Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 86: vyavahāro 'mātyalakṣaṇaṃ ca Rechtspflege des Königs: Auswahl der Minister, gerechte Strafe, Boten und Amtsträger

Yudhiṣṭhira fragt, wie ein König durch Schutz der Untertanen dauerhaften Ruhm gewinnt; Bhīṣma beschreibt die Zusammensetzung des Ministerrats, die Verantwortung der Amtsträger, das rechte Strafmaß, die Unantastbarkeit des Boten und die Eigenschaften der hohen Amtsträger, und schließt mit der Lehre vom Misstrauen des Königs.

yudhiṣṭhira uvāca; kathaṃ svid iha rājendra pālayan pārthivaḥ prajāḥ; prati dharmaṃ viśeṣeṇa kīrtim āpnoti śāśvatīm

Yudhiṣṭhira sprach: „Wie wohl, König der Könige, erlangt ein Fürst, der hier die Untertanen schützt, dem Dharma entsprechend besonders dauerhaften Ruhm?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
kathaṃ svid iha rājendra
wie wohl hier, König der Könige (Vok.)
pālayan pārthivaḥ prajāḥ
schützend, der Fürst (Nom.), die Untertanen (Akk. Pl.)
prati dharmaṃ viśeṣeṇa
dem Dharma gemäß, besonders (Akk./Instr.)
kīrtim āpnoti śāśvatīm
erlangt Ruhm (Akk.), dauerhaften (3.Sg.Präs.)

bhīṣma uvāca; vyavahāreṇa śuddhena prajāpālanatatparaḥ; prāpya dharmaṃ ca kīrtiṃ ca lokāv āpnoty ubhau śuciḥ

Bhīṣma sprach: „Durch lauteres Verfahren, dem Schutz der Untertanen ergeben, erlangt der Reine, nachdem er Dharma und Ruhm gewonnen hat, beide Welten.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
vyavahāreṇa śuddhena
durch lauteres Verfahren (Instr. Sg.)
prajāpālanatatparaḥ
dem Schutz der Untertanen ganz ergeben (Kompositum, Nom.)
prāpya dharmaṃ ca kīrtiṃ ca
erlangt habend Dharma und Ruhm (Abs./Akk.)
lokāv āpnoty ubhau śuciḥ
beide Welten (Akk. Du.) erlangt (3.Sg.Präs.) der Reine (Nom.)

vyavahāra: Verfahren, Rechtsführung, Amtsführung.

yudhiṣṭhira uvāca; kīdṛśaṃ vyavahāraṃ tu kaiś ca vyavaharen nṛpaḥ; etat pṛṣṭo mahāprājña yathāvad vaktum arhasi

Yudhiṣṭhira sprach: „Was für ein Verfahren aber, und mit wessen Hilfe soll der König verfahren? Danach gefragt, Hochweiser, magst du es der Wahrheit gemäß sagen.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
kīdṛśaṃ vyavahāraṃ tu
was für ein Verfahren aber (Akk. Sg.)
kaiś ca vyavaharen nṛpaḥ
und durch welche [Helfer] soll verfahren der König (Instr. Pl./Opt.)
etat pṛṣṭo mahāprājña
danach gefragt, du sehr Weiser (Part./Vok.)
yathāvad vaktum arhasi
der Wahrheit gemäß zu sagen vermagst/sollst du (Inf./2.Sg.Präs.)

ye caite pūrvakathitā guṇās te puruṣaṃ prati; naikasmin puruṣe hy ete vidyanta iti me matiḥ

„Und diese früher genannten Eigenschaften beziehen sich auf einen [einzelnen] Menschen; in einem einzigen Menschen finden sie sich wohl nicht alle – so ist meine Ansicht.“

Wort für Wort
ye caite pūrvakathitā guṇāḥ
und diese früher genannten Eigenschaften (Nom. Pl.)
te puruṣaṃ prati
sie [beziehen sich] auf einen Menschen (Akk. mit prati)
naikasmin puruṣe hy ete
nicht in einem einzigen Menschen, denn diese (Lok. Sg.)
vidyanta iti me matiḥ
finden sich (3.Pl.Pass.), so meine Ansicht (Nom.)

