Kapitel 288: haṃsasādhyasaṃvāda
Das Gespräch des Schwans mit den Sādhyas über Wahrheit, Selbstbezwingung und Nachsicht
Bhīṣma erzählt Yudhiṣṭhira die Lehrerzählung, in der Prajāpati als goldener Schwan den Sādhyas den Weg zur Erlösung durch Nachsicht, Wahrhaftigkeit und Bezähmung von Rede und Trieben weist.
Yudhiṣṭhira sprach: „Wahrheit, Nachsicht, Selbstbezwingung und Einsicht rühmen, Großvater, die Weisen unter den Menschen in der Welt; wie verhält es sich damit nach deiner Auffassung?“
sādhyā ūcuḥ; śakune vayaṃ sma devā vai sādhyās tvām anuyujmahe; pṛcchāmas tvāṃ mokṣadharmaṃ bhavāṃś ca kila mokṣavit
Die Sādhyas sprachen: „Vogel, wir sind Götter, die Sādhyas; wir befragen dich. Wir fragen dich nach der Lehre von der Erlösung, und du bist, wie es heißt, ein Kenner der Erlösung.“
Wort für Wort
sādhyā ūcuḥ
die Sādhyas sprachen (Perf. 3.Pl.)
śakune vayaṃ sma devā vai sādhyās
Vogel, wir sind Götter, wahrlich, die Sādhyas (Vok./1.Pl.Präs./Nom.Pl.)
tvām anuyujmahe
dich befragen wir (Akk./1.Pl.Med.)
pṛcchāmas tvāṃ mokṣadharmaṃ
wir fragen dich [nach] der Erlösungslehre (1.Pl./Akk.Sg.)
bhavāṃś ca kila mokṣavit
und du bist, wie es heißt, ein Erlösungskenner (Nom.Sg.)
śruto 'si naḥ paṇḍito dhīravādī; sādhuśabdaḥ patate te patatrin; kiṃ manyase śreṣṭhatamaṃ dvija tvaṃ; kasmin manas te ramate mahātman
„Wir haben von dir gehört: Du bist gelehrt und redest als Standhafter; der Ruf ‚Vortrefflich!‘ ergeht von dir, Geflügelter. Was hältst du, Zweimalgeborener, für das Allerhöchste? An was hat dein Geist, Großgesinnter, Gefallen?“
Wort für Wort
śruto 'si naḥ paṇḍito dhīravādī
gehört bist du von uns, gelehrt, standhaft redend (Part./2.Sg./Nom.)
sādhuśabdaḥ patate te patatrin
der Ruf des Guten ergeht von dir, Geflügelter (Nom./3.Sg.Med./Gen./Vok.)
kiṃ manyase śreṣṭhatamaṃ dvija tvaṃ
was hältst du für das Höchste, Zweimalgeborener (Akk./2.Sg./Vok.)
kasmin manas te ramate mahātman
woran dein Geist Gefallen findet, Großgesinnter (Lok./Nom./Gen./3.Sg./Vok.)
tan naḥ kāryaṃ pakṣivara praśādhi; yat kāryāṇāṃ manyase śreṣṭham ekam; yat kṛtvā vai puruṣaḥ sarvabandhair; vimucyate vihagendreha śīghram
„Darum belehre uns, Bester der Vögel, über die eine Pflicht, die du unter allen Pflichten für die höchste hältst, durch deren Vollzug der Mensch, Herr der Vögel, hier rasch von allen Fesseln befreit wird.“
Wort für Wort
tan naḥ kāryaṃ pakṣivara praśādhi
darum uns die Pflicht, Bester der Vögel, belehre (Akk./Vok./Imp.)
yat kāryāṇāṃ manyase śreṣṭham ekam
die du unter den Pflichten für die höchste, eine, hältst (Gen.Pl./2.Sg.)
yat kṛtvā vai puruṣaḥ
nach deren Ausführung der Mensch (Abs./Nom.)
sarvabandhair vimucyate
von allen Fesseln wird befreit (Instr./Pass.3.Sg.)
