Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 222: jaigīṣavyāsitasaṃvādaḥ Jaigīṣavya und Asita: Gleichmut gegenüber Lob und Tadel als Weg zum Brahman

Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Weg zum höchsten Ziel erzählt Bhīṣma das Gespräch zwischen dem Weisen Jaigīṣavya und Devala Asita über Gleichmut in Lob und Tadel. Eine Zusatzpassage fügt eine Erzählung über Jaigīṣavya, Śiva und Umā hinzu.

yudhiṣṭhira uvāca; kiṃśīlaḥ kiṃsamācāraḥ kiṃvidyaḥ kiṃparāyaṇaḥ; prāpnoti brahmaṇaḥ sthānaṃ yat paraṃ prakṛter dhruvam

Yudhiṣṭhira sprach: „Von welcher Sittenart, von welchem Verhalten, von welchem Wissen, mit welchem Ziel gelangt man zum Ort des Brahman, der höher ist als die Urnatur und beständig?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (3.Sg.Perf.)
kiṃśīlaḥ kiṃsamācāraḥ
von welcher Sittenart, von welchem Verhalten (Nom.Sg.m., Bahuvrīhi)
kiṃvidyaḥ kiṃparāyaṇaḥ
mit welchem Wissen, mit welchem Ziel/Zufluchtsort (Nom.Sg.m.)
prāpnoti brahmaṇaḥ sthānam
gelangt zum Ort des Brahman (3.Sg.Präs.; Gen./Akk.)
yat paraṃ prakṛter dhruvam
der höher ist als die Urnatur, beständig (Nom./Akk.n.; Abl.)

bhīṣma uvāca; mokṣadharmeṣu niyato laghvāhāro jitendriyaḥ; prāpnoti brahmaṇaḥ sthānaṃ yat paraṃ prakṛter dhruvam

Bhīṣma sprach: „Wer in den Lehren der Erlösung gefestigt ist, mäßig in der Nahrung, die Sinne bezwungen, gelangt zum Ort des Brahman, der höher ist als die Urnatur und beständig.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
mokṣadharmeṣu niyataḥ
in den Erlösungs-Lehren gefestigt/gebunden (Lok.Pl.; Nom.Sg.m.)
laghvāhāro jitendriyaḥ
von leichter Nahrung, die Sinne besiegt (Nom.Sg.m., Bahuvrīhi)
prāpnoti brahmaṇaḥ sthānam
gelangt zum Ort des Brahman (3.Sg.Präs.)
yat paraṃ prakṛter dhruvam
der höher ist als die Urnatur, beständig (Abl.)

atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam; jaigīṣavyasya saṃvādam asitasya ca bhārata

Hierzu erzählt man auch diese uralte Geschichte, o Bhārata: das Gespräch des Jaigīṣavya und des Asita.

Wort für Wort
atrāpy udāharanti
hierzu auch führt man an (3.Pl.Präs.)
imam itihāsaṃ purātanam
diese alte Geschichte (Akk.Sg.m.)
jaigīṣavyasya saṃvādam
das Gespräch des Jaigīṣavya (Gen.; Akk.Sg.)
asitasya ca bhārata
und des Asita, o Bhārata (Gen.; Vok.)

mahādevāntare vṛttaṃ devyāś caivāntare tathā; yathāvac chṛṇu rājendra jñānadaṃ pāpanāśanam

„Was sich zwischen Mahādeva und zwischen der Göttin zutrug, das höre der Wahrheit gemäß, o Fürst der Könige, [es ist] Erkenntnis schenkend und Sünden tilgend.“

Wort für Wort
mahādevāntare vṛttam
zwischen Mahādeva ereignet (Lok.; Part.Perf.Pass.n.)
devyāś caivāntare tathā
und ebenso zwischen der Göttin (Gen./Lok.)
yathāvac chṛṇu
höre der Richtigkeit gemäß (Imp.2.Sg.)
rājendra
o Fürst der Könige (Vok.)
jñānadaṃ pāpanāśanam
Erkenntnis gebend, Sünde vernichtend (Nom.n.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers der kritischen Ausgabe; der Sinn von „antare“ (zwischen/in Bezug auf) ist unsicher [?].

jaigīṣavyaṃ mahāprājñaṃ dharmāṇām āgatāgamam; akrudhyantam ahṛṣyantam asito devalo 'bravīt

Zu Jaigīṣavya, dem sehr Weisen, der die Überlieferung der Rechtsordnungen kannte, der weder zürnte noch frohlockte, sprach Asita Devala:

