Kapitel 189: japakopākhyāna
Vom Murmeln (Japa) und dem Weg der Jāpakas bis zum Höchsten
Yudhiṣṭhira fragt nach Lohn und Vorschrift der Jāpakas; Bhīṣma beginnt mit einer alten Erzählung um Yama, Kāla und einen Brahmanen und beschreibt zunächst den Weg des Tätigen (Pravṛtti), dann den der Abkehr (Nivṛtti) bis zur Erlösung.
yudhiṣṭhira uvāca; cāturāśramyam uktaṃ te rājadharmās tathaiva ca; nānāśrayāś ca bahava itihāsāḥ pṛthagvidhāḥ
Yudhiṣṭhira sprach: „Die Vierheit der Lebensstadien ist von dir dargelegt worden und ebenso die Pflichten der Könige, und viele Erzählungen (Itihāsas) verschiedener Art mit mannigfachen Grundlagen.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
cāturāśramyam uktaṃ te
die Vierstufigkeit der Lebensstadien ist von dir gesagt (Nom.Sg.n., Part.Pass. / Instr.-Gen. te)
„Die Erlangung des Lohnes der Jāpakas [Murmelnden/Rezitierenden] möchte ich hören, o Bhārata. Welcher Lohn wird den Murmelnden zugeschrieben, oder wo verweilen die Jāpakas?“
Wort für Wort
jāpakānāṃ phalāvāptiṃ
die Erlangung des Lohnes der Rezitierer (Gen.Pl. / Akk.Sg.f.)
śrotum icchāmi bhārata
hören will ich, o Bhārata (Inf. / 1.Sg.Präs. / Vok.)
kiṃ phalaṃ japatām uktaṃ
welcher Lohn ist den Murmelnden genannt (Nom.Sg.n. / Gen.Pl.m. / Part.Pass.)
kva vā tiṣṭhanti jāpakāḥ
oder wo stehen/weilen die Jāpakas (3.Pl.Präs. / Nom.Pl.m.)
japasya ca vidhiṃ kṛtsnaṃ vaktum arhasi me 'nagha; jāpakā iti kiṃ caitat sāṃkhyayogakriyāvidhiḥ
„Und die ganze Vorschrift des Murmelns darfst du mir darlegen, Makelloser. Und was ist dies mit ‚Jāpakas‘: eine Vorschrift für Handlungen des Sāṃkhya und des Yoga?“
Wort für Wort
japasya ca vidhiṃ kṛtsnaṃ
und die vollständige Vorschrift des Murmelns (Gen.Sg. / Akk.Sg.m.)
vaktum arhasi me 'nagha
darfst/sollst mir sagen, Makelloser (Inf. / 2.Sg.Präs. / Vok.)
jāpakā iti kiṃ caitat
‚Jāpakas‘, so, und was ist dies (Nom.Pl. / Nom.Sg.n.)
sāṃkhyayogakriyāvidhiḥ
Vorschrift der Sāṃkhya-Yoga-Handlungen (Kompositum, Nom.Sg.m.)
[Anm.: Fortsetzung des Satzes folgt in der nächsten Einheit] Sāṃkhya und Yoga, die beiden, die von den Weisen, welche die Erlösung schauen, gelehrt wurden.
Wort für Wort
sāṃkhyayogau tu
Sāṃkhya und Yoga aber (Nom.Du.m.)
yāv uktau
die beiden, die gesagt wurden (Rel. Nom.Du. / Part.Pass.)
munibhir mokṣadarśibhiḥ
von den Weisen, die die Erlösung schauen (Instr.Pl.m.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der Satz ist unvollständig, Beziehung zum Folgenden unklar.
saṃnyāsa eva vedānte vartate japanaṃ prati; vedavādābhinirvṛttā śāntir brahmaṇy avasthitau; mārgau tāv apy ubhāv etau saṃśritau na ca saṃśritau
Entsagung allein gilt im Vedānta in Bezug auf das Murmeln; aus der Lehre der Veden hervorgegangen ist die Ruhe, im Brahman fest gegründet. Diese beiden Wege sind beide zugleich beschritten und nicht beschritten [?].