Der Schwan sprach: „Dies ist die Pflicht, die ich, ihr nach Unsterblichkeit Verlangenden, verkünde: Askese, Selbstbezwingung, Wahrhaftigkeit, Selbstbewahrung. Hat man alle Knoten des Herzens gelöst, so soll man Liebes und Unliebes in die eigene Gewalt bringen.“
Wort für Wort
haṃsa uvāca
der Schwan sprach
idaṃ kāryam amṛtāśāḥ śṛṇomi
dies [ist] die Pflicht, ihr Unsterblichkeit Erhoffenden, ich vernehme [?] (Nom.n./Vok.Pl./1.Sg.Präs.)
alle Knoten des Herzens gelöst habend (Akk.Pl./Abs./Gen./Akk.Pl.)
priyāpriye svaṃ vaśam ānayīta
Liebes und Unliebes in die eigene Gewalt bringen soll er (Akk.Du./Akk./3.Sg.Opt.)
Wörtlich „ich höre“ (śṛṇomi) statt „ich verkünde“; die Lesart „ich höre“ ist sinnwidrig für den Sprecher, daher als 'vernehmen lassen/verkünden' gedeutet [?]. amṛtāśāḥ: „deren Hoffnung die Unsterblichkeit ist“ (oder „Nektaresser“).
nāruṃtudaḥ syān na nṛśaṃsavādī; na hīnataḥ param abhyādadīta; yayāsya vācā para udvijeta; na tāṃ vaded ruśatīṃ pāpalokyām
Man soll nicht quälend sein und nicht grausam reden; man soll nicht durch Niedriges einen anderen [an sich ziehen] [?]. Durch welche Rede ein anderer in Unruhe gerät, diese harte, zur Welt der Sünde führende Rede soll man nicht sprechen.
Wort für Wort
nāruṃtudaḥ syān na nṛśaṃsavādī
nicht schmerzzufügend sei er, nicht grausam redend (Nom./3.Sg.Opt.)
na hīnataḥ param abhyādadīta
nicht durch Niedriges einen anderen angehen/an sich nehmen [?] (Abl.-Adv./Akk./3.Sg.Opt.Med.)
yayāsya vācā para udvijeta
durch welche Rede des anderen Unruhe... ein anderer erschrickt (Instr./Nom./3.Sg.Opt.)
na tāṃ vaded ruśatīṃ pāpalokyām
nicht sie soll er sprechen, die harte, zur Sündenwelt gehörige (Akk.Sg.f.)
abhyādadīta unsicher: „nicht soll man von einem Niedrigeren einen anderen angehen/an sich bringen“; Bedeutung von hīnataḥ param unklar.
Aus dem Mund fahren Pfeile der Rede hervor; von ihnen getroffen, grämt man sich Tag und Nacht. Sie fallen [bei einem anderen] nicht auf Unverwundbares [d. h. sie treffen die verwundbaren Stellen]; diese soll der Weise nicht auf andere entlassen.
Wort für Wort
vāksāyakā vadanān niṣpatanti
Pfeile der Rede fliegen aus dem Mund (Nom.Pl./Abl./3.Pl.)
yair āhataḥ śocati rātryahāni
von denen getroffen trauert er Nächte und Tage (Instr.Pl./Part./3.Sg./Akk.Pl.)
parasya nāmarmasu te patanti
beim anderen nicht auf Nicht-Verwundbares fallen sie (Gen./Lok.Pl./3.Pl.)
tān paṇḍito nāvasṛjet pareṣu
sie soll der Weise nicht loslassen auf andere (Akk.Pl./Nom./3.Sg.Opt./Lok.Pl.)
paraś ced enam ativādabāṇair; bhṛśaṃ vidhyec chama eveha kāryaḥ; saṃroṣyamāṇaḥ pratimṛṣyate yaḥ; sa ādatte sukṛtaṃ vai parasya
Wenn ein anderer ihn heftig mit Pfeilen der Schmährede durchbohrt, soll man hier nur Ruhe bewahren; wer, in Zorn versetzt, verzeiht, der nimmt das Verdienst des anderen an sich.
Wort für Wort
paraś ced enam ativādabāṇair
wenn ein anderer ihn mit Schmähreden-Pfeilen (Nom./Part./Akk./Instr.Pl.)
bhṛśaṃ vidhyec chama eveha kāryaḥ
heftig durchbohrt, [dann] ist nur Ruhe hier zu üben (Adv./3.Sg.Opt./Nom./Gerundiv)
kṣepābhimānād abhiṣaṅgavyalīkaṃ; nigṛhṇāti jvalitaṃ yaś ca manyum; aduṣṭacetā mudito 'nasūyuḥ; sa ādatte sukṛtaṃ vai pareṣām
Wer die aus Kränkung und Dünkel erwachsene Verletzung durch Anfeindung und den aufflammenden Zorn zügelt, mit unverdorbenem Sinn, heiter und frei von Missgunst, der nimmt das Verdienst der anderen an sich.
