Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 125: āśāyāḥ mahattvam / sumitropākhyāna Die Größe der Hoffnung: König Sumitra und die Weisen im Wald

Yudhiṣṭhira fragt nach dem Wesen der Hoffnung, die ihn enttäuscht hat; Bhīṣma beginnt die Geschichte des Haihaya-Königs Sumitra, der auf der Jagd ein Wild verfolgt und in einer Einsiedelei nach dem Größten fragt.

yudhiṣṭhira uvāca; śīlaṃ pradhānaṃ puruṣe kathitaṃ te pitāmaha; katham āśā samutpannā yā ca sā tad vadasva me

Yudhiṣṭhira sprach: „Der Charakter [śīla] gilt beim Menschen als das Wichtigste, so hast du es gesagt, Großvater. Wie aber entsteht die Hoffnung, und was ist sie? Sage mir das.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
śīlaṃ pradhānaṃ puruṣe
der Charakter [ist] das Wichtigste beim Menschen (Nom./Lok.)
kathitaṃ te pitāmaha
ist gesagt worden von dir, Großvater (PPP/Instr./Vok.)
katham āśā samutpannā
wie ist die Hoffnung entstanden (Nom.Sg.f./PPP)
yā ca sā
und welche sie [ist] (Rel./Dem. Nom.Sg.f.)
tad vadasva me
das sage mir (Imp.Med./Dat.)

saṃśayo me mahān eṣa samutpannaḥ pitāmaha; chettā ca tasya nānyo 'sti tvattaḥ parapuraṃjaya

Ein großer Zweifel ist mir hier aufgestiegen, Großvater; und außer dir gibt es keinen, der ihn zerschneiden [lösen] könnte, Bezwinger der feindlichen Städte.

Wort für Wort
saṃśayo me mahān eṣaḥ
dieser große Zweifel von mir (Nom.Sg.m./Gen.)
samutpannaḥ pitāmaha
ist aufgestiegen, Großvater (PPP/Vok.)
chettā ca tasya
und ein Zerschneider davon (Nom.Sg. Nomen agentis/Gen.)
na anyo 'sti
es gibt keinen anderen (Nom./3.Sg.Präs.)
tvattaḥ
außer dir (Abl.)
parapuraṃjaya
Bezwinger feindlicher Städte (Vok.)

pitāmahāśā mahatī mamāsīd dhi suyodhane; prāpte yuddhe tu yad yuktaṃ tat kartāyam iti prabho

Großvater, in Bezug auf Suyodhana hatte ich eine große Hoffnung: dass er, wenn der Krieg gekommen wäre, tun werde, was angemessen ist, Herr.

Wort für Wort
pitāmaha āśā mahatī
Großvater, die große Hoffnung (Vok./Nom.Sg.f.)
mama āsīd hi suyodhane
war mir ja bei Suyodhana (Gen./Impf.3.Sg./Lok.)
prāpte yuddhe tu
als aber der Krieg eingetreten war (Lok.abs./PPP)
yad yuktaṃ tat
was angemessen ist, das (Rel./Dem. Nom.Sg.n.)
kartā ayam iti prabho
„dieser wird [es] tun“, so [dachte ich], Herr (Nom. Nomen agentis/Vok.)

sarvasyāśā sumahatī puruṣasyopajāyate; tasyāṃ vihanyamānāyāṃ duḥkho mṛtyur asaṃśayam

Jedem Menschen entsteht eine sehr große Hoffnung; wird sie zerschlagen, ist der Tod zweifellos [ein] Leid.

Wort für Wort
sarvasya āśā sumahatī
von jedem die sehr große Hoffnung (Gen./Nom.Sg.f.)
puruṣasya upajāyate
beim Menschen entsteht (Gen./3.Sg.Präs.Med.)
tasyāṃ vihanyamānāyām
wenn sie zerschlagen wird (Lok.abs./Part.Pass.)
duḥkho mṛtyur
ein Leid [ist] der Tod (Nom.Sg.m.)
asaṃśayam
zweifellos (Adv.)

Zweite Vershälfte elliptisch: „ist der Tod Leid“, d. h. das Zerbrechen der Hoffnung ist wie Sterben.

so 'haṃ hatāśo durbuddhiḥ kṛtas tena durātmanā; dhārtarāṣṭreṇa rājendra paśya mandātmatāṃ mama

So bin ich einer, dessen Hoffnung zerschlagen ist, ein Törichter, gemacht von jenem Bösgesinnten, dem Sohn Dhṛtarāṣṭras, Herr der Könige; sieh meine Schwachsinnigkeit!