Wort für Wort
saṃnyāsa eva vedānte
Entsagung allein im Vedānta (Nom.Sg.m. / Lok.Sg.m.)
vartate japanaṃ prati
besteht/gilt in Bezug auf das Murmeln (3.Sg.Präs.Med. / Akk. + prati)
vedavādābhinirvṛttā
aus der Lehre der Veden hervorgegangen (Nom.Sg.f.)
śāntir brahmaṇy avasthitau
Ruhe im Zustand des Feststehens im Brahman (Nom.Sg.f. / Lok.Sg.f.)
mārgau tāv apy ubhāv etau
diese beiden Wege, beide (Nom.Du.m.)
saṃśritau na ca saṃśritau
beschritten und nicht beschritten (Part.Pass. Nom.Du.)
Der letzte Halbvers ist paradox formuliert und in der Deutung unsicher.
In gehöriger Abfolge ist diese Vorschrift des Murmelopfers festgesetzt, o König; „mit Stütze“ [sālambana] ist dies zu erkennen, heilvoll, das Murmelopfer zum Wesen habend.
Wort für Wort
krameṇa caiṣa vihito
der Reihe nach ist diese festgesetzt (Instr.Sg. / Nom.Sg.m. / Part.Pass.)
japayajñavidhir nṛpa
Vorschrift des Murmelopfers, o König (Nom.Sg.m. / Vok.)
sālambanam iti jñeyaṃ
‚mit Stütze‘, so ist es zu erkennen (Gerundiv Nom.Sg.n.)
japayajñātmakaṃ śubham
das Murmelopfer zum Wesen habend, heilvoll (Nom.Sg.n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage.
Zurückziehen von den Sinnesobjekten, maßvolles Reden und ebenso Beruhigung: dies ist die Pflicht des Tätigen [Pravṛtti]; nun höre die der Abkehr [Nivṛtti].
Wort für Wort
viṣayapratisaṃhāro
Zurückziehen von den Sinnesobjekten (Nom.Sg.m.)
mitajalpas tathā śamaḥ
maßvolles Reden und ebenso Ruhe (Nom.Sg.m.)
eṣa pravṛttako dharmo
dies ist die Pflicht der Hinwendung [zum Handeln] (Nom.Sg.m.)
nivṛttakam atho śṛṇu
die der Abkehr aber nun höre (Akk.Sg.n. / Imp.2.Sg.)
na japo na ca vai dhyānaṃ necchā na dveṣaharṣaṇau; yujyate nṛpaśārdūla susaṃvedyaṃ hi tat kila; japam āvartayan nityaṃ japan vai brahmacārikam; tadarthabuddhyā saṃyāti manasā jāpakaḥ param; yathā saṃśrūyate jāpo yena vai jāpako bhavet; saṃhitāpraṇavenaiva sāvitrī ca parā matā; yad anyad ucitaṃ śuddhaṃ vedasmṛty upapāditam
Weder Murmeln noch Meditation, weder Wunsch noch Haß und Freude sind [dann] angemessen; denn dies, o Tiger unter den Königen, ist ja, wie es heißt, leicht zu erfahren. Wer das Murmeln beständig wiederholt, den Brahmacārika [?] murmelnd, gelangt, als Jāpaka, mit der auf dessen Sinn gerichteten Einsicht durch den Geist zum Höchsten. Wie überliefert wird, durch welches [Murmeln] einer zum Jāpaka würde: durch die Saṃhitā und die Silbe Om, und die Sāvitrī gilt als die höchste; und was sonst schicklich, rein und durch Veda und Smṛti begründet ist:
Wort für Wort
na japo na ca vai dhyānaṃ
weder Murmeln noch Meditation (Nom.Sg.m./n.)
necchā na dveṣaharṣaṇau
weder Wunsch noch Haß und Freude (Nom.Sg.f. / Nom.Du.)