Wort für Wort
kṣepābhimānād abhiṣaṅgavyalīkaṃ
aus Kränkung und Dünkel die Verletzung durch Anfeindung [?] (Abl./Akk.)
nigṛhṇāti jvalitaṃ yaś ca manyum
zügelt den aufflammenden Zorn, wer (3.Sg./Part./Akk.)
aduṣṭacetā mudito 'nasūyuḥ
unverdorbenen Sinnes, heiter, ohne Missgunst (Nom.Sg.)
sa ādatte sukṛtaṃ vai pareṣām
der nimmt das Verdienst der anderen an sich (3.Sg.Med./Akk./Gen.Pl.)
ākruśyamāno na vadāmi kiṃ cit; kṣamāmy ahaṃ tāḍyamānaś ca nityam; śreṣṭhaṃ hy etat kṣamam apy āhur āryāḥ; satyaṃ tathaivārjavam ānṛśaṃsyam
„Beschimpft, sage ich nichts; auch geschlagen, verzeihe ich stets. Als das Beste gilt dies, sagen die Edlen: Nachsicht, ebenso Wahrheit, Redlichkeit, Nichtgrausamkeit.“
Wort für Wort
ākruśyamāno na vadāmi kiṃ cit
beschimpft sage ich nichts (Part.Pass./1.Sg.)
kṣamāmy ahaṃ tāḍyamānaś ca nityam
ich verzeihe, und geschlagen, stets (1.Sg./Part.Pass./Adv.)
śreṣṭhaṃ hy etat kṣamam apy āhur āryāḥ
als das Beste, denn, [gilt] diese Nachsicht, sagen die Edlen (Nom.n./3.Pl.Perf./Nom.Pl.)
satyaṃ tathaivārjavam ānṛśaṃsyam
Wahrheit, ebenso Redlichkeit, Nichtgrausamkeit (Nom.n.)
Der Kern (die Geheimlehre) des Veda ist die Wahrheit, der Kern der Wahrheit die Selbstbezwingung, der Kern der Selbstbezwingung die Erlösung; dies ist die gesamte Unterweisung.
Wort für Wort
vedasyopaniṣat satyaṃ
des Veda Geheimlehre [ist] die Wahrheit (Gen./Nom./Nom.)
satyasyopaniṣad damaḥ
der Wahrheit Geheimlehre [ist] die Selbstbezwingung (Gen./Nom.)
damasyopaniṣan mokṣa
der Selbstbezwingung Geheimlehre [ist] die Erlösung (Gen./Nom.)
vāco vegaṃ manasaḥ krodhavegaṃ; vivitsāvegam udaropasthavegam; etān vegān yo viṣahaty udīrṇāṃs; taṃ manye 'haṃ brāhmaṇaṃ vai muniṃ ca
Den Drang der Rede, den Drang des Zorns, den Drang des Begehrens, den Drang von Bauch und Zeugungsglied: wer diese aufwallenden Triebe erträgt, den halte ich für einen Brahmanen und Weisen.
Wort für Wort
vāco vegaṃ manasaḥ krodhavegaṃ
den Drang der Rede, den Zornesdrang des Geistes (Gen./Akk./Gen./Akk.)
vivitsāvegam udaropasthavegam
den Drang des Begehrens, den Drang von Bauch und Zeugungsglied (Akk.)
etān vegān yo viṣahaty udīrṇāṃs
diese Triebe, wer erträgt, die aufgewallten (Akk.Pl./3.Sg./Part.Akk.Pl.)
taṃ manye 'haṃ brāhmaṇaṃ vai muniṃ ca
den halte ich für einen Brahmanen und Weisen (Akk./1.Sg.)
akrodhanaḥ krudhyatāṃ vai viśiṣṭas; tathā titikṣur atitikṣor viśiṣṭaḥ; amānuṣān mānuṣo vai viśiṣṭas; tathājñānāj jñānavān vai pradhānaḥ
Unter den Zürnenden ist der Nichtzürnende der Vorzüglichere; ebenso der Duldsame gegenüber dem Nichtduldsamen; unter den Nichtmenschlichen [ist] der Mensch der Vorzüglichere, und gegenüber dem Unwissen hat der Wissende den Vorrang.