bhīṣma uvāca; evam etan mahāprājña yathā vadasi buddhimān; durlabhaḥ puruṣaḥ kaś cid ebhir guṇaguṇair yutaḥ

Bhīṣma sprach: „So ist es, Hochweiser, wie du, der Verständige, sagst; schwer zu finden ist irgendein Mensch, der mit diesen Bündeln von Eigenschaften ausgestattet ist.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
evam etan mahāprājña
so ist dies, Hochweiser (Vok.)
yathā vadasi buddhimān
wie du sagst (2.Sg.Präs.), Verständiger (Nom.)
durlabhaḥ puruṣaḥ kaś cit
schwer zu finden ein Mensch irgendein (Nom.)
ebhir guṇaguṇair yutaḥ
mit diesen Bündeln von Vorzügen (Instr. Pl.) versehen (Part.)

guṇaguṇaiḥ: wörtlich „Eigenschaften der Eigenschaften“, etwa „Fülle an Vorzügen“; Lesart unsicher.

kiṃ tu saṃkṣepataḥ śīlaṃ prayatne neha durlabham; vakṣyāmi tu yathāmātyān yādṛśāṃś ca kariṣyasi

„Aber in Kürze: Der [gute] Charakter ist hier durch Bemühung nicht schwer zu erlangen; ich werde sagen, was für Minister und wie beschaffene du einsetzen wirst.“

Wort für Wort
kiṃ tu saṃkṣepataḥ
doch in Kürze (Adv.)
śīlaṃ prayatne neha durlabham
der Charakter durch Bemühung hier nicht schwer erreichbar (Nom./Lok.)
vakṣyāmi tu
ich werde sagen (1.Sg.Fut.), aber
yathāmātyān yādṛśāṃś ca
wie die Minister (Akk. Pl.) und von welcher Art
kariṣyasi
du wirst machen/einsetzen (2.Sg.Fut.)

caturo brāhmaṇān vaidyān pragalbhān sāttvikāñ śucīn

[Du sollst] vier Brahmanen [einsetzen], Gelehrte, kühne, von sattvischem Wesen, reine,

Wort für Wort
caturo brāhmaṇān
vier Brahmanen (Akk. Pl.)
vaidyān pragalbhān
Gelehrte, Kühne/Selbstsichere (Akk. Pl.)
sāttvikāñ śucīn
sattvische, reine (Akk. Pl.)

Der Satz wird in Einheit 9 fortgeführt; das Verb (etwa „einsetzen“) ist aus Vers 6 zu ergänzen.

kṣatriyān daśa vāṣṭau vā balinaḥ śastrapāṇayaḥ; vaiśyān vittena saṃpannān ekaviṃśatisaṃkhyayā

und Kṣatriyas, zehn oder acht, stark, Waffen in der Hand; Vaiśyas, mit Vermögen ausgestattet, einundzwanzig an Zahl;

Wort für Wort
kṣatriyān daśa vāṣṭau vā
Kṣatriyas (Akk. Pl.), zehn oder acht
balinaḥ śastrapāṇayaḥ
stark, Waffen in den Händen (Nom. Pl.)
vaiśyān vittena saṃpannān
Vaiśyas, mit Vermögen ausgestattete (Akk. Pl./Instr.)
ekaviṃśatisaṃkhyayā
an Zahl einundzwanzig (Instr. Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe; nur in einem Teil der Handschriften.

trīṃś ca śūdrān vinītāṃś ca śucīn karmaṇi pūrvake

und drei Śūdras, wohlerzogene, rein in ihrem überkommenen Werk.

