Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 288: haṃsasādhyasaṃvāda Das Gespräch des Schwans mit den Sādhyas über Wahrheit, Selbstbezwingung und Nachsicht

Bhīṣma erzählt Yudhiṣṭhira die Lehrerzählung, in der Prajāpati als goldener Schwan den Sādhyas den Weg zur Erlösung durch Nachsicht, Wahrhaftigkeit und Bezähmung von Rede und Trieben weist.

yudhiṣṭhira uvāca; satyaṃ kṣamāṃ damaṃ prajñāṃ praśaṃsanti pitāmaha; vidvāṃso manujā loke katham etan mataṃ tava

Yudhiṣṭhira sprach: „Wahrheit, Nachsicht, Selbstbezwingung und Einsicht rühmen, Großvater, die Weisen unter den Menschen in der Welt; wie verhält es sich damit nach deiner Auffassung?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
satyaṃ kṣamāṃ damaṃ prajñāṃ
Wahrheit, Nachsicht, Selbstbezwingung, Einsicht (Akk.Sg.)
praśaṃsanti pitāmaha
sie rühmen, Großvater (3.Pl.Präs./Vok.)
vidvāṃso manujā loke
die Weisen, Menschen, in der Welt (Nom.Pl./Lok.)
katham etan mataṃ tava
wie [steht] dies, deine Ansicht (Adv./Nom.n./Gen.)

bhīṣma uvāca; atra te vartayiṣye 'ham itihāsaṃ purātanam; sādhyānām iha saṃvādaṃ haṃsasya ca yudhiṣṭhira

Bhīṣma sprach: „Dazu will ich dir eine uralte Geschichte erzählen: das Gespräch der Sādhyas und des Schwans, Yudhiṣṭhira.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
atra te vartayiṣye 'ham
hierzu dir werde ich erzählen (Lok.-Adv./Dat./1.Sg.Fut.Kaus.)
itihāsaṃ purātanam
eine Geschichte, uralte (Akk.Sg.n.)
sādhyānām iha saṃvādaṃ
der Sādhyas hier das Gespräch (Gen.Pl./Akk.Sg.)
haṃsasya ca yudhiṣṭhira
und des Schwans, Yudhiṣṭhira (Gen.Sg./Vok.)

haṃso bhūtvātha sauvarṇas tv ajo nityaḥ prajāpatiḥ; sa vai paryeti lokāṃs trīn atha sādhyān upāgamat

Zu einem goldenen Schwan geworden – der Ungeborene, Ewige, Prajāpati –, durchwandert er die drei Welten; dann kam er zu den Sādhyas.

Wort für Wort
haṃso bhūtvātha sauvarṇas
ein Schwan geworden, dann, goldener (Nom./Abs./Nom.)
tv ajo nityaḥ prajāpatiḥ
der Ungeborene, Ewige, Prajāpati (Nom.Sg.)
sa vai paryeti lokāṃs trīn
er durchwandert wahrlich die drei Welten (3.Sg.Präs./Akk.Pl.)
atha sādhyān upāgamat
dann zu den Sādhyas kam er (Akk.Pl./3.Sg.Aor.)

sādhyā ūcuḥ; śakune vayaṃ sma devā vai sādhyās tvām anuyujmahe; pṛcchāmas tvāṃ mokṣadharmaṃ bhavāṃś ca kila mokṣavit

Die Sādhyas sprachen: „Vogel, wir sind Götter, die Sādhyas; wir befragen dich. Wir fragen dich nach der Lehre von der Erlösung, und du bist, wie es heißt, ein Kenner der Erlösung.“

Wort für Wort
sādhyā ūcuḥ
die Sādhyas sprachen (Perf. 3.Pl.)
śakune vayaṃ sma devā vai sādhyās
Vogel, wir sind Götter, wahrlich, die Sādhyas (Vok./1.Pl.Präs./Nom.Pl.)
tvām anuyujmahe
dich befragen wir (Akk./1.Pl.Med.)
pṛcchāmas tvāṃ mokṣadharmaṃ
wir fragen dich [nach] der Erlösungslehre (1.Pl./Akk.Sg.)
bhavāṃś ca kila mokṣavit
und du bist, wie es heißt, ein Erlösungskenner (Nom.Sg.)

śruto 'si naḥ paṇḍito dhīravādī; sādhuśabdaḥ patate te patatrin; kiṃ manyase śreṣṭhatamaṃ dvija tvaṃ; kasmin manas te ramate mahātman

„Wir haben von dir gehört: Du bist gelehrt und redest als Standhafter; der Ruf ‚Vortrefflich!‘ ergeht von dir, Geflügelter. Was hältst du, Zweimalgeborener, für das Allerhöchste? An was hat dein Geist, Großgesinnter, Gefallen?“

Wort für Wort
śruto 'si naḥ paṇḍito dhīravādī
gehört bist du von uns, gelehrt, standhaft redend (Part./2.Sg./Nom.)
sādhuśabdaḥ patate te patatrin
der Ruf des Guten ergeht von dir, Geflügelter (Nom./3.Sg.Med./Gen./Vok.)
kiṃ manyase śreṣṭhatamaṃ dvija tvaṃ
was hältst du für das Höchste, Zweimalgeborener (Akk./2.Sg./Vok.)
kasmin manas te ramate mahātman
woran dein Geist Gefallen findet, Großgesinnter (Lok./Nom./Gen./3.Sg./Vok.)

tan naḥ kāryaṃ pakṣivara praśādhi; yat kāryāṇāṃ manyase śreṣṭham ekam; yat kṛtvā vai puruṣaḥ sarvabandhair; vimucyate vihagendreha śīghram

„Darum belehre uns, Bester der Vögel, über die eine Pflicht, die du unter allen Pflichten für die höchste hältst, durch deren Vollzug der Mensch, Herr der Vögel, hier rasch von allen Fesseln befreit wird.“

