Kapitel 161: dharmārthakāmaviniścayaḥ
Gespräch der Brüder über den Vorrang von Dharma, Artha und Kāma
Yudhiṣṭhira befragt Vidura und die Pāṇḍavas, welches der drei Lebensziele den Vorrang hat; Vidura, Arjuna, die Zwillinge und Bhīma antworten der Reihe nach, worauf Yudhiṣṭhira das Ideal der Loslösung und das Walten des Schicksals nennt.
Vaiśaṃpāyana sprach: Als Bhīṣma so gesprochen hatte und verstummt war, fragte Yudhiṣṭhira, nachdem er eine passende Gelegenheit gefunden hatte, seine Brüder, unter denen Vidura der fünfte war.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Nom.; Perf. 3.Sg.)
ity uktavati bhīṣme tu tūṣṇīṃbhūte
als so gesprochen hatte Bhīṣma und verstummt war (Lok. abs.)
yudhiṣṭhiraḥ papraccha
Yudhiṣṭhira fragte (Nom.; Perf. 3.Sg.)
avasaraṃ gatvā
nachdem er eine Gelegenheit erlangt hatte (Abs.)
bhrātṝn vidurapañcamān
die Brüder, deren fünfter Vidura war (Akk.Pl.; Bahuvrīhi)
dharme cārthe ca kāme ca lokavṛttiḥ samāhitā; teṣāṃ garīyān katamo madhyamaḥ ko laghuś ca kaḥ
„Auf Dharma, Artha und Kāma ist das Verhalten der Welt gegründet. Welches von diesen ist das gewichtigste, welches das mittlere, und welches das geringste?
Wort für Wort
dharme cārthe ca kāme ca
in Dharma, in Artha und in Kāma (Lok.Sg.)
lokavṛttiḥ samāhitā
das Verhalten der Welt ist gegründet/gesammelt (Nom.Sg.f.; Part. Pass.)
teṣāṃ garīyān katamaḥ
von diesen: welcher ist der gewichtigere (Gen.Pl.; Nom.Sg. Komp.)
Und auf welchen [von ihnen] ist das Selbst zu richten und zu zügeln, um die Dreiheit zu besiegen? Zufrieden [mit dieser Frage], sollt ihr mir die abschließende Auskunft der Wahrheit gemäß geben.“
Wort für Wort
kasmiṃś cātmā niyantavyaḥ
und an welchem ist das Selbst zu zügeln (Lok.Sg.; Gerundiv Nom.Sg.)
trivargavijayāya vai
zum Sieg über die Dreiheit, fürwahr (Dat.Sg.)
saṃtuṣṭā
zufrieden (Nom.Pl.m.)
naiṣṭhikaṃ vākyam
das entschiedene/abschließende Wort (Akk.Sg.n.)
yathāvad vaktum arhatha
der Wahrheit gemäß zu sprechen vermögt/sollt ihr (Inf.; 2.Pl.Präs.)
Vielgelehrtheit, Askese, Verzicht, Glaube, Opferhandlung, Nachsicht, Läuterung der Gesinnung, Mitgefühl, Wahrhaftigkeit und Selbstzügelung – [dies sind] die Schätze des Selbst.
Wort für Wort
bāhuśrutyaṃ tapas tyāgaḥ
Vielgelehrtheit, Askese, Verzicht (Nom.Sg.)
śraddhā yajñakriyā kṣamā
Glaube, Opferhandlung, Nachsicht (Nom.Sg.)
bhāvaśuddhir dayā satyam
Läuterung der Gesinnung, Mitgefühl, Wahrheit (Nom.Sg.)
saṃyamaś cātmasaṃpadaḥ
und Selbstzügelung: die Schätze des Selbst (Nom.Sg.; Nom.Pl.)
Durch Dharma sind die Weisen [über das Leid] hinübergelangt; im Dharma sind die Welten gegründet; durch Dharma gehen die Götter zum Himmel, und im Dharma ist Artha verankert.