Wort für Wort
so 'haṃ hatāśaḥ
dieser ich, mit zerschlagener Hoffnung (Nom./Bahuvrīhi Nom.Sg.m.)
durbuddhiḥ kṛtas tena
ein Törichter, gemacht von jenem (Nom./PPP/Instr.)
durātmanā dhārtarāṣṭreṇa
vom Bösgesinnten, dem Dhṛtarāṣṭra-Sohn (Instr.Sg.m.)
rājendra
Herr der Könige (Vok.)
paśya mandātmatāṃ mama
sieh die Beschränktheit meiner [Person] (Imp./Akk.Sg.f./Gen.)

āśāṃ mahattarāṃ manye parvatād api sadrumāt; ākāśād api vā rājann aprameyaiva vā punaḥ

Ich halte die Hoffnung für größer als einen Berg samt Bäumen, ja sogar als den Himmelsraum, oder, König, gar für ganz unermesslich.

Wort für Wort
āśāṃ mahattarām
die Hoffnung, größer (Akk.Sg.f./Komp.)
manye parvatād api sadrumāt
ich meine, [größer] als selbst ein Berg mit Bäumen (1.Sg.Präs.Med./Abl.)
ākāśād api vā rājan
oder auch als der Himmelsraum, König (Abl./Vok.)
aprameyā eva vā punaḥ
oder wiederum geradezu unermesslich (Nom.Sg.f./Adv.)

eṣā caiva kuruśreṣṭha durvicintyā sudurlabhā; durlabhatvāc ca paśyāmi kim anyad durlabhaṃ tataḥ

Und sie, Bester der Kuru, ist schwer zu ergründen und sehr schwer zu erlangen; und wegen [ihrer] Schwerzugänglichkeit: was sehe ich sonst noch Schwererreichbares als sie?

Wort für Wort
eṣā ca eva kuruśreṣṭha
und eben diese, Bester der Kuru (Nom.Sg.f./Vok.)
durvicintyā sudurlabhā
schwer zu ergründen, sehr schwer erreichbar (Gerundiv/Adj. Nom.Sg.f.)
durlabhatvāc ca
und wegen der Schwererreichbarkeit (Abl.Sg.n.)
paśyāmi kim anyad
ich sehe, was sonst (1.Sg.Präs./Interr.)
durlabhaṃ tataḥ
Schwererreichbares als das (Nom./Akk.n./Abl.-Adv.)

Der Vers ist knapp; „durlabha“ hat die Nuancen schwer erlangbar / selten, „durvicintya“ schwer zu durchdenken.

bhīṣma uvāca; atra te vartayiṣyāmi yudhiṣṭhira nibodha tat; itihāsaṃ sumitrasya nirvṛttam ṛṣabhasya ca

Bhīṣma sprach: „Dazu will ich dir etwas erzählen, Yudhiṣṭhira; höre das: die Geschichte von Sumitra und die des Ṛṣabha, wie sie sich zugetragen hat.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
atra te vartayiṣyāmi
hierzu werde ich dir erzählen (Fut.Kaus./Dat.-Gen.)
yudhiṣṭhira nibodha tat
Yudhiṣṭhira, vernimm das (Vok./Imp.)
itihāsaṃ sumitrasya
die Geschichte des Sumitra (Akk./Gen.)
nirvṛttam ṛṣabhasya ca
Vollzogenes und [das] des Ṛṣabha (PPP Akk.n./Gen.)

„nirvṛttam“ hier als „was sich abgespielt hat“; „ṛṣabhasya ca“ nennt einen zweiten Beteiligten (Ṛṣabha), wohl den Weisen der folgenden Erzählung.

sumitro nāma rājarṣir haihayo mṛgayāṃ gataḥ; sasāra sa mṛgaṃ viddhvā bāṇena nataparvaṇā

Ein Königsweiser namens Sumitra aus dem Geschlecht der Haihaya ging auf die Jagd; er verfolgte ein Wild, nachdem er es mit einem Pfeil mit glatten Gelenken getroffen hatte.