Wort für Wort
tan naḥ kāryaṃ pakṣivara praśādhi
darum uns die Pflicht, Bester der Vögel, belehre (Akk./Vok./Imp.)
yat kāryāṇāṃ manyase śreṣṭham ekam
die du unter den Pflichten für die höchste, eine, hältst (Gen.Pl./2.Sg.)
yat kṛtvā vai puruṣaḥ
nach deren Ausführung der Mensch (Abs./Nom.)
sarvabandhair vimucyate
von allen Fesseln wird befreit (Instr./Pass.3.Sg.)
vihagendreha śīghram
Herr der Vögel, hier rasch (Vok./Adv.)

haṃsa uvāca; idaṃ kāryam amṛtāśāḥ śṛṇomi; tapo damaḥ satyam ātmābhiguptiḥ; granthīn vimucya hṛdayasya sarvān; priyāpriye svaṃ vaśam ānayīta

Der Schwan sprach: „Dies ist die Pflicht, die ich, ihr nach Unsterblichkeit Verlangenden, verkünde: Askese, Selbstbezwingung, Wahrhaftigkeit, Selbstbewahrung. Hat man alle Knoten des Herzens gelöst, so soll man Liebes und Unliebes in die eigene Gewalt bringen.“

Wort für Wort
haṃsa uvāca
der Schwan sprach
idaṃ kāryam amṛtāśāḥ śṛṇomi
dies [ist] die Pflicht, ihr Unsterblichkeit Erhoffenden, ich vernehme [?] (Nom.n./Vok.Pl./1.Sg.Präs.)
tapo damaḥ satyam ātmābhiguptiḥ
Askese, Selbstbezwingung, Wahrheit, Selbstbewahrung (Nom.Sg.)
granthīn vimucya hṛdayasya sarvān
alle Knoten des Herzens gelöst habend (Akk.Pl./Abs./Gen./Akk.Pl.)
priyāpriye svaṃ vaśam ānayīta
Liebes und Unliebes in die eigene Gewalt bringen soll er (Akk.Du./Akk./3.Sg.Opt.)

Wörtlich „ich höre“ (śṛṇomi) statt „ich verkünde“; die Lesart „ich höre“ ist sinnwidrig für den Sprecher, daher als 'vernehmen lassen/verkünden' gedeutet [?]. amṛtāśāḥ: „deren Hoffnung die Unsterblichkeit ist“ (oder „Nektaresser“).

nāruṃtudaḥ syān na nṛśaṃsavādī; na hīnataḥ param abhyādadīta; yayāsya vācā para udvijeta; na tāṃ vaded ruśatīṃ pāpalokyām

Man soll nicht quälend sein und nicht grausam reden; man soll nicht durch Niedriges einen anderen [an sich ziehen] [?]. Durch welche Rede ein anderer in Unruhe gerät, diese harte, zur Welt der Sünde führende Rede soll man nicht sprechen.

Wort für Wort
nāruṃtudaḥ syān na nṛśaṃsavādī
nicht schmerzzufügend sei er, nicht grausam redend (Nom./3.Sg.Opt.)
na hīnataḥ param abhyādadīta
nicht durch Niedriges einen anderen angehen/an sich nehmen [?] (Abl.-Adv./Akk./3.Sg.Opt.Med.)
yayāsya vācā para udvijeta
durch welche Rede des anderen Unruhe... ein anderer erschrickt (Instr./Nom./3.Sg.Opt.)
na tāṃ vaded ruśatīṃ pāpalokyām
nicht sie soll er sprechen, die harte, zur Sündenwelt gehörige (Akk.Sg.f.)

abhyādadīta unsicher: „nicht soll man von einem Niedrigeren einen anderen angehen/an sich bringen“; Bedeutung von hīnataḥ param unklar.

vāksāyakā vadanān niṣpatanti; yair āhataḥ śocati rātryahāni; parasya nāmarmasu te patanti; tān paṇḍito nāvasṛjet pareṣu

Aus dem Mund fahren Pfeile der Rede hervor; von ihnen getroffen, grämt man sich Tag und Nacht. Sie fallen [bei einem anderen] nicht auf Unverwundbares [d. h. sie treffen die verwundbaren Stellen]; diese soll der Weise nicht auf andere entlassen.

Wort für Wort
vāksāyakā vadanān niṣpatanti
Pfeile der Rede fliegen aus dem Mund (Nom.Pl./Abl./3.Pl.)
yair āhataḥ śocati rātryahāni
von denen getroffen trauert er Nächte und Tage (Instr.Pl./Part./3.Sg./Akk.Pl.)
parasya nāmarmasu te patanti
beim anderen nicht auf Nicht-Verwundbares fallen sie (Gen./Lok.Pl./3.Pl.)
tān paṇḍito nāvasṛjet pareṣu
sie soll der Weise nicht loslassen auf andere (Akk.Pl./Nom./3.Sg.Opt./Lok.Pl.)

paraś ced enam ativādabāṇair; bhṛśaṃ vidhyec chama eveha kāryaḥ; saṃroṣyamāṇaḥ pratimṛṣyate yaḥ; sa ādatte sukṛtaṃ vai parasya

Wenn ein anderer ihn heftig mit Pfeilen der Schmährede durchbohrt, soll man hier nur Ruhe bewahren; wer, in Zorn versetzt, verzeiht, der nimmt das Verdienst des anderen an sich.

Wort für Wort
paraś ced enam ativādabāṇair
wenn ein anderer ihn mit Schmähreden-Pfeilen (Nom./Part./Akk./Instr.Pl.)
bhṛśaṃ vidhyec chama eveha kāryaḥ
heftig durchbohrt, [dann] ist nur Ruhe hier zu üben (Adv./3.Sg.Opt./Nom./Gerundiv)
saṃroṣyamāṇaḥ pratimṛṣyate yaḥ
wer, erzürnt, verzeiht (Part.Pass./3.Sg.Med./Nom.)
sa ādatte sukṛtaṃ vai parasya
der nimmt das Verdienst des anderen an sich (3.Sg.Med./Akk./Gen.)

kṣepābhimānād abhiṣaṅgavyalīkaṃ; nigṛhṇāti jvalitaṃ yaś ca manyum; aduṣṭacetā mudito 'nasūyuḥ; sa ādatte sukṛtaṃ vai pareṣām

Wer die aus Kränkung und Dünkel erwachsene Verletzung durch Anfeindung und den aufflammenden Zorn zügelt, mit unverdorbenem Sinn, heiter und frei von Missgunst, der nimmt das Verdienst der anderen an sich.

