Kapitel 223: nāradaguṇakīrtanam
Kṛṣṇa preist Nāradas Vorzüge, die ihn überall beliebt machen
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem allseits beliebten Menschen berichtet Bhīṣma von einem Gespräch zwischen Ugrasena und Kṛṣṇa, in dem dieser Nāradas Tugenden aufzählt; eine Zusatzpassage fügt die Episode von der „eisenlosen Waffe“ an.
yudhiṣṭhira uvāca; priyaḥ sarvasya lokasya sarvasattvābhinanditā; guṇaiḥ sarvair upetaś ca ko nv asti bhuvi mānavaḥ
Yudhiṣṭhira sprach: „Wer auf Erden ist wohl ein Mensch, der der ganzen Welt lieb ist, von allen Wesen freudig begrüßt wird und mit allen guten Eigenschaften ausgestattet ist?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
priyaḥ sarvasya lokasya
lieb der ganzen Welt (Nom./Gen.Sg.)
sarvasattvābhinanditā
von allen Wesen freudig begrüßt (Nom.Sg., Agent auf -tṛ)
guṇaiḥ sarvair upetaḥ ca
und mit allen Vorzügen versehen (Instr.Pl.; Part. Nom.Sg.)
kaḥ nu asti bhuvi mānavaḥ
wer wohl ist auf Erden ein Mensch (Nom.Sg./Lok.Sg.)
ugrasena uvāca; paśya saṃkalpate loko nāradasya prakīrtane; manye sa guṇasaṃpanno brūhi tan mama pṛcchataḥ
Ugrasena sprach: „Sieh, die Welt gerät in freudige Erregung, wenn Nārada gepriesen wird. Ich halte ihn für einen, der mit [guten] Eigenschaften ausgestattet ist; sag mir das, da ich [danach] frage.“
Wort für Wort
ugrasena uvāca
Ugrasena sprach (Perf. 3.Sg.)
paśya saṃkalpate lokaḥ
sieh, es regt sich die Welt (Imp. 2.Sg.; Präs. 3.Sg. Med.; Nom.Sg.)
nāradasya prakīrtane
beim Preisen des Nārada (Gen.Sg.; Lok.Sg.)
manye saḥ guṇasaṃpannaḥ
ich halte ihn für eigenschaftsreich (Präs. 1.Sg.; Nom.Sg.; Kompositum)
brūhi tat mama pṛcchataḥ
sag das mir, dem Fragenden (Imp. 2.Sg.; Akk.; Gen./Dat.Sg.; Part. Gen.)
saṃkalpate: Bedeutung „sich regen, in Erwartung/Freude geraten“ [?]; sinngemäß gedeutet.
na cāritranimitto 'syāhaṃkāro dehapātanaḥ; abhinnaśrutacāritras tasmāt sarvatra pūjitaḥ
„Sein Selbstbewusstsein, das den Körper zu Fall bringt, hat keinen Grund in [seinem] Verhalten; unverändert in Gelehrsamkeit und Wandel – deshalb wird er überall verehrt.
Wort für Wort
na cāritranimittaḥ asya
nicht im Wandel begründet ist seiner (Nom.Sg.; Gen.Sg.)
adhyātmavidhitattvajñaḥ kṣāntaḥ śakto jitendriyaḥ; ṛjuś ca satyavādī ca tasmāt sarvatra pūjitaḥ
Er kennt das Wesen der Ordnung des Selbstbezugs [Adhyātma], ist geduldig, fähig, Herr über die Sinne, aufrichtig und wahrhaftig im Reden – deshalb wird er überall verehrt.
Wort für Wort
adhyātmavidhitattvajñaḥ
kundig des Wesens der Adhyātma-Vorschrift (Tatpuruṣa Nom.Sg.)
kṣāntaḥ śaktaḥ jitendriyaḥ
geduldig, fähig, die Sinne besiegt habend (Part. Nom.Sg.; Adj.; Bahuvrīhi)
ṛjuḥ ca satyavādī ca
aufrichtig und wahrhaft redend (Nom.Sg.)
tasmāt sarvatra pūjitaḥ
deshalb wird er überall verehrt (Abl./Adv.; Part. Pass. Nom.Sg.)
Von angenehmem Wesen, angenehm im Umgang, leicht zu bewirten, achtungsvoll gegen andere, rein, mit guter Rede und ohne Neid – deshalb wird er überall verehrt.