Wort für Wort
dharmeṇaivarṣayas tīrṇāḥ
durch Dharma eben sind die Seher hinübergelangt (Instr.Sg.; Nom.Pl.; Part. Pass.)
dharme lokāḥ pratiṣṭhitāḥ
im Dharma sind die Welten gegründet (Lok.Sg.; Nom.Pl.)
dharmeṇa devā divigāḥ
durch Dharma [sind] die Götter Himmelsgänger (Instr.Sg.; Nom.Pl.)
dharme cārthaḥ samāhitaḥ
und im Dharma ist Artha gesammelt/verankert (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
ṛṣayas: ‚Seher/Weise‘. tīrṇāḥ ohne Objekt; [über das Leid] ergänzt.
dharmo rājan guṇaśreṣṭho madhyamo hy artha ucyate; kāmo yavīyān iti ca pravadanti manīṣiṇaḥ; tasmād dharmapradhānena bhavitavyaṃ yatātmanā
Der Dharma, König, ist der an Eigenschaften Vorzüglichste; Artha wird der mittlere genannt; Kāma der jüngste [= geringste], sagen die Weisen. Darum soll man, mit gezügeltem Selbst, den Dharma zum Wichtigsten machen.
Wort für Wort
dharmo rājan guṇaśreṣṭhaḥ
Dharma, König, an Eigenschaften der beste (Nom.Sg.; Vok.Sg.)
madhyamo hy artha ucyate
der mittlere wird Artha genannt (Nom.Sg.; Pass. 3.Sg.)
kāmo yavīyān iti ca pravadanti manīṣiṇaḥ
und Kāma der jüngere/geringere, so sagen die Weisen (Nom.Sg.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
tasmād dharmapradhānena
darum von dem, der Dharma zum Hauptziel hat (Abl.; Instr.Sg.)
bhavitavyaṃ yatātmanā
ist zu sein, vom Selbstbeherrschten (Gerundiv; Instr.Sg.)
Als jener geendet hatte, sprach Pārtha [Arjuna], der in der Wissenschaft vom Nutzen (Arthaśāstra) Bewanderte, der die Wahrheit des Wortsinns kennt, unermüdlich ein Wort.
Wort für Wort
samāptavacane tasmin
als dessen Rede zu Ende war (Lok. abs.)
arthaśāstraviśāradaḥ
in der Arthaśāstra bewandert (Nom.Sg.)
pārtho vākyārthatattvajñaḥ
Pārtha, Kenner der Wahrheit des Wortsinns (Nom.Sg.)
jagau vākyam atandritaḥ
sprach ein Wort, unermüdlich (Perf. 3.Sg.; Nom.Sg.)
artha ity eva sarveṣāṃ karmaṇām avyatikramaḥ; na ṛte 'rthena vartete dharmakāmāv iti śrutiḥ
‚Artha‘ – [so heißt] eben das, was bei allen Handlungen unverletzt bleibt [d. h. ihr unausweichliches Ziel] [?]. Ohne Artha bestehen weder Dharma noch Kāma, so lautet die Überlieferung.
Wort für Wort
artha ity eva
„Artha“, eben so (Nom.Sg.; iti)
sarveṣāṃ karmaṇām avyatikramaḥ
der Nichtüberschritt/das Unumgängliche aller Handlungen (Gen.Pl.n.; Nom.Sg.)
na ṛte 'rthena vartete
nicht bestehen ohne Artha (Instr.Sg.; 3.Du.Med.)
dharmakāmāv iti śrutiḥ
Dharma und Kāma – so die Überlieferung (Nom.Du.; Nom.Sg.f.)
vijayī hy arthavān dharmam ārādhayitum uttamam; kāmaṃ ca carituṃ śakto duṣprāpam akṛtātmabhiḥ
Der siegreiche Wohlhabende vermag den höchsten Dharma zu erfüllen und Kāma zu pflegen – [beides] schwer erreichbar für die, die ihr Selbst nicht geschult haben.
Wort für Wort
vijayī hy arthavān
der Siegreiche, der Wohlhabende (Nom.Sg.)
dharmam ārādhayitum uttamam
den höchsten Dharma zu erfüllen (Akk.Sg.; Inf. Kaus.)
kāmaṃ ca carituṃ śakto
und Kāma zu pflegen fähig (Akk.Sg.; Inf.; Nom.Sg.)
duṣprāpam akṛtātmabhiḥ
schwer erreichbar für Ungeschulte (Nom.Sg.n.; Instr.Pl.)
Mit Flechten und Antilopenfell, gezügelt, mit Schlamm beschmiert, Herr über die Sinne, kahl, ohne Faden [?] – auch sie leben, nach Reichtum strebend, jeder für sich.