Wort für Wort
kṣepābhimānād abhiṣaṅgavyalīkaṃ
aus Kränkung und Dünkel die Verletzung durch Anfeindung [?] (Abl./Akk.)
nigṛhṇāti jvalitaṃ yaś ca manyum
zügelt den aufflammenden Zorn, wer (3.Sg./Part./Akk.)
aduṣṭacetā mudito 'nasūyuḥ
unverdorbenen Sinnes, heiter, ohne Missgunst (Nom.Sg.)
sa ādatte sukṛtaṃ vai pareṣām
der nimmt das Verdienst der anderen an sich (3.Sg.Med./Akk./Gen.Pl.)

kṣepābhimānād abhiṣaṅgavyalīkaṃ: Deutung unsicher [?].

ākruśyamāno na vadāmi kiṃ cit; kṣamāmy ahaṃ tāḍyamānaś ca nityam; śreṣṭhaṃ hy etat kṣamam apy āhur āryāḥ; satyaṃ tathaivārjavam ānṛśaṃsyam

„Beschimpft, sage ich nichts; auch geschlagen, verzeihe ich stets. Als das Beste gilt dies, sagen die Edlen: Nachsicht, ebenso Wahrheit, Redlichkeit, Nichtgrausamkeit.“

Wort für Wort
ākruśyamāno na vadāmi kiṃ cit
beschimpft sage ich nichts (Part.Pass./1.Sg.)
kṣamāmy ahaṃ tāḍyamānaś ca nityam
ich verzeihe, und geschlagen, stets (1.Sg./Part.Pass./Adv.)
śreṣṭhaṃ hy etat kṣamam apy āhur āryāḥ
als das Beste, denn, [gilt] diese Nachsicht, sagen die Edlen (Nom.n./3.Pl.Perf./Nom.Pl.)
satyaṃ tathaivārjavam ānṛśaṃsyam
Wahrheit, ebenso Redlichkeit, Nichtgrausamkeit (Nom.n.)

vedasyopaniṣat satyaṃ satyasyopaniṣad damaḥ; damasyopaniṣan mokṣa etat sarvānuśāsanam

Der Kern (die Geheimlehre) des Veda ist die Wahrheit, der Kern der Wahrheit die Selbstbezwingung, der Kern der Selbstbezwingung die Erlösung; dies ist die gesamte Unterweisung.

Wort für Wort
vedasyopaniṣat satyaṃ
des Veda Geheimlehre [ist] die Wahrheit (Gen./Nom./Nom.)
satyasyopaniṣad damaḥ
der Wahrheit Geheimlehre [ist] die Selbstbezwingung (Gen./Nom.)
damasyopaniṣan mokṣa
der Selbstbezwingung Geheimlehre [ist] die Erlösung (Gen./Nom.)
etat sarvānuśāsanam
dies [ist] die gesamte Unterweisung (Nom.n.)

vāco vegaṃ manasaḥ krodhavegaṃ; vivitsāvegam udaropasthavegam; etān vegān yo viṣahaty udīrṇāṃs; taṃ manye 'haṃ brāhmaṇaṃ vai muniṃ ca

Den Drang der Rede, den Drang des Zorns, den Drang des Begehrens, den Drang von Bauch und Zeugungsglied: wer diese aufwallenden Triebe erträgt, den halte ich für einen Brahmanen und Weisen.

Wort für Wort
vāco vegaṃ manasaḥ krodhavegaṃ
den Drang der Rede, den Zornesdrang des Geistes (Gen./Akk./Gen./Akk.)
vivitsāvegam udaropasthavegam
den Drang des Begehrens, den Drang von Bauch und Zeugungsglied (Akk.)
etān vegān yo viṣahaty udīrṇāṃs
diese Triebe, wer erträgt, die aufgewallten (Akk.Pl./3.Sg./Part.Akk.Pl.)
taṃ manye 'haṃ brāhmaṇaṃ vai muniṃ ca
den halte ich für einen Brahmanen und Weisen (Akk./1.Sg.)

vivitsā: „Erlangenwollen/Wissbegier“ [?].

akrodhanaḥ krudhyatāṃ vai viśiṣṭas; tathā titikṣur atitikṣor viśiṣṭaḥ; amānuṣān mānuṣo vai viśiṣṭas; tathājñānāj jñānavān vai pradhānaḥ

Unter den Zürnenden ist der Nichtzürnende der Vorzüglichere; ebenso der Duldsame gegenüber dem Nichtduldsamen; unter den Nichtmenschlichen [ist] der Mensch der Vorzüglichere, und gegenüber dem Unwissen hat der Wissende den Vorrang.

Wort für Wort
akrodhanaḥ krudhyatāṃ vai viśiṣṭas
der Nichtzürnende ist unter Zürnenden der Vorzüglichere (Nom./Gen.Pl.Part./Nom.)
tathā titikṣur atitikṣor viśiṣṭaḥ
ebenso der Duldsame gegenüber dem Nichtduldsamen vorzüglicher (Nom./Abl.)
amānuṣān mānuṣo vai viśiṣṭas
gegenüber Nichtmenschlichem der Mensch vorzüglicher (Abl.Pl./Nom.)
tathājñānāj jñānavān vai pradhānaḥ
ebenso gegenüber Unwissen der Wissende vorrangig (Abl./Nom.)

ākruśyamāno nākrośen manyur eva titikṣataḥ; ākroṣṭāraṃ nirdahati sukṛtaṃ cāsya vindati

Beschimpft, soll man nicht zurückschimpfen; der Zorn des Duldenden verbrennt den Beschimpfer und er gewinnt dessen Verdienst.

