Kapitel 32: vyāsopadeśaḥ karmaphalaprāyaścittaviṣayaḥ
Vyāsa tröstet den trauernden Yudhiṣṭhira: Königspflicht, Tat und Sühne
Vyāsa antwortet auf Yudhiṣṭhiras Trauer mit dem Dharma des Königs, Schützer der Ordnung zu sein und die Zerstörer des Dharma zu bestrafen. Er erörtert, wem die Schuld einer Tat zukommt (Īśvara, Mensch, Zufall), und verweist auf die Sühne, die der Lebende noch vollziehen kann.
tathā yaḥ pratihanty asya śāsanaṃ viṣaye naraḥ; sa bāhubhyāṃ vinigrāhyo lokayātrāvighātakaḥ
Ebenso ist der Mann, der in seinem Reich dessen Herrschaft [des Königs] zuwiderhandelt, als Störer des Weltlaufs mit den Armen [mit Gewalt] zu bändigen.
Wort für Wort
tathā yaḥ pratihanty asya
ebenso wer [dessen] entgegenwirkt (3.Sg.Präs.; Gen.Sg.)
śāsanaṃ viṣaye naraḥ
die Anordnung im Herrschaftsbereich, der Mann (Akk.Sg.; Lok.Sg.; Nom.Sg.)
sa bāhubhyāṃ vinigrāhyaḥ
der ist mit den Armen zu bändigen (Instr.Du.; Gerundiv)
Wer im Bann der Verblendung das Maßgebliche zum Nicht-Maßgeblichen machte – sei es ein Diener oder ein Sohn oder auch irgendein Asket –: diese Bösen soll man mit allen Mitteln zügeln oder töten lassen.
Wort für Wort
pramāṇam apramāṇaṃ yaḥ kuryān
wer das Maßgebliche zum Nicht-Maßgeblichen machte (Akk.; 3.Sg.Opt.)
mohavaśaṃ gataḥ
in die Gewalt der Verblendung geraten (Part.Perf.Pass.)
bhṛtyo vā yadi vā putraḥ
sei es ein Diener oder ein Sohn (Nom.Sg.)
tapasvī vāpi kaś cana
oder auch irgendein Asket (Nom.Sg.)
pāpān sarvair upāyaiḥ tān
diese Bösen mit allen Mitteln (Akk.Pl.; Instr.Pl.)
niyacchet ghātayeta vā
soll man zügeln oder töten lassen (3.Sg.Opt.; Kaus.Opt.Med.)
te tvayā dharmahantāro nihatāḥ sapadānugāḥ; svadharme vartamānas tvaṃ kiṃ nu śocasi pāṇḍava; rājā hi hanyād dadyāc ca prajā rakṣec ca dharmataḥ
Diese Zerstörer des Dharma hast du samt ihrem Gefolge erschlagen; was grämst du dich denn, Pāṇḍava, der du in deinem eigenen Dharma stehst? Denn der König soll töten und geben und die Untertanen dem Dharma gemäß schützen.
Wort für Wort
te tvayā dharmahantāraḥ
diese Dharma-Zerstörer von dir (Nom.Pl.; Instr.Sg.)
nihatāḥ sapadānugāḥ
sind erschlagen samt Gefolge (Part.Perf.Pass.; Nom.Pl.)
svadharme vartamānas tvam
du, der du im eigenen Dharma stehst (Lok.Sg.; Part.Präs.Med.)
kiṃ nu śocasi pāṇḍava
was trauerst du denn, Pāṇḍava (2.Sg.Präs.; Vok.)
rājā hi hanyād dadyāc ca
denn der König soll töten und geben (3.Sg.Opt.)
prajā rakṣec ca dharmataḥ
und die Untertanen schützen dem Dharma gemäß (Akk.Pl.; 3.Sg.Opt.; Adv.)
yudhiṣṭhira uvāca; na te 'bhiśaṅke vacanaṃ yad bravīṣi tapodhana; aparokṣo hi te dharmaḥ sarvadharmabhṛtāṃ vara
Yudhiṣṭhira sprach: Ich zweifle nicht an deinem Wort, das du sprichst, Reicher an Askese; denn dir ist der Dharma unmittelbar vor Augen, Bester unter allen Trägern des Dharma.
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (3.Sg.Perf.)
na te 'bhiśaṅke vacanam
ich bezweifle deine Rede nicht (1.Sg.Präs.; Akk.)
yad bravīṣi tapodhana
die du sprichst, Askese-Reicher (2.Sg.Präs.; Vok.)
aparokṣo hi te dharmaḥ
denn dir ist der Dharma unmittelbar gegenwärtig (Nom.Sg.; Gen./Dat.)
mayā hy avadhyā bahavo ghātitā rājyakāraṇāt; tāny akāryāṇi me brahman dahanti ca tapanti ca
Denn von mir wurden um der Herrschaft willen viele erschlagen, die nicht hätten getötet werden dürfen; diese Untaten, Brahmane, brennen und quälen mich.