Wort für Wort
sukhaśīlaḥ susaṃbhogaḥ
von angenehmem Wesen, im Umgang angenehm (Bahuvrīhi Nom.Sg.)
subhojyaḥ svādaraḥ śuciḥ
leicht zu speisen, ehrerbietig, rein (Nom.Sg.)
suvākyaḥ ca api anīrṣyaḥ ca
und auch gut redend und neidlos (Nom.Sg.)
tasmāt sarvatra pūjitaḥ
deshalb wird er überall verehrt (Abl./Adv.; Part. Pass. Nom.Sg.)
svādaraḥ: als „sva-ādara / su-ādara“ mit Vorbehalt gedeutet [?].
vedaśrutibhir ākhyānair arthān abhijigīṣate; titikṣur anavajñaś ca tasmāt sarvatra pūjitaḥ
Durch Veda-Überlieferung und Erzählungen strebt er Einsichten [Ziele] zu gewinnen; er ist duldsam und verachtet niemanden – deshalb wird er überall verehrt.
Wort für Wort
vedaśrutibhiḥ ākhyānaiḥ
durch Vedaüberlieferungen und Erzählungen (Instr.Pl.)
arthān abhijigīṣate
Ziele/Bedeutungen zu gewinnen strebt er (Akk.Pl.; Des. 3.Sg. Med.)
titikṣuḥ anavajñaḥ ca
duldsam und nicht geringschätzend (Nom.Sg.; Nom.Sg.)
tasmāt sarvatra pūjitaḥ
deshalb wird er überall verehrt (Abl./Adv.; Part. Pass. Nom.Sg.)
samatvād dhi priyo nāsti nāpriyaś ca kathaṃ cana; manonukūlavādī ca tasmāt sarvatra pūjitaḥ
Wegen [seiner] Gleichmütigkeit gibt es niemanden, der ihm lieb wäre, und keinen, der ihm auf irgendeine Weise unlieb wäre; er redet, wie es dem Sinn [des andern] entspricht – deshalb wird er überall verehrt.
Wort für Wort
samatvāt hi
denn wegen Gleichmütigkeit (Abl.Sg.)
priyaḥ na asti
ein Lieber ist nicht [da] (Nom.Sg.; Präs. 3.Sg.)
na apriyaḥ ca katham cana
und kein Unlieber auf irgendeine Weise (Nom.Sg.; Adv.)
manonukūlavādī ca
und dem Sinn gemäß redend (Nom.Sg.)
tasmāt sarvatra pūjitaḥ
deshalb wird er überall verehrt (Abl./Adv.; Part. Pass. Nom.Sg.)
Vielgelehrt, mit wunderbaren Erzählungen, gebildet, nicht träge, nicht arglistig, nicht niedergeschlagen, nicht zornig, nicht habgierig – deshalb wird er überall verehrt.
Wort für Wort
bahuśrutaḥ caitrakathaḥ
vielgelehrt, mit bunten/wunderbaren Erzählungen (Nom.Sg.)
paṇḍitaḥ analasaḥ aśaṭhaḥ
weise, nicht träge, nicht falsch (Nom.Sg.)
adīnaḥ akrodhanaḥ alubdhaḥ
nicht kläglich, nicht zornig, nicht gierig (Nom.Sg.)
tasmāt sarvatra pūjitaḥ
deshalb wird er überall verehrt (Abl./Adv.; Part. Pass. Nom.Sg.)
Er tadelt weder die vielfältige Lebensweise der Welt noch die Natur [der Wesen] und ist erfahren in der Kunst des Umgangs – deshalb wird er überall verehrt.
Wort für Wort
lokasya vividham vṛttam
der Welt vielfältiges Verhalten (Gen.Sg.; Akk.Sg.)
prakṛteḥ ca api akutsayan
und der Natur [ebenso], nicht tadelnd (Gen.Sg.; Part. Nom.Sg.)
saṃsargavidyākuśalaḥ
geschickt in der Wissenschaft des Umgangs (Nom.Sg.)
tasmāt sarvatra pūjitaḥ
deshalb wird er überall verehrt (Abl./Adv.; Part. Pass. Nom.Sg.)
Er lästert keine Überlieferung, lebt nicht von seiner Askese; er lässt keine Zeit ungenutzt und beherrscht sich selbst – deshalb wird er überall verehrt.