Wort für Wort
ākruśyamāno nākrośet
beschimpft soll er nicht schimpfen (Part.Pass./3.Sg.Opt.)
manyur eva titikṣataḥ
der Zorn eben des Duldenden (Nom./Gen.Part.)
ākroṣṭāraṃ nirdahati
den Beschimpfer verbrennt er (Akk./3.Sg.)
sukṛtaṃ cāsya vindati
und dessen Verdienst gewinnt er (Akk./Gen./3.Sg.)

yo nātyuktaḥ prāha rūkṣaṃ priyaṃ vā; yo vā hato na pratihanti dhairyāt; pāpaṃ ca yo necchati tasya hantus; tasmai devāḥ spṛhayante sadaiva

Wer, maßlos angeredet, nichts Rauhes oder Liebes erwidert [?], wer, geschlagen, aus Standhaftigkeit nicht zurückschlägt und dem Schlagenden nichts Übles wünscht – nach dem sehnen sich die Götter stets.

Wort für Wort
yo nātyuktaḥ prāha rūkṣaṃ priyaṃ vā
wer, nicht/über-angeredet, Rauhes oder Liebes spricht [?] (Nom./Part./3.Sg.Perf./Akk.)
yo vā hato na pratihanti dhairyāt
oder wer, geschlagen, nicht zurückschlägt aus Standhaftigkeit (Part./3.Sg./Abl.)
pāpaṃ ca yo necchati tasya hantus
und wer Übles dem Schlagenden nicht wünscht (Akk./3.Sg./Gen.)
tasmai devāḥ spṛhayante sadaiva
nach dem sehnen sich die Götter stets (Dat./Nom.Pl./3.Pl./Adv.)

yo nātyuktaḥ: Deutung unsicher.

pāpīyasaḥ kṣametaiva śreyasaḥ sadṛśasya ca; vimānito hato ''kruṣṭa evaṃ siddhiṃ gamiṣyati

Dem Schlechteren soll man verzeihen, ebenso dem Besseren und dem Gleichen; missachtet, geschlagen, beschimpft, wird man auf diese Weise Vollendung erlangen.

Wort für Wort
pāpīyasaḥ kṣametaiva
dem Schlechteren soll er verzeihen (Dat./Gen.-Kasus/3.Sg.Opt.)
śreyasaḥ sadṛśasya ca
dem Besseren und dem Gleichen (Gen./Dat.-Kasus)
vimānito hato 'kruṣṭa
missachtet, geschlagen, beschimpft (Part.Nom.)
evaṃ siddhiṃ gamiṣyati
so wird er Vollendung erlangen (Adv./Akk./3.Sg.Fut.)

sadāham āryān nibhṛto 'py upāse; na me vivitsā na ca me 'sti roṣaḥ; na cāpy ahaṃ lipsamānaḥ paraimi; na caiva kiṃ cid viṣameṇa yāmi

„Stets warte ich demütig den Edlen auf; in mir ist weder Streit- noch Begehrlichkeit, noch Groll; nicht gehe ich erstrebend zu anderen, und nirgends gehe ich auf krummen Wegen.“

Wort für Wort
sadāham āryān nibhṛto 'py upāse
stets warte ich den Edlen auf, demütig (Adv./Akk.Pl./Nom./1.Sg.Med.)
na me vivitsā na ca me 'sti roṣaḥ
nicht ist mir Begehrlichkeit, nicht ist mir Groll (Nom./3.Sg./Nom.)
na cāpy ahaṃ lipsamānaḥ paraimi
und nicht gehe ich, [etwas] erstrebend, zu anderen [?] (Part./1.Sg.)
na caiva kiṃ cid viṣameṇa yāmi
und keineswegs gehe ich auf ungerader Weise irgendwo (Instr./1.Sg.)

paraimi [?]: „ich gehe zu anderen/weg“.

nāhaṃ śaptaḥ pratiśapāmi kiṃ cid; damaṃ dvāraṃ hy amṛtasyeha vedmi; guhyaṃ brahma tad idaṃ vo bravīmi; na mānuṣāc chreṣṭhataraṃ hi kiṃ cit

„Verflucht, verfluche ich nicht zurück; die Selbstbezwingung kenne ich als das Tor zur Unsterblichkeit hier. Dieses geheime Brahman verkünde ich euch: Nichts ist höher als der Mensch.“

Wort für Wort
nāhaṃ śaptaḥ pratiśapāmi kiṃ cid
nicht ich, verflucht, verfluche zurück irgendetwas (Part./1.Sg.)
damaṃ dvāraṃ hy amṛtasyeha vedmi
die Selbstbezwingung als Tor der Unsterblichkeit hier kenne ich (Akk./Akk./Gen./1.Sg.)
guhyaṃ brahma tad idaṃ vo bravīmi
dieses geheime Brahman sage ich euch (Akk.n./Dat.Pl./1.Sg.)
na mānuṣāc chreṣṭhataraṃ hi kiṃ cit
nichts ist ja höher als der Mensch (Abl./Komp.)

vimucyamānaḥ pāpebhyo dhanebhya iva candramāḥ; virajāḥ kālam ākāṅkṣan dhīro dhairyeṇa sidhyati

Von Sünden befreit wie der Mond von den Wolken [?], staubfrei, die [rechte] Zeit erwartend, wird der Standhafte durch Standhaftigkeit vollendet.

Wort für Wort
vimucyamānaḥ pāpebhyo
befreit werdend von Sünden (Part.Pass./Abl.Pl.)
dhanebhya iva candramāḥ
wie der Mond von den Wolken [?] (Abl.Pl./Nom.)
virajāḥ kālam ākāṅkṣan
staubfrei die Zeit erwartend (Nom./Akk./Part.)
dhīro dhairyeṇa sidhyati
der Standhafte durch Standhaftigkeit gelangt zur Vollendung (Nom./Instr./3.Sg.)

dhanebhyaḥ „von Reichtümern“ überliefert; vermutlich ghanebhyaḥ „von Wolken“ [?].

yaḥ sarveṣāṃ bhavati hy arcanīya; utsecane stambha ivābhijātaḥ; yasmai vācaṃ supraśastāṃ vadanti; sa vai devān gacchati saṃyatātmā

Wer von allen verehrungswürdig ist, edel [gewachsen] wie ein Pfosten beim Schöpfen [?], zu dem man Rede höchsten Lobes spricht – der geht, selbstgezügelt, zu den Göttern.

