eben diese Sache (Akk.Sg.m. / Abs.)
bhūyo vakṣyāmi pāṇḍava
weiter werde ich sprechen, Pāṇḍava (Adv. / 1.Sg.Fut. / Vok.)

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