Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 154: damapraśaṃsā Lob der Selbstbeherrschung als Wurzel des Dharma und Weg zum Heil

Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem höchsten Heil eines nach Dharma strebenden Brāhmaṇa antwortet Bhīṣma mit einem Lob der Selbstbeherrschung (dama), ihrer Kennzeichen und ihrer Früchte bis hin zu Erlösung und Brahman-Ort; am Ende fragt Yudhiṣṭhira weiter nach der Askese.

yudhiṣṭhira uvāca; svādhyāyakṛtayatnasya brāhmaṇasya pitāmaha; dharmakāmasya dharmātman kiṃ nu śreya ihocyate

Yudhiṣṭhira sprach: Großvater, für einen Brāhmaṇa, der sich um das Selbststudium bemüht und nach dem Dharma strebt – was gilt hier, o Dharma-Seele, als das Heilsamste?

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
svādhyāya-kṛta-yatnasya brāhmaṇasya
dessen, der Mühe auf das Selbststudium verwendet hat, für den Brāhmaṇa (Gen./Dat. Sg.)
pitāmaha
Großvater (Vok.)
dharma-kāmasya dharmātman
der nach Dharma verlangt; o Dharma-Seele (Gen. Sg./Vok.)
kiṃ nu śreya ihocyate
was denn wird hier als das Bessere/Heilsame bezeichnet (Nom. n., 3.Sg.Pass.)

bahudhādarśane loke śreyo yad iha manyase; asmiṃl loke pare caiva tan me brūhi pitāmaha

Da die Welt viele Ansichten hat, sage mir, was du hier für das Heilsamste hältst, in dieser Welt und in der jenseitigen, Großvater.

Wort für Wort
bahudhā-darśane loke
in der Welt, in der es vielfache Sichtweisen gibt (Lok. Sg.)
śreyo yad iha manyase
das Heilsame, das du hier für richtig hältst (Akk./Rel., 2.Sg.Präs.)
asmiṃl loke pare caiva
in dieser Welt und in der anderen (Lok. Sg.)
tan me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Imp., Vok.)

mahān ayaṃ dharmapatho bahuśākhaś ca bhārata; kiṃ svid eveha dharmāṇām anuṣṭheyatamaṃ matam

Groß ist dieser Pfad des Dharma und vielverzweigt, Bhārata. Was gilt hier unter den Dharmas als das am meisten zu Befolgende?

Wort für Wort
mahān ayaṃ dharma-pathaḥ
groß ist dieser Pfad des Dharma (Nom. Sg.)
bahu-śākhaś ca bhārata
und vielverzweigt, Bhārata (Nom./Vok.)
kiṃ svid eveha
was wohl hier (Interrogativ)
dharmāṇām anuṣṭheyatamaṃ matam
unter den Dharmas das am meisten Auszuführende, als gültig erachtet (Gen. Pl./Nom. n. Superl. Gerundiv, Part.)

dharmasya mahato rājan bahuśākhasya tattvataḥ; yan mūlaṃ paramaṃ tāta tat sarvaṃ brūhy atandritaḥ

Vom großen, vielverzweigten Dharma, König, sage mir der Wahrheit nach alles, was dessen höchste Wurzel ist, Lieber, unermüdlich.

Wort für Wort
dharmasya mahato rājan
des großen Dharma, König (Gen. Sg./Vok.)
bahu-śākhasya tattvataḥ
des vielverzweigten, der Wirklichkeit gemäß (Gen./Adv.)
yan mūlaṃ paramaṃ tāta
was die höchste Wurzel ist, Lieber (Nom. n./Vok.)
tat sarvaṃ brūhy atandritaḥ
das alles sage, unermüdlich (Imp., Nom. m.)

bhīṣma uvāca; hanta te kathayiṣyāmi yena śreyaḥ prapatsyase; pītvāmṛtam iva prājño jñānatṛpto bhaviṣyasi