Wort für Wort
sumitro nāma rājarṣiḥ
ein Königsweiser namens Sumitra (Nom.)
haihayo mṛgayāṃ gataḥ
ein Haihaya, zur Jagd gegangen (Nom./Akk./PPP)
sasāra sa mṛgam
er verfolgte das Wild (Perf.3.Sg./Akk.)
viddhvā bāṇena
nachdem er [es] getroffen hatte, mit einem Pfeil (Abs./Instr.)
nataparvaṇā
mit gebogenen [d. h. glatten] Gelenken (Instr. Bahuvrīhi)

sa mṛgo bāṇam ādāya yayāv amitavikramaḥ; sa ca rājā balī tūrṇaṃ sasāra mṛgam antikāt

Das Wild von unermesslicher Schnelligkeit rannte davon, den Pfeil mit sich tragend; und jener kräftige König verfolgte das Wild rasch aus nächster Nähe.

Wort für Wort
sa mṛgo bāṇam ādāya
das Wild, den Pfeil aufgenommen habend (Nom./Akk./Abs.)
yayau amitavikramaḥ
lief davon, von unermesslicher Kraft (Perf./Bahuvrīhi)
sa ca rājā balī
und jener König, der starke (Nom.)
tūrṇaṃ sasāra
schnell verfolgte er (Adv./Perf.)
mṛgam antikāt
das Wild aus der Nähe (Akk./Abl.)

„bāṇam ādāya“: der Pfeil steckt noch im Wild (vgl. V. 26 śalyavān).

tato nimnaṃ sthalaṃ caiva sa mṛgo 'dravad āśugaḥ; muhūrtam eva rājendra samena sa pathāgamat

Dann rannte das schnelle Wild sowohl über Tiefland als auch über Höhenland; nur einen Augenblick, Herr der Könige, ging es auf ebenem Weg.

Wort für Wort
tato nimnaṃ sthalaṃ ca eva
dann sowohl über Niederung als auch über Höhe (Adv./Akk.n.)
sa mṛgo 'dravad āśugaḥ
dieses Wild rannte, schnellfüßig (Impf./Nom.)
muhūrtam eva rājendra
nur einen Augenblick, Herr der Könige (Akk./Vok.)
samena sa pathā agamat
auf ebenem Weg ging es (Instr./Instr./Impf.)

tataḥ sa rājā tāruṇyād aurasena balena ca; sasāra bāṇāsanabhṛt sakhaḍgo haṃsavat tadā

Da verfolgte jener König, aus Jugendkraft und mit der Kraft, die seinem Körper eigen war, Bogen und Schwert tragend, wie ein Schwan.

Wort für Wort
tataḥ sa rājā tāruṇyāt
da jener König, aus Jugend (Abl.)
aurasena balena ca
und mit angeborener Kraft (Instr.)
sasāra bāṇāsanabhṛt
verfolgte, Bogenträger (Perf./Nom.)
sakhaḍgo haṃsavat tadā
mit Schwert, wie ein Schwan, damals (Bahuvrīhi/Adv./Adv.)

„aurasena balena“: die aus der eigenen Brust/dem eigenen Körper stammende Kraft.

tīrtvā nadān nadīś caiva palvalāni vanāni ca; atikramyābhyatikramya sasāraiva vane caran

Er durchquerte Ströme und Flüsse, Tümpel und Wälder, überschritt sie immer wieder und verfolgte [das Wild] unablässig, im Wald umherstreifend.

Wort für Wort
tīrtvā nadān nadīś ca
nachdem er durchquert hatte Wildbäche und Flüsse (Abs./Akk.Pl.)
palvalāni vanāni ca
Tümpel und Wälder (Akk.Pl.n.)
atikramya abhyatikramya
hinübergehend, immer wieder überschreitend (Abs. Iterativ)
sasāra eva vane caran
verfolgte eben, im Wald umherziehend (Perf./Lok./Part.)

„sasāra eva“: unablässig, nicht ablassend.

sa tu kāmān mṛgo rājann āsādyāsādya taṃ nṛpam; punar abhyeti javano javena mahatā tataḥ

Das schnelle Wild aber kam, König, aus Lust [am Spiel] immer wieder an jenen König heran und wieder mit großer Geschwindigkeit davon.

Wort für Wort
sa tu kāmān mṛgo rājan
dieses Wild aber aus Lust, König (Abl./Nom./Vok.)
āsādya āsādya taṃ nṛpam
immer wieder an ihn herankommend, den König (Abs. Iterativ/Akk.)
punar abhyeti javanaḥ
kommt wieder heran, der Schnelle (3.Sg.Präs./Nom.)
javena mahatā tataḥ
mit großer Geschwindigkeit, dann (Instr./Adv.)

