Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 349: brāhmaṇanāgasamāgama Das Zusammentreffen des Brahmanen mit dem Schlangenkönig Padmanābha am Gomatī-Ufer

Bhīṣma erzählt, wie der Schlangenkönig (nāgendra) zu einem Brahmanen geht, der einsam am Ufer der Gomatī auf ihn wartet. Es stellt sich heraus, dass der Nāga selbst Padmanābha ist, den der Brahmane sucht; beide tauschen höfliche Reden aus, bevor der Brahmane sein eigentliches Anliegen vortragen will.

bhīṣma uvāca; sa pannagapatis tatra prayayau brāhmaṇaṃ prati; tam eva manasā dhyāyan kāryavattāṃ vicārayan

Bhīṣma sprach: Jener Herr der Schlangen ging dorthin, dem Brahmanen entgegen, während er eben an ihn dachte und die Wichtigkeit seines Anliegens erwog.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
sa pannagapatis tatra
jener Herr der Schlangen dorthin (Nom.)
prayayau brāhmaṇaṃ prati
ging, dem Brahmanen entgegen (3.Sg.Perf./Akk.+prati)
tam eva manasā dhyāyan
eben an ihn in Gedanken denkend (Präs.Part.Nom.)
kāryavattāṃ vicārayan
die Wichtigkeit der Angelegenheit erwägend (Präs.Part.Nom./Akk.)

tam abhikramya nāgendro matimān sa nareśvara; provāca madhuraṃ vākyaṃ prakṛtyā dharmavatsalaḥ

Nachdem er auf ihn zugegangen war, sprach jener kluge Schlangenkönig, oh Herrscher der Menschen, der von Natur aus dem Recht zugetan war, ein liebliches Wort.

Wort für Wort
tam abhikramya
nachdem er auf ihn zugegangen war (Absolutiv)
nāgendro matimān sa
jener kluge Schlangenkönig (Nom.)
nareśvara
oh Herrscher der Menschen (Vok.)
provāca madhuraṃ vākyaṃ
sprach ein liebliches Wort (3.Sg.Perf./Akk.)
prakṛtyā dharmavatsalaḥ
von Natur aus dem Recht zugetan (Nom.)

bho bho kṣāmyābhibhāṣe tvāṃ na roṣaṃ kartum arhasi; iha tvam abhisaṃprāptaḥ kasyārthe kiṃ prayojanam

„Höre, höre! Verzeih, ich spreche dich an; du sollst keinen Zorn hegen. Du bist hierher gekommen – wessen wegen? Was ist der Anlass?“

Wort für Wort
bho bho
Höre, höre! (Interjektion)
kṣāmya abhibhāṣe tvāṃ
verzeih, ich spreche dich an (Imp.2.Sg./1.Sg.Präs.Med./Akk.)
na roṣaṃ kartum arhasi
du sollst keinen Zorn hegen (2.Sg.Präs.)
iha tvam abhisaṃprāptaḥ
du bist hierher gekommen (Nom.Part.Perf.)
kasyārthe kiṃ prayojanam
wessen wegen, was ist der Zweck (Gen./Nom.)

ābhimukhyād abhikramya snehāt pṛcchāmi te dvija; vivikte gomatītīre kiṃ vā tvaṃ paryupāsase

Aus Zuneigung bin ich herangetreten und frage dich aus Liebe, oh Zweifachgeborener: Warum hältst du dich am einsamen Ufer der Gomatī auf?“

Wort für Wort
ābhimukhyād abhikramya
aus Zuwendung herangetreten (Absolutiv)
snehāt pṛcchāmi te
aus Liebe frage ich dich (1.Sg.Präs./Akk.)
dvija
oh Zweifachgeborener (Vok.)
vivikte gomatītīre
am einsamen Ufer der Gomatī (Lok.)
kiṃ vā tvaṃ paryupāsase
warum hältst du dich dort auf (2.Sg.Präs.Med.)

brāhmaṇa uvāca; dharmāraṇyaṃ hi māṃ viddhi nāgaṃ draṣṭum ihāgatam; padmanābhaṃ dvijaśreṣṭhaṃ tatra me kāryam āhitam

Der Brahmane sprach: „Wisse, dass ich zum Dharmāraṇya hierher gekommen bin, um den Nāga zu sehen – Padmanābha, den Besten der Zweifachgeborenen [der Schlangen]; dort liegt meine Aufgabe.

Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca
Der Brahmane sprach (3.Sg.Perf.)
dharmāraṇyaṃ hi māṃ viddhi
wisse, dass ich zum Dharmāraṇya (Akk./Imp.2.Sg./Akk.)
nāgaṃ draṣṭum ihāgatam
hierher gekommen, um den Nāga zu sehen (Akk./Inf./Nom.Part.Perf.)
padmanābhaṃ dvijaśreṣṭhaṃ
Padmanābha, den Besten der Zweifachgeborenen (Akk.)
tatra me kāryam āhitam
dort ist meine Aufgabe angelegt (Gen./Nom./Part.Perf.)

"dvijaśreṣṭha" hier wohl wörtlich "bester der Zweifachgeborenen" im Sinn der aus dem Ei geborenen Schlangen, nicht der Brahmanen.

tasya cāham asāṃnidhyaṃ śrutavān asmi taṃ gatam; svajanaṃ taṃ pratīkṣāmi parjanyam iva karṣakaḥ

Und ich habe von seiner Abwesenheit gehört, dass er fortgegangen ist; ich erwarte ihn, den mir Vertrauten, wie der Bauer den Regen[gott].

Wort für Wort
tasya ca aham
und ich, von jenem (Gen./Nom.)
asāṃnidhyaṃ śrutavān asmi
habe von der Abwesenheit gehört (Akk./1.Sg.Perf.periphr.)
taṃ gatam
dass er fortgegangen ist (Akk./Part.Perf.)
svajanaṃ taṃ pratīkṣāmi
ich erwarte ihn, den Vertrauten (Akk./1.Sg.Präs.)
parjanyam iva karṣakaḥ
wie der Bauer den Regen(gott) (Akk.+iva/Nom.)

tasya cākleśakaraṇaṃ svastikārasamāhitam; vartayāmy ayutaṃ brahma yogayukto nirāmayaḥ

Und dies bereitet mir dabei keine Mühe[?]: Auf das Bewirken von Segen gerichtet, übe ich ununterbrochen[?] das Brahman-Wissen aus, im Yoga vereint und frei von Leiden.“

Wort für Wort
tasya ca akleśakaraṇaṃ
und dies bereitet dabei keine Mühe (Gen./Nom.)
svastikārasamāhitam
auf das Bewirken von Segen gerichtet (Nom.)
vartayāmy ayutaṃ brahma
ich übe ununterbrochen das Brahman-Wissen aus [?] (1.Sg.Präs./Akk.)
yogayukto nirāmayaḥ
im Yoga vereint, frei von Leiden (Nom.)

"akleśakaraṇam" und "ayutam" mehrdeutig (etwa "unermüdlich/zehntausendfach"); Sinn (ungestörte, dauerhafte Rezitationspraxis) ist aber klar.

nāga uvāca; aho kalyāṇavṛttas tvaṃ sādhu sajjanavatsalaḥ; śravāḍhyas tvaṃ mahābhāga paraṃ snehena paśyasi

Der Nāga sprach: „Ach, du bist von untadeligem Wandel, trefflich, den Rechtschaffenen zugetan; reich an [heiligem] Ruf bist du, oh Hochbeglückter, du siehst mich mit höchster Zuneigung an.