Wort für Wort
akrodhanaḥ krudhyatāṃ vai viśiṣṭas
der Nichtzürnende ist unter Zürnenden der Vorzüglichere (Nom./Gen.Pl.Part./Nom.)
tathā titikṣur atitikṣor viśiṣṭaḥ
ebenso der Duldsame gegenüber dem Nichtduldsamen vorzüglicher (Nom./Abl.)
amānuṣān mānuṣo vai viśiṣṭas
gegenüber Nichtmenschlichem der Mensch vorzüglicher (Abl.Pl./Nom.)
tathājñānāj jñānavān vai pradhānaḥ
ebenso gegenüber Unwissen der Wissende vorrangig (Abl./Nom.)
yo nātyuktaḥ prāha rūkṣaṃ priyaṃ vā; yo vā hato na pratihanti dhairyāt; pāpaṃ ca yo necchati tasya hantus; tasmai devāḥ spṛhayante sadaiva
Wer, maßlos angeredet, nichts Rauhes oder Liebes erwidert [?], wer, geschlagen, aus Standhaftigkeit nicht zurückschlägt und dem Schlagenden nichts Übles wünscht – nach dem sehnen sich die Götter stets.
Wort für Wort
yo nātyuktaḥ prāha rūkṣaṃ priyaṃ vā
wer, nicht/über-angeredet, Rauhes oder Liebes spricht [?] (Nom./Part./3.Sg.Perf./Akk.)
yo vā hato na pratihanti dhairyāt
oder wer, geschlagen, nicht zurückschlägt aus Standhaftigkeit (Part./3.Sg./Abl.)
pāpaṃ ca yo necchati tasya hantus
und wer Übles dem Schlagenden nicht wünscht (Akk./3.Sg./Gen.)
tasmai devāḥ spṛhayante sadaiva
nach dem sehnen sich die Götter stets (Dat./Nom.Pl./3.Pl./Adv.)
Dem Schlechteren soll man verzeihen, ebenso dem Besseren und dem Gleichen; missachtet, geschlagen, beschimpft, wird man auf diese Weise Vollendung erlangen.
Wort für Wort
pāpīyasaḥ kṣametaiva
dem Schlechteren soll er verzeihen (Dat./Gen.-Kasus/3.Sg.Opt.)
śreyasaḥ sadṛśasya ca
dem Besseren und dem Gleichen (Gen./Dat.-Kasus)
vimānito hato 'kruṣṭa
missachtet, geschlagen, beschimpft (Part.Nom.)
evaṃ siddhiṃ gamiṣyati
so wird er Vollendung erlangen (Adv./Akk./3.Sg.Fut.)
sadāham āryān nibhṛto 'py upāse; na me vivitsā na ca me 'sti roṣaḥ; na cāpy ahaṃ lipsamānaḥ paraimi; na caiva kiṃ cid viṣameṇa yāmi
„Stets warte ich demütig den Edlen auf; in mir ist weder Streit- noch Begehrlichkeit, noch Groll; nicht gehe ich erstrebend zu anderen, und nirgends gehe ich auf krummen Wegen.“
Wort für Wort
sadāham āryān nibhṛto 'py upāse
stets warte ich den Edlen auf, demütig (Adv./Akk.Pl./Nom./1.Sg.Med.)
na me vivitsā na ca me 'sti roṣaḥ
nicht ist mir Begehrlichkeit, nicht ist mir Groll (Nom./3.Sg./Nom.)
na cāpy ahaṃ lipsamānaḥ paraimi
und nicht gehe ich, [etwas] erstrebend, zu anderen [?] (Part./1.Sg.)
na caiva kiṃ cid viṣameṇa yāmi
und keineswegs gehe ich auf ungerader Weise irgendwo (Instr./1.Sg.)
nāhaṃ śaptaḥ pratiśapāmi kiṃ cid; damaṃ dvāraṃ hy amṛtasyeha vedmi; guhyaṃ brahma tad idaṃ vo bravīmi; na mānuṣāc chreṣṭhataraṃ hi kiṃ cit
„Verflucht, verfluche ich nicht zurück; die Selbstbezwingung kenne ich als das Tor zur Unsterblichkeit hier. Dieses geheime Brahman verkünde ich euch: Nichts ist höher als der Mensch.“
Wort für Wort
nāhaṃ śaptaḥ pratiśapāmi kiṃ cid
nicht ich, verflucht, verfluche zurück irgendetwas (Part./1.Sg.)