„kāmāt“: aus Lust / aus freiem Willen; „tataḥ“ am Ende bezieht sich wohl auf das Davonrasen danach.

sa tasya bāṇair bahubhiḥ samabhyasto vanecaraḥ; prakrīḍann iva rājendra punar abhyeti cāntikam

Von vielen seiner Pfeile getroffen, [kam] das Waldtier, gleichsam spielend, Herr der Könige, wieder in die Nähe.

Wort für Wort
sa tasya bāṇair bahubhiḥ
dieses von seinen vielen Pfeilen (Instr.Pl.)
samabhyastaḥ [?] vanecaraḥ
bedrängt [?], Waldbewohner (PPP/Nom.)
prakrīḍann iva rājendra
gleichsam spielend, Herr der Könige (Part./Vok.)
punar abhyeti ca antikam
und kommt wieder in die Nähe (3.Sg.Präs./Akk.)

„samabhyastaḥ“ ist unsicher: wörtlich „bedrängt/beschossen“ (PPP von sam-abhi-as); Übersetzung nach dem Zusammenhang [?].

punaś ca javam āsthāya javano mṛgayūthapaḥ; atītyātītya rājendra punar abhyeti cāntikam

Und wieder nahm der schnelle Anführer der Wildherde Geschwindigkeit an, entkam ihm jedes Mal, Herr der Könige, und kommt doch wieder in die Nähe.

Wort für Wort
punaś ca javam āsthāya
und wieder Geschwindigkeit annehmend (Abs./Akk.)
javano mṛgayūthapaḥ
der Schnelle, Herdenführer der Tiere (Nom.)
atītya atītya rājendra
immer wieder vorbeiziehend, Herr der Könige (Abs. Iterativ/Vok.)
punar abhyeti ca antikam
und kommt wieder in die Nähe (3.Sg.Präs.)

tasya marmacchidaṃ ghoraṃ sumitro 'mitrakarśanaḥ; samādāya śaraśreṣṭhaṃ kārmukān niravāsṛjat

Sumitra, der Feindeverzehrer, nahm einen furchtbaren, Lebensstellen durchschneidenden, vortrefflichen Pfeil und ließ ihn vom Bogen los.

Wort für Wort
tasya marmacchidaṃ ghoram
furchtbar, die Todesstellen zerschneidend, von ihm (Gen./Akk.Sg.m.)
sumitro 'mitrakarśanaḥ
Sumitra, Feindequäler (Nom.)
samādāya śaraśreṣṭham
ergreifend den besten der Pfeile (Abs./Akk.)
kārmukān niravāsṛjat
vom Bogen ließ er los (Abl./Impf.)

tato gavyūtimātreṇa mṛgayūthapayūthapaḥ; tasya bāṇapathaṃ tyaktvā tasthivān prahasann iva

Da blieb jener Anführer der Anführer der Herden, [nur] eine Gavyūti [Wegstrecke] entfernt, den Pfeilweg verlassend, wie lachend stehen.

Wort für Wort
tato gavyūtimātreṇa
dann [in] nur einer Gavyūti [Entfernung] (Instr.)
mṛgayūthapayūthapaḥ
der Herr der Herden der Wildherdenführer (Nom. Tatpuruṣa)
tasya bāṇapatham tyaktvā
den Flugweg seines Pfeils verlassend (Gen./Akk./Abs.)
tasthivān prahasann iva
stand, gleichsam lachend (Part.Perf./Part.)

„gavyūti“: Wegmaß von etwa zwei Krośa; „mātreṇa“ = nur/etwa.

tasmin nipatite bāṇe bhūmau prajvalite tataḥ; praviveśa mahāraṇyaṃ mṛgo rājāpy athādravat

Als der Pfeil herabgefallen und auf dem Boden aufgeflammt war, trat das Wild in den großen Wald ein, und der König rannte auch [hinterher].

Wort für Wort
tasmin nipatite bāṇe
als jener Pfeil gefallen war (Lok.abs.)
bhūmau prajvalite tataḥ
auf der Erde aufflammend, dann (Lok./Part.)
praviveśa mahāraṇyam
trat ein in den großen Wald (Perf./Akk.)
mṛgo rājā api atha adravat
das Wild; auch der König lief dann (Nom./Impf.)

praviśya tu mahāraṇyaṃ tāpasānām athāśramam; āsasāda tato rājā śrāntaś copāviśat punaḥ

Nachdem er aber in den großen Wald eingetreten war, gelangte der König zu einer Einsiedelei von Asketen, und ermüdet setzte er sich dort nieder.