Wort für Wort
trīṃś ca śūdrān
und drei Śūdras (Akk. Pl.)
vinītāṃś ca śucīn
und wohlerzogene, reine (Akk. Pl.)
karmaṇi pūrvake
im überkommenen/früheren Werk (Lok. Sg.)

aṣṭābhiś ca guṇair yuktaṃ sūtaṃ paurāṇikaṃ caret; pañcāśadvarṣavayasaṃ pragalbham anasūyakam

Und einen mit acht Eigenschaften ausgestatteten Sūta, einen Kenner der alten Überlieferungen (Purāṇa), soll [der König] hinzuziehen, fünfzig Jahre alt, kühn, nicht missgünstig,

Wort für Wort
aṣṭābhiś ca guṇair yuktaṃ
und mit acht Eigenschaften (Instr. Pl.) ausgestattet (Akk.)
sūtaṃ paurāṇikaṃ caret
einen Sūta, Purāṇa-Kenner (Akk.), soll [er] wählen (3.Sg.Opt.)
pañcāśadvarṣavayasaṃ
fünfzig Jahre alt (Kompositum, Akk.)
pragalbham anasūyakam
kühn, nicht missgünstig (Akk.)

caret (Opt. von car) hier sinngemäß „aufsuchen, hinzuziehen“; Satz läuft in Einheit 11 weiter.

matismṛtisamāyuktaṃ vinītaṃ samadarśanam; kārye vivadamānānāṃ śaktam artheṣv alolupam

mit Verstand und Erinnerungskraft begabt, wohlerzogen, gleichmütig [unparteiisch] blickend, fähig in der Sache der Streitenden, nicht gierig nach Dingen [Besitz].

Wort für Wort
matismṛtisamāyuktaṃ
mit Verstand und Gedächtnis verbunden (Akk.)
vinītaṃ samadarśanam
wohlerzogen, gleich blickend (Akk.)
kārye vivadamānānāṃ śaktam
in der Angelegenheit der Streitenden (Gen. Pl.) fähig (Akk.)
artheṣv alolupam
bei Vermögensdingen (Lok. Pl.) nicht gierig (Akk.)

vivarjitānāṃ vyasanaiḥ sughoraiḥ saptabhir bhṛśam; aṣṭānāṃ mantriṇāṃ madhye mantraṃ rājopadhārayet

Inmitten der acht Minister, die von sieben überaus schrecklichen Lastern gänzlich frei sind, möge der König die Beratung erwägen.

Wort für Wort
vivarjitānāṃ vyasanaiḥ
der von Lastern (Instr. Pl.) freien (Gen. Pl.)
sughoraiḥ saptabhir bhṛśam
überaus schrecklichen, sieben, gänzlich
aṣṭānāṃ mantriṇāṃ madhye
unter acht Ministern (Gen. Pl.), in der Mitte
mantraṃ rājopadhārayet
die Beratung (Akk.) möge der König erwägen (3.Sg.Opt.)

tataḥ saṃpreṣayed rāṣṭre rāṣṭrāyātha ca darśayet; anena vyavahāreṇa draṣṭavyās te prajāḥ sadā

Danach soll er [sie] ins Reich entsenden und dem Reich [vor]zeigen; nach diesem Verfahren sind deine Untertanen stets zu beaufsichtigen.

Wort für Wort
tataḥ saṃpreṣayed rāṣṭre
danach soll er entsenden (3.Sg.Opt.) ins Reich (Lok.)
rāṣṭrāyātha ca darśayet
und dem Reich (Dat.) zeigen (3.Sg.Opt.) [?]
anena vyavahāreṇa
durch dieses Verfahren (Instr.)
draṣṭavyās te prajāḥ sadā
zu beaufsichtigen (Gerundiv) deine Untertanen (Nom. Pl.) stets

Sinn von „rāṣṭrāya … darśayet“ (dem Reich vorstellen/zeigen) nicht ganz sicher [?].

na cāpi gūḍhaṃ kāryaṃ te grāhyaṃ kāryopaghātakam; kārye khalu vipanne tvāṃ so 'dharmas tāṃś ca pīḍayet

Und auch keine verborgene Angelegenheit, [noch] eine, die das Geschäft schädigt, ist von dir hinzunehmen [?]; denn wenn ein Geschäft misslingt, würde jener Adharma dich und diese [Untertanen] bedrängen.