Wort für Wort
yaḥ sarveṣāṃ bhavati hy arcanīya
wer für alle verehrungswürdig ist (Nom./Gen.Pl./3.Sg./Gerundiv)
utsecane stambha ivābhijātaḥ
wie ein Pfosten beim Aufgießen/Schöpfen [?], edelgeboren (Lok./Nom./Part.)
yasmai vācaṃ supraśastāṃ vadanti
zu dem man Rede höchsten Lobes spricht (Dat./Akk./3.Pl.)
sa vai devān gacchati saṃyatātmā
der geht zu den Göttern, selbstgezügelt (Akk.Pl./3.Sg./Nom.)

utsecane stambha iva: unsicher [?].

na tathā vaktum icchanti kalyāṇān puruṣe guṇān; yathaiṣāṃ vaktum icchanti nairguṇyam anuyuñjakāḥ

Man will an einem Menschen nicht so gern die guten Eigenschaften nennen, wie die Nachforschenden [seine] Eigenschaftslosigkeit [Fehler] nennen wollen.

Wort für Wort
na tathā vaktum icchanti
nicht so wollen sie sagen (Inf./3.Pl.)
kalyāṇān puruṣe guṇān
die guten Eigenschaften am Menschen (Akk.Pl./Lok.)
yathaiṣāṃ vaktum icchanti
wie von diesen sie sagen wollen (Gen.Pl./Inf./3.Pl.)
nairguṇyam anuyuñjakāḥ
die Eigenschaftslosigkeit die Nachforschenden (Akk./Nom.Pl.)

yasya vāṅmanasī gupte samyak praṇihite sadā; vedās tapaś ca tyāgaś ca sa idaṃ sarvam āpnuyāt

Wessen Rede und Geist stets recht gezügelt sind, [bei dem sind] Veden, Askese und Entsagung; der erlangt dies alles.

Wort für Wort
yasya vāṅmanasī gupte
wessen Rede und Geist bewahrt sind (Gen./Nom.Du./Part.)
samyak praṇihite sadā
recht gerichtet, stets (Adv./Part.Du./Adv.)
vedās tapaś ca tyāgaś ca
Veden, Askese und Entsagung (Nom.)
sa idaṃ sarvam āpnuyāt
der möge dies alles erlangen (Nom./Akk./3.Sg.Opt.)

ākrośanāvamānābhyām abudhād vardhate budhaḥ; tasmān na vardhayed anyaṃ na cātmānaṃ vihiṃsayet

Durch Beschimpfung und Missachtung wächst der Weise gegenüber dem Nichtweisen; darum soll man keinen anderen [dazu] mehren und sich selbst nicht verletzen.

Wort für Wort
ākrośanāvamānābhyām
durch Beschimpfung und Missachtung (Instr.Du.)
abudhād vardhate budhaḥ
gegenüber dem Nichtweisen wächst der Weise [?] (Abl./3.Sg.Med./Nom.)
tasmān na vardhayed anyaṃ
darum soll er nicht mehren einen anderen (Abl.-Adv./3.Sg.Opt.Kaus./Akk.)
na cātmānaṃ vihiṃsayet
und nicht sich selbst verletzen (Akk./3.Sg.Opt.)

abudhād vardhate: Deutung unsicher [?].

amṛtasyeva saṃtṛpyed avamānasya vai dvijaḥ; sukhaṃ hy avamataḥ śete yo 'vamantā sa naśyati

Wie an Nektar soll sich der Zweimalgeborene an Missachtung sättigen; denn der Missachtete schläft glücklich, wer aber missachtet, geht zugrunde.

Wort für Wort
amṛtasyeva saṃtṛpyed
wie an Nektar soll er sich sättigen (Gen./3.Sg.Opt.)
avamānasya vai dvijaḥ
an Missachtung, wahrlich, der Zweimalgeborene (Gen./Nom.)
sukhaṃ hy avamataḥ śete
glücklich nämlich schläft der Missachtete (Adv./Part./3.Sg.)
yo 'vamantā sa naśyati
wer aber missachtet, der geht zugrunde (Nom.Ag./3.Sg.)

yat krodhano yajate yad dadāti; yad vā tapas tapyati yaj juhoti; vaivasvatas tad dharate 'sya sarvaṃ; moghaḥ śramo bhavati krodhanasya

Was der Zornige opfert, was er gibt, was er an Askese übt, was er ins Feuer opfert – dies alles nimmt ihm Vaivasvata [Yama] weg; vergeblich ist die Mühe des Zornigen.

Wort für Wort
yat krodhano yajate yad dadāti
was der Zornige opfert, was er gibt (Nom./3.Sg.Med./3.Sg.)
yad vā tapas tapyati yaj juhoti
oder was er an Askese übt, was er ins Feuer opfert (Akk./3.Sg./3.Sg.)
vaivasvatas tad dharate 'sya sarvaṃ
Vaivasvata nimmt ihm dies alles weg (Nom./3.Sg.Med./Gen.)
moghaḥ śramo bhavati krodhanasya
vergeblich wird die Mühe des Zornigen (Nom./3.Sg./Gen.)

catvāri yasya dvārāṇi suguptāny amarottamāḥ; upastham udaraṃ hastau vāk caturthī sa dharmavit

Vier Tore hat, wessen [Tore] gut bewacht sind, ihr Besten der Unsterblichen: Zeugungsglied, Bauch, Hände und, als viertes, die Rede – der ist ein Kenner des Dharma.

Wort für Wort
catvāri yasya dvārāṇi suguptāny
vier, wessen Tore gut bewacht sind (Nom.n./Gen./Nom.Pl.)
amarottamāḥ
ihr Besten der Unsterblichen (Vok.Pl.)
upastham udaraṃ hastau
Zeugungsglied, Bauch, Hände (Nom.)
vāk caturthī sa dharmavit
die Rede als vierte, der ist Dharma-Kenner (Nom.)

satyaṃ damaṃ hy ārjavam ānṛśaṃsyaṃ; dhṛtiṃ titikṣām abhisevamānaḥ; svādhyāyanityo 'spṛhayan pareṣām; ekāntaśīly ūrdhvagatir bhavet saḥ

Wer Wahrheit, Selbstbezwingung, Redlichkeit, Nichtgrausamkeit, Festigkeit und Duldsamkeit übt, stets im Selbststudium, ohne Begehren nach dem Besitz der anderen, der Einsamkeit zugetan – der wird einen Weg nach oben gehen.

