Kapitel 348: nāgabhāryāsaṃvāda
Die Gattin des Nāga besänftigt seinen Zorn gegen den Brahmanen
Ein Nāga fragt seine Gattin nach der wahren Natur eines Brahmanen, der ihm erschienen ist; sie mahnt ihn, seinen angeborenen Zorn abzulegen und die Hoffnung des Bittstellers nicht zu enttäuschen, und belegt dies mit Beispielen von Helden (Rāvaṇa, die Söhne Kārtavīryas, Kārtavīrya, Māndhātā), die durch ihren Zorn zugrunde gingen. Der Nāga gibt daraufhin seinen Zorn auf und macht sich auf, den Brahmanen aufzusuchen.
ko hi māṃ mānuṣaḥ śakto draṣṭukāmo yaśasvini; saṃdarśanarucir vākyam ājñāpūrvaṃ vadiṣyati
Denn welcher Mensch wäre fähig und begierig, mich zu sehen, o Ruhmreiche? [Nur] wer am [bloßen] Anblick Gefallen hat, wird ein Wort sprechen, dem ein Befehl vorausgeht.
surāsuragaṇānāṃ ca devarṣīṇāṃ ca bhāmini; nanu nāgā mahāvīryāḥ sauraseyās tarasvinaḥ
Sind nicht wir Nāgas von großer Kraft, die ungestümen Söhne der Surasā, o Bhāminī, [verehrt] von den Scharen der Götter und Asuras und von den Gottweisen?
Wort für Wort
surāsuragaṇānāṃ ca devarṣīṇāṃ ca
der Scharen von Göttern und Asuras und der Gottweisen (Gen.Pl.)
Und wir sind verehrungswürdig, Gewährer von Gaben, auch [ihre] Gefolgsleute; besonders gegenüber den Menschen [gelten wir], so die Überlieferung, als Herren des Reichtums.
nāgabhāryovāca; ārjavenābhijānāmi nāsau devo 'nilāśana; ekaṃ tv asya vijānāmi bhaktimān atiroṣaṇaḥ
Die Gattin des Nāga sprach: „Mit Aufrichtigkeit erkenne ich: Jener ist kein Gott, o Windverzehrer. Eines aber weiß ich über ihn: Er ist hingebungsvoll, [doch] sehr zornmütig.“
Den Zweimalgeborenen ist er hier hingebungsvoll ergeben, kennt die rechte Zeit, [ist aber] im Streit zornig.
Wort für Wort
dvijānām iha bhaktaḥ
den Zweimalgeborenen hier hingebungsvoll ergeben (Nom.)
sa kālavit
er, ein Kenner der rechten Zeit (Nom.)
kaliroṣaṇaḥ
im Streit zornig (Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Fortsetzung der Beschreibung des Brahmanen aus dem vorigen Vers; Zusatzvers der kritischen Ausgabe, nur ein Halbvers überliefert.
saṃkalpavihitaṃ tv arthaṃ pūrayitvānilāśana; arthināṃ paramaṃ lokaṃ yaśaś cāgryaṃ samaśnute
Nachdem er aber das durch [seinen] Vorsatz bestimmte Anliegen der Bittenden erfüllt hat, o Windverzehrer, erlangt er den höchsten Ort und vortrefflichen Ruhm.
Wort für Wort
saṃkalpavihitaṃ tv arthaṃ
das durch [seinen] Vorsatz bestimmte Anliegen aber (Akk.)
pūrayitvānilāśana
nachdem er [es] erfüllt hat, o Windverzehrer (Absolutiv+Vok.)
arthināṃ paramaṃ lokaṃ
den höchsten Ort der Bittenden (Akk./Gen.Pl.)
yaśaś cāgryaṃ
und vortrefflichen Ruhm (Akk.)
samaśnute
erlangt er (3.Sg.Präs.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
prārthitārthābhihantā te mā bhūt kaś cit kule 'nagha; sāmarthye sati nāgendra narake sa hi majjati
Möge in deinem Geschlecht keiner sein, o Schuldloser, der ein erbetenes Anliegen vereitelt; denn wenn die Fähigkeit [dazu] vorhanden ist [und er es dennoch nicht erfüllt], sinkt er, o Fürst der Nāgas, in die Hölle.