damaṃ dvāraṃ hy amṛtasyeha vedmi
die Selbstbezwingung als Tor der Unsterblichkeit hier kenne ich (Akk./Akk./Gen./1.Sg.)
guhyaṃ brahma tad idaṃ vo bravīmi
dieses geheime Brahman sage ich euch (Akk.n./Dat.Pl./1.Sg.)
yaḥ sarveṣāṃ bhavati hy arcanīya; utsecane stambha ivābhijātaḥ; yasmai vācaṃ supraśastāṃ vadanti; sa vai devān gacchati saṃyatātmā
Wer von allen verehrungswürdig ist, edel [gewachsen] wie ein Pfosten beim Schöpfen [?], zu dem man Rede höchsten Lobes spricht – der geht, selbstgezügelt, zu den Göttern.
Wort für Wort
yaḥ sarveṣāṃ bhavati hy arcanīya
wer für alle verehrungswürdig ist (Nom./Gen.Pl./3.Sg./Gerundiv)
utsecane stambha ivābhijātaḥ
wie ein Pfosten beim Aufgießen/Schöpfen [?], edelgeboren (Lok./Nom./Part.)
yasmai vācaṃ supraśastāṃ vadanti
zu dem man Rede höchsten Lobes spricht (Dat./Akk./3.Pl.)
sa vai devān gacchati saṃyatātmā
der geht zu den Göttern, selbstgezügelt (Akk.Pl./3.Sg./Nom.)
ākrośanāvamānābhyām abudhād vardhate budhaḥ; tasmān na vardhayed anyaṃ na cātmānaṃ vihiṃsayet
Durch Beschimpfung und Missachtung wächst der Weise gegenüber dem Nichtweisen; darum soll man keinen anderen [dazu] mehren und sich selbst nicht verletzen.
Wort für Wort
ākrośanāvamānābhyām
durch Beschimpfung und Missachtung (Instr.Du.)
abudhād vardhate budhaḥ
gegenüber dem Nichtweisen wächst der Weise [?] (Abl./3.Sg.Med./Nom.)
tasmān na vardhayed anyaṃ
darum soll er nicht mehren einen anderen (Abl.-Adv./3.Sg.Opt.Kaus./Akk.)
yat krodhano yajate yad dadāti; yad vā tapas tapyati yaj juhoti; vaivasvatas tad dharate 'sya sarvaṃ; moghaḥ śramo bhavati krodhanasya
Was der Zornige opfert, was er gibt, was er an Askese übt, was er ins Feuer opfert – dies alles nimmt ihm Vaivasvata [Yama] weg; vergeblich ist die Mühe des Zornigen.
Wort für Wort
yat krodhano yajate yad dadāti
was der Zornige opfert, was er gibt (Nom./3.Sg.Med./3.Sg.)
yad vā tapas tapyati yaj juhoti
oder was er an Askese übt, was er ins Feuer opfert (Akk./3.Sg./3.Sg.)
vaivasvatas tad dharate 'sya sarvaṃ
Vaivasvata nimmt ihm dies alles weg (Nom./3.Sg.Med./Gen.)
moghaḥ śramo bhavati krodhanasya
vergeblich wird die Mühe des Zornigen (Nom./3.Sg./Gen.)
Vier Tore hat, wessen [Tore] gut bewacht sind, ihr Besten der Unsterblichen: Zeugungsglied, Bauch, Hände und, als viertes, die Rede – der ist ein Kenner des Dharma.
Wort für Wort
catvāri yasya dvārāṇi suguptāny
vier, wessen Tore gut bewacht sind (Nom.n./Gen./Nom.Pl.)
Wer Wahrheit, Selbstbezwingung, Redlichkeit, Nichtgrausamkeit, Festigkeit und Duldsamkeit übt, stets im Selbststudium, ohne Begehren nach dem Besitz der anderen, der Einsamkeit zugetan – der wird einen Weg nach oben gehen.
Ich verkünde es den Menschen, unter den Göttern hin- und herwandelnd: Die Wahrheit ist die Treppe zum Himmel, wie ein Schiff für [die Überfahrt über] das Meer mit seinen beiden Ufern.