Wort für Wort
praviśya tu mahāraṇyam
nachdem er in den großen Wald eingetreten war (Abs./Akk.)
tāpasānām atha āśramam
dann zu einer Einsiedelei der Asketen (Gen.Pl./Akk.)
āsasāda tato rājā
erreichte dann der König (Perf.)
śrāntaḥ ca upāviśat punaḥ
und, erschöpft, setzte er sich wieder [d. h. nun] (PPP/Impf.)

taṃ kārmukadharaṃ dṛṣṭvā śramārtaṃ kṣudhitaṃ tadā; sametya ṛṣayas tasmin pūjāṃ cakrur yathāvidhi

Als sie ihn, den Bogenträger, müde und hungrig sahen, kamen die Weisen dort zusammen und erwiesen ihm die Ehrung nach Vorschrift.

Wort für Wort
taṃ kārmukadharaṃ dṛṣṭvā
als sie ihn, den Bogenträger, sahen (Akk./Abs.)
śramārtaṃ kṣudhitaṃ tadā
erschöpft [und] hungrig, damals (Akk.Sg.m.)
sametya ṛṣayaḥ tasmin
versammelt, die Weisen, bei ihm (Abs./Nom.Pl./Lok.)
pūjāṃ cakruḥ yathāvidhi
erwiesen Ehrung, vorschriftsgemäß (Akk./Perf.3.Pl./Adv.)

sa pūjām ṛṣibhir dattāṃ pratigṛhya narādhipaḥ; apṛcchat tāpasān sarvāṃs tapaso vṛddhim uttamām; te tasya rājño vacanaṃ pratigṛhya tapodhanāḥ

Der Herr der Menschen nahm die von den Weisen gespendete Ehrung an und fragte alle Asketen nach dem höchsten Wachstum der Askese. Diese Askese-Reichen aber nahmen das Wort des Königs auf [und] …

Wort für Wort
sa pūjām ṛṣibhir dattām
er die Ehrung, von den Weisen gegeben (Akk./Instr./PPP)
pratigṛhya narādhipaḥ
annehmend, der Herr der Menschen (Abs./Nom.)
apṛcchat tāpasān sarvān
fragte alle Asketen (Impf./Akk.Pl.)
tapaso vṛddhim uttamām
nach dem höchsten Wachstum der Askese (Gen./Akk.)
te tasya rājño vacanam
diese das Wort dieses Königs (Nom.Pl./Gen./Akk.)
pratigṛhya tapodhanāḥ
aufnehmend, die Askese-Reichen (Abs./Nom.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. Der letzte Pāda „te tasya rājño vacanaṃ pratigṛhya tapodhanāḥ“ setzt sich im nächsten Vers fort („die Weisen fragten …“). [Anm.: Fortsetzung]

ṛṣayo rājaśārdūlam apṛcchan svaṃ prayojanam; kena bhadramukhārthena saṃprāpto 'si tapovanam

Die Weisen fragten den Löwen unter den Königen nach seinem Anliegen: „Mit welchem glückverheißenden Anliegen bist du in den Askesewald gekommen?

Wort für Wort
ṛṣayo rājaśārdūlam
die Weisen den Tiger unter den Königen (Nom./Akk.)
apṛcchan svaṃ prayojanam
fragten nach dem eigenen Anliegen (Impf./Akk.)
kena bhadramukhārthena
mit welchem heilvollen Zweck (Instr.)
saṃprāpto 'si tapovanam
bist du gekommen zum Askesewald (PPP+2.Sg./Akk.)