Wort für Wort
prārthitārthābhihantā
der Vereiteler eines erbetenen Anliegens (Nom.)
te mā bhūt kaś cit kule
möge in deinem Geschlecht keiner sein (Opt./Inj.)
'nagha
o Schuldloser (Vok.)
sāmarthye sati
wenn Fähigkeit [dazu] vorhanden ist (Lok.Abs.)
nāgendra
o Fürst der Nāgas (Vok.)
narake sa hi majjati
denn er sinkt in die Hölle (3.Sg.Präs.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
sa hi kāryāntarākāṅkṣī jalepsuḥ stokako yathā; varṣaṃ varṣapriyaḥ pakṣī darśanaṃ tava kāṅkṣati
Denn er, der ein weiteres Anliegen begehrt, begehrt deinen Anblick, wie der wasserbegierige Stokaka-Vogel, der regenliebende Vogel, den Regen [begehrt].
Wort für Wort
sa hi kāryāntarākāṅkṣī
denn er, ein weiteres Anliegen begehrend (Nom.)
jalepsuḥ stokako yathā
wie der wasserbegierige Stokaka-Vogel (Nom.)
varṣaṃ varṣapriyaḥ pakṣī
wie der regenliebende Vogel den Regen (Akk./Nom.)
darśanaṃ tava kāṅkṣati
begehrt er deinen Anblick (Akk./3.Sg.Präs.)
„stokaka“ [?]: Name eines regenliebenden Vogels, wohl verwandt mit dem cātaka-Vogel der Mythologie; genaue Art nicht sicher bestimmbar.
na hi tvā daivataṃ kiṃ cid vivignaṃ pratipālayet; tulye hy abhijane jāto na kaś cit paryupāsate
Denn keine Gottheit würde dich beschützen, wenn du in Bedrängnis bist; und niemand, der von gleicher Abkunft ist, wartet [von sich aus] auf [einen anderen].
Wort für Wort
na hi tvā daivataṃ kiṃ cid
denn keine Gottheit würde dich (Akk./Nom.)
vivignaṃ pratipālayet
beschützen, wenn [du] in Bedrängnis bist (Akk./3.Sg.Opt.)
tulye hy abhijane jāto
denn wer von gleicher Abkunft geboren ist (Lok./Nom.)
Daher solltest du, nachdem du den angeborenen Zorn abgelegt hast, ihn ansehen; du solltest dich nicht selbst verbrennen, indem du heute seine Hoffnung zerschneidest.
Wort für Wort
tad roṣaṃ sahajaṃ tyaktvā
daher, nachdem du den angeborenen Zorn abgelegt hast (Absolutiv)
tvam enaṃ draṣṭum arhasi
solltest du ihn sehen (2.Sg.Präs.+Inf.)
āśāchedena tasyādya
durch das Zerschneiden seiner Hoffnung heute (Instr.)
āśayā tv abhipannānām akṛtvāśrupramārjanam; rājā vā rājaputro vā bhrūṇahatyaiva yujyate
Wer aber, ohne dem mit Hoffnung Genäherten die Tränen abgewischt zu haben, [ihn fortschickt] - ein König oder ein Königssohn wird eben mit [der Schuld] der Tötung eines Ungeborenen belastet.
Wort für Wort
āśayā tv abhipannānām
derer aber, die mit Hoffnung sich genähert haben (Gen.Pl.)
akṛtvāśrupramārjanam
ohne [ihre] Tränen abgewischt zu haben (Absolutiv+Akk.)
rājā vā rājaputro vā
ein König oder ein Königssohn (Nom.)
bhrūṇahatyaiva yujyate
wird eben mit [der Schuld] der Tötung eines Ungeborenen belastet (3.Sg.Präs.Pass.)
maunāj jñānaphalāvāptir dānena ca yaśo mahat; vāgmitvaṃ satyavākyena paratra ca mahīyate
Aus Schweigen [erwächst] die Erlangung der Frucht des Wissens, durch Freigebigkeit großer Ruhm, Redegewandtheit durch wahrhaftige Rede - und im Jenseits wird man dadurch erhöht.