Wort für Wort
satyaṃ damaṃ hy ārjavam ānṛśaṃsyaṃ
Wahrheit, Selbstbezwingung, Redlichkeit, Nichtgrausamkeit (Akk.)
dhṛtiṃ titikṣām abhisevamānaḥ
Festigkeit, Duldsamkeit pflegend (Akk./Part.Med.)
svādhyāyanityo 'spṛhayan pareṣām
stets im Selbststudium, nicht begehrend nach [dem Besitz] anderer (Nom./Part./Gen.Pl.)
ekāntaśīlī ūrdhvagatir bhavet saḥ
der Einsamkeit zugetan, ein nach oben Gehender möge der sein (Nom./3.Sg.Opt.)

sarvān etān anucaran vatsavac caturaḥ stanān; na pāvanatamaṃ kiṃ cit satyād adhyagamaṃ kva cit

Diesen allen folgend, wie ein Kalb den vier Zitzen, habe ich nirgends etwas Reinigenderes gefunden als die Wahrheit.

Wort für Wort
sarvān etān anucaran
allen diesen folgend (Akk.Pl./Part.)
vatsavac caturaḥ stanān
wie ein Kalb vier Zitzen (Adv./Akk.Pl.)
na pāvanatamaṃ kiṃ cit
nichts Reinigenderes (Akk.n.)
satyād adhyagamaṃ kva cit
als die Wahrheit fand ich irgendwo (Abl./1.Sg.Aor.)

ācakṣe 'haṃ manuṣyebhyo devebhyaḥ pratisaṃcaran; satyaṃ svargasya sopānaṃ pārāvārasya naur iva

Ich verkünde es den Menschen, unter den Göttern hin- und herwandelnd: Die Wahrheit ist die Treppe zum Himmel, wie ein Schiff für [die Überfahrt über] das Meer mit seinen beiden Ufern.

Wort für Wort
ācakṣe 'haṃ manuṣyebhyo
ich verkünde den Menschen (1.Sg.Med./Dat.Pl.)
devebhyaḥ pratisaṃcaran
unter den Göttern hin- und herwandelnd (Dat./Abl.-Adv./Part.)
satyaṃ svargasya sopānaṃ
die Wahrheit [ist] die Treppe zum Himmel (Nom./Gen./Nom.)
pārāvārasya naur iva
wie ein Schiff des Meeres (Gen./Nom./Part.)

yādṛśaiḥ saṃnivasati yādṛśāṃś copasevate; yādṛg icchec ca bhavituṃ tādṛg bhavati pūruṣaḥ

Mit wem [ein Mensch] zusammenlebt, wem er dient, wie er zu sein wünscht – so wird der Mensch.

Wort für Wort
yādṛśaiḥ saṃnivasati
mit welcherlei er zusammenlebt (Instr.Pl./3.Sg.)
yādṛśāṃś copasevate
und welchen er dient (Akk.Pl./3.Sg.Med.)
yādṛg icchec ca bhavituṃ
und wie er wünscht zu sein (3.Sg.Opt./Inf.)
tādṛg bhavati pūruṣaḥ
so wird der Mensch (Adv./3.Sg./Nom.)

yadi santaṃ sevate yady asantaṃ; tapasvinaṃ yadi vā stenam eva; vāso yathā raṅgavaśaṃ prayāti; tathā sa teṣāṃ vaśam abhyupaiti

Ob er einem Guten dient oder einem Schlechten, einem Asketen oder gar einem Dieb – wie ein Gewand sich der Farbe fügt, so gerät er in deren Gewalt.

Wort für Wort
yadi santaṃ sevate yady asantaṃ
ob er einem Guten dient oder einem Nichtguten (Akk./3.Sg.Med.)
tapasvinaṃ yadi vā stenam eva
einem Asketen oder gar einem Dieb (Akk.)
vāso yathā raṅgavaśaṃ prayāti
wie ein Gewand in die Gewalt der Farbe gerät (Nom./Akk./3.Sg.)
tathā sa teṣāṃ vaśam abhyupaiti
so gerät er in deren Gewalt (3.Sg.)

sadā devāḥ sādhubhiḥ saṃvadante; na mānuṣaṃ viṣayaṃ yānti draṣṭum; nenduḥ samaḥ syād asamo hi vāyur; uccāvacaṃ viṣayaṃ yaḥ sa veda

Stets sprechen die Götter mit den Guten; in den Bereich des Menschen kommen sie nicht, um [ihn] zu sehen. Der Mond wäre nicht gleich, denn der Wind ist ungleich: Wer das Hohe und Niedrige [jedes] Bereichs kennt, der weiß es [?].

Wort für Wort
sadā devāḥ sādhubhiḥ saṃvadante
stets sprechen die Götter mit den Guten (Nom.Pl./Instr.Pl./3.Pl.Med.)
na mānuṣaṃ viṣayaṃ yānti draṣṭum
nicht in den Menschenbereich gehen sie, um zu sehen (Akk./3.Pl./Inf.)
nenduḥ samaḥ syād asamo hi vāyur
nicht der Mond wäre gleich, ungleich ja der Wind [?] (Nom./3.Sg.Opt./Nom.)
uccāvacaṃ viṣayaṃ yaḥ sa veda
wer den hohen und niedrigen Bereich [kennt], der weiß [?] (Akk./Nom./3.Sg.Perf.)

Vers unklar/vermutlich verderbt; Wiedergabe unsicher.

aduṣṭaṃ vartamāne tu hṛdayāntarapūruṣe; tenaiva devāḥ prīyante satāṃ mārgasthitena vai

Solange die innere Person im Herzen ungetrübt bleibt, freuen sich eben dadurch die Götter an dem, der auf dem Weg der Guten steht.

Wort für Wort
aduṣṭaṃ vartamāne tu
ungetrübt seiend/verweilend aber (Adv./Part.Lok.)
hṛdayāntarapūruṣe
in der inneren Person des Herzens (Lok.)
tenaiva devāḥ prīyante
eben dadurch freuen sich die Götter (Instr./Nom.Pl./3.Pl.Pass.)
satāṃ mārgasthitena vai
an dem auf dem Weg der Guten Stehenden (Gen.Pl./Instr.Part.)