Wort für Wort
nāga uvāca
Der Nāga sprach (3.Sg.Perf.)
aho kalyāṇavṛttas tvaṃ
ach, du bist von gutem Wandel (Interj./Nom.)
sādhu sajjanavatsalaḥ
trefflich, den Rechtschaffenen zugetan (Adv./Nom.)
śravāḍhyas tvaṃ
reich an [heiligem] Ruf bist du (Nom.)
mahābhāga
oh Hochbeglückter (Vok.)
paraṃ snehena paśyasi
du siehst mit höchster Zuneigung (Akk./Instr./2.Sg.Präs.)

ahaṃ sa nāgo viprarṣe yathā māṃ vindate bhavān; ājñāpaya yathā svairaṃ kiṃ karomi priyaṃ tava

Ich bin jener Nāga, oh Weiser unter den Brahmanen, so wie du, Verehrter, mich [wohl] erkennst. Befiehl nach Belieben: Was soll ich tun, das dir lieb ist?

Wort für Wort
ahaṃ sa nāgo
ich [bin] jener Nāga (Nom.)
viprarṣe
oh Weiser unter den Brahmanen (Vok.)
yathā māṃ vindate bhavān
so wie du, Verehrter, mich erkennst (Akk./3.Sg.Präs.Med./Nom.)
ājñāpaya yathā svairaṃ
befiehl nach Belieben (Imp.2.Sg./Adv.)
kiṃ karomi priyaṃ tava
was soll ich tun, das dir lieb ist (1.Sg.Präs./Akk./Gen.)

bhavantaṃ svajanād asmi saṃprāptaṃ śrutavān iha; atas tvāṃ svayam evāhaṃ draṣṭum abhyāgato dvija

Ich habe gehört, dass du, von deinen Angehörigen [kommend], hier eingetroffen bist; deshalb bin ich selbst gekommen, um dich zu sehen, oh Zweifachgeborener.

Wort für Wort
bhavantaṃ svajanād
dass du von den Angehörigen (Akk./Abl.)
asmi saṃprāptaṃ śrutavān
ich habe gehört, dass [du] eingetroffen bist (1.Sg.Präs./Akk.Part.Perf./Perf.periphr.)
iha
hier (Adv.)
atas tvāṃ svayam eva ahaṃ
deshalb ich selbst dich (Adv./Akk./Adv./Nom.)
draṣṭum abhyāgato
gekommen, um zu sehen (Inf./Nom.Part.Perf.)
dvija
oh Zweifachgeborener (Vok.)

saṃprāptaś ca bhavān adya kṛtārthaḥ pratiyāsyati; visrabdho māṃ dvijaśreṣṭha viṣaye yoktum arhasi

Und du bist heute hierher gekommen; du wirst mit erreichtem Ziel zurückkehren. Vertrauensvoll solltest du mich, oh Bester der Zweifachgeborenen, in [deine] Angelegenheit einbeziehen.

Wort für Wort
saṃprāptaś ca bhavān adya
und du bist heute angekommen (Nom.Part.Perf./Nom./Adv.)
kṛtārthaḥ pratiyāsyati
mit erreichtem Ziel wirst du zurückkehren (Nom./3.Sg.Fut.)
visrabdho māṃ
vertrauensvoll mich (Nom./Akk.)
dvijaśreṣṭha
oh Bester der Zweifachgeborenen (Vok.)
viṣaye yoktum arhasi
solltest in die Angelegenheit einbeziehen (Lok./Inf./2.Sg.Präs.)

vayaṃ hi bhavatā sarve guṇakrītā viśeṣataḥ; yas tvam ātmahitaṃ tyaktvā mām evehānurudhyase

Wir alle sind ja von dir, besonders durch [deine] Tugend, gewonnen – du, der sein eigenes Wohl hintansetzt und sich hier allein um mich bemüht.“

Wort für Wort
vayaṃ hi bhavatā sarve
wir alle sind ja von dir (Nom./Instr./Nom.)
guṇakrītā viśeṣataḥ
durch Tugend gewonnen, besonders (Nom.Pl./Adv.)
yas tvam ātmahitaṃ tyaktvā
du, der das eigene Wohl aufgebend (Nom./Nom./Akk./Absolutiv)
mām eva iha anurudhyase
sich allein hier um mich bemüht (Akk./2.Sg.Präs.Med.)

brāhmaṇa uvāca; āgato 'haṃ mahābhāga tava darśanalālasaḥ; kaṃ cid artham anarthajñaḥ praṣṭukāmo bhujaṃgama

Der Brahmane sprach: „Ich bin gekommen, oh Hochbeglückter, begierig, dich zu sehen; eine gewisse Sache möchte ich erfragen, oh Schlange, da ich [ihren] Sinn nicht kenne.

Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca
Der Brahmane sprach (3.Sg.Perf.)
āgato 'haṃ mahābhāga
ich bin gekommen, oh Hochbeglückter (Nom.Part.Perf./Nom./Vok.)
tava darśanalālasaḥ
begierig, dich zu sehen (Gen./Nom.)
kaṃ cid artham
eine gewisse Sache (Akk.)
anarthajñaḥ
den Sinn/Nutzen nicht kennend (Nom.)
praṣṭukāmo bhujaṃgama
begierig zu fragen, oh Schlange (Nom./Vok.)

aham ātmānam ātmastho mārgamāṇo ''tmano hitam; vāsārthinaṃ mahāprājña balavantam upāsmi ha

Ich, in mir selbst ruhend, auf der Suche nach dem Wohl meiner selbst und einer Bleibe für mich [?], diene wahrlich dem Starken, oh Hochweiser.

Wort für Wort
aham ātmastho
ich, in mir selbst ruhend (Nom.)
mārgamāṇo 'tmano hitam
auf der Suche nach dem Wohl des Selbst (Nom.Part./Gen./Akk.)
ātmānam vāsārthinam
mich selbst, eine Bleibe suchend [?] (Akk./Akk.)
mahāprājña
oh Hochweiser (Vok.)
balavantam upāsmi ha
diene wahrlich dem Starken (Akk./1.Sg.Präs./Partikel)

Bezug der Akkusative "ātmānam" und "vāsārthinam" im Satzgefüge nicht ganz eindeutig; Grundsinn (Suche nach eigenem Wohl und Zuflucht bei dem mächtigen Nāga) ist aber klar.

prakāśitas tvaṃ svaguṇair yaśogarbhagabhastibhiḥ; śaśāṅkakarasaṃsparśair hṛdyair ātmaprakāśitaiḥ

Du erstrahlst durch deine eigenen Vorzüge, [gleich] Strahlen, die Ruhm in sich bergen, deren Berührung der von Mondstrahlen gleicht – herzerfreuend, aus sich selbst leuchtend.

Wort für Wort
prakāśitas tvaṃ
du bist erstrahlt/offenbart (Nom.Part.Perf.Pass./Nom.)
svaguṇair
durch deine eigenen Vorzüge (Instr.)
yaśogarbhagabhastibhiḥ
durch Strahlen, die Ruhm in sich bergen (Instr.)
śaśāṅkakarasaṃsparśair
durch solche, die der Berührung von Mondstrahlen gleichen (Instr.)
hṛdyair ātmaprakāśitaiḥ
herzerfreuend, aus sich selbst leuchtend (Instr.)

tasya me praśnam utpannaṃ chindhi tvam anilāśana; paścāt kāryaṃ vadiṣyāmi śrotum arhati me bhavān

Löse du meine entstandene Frage bezüglich jenem, oh Windesser! Danach werde ich [mein] Anliegen vortragen; du, Verehrter, mögest es anhören.

Wort für Wort
tasya me praśnam utpannaṃ
meine, bezüglich jenem, entstandene Frage (Gen./Gen./Akk./Akk.Part.Perf.)
chindhi tvam
löse du (Imp.2.Sg./Nom.)
anilāśana
oh Windesser [Schlangenepitheton] (Vok.)
paścāt kāryaṃ vadiṣyāmi
danach werde ich das Anliegen sagen (Adv./Akk./1.Sg.Fut.)
śrotum arhati me bhavān
der Verehrte möge es anhören (Inf./3.Sg.Präs./Gen./Nom.)

"anilāśana" ("Windesser") ist ein Epitheton der Schlangen, die dem Glauben nach von Luft leben.

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