Bhīṣma sprach: Wohlan, ich will dir sagen, wodurch du das Heil erlangen wirst; wie einer, der Unsterblichkeitstrank getrunken hat, wirst du, der Weise, an Wissen gesättigt sein.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
hanta te kathayiṣyāmi
wohlan, ich werde dir sagen (Part., 1.Sg.Fut.)
yena śreyaḥ prapatsyase
wodurch du das Heil erlangen wirst (Instr., 2.Sg.Fut. Med.)
pītvāmṛtam iva prājñaḥ
wie nach dem Trinken von Unsterblichkeitstrank, der Kluge (Abs./Nom.)
jñāna-tṛpto bhaviṣyasi
an Wissen gesättigt wirst du sein (Nom., 2.Sg.Fut.)

dharmasya vidhayo naike te te proktā maharṣibhiḥ; svaṃ svaṃ vijñānam āśritya damas teṣāṃ parāyaṇam

Der Vorschriften des Dharma gibt es viele; diese und jene sind von den großen Sehern verkündet worden, jeweils gestützt auf die eigene Erkenntnis. Selbstbeherrschung ist ihr letztes Ziel.

Wort für Wort
dharmasya vidhayo naike
die Vorschriften des Dharma sind nicht eine [= viele] (Nom. Pl.)
te te proktā maharṣibhiḥ
diese und jene sind von den großen Sehern verkündet (Part. Pass., Instr. Pl.)
svaṃ svaṃ vijñānam āśritya
jeweils die eigene Erkenntnis zugrunde legend (Abs.)
damas teṣāṃ parāyaṇam
Selbstbeherrschung ist ihr letztes Ziel/Zuflucht (Nom. Sg., Gen. Pl.)

damaṃ niḥśreyasaṃ prāhur vṛddhā niścayadarśinaḥ; brāhmaṇasya viśeṣeṇa damo dharmaḥ sanātanaḥ

Selbstbeherrschung nennen die Alten, die das Wesentliche Schauenden, das höchste Heil; besonders für den Brāhmaṇa ist Selbstbeherrschung das ewige Dharma.

Wort für Wort
damaṃ niḥśreyasaṃ prāhuḥ
Selbstbeherrschung nennen sie das höchste Heil (Akk., 3.Pl.Perf.)
vṛddhā niścaya-darśinaḥ
die Alten, die Gewissheit Schauenden (Nom. Pl.)
brāhmaṇasya viśeṣeṇa
für den Brāhmaṇa besonders (Gen./Instr. adv.)
damo dharmaḥ sanātanaḥ
Selbstbeherrschung ist das ewige Dharma (Nom. Sg.)

nādāntasya kriyāsiddhir yathāvad upalabhyate; damo dānaṃ tathā yajñān adhītaṃ cātivartate

Beim Unbeherrschten ist der Erfolg der Riten nicht so, wie es sein soll, zu erlangen. Selbstbeherrschung übertrifft Gabe, Opfer und Studium.

Wort für Wort
nādāntasya kriyā-siddhiḥ
beim Unbeherrschten [gibt es] keinen Erfolg des Rituals (Gen. Sg./Nom.)
yathāvad upalabhyate
in gehöriger Weise wird erlangt (Adv., 3.Sg.Pass.)
damo dānaṃ tathā yajñān
Selbstbeherrschung [übertrifft] Gabe und ebenso Opfer (Nom./Akk.)
adhītaṃ cātivartate
und das Studium [= Gelernte]; sie übertrifft (Part. n., 3.Sg.Präs.)

Syntax: damaḥ ist Subjekt zu ativartate mit drei Objekten (dānam, yajñān, adhītam).

damas tejo vardhayati pavitraṃ ca damaḥ param; vipāpmā tejasā yuktaḥ puruṣo vindate mahat

Selbstbeherrschung mehrt die Glanzkraft, und Selbstbeherrschung ist das höchste Reinigende; wer, von Sünde frei, mit Glanzkraft verbunden ist, erlangt Großes.

Wort für Wort
damas tejo vardhayati
Selbstbeherrschung mehrt die Glanzkraft (Akk., 3.Sg.Kaus.)
pavitraṃ ca damaḥ param
und Selbstbeherrschung ist das höchste Reinigungsmittel (Nom.)
vipāpmā tejasā yuktaḥ
sündenfrei, mit Glanz verbunden (Nom., Instr.)
puruṣo vindate mahat
der Mensch erlangt Großes (Nom., 3.Sg.Präs., Akk. n.)

damena sadṛśaṃ dharmaṃ nānyaṃ lokeṣu śuśruma; damo hi paramo loke praśastaḥ sarvadharmiṇām

Ein dem Selbstbeherrschen gleiches Dharma haben wir in den Welten nicht gehört; denn Selbstbeherrschung wird in der Welt von allen Pflichtgetreuen als höchstes gepriesen.

