Kapitel 125: āśāyāḥ mahattvam / sumitropākhyāna
Die Größe der Hoffnung: König Sumitra und die Weisen im Wald
Yudhiṣṭhira fragt nach dem Wesen der Hoffnung, die ihn enttäuscht hat; Bhīṣma beginnt die Geschichte des Haihaya-Königs Sumitra, der auf der Jagd ein Wild verfolgt und in einer Einsiedelei nach dem Größten fragt.
yudhiṣṭhira uvāca; śīlaṃ pradhānaṃ puruṣe kathitaṃ te pitāmaha; katham āśā samutpannā yā ca sā tad vadasva me
Yudhiṣṭhira sprach: „Der Charakter [śīla] gilt beim Menschen als das Wichtigste, so hast du es gesagt, Großvater. Wie aber entsteht die Hoffnung, und was ist sie? Sage mir das.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
śīlaṃ pradhānaṃ puruṣe
der Charakter [ist] das Wichtigste beim Menschen (Nom./Lok.)
kathitaṃ te pitāmaha
ist gesagt worden von dir, Großvater (PPP/Instr./Vok.)
saṃśayo me mahān eṣa samutpannaḥ pitāmaha; chettā ca tasya nānyo 'sti tvattaḥ parapuraṃjaya
Ein großer Zweifel ist mir hier aufgestiegen, Großvater; und außer dir gibt es keinen, der ihn zerschneiden [lösen] könnte, Bezwinger der feindlichen Städte.
Wort für Wort
saṃśayo me mahān eṣaḥ
dieser große Zweifel von mir (Nom.Sg.m./Gen.)
samutpannaḥ pitāmaha
ist aufgestiegen, Großvater (PPP/Vok.)
chettā ca tasya
und ein Zerschneider davon (Nom.Sg. Nomen agentis/Gen.)
so 'haṃ hatāśo durbuddhiḥ kṛtas tena durātmanā; dhārtarāṣṭreṇa rājendra paśya mandātmatāṃ mama
So bin ich einer, dessen Hoffnung zerschlagen ist, ein Törichter, gemacht von jenem Bösgesinnten, dem Sohn Dhṛtarāṣṭras, Herr der Könige; sieh meine Schwachsinnigkeit!
Wort für Wort
so 'haṃ hatāśaḥ
dieser ich, mit zerschlagener Hoffnung (Nom./Bahuvrīhi Nom.Sg.m.)
durbuddhiḥ kṛtas tena
ein Törichter, gemacht von jenem (Nom./PPP/Instr.)
durātmanā dhārtarāṣṭreṇa
vom Bösgesinnten, dem Dhṛtarāṣṭra-Sohn (Instr.Sg.m.)
rājendra
Herr der Könige (Vok.)
paśya mandātmatāṃ mama
sieh die Beschränktheit meiner [Person] (Imp./Akk.Sg.f./Gen.)
eṣā caiva kuruśreṣṭha durvicintyā sudurlabhā; durlabhatvāc ca paśyāmi kim anyad durlabhaṃ tataḥ
Und sie, Bester der Kuru, ist schwer zu ergründen und sehr schwer zu erlangen; und wegen [ihrer] Schwerzugänglichkeit: was sehe ich sonst noch Schwererreichbares als sie?
Wort für Wort
eṣā ca eva kuruśreṣṭha
und eben diese, Bester der Kuru (Nom.Sg.f./Vok.)
durvicintyā sudurlabhā
schwer zu ergründen, sehr schwer erreichbar (Gerundiv/Adj. Nom.Sg.f.)
durlabhatvāc ca
und wegen der Schwererreichbarkeit (Abl.Sg.n.)
paśyāmi kim anyad
ich sehe, was sonst (1.Sg.Präs./Interr.)
durlabhaṃ tataḥ
Schwererreichbares als das (Nom./Akk.n./Abl.-Adv.)
Der Vers ist knapp; „durlabha“ hat die Nuancen schwer erlangbar / selten, „durvicintya“ schwer zu durchdenken.
Ein Königsweiser namens Sumitra aus dem Geschlecht der Haihaya ging auf die Jagd; er verfolgte ein Wild, nachdem er es mit einem Pfeil mit glatten Gelenken getroffen hatte.