Wort für Wort
jaigīṣavyaṃ mahāprājñam
zu Jaigīṣavya, dem großen Weisen (Akk.Sg.m.)
dharmāṇām āgatāgamam
der die Überlieferung der Dharmas kennt (Gen.Pl.; Akk.Sg.m., Bahuvrīhi)
akrudhyantam ahṛṣyantam
nicht zürnend, nicht frohlockend (Part.Präs.Akk.)
asito devalo ’bravīt
Asita Devala sprach (Nom.; 3.Sg.Impf.)

na prīyase vandyamāno nindyamāno na kupyasi; kā te prajñā kutaś caiṣā kiṃ caitasyāḥ parāyaṇam

„Du freust dich nicht, wenn man dich verehrt, und zürnst nicht, wenn man dich tadelt. Was ist deine Einsicht, woher kommt sie, und was ist ihr Ziel?“

Wort für Wort
na prīyase vandyamānaḥ
du freust dich nicht, wenn du verehrt wirst (2.Sg.Präs.Pass.; Part.)
nindyamāno na kupyasi
getadelt zürnst du nicht (Part.Pass.; 2.Sg.Präs.)
kā te prajñā
was ist deine Einsicht (Nom.Sg.f.; Gen./Dat.)
kutaś caiṣā
und woher [ist] diese (Adv.; Nom.Sg.f.)
kiṃ caitasyāḥ parāyaṇam
und was ist ihr Ziel/Zuflucht (Gen.Sg.f.; Nom.n.)

iti tenānuyuktaḥ sa tam uvāca mahātapāḥ; mahad vākyam asaṃdigdhaṃ puṣkalārthapadaṃ śuci

So von ihm befragt, sprach der große Asket zu ihm ein bedeutendes, zweifelsfreies, an Sinn und Worten reiches, reines Wort.

Wort für Wort
iti tenānuyuktaḥ sa
so von ihm befragt, jener (Instr.; Part.Pass.)
tam uvāca mahātapāḥ
sprach zu ihm, der große Asket (3.Sg.Perf.)
mahad vākyam asaṃdigdham
ein großes, zweifelsfreies Wort (Akk.n.)
puṣkalārthapadaṃ śuci
reich an Sinn und Wörtern, rein (Akk.n., Bahuvrīhi)

yā gatir yā parā niṣṭhā yā śāntiḥ puṇyakarmaṇām; tāṃ te 'haṃ saṃpravakṣyāmi yan māṃ pṛcchasi vai dvija

„Welches der Weg ist, welches das höchste Ziel, welches der Friede der Täter guter Werke: das werde ich dir verkünden, was du mich fragst, o Zweimalgeborener.“

Wort für Wort
yā gatir yā parā niṣṭhā
welcher Weg, welches höchste Ziel (Nom.Sg.f.)
yā śāntiḥ puṇyakarmaṇām
welcher Friede der Tugendhaften (Gen.Pl.m.)
tāṃ te ’haṃ saṃpravakṣyāmi
diesen werde ich dir verkünden (Akk.; Dat./Gen.; 1.Sg.Fut.)
yan māṃ pṛcchasi vai dvija
was du mich fragst, fürwahr, o Brahmane (2.Sg.Präs.; Vok.)

nindatsu ca samo nityaṃ praśaṃsatsu ca devala; nihnuvanti ca ye teṣāṃ samayaṃ sukṛtaṃ ca ye

„Gegenüber Tadelnden immer gleichmütig und gegenüber Lobenden, o Devala, und die, die verleugnen, was sie an Abmachung und Gutem [getan haben] …“

Wort für Wort
nindatsu ca samo nityam
gegenüber Tadelnden gleichmütig, stets (Lok.Pl.; Nom.Sg.m.)
praśaṃsatsu ca devala
und gegenüber Lobenden, o Devala (Lok.Pl.; Vok.)
nihnuvanti ca ye
und die, die verbergen/leugnen (3.Pl.Präs.)
teṣāṃ samayaṃ sukṛtaṃ ca ye
ihrer [anderer] Abmachung und gute Tat, die (Gen.; Akk.)

Syntax des zweiten Halbverses unsicher: teṣām (Gen. „deren“) samayaṃ sukṛtaṃ ca als Objekte zu nihnuvanti; „die die Abmachung und gute Tat anderer nicht anerkennen“ ist ebenfalls möglich [?].

uktāś ca na vivakṣanti vaktāram ahite ratam; pratihantuṃ na cecchanti hantāraṃ vai manīṣiṇaḥ

„Und angesprochen, wollen die Einsichtigen den Sprecher, der Unheilvollem zugetan ist, nicht anfahren, und sie wollen den Schlagenden nicht [zurück]schlagen.“

