Kapitel 154: damapraśaṃsā
Lob der Selbstbeherrschung als Wurzel des Dharma und Weg zum Heil
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem höchsten Heil eines nach Dharma strebenden Brāhmaṇa antwortet Bhīṣma mit einem Lob der Selbstbeherrschung (dama), ihrer Kennzeichen und ihrer Früchte bis hin zu Erlösung und Brahman-Ort; am Ende fragt Yudhiṣṭhira weiter nach der Askese.
Yudhiṣṭhira sprach: Großvater, für einen Brāhmaṇa, der sich um das Selbststudium bemüht und nach dem Dharma strebt – was gilt hier, o Dharma-Seele, als das Heilsamste?
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
svādhyāya-kṛta-yatnasya brāhmaṇasya
dessen, der Mühe auf das Selbststudium verwendet hat, für den Brāhmaṇa (Gen./Dat. Sg.)
pitāmaha
Großvater (Vok.)
dharma-kāmasya dharmātman
der nach Dharma verlangt; o Dharma-Seele (Gen. Sg./Vok.)
kiṃ nu śreya ihocyate
was denn wird hier als das Bessere/Heilsame bezeichnet (Nom. n., 3.Sg.Pass.)
Bhīṣma sprach: Wohlan, ich will dir sagen, wodurch du das Heil erlangen wirst; wie einer, der Unsterblichkeitstrank getrunken hat, wirst du, der Weise, an Wissen gesättigt sein.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
hanta te kathayiṣyāmi
wohlan, ich werde dir sagen (Part., 1.Sg.Fut.)
yena śreyaḥ prapatsyase
wodurch du das Heil erlangen wirst (Instr., 2.Sg.Fut. Med.)
pītvāmṛtam iva prājñaḥ
wie nach dem Trinken von Unsterblichkeitstrank, der Kluge (Abs./Nom.)
jñāna-tṛpto bhaviṣyasi
an Wissen gesättigt wirst du sein (Nom., 2.Sg.Fut.)
dharmasya vidhayo naike te te proktā maharṣibhiḥ; svaṃ svaṃ vijñānam āśritya damas teṣāṃ parāyaṇam
Der Vorschriften des Dharma gibt es viele; diese und jene sind von den großen Sehern verkündet worden, jeweils gestützt auf die eigene Erkenntnis. Selbstbeherrschung ist ihr letztes Ziel.
Wort für Wort
dharmasya vidhayo naike
die Vorschriften des Dharma sind nicht eine [= viele] (Nom. Pl.)
te te proktā maharṣibhiḥ
diese und jene sind von den großen Sehern verkündet (Part. Pass., Instr. Pl.)
svaṃ svaṃ vijñānam āśritya
jeweils die eigene Erkenntnis zugrunde legend (Abs.)
damas teṣāṃ parāyaṇam
Selbstbeherrschung ist ihr letztes Ziel/Zuflucht (Nom. Sg., Gen. Pl.)
Selbstbeherrschung nennen die Alten, die das Wesentliche Schauenden, das höchste Heil; besonders für den Brāhmaṇa ist Selbstbeherrschung das ewige Dharma.
Wort für Wort
damaṃ niḥśreyasaṃ prāhuḥ
Selbstbeherrschung nennen sie das höchste Heil (Akk., 3.Pl.Perf.)
vṛddhā niścaya-darśinaḥ
die Alten, die Gewissheit Schauenden (Nom. Pl.)
brāhmaṇasya viśeṣeṇa
für den Brāhmaṇa besonders (Gen./Instr. adv.)
damo dharmaḥ sanātanaḥ
Selbstbeherrschung ist das ewige Dharma (Nom. Sg.)
Selbstbeherrschung mehrt die Glanzkraft, und Selbstbeherrschung ist das höchste Reinigende; wer, von Sünde frei, mit Glanzkraft verbunden ist, erlangt Großes.
Wort für Wort
damas tejo vardhayati
Selbstbeherrschung mehrt die Glanzkraft (Akk., 3.Sg.Kaus.)
pavitraṃ ca damaḥ param
und Selbstbeherrschung ist das höchste Reinigungsmittel (Nom.)
vipāpmā tejasā yuktaḥ
sündenfrei, mit Glanz verbunden (Nom., Instr.)
puruṣo vindate mahat
der Mensch erlangt Großes (Nom., 3.Sg.Präs., Akk. n.)
