Kapitel 150: śalmalināradasaṃvādaḥ
Nārada tadelt den prahlerischen Śalmali-Baum, der die Macht des Windes leugnet
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Umgang mit einem starken, zürnenden Feind erzählt Bhīṣma die Geschichte vom Streit zwischen Nārada und dem Śalmali-Baum am Himavat. Das Kapitel beginnt mit der Frage (Zusatzzeilen) und endet mit Nāradas Ankündigung, zum Wind zu gehen.
Yudhiṣṭhira sprach: Wie soll sich, o Großvater, ein Mensch verhalten, gestützt auf die eigene Kraft, gegenüber einem starken Feind, der stets nahe ist, der durch Wohltat und Schaden [ihm] gewachsen und zum Handeln entschlossen ist, [und] den er – schwach, geringen Vermögens, leicht [zu nehmen] – aus Verblendung mit bloßem Prahlen und mit unpassenden Worten angegriffen hat, wenn jener höchst erzürnt kommt mit dem Wunsch, ihn auszureißen [zu vernichten]?
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
balinaḥ pratyamitrasya nityam āsannavartinaḥ
des starken Gegenfeindes, der stets in der Nähe weilt (Gen.Sg.)
upakārāpakārābhyāṃ samarthasyodyatasya ca
der durch Wohltat und Schaden fähig und zum Handeln bereit ist (Instr.Du./Gen.Sg.)
mohād vikatthanāmātrair
aus Verblendung, durch bloße Prahlereien (Abl./Instr.Pl.)
asāro 'lpabalo laghuḥ
kraftlos, von geringer Stärke, leicht (Nom.Sg.)
vāgbhir apratirūpābhir abhidruhya pitāmaha
mit unpassenden Worten angegriffen habend, o Großvater (Instr.Pl./Ger./Vok.)
ātmano balam āsthāya kathaṃ varteta mānavaḥ
gestützt auf die eigene Kraft, wie soll sich der Mensch verhalten (Ger./Opt. 3.Sg.)
āgacchato 'tikruddhasya tasyoddharaṇakāmyayā
wenn er, höchst zornig, kommt, aus Verlangen ihn auszureißen (Gen.abs./Instr.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Der Satz ist syntaktisch dicht; die Zuordnung von asāro 'lpabalo laghuḥ zum Fragenden (mānavaḥ) und von abhidruhya zu ihm ist eine Deutung [?]. Zusatzpassage (nicht in allen Handschriften).
Nachdem er den Himavat erreicht hatte, gab es dort einen großen Baum, einen Herrn des Waldes, durch eine Fülle von Jahren herangewachsen, mit Ästen, Stamm und Laub.
Wort für Wort
himavantaṃ samāsādya
den Himavat erreicht habend (Akk.Sg./Ger.)
mahān āsīd vanaspatiḥ
es war ein großer Baum (Nom.Sg./Imperf. 3.Sg.)
varṣapūgābhisaṃvṛddhaḥ
durch eine Menge von Jahren herangewachsen (Nom.Sg.)
[Tiergattungen?], die voll sind von Scharen von Ebern, Wild, Tigern und Vögeln,
Wort für Wort
yā
welche (Nom.Pl.Fem. [?])
varāhamṛgaśārdūlapatatrigaṇasaṃkulāḥ
voll von Scharen von Ebern, Wild, Tigern und Vögeln (Nom.Pl.Fem.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile, Bezug von yā und Form (yā statt yāḥ) unsicher [?].
śalmalir uvāca; na me vāyuḥ sakhā brahman na bandhur na ca me suhṛt; parameṣṭhī tathā naiva yena rakṣati mānilaḥ
Śalmali sprach: „Nicht ist der Wind mein Freund, Brahmane, nicht Verwandter, auch nicht mein Wohlgesinnter; auch nicht der Parameṣṭhin [Brahmā], dass der Wind mich [deshalb] schützen müsste.“
Wort für Wort
śalmalir uvāca
Śalmali sprach (Perf. 3.Sg.)
na me vāyuḥ sakhā brahman
nicht ist mir der Wind Freund, o Brahmane (Nom./Vok.)
na bandhur na ca me suhṛt
nicht Verwandter, nicht mein Freund (Nom.Sg.)
parameṣṭhī tathā naiva
der Parameṣṭhin auch ganz nicht (Nom.Sg.)
yena rakṣati mānilaḥ
weswegen mich der Wind schützt (Instr./3.Sg.Präs./Akk.)