Wort für Wort
uktāś ca na vivakṣanti
und angeredet, wollen nicht antworten (Part.Pass.; 3.Pl.Des.)
vaktāram ahite ratam
den Sprecher, der am Schädlichen hängt (Akk.Sg.; Lok.n.; Part.)
pratihantuṃ na cecchanti
und wollen nicht zurückschlagen (Inf.; 3.Pl.Präs.)
hantāraṃ vai manīṣiṇaḥ
den Schläger fürwahr, die Weisen (Akk.; Nom.Pl.)

nāprāptam anuśocanti prāptakālāni kurvate; na cātītāni śocanti na cainān pratijānate

„Um Nichteingetretenes trauern sie nicht, sie tun, was seine Zeit erreicht hat; und um Vergangenes trauern sie nicht und erkennen es nicht [als ihres] an.“

Wort für Wort
nāprāptam anuśocanti
um Nichterreichtes trauern sie nicht (3.Pl.Präs.)
prāptakālāni kurvate
was seine Zeit erreicht hat, tun sie (Akk.Pl.n.; 3.Pl.Med.)
na cātītāni śocanti
und um Vergangenes trauern sie nicht
na cainān pratijānate
und erkennen sie nicht an (Akk.Pl.; 3.Pl.Med.)

pratijānate: „anerkennen/zugeben“; Sinn: sie lassen Vergangenes nicht mehr gelten [?].

saṃprāptānāṃ ca pūjyānāṃ kāmād artheṣu devala; yathopapattiṃ kurvanti śaktimantaḥ kṛtavratāḥ

„Gegenüber den Ehrwürdigen, die eingetroffen sind, verfahren die Fähigen, die ihre Gelübde erfüllt haben, o Devala, wenn es um Vorteile aus Wunsch geht, je nach den Umständen.“

Wort für Wort
saṃprāptānāṃ ca pūjyānām
und der eingetroffenen Verehrungswürdigen (Gen.Pl.)
kāmād artheṣu devala
aus Wunsch, in Dingen/Zwecken, o Devala (Abl.; Lok.Pl.; Vok.)
yathopapattiṃ kurvanti
tun je nach Angemessenheit (Akk.; 3.Pl.Präs.)
śaktimantaḥ kṛtavratāḥ
die Fähigen, die ihre Gelübde erfüllt haben (Nom.Pl.m.)

kāmād artheṣu unsicher [?]; Sinn ungefähr: die Fähigen richten sich bei Gaben an eingetroffene Verehrungswürdige nach den Umständen.

pakvavidyā mahāprājñā jitakrodhā jitendriyāḥ; manasā karmaṇā vācā nāparādhyanti kasya cit

Sie, deren Wissen gereift ist, die sehr Weisen, die Zorn und Sinne besiegt haben, verfehlen sich mit Denken, Tat und Wort an niemandem.

Wort für Wort
pakvavidyā mahāprājñā
deren Wissen gereift ist, sehr weise (Nom.Pl.m.)
jitakrodhā jitendriyāḥ
Zorn besiegt, Sinne besiegt (Nom.Pl.)
manasā karmaṇā vācā
durch Denken, Tat, Wort (Instr.)
nāparādhyanti kasya cit
fehlen nicht gegen irgendjemanden (3.Pl.Präs.; Gen.)

anīrṣavo na cānyonyaṃ vihiṃsanti kadā cana; na ca jātūpatapyante dhīrāḥ parasamṛddhibhiḥ

Ohne Neid verletzen sie einander niemals, und die Festen grämen sich nie über die Blüte anderer.

Wort für Wort
anīrṣavo na cānyonyam
neidlos und einander nicht (Nom.Pl.m.)
vihiṃsanti kadā cana
schädigen jemals (3.Pl.Präs.)
na ca jātūpatapyante
und grämen sich niemals (3.Pl.Med.)
dhīrāḥ parasamṛddhibhiḥ
die Festen über andrer Wohlstand (Nom.Pl.; Instr.Pl.)

nindāpraśaṃse cātyarthaṃ na vadanti parasya ye; na ca nindāpraśaṃsābhyāṃ vikriyante kadā cana

Die, die weder Tadel noch Lob über die Maßen über einen andern aussprechen und durch Tadel und Lob niemals aus der Fassung geraten …

Wort für Wort
nindāpraśaṃse cātyartham
Tadel und Lob übermäßig (Akk.Du.n.; Adv.)
na vadanti parasya ye
nicht sagen über einen anderen, die (3.Pl.Präs.; Gen.)
na ca nindāpraśaṃsābhyām
und nicht durch Tadel und Lob (Instr.Du.)
vikriyante kadā cana
werden verändert/erregt, niemals (3.Pl.Pass.)

sarvataś ca praśāntā ye sarvabhūtahite ratāḥ; na krudhyanti na hṛṣyanti nāparādhyanti kasya cit; vimucya hṛdayagranthīṃś caṅkamyante yathāsukham