Wort für Wort
ācakṣe 'haṃ manuṣyebhyo
ich verkünde den Menschen (1.Sg.Med./Dat.Pl.)
devebhyaḥ pratisaṃcaran
unter den Göttern hin- und herwandelnd (Dat./Abl.-Adv./Part.)
satyaṃ svargasya sopānaṃ
die Wahrheit [ist] die Treppe zum Himmel (Nom./Gen./Nom.)
sadā devāḥ sādhubhiḥ saṃvadante; na mānuṣaṃ viṣayaṃ yānti draṣṭum; nenduḥ samaḥ syād asamo hi vāyur; uccāvacaṃ viṣayaṃ yaḥ sa veda
Stets sprechen die Götter mit den Guten; in den Bereich des Menschen kommen sie nicht, um [ihn] zu sehen. Der Mond wäre nicht gleich, denn der Wind ist ungleich: Wer das Hohe und Niedrige [jedes] Bereichs kennt, der weiß es [?].
Wort für Wort
sadā devāḥ sādhubhiḥ saṃvadante
stets sprechen die Götter mit den Guten (Nom.Pl./Instr.Pl./3.Pl.Med.)
na mānuṣaṃ viṣayaṃ yānti draṣṭum
nicht in den Menschenbereich gehen sie, um zu sehen (Akk./3.Pl./Inf.)
nenduḥ samaḥ syād asamo hi vāyur
nicht der Mond wäre gleich, ungleich ja der Wind [?] (Nom./3.Sg.Opt./Nom.)
uccāvacaṃ viṣayaṃ yaḥ sa veda
wer den hohen und niedrigen Bereich [kennt], der weiß [?] (Akk./Nom./3.Sg.Perf.)
Vers unklar/vermutlich verderbt; Wiedergabe unsicher.
śiśnodare ye 'bhiratāḥ sadaiva; stenā narā vākparuṣāś ca nityam; apetadoṣān iti tān viditvā; dūrād devāḥ saṃparivarjayanti
Die am Zeugungsglied und am Bauch stets Gefallen finden, die Diebe und stets rauh Redenden unter den Menschen – sie meiden die Götter von fern, indem sie sie als [solche] erkennen, [von denen die Tugend] gewichen [?] ist.
Wort für Wort
śiśnodare ye 'bhiratāḥ sadaiva
die an Zeugungsglied und Bauch stets Gefallen finden (Lok./Nom.Pl.)
stenā narā vākparuṣāś ca nityam
Diebe, Menschen, und rauh Redende stets (Nom.Pl.)
apetadoṣān iti tān viditvā
'von Fehlern frei' [?] so sie erkannt habend (Akk.Pl./Abs.)
na vai devā hīnasattvena toṣyāḥ; sarvāśinā duṣkṛtakarmaṇā vā; satyavratā ye tu narāḥ kṛtajñā; dharme ratās taiḥ saha saṃbhajante
Die Götter sind nicht durch geringe Wesenskraft zufriedenzustellen, nicht durch einen Allesesser oder durch üble Taten; mit den Menschen, die der Wahrheit geweiht, dankbar und am Dharma erfreut sind, verkehren sie gemeinsam.
Wort für Wort
na vai devā hīnasattvena toṣyāḥ
nicht sind die Götter durch geringe Wesenskraft zufriedenzustellen (Nom.Pl./Instr./Gerundiv)
sarvāśinā duṣkṛtakarmaṇā vā
durch einen Allesesser oder durch üble Taten (Instr.)
satyavratā ye tu narāḥ kṛtajñā
die aber der Wahrheit Gelobenden, Menschen, dankbar (Nom.Pl.)
dharme ratās taiḥ saha saṃbhajante
am Dharma erfreut, mit denen verkehren sie (Lok./Instr./3.Pl.Med.)
avyāhṛtaṃ vyāhṛtāc chreya āhuḥ; satyaṃ vaded vyāhṛtaṃ tad dvitīyam; dharmaṃ vaded vyāhṛtaṃ tat tṛtīyaṃ; priyaṃ vaded vyāhṛtaṃ tac caturtham
Nichtgesprochenes ist besser als Gesprochenes, sagt man; Wahres soll man sprechen, das ist das Zweite; Dharma soll man sprechen, das ist das Dritte; Liebes soll man sprechen, das ist das Vierte.