Wort für Wort
sumitro nāma rājarṣiḥ
ein Königsweiser namens Sumitra (Nom.)
haihayo mṛgayāṃ gataḥ
ein Haihaya, zur Jagd gegangen (Nom./Akk./PPP)
sasāra sa mṛgam
er verfolgte das Wild (Perf.3.Sg./Akk.)
viddhvā bāṇena
nachdem er [es] getroffen hatte, mit einem Pfeil (Abs./Instr.)
nataparvaṇā
mit gebogenen [d. h. glatten] Gelenken (Instr. Bahuvrīhi)
sa mṛgo bāṇam ādāya yayāv amitavikramaḥ; sa ca rājā balī tūrṇaṃ sasāra mṛgam antikāt
Das Wild von unermesslicher Schnelligkeit rannte davon, den Pfeil mit sich tragend; und jener kräftige König verfolgte das Wild rasch aus nächster Nähe.
Wort für Wort
sa mṛgo bāṇam ādāya
das Wild, den Pfeil aufgenommen habend (Nom./Akk./Abs.)
yayau amitavikramaḥ
lief davon, von unermesslicher Kraft (Perf./Bahuvrīhi)
sa ca rājā balī
und jener König, der starke (Nom.)
tūrṇaṃ sasāra
schnell verfolgte er (Adv./Perf.)
mṛgam antikāt
das Wild aus der Nähe (Akk./Abl.)
„bāṇam ādāya“: der Pfeil steckt noch im Wild (vgl. V. 26 śalyavān).
sa pūjām ṛṣibhir dattāṃ pratigṛhya narādhipaḥ; apṛcchat tāpasān sarvāṃs tapaso vṛddhim uttamām; te tasya rājño vacanaṃ pratigṛhya tapodhanāḥ
Der Herr der Menschen nahm die von den Weisen gespendete Ehrung an und fragte alle Asketen nach dem höchsten Wachstum der Askese. Diese Askese-Reichen aber nahmen das Wort des Königs auf [und] …
Wort für Wort
sa pūjām ṛṣibhir dattām
er die Ehrung, von den Weisen gegeben (Akk./Instr./PPP)
pratigṛhya narādhipaḥ
annehmend, der Herr der Menschen (Abs./Nom.)
apṛcchat tāpasān sarvān
fragte alle Asketen (Impf./Akk.Pl.)
tapaso vṛddhim uttamām
nach dem höchsten Wachstum der Askese (Gen./Akk.)
te tasya rājño vacanam
diese das Wort dieses Königs (Nom.Pl./Gen./Akk.)
pratigṛhya tapodhanāḥ
aufnehmend, die Askese-Reichen (Abs./Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. Der letzte Pāda „te tasya rājño vacanaṃ pratigṛhya tapodhanāḥ“ setzt sich im nächsten Vers fort („die Weisen fragten …“). [Anm.: Fortsetzung]
Zu Fuß, mit umgegürtetem Schwert, Bogenträger und Pfeilträger, Herr der Männer: Das möchten wir wissen: Woher bist du gekommen, Ehrengeber? In welchem Geschlecht bist du geboren, und wie heißt du? Sage es uns.“
Wort für Wort
padātir baddhanistriṃśo
zu Fuß, mit gebundenem Schwert (Nom. Bahuvrīhi)
dhanvī bāṇī nareśvara
Bogner, Pfeilbesitzer, Herr der Männer (Nom./Vok.)
etad icchāmaḥ vijñātum
das wollen wir erfahren (1.Pl.Präs./Inf.)
kutaḥ prāpto 'si mānada
woher bist du gekommen, Ehrenspender (Interr./PPP/Vok.)