Und die, die überall ganz befriedet und dem Wohl aller Wesen zugetan sind, die nicht zürnen, nicht frohlocken, sich an niemandem verfehlen, die Herzensknoten lösen und nach Belieben umherwandeln …

Wort für Wort
sarvataś ca praśāntā ye
und allseits befriedet, die (Nom.Pl.m.)
sarvabhūtahite ratāḥ
dem Wohl aller Wesen zugetan (Lok.; Part.)
na krudhyanti na hṛṣyanti
zürnen nicht, frohlocken nicht (3.Pl.Präs.)
nāparādhyanti kasya cit
verfehlen sich an niemandem (3.Pl.Präs.)
vimucya hṛdayagranthīn
die Herzensknoten gelöst habend (Abs.; Akk.Pl.)
caṅkamyante yathāsukham
wandeln umher nach Behagen (3.Pl.Intens.Med.; Adv.)

na yeṣāṃ bāndhavāḥ santi ye cānyeṣāṃ na bāndhavāḥ; amitrāś ca na santy eṣāṃ ye cāmitrā na kasya cit

Deren Verwandte es nicht gibt und die für andere keine Verwandten sind, die keine Feinde haben und die für niemanden Feinde sind …

Wort für Wort
na yeṣāṃ bāndhavāḥ santi
deren Verwandte nicht sind (Gen.; Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.)
ye cānyeṣāṃ na bāndhavāḥ
und die für andere keine Verwandten sind
amitrāś ca na santy eṣām
und Feinde gibt es für sie nicht (Nom.Pl.)
ye cāmitrā na kasya cit
und die für niemanden Feinde sind

ya evaṃ kurvate martyāḥ sukhaṃ jīvanti sarvadā; dharmam evānuvartante dharmajñā dvijasattama; ye hy ato vicyutā mārgāt te hṛṣyanty udvijanti ca

Sterbliche, die so handeln, leben immer glücklich; sie folgen ganz dem Dharma, o bester der Zweimalgeborenen, Kenner des Dharma. Die aber von diesem Weg abgefallen sind, frohlocken und erschrecken.

Wort für Wort
ya evaṃ kurvate martyāḥ
die so handeln, Sterbliche (3.Pl.Med.; Nom.Pl.)
sukhaṃ jīvanti sarvadā
leben glücklich allezeit (3.Pl.Präs.)
dharmam evānuvartante
folgen eben dem Dharma (3.Pl.Med.)
dharmajñā dvijasattama
Dharma-Kenner, o bester Zweimalgeborener (Nom.Pl.; Vok.)
ye hy ato vicyutā mārgāt
die aber von diesem Weg abgefallen (Part.Pass.; Abl.)
te hṛṣyanty udvijanti ca
die frohlocken und erschrecken (3.Pl.Präs.)

āsthitas tam ahaṃ mārgam asūyiṣyāmi kaṃ katham; nindyamānaḥ praśasto vā hṛṣyeyaṃ kena hetunā

„Auf diesem Weg stehend, auf wen sollte ich neidisch sein und wie? Getadelt oder gelobt, aus welchem Grund sollte ich frohlocken?“

Wort für Wort
āsthitas tam ahaṃ mārgam
ich, der ich diesen Weg beschritten habe (Part.Nom.; Akk.)
asūyiṣyāmi kaṃ katham
auf wen werde ich neidisch sein, wie (1.Sg.Fut.; Akk.; Adv.)
nindyamānaḥ praśasto vā
getadelt oder gelobt (Part.Pass.)
hṛṣyeyaṃ kena hetunā
sollte ich frohlocken, aus welchem Grund (1.Sg.Opt.; Instr.)

yad yad icchanti tan mārgam abhigacchanti mānavāḥ; na me nindāpraśaṃsābhyāṃ hrāsavṛddhī bhaviṣyataḥ

„Was auch immer die Menschen wollen, diesen Weg gehen sie; durch Tadel und Lob wird mir weder Abnahme noch Zunahme entstehen.“

Wort für Wort
yad yad icchanti
was immer sie wollen (3.Pl.Präs.)
tan mārgam abhigacchanti mānavāḥ
diesen Weg gehen die Menschen (Akk.; Nom.Pl.)
na me nindāpraśaṃsābhyām
nicht für mich durch Tadel und Lob (Gen./Dat.; Instr.Du.)
hrāsavṛddhī bhaviṣyataḥ
Abnahme und Zunahme werden sein (Nom.Du.; 3.Du.Fut.)

amṛtasyeva saṃtṛpyed avamānasya tattvavit; viṣasyevodvijen nityaṃ saṃmānasya vicakṣaṇaḥ

Der Wirklichkeitskenner soll sich an Geringschätzung wie an Nektar sättigen, der Scharfblickende vor Ehrung stets wie vor Gift zurückschrecken.