Wort für Wort
na cāpi gūḍhaṃ kāryaṃ
und auch nicht verborgen die Angelegenheit (Nom./Akk. n.)
te grāhyaṃ kāryopaghātakam
von dir hinzunehmen (Gerundiv), das Geschäft schädigend
kārye khalu vipanne
denn wenn die Sache misslungen ist (Lok. abs.)
tvāṃ so 'dharmas
dich, jener Adharma (Akk./Nom.)
tāṃś ca pīḍayet
und jene (Akk. Pl.) bedrängen (3.Sg.Opt.)

Konstruktion von „na gūḍhaṃ kāryaṃ te grāhyam …“ unsicher.

vidravec caiva rāṣṭraṃ te śyenāt pakṣigaṇā iva; parisravec ca satataṃ naur viśīrṇeva sāgare

Und dein Reich würde auseinanderstieben wie Vogelscharen vor dem Falken; und ständig würde es lecken wie ein zerborstenes Schiff im Meer.

Wort für Wort
vidravec caiva rāṣṭraṃ te
und es würde auseinanderfliehen (3.Sg.Opt.) dein Reich (Nom.)
śyenāt pakṣigaṇā iva
wie Vogelscharen (Nom. Pl.) vor dem Falken (Abl.)
parisravec ca satataṃ
und ständig würde es lecken/durchsickern (3.Sg.Opt.)
naur viśīrṇeva sāgare
wie ein zerborstenes Schiff (Nom.) im Meer (Lok.)

prajāḥ pālayato 'samyag adharmeṇeha bhūpateḥ; hārdaṃ bhayaṃ saṃbhavati svargaś cāsya virudhyate

Für den Fürsten, der die Untertanen hier nicht recht, durch Adharma schützt, entsteht Angst im Herzen, und sein Himmel wird behindert.

Wort für Wort
prajāḥ pālayato 'samyag
der die Untertanen schützt (Part. Gen.), nicht recht
adharmeṇeha bhūpateḥ
durch Adharma (Instr.) hier, des Fürsten (Gen.)
hārdaṃ bhayaṃ saṃbhavati
Herzensangst (Nom.) entsteht (3.Sg.Präs.)
svargaś cāsya virudhyate
und Himmel (Nom.) seiner (Gen.) wird behindert (3.Sg.Pass.)

atha yo 'dharmataḥ pāti rājāmātyo 'tha vātmajaḥ; dharmāsane niyuktaḥ san dharmamūlaṃ nararṣabha

Wenn aber einer nicht dem Dharma gemäß schützt – sei es ein Minister des Königs oder [dessen] Sohn –, als auf den Richtersitz Eingesetzter, der die Wurzel des Dharma [schützt] [?], Stier unter den Männern,

Wort für Wort
atha yo 'dharmataḥ pāti
wenn aber einer nicht dem Dharma gemäß schützt (3.Sg.Präs.)
rājāmātyo 'tha vātmajaḥ
Minister des Königs oder auch Sohn (Nom.)
dharmāsane niyuktaḥ san
auf den Richtersitz (Lok.) eingesetzt seiend (Part.)
dharmamūlaṃ nararṣabha
die Dharma-Wurzel (Akk.) [?], Stier unter den Männern (Vok.)

Satz bleibt ohne ausgeführtes Prädikat; in der Hauptüberlieferung schließt Vers 16 (Einheit 19) mit „gehen nach unten“ an. dharmamūlam syntaktisch unsicher.

svargaṃ yāti mahīpālo niyuktaiḥ sacivaiḥ saha

[So] geht der Erdenhüter mit den eingesetzten Ministern in den Himmel.