Ein dem Selbstbeherrschen gleiches Dharma haben wir in den Welten nicht gehört; denn Selbstbeherrschung wird in der Welt von allen Pflichtgetreuen als höchstes gepriesen.
Wort für Wort
damena sadṛśaṃ dharmaṃ
ein Dharma, gleich der Selbstbeherrschung (Instr., Akk.)
nānyaṃ lokeṣu śuśruma
kein anderes haben wir in den Welten gehört (Akk., 1.Pl.Perf.)
damo hi paramo loke
denn Selbstbeherrschung ist in der Welt das Höchste (Nom.)
praśastaḥ sarva-dharmiṇām
gepriesen unter allen, die dem Dharma folgen (Part., Gen. Pl.)
In den vier Lebensstufen nennt man Selbstbeherrschung das höchste Gelübde. Ich will ihre Kennzeichen nennen, deren Gesamtheit die Selbstbeherrschung ist.
Wort für Wort
āśrameṣu caturṣv āhuḥ
in den vier Lebensstufen sagt man (Lok. Pl., 3.Pl.Perf.)
damam evottamaṃ vratam
Selbstbeherrschung [sei] das höchste Gelübde (Akk. Sg.)
tasya liṅgāni vakṣyāmi
ihre Kennzeichen will ich nennen (Akk. Pl., 1.Sg.Fut.)
yeṣāṃ samudayo damaḥ
deren Gesamtheit die Selbstbeherrschung ist (Gen. Pl., Nom.)
Nicht-Kleinlichkeit, Nicht-Aufbrausen, Zufriedenheit, freundliche Rede, Nicht-Begehrlichkeit und Nicht-Missgunst: deren Gesamtheit ist Selbstbeherrschung.
Wort für Wort
akārpaṇyam asaṃrambhaḥ
Nicht-Armseligkeit, Nicht-Heftigkeit (Nom.)
saṃtoṣaḥ priya-vāditā
Zufriedenheit, Freundlichkeit im Reden (Nom.)
avivitsānasūyā cāpi
Nicht-Habenwollen und Nicht-Neid (Nom.)
eṣāṃ samudayo damaḥ
deren Gesamtheit ist die Selbstbeherrschung (Gen. Pl., Nom.)
avivitsā: ‚Nicht-Streben nach Besitz/Erwerb‘ o. ä.; Deutung leicht unsicher.
gurupūjā ca kauravya dayā bhūteṣv apaiśunam; janavādo 'mṛṣāvādaḥ stutinindāvivarjanam
Verehrung der Lehrer, Kauravya, Mitgefühl mit den Wesen, Nicht-Verleumdung, Nicht-Beachten des Geredes der Leute, Nicht-Lügen, Vermeiden von Lob und Tadel
Wort für Wort
guru-pūjā ca kauravya
und Verehrung der Lehrer, o Kauravya (Nom., Vok.)
dayā bhūteṣv apaiśunam
Mitgefühl mit den Wesen, Nicht-Verleumdung (Nom., Lok. Pl.)
jana-vādo 'mṛṣā-vādaḥ
[Vermeiden von] Leutegerede, Nicht-Lüge (Nom.)
stuti-nindā-vivarjanam
Meiden von Lob und Tadel (Nom.)
janavādaḥ ist hier vermutlich ‚Gerede der Leute‘ (dessen Meiden); Text knapp, Konstruktion elliptisch.
ahaṃ tvayi mama tvaṃ ca mayi te teṣu cāpy aham; pūrvasaṃbandhisaṃyogān naitad dānto niṣevate
„Ich bin in dir, mein bist du, und du in mir, und ich in jenen“ – aus früheren Bindungen und Verbindungen [ergibt sich] solches; dem geht der Beherrschte nicht nach.