Wort für Wort
amṛtasyeva saṃtṛpyet
wie an Nektar möge er sich sättigen (Gen.; 3.Sg.Opt.)
avamānasya tattvavit
an Geringschätzung, der Wahrheitskenner (Gen.; Nom.)
viṣasyevodvijet nityam
wie vor Gift möge er zurückschrecken, stets (3.Sg.Opt.)
saṃmānasya vicakṣaṇaḥ
vor Ehrung, der Scharfsichtige (Gen.; Nom.)

avajñātaḥ sukhaṃ śete iha cāmutra cobhayoḥ; vimuktaḥ sarvapāpebhyo yo 'vamantā sa badhyate

Der Missachtete schläft glücklich, hier und jenseits, in beiden [Welten]; von allen Sünden befreit ist er, wer aber missachtet, der wird gebunden.

Wort für Wort
avajñātaḥ sukhaṃ śete
der Missachtete schläft glücklich (Part.Pass.; 3.Sg.Präs.)
iha cāmutra cobhayoḥ
hier und dort, in beiden (Adv.; Lok.Du.)
vimuktaḥ sarvapāpebhyaḥ
befreit von allen Übeln (Part.; Abl.Pl.)
yo ’vamantā sa badhyate
wer missachtet, der wird gebunden (Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.)

Die Aussage des letzten Pādas: der Verächter verstrickt sich selbst (Sünde geht auf ihn über).

parāṃ gatiṃ ca ye ke cit prārthayanti manīṣiṇaḥ; etad vrataṃ samāśritya sukham edhanti te janāḥ

Und alle Weisen, die irgendein höchstes Ziel erstreben, gelangen, wenn sie dieses Gelübde auf sich nehmen, zum Glück.

Wort für Wort
parāṃ gatiṃ ca ye ke cit
und das höchste Ziel, welche auch immer (Akk.; Nom.Pl.)
prārthayanti manīṣiṇaḥ
erstreben, die Weisen (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
etad vrataṃ samāśritya
dieses Gelübde angenommen habend (Abs.)
sukham edhanti te janāḥ
Glück erlangen jene Leute (3.Pl.Präs.)

sarvataś ca samāhṛtya kratūn sarvāñ jitendriyaḥ; prāpnoti brahmaṇaḥ sthānaṃ yat paraṃ prakṛter dhruvam

Und wer, alle Opfer von überall her zusammennehmend, die Sinne bezwungen hat, gelangt zum Ort des Brahman, der höher ist als die Urnatur und beständig.

Wort für Wort
sarvataś ca samāhṛtya
und von überall zusammengenommen habend (Abs.)
kratūn sarvāñ jitendriyaḥ
alle Opfer, mit besiegten Sinnen (Akk.Pl.; Nom.)
prāpnoti brahmaṇaḥ sthānam
gelangt zum Ort des Brahman
yat paraṃ prakṛter dhruvam
der höher ist als die Urnatur, beständig

kratūn: „Opfer“; vermutlich verderbt oder bildlich („alle Opferhandlungen [innerlich] vereinend“) [?].

nāsya devā na gandharvā na piśācā na rākṣasāḥ; padam anvavarohanti prāptasya paramāṃ gatim

Nicht folgen Götter, nicht Gandharven, nicht Piśācas, nicht Rākṣasas seiner Spur nach unten, wenn er das höchste Ziel erreicht hat.

Wort für Wort
nāsya devā na gandharvāḥ
nicht ihm Götter, nicht Gandharven
na piśācā na rākṣasāḥ
nicht Piśācas, nicht Rākṣasas
padam anvavarohanti
folgen der Spur abwärts (3.Pl.Präs.; Akk.)
prāptasya paramāṃ gatim
des Erreicht-Habenden das höchste Ziel (Gen.Part.; Akk.)

anvavaruh: „hinabsteigen hinter (jem.) her“; Sinn ungefähr: sie können ihm nicht in seine Stätte nachgelangen/ihn nicht erreichen [?].