Wort für Wort
svargaṃ yāti mahīpālaḥ
in den Himmel (Akk.) geht der Erdenhüter (Nom.)
niyuktaiḥ sacivaiḥ saha
mit den eingesetzten Ministern (Instr. Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; inhaltlich in Spannung zum Kontext (Unrecht führt nach unten, vgl. Einheit 19), vermutlich Ergänzung mit umgekehrtem Sinn oder von rechtem Handeln zu verstehen.

kāryeṣv adhikṛtāḥ samyag akurvanto nṛpānugāḥ; ātmānaṃ purataḥ kṛtvā yānty adhaḥ sahapārthivāḥ

Die in Geschäften Beauftragten, des Königs Gefolgsleute, gehen, wenn sie nicht recht handeln, sich selbst voranstellend, nach unten, samt den Fürsten.

Wort für Wort
kāryeṣv adhikṛtāḥ
in den Geschäften (Lok. Pl.) Beauftragte (Nom. Pl.)
samyag akurvanto
nicht recht handelnd (Part. Nom. Pl.)
nṛpānugāḥ
des Königs Gefolgsleute (Nom. Pl.)
ātmānaṃ purataḥ kṛtvā
sich selbst voran gestellt habend (Abs.)
yānty adhaḥ sahapārthivāḥ
gehen (3.Pl.Präs.) hinab, samt den Fürsten

balātkṛtānāṃ balibhiḥ kṛpaṇaṃ bahu jalpatām; nātho vai bhūmipo nityam anāthānāṃ nṛṇāṃ bhavet

Für die von Mächtigen Bedrängten, die kläglich viel Klagenden, soll der Erdenherr stets der Beschützer sein, [für] die schutzlosen Menschen.

Wort für Wort
balātkṛtānāṃ balibhiḥ
der von Starken (Instr. Pl.) mit Gewalt Behandelten (Gen. Pl.)
kṛpaṇaṃ bahu jalpatām
kläglich viel Redenden (Gen. Pl.)
nātho vai bhūmipo nityam
Beschützer wahrlich der Erdenherr (Nom.) stets
anāthānāṃ nṛṇāṃ bhavet
der schutzlosen Menschen (Gen. Pl.) soll er sein (3.Sg.Opt.)

tataḥ sākṣibalaṃ sādhu dvaidhe vādakṛtaṃ bhavet; asākṣikam anāthaṃ vā parīkṣyaṃ tad viśeṣataḥ

Dann möge bei zwiespältiger [Sachlage] das Gewicht der Zeugen als gut gelten, das im Rechtsstreit Vorgebrachte [?]; [ein Fall] ohne Zeugen oder ohne Beistand ist besonders zu prüfen.

Wort für Wort
tataḥ sākṣibalaṃ sādhu
dann die Zeugenkraft (Nom.), gut
dvaidhe vādakṛtaṃ bhavet
bei Zwiespalt (Lok.), im Streit Vorgebrachtes, möge sein (3.Sg.Opt.) [?]
asākṣikam anāthaṃ vā
ohne Zeugen oder ohne Beistand (Nom. n.)
parīkṣyaṃ tad viśeṣataḥ
zu prüfen (Gerundiv) das, besonders

Konstruktion von „dvaidhe vādakṛtaṃ bhavet“ unsicher.

aparādhānurūpaṃ ca daṇḍaṃ pāpeṣu pātayet; udvejayed dhanair ṛddhān daridrān vadhabandhanaiḥ

Er soll dem Vergehen entsprechend die Strafe über die Sünder verhängen; die Reichen soll er durch Geldbußen, die Armen durch Tötung und Fesselung in Schrecken versetzen.

Wort für Wort
aparādhānurūpaṃ ca
und dem Vergehen entsprechend (Adv.)
daṇḍaṃ pāpeṣu pātayet
die Strafe (Akk.) über Sünder (Lok. Pl.) soll er niedergehen lassen (3.Sg.Opt.)
udvejayed dhanair ṛddhān
soll er in Schrecken versetzen (Opt.) durch Vermögen [Bußen] (Instr.) die Reichen (Akk. Pl.)
daridrān vadhabandhanaiḥ
die Armen durch Tötung und Fesselung (Instr. Pl.)

vinayair api durvṛttān prahārair api pārthivaḥ; sāntvenopapradānena śiṣṭāṃś ca paripālayet

Übel Handelnde soll der Fürst durch Zurechtweisungen und auch durch Schläge [zügeln], die Wohlgesitteten aber durch Beschwichtigung und Gaben schützen.