Wort für Wort
damena sadṛśaṃ dharmaṃ
ein Dharma, gleich der Selbstbeherrschung (Instr., Akk.)
nānyaṃ lokeṣu śuśruma
kein anderes haben wir in den Welten gehört (Akk., 1.Pl.Perf.)
damo hi paramo loke
denn Selbstbeherrschung ist in der Welt das Höchste (Nom.)
praśastaḥ sarva-dharmiṇām
gepriesen unter allen, die dem Dharma folgen (Part., Gen. Pl.)

pretya cāpi manuṣyendra paramaṃ vindate sukham; damena hi samāyukto mahāntaṃ dharmam aśnute

Auch nach dem Tod, Herr der Menschen, erlangt er höchstes Glück; wer mit Selbstbeherrschung ausgestattet ist, erlangt großes Dharma.

Wort für Wort
pretya cāpi manuṣyendra
auch nach dem Hinscheiden, o Herr der Menschen (Abs., Vok.)
paramaṃ vindate sukham
er erlangt höchstes Glück (Akk., 3.Sg.Präs.)
damena hi samāyuktaḥ
denn wer mit Selbstbeherrschung verbunden ist (Instr., Part.)
mahāntaṃ dharmam aśnute
großes Dharma erreicht er (Akk., 3.Sg.Präs. Med.)

sukhaṃ dāntaḥ prasvapiti sukhaṃ ca pratibudhyate; sukhaṃ paryeti lokāṃś ca manaś cāsya prasīdati

Glücklich schläft der Beherrschte ein und glücklich erwacht er; glücklich durchwandert er die Welten, und sein Geist wird klar.

Wort für Wort
sukhaṃ dāntaḥ prasvapiti
glücklich schläft der Beherrschte ein (Adv., Nom., 3.Sg.Präs.)
sukhaṃ ca pratibudhyate
und glücklich erwacht er (3.Sg.Präs. Med.)
sukhaṃ paryeti lokāṃś ca
glücklich durchzieht er die Welten (3.Sg.Präs., Akk. Pl.)
manaś cāsya prasīdati
und sein Geist wird heiter/klar (Nom., Gen., 3.Sg.Präs.)

adāntaḥ puruṣaḥ kleśam abhīkṣṇaṃ pratipadyate; anarthāṃś ca bahūn anyān prasṛjaty ātmadoṣajān

Der Unbeherrschte gerät immer wieder in Leid und bringt viele weitere Übel hervor, die aus den eigenen Fehlern entstehen.

Wort für Wort
adāntaḥ puruṣaḥ kleśam
der unbeherrschte Mensch [gerät in] Leid (Nom., Akk.)
abhīkṣṇaṃ pratipadyate
immer wieder, er verfällt darauf (Adv., 3.Sg.Präs. Med.)
anarthāṃś ca bahūn anyān
und viele andere Übel (Akk. Pl.)
prasṛjaty ātma-doṣajān
er setzt in die Welt, aus eigenen Fehlern entstanden (3.Sg.Präs., Akk. Pl.)

āśrameṣu caturṣv āhur damam evottamaṃ vratam; tasya liṅgāni vakṣyāmi yeṣāṃ samudayo damaḥ

In den vier Lebensstufen nennt man Selbstbeherrschung das höchste Gelübde. Ich will ihre Kennzeichen nennen, deren Gesamtheit die Selbstbeherrschung ist.