„Im Geschlecht der Haihaya bin ich geboren, Sumitra, Freudenspender der Freunde. Ich streife umher und töte mit Pfeilen zu Tausenden Wildherden, von einem großen Heer geschützt, mit Ministern und mit dem Frauengemach.“
Wort für Wort
haihayānāṃ kule jātaḥ
im Geschlecht der Haihaya geboren (Gen./Lok./PPP)
sumitro mitranandanaḥ
Sumitra, Freude der Freunde (Nom.)
carāmi mṛgayūthāni
ich ziehe umher, [durch] Wildherden (1.Sg.Präs./Akk.)
nighnan bāṇaiḥ sahasraśaḥ
tötend mit Pfeilen zu Tausenden (Part./Instr./Adv.)
mṛgas tu viddho bāṇena mayā sarati śalyavān; taṃ dravantam anu prāpto vanam etad yadṛcchayā; bhavatsakāśe naṣṭaśrīr hatāśaḥ śramakarśitaḥ
„Ein Wild aber, von mir mit einem Pfeil getroffen, läuft dahin, den Pfeil in sich; ihm, dem Laufenden, bin ich nachgekommen, zufällig in diesen Wald; bei euch [bin ich] glanzlos, hoffnungslos, von Mühe ausgezehrt.“
Wort für Wort
mṛgas tu viddho bāṇena mayā
ein Wild aber, getroffen mit Pfeil von mir (Nom./PPP/Instr.)
sarati śalyavān
läuft, mit steckendem Pfeil (3.Sg.Präs./Nom.)
taṃ dravantam anu prāptaḥ
ihm nach, dem Laufenden, ich bin gekommen (Akk./Part./PPP)
kiṃ nu duḥkham ato 'nyad vai yad ahaṃ śramakarśitaḥ; bhavatām āśramaṃ prāpto hatāśo naṣṭalakṣaṇaḥ
„Welches Leid gibt es wohl außer diesem, dass ich, von Mühe ausgezehrt, zu eurer Einsiedelei gelangt bin, hoffnungslos, meiner Zeichen [der Königswürde] verlustig?“
Wort für Wort
kiṃ nu duḥkham ato 'nyad vai
welches Leid wohl anderes als dies (Interr./Nom./Abl./Adj.)
yad ahaṃ śramakarśitaḥ
dass ich, von Mühe abgezehrt (Konj./Nom.)
bhavatām āśramaṃ prāptaḥ
zu eurer Einsiedelei gelangt (Gen./Akk./PPP)
hatāśo naṣṭalakṣaṇaḥ
hoffnungslos, der Zeichen verlustig (Bahuvrīhi)
„naṣṭalakṣaṇaḥ“: dessen Merkmale/Abzeichen verloren sind; auch „des Glücksmerkmals beraubt“ möglich.
na rājalakṣaṇatyāgo na purasya tapodhanāḥ; duḥkhaṃ karoti tat tīvraṃ yathāśā vihatā mama
„Nicht der Verlust der Königszeichen, nicht [der der] Stadt, ihr Askese-Reichen, bereitet [mir] so heftiges Leid, wie [es] meine zerschlagene Hoffnung [tut].“
Wort für Wort
na rājalakṣaṇatyāgaḥ
nicht das Aufgeben der Königszeichen (Nom.Sg.m.)
na purasya tapodhanāḥ
nicht [der] der Stadt, ihr Askese-Reichen (Gen./Vok.)
duḥkhaṃ karoti tat tīvram
Leid macht das Heftige (Akk./3.Sg./Akk.n.)
yathā āśā vihatā mama
wie die Hoffnung zerschlagen von mir (Nom.Sg.f./PPP/Gen.)
„Der Himalaya, der große Berg, oder der Ozean, das große Meer: beide reichten an Größe nicht heran, wie [auch] der Raum zwischen den beiden Welten [nicht]; und das Ende der Hoffnung, ihr Besten in der Askese, habe ich nicht erreicht.“
Wort für Wort
himavān vā mahāśailaḥ
der Himavat, der große Berg, oder (Nom./Nom.)
samudro vā mahodadhiḥ
der Ozean, das große Meer, oder (Nom.)
mahattvān na anvapadyetām
an Größe kamen sie nicht heran (Abl./Impf.Med.Du.) [?]
rodasyor antaraṃ yathā
wie den Zwischenraum der Welten (Gen.Du./Akk./Adv.)