śiśnodare ye 'bhiratāḥ sadaiva; stenā narā vākparuṣāś ca nityam; apetadoṣān iti tān viditvā; dūrād devāḥ saṃparivarjayanti

Die am Zeugungsglied und am Bauch stets Gefallen finden, die Diebe und stets rauh Redenden unter den Menschen – sie meiden die Götter von fern, indem sie sie als [solche] erkennen, [von denen die Tugend] gewichen [?] ist.

Wort für Wort
śiśnodare ye 'bhiratāḥ sadaiva
die an Zeugungsglied und Bauch stets Gefallen finden (Lok./Nom.Pl.)
stenā narā vākparuṣāś ca nityam
Diebe, Menschen, und rauh Redende stets (Nom.Pl.)
apetadoṣān iti tān viditvā
'von Fehlern frei' [?] so sie erkannt habend (Akk.Pl./Abs.)
dūrād devāḥ saṃparivarjayanti
von fern meiden die Götter (Abl./Nom.Pl./3.Pl.)

apetadoṣān wörtlich „von Fehlern frei“, im Zusammenhang unstimmig; vermutlich verderbt [?].

na vai devā hīnasattvena toṣyāḥ; sarvāśinā duṣkṛtakarmaṇā vā; satyavratā ye tu narāḥ kṛtajñā; dharme ratās taiḥ saha saṃbhajante

Die Götter sind nicht durch geringe Wesenskraft zufriedenzustellen, nicht durch einen Allesesser oder durch üble Taten; mit den Menschen, die der Wahrheit geweiht, dankbar und am Dharma erfreut sind, verkehren sie gemeinsam.

Wort für Wort
na vai devā hīnasattvena toṣyāḥ
nicht sind die Götter durch geringe Wesenskraft zufriedenzustellen (Nom.Pl./Instr./Gerundiv)
sarvāśinā duṣkṛtakarmaṇā vā
durch einen Allesesser oder durch üble Taten (Instr.)
satyavratā ye tu narāḥ kṛtajñā
die aber der Wahrheit Gelobenden, Menschen, dankbar (Nom.Pl.)
dharme ratās taiḥ saha saṃbhajante
am Dharma erfreut, mit denen verkehren sie (Lok./Instr./3.Pl.Med.)

avyāhṛtaṃ vyāhṛtāc chreya āhuḥ; satyaṃ vaded vyāhṛtaṃ tad dvitīyam; dharmaṃ vaded vyāhṛtaṃ tat tṛtīyaṃ; priyaṃ vaded vyāhṛtaṃ tac caturtham

Nichtgesprochenes ist besser als Gesprochenes, sagt man; Wahres soll man sprechen, das ist das Zweite; Dharma soll man sprechen, das ist das Dritte; Liebes soll man sprechen, das ist das Vierte.

Wort für Wort
avyāhṛtaṃ vyāhṛtāc chreya āhuḥ
Nichtgesprochenes [ist] besser als Gesprochenes, sagen sie (Nom./Abl./3.Pl.)
satyaṃ vaded vyāhṛtaṃ tad dvitīyam
Wahres soll er sprechen; das Gesprochene ist das Zweite (3.Sg.Opt.)
dharmaṃ vaded vyāhṛtaṃ tat tṛtīyaṃ
Dharma soll er sprechen, das ist das Dritte
priyaṃ vaded vyāhṛtaṃ tac caturtham
Liebes soll er sprechen, das ist das Vierte

sādhyā ūcuḥ; kenāyam āvṛto lokaḥ kena vā na prakāśate; kena tyajati mitrāṇi kena svargaṃ na gacchati

Die Sādhyas sprachen: „Wodurch ist diese Welt umhüllt? Wodurch leuchtet sie nicht? Wodurch verlässt man Freunde? Wodurch geht man nicht zum Himmel?“

Wort für Wort
sādhyā ūcuḥ
die Sādhyas sprachen
kenāyam āvṛto lokaḥ
wodurch ist diese Welt umhüllt (Instr./Nom./Part.)
kena vā na prakāśate
oder wodurch leuchtet sie nicht (3.Sg.Med.)
kena tyajati mitrāṇi
wodurch verlässt man Freunde (3.Sg./Akk.Pl.)
kena svargaṃ na gacchati
wodurch geht man nicht zum Himmel (Akk./3.Sg.)

haṃsa uvāca; ajñānenāvṛto loko mātsaryān na prakāśate; lobhāt tyajati mitrāṇi saṅgāt svargaṃ na gacchati

Der Schwan sprach: „Durch Unwissen ist die Welt umhüllt; aus Neid leuchtet sie nicht; aus Gier verlässt man Freunde; durch Anhaften geht man nicht zum Himmel.“

Wort für Wort
haṃsa uvāca
der Schwan sprach
ajñānenāvṛto loko
durch Unwissen ist die Welt umhüllt (Instr./Part./Nom.)
mātsaryān na prakāśate
aus Neid leuchtet sie nicht (Abl./3.Sg.)
lobhāt tyajati mitrāṇi
aus Gier verlässt man Freunde (Abl./3.Sg./Akk.Pl.)
saṅgāt svargaṃ na gacchati
durch Anhaften geht man nicht zum Himmel (Abl./Akk./3.Sg.)

sādhyā ūcuḥ; kaḥ svid eko ramate brāhmaṇānāṃ; kaḥ svid eko bahubhir joṣam āste; kaḥ svid eko balavān durbalo 'pi; kaḥ svid eṣāṃ kalahaṃ nānvavaiti

Die Sādhyas sprachen: „Wer allein findet Freude unter den Brahmanen? Wer allein sitzt schweigend unter vielen? Wer allein ist mächtig, obwohl schwach? Wer allein gerät nicht in Streit mit ihnen?“