Wort für Wort
jaṭājinadharā dāntāḥ
Flechten und Fell tragend, gezügelt (Nom.Pl.)
paṅkadigdhā jitendriyāḥ
mit Schlamm beschmiert, die Sinne besiegt habend (Nom.Pl.)
muṇḍā nistantavaś cāpi
kahl, fadenlos [?], auch (Nom.Pl.)
vasanty arthārthinaḥ pṛthak
leben, nach Reichtum strebend, jeder für sich (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.; Adv.)
nistantavaḥ unsicher (‚ohne Opferschnur/Familienband‘ o. ä.).
arthārthinaḥ santi ke cid apare svargakāṅkṣiṇaḥ; kulapratyāgamāś caike svaṃ svaṃ mārgam anuṣṭhitāḥ
Manche sind nach Reichtum strebend, andere begehren den Himmel; wieder andere folgen dem, was in der Familie überliefert ist – jeder seinen eigenen Weg gehend.
Wort für Wort
arthārthinaḥ santi ke cit
manche sind nach Reichtum strebend (Nom.Pl.)
apare svargakāṅkṣiṇaḥ
andere den Himmel begehrend (Nom.Pl.)
kulapratyāgamāś caike
und die einen [folgen] der Familienüberlieferung (Nom.Pl.)
svaṃ svaṃ mārgam anuṣṭhitāḥ
je den eigenen Weg verfolgend (Akk.Sg.; Part. Pass. aktiv)
bhṛtyān bhogair dviṣo daṇḍair yo yojayati so 'rthavān; etan matimatāṃ śreṣṭha mataṃ mama yathātatham; anayos tu nibodha tvaṃ vacanaṃ vākyakaṇṭhayoḥ
Wer Diener mit Genüssen, Feinde mit Strafen versieht, der ist reich. Dies, Bester der Verständigen, ist meine Ansicht, der Wahrheit gemäß; von diesen beiden aber [Nakula und Sahadeva], die das Wort im Munde führen [?], vernimm die Rede.
Wort für Wort
bhṛtyān bhogair dviṣo daṇḍair
Diener mit Genüssen, Feinde mit Strafen (Akk.Pl.; Instr.Pl.)
yo yojayati so 'rthavān
wer versieht, der ist reich (Rel.; 3.Sg.Kaus.; Nom.Sg.)
etan matimatāṃ śreṣṭha mataṃ mama yathātatham
dies, Bester der Klugen, ist meine Meinung wahrheitsgemäß (Vok.Sg.; Nom.Sg.n.)
anayos tu nibodha tvaṃ
von diesen beiden aber vernimm du (Gen.Du.; Imp. 2.Sg.)
vacanaṃ vākyakaṇṭhayoḥ
die Rede der beiden Worte-Kehligen [?] (Akk.Sg.; Gen.Du.)
vākyakaṇṭhayoḥ unklar: wörtl. ‚zweier mit Wort-Kehle‘.
Der Artha, der mit Dharma verbunden ist, und der Dharma, der mit Artha verbunden ist – wie Honig mit Nektar vermischt –, darum gelten diese beiden hier als [erstrebenswert].
Wort für Wort
yo 'rtho dharmeṇa saṃyuktaḥ
der Artha, der mit Dharma verbunden ist (Nom.Sg.; Instr.Sg.)
dharmo yaś cārthasaṃyutaḥ
und der Dharma, der mit Artha verbunden ist (Nom.Sg.)
madhv ivāmṛtasaṃyuktam
wie Honig mit Nektar vermengt (Nom.Sg.n.)
tasmād etau matāv iha
darum sind diese beiden hier anerkannt (Nom.Du.; Part. Pass.)
anarthasya na kāmo 'sti tathārtho 'dharmiṇaḥ kutaḥ; tasmād udvijate loko dharmārthād yo bahiṣkṛtaḥ
Wer keinen Artha hat, hat kein Kāma; woher [gäbe es] Artha für den Adharma-Übenden? Darum schreckt die Welt vor dem zurück, der von Dharma und Artha ausgeschlossen ist.