etac chrutvā munes tasya vacanaṃ devalas tathā; tadadhīno 'bhavac chiṣyaḥ sarvadvaṃdvaviniṣṭhitaḥ; athānyat tu purā vṛttaṃ jaigīṣavyasya dhīmataḥ; śṛṇu rājann avahitaḥ sarvajñānasamanvitaḥ; yam āhuḥ sarvalokeśaṃ sarvalokanamaskṛtam; aṣṭamūrtiṃ jaganmūrtim iṣṭasaṃdhivibhūṣitam; yaṃ prāptā na viṣīdanti na śocanty udvijanti ca; yasya svābhāvikī śaktir idaṃ viśvaṃ carācaram; yāti sajjati sarvātmā sa devaḥ parameśvaraḥ; meror uttarapūrve tu sarvaratnavibhūṣite; acintye vimale sthāne sarvartukusumānvite; vṛkṣaiś ca śobhate nityaṃ divyavāyusamīrite; nānābhūtagaṇair yuktaḥ sarvadevanamaskṛtaḥ; tatra vidyādharagaṇā gandharvāpsarasāṃ gaṇāḥ; lokapālāḥ samudrāś ca nadyaḥ śailāḥ sarāṃsi ca; ṛṣayo vālakhilyāś ca yajñāḥ stobhāhvayās tathā; upāsāṃ cakrire devaṃ prajānāṃ patayas tathā; tatra rudro mahādevo devyā caiva sahomayā; āste vṛṣadhvajaḥ śrīmān somasūryāgnilocanaḥ; tatraivaṃ devam ālokya devī dhātrī vibhāvarī; umā devī pareśānam apṛcchad vinayānvitā; arthaḥ ko 'thārthaśaktiḥ kā bhagavan brūhi me 'rthitaḥ; tayaivaṃ paripṛṣṭo 'sau prāha devo maheśvaraḥ; artho 'ham arthaśaktis tvaṃ bhoktāhaṃ bhojyam eva ca; rūpaṃ viddhi mahābhāge prakṛtis tvaṃ paro hy aham; ahaṃ viṣṇur ahaṃ brahmā hy ahaṃ yajñas tathaiva ca; āvayor na ca bhedo 'sti paramārthas tato 'bale; tathāpi vidmas te bhedaṃ kiṃ māṃ tvaṃ paripṛcchasi; evam uktā tataḥ prāha hy adhikaṃ hy etayor vada; śreṣṭhaṃ veda mahādeva nama ity eva bhāminī; tadantare sthito vidvān vasurūpo mahāmuniḥ; jaigīṣavyaḥ smayan prāha hy artha ity eva nādayan; śreṣṭho 'nyo 'smān mahīpiṇḍā tallīnā śaktir āparā; mudrikādiviśeṣeṇa vistṛtā saṃbhṛteti ca; tac chrutvā vacanaṃ devī ko 'sāv ity abravīd ruṣā; vākyam asyādya saṃbhaṅktvā proktavān iti śaṃkaram; tac chrutvā nirgato dhīmān āśramaṃ svaṃ mahāmuniḥ; sthānāt svargagaṇe vidvān yogaiśvaryasamanvitaḥ; tataḥ prahasya bhagavān sarvapāpaharo haraḥ; prāha devīṃ praśāntātmā jaigīṣavyo mahāmuniḥ; bhakto mama sakhā caiva śiṣyaś cātra mahāmuniḥ; jaigīṣavya iti khyātaḥ proktvāsau nirgataḥ śubhe; tac chrutvā sātha saṃkruddhā na nyāyyaṃ tena vai kṛtam; vikṛtāhaṃ tvayā deva muninā ca tathā kṛtā; atajjñād atha deveśa madhye prāptaṃ na tac chrutam; tac chrutvā bhagavān āha mahādevaḥ pinākabhṛt; nirapekṣo munir yogī mām upāśritya saṃsthitaḥ; nirdvaṃdvaḥ satataṃ dhīmān samarūpasvabhāvadhṛt; tasmāt kṣamasva taṃ devi rakṣitavyas tvayā ca saḥ; ity uktā prāha sā devī munes tasya mahātmanaḥ; nirāśatvam ahaṃ draṣṭum icchāmy antakanāśana; tatheti coktvā tāṃ devo vṛṣam āruhya satvaram; devagandharvasaṃghaiś ca stūyamāno jagatpatiḥ; ajarāmaraśuddhātmā yatrāste sa mahāmuniḥ; itas tataḥ samāhṛtya vīrasaṃghair mahāyaśāḥ; dehaprāvaraṇārthaṃ vai saṃsaran sa tadā muniḥ; pratyudgamya mahādevaṃ yathārhaṃ pratipūjya ca; punaḥ sa pūrvavat kanthāṃ sūcyā sūtreṇa sūcayat; tam āha bhagavāñ śaṃbhuḥ kiṃ pradāsyāmi te mune; vṛṇīṣva mattaḥ sarvaṃ tvaṃ jaigīṣavya yadīcchasi; nāvalokayamānas tu devadevaṃ mahāmunim; anavāptaṃ na paśyāmi tvatto govṛṣabhadhvaja; kṛtārthaḥ paripūrṇo 'haṃ yat te kāryaṃ tu gamyatām; prahasaṃs tu punaḥ śarvo vṛṇīṣveti tam abravīt; avaśyaṃ hi varo mattaḥ śrāvyaṃ varam anuttamam; jaigīṣavyas tam āhedaṃ śrotavyaṃ ca tvayā mama; sūcīm anu mahādeva sūtraṃ samanugacchataḥ[tu]; tataḥ prahasya bhagavān gaurīm ālokya śaṃkaraḥ; svasthānaṃ prayayau hṛṣṭaḥ sarvadevanamaskṛtaḥ; etat te kathitaṃ rājan yasmāt tvaṃ paripṛcchasi; nirdvaṃdvā yogino nityāḥ sarvaśas te svayaṃbhuvaḥ