„bhadramukha“: eig. „mit glückverheißendem Gesicht“, hier als höfliche Anrede/Attribut zu artha gefasst [?]. Die Rede setzt sich in V. 24 fort.

padātir baddhanistriṃśo dhanvī bāṇī nareśvara; etad icchāma vijñātuṃ kutaḥ prāpto 'si mānada; kasmin kule hi jātas tvaṃ kiṃnāmāsi bravīhi naḥ

Zu Fuß, mit umgegürtetem Schwert, Bogenträger und Pfeilträger, Herr der Männer: Das möchten wir wissen: Woher bist du gekommen, Ehrengeber? In welchem Geschlecht bist du geboren, und wie heißt du? Sage es uns.“

Wort für Wort
padātir baddhanistriṃśo
zu Fuß, mit gebundenem Schwert (Nom. Bahuvrīhi)
dhanvī bāṇī nareśvara
Bogner, Pfeilbesitzer, Herr der Männer (Nom./Vok.)
etad icchāmaḥ vijñātum
das wollen wir erfahren (1.Pl.Präs./Inf.)
kutaḥ prāpto 'si mānada
woher bist du gekommen, Ehrenspender (Interr./PPP/Vok.)
kasmin kule hi jātas tvam
in welchem Geschlecht bist du geboren (Lok./PPP)
kiṃnāmā asi bravīhi naḥ
wie heißt du, sag uns (Bahuvrīhi/Imp./Dat.)

tataḥ sa rājā sarvebhyo dvijebhyaḥ puruṣarṣabha; ācakhyau tad yathānyāyaṃ paricaryāṃ ca bhārata

Da erklärte der König allen Zweimalgeborenen, Stier unter den Männern, der Ordnung gemäß [seine Herkunft] und [seine] Verfolgung, Bhārata.

Wort für Wort
tataḥ sa rājā sarvebhyaḥ
da jener König allen (Nom./Dat.Pl.)
dvijebhyaḥ puruṣarṣabha
den Zweimalgeborenen, Stier der Männer (Dat./Vok.)
ācakhyau tad yathānyāyam
erzählte das, wie es sich gehört (Perf./Adv.)
paricaryāṃ ca bhārata
und das Umherziehen [?], Bhārata (Akk./Vok.)

„paricaryā“ bedeutet sonst Dienst/Aufwartung; hier nach dem Kontext als „Umherziehen/Verfolgung“ gedeutet [?].

haihayānāṃ kule jātaḥ sumitro mitranandanaḥ; carāmi mṛgayūthāni nighnan bāṇaiḥ sahasraśaḥ; balena mahatā guptaḥ sāmātyaḥ sāvarodhanaḥ

„Im Geschlecht der Haihaya bin ich geboren, Sumitra, Freudenspender der Freunde. Ich streife umher und töte mit Pfeilen zu Tausenden Wildherden, von einem großen Heer geschützt, mit Ministern und mit dem Frauengemach.“

Wort für Wort
haihayānāṃ kule jātaḥ
im Geschlecht der Haihaya geboren (Gen./Lok./PPP)
sumitro mitranandanaḥ
Sumitra, Freude der Freunde (Nom.)
carāmi mṛgayūthāni
ich ziehe umher, [durch] Wildherden (1.Sg.Präs./Akk.)
nighnan bāṇaiḥ sahasraśaḥ
tötend mit Pfeilen zu Tausenden (Part./Instr./Adv.)
balena mahatā guptaḥ
von einem großen Heer geschützt (Instr./PPP)
sāmātyaḥ sāvarodhanaḥ
mit Ministern, mit Harem (Bahuvrīhi)

Sprecher: der König. Die Rede setzt sich fort.

mṛgas tu viddho bāṇena mayā sarati śalyavān; taṃ dravantam anu prāpto vanam etad yadṛcchayā; bhavatsakāśe naṣṭaśrīr hatāśaḥ śramakarśitaḥ

„Ein Wild aber, von mir mit einem Pfeil getroffen, läuft dahin, den Pfeil in sich; ihm, dem Laufenden, bin ich nachgekommen, zufällig in diesen Wald; bei euch [bin ich] glanzlos, hoffnungslos, von Mühe ausgezehrt.“

Wort für Wort
mṛgas tu viddho bāṇena mayā
ein Wild aber, getroffen mit Pfeil von mir (Nom./PPP/Instr.)
sarati śalyavān
läuft, mit steckendem Pfeil (3.Sg.Präs./Nom.)
taṃ dravantam anu prāptaḥ
ihm nach, dem Laufenden, ich bin gekommen (Akk./Part./PPP)
vanam etad yadṛcchayā
in diesen Wald, zufällig (Akk./Instr.)
bhavatsakāśe naṣṭaśrīḥ
bei euch, ohne Glanz (Lok./Bahuvrīhi)
hatāśaḥ śramakarśitaḥ
hoffnungslos, von Ermüdung geschwächt (Nom./PPP)

kiṃ nu duḥkham ato 'nyad vai yad ahaṃ śramakarśitaḥ; bhavatām āśramaṃ prāpto hatāśo naṣṭalakṣaṇaḥ