Wort für Wort
anarthasya na kāmo 'sti
für den Besitzlosen gibt es kein Kāma (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
tathārtho 'dharmiṇaḥ kutaḥ
ebenso Artha für den Adharmiker, woher? (Gen.Sg.; Adv.)
tasmād udvijate lokaḥ
darum schreckt die Welt zurück (3.Sg.Präs.Med.)
dharmārthād yo bahiṣkṛtaḥ
vor dem, der von Dharma und Artha ausgeschlossen ist (Abl.; Nom.Sg.)
dharmaṃ samācaret pūrvaṃ tathārthaṃ dharmasaṃyutam; tataḥ kāmaṃ caret paścāt siddhārthasya hi tat phalam
Zuerst soll man den Dharma üben, ebenso den Artha, mit Dharma verbunden; danach dann Kāma; denn das ist die Frucht für den, der sein Ziel erreicht hat.
Wort für Wort
dharmaṃ samācaret pūrvam
Dharma soll man zuerst üben (Akk.Sg.; Opt. 3.Sg.; Adv.)
tathārthaṃ dharmasaṃyutam
ebenso Artha, mit Dharma verbunden (Akk.Sg.)
tataḥ kāmaṃ caret paścāt
danach Kāma pflegen soll man später (Opt. 3.Sg.; Adv.)
siddhārthasya hi tat phalam
denn das ist die Frucht für den, dessen Ziel erreicht ist (Gen.Sg.; Nom.Sg.n.)
„Ein Wunschloser wünscht keinen Artha, ein Wunschloser strebt nicht nach Dharma; einen Wunschlosen, der [überhaupt etwas] begehrt, gibt es nicht; darum ist Kāma vorzüglich.
Wort für Wort
nākāmaḥ kāmayaty artham
ein Wunschloser begehrt nicht Artha (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
nākāmo dharmam icchati
ein Wunschloser will nicht Dharma (Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
nākāmaḥ kāmayāno 'sti
ein Wunschloser, der begehrt, existiert nicht (Part.Präs.; 3.Sg.)
vedopavādeṣv apare yuktāḥ svādhyāyapāragāḥ; śrāddhayajñakriyāyāṃ ca tathā dānapratigrahe
Andere sind in den Vedopavādas [?] beschäftigt, im Vedastudium bis zum Ende gelangt; ebenso im Śrāddha- und Opferritus sowie im Geben und Annehmen von Gaben.
Wort für Wort
vedopavādeṣu apare yuktāḥ
in den Vedopavādas [?] andere beschäftigt (Lok.Pl.; Nom.Pl.; Part.Pass.)
svādhyāyapāragāḥ
im Vedastudium zum Ende gelangt (Nom.Pl.)
śrāddhayajñakriyāyāṃ ca
und im Śrāddha- und Opferritus (Lok.Sg.)
tathā dānapratigrahe
ebenso im Geben und Annehmen (Lok.Sg.)
„vedopavāda“ mehrdeutig (etwa Veda-Nebenlehren / Erörterungen des Veda); Bedeutung unsicher.
Kaufleute, Bauern, Hirten, Handwerker und Künstler ebenso, und die, die Götterwerk verrichten [Priester], sind bei [ihren] Verrichtungen vom Verlangen angetrieben.
Wort für Wort
vaṇijaḥ karṣakāḥ gopāḥ
Kaufleute, Bauern, Hirten (Nom.Pl.)
kāravaḥ śilpinaḥ tathā
Handwerker, Künstler ebenso (Nom.Pl.)
daivakarmakṛtaḥ ca eva
und auch die Götterwerk Verrichtenden (Nom.Pl.)
yuktāḥ kāmena karmasu
angetrieben vom Verlangen bei den Verrichtungen (Part.Pass.; Instr.Sg.; Lok.Pl.)
Es gibt kein Wesen, gab keines und wird keines sein, das höher wäre als das, dessen Wesen das Verlangen ist. Dies ist das Wesentliche, Großkönig; Dharma und Artha sind darin gegründet.
Wort für Wort
na asti na āsīt na abhaviṣyat
es gibt nicht, es gab nicht, es wird nicht sein (3.Sg.Präs.; Impf.; Kond./Fut.)
bhūtaṃ kāmātmakāt param
ein Wesen höher als das, dessen Wesen Verlangen ist (Nom.Sg.n.; Abl.Sg.; Nom.)
etat sāram mahārāja
dies ist das Wesentliche, Großkönig (Nom.Sg.n.; Vok.Sg.)
dharmārthau atra saṃśritau
Dharma und Artha sind darin gegründet (Nom.Du.; Part.Pass.Du.)
Wie die Butter aus der Sauermilch, so [ist] das Verlangen [das Beste] aus Artha und Dharma; besser als der Ölkuchen ist das Öl, besser als die Buttermilch-Mischung das Ghee.