Wort für Wort
vinayair api durvṛttān
durch Zurechtweisungen (Instr. Pl.) auch die Übeltäter (Akk. Pl.)
prahārair api pārthivaḥ
durch Schläge auch, der Fürst (Nom.)
sāntvenopapradānena
durch Beschwichtigung und Gaben (Instr. Sg.)
śiṣṭāṃś ca paripālayet
und die Wohlgesitteten (Akk. Pl.) soll er schützen (3.Sg.Opt.)

„zügeln“ ist aus dem Zusammenhang ergänzt.

rājño vadhaṃ cikīrṣed yas tasya citro vadho bhavet; ājīvakasya stenasya varṇasaṃkarakasya ca

Wer dem König den Tod zu bringen wünscht, dessen Tod soll ein absonderlicher [mannigfaltiger] sein; ebenso [der] eines Lebensunterhalt-Suchenden [?], eines Diebes und dessen, der die Stände vermischt.

Wort für Wort
rājño vadhaṃ cikīrṣed yaḥ
wer den Tod des Königs (Gen./Akk.) zu tun wünscht (3.Sg.Opt.)
tasya citro vadho bhavet
dessen soll der Tod mannigfaltig/absonderlich sein (Nom.)
ājīvakasya stenasya
eines Ājīvaka [?], eines Diebes (Gen.)
varṇasaṃkarakasya ca
und dessen, der die Stände vermischt (Gen.)

ājīvaka hier unsicher (etwa „Betrüger, der von seinem Gewerbe lebt“).

samyak praṇayato daṇḍaṃ bhūmipasya viśāṃ pate; yuktasya vā nāsty adharmo dharma eveha śāśvataḥ

Wenn der Erdenherr, Herr der Menschen, die Strafe recht verhängt, oder [wenn es] ein Bevollmächtigter [tut], gibt es keinen Adharma, sondern hier nur ewiges Dharma.

Wort für Wort
samyak praṇayato daṇḍaṃ
der die Strafe recht verhängt (Part. Gen.)
bhūmipasya viśāṃ pate
des Erdenherrn, Herr der Menschen (Vok.)
yuktasya vā nāsty adharmo
oder eines Bevollmächtigten (Gen.); kein Adharma ist (3.Sg.Präs.)
dharma eveha śāśvataḥ
Dharma nur hier, ewiger (Nom.)

kāmakāreṇa daṇḍaṃ tu yaḥ kuryād avicakṣaṇaḥ; sa ihākīrtisaṃyukto mṛto narakam āpnuyāt

Wer aber unverständig nach Belieben die Strafe verhängt, der ist hier mit Schande behaftet und gelangt nach dem Tod in die Hölle.

Wort für Wort
kāmakāreṇa daṇḍaṃ tu
nach Willkür (Instr.) die Strafe (Akk.) aber
yaḥ kuryād avicakṣaṇaḥ
wer verhängt (3.Sg.Opt.), unverständig (Nom.)
sa ihākīrtisaṃyuktaḥ
der hier mit Unruhm verbunden (Nom.)
mṛto narakam āpnuyāt
gestorben, die Hölle (Akk.) erlangt er (3.Sg.Opt.)

na parasya śravād eva pareṣāṃ daṇḍam arpayet; āgamānugamaṃ kṛtvā badhnīyān mokṣayeta vā

Nicht auf das bloße Hörensagen eines anderen hin soll er anderen eine Strafe auferlegen; nachdem er Herkunft und Folge [der Sache] geprüft hat, soll er fesseln oder freilassen.

Wort für Wort
na parasya śravād eva
nicht allein auf das Hören von einem anderen (Abl.)
pareṣāṃ daṇḍam arpayet
über andere (Gen.) Strafe (Akk.) soll er verhängen (3.Sg.Opt.)
āgamānugamaṃ kṛtvā
Herkunft und Verlauf [prüfend] gemacht habend (Abs.)
badhnīyān mokṣayeta vā
soll er fesseln (Opt.) oder freilassen (Opt.)