Wort für Wort
āśrameṣu caturṣv āhuḥ
in den vier Lebensstufen sagt man (Lok. Pl., 3.Pl.Perf.)
damam evottamaṃ vratam
Selbstbeherrschung [sei] das höchste Gelübde (Akk. Sg.)
tasya liṅgāni vakṣyāmi
ihre Kennzeichen will ich nennen (Akk. Pl., 1.Sg.Fut.)
yeṣāṃ samudayo damaḥ
deren Gesamtheit die Selbstbeherrschung ist (Gen. Pl., Nom.)

kṣamā dhṛtir ahiṃsā ca samatā satyam ārjavam; indriyāvajayo dākṣyaṃ mārdavaṃ hrīr acāpalam

Nachsicht, Standhaftigkeit, Gewaltlosigkeit, Gleichmut, Wahrhaftigkeit, Geradheit, Bezwingung der Sinne, Geschicklichkeit, Sanftmut, Scham, Unbeweglichkeit [= Ruhe]

Wort für Wort
kṣamā dhṛtir ahiṃsā ca
Nachsicht, Festigkeit und Gewaltlosigkeit (Nom. f.)
samatā satyam ārjavam
Gleichmut, Wahrheit, Geradheit (Nom.)
indriya-avajayo dākṣyam
Besiegung der Sinne, Tüchtigkeit (Nom.)
mārdavaṃ hrīr acāpalam
Sanftheit, Scham, Ruhe [Nichtflatterhaftigkeit] (Nom.)

akārpaṇyam asaṃrambhaḥ saṃtoṣaḥ priyavāditā; avivitsānasūyā cāpy eṣāṃ samudayo damaḥ

Nicht-Kleinlichkeit, Nicht-Aufbrausen, Zufriedenheit, freundliche Rede, Nicht-Begehrlichkeit und Nicht-Missgunst: deren Gesamtheit ist Selbstbeherrschung.

Wort für Wort
akārpaṇyam asaṃrambhaḥ
Nicht-Armseligkeit, Nicht-Heftigkeit (Nom.)
saṃtoṣaḥ priya-vāditā
Zufriedenheit, Freundlichkeit im Reden (Nom.)
avivitsānasūyā cāpi
Nicht-Habenwollen und Nicht-Neid (Nom.)
eṣāṃ samudayo damaḥ
deren Gesamtheit ist die Selbstbeherrschung (Gen. Pl., Nom.)

avivitsā: ‚Nicht-Streben nach Besitz/Erwerb‘ o. ä.; Deutung leicht unsicher.

gurupūjā ca kauravya dayā bhūteṣv apaiśunam; janavādo 'mṛṣāvādaḥ stutinindāvivarjanam

Verehrung der Lehrer, Kauravya, Mitgefühl mit den Wesen, Nicht-Verleumdung, Nicht-Beachten des Geredes der Leute, Nicht-Lügen, Vermeiden von Lob und Tadel

Wort für Wort
guru-pūjā ca kauravya
und Verehrung der Lehrer, o Kauravya (Nom., Vok.)
dayā bhūteṣv apaiśunam
Mitgefühl mit den Wesen, Nicht-Verleumdung (Nom., Lok. Pl.)
jana-vādo 'mṛṣā-vādaḥ
[Vermeiden von] Leutegerede, Nicht-Lüge (Nom.)
stuti-nindā-vivarjanam
Meiden von Lob und Tadel (Nom.)

janavādaḥ ist hier vermutlich ‚Gerede der Leute‘ (dessen Meiden); Text knapp, Konstruktion elliptisch.

kāmaḥ krodhaś ca lobhaś ca darpaḥ stambho vikatthanam; moha īrṣyāvamānaś cety etad dānto na sevate

Begierde, Zorn und Gier, Hochmut, Starrheit, Prahlerei, Verblendung, Neid und Geringschätzung: dies pflegt der Beherrschte nicht.

Wort für Wort
kāmaḥ krodhaś ca lobhaś ca
Begierde, Zorn und Gier (Nom.)
darpaḥ stambho vikatthanam
Überheblichkeit, Starrsinn, Prahlerei (Nom.)
moha īrṣyāvamānaś ca
Verblendung, Eifersucht und Verachtung (Nom.)
ity etad dānto na sevate
dies pflegt der Beherrschte nicht (Nom., 3.Sg.Präs. Med.)

anindito hy akāmātmāthālpeccho 'thānasūyakaḥ; samudrakalpaḥ sa naro na kadā cana pūryate

Untadelig, ohne Begierdenwesen, wenig wünschend und nicht missgünstig: Ein solcher Mensch gleicht dem Meer und wird nie voll.