[Anm.: Zusatzpassage, stark verderbt und stellenweise unverständlich; die Wiedergabe ist teilweise unsicher.] Als Devala diese Rede jenes Weisen gehört hatte, wurde er dessen Schüler, in allen Gegensatzpaaren gefestigt. Nun aber [erzähle ich] anderes, das sich einst mit dem klugen Jaigīṣavya zutrug; höre, o König, aufmerksam, mit allem Wissen begabt: Den man den Herrn aller Welten nennt, von allen Welten verehrt, den Achtgestaltigen, die Gestalt der Welt, geschmückt mit erwünschten Verbindungen [?]; die ihn erreicht haben, verzagen nicht, trauern nicht und erschrecken nicht; dessen naturgegebene Kraft diese ganze bewegte und unbewegte Welt ist, [dessen] Selbst in allem geht und haftet: das ist der Gott, der höchste Herr. Im Nordosten des Meru, mit allen Juwelen geschmückt, an einem unausdenklichen, reinen Ort, mit den Blumen aller Jahreszeiten versehen, prangt er stets mit Bäumen, von himmlischem Wind bewegt, mit Scharen vielerlei Wesen versehen, von allen Göttern verehrt. Dort waren die Scharen der Vidyādharas, die Scharen der Gandharven und Apsaras, die Weltenhüter, die Meere, die Flüsse, die Berge und die Seen, die Seher und die Vālakhilyas und ebenso die Opfer, die Stobha heißen; sie verehrten den Gott, ebenso die Herren der Geschöpfe. Dort weilt Rudra Mahādeva mit der Göttin Umā zusammen, der Stierbannerträger, glanzvoll, mit Mond, Sonne und Feuer als Augen. Als die Göttin, die Erhalterin, die Strahlende, den Gott dort so erblickte, fragte Umā, die Göttin, bescheiden den höchsten Herrn: „Was ist der Gegenstand, und was die Kraft des Gegenstandes? Erhabener, sag es mir, ich bitte darum.“ So von ihr befragt, sprach jener Gott Maheśvara: „Ich bin der Gegenstand, du die Kraft des Gegenstandes; ich der Genießer und ebenso das Genossene. Erkenne dies als [meine] Gestalt, o Hochbegnadete: du bist die Urnatur, ich aber der Höhere. Ich bin Viṣṇu, ich Brahmā, ich ebenso das Opfer. Zwischen uns beiden gibt es keinen Unterschied; im höchsten Sinn ist es so, o Zarte. Dennoch kennen wir den Unterschied zwischen dir und mir [?]; was fragst du mich?“ So angesprochen sagte sie darauf: „Sag, was von diesen beiden das Höhere ist. Kenne den Besseren, o Mahādeva – Verehrung!“ [?], so [sprach] die Zornige. Währenddessen stand dort der Kundige, der große Weise in Gestalt eines Vasu, [nämlich] Jaigīṣavya, lächelnd, und sprach, „der Gegenstand“, so laut rufend: „Höher als wir ist ein anderer: der Erdenkloß, in ihm aufgegangen die andere Kraft, durch Unterschiede wie Ring und dergleichen ausgebreitet und wieder zusammengezogen.“ [?] Als die Göttin dieses Wort gehört hatte, sagte sie zornig: „Wer ist das?“ „Er hat heute seine Rede gebrochen [?]“, sagte sie zu Śaṃkara. Als der kluge große Weise dies gehört hatte, ging er fort in seine Einsiedelei, vom Ort in der Götterschar, der Kundige, mit Yogamacht begabt [?]. Da lachte der Erhabene Hara, der alle Sünden nimmt, und sprach zur Göttin, friedvoll: „Jaigīṣavya, der große Weise, ist mein Verehrer, mein Freund und hier mein Schüler; als Jaigīṣavya bekannt, ist er nach seiner Rede fortgegangen, o Glückliche.“ Als sie dies gehört hatte, wurde sie sehr zornig: „Nicht recht hat er gehandelt. Ich bin von dir, o Gott, verunstaltet worden, und ebenso vom Weisen; aus Unkenntnis dessen, o Götterherr, wurde das mittendrin Eingetretene nicht gehört [?].“ Als der Erhabene, Mahādeva, der Pināka-Träger, dies gehört hatte, sagte er: „Der Weise, der Yogin, ohne Erwartung, hat bei mir Zuflucht genommen und verweilt, gegensatzlos stets, klug, gleiche Gestalt und Wesensart tragend. Darum verzeih ihm, o Göttin; er ist auch von dir zu schützen.“ So angesprochen sagte die Göttin über jenen hochherzigen Weisen: „Seine Wunschlosigkeit möchte ich sehen, o Vernichter des Endes [Todes].“ „So sei es“, sagte der Gott zu ihr, bestieg eilig den Stier, gepriesen von den Scharen der Götter und Gandharven, der Herr der Welt, [und ging dorthin,] wo jener große Weise weilte, alterslos, unsterblich, reinen Wesens. Der Hochberühmte [?], von hier und dort mit Heldenscharen [Lumpen?] zusammengetragen, jener Weise, damals zur Umhüllung des Körpers umhergehend, ging Mahādeva entgegen und ehrte ihn nach Gebühr; dann nähte er wie zuvor den Flickenmantel mit Nadel und Faden [?]. Zu ihm sprach der Erhabene Śaṃbhu: „Was soll ich dir geben, o Weiser? Wähle von mir alles, o Jaigīṣavya, wenn du willst.“ Ohne den Gott der Götter, den großen Weisen, anzublicken [sprach dieser]: „Nichts Unerlangtes sehe ich bei dir, o Träger des Rinder-Stier-Banners; ich bin am Ziel und erfüllt; was du zu tun hast, dorthin sei gegangen.“ [?] Lachend aber sagte Śarva wieder zu ihm: „Wähle!“ „Unbedingt [nimm] eine Gunst von mir, und höre die unübertreffliche Gunst.“ [?] Jaigīṣavya sagte zu ihm dies: „Auch von dir ist mein [Wort] zu hören: der Nadel folgend, o Mahādeva, geht der Faden [ihr] nach.“ [?] Da lachte der Erhabene Śaṃkara, blickte auf Gaurī und ging erfreut zu seinem Ort, von allen Göttern verehrt. Dies ist dir erzählt, o König, worüber du fragst: Gegensatzlose Yogins sind ewig, in jeder Hinsicht jene Selbstentstandenen [?].