„Welches Leid gibt es wohl außer diesem, dass ich, von Mühe ausgezehrt, zu eurer Einsiedelei gelangt bin, hoffnungslos, meiner Zeichen [der Königswürde] verlustig?“

Wort für Wort
kiṃ nu duḥkham ato 'nyad vai
welches Leid wohl anderes als dies (Interr./Nom./Abl./Adj.)
yad ahaṃ śramakarśitaḥ
dass ich, von Mühe abgezehrt (Konj./Nom.)
bhavatām āśramaṃ prāptaḥ
zu eurer Einsiedelei gelangt (Gen./Akk./PPP)
hatāśo naṣṭalakṣaṇaḥ
hoffnungslos, der Zeichen verlustig (Bahuvrīhi)

„naṣṭalakṣaṇaḥ“: dessen Merkmale/Abzeichen verloren sind; auch „des Glücksmerkmals beraubt“ möglich.

na rājalakṣaṇatyāgo na purasya tapodhanāḥ; duḥkhaṃ karoti tat tīvraṃ yathāśā vihatā mama

„Nicht der Verlust der Königszeichen, nicht [der der] Stadt, ihr Askese-Reichen, bereitet [mir] so heftiges Leid, wie [es] meine zerschlagene Hoffnung [tut].“

Wort für Wort
na rājalakṣaṇatyāgaḥ
nicht das Aufgeben der Königszeichen (Nom.Sg.m.)
na purasya tapodhanāḥ
nicht [der] der Stadt, ihr Askese-Reichen (Gen./Vok.)
duḥkhaṃ karoti tat tīvram
Leid macht das Heftige (Akk./3.Sg./Akk.n.)
yathā āśā vihatā mama
wie die Hoffnung zerschlagen von mir (Nom.Sg.f./PPP/Gen.)

himavān vā mahāśailaḥ samudro vā mahodadhiḥ; mahattvān nānvapadyetāṃ rodasyor antaraṃ yathā; āśāyās tapasi śreṣṭhās tathā nāntam ahaṃ gataḥ

„Der Himalaya, der große Berg, oder der Ozean, das große Meer: beide reichten an Größe nicht heran, wie [auch] der Raum zwischen den beiden Welten [nicht]; und das Ende der Hoffnung, ihr Besten in der Askese, habe ich nicht erreicht.“

Wort für Wort
himavān vā mahāśailaḥ
der Himavat, der große Berg, oder (Nom./Nom.)
samudro vā mahodadhiḥ
der Ozean, das große Meer, oder (Nom.)
mahattvān na anvapadyetām
an Größe kamen sie nicht heran (Abl./Impf.Med.Du.) [?]
rodasyor antaraṃ yathā
wie den Zwischenraum der Welten (Gen.Du./Akk./Adv.)
āśāyās tapasi śreṣṭhāḥ
der Hoffnung, ihr Besten in der Askese (Gen./Lok./Vok.)
tathā na antam ahaṃ gataḥ
so habe ich das Ende nicht erreicht (Adv./Akk./Nom./PPP)

Zweiter Pāda schwierig: „anvapadyetām“ (Dual) mit „rodasyor antaram yathā“ als Vergleichsmaß gedeutet [?].

bhavatāṃ viditaṃ sarvaṃ sarvajñā hi tapodhanāḥ; bhavantaḥ sumahābhāgās tasmāt prakṣyāmi saṃśayam

„Euch ist alles bekannt, denn ihr Askese-Reichen seid allwissend; ihr seid sehr glücklich; deshalb will ich [euch] einen Zweifel fragen.“

Wort für Wort
bhavatāṃ viditaṃ sarvam
von euch ist alles gewusst (Gen./PPP/Nom.n.)
sarvajñā hi tapodhanāḥ
allwissend nämlich, Askese-Reiche (Nom.Pl./Vok.)
bhavantaḥ sumahābhāgāḥ
ihr, sehr gesegnete (Nom.Pl.)
tasmāt prakṣyāmi saṃśayam
deshalb werde ich fragen [nach] einem Zweifel (Fut./Akk.)