Wort für Wort
mayā hy avadhyā bahavaḥ
von mir wurden viele, die nicht zu töten waren (Instr.; Nom.Pl.)
ghātitā rājyakāraṇāt
töten gelassen, um der Herrschaft willen (Part.Perf.Pass.Kaus.; Abl.)
tāny akāryāṇi me brahman
diese Untaten [sind] mir, Brahmane (Nom.Pl.n.; Gen./Dat.; Vok.)
Vyāsa sprach: Ein Herr [Īśvara] mag der Täter sein, oder der Mensch, Bhārata; oder der Zufall waltet in der Welt; oder man hält die Frucht für aus der Tat geboren.
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (3.Sg.Perf.)
īśvaro vā bhavet kartā
entweder mag der Herr Täter sein (Nom.; 3.Sg.Opt.)
puruṣo vāpi bhārata
oder auch der Mensch, Bhārata (Nom.; Vok.)
haṭho vā vartate loke
oder Zufall [Gewalt] waltet in der Welt (Nom.; 3.Sg.Präs.Med.; Lok.)
karmajaṃ vā phalaṃ smṛtam
oder die Frucht gilt als tatgeboren (Nom.Sg.n.; Part.Perf.Pass.)
Vier mögliche Ursachen werden aufgezählt: Īśvara, Mensch, Zufall (haṭha), Tat (karman).
atha vā tad upādānāt prāpnuyuḥ karmaṇaḥ phalam; daṇḍaśastrakṛtaṃ pāpaṃ puruṣe tan na vidyate
Oder aber: Weil sie ihn [den Baum] ergriffen, erlangten sie [die Werkzeuge?] die Frucht der Tat. [Doch] die durch Stock und Waffe begangene Schuld findet sich nicht im Menschen.
Wort für Wort
atha vā tad upādānāt
oder aber: aus dessen Ergreifen (Abl.Sg.)
prāpnuyuḥ karmaṇaḥ phalam
würden sie erlangen die Frucht der Tat [?] (3.Pl.Opt.; Gen.; Akk.)
daṇḍaśastrakṛtaṃ pāpam
die durch Stock und Waffe getane Schuld (Nom.Sg.n.)
puruṣe tan na vidyate
im Menschen findet sich diese nicht (Lok.; 3.Sg.Präs.Pass.)
Der Vers ist syntaktisch knapp und im Zusammenhang schwer zu fassen; Subjekt von prāpnuyuḥ und Bezug von tad upādānāt bleiben unsicher. Die zweite Vershälfte kehrt wörtlich in Vers 17 wieder.
Oder aber: Eine Entscheidung der Welt über Gutes und Schlechtes ist zu treffen [?]; am meisten angenommen ist in der Welt das Erheben des Strafstocks durch die Könige.
Wort für Wort
athābhipattir lokasya
oder aber: Entscheidung/Zuwendung der Welt [?] (Nom.Sg.f.; Gen.)
kartavyā śubhapāpayoḥ
ist zu vollziehen, bezüglich Gutem und Schlechtem (Gerundiv; Lok.Du.)
abhipannatamaṃ loke
das am meisten Angenommene in der Welt (Nom.Sg.n.; Lok.)
rājñām udyatadaṇḍanam
der Könige das Erheben des Stocks (Gen.Pl.; Nom.Sg.n.)
abhipatti ist unsicher (Zuwendung, Beurteilung, Zuflucht); lokasya kann auch anders bezogen werden.
evaṃ satyaṃ śubhādeśaṃ karmaṇas tat phalaṃ dhruvam; tyaja tad rājaśārdūla maivaṃ śoke manaḥ kṛthāḥ
So ist es wahr: Die Weisung zum Guten [und] die Frucht der Tat sind gewiss. Lass davon ab, Tiger unter den Königen, richte deinen Geist nicht so auf die Trauer!
Wort für Wort
evaṃ satyaṃ śubhādeśam
so [ist] wahr die Weisung zum Guten [?] (Nom.Sg.n.)
karmaṇas tat phalaṃ dhruvam
die Frucht der Tat, diese [ist] gewiss (Gen.; Nom.; Nom.)
tyaja tad rājaśārdūla
lass davon ab, Tiger unter den Königen (Imp.; Vok.)
maivaṃ śoke manaḥ kṛthāḥ
nicht so richte auf die Trauer den Geist (Lok.; Akk.; Aor.Inj.Med.)
Wortlaut der ersten Hälfte knapp; Wiedergabe unsicher.