mama tejobalaṃ vāyor bhīmam api hi nārada; kalām aṣṭādaśīṃ prāṇair na me prāpnoti mārutaḥ
„Meine Glut und Kraft ist furchtbar, selbst gegenüber dem Wind, Nārada; nicht einmal den achtzehnten Teil [von mir] erreicht der Wind mit seinen Kräften.“
Wort für Wort
mama tejobalaṃ
meine Glut und Kraft (Gen./Nom.Sg.)
vāyor bhīmam api hi nārada
gegenüber dem Wind furchtbar, o Nārada (Gen./Nom.n./Vok.)
kalām aṣṭādaśīṃ
den achtzehnten Teil (Akk.Sg.)
prāṇair na me prāpnoti mārutaḥ
mit [Lebens]kräften erreicht mich der Wind nicht (Instr.Pl./3.Sg.Präs.)
Konstruktion (vāyor bhīmam) und prāṇair unsicher [?].
sa mayā bahuśo bhagnaḥ prabhañjan vai prabhañjanaḥ; tasmān na bibhye devarṣe kruddhād api samīraṇāt
„Er, der ‚Zerbrecher‘ [Prabhañjana], wurde von mir viele Male selbst zerbrochen, als er brach; deshalb fürchte ich mich nicht, Götterweiser, selbst vor dem zornigen Wind.“
Wort für Wort
sa mayā bahuśo bhagnaḥ
er wurde von mir oftmals zerbrochen (Instr./Adv./Part.)
prabhañjan vai prabhañjanaḥ
der Zerbrechende, der ‚Zerbrecher‘ (Part./Nom.Sg.)
tasmān na bibhye devarṣe
darum fürchte ich nicht, o Götterseher (1.Sg.Perf./Vok.)
kruddhād api samīraṇāt
selbst vor dem zornigen Wind (Abl.Sg.)
Wortspiel mit prabhañjana („Zerbrecher“, Name des Windes).
„Dieser setzt die Lebewesen recht in Bewegung, wenn er recht gelenkt ist; ist er nicht recht gelenkt, so regt er sich wieder verändert [verstört] unter den Menschen.“
Wort für Wort
eṣa ceṣṭayate samyak
dieser bewegt recht (3.Sg.Kaus.)
prāṇinaḥ samyag āyataḥ
die Lebewesen, wenn recht gelenkt (Akk.Pl./Part.Nom.)
asamyag āyato bhūyaś
wenn nicht recht gelenkt, wiederum (Part./Adv.)
ceṣṭate vikṛto nṛṣu
regt er sich verändert unter Menschen (3.Sg.Med./Part./Lok.Pl.)
āyata und vikṛta hier als „gelenkt/geregelt“ bzw. „verändert/verstört“ gedeutet [?].
sa tvam evaṃvidhaṃ vāyuṃ sarvasattvabhṛtāṃ varam; na pūjayasi pūjyaṃ taṃ kim anyad buddhilāghavāt
„Du aber, warum ehrst du solch einen Wind, den Besten unter allen Wesenträgern, den Verehrungswürdigen, nicht – was sonst [als] aus Leichtfertigkeit des Verstandes?“
Wort für Wort
sa tvam evaṃvidhaṃ vāyuṃ
du, einen solchen Wind (Nom./Akk.Sg.)
sarvasattvabhṛtāṃ varam
den Besten aller Wesenträger (Gen.Pl./Akk.Sg.)
na pūjayasi pūjyaṃ taṃ
nicht ehrst du ihn, den Verehrungswürdigen (2.Sg.Präs./Akk.)
kim anyad buddhilāghavāt
was sonst als aus Leichtfertigkeit des Verstandes (Abl.Sg.)
taiś cāpi naivaṃ durbuddhe kṣipto vāyuḥ kṛtātmabhiḥ; te hi jānanti vāyoś ca balam ātmana eva ca
„wurde auch von diesen selbstbeherrschten [Bäumen], Schlechtverständiger, der Wind nicht so geschmäht; denn sie kennen die Kraft des Windes und ihre eigene.“
Wort für Wort
taiś cāpi naivaṃ durbuddhe
und auch von diesen nicht so, Schlechtverständiger (Instr.Pl./Vok.)
kṣipto vāyuḥ kṛtātmabhiḥ
der Wind geschmäht von den Selbstbeherrschten (Part./Nom./Instr.Pl.)