Wort für Wort
navanītaṃ yathā dadhnaḥ
wie die Butter aus der Sauermilch (Nom.Sg.; Abl.Sg.)
tathā kāmaḥ arthadharmataḥ
so das Verlangen aus Artha und Dharma (Nom.Sg.; Abl.-Suffix)
śreyaḥ tailaṃ ca piṇyākāt
besser das Öl als der Ölkuchen (Nom.Sg.n. Kompar.; Abl.Sg.)
ghṛtaṃ śreyaḥ udaśvitaḥ
das Ghee besser als die Buttermilch-Mischung (Nom.Sg.; Abl.Sg.)
Besser als das Holz sind Blüte und Frucht; das Verlangen ist das Höhere gegenüber Dharma und Artha. Wie der Honigsaft aus der Blüte, so entsteht aus dem Verlangen das Glück.
Wort für Wort
śreyaḥ puṣpaphalaṃ kāṣṭhāt
besser Blüte und Frucht als Holz (Nom.Sg.n.; Abl.Sg.)
kāmaḥ dharmārthayoḥ varaḥ
das Verlangen ist das Bessere gegenüber Dharma und Artha (Nom.Sg.; Gen.Du.)
puṣpataḥ madhu iva rasaḥ
wie der Honigsaft aus der Blüte (Abl.-Suffix; Nom.Sg.)
kāmāt saṃjāyate sukham
aus dem Verlangen entsteht Glück (Abl.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
Das Verlangen ist der Ursprung von Dharma und Artha, und das Verlangen ist deren Wesen. Nicht ohne Verlangen [gewinnen] Brāhmaṇas gute Speise [und] Güter [?]; nicht ohne Verlangen geben sie den Brāhmaṇas; nicht ohne Verlangen gibt es das vielfältige Treiben der Welt; darum wurde das Verlangen als Erstes vor der Dreiheit [Dharma, Artha, Kāma] gesehen.
Wort für Wort
kāmaḥ dharmārthayoḥ yoniḥ
das Verlangen ist Ursprung von Dharma und Artha (Nom.Sg.; Gen.Du.; Nom.Sg.)
kāmaḥ ca atha tadātmakaḥ
und das Verlangen ist dann deren Wesen (Nom.Sg.)
na akāmataḥ brāhmaṇāḥ svannam arthān
nicht ohne Verlangen Brāhmaṇas gute Speise, Güter [?] (Adv.; Nom.Pl.; Akk.)
na akāmataḥ dadati brāhmaṇebhyaḥ
nicht ohne Verlangen geben sie den Brāhmaṇas (3.Pl.Präs.; Dat.Pl.)
na akāmataḥ vividhā lokaceṣṭā
nicht ohne Verlangen das vielfältige Treiben der Welt (Nom.Sg.f.)
tasmāt kāmaḥ prāk trivargasya dṛṣṭaḥ
darum wurde das Verlangen zuerst vor der Dreiheit gesehen (Nom.Sg.; Gen.Sg.; Part.Pass.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; „brāhmaṇāḥ svannam arthān“ verderbt oder elliptisch, Verb fehlt, „[gewinnen]“ ergänzt.
Mit Frauen, die schön gekleidet, geschmückt, von Rausch strotzend und liebreich redend sind, vergnüge dich nach Lust, wenn du dich ihnen nahst; denn das Verlangen, König, fällt ungestüm über [uns] her.
Wort für Wort
sucāruveṣābhiḥ alaṃkṛtābhiḥ
mit schön Gekleideten, Geschmückten (Instr.Pl.f.)
madotkaṭābhiḥ priyavādinībhiḥ
von Rausch strotzenden, liebreich Redenden (Instr.Pl.f.)
ramasva yoṣābhiḥ upetya kāmam
vergnüge dich mit Frauen, dich nahend, nach Lust (Imp.Med.; Instr.Pl.; Abs.; Adv.)
kāmaḥ hi rājan tarasā abhipātī
denn das Verlangen, König, stürzt ungestüm herbei (Nom.Sg.; Vok.Sg.; Instr./Adv.; Nom.Sg.)
Dies ist meine Einsicht, während ich in der Versammlung stehe: Kein [weiteres] Grübeln soll dir sein, Sohn des Dharma. Nachdem [die Guten] zusammengekommen sind, möge das Wort von höchster Menschenfreundlichkeit [?], von den Guten zusammengefügt, ohne wertlosen Kern [d. h. gehaltvoll], sein.