āśāyās tapasi śreṣṭhāḥ
der Hoffnung, ihr Besten in der Askese (Gen./Lok./Vok.)
tathā na antam ahaṃ gataḥ
so habe ich das Ende nicht erreicht (Adv./Akk./Nom./PPP)
Zweiter Pāda schwierig: „anvapadyetām“ (Dual) mit „rodasyor antaram yathā“ als Vergleichsmaß gedeutet [?].
„Wenn ein Mensch voller Hoffnung ist: was von beidem, [die Hoffnung] oder der Luftraum, erscheint euch in der Welt als größer an Größe? Das möchte ich der Wahrheit gemäß hören: Was ist hier schwer zu erlangen?“
Wort für Wort
āśāvān puruṣo yaḥ syāt
ein hoffnungsvoller Mensch, der ist (Nom./Rel./Opt.)
antarikṣam athāpi vā
der Luftraum, oder auch (Nom./Part.)
kiṃ nu jyāyastaraṃ loke
was wohl ist größer in der Welt (Interr./Komp./Lok.)
mahattvāt pratibhāti vaḥ
an Größe erscheint euch (Abl./3.Sg.Präs./Dat.)
etad icchāmi tattvena śrotum
das möchte ich der Wahrheit nach hören (Inf./Instr.)
kim iha durlabham
was ist hier schwer erreichbar (Interr./Adj.)
Der erste Pāda ist elliptisch: „āśāvān puruṣo yaḥ syād antarikṣam athāpi vā“; Sinn: Hoffnung im Vergleich zum Luftraum [?].
yadi guhyaṃ taponityā na vo brūteha māciram; na hi guhyam ataḥ śrotum icchāmi dvijapuṃgavāḥ
„Wenn es ein Geheimnis ist, das ihr, stets der Askese ergeben, [mir] nicht sagen wollt, dann sagt es hier nicht schnell; denn ein Geheimnis, ihr Stiere unter den Zweimalgeborenen, will ich deshalb nicht hören.“
Wort für Wort
yadi guhyaṃ taponityāḥ
wenn [es] ein Geheimnis [ist], ihr der Askese Ergebenen (Nom.n./Vok.)
na vo brūta iha māciram
ihr sollt [es] hier nicht sagen, nicht zögernd [?] (Imp./Adv.)
na hi guhyam ataḥ śrotum
denn Geheimes deshalb nicht zu hören (Akk./Adv./Inf.)
icchāmi dvijapuṃgavāḥ
wünsche ich, Stiere der Zweimalgeborenen (1.Sg./Vok.)
Wortlaut in b (na vo brūteha māciram) knapp: „sagt es nicht, [wenn geheim], und nicht bald“ [?].
„Oder wenn dadurch eine Störung eurer Askese entstünde, dann höre ich davon ab; oder wenn ein Zusammenhang der Erzählung besteht: diese Frage, die von mir gestellt wurde.“
Wort für Wort
bhavattapovighāto vā
oder Störung eurer Askese (Nom.)
yena syāt virame tataḥ
wodurch sie entstünde, [davon] lasse ich dann ab (Opt./1.Sg.Präs./Adv.)
yadi vā asti kathāyogaḥ
oder wenn es einen Erzählzusammenhang gibt (Nom.)
yo 'yaṃ praśno mayā īritaḥ
diese Frage, die von mir vorgebracht wurde (Nom./Instr./PPP)
Der Vers ist elliptisch; Sinn: Er will die Frage nur beantwortet haben, wenn keine Askese-Störung und ein Erzählzusammenhang besteht [?].
„Diesen Gesamtzusammenhang der Ursachen möchte ich der Wahrheit gemäß hören; denn ihr, stets der Askese ergeben, mögt dies gesammelt [konzentriert] sagen.“
Wort für Wort
etat kāraṇasāmagryam
diesen Gesamtzusammenhang der Ursachen (Akk.)
śrotum icchāmi tattvataḥ
hören möchte ich der Wahrheit nach (Inf./1.Sg./Adv.)
bhavanto hi taponityāḥ
ihr nämlich, der Askese ergeben (Nom.Pl.)
brūyur etat samāhitāḥ
mögen sagen dies, gesammelt (Opt.3.Pl./Akk./PPP)
„kāraṇasāmagrya“: die Gesamtheit der Ursachen/Bedingungen.