Wort für Wort
maunāj jñānaphalāvāptir
aus Schweigen die Erlangung der Wissensfrucht (Abl./Nom.)
dānena ca yaśo mahat
und durch Freigebigkeit großer Ruhm (Instr./Nom.)
vāgmitvaṃ satyavākyena
Redegewandtheit durch wahrhaftige Rede (Nom./Instr.)
Durch Landschenkung erlangt man einen Zustand, der einer Einsiedlerstufe [an Verdienst] gleichkommt; wer die Wiedererlangung verlorenen Guts bewirkt hat, genießt [dessen] Frucht.
Wort für Wort
bhūmipradānena gatiṃ labhaty
durch Landschenkung erlangt man einen Zustand (Instr./Akk./3.Sg.Präs.)
āśramasaṃmitām
der einer Einsiedlerstufe gleichkommt (Akk.)
naṣṭasyārthasya saṃprāptiṃ kṛtvā
nachdem man die Wiedererlangung verlorenen Guts bewirkt hat (Gen./Akk./Absolutiv)
nāga uvāca; abhimānena māno me jātidoṣeṇa vai mahān; roṣaḥ saṃkalpajaḥ sādhvi dagdho vācāgninā tvayā
Der Nāga sprach: „Mein Hochmut aus Einbildung und der große, aus dem Makel der Geburt [entstandene], aus [meinem] Vorsatz geborene Zorn - [beides], o Gute, ist von dir mit dem Feuer der Rede verbrannt worden.“
Wort für Wort
abhimānena māno me
mein Stolz aus Einbildung (Instr./Nom.)
jātidoṣeṇa vai mahān
und der große, aus dem Makel der Geburt [entstandene] (Instr./Nom.)
roṣaḥ saṃkalpajaḥ
Zorn, aus [meinem] Vorsatz geboren (Nom.)
sādhvi
o Gute (Vok.)
dagdho vācāgninā tvayā
ist von dir mit dem Feuer der Rede verbrannt worden (Nom./Instr.)
māno und roṣaḥ als lockere Doppelsubjekte zum einen finiten Verb dagdhaḥ (Zeugma).
Denn der Zehnhalsige, der Mächtige, [Rāvaṇa], der Nebenbuhler Śakras, wurde, nachdem er der Gewalt seines Fehlers verfallen war, ebenso von Rāma im Kampf erschlagen.
Wort für Wort
doṣasya hi vaśaṃ gatvā
denn nachdem er der Gewalt des Fehlers verfallen war (Gen./Akk./Absolutiv)
daśagrīvaḥ pratāpavān
der Zehnhalsige, der Mächtige (Nom.)
tathā śakrapratispardhī
ebenso der Nebenbuhler Śakras (Nom.)
hato rāmeṇa saṃyuge
wurde von Rāma im Kampf erschlagen (Nom./Instr./Lok.)
Als sie gehört hatten, dass das in die inneren Gemächer gelangte Kalb von Rāma weggeführt worden war, wurden die Söhne Kārtavīryas, durch die Kränkung von Zorn erschüttert, getötet.
Wort für Wort
antaḥpuragataṃ vatsaṃ
das ins innere Gemach gelangte Kalb (Akk.)
śrutvā rāmeṇa nirhṛtam
als sie gehört hatten, dass es von Rāma weggeführt worden war (Absolutiv/Instr./Akk.)
dharṣaṇād roṣasaṃvignāḥ
durch die Kränkung von Zorn erschüttert (Abl./Nom.Pl.)
Siehe, ich gehe genau jetzt dorthin, wo jener Brahmane sich aufhält; und er, der auf jeden Fall [dieses] Wort gesprochen hat, wird nicht weggehen, ohne sein Ziel erreicht zu haben.
Wort für Wort
eṣa tatraiva gacchāmi
siehe, ich gehe eben jetzt genau dorthin (1.Sg.Präs.)
yatra tiṣṭhaty asau dvijaḥ
wo jener Brahmane sich aufhält (3.Sg.Präs./Nom.)
sarvathā coktavān vākyaṃ
und er, der auf jeden Fall [dieses] Wort gesprochen hat (Nom./Akk.)
nākṛtārthaḥ prayāsyati
wird nicht ohne erreichtes Ziel weggehen (Nom./3.Sg.Fut.)