Wort für Wort
buddhiḥ mama eṣā
dies ist meine Einsicht (Nom.Sg.f.; Gen.Sg.)
pariṣat sthitasya
der ich in der Versammlung stehe (Lok.Sg.; Part.Pass.Gen.Sg.)
mā bhūt vicāraḥ tava dharmaputra
kein Grübeln soll dir sein, Sohn des Dharma (Aor.-Inj.; Nom.Sg.; Gen.; Vok.)
syāt saṃhitaṃ sadbhiḥ aphalgusāram
es möge sein, von den Guten zusammengefügt, ohne wertlosen Kern (Pot.; Part.Pass.; Instr.Pl.; Nom.Sg.n.)
sametya vākyaṃ param ānṛśaṃsyam
nach dem Zusammenkommen das Wort von höchster Menschenfreundlichkeit [?] (Abs.; Nom.Sg.n.)
Zweite Hälfte syntaktisch locker; Konstruktion von „sametya“ und „ānṛśaṃsyam“ unsicher.
Der Weise, der Freund, mit Sandelholz-Kern gesalbt, mit bunten Girlanden und Schmuck versehen – nachdem er so [seine] Rede knapp und ausführlich gesprochen hatte, hörte der jüngere Bhīma auf.
Wort für Wort
prājñaḥ suhṛt
der Weise, der Freund (Nom.Sg.)
candanasāraliptaḥ
mit Sandelholz-Kern gesalbt (Nom.Sg.)
vicitramālyābharaṇaiḥ upetaḥ
mit bunten Girlanden und Schmuck versehen (Instr.Pl.; Part.Pass.)
tataḥ vacaḥ saṃgrahavigraheṇa proktvā
dann die Rede knapp und ausführlich gesprochen habend (Akk.Sg.; Instr.Sg.; Abs.)
yavīyān virarāma bhīmaḥ
der Jüngere hörte auf, Bhīma (Nom.Sg.; 3.Sg.Perf.)
Dann, nach einem Augenblick, sprach der Dharmakönig, nachdem er ihre Worte recht bedacht hatte, mit wahrhaftiger Rede lächelnd, der Vielgelehrte, der Beste unter den Dharmaträgern.
Wort für Wort
tataḥ muhūrtāt atha dharmarājaḥ
dann nach einem Augenblick der Dharmakönig (Abl.Sg.; Nom.Sg.)
vākyāni teṣām anucintya samyak
ihre Worte recht bedacht habend (Akk.Pl.; Gen.Pl.; Abs.; Adv.)
uvāca vācā avitathaṃ smayan
sprach mit wahrer Rede, lächelnd (3.Sg.Perf.; Instr.Sg.; Adv.; Part.Präs.)
bahuśrutaḥ dharmabhṛtāṃ variṣṭhaḥ
der Vielgelehrte, der Beste der Dharmaträger (Nom.Sg.; Gen.Pl.)
niḥsaṃśayaṃ niścitadharmaśāstrāḥ; sarve bhavanto viditapramāṇāḥ; vijñātukāmasya mameha vākyam; uktaṃ yad vai naiṣṭhikaṃ tac chrutaṃ me; iha tv avaśyaṃ gadato mamāpi; vākyaṃ nibodhadhvam ananyabhāvāḥ
Zweifellos seid ihr alle im Dharmaśāstra Gefestigte und kennt die Maßstäbe. Was ihr mir, der ich wissen wollte, hier als Endgültiges (naiṣṭhika) gesagt habt, das habe ich gehört. Doch nun hört auch auf mein Wort, das ich hier unbedingt spreche, mit ungeteiltem Sinn.