Wort für Wort
avyāhṛtaṃ vyāhṛtāc chreya āhuḥ
Nichtgesprochenes [ist] besser als Gesprochenes, sagen sie (Nom./Abl./3.Pl.)
satyaṃ vaded vyāhṛtaṃ tad dvitīyam
Wahres soll er sprechen; das Gesprochene ist das Zweite (3.Sg.Opt.)
haṃsa uvāca; ajñānenāvṛto loko mātsaryān na prakāśate; lobhāt tyajati mitrāṇi saṅgāt svargaṃ na gacchati
Der Schwan sprach: „Durch Unwissen ist die Welt umhüllt; aus Neid leuchtet sie nicht; aus Gier verlässt man Freunde; durch Anhaften geht man nicht zum Himmel.“
Wort für Wort
haṃsa uvāca
der Schwan sprach
ajñānenāvṛto loko
durch Unwissen ist die Welt umhüllt (Instr./Part./Nom.)
mātsaryān na prakāśate
aus Neid leuchtet sie nicht (Abl./3.Sg.)
lobhāt tyajati mitrāṇi
aus Gier verlässt man Freunde (Abl./3.Sg./Akk.Pl.)
saṅgāt svargaṃ na gacchati
durch Anhaften geht man nicht zum Himmel (Abl./Akk./3.Sg.)
Die Sādhyas sprachen: „Wer allein findet Freude unter den Brahmanen? Wer allein sitzt schweigend unter vielen? Wer allein ist mächtig, obwohl schwach? Wer allein gerät nicht in Streit mit ihnen?“
Wort für Wort
sādhyā ūcuḥ
die Sādhyas sprachen
kaḥ svid eko ramate brāhmaṇānāṃ
wer wohl allein freut sich unter den Brahmanen (Nom./3.Sg.Med./Gen.Pl.)
kaḥ svid eko bahubhir joṣam āste
wer wohl allein sitzt schweigend bei vielen (Instr.Pl./Akk.-Adv./3.Sg.)
kaḥ svid eko balavān durbalo 'pi
wer wohl allein ist stark, auch [wenn] schwach (Nom.)
kaḥ svid eṣāṃ kalahaṃ nānvavaiti
wer wohl gerät mit diesen nicht in Streit (Gen.Pl./Akk./3.Sg.)
Der Schwan sprach: „Der Einsichtige allein freut sich unter den Brahmanen; der Einsichtige allein sitzt schweigend unter vielen; der Einsichtige allein ist mächtig, obwohl schwach; der Einsichtige gerät mit diesen nicht in Streit.“
Wort für Wort
haṃsa uvāca
der Schwan sprach
prājña eko ramate brāhmaṇānāṃ
der Einsichtige allein freut sich unter Brahmanen (Nom./3.Sg.Med./Gen.Pl.)
prājña eko bahubhir joṣam āste
der Einsichtige allein sitzt schweigend bei vielen
prājña eko balavān durbalo 'pi
der Einsichtige allein ist stark, auch [wenn] schwach
Der Schwan sprach: „Das Selbststudium ist ihre Göttlichkeit, das Gelübde heißt ihr Gutsein; Nichtgutsein ist die Verleumdung, der Tod heißt ihr Menschliches.“
Wort für Wort
haṃsa uvāca
der Schwan sprach
svādhyāya eṣāṃ devatvaṃ
das Selbststudium ist deren Göttlichkeit (Nom./Gen.Pl./Nom.)
Bhīṣma sprach: „So gesprochen, stieg der gnadenspendende Gott, der Erhabene, Ewige, Unvergängliche, mit den Sādhyas, den Göttergruppen, zum Himmel empor. Dies ist ruhmbringend, lebensverlängernd, Söhne bringend, gewiss zum Himmel [führend]; es wurde vom Gott der Götter, dem höchsten Unvergänglichen, gezeigt.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
ity uktvā varado devo
so gesprochen habend, der Gnadenspendende, Gott (Abs./Nom.)
bhagavān nitya avyayaḥ
der Erhabene, ewig, unvergänglich (Nom.)
sādhyair devagaṇaiḥ sārdhaṃ
mit den Sādhyas, den Göttergruppen (Instr.Pl./Adv.)
divam evāruroha saḥ
zum Himmel stieg er empor (Akk./3.Sg.Perf.)
etad yaśasyam āyuṣyaṃ putryaṃ svargāya tu dhruvam
dies ist ruhmbringend, lebensverlängernd, söhnebringend, gewiss zum Himmel (Nom.n./Dat.)
darśitaṃ devadevena parameṇāvyayena ca
gezeigt vom Gott der Götter, dem höchsten Unvergänglichen (Part./Instr.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Sternzeile) der kritischen Ausgabe.