Wort für Wort
anindito hy akāmātmā
denn untadelig, ohne Wunsch in der Seele (Nom.)
athālpeccho 'thānasūyakaḥ
wenig wünschend und nicht missgünstig (Nom.)
samudra-kalpaḥ sa naro
einem Meer gleich ist dieser Mann (Nom.)
na kadā cana pūryate
er wird niemals angefüllt (3.Sg.Pass.)

ahaṃ tvayi mama tvaṃ ca mayi te teṣu cāpy aham; pūrvasaṃbandhisaṃyogān naitad dānto niṣevate

„Ich bin in dir, mein bist du, und du in mir, und ich in jenen“ – aus früheren Bindungen und Verbindungen [ergibt sich] solches; dem geht der Beherrschte nicht nach.

Wort für Wort
ahaṃ tvayi mama tvaṃ ca
ich in dir, mein [bist] du (Lok./Gen.)
mayi te teṣu cāpy aham
in mir sie [= deine], und ich in ihnen (Lok.)
pūrva-saṃbandhi-saṃyogāt
aus früherer Verbindung und Verknüpfung (Abl. Sg.)
naitad dānto niṣevate
dies pflegt der Beherrschte nicht (3.Sg.Präs. Med.)

Elliptischer Vers; ‚ahaṃ tvayi, mama tvam…‘ als Zitat des Zugehörigkeitsdenkens gedeutet [?].

sarvā grāmyās tathāraṇyā yāś ca loke pravṛttayaḥ; nindāṃ caiva praśaṃsāṃ ca yo nāśrayati mucyate

Alle Regungen, dörfliche wie waldbezogene, die es in der Welt gibt, [ebenso] Tadel und Lob: wer sich darauf nicht stützt, wird befreit.

Wort für Wort
sarvā grāmyās tathāraṇyā
alle dörflichen und ebenso waldbezogenen (Nom. Pl. f.)
yāś ca loke pravṛttayaḥ
und die Betätigungen, die es in der Welt gibt (Nom. Pl.)
nindāṃ caiva praśaṃsāṃ ca
sowohl Tadel als auch Lob (Akk.)
yo nāśrayati mucyate
wer nicht Zuflucht nimmt, wird frei (3.Sg.Präs., 3.Sg.Pass.)

maitro 'tha śīlasaṃpannaḥ susahāyaparaś ca yaḥ; muktaś ca vividhaiḥ saṅgais tasya pretya mahat phalam

Wer freundlich, von gutem Charakter und auf gute Gefährten bedacht ist und von vielerlei Bindungen frei, dessen Lohn nach dem Tod ist groß.

Wort für Wort
maitro 'tha śīla-saṃpannaḥ
freundlich und mit Charakter ausgestattet (Nom.)
su-sahāya-paraś ca yaḥ
und wer auf gute Gefährten ausgerichtet ist (Nom.)
muktaś ca vividhaiḥ saṅgaiḥ
und frei von vielerlei Anhaftungen (Part., Instr. Pl.)
tasya pretya mahat phalam
dessen Frucht nach dem Tod ist groß (Gen., Abs., Nom.)

suvṛttaḥ śīlasaṃpannaḥ prasannātmātmavid budhaḥ; prāpyeha loke satkāraṃ sugatiṃ pratipadyate

Von gutem Wandel, charaktervoll, klaren Geistes, ein Kenner des Selbst, ein Weiser: Er erlangt hier in der Welt Ansehen und gelangt zu gutem Weg [nach dem Tod].

Wort für Wort
su-vṛttaḥ śīla-saṃpannaḥ
von gutem Wandel, charaktervoll (Nom.)
prasannātmātma-vid budhaḥ
klaren Geistes, Selbstkenner, weise (Nom.)
prāpyeha loke satkāram
hier in der Welt Ehre erlangt habend (Abs., Akk.)
su-gatiṃ pratipadyate
erreicht guten Weg (Akk., 3.Sg.Präs. Med.)

karma yac chubham eveha sadbhir ācaritaṃ ca yat; tad eva jñānayuktasya muner dharmo na hīyate

Die Tat, die hier heilsam ist und die von den Guten geübt wird: eben diese – das Dharma des Weisen, der mit Erkenntnis verbunden ist, schwindet nicht.