Wort für Wort
niḥsaṃśayaṃ niścitadharmaśāstrāḥ
zweifellos im Dharmaśāstra Gefestigte (Adv.; Nom.Pl.)
sarve bhavantaḥ viditapramāṇāḥ
ihr alle, Kenner der Maßstäbe (Nom.Pl.)
vijñātukāmasya mama iha vākyam uktam
das mir, dem Wissbegierigen, hier gesprochene Wort (Gen.Sg.; Part.Pass.)
yat vai naiṣṭhikam tat śrutaṃ me
was das Endgültige ist, das ist von mir gehört (Nom.Sg.n.; Part.Pass.; Instr.)
iha tu avaśyaṃ gadataḥ mama api
hier aber unbedingt sprechend, auch von mir (Part.Präs.Gen.Sg.)
vākyaṃ nibodhadhvam ananyabhāvāḥ
das Wort vernehmt mit ungeteiltem Sinn (Imp.2.Pl.Med.; Nom.Pl.)
yo vai na pāpe nirato na puṇye; nārthe na dharme manujo na kāme; vimuktadoṣaḥ samaloṣṭakāñcanaḥ; sa mucyate duḥkhasukhārthasiddheḥ
Wer weder an Sünde noch an Verdienst hängt, weder an Artha noch an Dharma noch an Kāma, der Mensch, frei von Fehlern, Erdklumpen und Gold gleich achtend – der wird erlöst vom Erlangen von Leid, Glück und Gütern.
Wort für Wort
yaḥ vai na pāpe nirataḥ na puṇye
wer nicht an Sünde hängt, nicht an Verdienst (Lok.Sg.; Part.Pass.)
na arthe na dharme manujaḥ na kāme
nicht an Artha, nicht an Dharma, der Mensch, nicht an Kāma (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
vimuktadoṣaḥ
frei von Fehlern (Nom.Sg.)
samaloṣṭakāñcanaḥ
Erdklumpen und Gold gleich achtend (Nom.Sg.)
saḥ mucyate duḥkhasukhārthasiddheḥ
der wird erlöst vom Erlangen von Leid, Glück und Gütern (3.Sg.Pass.; Abl.Sg.)
bhūtāni jātīmaraṇānvitāni; jarāvikāraiś ca samanvitāni; bhūyaś ca tais taiḥ pratibodhitāni; mokṣaṃ praśaṃsanti na taṃ ca vidmaḥ
Die Wesen sind mit Geburt und Tod behaftet, mit Alter und Gebrechen behaftet; und wieder und wieder von diesen und jenen [Lehrern] unterwiesen, preisen sie die Erlösung, doch kennen wir jenen [Zustand] nicht.
Wort für Wort
bhūtāni jātīmaraṇānvitāni
die Wesen, mit Geburt und Tod behaftet (Nom.Pl.n.)
jarāvikāraiḥ ca samanvitāni
und mit Alter und Gebrechen behaftet (Instr.Pl.; Part.Pass.)
bhūyaḥ ca taiḥ taiḥ pratibodhitāni
und wieder von diesen und jenen unterwiesen (Instr.Pl.; Part.Pass.Kaus.)
mokṣaṃ praśaṃsanti
sie preisen die Erlösung (Akk.Sg.; 3.Pl.Präs.)
na tam ca vidmaḥ
und jenen kennen wir nicht (Akk.Sg.; 1.Pl.Perf.-Präs.)
„tais taiḥ“ als Lehrer/Lehren gedeutet; Bezug unsicher.
snehe nabaddhasya na santi tānīty; evaṃ svayaṃbhūr bhagavān uvāca; budhāś ca nirvāṇaparā vadanti; tasmān na kuryāt priyam apriyaṃ ca
„Bei dem, der nicht an Zuneigung gebunden ist, gibt es diese [Übel] nicht“ – so sprach der selbstentstandene Erhabene; und die Weisen, dem Nirvāṇa zugewandt, sagen [dasselbe]. Darum soll man weder Liebes noch Unliebes tun.
Wort für Wort
snehe na baddhasya na santi tāni
bei dem nicht an Zuneigung Gebundenen gibt es sie nicht (Lok.Sg.; Part.Pass.Gen.Sg.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.n.)
iti evaṃ svayaṃbhūḥ bhagavān uvāca
so sprach der selbstentstandene Erhabene (Nom.Sg.; 3.Sg.Perf.)
budhāḥ ca nirvāṇaparāḥ vadanti
und die Weisen, dem Nirvāṇa zugewandt, sagen (Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
tasmāt na kuryāt priyam apriyaṃ ca
darum soll man nicht tun Liebes und Unliebes (Pot.; Akk.Sg.n.)
etat pradhānaṃ na tu kāmakāro; yathā niyukto 'smi tathā carāmi; bhūtāni sarvāṇi vidhir niyuṅkte; vidhir balīyān iti vitta sarve
Dies ist das Ausschlaggebende, nicht Eigenwille: Wie ich [dazu] eingesetzt bin, so wandle ich. Alle Wesen setzt das Schicksal an; das Schicksal ist stärker – dies wisst ihr alle.