āgamānugama: etwa „Ursprung und Verlauf [der Tat]“.

na tu hanyān nṛpo jātu dūtaṃ kasyāṃ cid āpadi; dūtasya hantā nirayam āviśet sacivaiḥ saha

Ein König aber soll niemals einen Boten töten, in keiner Notlage; der Töter eines Boten geht samt seinen Ministern in die Hölle ein.

Wort für Wort
na tu hanyān nṛpo jātu
nicht aber soll töten (3.Sg.Opt.) der König jemals
dūtaṃ kasyāṃ cid āpadi
einen Boten (Akk.) in irgendeiner Notlage (Lok.)
dūtasya hantā nirayam
der Töter des Boten (Nom.), die Hölle (Akk.)
āviśet sacivaiḥ saha
geht ein (3.Sg.Opt.) mit Ministern

yathoktavādinaṃ dūtaṃ kṣatradharmarato nṛpaḥ; yo hanyāt pitaras tasya bhrūṇahatyām avāpnuyuḥ

Wenn ein König, der am Dharma der Kṣatriyas Freude hat, einen Boten tötet, der das Aufgetragene [wie aufgetragen] spricht, dessen Väter erlangen die Schuld des Embryomordes.

Wort für Wort
yathoktavādinaṃ dūtaṃ
einen Boten, der wie aufgetragen spricht (Akk.)
kṣatradharmarato nṛpaḥ
der König, am Kṣatriya-Dharma sich erfreuend (Nom.)
yo hanyāt
wer tötet (3.Sg.Opt.)
pitaras tasya
dessen Väter/Ahnen (Nom. Pl.)
bhrūṇahatyām avāpnuyuḥ
Embryomord (Akk.) erlangen (3.Pl.Opt.)

bhrūṇahatyā: Tötung eines Embryos, hier als schwerste Schuld.

kulīnaḥ śīlasaṃpanno vāgmī dakṣaḥ priyaṃvadaḥ; yathoktavādī smṛtimān dūtaḥ syāt saptabhir guṇaiḥ

Aus gutem Geschlecht, von vollkommenem Charakter, redegewandt, geschickt, angenehm sprechend, das Aufgetragene [wie aufgetragen] sagend, gedächtnisstark: mit [diesen] sieben Eigenschaften soll ein Bote sein.

Wort für Wort
kulīnaḥ śīlasaṃpannaḥ
aus gutem Geschlecht, charakterlich vollkommen (Nom.)
vāgmī dakṣaḥ priyaṃvadaḥ
redegewandt, geschickt, angenehm sprechend
yathoktavādī smṛtimān
wie aufgetragen sprechend, gedächtnisstark
dūtaḥ syāt saptabhir guṇaiḥ
Bote soll sein (3.Sg.Opt.) mit sieben Eigenschaften (Instr. Pl.)

etair eva guṇair yuktaḥ pratīhāro 'sya rakṣitā; śirorakṣaś ca bhavati guṇair etaiḥ samanvitaḥ

Mit ebendiesen Eigenschaften ausgestattet [sei] sein Türhüter, [sein] Beschützer; auch der Leibwächter ist mit diesen Eigenschaften versehen.

Wort für Wort
etair eva guṇair yuktaḥ
mit ebendiesen Eigenschaften (Instr. Pl.) ausgestattet (Nom.)
pratīhāro 'sya rakṣitā
der Türhüter (Nom.) seiner, Beschützer
śirorakṣaś ca bhavati
und der Leibwächter (Nom.) ist (3.Sg.Präs.)
guṇair etaiḥ samanvitaḥ
mit diesen Eigenschaften versehen (Part. Nom.)

dharmārthaśāstratattvajñaḥ saṃdhivigrahako bhavet; matimān dhṛtimān dhīmān rahasyavinigūhitā

Der Wahrheit von Dharma- und Artha-Lehre kundig soll der Beauftragte für Frieden und Krieg sein; verständig, standhaft, weise, ein Wahrer von Geheimnissen.