āśāvān puruṣo yaḥ syād antarikṣam athāpi vā; kiṃ nu jyāyastaraṃ loke mahattvāt pratibhāti vaḥ; etad icchāmi tattvena śrotuṃ kim iha durlabham

„Wenn ein Mensch voller Hoffnung ist: was von beidem, [die Hoffnung] oder der Luftraum, erscheint euch in der Welt als größer an Größe? Das möchte ich der Wahrheit gemäß hören: Was ist hier schwer zu erlangen?“

Wort für Wort
āśāvān puruṣo yaḥ syāt
ein hoffnungsvoller Mensch, der ist (Nom./Rel./Opt.)
antarikṣam athāpi vā
der Luftraum, oder auch (Nom./Part.)
kiṃ nu jyāyastaraṃ loke
was wohl ist größer in der Welt (Interr./Komp./Lok.)
mahattvāt pratibhāti vaḥ
an Größe erscheint euch (Abl./3.Sg.Präs./Dat.)
etad icchāmi tattvena śrotum
das möchte ich der Wahrheit nach hören (Inf./Instr.)
kim iha durlabham
was ist hier schwer erreichbar (Interr./Adj.)

Der erste Pāda ist elliptisch: „āśāvān puruṣo yaḥ syād antarikṣam athāpi vā“; Sinn: Hoffnung im Vergleich zum Luftraum [?].

yadi guhyaṃ taponityā na vo brūteha māciram; na hi guhyam ataḥ śrotum icchāmi dvijapuṃgavāḥ

„Wenn es ein Geheimnis ist, das ihr, stets der Askese ergeben, [mir] nicht sagen wollt, dann sagt es hier nicht schnell; denn ein Geheimnis, ihr Stiere unter den Zweimalgeborenen, will ich deshalb nicht hören.“

Wort für Wort
yadi guhyaṃ taponityāḥ
wenn [es] ein Geheimnis [ist], ihr der Askese Ergebenen (Nom.n./Vok.)
na vo brūta iha māciram
ihr sollt [es] hier nicht sagen, nicht zögernd [?] (Imp./Adv.)
na hi guhyam ataḥ śrotum
denn Geheimes deshalb nicht zu hören (Akk./Adv./Inf.)
icchāmi dvijapuṃgavāḥ
wünsche ich, Stiere der Zweimalgeborenen (1.Sg./Vok.)

Wortlaut in b (na vo brūteha māciram) knapp: „sagt es nicht, [wenn geheim], und nicht bald“ [?].

bhavattapovighāto vā yena syād virame tataḥ; yadi vāsti kathāyogo yo 'yaṃ praśno mayeritaḥ

„Oder wenn dadurch eine Störung eurer Askese entstünde, dann höre ich davon ab; oder wenn ein Zusammenhang der Erzählung besteht: diese Frage, die von mir gestellt wurde.“

Wort für Wort
bhavattapovighāto vā
oder Störung eurer Askese (Nom.)
yena syāt virame tataḥ
wodurch sie entstünde, [davon] lasse ich dann ab (Opt./1.Sg.Präs./Adv.)
yadi vā asti kathāyogaḥ
oder wenn es einen Erzählzusammenhang gibt (Nom.)
yo 'yaṃ praśno mayā īritaḥ
diese Frage, die von mir vorgebracht wurde (Nom./Instr./PPP)

Der Vers ist elliptisch; Sinn: Er will die Frage nur beantwortet haben, wenn keine Askese-Störung und ein Erzählzusammenhang besteht [?].

etat kāraṇasāmagryaṃ śrotum icchāmi tattvataḥ; bhavanto hi taponityā brūyur etat samāhitāḥ

„Diesen Gesamtzusammenhang der Ursachen möchte ich der Wahrheit gemäß hören; denn ihr, stets der Askese ergeben, mögt dies gesammelt [konzentriert] sagen.“

Wort für Wort
etat kāraṇasāmagryam
diesen Gesamtzusammenhang der Ursachen (Akk.)
śrotum icchāmi tattvataḥ
hören möchte ich der Wahrheit nach (Inf./1.Sg./Adv.)
bhavanto hi taponityāḥ
ihr nämlich, der Askese ergeben (Nom.Pl.)
brūyur etat samāhitāḥ
mögen sagen dies, gesammelt (Opt.3.Pl./Akk./PPP)

„kāraṇasāmagrya“: die Gesamtheit der Ursachen/Bedingungen.

Dieses Kapitel in der Leseansicht