Wort für Wort
karma yac chubham eveha
das Werk, das hier nur heilsam ist (Nom. n.)
sadbhir ācaritaṃ ca yat
und was von Guten ausgeübt wird (Instr. Pl., Part.)
tad eva jñāna-yuktasya
eben dieses, für den mit Erkenntnis Verbundenen (Gen.)
muner dharmo na hīyate
das Dharma des Weisen schwindet nicht (Gen., Nom., 3.Sg.Pass.)

niṣkramya vanam āsthāya jñānayukto jitendriyaḥ; kālākāṅkṣī carann evaṃ brahmabhūyāya kalpate

Wer ausgezogen ist, in den Wald gegangen, mit Erkenntnis verbunden, die Sinne besiegt, auf die [rechte] Zeit wartend, so wandernd, wird tauglich zum Brahman-Werden.

Wort für Wort
niṣkramya vanam āsthāya
ausgezogen, den Wald bezogen habend (Abs.)
jñāna-yukto jita-indriyaḥ
mit Erkenntnis verbunden, sinnenbesiegt (Nom.)
kālākāṅkṣī caran evam
auf die Zeit wartend, so wandernd (Nom., Part.)
brahma-bhūyāya kalpate
wird geeignet zum Brahman-Sein (Dat., 3.Sg.Präs. Med.)

abhayaṃ yasya bhūtebhyo bhūtānām abhayaṃ yataḥ; tasya dehād vimuktasya bhayaṃ nāsti kutaś cana

Wer den Wesen Furchtlosigkeit gibt und von dem her den Wesen Furchtlosigkeit [zukommt] – für den, vom Körper Befreiten, gibt es nirgendwoher Furcht.

Wort für Wort
abhayaṃ yasya bhūtebhyaḥ
dessen Furchtlosigkeit [besteht] gegenüber den Wesen (Nom., Abl.)
bhūtānām abhayaṃ yataḥ
von dem [her] den Wesen Furchtlosigkeit [ist] (Gen. Pl., Abl.)
tasya dehād vimuktasya
für ihn, der vom Körper befreit ist (Gen., Abl., Part.)
bhayaṃ nāsti kutaś cana
Furcht gibt es von nirgendwoher nicht (Nom., 3.Sg.Präs.)

avācinoti karmāṇi na ca saṃpracinoti ha; samaḥ sarveṣu bhūteṣu maitrāyaṇagatiś caret

Er häuft keine Taten an und sammelt auch nicht [weitere] an; gleich gegenüber allen Wesen, soll er den Weg des Maitrāyaṇa [?] gehen.

Wort für Wort
avācinoti karmāṇi
er häuft Taten nicht [an]/schichtet ab (3.Sg.Präs., Akk.)
na ca saṃpracinoti ha
und er sammelt nicht [weiter] (3.Sg.Präs.)
samaḥ sarveṣu bhūteṣu
gleich gegenüber allen Wesen (Nom., Lok. Pl.)
maitrāyaṇa-gatiś caret
den Weg/das Ziel eines Maitrāyaṇa [?] soll er gehen (Nom., Opt.)

avācinoti: Bedeutung unsicher (‚abtragen/nicht auf-‘). maitrāyaṇagatiḥ: unklar, evtl. ‚Weg der Freundlichkeit‘ [?].

śakunīnām ivākāśe jale vāricarasya vā; yathā gatir na dṛśyeta tathā tasya na saṃśayaḥ

Wie der Weg der Vögel am Himmel oder der eines Wassertieres im Wasser nicht zu sehen ist, so [ist es] bei ihm; daran ist kein Zweifel.

Wort für Wort
śakunīnām ivākāśe
wie bei Vögeln am Himmel (Gen. Pl., Lok.)
jale vāri-carasya vā
oder im Wasser bei einem Wassertier (Lok., Gen.)
yathā gatir na dṛśyeta
wie der Weg nicht gesehen wird (Nom., 3.Sg.Pass.Opt.)
tathā tasya na saṃśayaḥ
so bei ihm; kein Zweifel (Nom.)

gṛhān utsṛjya yo rājan mokṣam evābhipadyate; lokās tejomayās tasya kalpante śāśvatīḥ samāḥ

Wer, König, die Häuser verlässt und nur die Erlösung anstrebt, dem stehen lichtvolle Welten bereit für ewige Jahre.