Wort für Wort
etat pradhānaṃ na tu kāmakāraḥ
dies ist das Ausschlaggebende, nicht Eigenwille (Nom.Sg.n.; Nom.Sg.)
yathā niyuktaḥ asmi tathā carāmi
wie ich eingesetzt bin, so wandle ich (Part.Pass.; 1.Sg.Präs.; 1.Sg.Präs.)
bhūtāni sarvāṇi vidhiḥ niyuṅkte
alle Wesen setzt das Schicksal an (Akk.Pl.; Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
vidhiḥ balīyān iti vitta sarve
das Schicksal ist stärker, so wisst alle (Nom.Sg.Kompar.; Imp.2.Pl.; Nom.Pl.)
na karmaṇāpnoty anavāpyam arthaṃ; yad bhāvi sarvaṃ bhavatīti vitta; trivargahīno 'pi hi vindate 'rthaṃ; tasmād idaṃ lokahitāya guhyam
Nicht durch Tat erlangt man ein unerlangbares Gut; was sein soll, das wird alles – dies wisst. Auch wer der Dreiheit entbehrt, findet Gut; darum ist dies zum Wohl der Welt ein Geheimnis.
Wort für Wort
na karmaṇā āpnoti anavāpyam artham
nicht durch Tat erlangt man ein unerlangbares Gut (Instr.Sg.; 3.Sg.Präs.; Akk.Sg.)
yat bhāvi sarvaṃ bhavati iti vitta
was sein soll, alles wird – so wisst (Nom.Sg.n.; 3.Sg.Präs.; Imp.)
trivargahīnaḥ api hi vindate artham
auch der der Dreiheit Entbehrende findet Gut (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.; Akk.)
tasmāt idaṃ lokahitāya guhyam
darum ist dies zum Wohl der Welt ein Geheimnis (Abl.; Dat.Sg.; Nom.Sg.n.)
tatas tad agryaṃ vacanaṃ manonugaṃ; samastam ājñāya tato 'tihetumat; tadā praṇeduś ca jaharṣire ca te; kurupravīrāya ca cakrur añjalīn
Darauf, nachdem sie jenes vorzügliche, dem Sinn folgende, überaus begründete Wort ganz erfasst hatten, ließen sie Rufe erschallen und freuten sich und erwiesen dem Kuru-Recken die Ehrfurchtsgeste.
Wort für Wort
tataḥ tat agryaṃ vacanaṃ manonugam
darauf jenes vorzügliche, dem Sinn folgende Wort (Akk.Sg.n.)
samastam ājñāya tataḥ atihetumat
ganz erfasst habend, überaus begründet (Adv.; Abs.; Akk.Sg.n.)
tadā praṇeduḥ ca jaharṣire ca te
da ließen sie Rufe erschallen und freuten sich (3.Pl.Perf.; 3.Pl.Perf.Med.)
kurupravīrāya ca cakruḥ añjalīn
und machten dem Kuru-Recken Añjalis (Dat.Sg.; 3.Pl.Perf.; Akk.Pl.)
sucāruvarṇākṣaraśabdabhūṣitāṃ; manonugāṃ nirdhutavākyakaṇṭakām; niśamya tāṃ pārthiva pārthabhāṣitāṃ; giraṃ narendrāḥ praśaśaṃsur eva te
Als sie, Fürst, dieses Wort des Pārtha gehört hatten, mit schönen Lauten, Silben und Worten geschmückt, dem Sinn folgend, von Wortdornen befreit, priesen es die Herrscher.
Wort für Wort
sucāruvarṇākṣaraśabdabhūṣitām
mit schönen Lauten, Silben und Worten geschmückt (Akk.Sg.f.)
manonugāṃ nirdhutavākyakaṇṭakām
dem Sinn folgend, von Wortdornen befreit (Akk.Sg.f.)
niśamya tāṃ pārthiva pārthabhāṣitām
dies gehört habend, Fürst, vom Pārtha Gesprochene (Abs.; Vok.Sg.; Akk.Sg.f.)
giraṃ narendrāḥ praśaśaṃsuḥ eva te
die Rede, die Männerfürsten, priesen sie (Akk.Sg.; Nom.Pl.; 3.Pl.Perf.)