Wort für Wort
dharmārthaśāstratattvajñaḥ
Kenner der Wahrheit der Dharma- und Artha-Lehre (Nom.)
saṃdhivigrahako bhavet
Beauftragter für Frieden und Krieg soll sein (3.Sg.Opt.)
matimān dhṛtimān dhīmān
verständig, standhaft, weise (Nom.)
rahasyavinigūhitā
Geheimnisse Verbergender (Nom. Agens)

kulīnaḥ satyasaṃpannaḥ śakto 'mātyaḥ praśaṃsitaḥ; etair eva guṇair yuktas tathā senāpatir bhavet

Aus gutem Geschlecht, wahrhaftig, fähig: so wird ein Minister gepriesen; mit ebendiesen Eigenschaften ausgestattet soll auch der Heerführer sein.

Wort für Wort
kulīnaḥ satyasaṃpannaḥ
aus gutem Geschlecht, mit Wahrhaftigkeit ausgestattet (Nom.)
śakto 'mātyaḥ praśaṃsitaḥ
fähig, ein Minister, gepriesen (Nom.)
etair eva guṇair yuktaḥ
mit ebendiesen Eigenschaften ausgestattet
tathā senāpatir bhavet
ebenso Heerführer soll sein (3.Sg.Opt.)

vyūhayantrāyudhīyānāṃ tattvajño vikramānvitaḥ; varṣaśītoṣṇavātānāṃ sahiṣṇuḥ pararandhravit

Kenner des Wesens von Schlachtordnungen, Maschinen und Waffenführern [?], tapfer; Regen, Kälte, Hitze und Wind erträgt er, und er kennt die Schwachstellen des Feindes.

Wort für Wort
vyūhayantrāyudhīyānāṃ
der Schlachtordnungen, Maschinen und Waffen[träger] (Gen. Pl.) [?]
tattvajño vikramānvitaḥ
Kenner des Wesens, mit Tapferkeit begabt (Nom.)
varṣaśītoṣṇavātānāṃ
Regen, Kälte, Hitze und Wind (Gen. Pl.)
sahiṣṇuḥ pararandhravit
ertragend (Nom.), Feindes Schwächen kennend

vyūhayantrāyudhīyānām: Bezug von āyudhīya (Waffenführer/Waffen) unsicher.

viśvāsayet parāṃś caiva viśvasen na tu kasya cit; putreṣv api hi rājendra viśvāso na praśasyate

Er soll die Feinde Vertrauen fassen lassen, selbst aber niemandem vertrauen; denn selbst bei Söhnen, König der Könige, wird Vertrauen nicht gepriesen.

Wort für Wort
viśvāsayet parāṃś caiva
soll Vertrauen einflößen (Kaus. Opt.) den Feinden (Akk. Pl.)
viśvasen na tu kasya cit
soll vertrauen (3.Sg.Opt.) nicht aber irgendjemandem
putreṣv api hi rājendra
denn selbst bei Söhnen (Lok. Pl.), König der Könige (Vok.)
viśvāso na praśasyate
Vertrauen (Nom.) wird nicht gepriesen (3.Sg.Pass.)

etac chāstrārthatattvaṃ tu tavākhyātaṃ mayānagha; aviśvāso narendrāṇāṃ guhyaṃ paramam ucyate

Dies ist die Wahrheit vom Sinn der Lehrbücher, von mir dir gesagt, Makelloser; das Misstrauen der Könige gilt als das höchste Geheimnis.

Wort für Wort
etac chāstrārthatattvaṃ tu
dies das Wesen des Śāstra-Sinns (Nom.)
tavākhyātaṃ mayānagha
dir erzählt (Part.), von mir (Instr.), Makelloser (Vok.)
aviśvāso narendrāṇāṃ
Misstrauen der Könige (Gen. Pl.)
guhyaṃ paramam ucyate
Geheimnis, höchstes (Nom.), wird genannt (3.Sg.Pass.)

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