Wort für Wort
sādhyā ūcuḥ
die Sādhyas sprachen
kaḥ svid eko ramate brāhmaṇānāṃ
wer wohl allein freut sich unter den Brahmanen (Nom./3.Sg.Med./Gen.Pl.)
kaḥ svid eko bahubhir joṣam āste
wer wohl allein sitzt schweigend bei vielen (Instr.Pl./Akk.-Adv./3.Sg.)
kaḥ svid eko balavān durbalo 'pi
wer wohl allein ist stark, auch [wenn] schwach (Nom.)
kaḥ svid eṣāṃ kalahaṃ nānvavaiti
wer wohl gerät mit diesen nicht in Streit (Gen.Pl./Akk./3.Sg.)

haṃsa uvāca; prājña eko ramate brāhmaṇānāṃ; prājña eko bahubhir joṣam āste; prājña eko balavān durbalo 'pi; prājña eṣāṃ kalahaṃ nānvavaiti

Der Schwan sprach: „Der Einsichtige allein freut sich unter den Brahmanen; der Einsichtige allein sitzt schweigend unter vielen; der Einsichtige allein ist mächtig, obwohl schwach; der Einsichtige gerät mit diesen nicht in Streit.“

Wort für Wort
haṃsa uvāca
der Schwan sprach
prājña eko ramate brāhmaṇānāṃ
der Einsichtige allein freut sich unter Brahmanen (Nom./3.Sg.Med./Gen.Pl.)
prājña eko bahubhir joṣam āste
der Einsichtige allein sitzt schweigend bei vielen
prājña eko balavān durbalo 'pi
der Einsichtige allein ist stark, auch [wenn] schwach
prājña eṣāṃ kalahaṃ nānvavaiti
der Einsichtige gerät mit diesen nicht in Streit

sādhyā ūcuḥ; kiṃ brāhmaṇānāṃ devatvaṃ kiṃ ca sādhutvam ucyate; asādhutvaṃ ca kiṃ teṣāṃ kim eṣāṃ mānuṣaṃ matam

Die Sādhyas sprachen: „Was gilt bei den Brahmanen als Göttlichkeit, was als Gutsein? Was ist bei ihnen Nichtgutsein, was ihr Menschliches?“

Wort für Wort
sādhyā ūcuḥ
die Sādhyas sprachen
kiṃ brāhmaṇānāṃ devatvaṃ
was [ist] der Brahmanen Göttlichkeit (Nom.n./Gen.Pl./Nom.)
kiṃ ca sādhutvam ucyate
und was heißt Gutsein (Nom./3.Sg.Pass.)
asādhutvaṃ ca kiṃ teṣāṃ
und was ist deren Nichtgutsein (Gen.Pl.)
kim eṣāṃ mānuṣaṃ matam
was gilt als deren Menschliches (Nom./Part.)

haṃsa uvāca; svādhyāya eṣāṃ devatvaṃ vrataṃ sādhutvam ucyate; asādhutvaṃ parīvādo mṛtyur mānuṣam ucyate

Der Schwan sprach: „Das Selbststudium ist ihre Göttlichkeit, das Gelübde heißt ihr Gutsein; Nichtgutsein ist die Verleumdung, der Tod heißt ihr Menschliches.“

Wort für Wort
haṃsa uvāca
der Schwan sprach
svādhyāya eṣāṃ devatvaṃ
das Selbststudium ist deren Göttlichkeit (Nom./Gen.Pl./Nom.)
vrataṃ sādhutvam ucyate
das Gelübde heißt Gutsein (Nom./3.Sg.Pass.)
asādhutvaṃ parīvādo
Nichtgutsein [ist] die Verleumdung (Nom.)
mṛtyur mānuṣam ucyate
der Tod heißt das Menschliche (Nom./3.Sg.Pass.)

bhīṣma uvāca; ity uktvā varado devo bhagavān nitya avyayaḥ; sādhyair devagaṇaiḥ sārdhaṃ divam evāruroha saḥ; etad yaśasyam āyuṣyaṃ putryaṃ svargāya tu dhruvam; darśitaṃ devadevena parameṇāvyayena ca

Bhīṣma sprach: „So gesprochen, stieg der gnadenspendende Gott, der Erhabene, Ewige, Unvergängliche, mit den Sādhyas, den Göttergruppen, zum Himmel empor. Dies ist ruhmbringend, lebensverlängernd, Söhne bringend, gewiss zum Himmel [führend]; es wurde vom Gott der Götter, dem höchsten Unvergänglichen, gezeigt.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
ity uktvā varado devo
so gesprochen habend, der Gnadenspendende, Gott (Abs./Nom.)
bhagavān nitya avyayaḥ
der Erhabene, ewig, unvergänglich (Nom.)
sādhyair devagaṇaiḥ sārdhaṃ
mit den Sādhyas, den Göttergruppen (Instr.Pl./Adv.)
divam evāruroha saḥ
zum Himmel stieg er empor (Akk./3.Sg.Perf.)
etad yaśasyam āyuṣyaṃ putryaṃ svargāya tu dhruvam
dies ist ruhmbringend, lebensverlängernd, söhnebringend, gewiss zum Himmel (Nom.n./Dat.)
darśitaṃ devadevena parameṇāvyayena ca
gezeigt vom Gott der Götter, dem höchsten Unvergänglichen (Part./Instr.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Sternzeile) der kritischen Ausgabe.

saṃvāda ity ayaṃ śreṣṭhaḥ sādhyānāṃ parikīrtitaḥ; kṣetraṃ vai karmaṇāṃ yoniḥ sadbhāvaḥ satyam ucyate

Dieses Gespräch der Sādhyas wird als das vorzüglichste gepriesen; das Feld der Taten, der Schoß, das wahre Wesen wird „Wahrheit“ genannt.

Wort für Wort
saṃvāda ity ayaṃ śreṣṭhaḥ
'Gespräch' [so genannt], dies vorzüglichste (Nom.)
sādhyānāṃ parikīrtitaḥ
der Sādhyas gepriesen (Gen.Pl./Part.)
kṣetraṃ vai karmaṇāṃ yoniḥ
das Feld der Taten, der Schoß (Nom./Gen.Pl./Nom.)
sadbhāvaḥ satyam ucyate
das wahre Wesen wird 'Wahrheit' genannt (Nom./Nom./3.Sg.Pass.)

Zweiter Halbvers knapp und unsicher [?].

Dieses Kapitel in der Leseansicht