Wort für Wort
gṛhān utsṛjya yo rājan
wer die Häuser verlassen hat, König (Abs., Vok.)
mokṣam evābhipadyate
nur zur Erlösung geht (Akk., 3.Sg.Präs. Med.)
lokās tejomayās tasya
lichtvolle Welten sind für ihn (Nom. Pl.)
kalpante śāśvatīḥ samāḥ
werden bereit für ewige Jahre (3.Pl.Präs. Med., Akk. Pl.)

saṃnyasya sarvakarmāṇi saṃnyasya vidhivat tapaḥ; saṃnyasya vividhā vidyāḥ sarvaṃ saṃnyasya caiva ha

Nachdem er alle Werke aufgegeben, nach der Vorschrift die Askese aufgegeben, die vielerlei Wissenschaften aufgegeben, ja alles aufgegeben hat,

Wort für Wort
saṃnyasya sarva-karmāṇi
alle Werke aufgegeben habend (Abs.)
saṃnyasya vidhivat tapaḥ
regelgerecht die Askese aufgegeben habend (Abs.)
saṃnyasya vividhā vidyāḥ
die vielfachen Wissenschaften aufgegeben habend (Abs.)
sarvaṃ saṃnyasya caiva ha
und alles aufgegeben habend (Abs.)

Satz setzt sich in 31 fort.

kāmeṣu cāpy anāvṛttaḥ prasannātmātmavic chuciḥ; prāpyeha loke satkāraṃ svargaṃ samabhipadyate

und in den Begierden nicht [mehr] zurückkehrend, klaren Geistes, Selbstkenner, rein, gelangt er, nachdem er hier in der Welt Ehre erlangt hat, in den Himmel.

Wort für Wort
kāmeṣu cāpy anāvṛttaḥ
und in den Begierden nicht [mehr] umkehrend (Lok. Pl., Part.)
prasannātmātma-vic chuciḥ
klaren Geistes, Selbstkenner, rein (Nom.)
prāpyeha loke satkāram
hier in der Welt Ehre erlangt habend (Abs.)
svargaṃ samabhipadyate
er gelangt zum Himmel (Akk., 3.Sg.Präs. Med.)

yac ca paitāmahaṃ sthānaṃ brahmarāśisamudbhavam; guhāyāṃ pihitaṃ nityaṃ tad damenābhipadyate

Und jener Ort des Urahns, der aus der Masse des Brahman entstanden ist und stets in der Höhle verborgen liegt, wird durch Selbstbeherrschung erreicht.

Wort für Wort
yac ca paitāmahaṃ sthānaṃ
und jener großväterliche [= Brahmās] Ort (Nom. n.)
brahma-rāśi-samudbhavam
aus der Brahman-Masse entstanden (Nom. n.)
guhāyāṃ pihitaṃ nityam
in der Höhle verborgen, immer (Lok., Part.)
tad damenābhipadyate
das wird durch Selbstbeherrschung erreicht (Instr., 3.Sg.Pass.)

brahmarāśi: auch ‚Menge der Veden/heiligen Wissens‘ möglich.

jñānārāmasya buddhasya sarvabhūtāvirodhinaḥ; nāvṛttibhayam astīha paraloke bhayaṃ kutaḥ

Für den, der im Wissen sein Lustwäldchen hat, den Erwachten, der keinem Wesen feind ist, gibt es hier keine Furcht vor Wiederkehr; woher [dann] im Jenseits Furcht?

Wort für Wort
jñāna-ārāmasya buddhasya
für den, dessen Lustgarten das Wissen ist, den Erwachten (Gen.)
sarva-bhūta-avirodhinaḥ
der keinem Wesen widerstreitet (Gen.)
nāvṛtti-bhayam astīha
Furcht vor Wiederkehr gibt es hier nicht (Nom., 3.Sg.Präs.)
para-loke bhayaṃ kutaḥ
in der jenseitigen Welt, woher Furcht (Lok., Nom.)

eka eva dame doṣo dvitīyo nopapadyate; yad enaṃ kṣamayā yuktam aśaktaṃ manyate janaḥ

Nur ein einziger Fehler liegt in der Selbstbeherrschung; ein zweiter findet sich nicht: dass die Leute den, der mit Nachsicht verbunden ist, für kraftlos halten.