Wort für Wort
na asūyati āgamam kam cit
nicht schmäht er irgendeine Überlieferung (Präs. 3.Sg.; Akk.Sg.)
svam tapaḥ na upajīvati
seine Askese nutzt er nicht zum Lebensunterhalt (Akk.Sg.; Präs. 3.Sg.)
avandhyakālaḥ vaśyātmā
dessen Zeit nicht fruchtlos ist, selbstbeherrscht (Nom.Sg.)
tasmāt sarvatra pūjitaḥ
deshalb wird er überall verehrt (Abl./Adv.; Part. Pass. Nom.Sg.)
kṛtaśramaḥ kṛtaprajño na ca tṛptaḥ samādhitaḥ; niyamastho 'pramattaś ca tasmāt sarvatra pūjitaḥ
Er hat sich angestrengt, ist weise geworden, und doch nicht satt in der Sammlung; er hält sich an die Regeln und ist wachsam – deshalb wird er überall verehrt.
Wort für Wort
kṛtaśramaḥ kṛtaprajñaḥ
der sich Mühe gegeben, Einsicht erlangt hat (Nom.Sg.)
na ca tṛptaḥ samādhitaḥ
und nicht ersättigt von der Sammlung (Part. Nom.Sg.; Abl.-Adv.)
niyamasthaḥ apramattaḥ ca
in der Regel stehend und unachtsam nicht (Nom.Sg.)
tasmāt sarvatra pūjitaḥ
deshalb wird er überall verehrt (Abl./Adv.; Part. Pass. Nom.Sg.)
„samādhitaḥ“ mit „tṛptaḥ“: „nicht satt [zu werden] an der Sammlung“ vermutet [?].
ity uktaḥ saṃpraśasyainam ugraseno gato gṛhāt; āste kṛṣṇas tathaikānte paryaṅke ratnabhūṣite; kadā cit tatra bhagavān praviveśa mahāmuniḥ; tam abhyarcya yathānyāyaṃ tūṣṇīm āste janārdanaḥ; taṃ khinnam iva saṃlakṣya keśavaṃ vākyam abravīt; kim idaṃ keśava tava vaimanasyaṃ janārdana; śrīvāsudeva uvāca; abhūtapūrvaṃ govinda tan me vyākhyātum arhasi; nāsuhṛt paramaṃ me 'dya nāpado 'rhati veditum; apaṇḍito vāpi suhṛt paṇḍito vāpy anātmavān; sa tvaṃ suhṛc ca vidvāṃś ca jitātmā śrotum arhasi; apy etad dhṛdi yad duḥkhaṃ tad bhavāñ śrotum arhati; dāsyam aiśvaryavādena jñātīnāṃ ca karomy aham; dviṣanti satataṃ kruddhā jñātisaṃbandhibāndhavāḥ; divyā api tathā bhogā dattās teṣāṃ mayā pṛthak; nārada uvāca; tathāpi ca dviṣanto māṃ vartante ca parasparam; anāyasena śastreṇa parimṛjyānumṛjya ca; bhagavān uvāca; jihvām uddhara caiteṣāṃ na vakṣyanti tataḥ param; anāyasaṃ kathaṃ vindyāṃ śastraṃ munivarottama; nārada uvāca; yenaiṣām uddhare jihvāṃ brūhi tan me yathātatham; gohiraṇyaṃ ca vāsāṃsi ratnādyaṃ yad dhanaṃ bahu; āsye prakṣipa caiteṣāṃ śastram etad anāyasam; suhṛtsaṃbandhimitrāṇāṃ gurūṇāṃ svajanasya ca; ākhyātaṃ śastram etad dhi tena chindhi punaḥ punaḥ; tavaiśvaryapradānāni ślāghyam eṣāṃ vacāṃsi ca; bhīṣma uvāca; samarthaṃ tvām abhijñāya pravadanti ca te narāḥ; tataḥ prahasya bhagavān saṃpūjya ca mahāmunim; tathākaron mahātejā munivākyena coditaḥ; evaṃprabhāvo brahmarṣir nārado munisattamaḥ; pṛṣṭavān asi yan māṃ tvaṃ tad uktaṃ rājasattama; sarvadharmahite yuktāḥ satyadharmaparāyaṇāḥ; lokapriyatvaṃ gacchanti jñānavijñānakovidāḥ
„So angesprochen, lobte Ugrasena ihn und ging aus dem Haus. Kṛṣṇa saß danach allein auf einem mit Juwelen geschmückten Ruhebett. Da trat einmal der ehrwürdige große Weise dort ein; ihn ehrte Janārdana gebührend und saß schweigend da. Ihn, betrübt wie es schien, erblickend, sprach [Nārada] zu Keśava: „Was ist dies, Keśava, [woher] deine Verstimmung, Janārdana?“ Śrī Vāsudeva sprach: „Nie zuvor gewesen, Govinda – das solltest du mir erklären.