Kapitel 176: mahābhūtotpattikathanam
Die Entstehung von Wasser, Wind, Feuer und Erde am Anfang der Schöpfung
Bhṛgu belehrt Bharadvāja über die Schöpfung: Zuerst entsteht das Wasser, aus ihm der Wind, aus dem Zusammenstoß beider das Feuer, und aus verdichteter Feuchtigkeit die Erde.
bharadvāja uvāca; prajāvisargaṃ vividhaṃ kathaṃ sa sṛjate prabhuḥ; merumadhye sthito brahmā tad brūhi dvijasattama
Bharadvāja sprach: „Wie erschafft jener Herr die vielfältige Entlassung der Geschöpfe? Brahmā weilt inmitten des Meru; das sage mir, Bester der Zweimalgeborenen.“
Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach (Nom.; Perf. 3.Sg.)
prajāvisargaṃ vividhaṃ
die vielfältige Entlassung/Schöpfung der Geschöpfe (Akk.Sg.)
kathaṃ sa sṛjate prabhuḥ
wie erschafft er, der Herr (Präs. Med. 3.Sg.; Nom.)
merumadhye sthito brahmā
inmitten des Meru weilend, Brahmā (Lok.; Part.Perf.Pass. als Nom.)
tad brūhi dvijasattama
das sage (Imp. 2.Sg.), Bester der Zweimalgeborenen (Vok.)
Bhṛgu sprach: „Die vielfältige Entlassung der Geschöpfe schuf der Geistgeborene durch den Geist. Zur Belebung der Wesen wurde zuerst das Wasser geschaffen.“
Wort für Wort
bhṛgur uvāca
Bhṛgu sprach (Nom.; Perf.)
prajāvisargaṃ vividhaṃ
die vielfältige Entlassung der Geschöpfe (Akk.Sg.)
mānaso manasāsṛjat
der Geistgeborene durch den Geist schuf (Nom.; Instr.; Impf. 3.Sg.)
saṃdhukṣaṇārthaṃ bhūtānāṃ
zur Belebung der Wesen (Adv./Akk.; Gen.Pl.)
sṛṣṭaṃ prathamato jalam
wurde geschaffen, zuerst, das Wasser (Part.Pass. n.; Adv.; Nom.)
saṃdhukṣaṇa (‚Anfachen, Beleben‘) hier als Belebung/Nährung gedeutet.
yat prāṇāḥ sarvabhūtānāṃ vardhante yena ca prajāḥ; parityaktāś ca naśyanti tenedaṃ sarvam āvṛtam
„Wodurch die Lebenshauche aller Wesen wachsen und wodurch die Geschöpfe [gedeihen], und wenn sie davon verlassen sind, zugrunde gehen – von diesem ist dies alles umhüllt.“
Wort für Wort
yat prāṇāḥ sarvabhūtānāṃ
wodurch die Lebenshauche aller Wesen (Nom.Pl.; Gen.Pl.)
vardhante yena ca prajāḥ
wachsen (Präs. Med. 3.Pl.), und wodurch die Geschöpfe (Instr.; Nom.Pl.)
parityaktāś ca naśyanti
und verlassen [davon] gehen sie zugrunde (Part.Pass. Nom.Pl.; Präs. 3.Pl.)
tenedaṃ sarvam āvṛtam
von diesem ist dies alles umhüllt (Instr.; Nom.; Part.Pass.)
Bhṛgu sprach: „Einst, Brahmane, im Brahma-Weltalter, bei einer Versammlung von Brahmanen-Sehern, entstand bei den Hochgesinnten ein Zweifel über die Entstehung der Welt.“
Wort für Wort
bhṛgur uvāca
Bhṛgu sprach (Perf.)
brahmakalpe purā brahman
im Brahma-Kalpa, einst, Brahmane (Lok.; Adv.; Vok.)
brahmarṣīṇāṃ samāgame
bei der Versammlung der Brahmanen-Seher (Gen.Pl.; Lok.)
lokasaṃbhavasaṃdehaḥ
Zweifel über die Entstehung der Welt (Nom.; Tatpuruṣa)
samutpanno mahātmanām
entstand, bei den Hochgesinnten (Part.Pass.; Gen.Pl.)
brahmakalpe: ‚im Brahma-Weltalter‘, wörtlich etwa ‚in der [Welt-]Ordnung/Periode Brahmās‘ [?].
Sie verharrten, in Meditation versenkt, Schweigen haltend, unbewegt, ohne Nahrung, nur vom Wind lebend, ein göttliches Jahrhundert lang, die Zweimalgeborenen.
Wort für Wort
te 'tiṣṭhan
sie verharrten (Impf. 3.Pl.)
dhyānam ālambya
Meditation ergreifend/sich in sie versenkend (Akk.; Abs.)
maunam āsthāya niścalāḥ
Schweigen annehmend, unbewegt (Abs.; Nom.Pl.)
tyaktāhārāḥ pavanapāḥ
die Nahrung aufgegeben habend, Wind trinkend (Nom.Pl.)
divyaṃ varṣaśataṃ dvijāḥ
ein göttliches Jahrhundert, die Zweimalgeborenen (Akk. der Dauer; Nom.Pl.)
„so bricht der Wind, wenn am Rand des Himmelsraums [alles] lückenlos vom Wasser eingeschlossen ist, den Grund des Ozeans aufspaltend, brausend hervor.“
Wort für Wort
tathā salilasaṃruddhe
so, wenn vom Wasser eingeschlossen (Adv.; Lok. absolut)
nabhaso 'nte nirantare
am Ende/Rand des Himmelsraums, lückenlos (Gen.; Lok.; Adj.)
bhittvārṇavatalaṃ vāyuḥ
den Grund des Ozeans spaltend, der Wind (Abs.; Akk.; Nom.)
„Bei diesem Aufeinanderprallen von Wind und Wasser tritt [Agni], von leuchtender Glut und gewaltiger Kraft, mit aufwärts gerichteter Flamme hervor und macht den Himmelsraum frei von Finsternis.“
Wort für Wort
tasmin vāyvambusaṃgharṣe
bei diesem Aufeinanderreiben von Wind und Wasser (Lok.)
dīptatejā mahābalaḥ
von leuchtender Glut, sehr stark (Nom.)
prādurbhavaty ūrdhvaśikhaḥ
tritt hervor, mit aufwärts gerichteter Flamme (Präs. 3.Sg.; Nom.)
kṛtvā vitimiraṃ nabhaḥ
den Himmel finsternisfrei machend (Abs.; Akk.)
Das Subjekt Agni wird erst im folgenden Vers genannt.