Wort für Wort
ahaṃ tvayi mama tvaṃ ca
ich in dir, mein [bist] du (Lok./Gen.)
mayi te teṣu cāpy aham
in mir sie [= deine], und ich in ihnen (Lok.)
pūrva-saṃbandhi-saṃyogāt
aus früherer Verbindung und Verknüpfung (Abl. Sg.)
naitad dānto niṣevate
dies pflegt der Beherrschte nicht (3.Sg.Präs. Med.)
Elliptischer Vers; ‚ahaṃ tvayi, mama tvam…‘ als Zitat des Zugehörigkeitsdenkens gedeutet [?].
Von gutem Wandel, charaktervoll, klaren Geistes, ein Kenner des Selbst, ein Weiser: Er erlangt hier in der Welt Ansehen und gelangt zu gutem Weg [nach dem Tod].
Wer ausgezogen ist, in den Wald gegangen, mit Erkenntnis verbunden, die Sinne besiegt, auf die [rechte] Zeit wartend, so wandernd, wird tauglich zum Brahman-Werden.
Wort für Wort
niṣkramya vanam āsthāya
ausgezogen, den Wald bezogen habend (Abs.)
jñāna-yukto jita-indriyaḥ
mit Erkenntnis verbunden, sinnenbesiegt (Nom.)
kālākāṅkṣī caran evam
auf die Zeit wartend, so wandernd (Nom., Part.)
brahma-bhūyāya kalpate
wird geeignet zum Brahman-Sein (Dat., 3.Sg.Präs. Med.)
und in den Begierden nicht [mehr] zurückkehrend, klaren Geistes, Selbstkenner, rein, gelangt er, nachdem er hier in der Welt Ehre erlangt hat, in den Himmel.
Wort für Wort
kāmeṣu cāpy anāvṛttaḥ
und in den Begierden nicht [mehr] umkehrend (Lok. Pl., Part.)
Für den, der im Wissen sein Lustwäldchen hat, den Erwachten, der keinem Wesen feind ist, gibt es hier keine Furcht vor Wiederkehr; woher [dann] im Jenseits Furcht?
Wort für Wort
jñāna-ārāmasya buddhasya
für den, dessen Lustgarten das Wissen ist, den Erwachten (Gen.)
sarva-bhūta-avirodhinaḥ
der keinem Wesen widerstreitet (Gen.)
nāvṛtti-bhayam astīha
Furcht vor Wiederkehr gibt es hier nicht (Nom., 3.Sg.Präs.)
para-loke bhayaṃ kutaḥ
in der jenseitigen Welt, woher Furcht (Lok., Nom.)
eka eva dame doṣo dvitīyo nopapadyate; yad enaṃ kṣamayā yuktam aśaktaṃ manyate janaḥ
Nur ein einziger Fehler liegt in der Selbstbeherrschung; ein zweiter findet sich nicht: dass die Leute den, der mit Nachsicht verbunden ist, für kraftlos halten.
Wort für Wort
eka eva dame doṣo
nur ein Fehler in der Selbstbeherrschung (Nom., Lok.)
dvitīyo nopapadyate
ein zweiter findet sich nicht (Nom., 3.Sg.Präs. Med.)
yad enaṃ kṣamayā yuktam
dass man ihn, den mit Nachsicht Verbundenen (Konj., Akk., Instr., Part.)
aśaktaṃ manyate janaḥ
für schwach hält, das Volk (Akk., 3.Sg.Präs. Med., Nom.)
etasya tu mahāprājña doṣasya sumahān guṇaḥ; kṣamāyāṃ vipulā lokāḥ sulabhā hi sahiṣṇunā
Doch dieser Fehler, du sehr Weiser, hat einen sehr großen Vorzug: In der Nachsicht liegen weite Welten; leicht zu erreichen sind sie für den Duldsamen.
Wort für Wort
etasya tu mahāprājña
doch von diesem, o sehr Weiser (Gen., Vok.)
doṣasya sumahān guṇaḥ
des Fehlers, [ist] ein sehr großer Vorzug (Gen., Nom.)
kṣamāyāṃ vipulā lokāḥ
in der Nachsicht [liegen] weite Welten (Lok., Nom. Pl.)
sulabhā hi sahiṣṇunā
denn leicht zu erlangen für den Duldsamen (Nom. Pl., Instr./Dat.-Sinn)