“ [Nārada:] „Kein Nicht-Freund darf mein höchstes Leid oder Unglück erfahren; ob unweise oder weise, ein Freund [ist es], der nicht selbstbeherrscht ist; du aber, Freund, Wissender und Selbstbezwinger, bist würdig zu hören. Auch was im Herzen als Kummer ist, das darf der Ehrwürdige hören: Als Knecht diene ich den Verwandten mit dem Anspruch auf Herrschaft; ständig hassen mich zornig die Verwandten, Angeheirateten und Sippenglieder; auch himmlische Genüsse habe ich ihnen einzeln gegeben.“ Nārada sprach: „Dennoch hassen sie mich und leben untereinander [im Streit] – mit einer Waffe ohne Eisen, [die] glättet und wieder abwischt.“ Der Ehrwürdige sprach: „Reiß ihnen die Zunge heraus, dann werden sie danach nichts mehr sagen. Wie soll ich eine eisenlose Waffe finden, bester der Weisen?“ Nārada sprach: „Womit ich ihnen die Zunge herausreißen kann, sag mir genau.“ [Kṛṣṇa:] „Kühe, Gold, Gewänder und Juwelen und was an Reichtum viel ist – wirf es ihnen in den Mund; dies ist die eisenlose Waffe. Freunden, Verwandten, Gefährten, Älteren und den eigenen Leuten – dies ist die [genannte] Waffe; damit schneide immer wieder ab. Deine Herrschaftsgaben sind lobenswert, und ihre Worte [auch].“ Bhīṣma sprach: „Weil sie dich als fähig erkannt haben, sprechen jene Männer [so]. Da lachte der Ehrwürdige, ehrte den großen Weisen und tat es, vom Wort des Weisen angetrieben, der Hochmächtige. So mächtig ist der Brahmanen-Seher Nārada, bester der Weisen; was du mich gefragt hast, o bester der Könige, das ist gesagt. Wer der ganzen Pflicht zum Wohl [aller] zugetan, der Wahrheit und Pflicht ergeben, kundig in Wissen und Einsicht ist, erlangt Beliebtheit in der Welt.“
Wort für Wort
ity uktaḥ saṃpraśasya enam
so angesprochen, ihn lobend (Part. Nom.Sg.; Abs.; Akk.)
ugrasenaḥ gataḥ gṛhāt
Ugrasena ging aus dem Haus (Nom.Sg.; Part. Nom.Sg.; Abl.Sg.)
āste kṛṣṇaḥ tathā ekānte
es sitzt Kṛṣṇa dann einsam (Präs. 3.Sg.; Nom.Sg.; Lok.Sg.)
paryaṅke ratnabhūṣite
auf dem Ruhebett, juwelengeschmückt (Lok.Sg.)
kadā cit tatra bhagavān praviveśa mahāmuniḥ
einmal trat dort der Ehrwürdige, der große Weise, ein (Perf. 3.Sg.)
da lachte der Ehrwürdige und ehrte den großen Weisen (Abs.; Abs.)
tathā akarot mahātejāḥ munivākyena coditaḥ
so tat es der Hochmächtige, vom Wort des Weisen angetrieben (Impf. 3.Sg.; Part. Nom.Sg.)
evaṃprabhāvaḥ brahmarṣiḥ nāradaḥ munisattamaḥ
so mächtig [ist] der Brahmanen-Seher Nārada, bester der Weisen (Nom.Sg.)
pṛṣṭavān asi yat mām tvam tat uktam rājasattama
was du mich gefragt hast, das ist gesagt, bester der Könige (Part.; Präs. 2.Sg.; Vok.)
sarvadharmahite yuktāḥ satyadharmaparāyaṇāḥ
dem Wohl der ganzen Pflicht zugetan, der Wahrheit und Pflicht ergeben (Lok.Sg.; Nom.Pl.)
lokapriyatvam gacchanti jñānavijñānakovidāḥ
Beliebtheit in der Welt erlangen die in Wissen und Einsicht Kundigen (Akk.Sg.; Präs. 3.Pl.; Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Sehr lange Zusatzpassage (Sternstelle nach 223.023), Text stellenweise verderbt und sprecherwechsel-unklar; Sprecherzuweisung an einigen Stellen erschlossen [?]. Wörtliche Rede in Rede: innere Anführungszeichen belassen.