yujyate nṛpaśārdūla
ist angemessen, o Tiger unter den Königen (3.Sg.Pass.Präs. / Vok.)
susaṃvedyaṃ hi tat kila
denn das ist leicht zu erfahren, wie es heißt (Gerundiv Nom.Sg.n.)
japam āvartayan nityaṃ japan vai brahmacārikam
das Murmeln beständig wiederholend, den Brahmacārika murmelnd (Part.Präs. Nom.Sg.m. / Akk.Sg.n.)
tadarthabuddhyā saṃyāti manasā jāpakaḥ param
mit auf dessen Sinn gerichteter Einsicht gelangt der Jāpaka durch den Geist zum Höchsten (Instr.Sg.f. / 3.Sg.Präs. / Instr.Sg.n. / Nom.Sg.m. / Akk.Sg.n.)
yathā saṃśrūyate jāpo yena vai jāpako bhavet
wie überliefert wird das Murmeln, wodurch einer Jāpaka werden könnte (3.Sg.Pass.Präs. / Nom.Sg.m. / Opt.3.Sg.)
saṃhitāpraṇavenaiva sāvitrī ca parā matā
durch Saṃhitā und Praṇava, und die Sāvitrī als höchste gehalten (Instr.Sg.m. / Nom.Sg.f. / Part.Pass.)
yad anyad ucitaṃ śuddhaṃ vedasmṛty upapāditam
was anderes schicklich, rein, durch Veda und Smṛti begründet ist (Nom.Sg.n. / Part.Pass.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text teils unsicher (brahmacārikam), Satz endet offen und wird in der folgenden Einheit fortgesetzt.
Auf einem Haufen von Kuśa-Gras sitzend, Kuśa-Gras in der Hand, mit einem Schopf aus Kuśa [?], von Bastgewändern umhüllt, in dessen Mitte, ebenso von Kuśa bedeckt.
Wort für Wort
kuśoccayaniṣaṇṇaḥ san
auf einem Kuśa-Haufen sitzend (Nom.Sg.m. / Part.Präs.)
kuśahastaḥ
Kuśa in der Hand (Nom.Sg.m.)
kuśaiḥ śikhī
mit Kuśa [als] Schopf (Instr.Pl. / Nom.Sg.m.)
cīraiḥ parivṛtas
von Bastgewändern umhüllt (Instr.Pl. / Part.Pass.)
tasmin madhye
in dessen Mitte (Lok.Sg.)
channaḥ kuśais tathā
bedeckt von Kuśa ebenso (Part.Pass. / Instr.Pl.)
Der Halbvers kuśahastaḥ kuśaiḥ śikhī ist knapp; Deutung von śikhī unsicher.
viṣayebhyo namaskuryād viṣayān na ca bhāvayet; sāmyam utpādya manaso manasy eva mano dadhat
Vor den Sinnesobjekten soll er sich verneigen [d. h. sich von ihnen verabschieden], die Objekte aber nicht in Gedanken hegen; Gleichmut im Geist erzeugend, den Geist nur im Geist festigend.
Wort für Wort
viṣayebhyo namaskuryād
vor den Objekten soll er sich verneigen (Dat.Pl. / Opt.3.Sg.)
viṣayān na ca bhāvayet
die Objekte aber nicht hegen/erwägen (Akk.Pl. / Opt.Kaus.3.Sg.)
sāmyam utpādya manaso
Gleichmut erzeugt habend des Geistes (Akk.Sg.n. / Abs. / Gen.Sg.)
manasy eva mano dadhat
im Geist eben den Geist setzend (Lok.Sg. / Akk.Sg. / Part.Präs.)
athābhimatamantreṇa praṇavādyaṃ japet kṛtī; yasminn evābhipatitaṃ manas tatra niveśayet; samādhau sa hi mantre tu saṃhitāṃ vā yathāvidhi
Dann soll der Erfolgreiche mit dem erwünschten Mantra, mit Om beginnend, murmeln; worauf der Geist gefallen ist, darauf soll er ihn richten; in der Sammlung, im Mantra oder die Saṃhitā, nach Vorschrift.