Wort für Wort
eka eva dame doṣo
nur ein Fehler in der Selbstbeherrschung (Nom., Lok.)
dvitīyo nopapadyate
ein zweiter findet sich nicht (Nom., 3.Sg.Präs. Med.)
yad enaṃ kṣamayā yuktam
dass man ihn, den mit Nachsicht Verbundenen (Konj., Akk., Instr., Part.)
aśaktaṃ manyate janaḥ
für schwach hält, das Volk (Akk., 3.Sg.Präs. Med., Nom.)

etasya tu mahāprājña doṣasya sumahān guṇaḥ; kṣamāyāṃ vipulā lokāḥ sulabhā hi sahiṣṇunā

Doch dieser Fehler, du sehr Weiser, hat einen sehr großen Vorzug: In der Nachsicht liegen weite Welten; leicht zu erreichen sind sie für den Duldsamen.

Wort für Wort
etasya tu mahāprājña
doch von diesem, o sehr Weiser (Gen., Vok.)
doṣasya sumahān guṇaḥ
des Fehlers, [ist] ein sehr großer Vorzug (Gen., Nom.)
kṣamāyāṃ vipulā lokāḥ
in der Nachsicht [liegen] weite Welten (Lok., Nom. Pl.)
sulabhā hi sahiṣṇunā
denn leicht zu erlangen für den Duldsamen (Nom. Pl., Instr./Dat.-Sinn)

dāntasya kim araṇyena tathādāntasya bhārata; yatraiva hi vased dāntas tad araṇyaṃ sa āśramaḥ

Was soll dem Beherrschten der Wald, und ebenso dem Unbeherrschten, Bhārata? Wo immer der Beherrschte wohnt, das ist der Wald, das ist die Einsiedelei.

Wort für Wort
dāntasya kim araṇyena
für den Beherrschten, was [nützt] der Wald (Gen., Instr.)
tathādāntasya bhārata
ebenso für den Unbeherrschten, Bhārata (Gen., Vok.)
yatraiva hi vased dāntas
denn wo immer der Beherrschte wohnt (Opt.)
tad araṇyaṃ sa āśramaḥ
das ist der Wald, das die Einsiedelei (Nom.)

vaiśaṃpāyana uvāca; etad bhīṣmasya vacanaṃ śrutvā rājā yudhiṣṭhiraḥ; amṛteneva saṃtṛptaḥ prahṛṣṭaḥ samapadyata

Vaiśaṃpāyana sprach: Als König Yudhiṣṭhira diese Rede Bhīṣmas gehört hatte, war er wie mit Unsterblichkeitstrank gesättigt und wurde hoch erfreut.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf.)
etad bhīṣmasya vacanaṃ śrutvā
diese Rede Bhīṣmas gehört habend (Akk., Gen., Abs.)
rājā yudhiṣṭhiraḥ
König Yudhiṣṭhira (Nom.)
amṛteneva saṃtṛptaḥ prahṛṣṭaḥ samapadyata
wie von Unsterblichkeitstrank gesättigt, erfreut wurde er (Instr., Part., 3.Sg.Impf. Med.)

punaś ca paripapraccha bhīṣmaṃ dharmabhṛtāṃ varam; tapaḥ prati sa covāca tasmai sarvaṃ kurūdvaha

Und er fragte Bhīṣma, den Besten unter den Dharma-Tragenden, weiter nach der Askese; und dieser sagte ihm alles, Nachkomme der Kurus.

Wort für Wort
punaś ca paripapraccha
und er fragte wieder (Adv., 3.Sg.Perf.)
bhīṣmaṃ dharma-bhṛtāṃ varam
Bhīṣma, den Besten der Dharma-Tragenden (Akk., Gen. Pl.)
tapaḥ prati sa covāca
nach der Askese; und er sagte (Postp., 3.Sg.Perf.)
tasmai sarvaṃ kurūdvaha
ihm alles, o Spross der Kurus (Dat., Akk., Vok.)

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