Wort für Wort
athābhimatamantreṇa
dann mit dem erwünschten Mantra (Instr.Sg.m.)
praṇavādyaṃ japet kṛtī
mit Om beginnend soll er murmeln, der Erfolgreiche (Akk.Sg.n. / Opt.3.Sg. / Nom.Sg.m.)
yasminn evābhipatitaṃ manas
worauf der Geist gefallen ist (Lok.Sg.n. / Part.Pass. Nom.Sg.n.)
tatra niveśayet
darauf soll er richten (Opt.Kaus.3.Sg.)
samādhau sa hi mantre tu
in der Sammlung, er, im Mantra aber (Lok.Sg.)
saṃhitāṃ vā yathāvidhi
oder die Saṃhitā, nach Vorschrift (Akk.Sg.f.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der letzte Halbvers ist syntaktisch knapp und unsicher.
arāgamoho nirdvaṃdvo na śocati na sajjate; na kartākaraṇīyānāṃ na kāryāṇām iti sthitiḥ
Ohne Leidenschaft und Verblendung, frei von Gegensatzpaaren, trauert er nicht und haftet nicht an; er ist weder Täter des Nicht-zu-Tuenden noch des zu Verrichtenden: so ist der Zustand.
Wort für Wort
arāgamoho nirdvaṃdvo
ohne Leidenschaft und Verblendung, frei von Gegensätzen (Nom.Sg.m.)
na śocati na sajjate
trauert nicht, haftet nicht (3.Sg.Präs.)
na kartākaraṇīyānāṃ
nicht Täter des Nicht-zu-Tuenden (Nom.Sg.m. / Gen.Pl.n.)
na kāryāṇām iti sthitiḥ
nicht des zu Verrichtenden, so der Zustand (Gen.Pl.n. / Nom.Sg.f.)
na cāhaṃkārayogena manaḥ prasthāpayet kva cit; na cātmagrahaṇe yukto nāvamānī na cākriyaḥ
Und nicht soll er durch Verbindung mit Ich-Bewusstsein den Geist irgendwohin aussenden; er ist nicht auf das Ergreifen des Selbst [?] gerichtet, nicht verächtlich, nicht untätig.
Wort für Wort
na cāhaṃkārayogena
und nicht durch Verbindung mit Ich-Bewusstsein (Instr.Sg.m.)
manaḥ prasthāpayet kva cit
den Geist soll er aussenden irgendwohin (Akk.Sg.n. / Opt.Kaus.3.Sg.)
na cātmagrahaṇe yukto
und nicht auf das Ergreifen des Selbst gerichtet (Lok.Sg.n. / Nom.Sg.m.)
nāvamānī na cākriyaḥ
nicht verachtend, nicht untätig (Nom.Sg.m.)
ātmagrahaṇa ist mehrdeutig (Ergreifen/Festhalten des Selbst, auch: Selbstbetonung).
dhyānakriyāparo yukto dhyānavān dhyānaniścayaḥ; dhyāne samādhim utpādya tad api tyajati kramāt
Der Meditationsübung ergeben, gesammelt, meditierend, in der Meditation entschlossen; in der Meditation Sammlung erzeugt habend, gibt er auch diese der Reihe nach auf.
Wort für Wort
dhyānakriyāparo yukto
der Meditationsübung ergeben, gesammelt (Nom.Sg.m.)
dhyānavān dhyānaniścayaḥ
meditierend, der Meditation entschlossen (Nom.Sg.m.)
dhyāne samādhim utpādya
in der Meditation Sammlung erzeugt habend (Lok.Sg.n. / Akk.Sg.m. / Abs.)
tad api tyajati kramāt
auch dies gibt er auf der Reihe nach (3.Sg.Präs. / Abl.Sg.m.)