Wort für Wort
etac chrutvā munes tasya vacanaṃ devalas tathā; tadadhīno ’bhavac chiṣyaḥ sarvadvaṃdvaviniṣṭhitaḥ
Dies, das Wort jenes Weisen gehört habend, [tat] ebenso Devala / wurde er von ihm abhängig, [sein] Schüler, in allen Gegensatzpaaren gefestigt (3.Sg.Aor./Impf.)
athānyat tu purā vṛttaṃ jaigīṣavyasya dhīmataḥ; śṛṇu rājann avahitaḥ sarvajñānasamanvitaḥ
Nun aber anderes, früher Geschehenes des klugen Jaigīṣavya (Part.Pass.; Gen.) / höre, o König, aufmerksam, mit allem Wissen begabt (Imp.; Vok.)
yam āhuḥ sarvalokeśaṃ sarvalokanamaskṛtam; aṣṭamūrtiṃ jaganmūrtim iṣṭasaṃdhivibhūṣitam
den man Herrn aller Welten nennt, von allen Welten verehrt (3.Pl.Perf.; Akk.) / den Achtgestaltigen, Gestalt der Welt, geschmückt mit erwünschten Verbindungen [?] (Akk.)
yaṃ prāptā na viṣīdanti na śocanty udvijanti ca; yasya svābhāvikī śaktir idaṃ viśvaṃ carācaram
den Erreicht-Habende verzagen nicht, trauern nicht und erschrecken nicht (Part.Nom.Pl.) / dessen naturgegebene Kraft diese ganze bewegte und unbewegte Welt [ist] (Nom.f.)
yāti sajjati sarvātmā sa devaḥ parameśvaraḥ; meror uttarapūrve tu sarvaratnavibhūṣite
geht hin, haftet an; der Selbst von allem, jener Gott, der höchste Herr (3.Sg.Präs.) / Im Nordosten des Meru, mit allen Juwelen geschmückt (Gen.; Lok.n.)
acintye vimale sthāne sarvartukusumānvite; vṛkṣaiś ca śobhate nityaṃ divyavāyusamīrite
an unausdenklichem, reinem Ort, mit Blumen aller Jahreszeiten versehen (Lok.) / und von Bäumen prangt er immer, von himmlischem Wind bewegt (Instr.Pl.; 3.Sg.Präs.)
nānābhūtagaṇair yuktaḥ sarvadevanamaskṛtaḥ; tatra vidyādharagaṇā gandharvāpsarasāṃ gaṇāḥ
mit Scharen vielerlei Wesen versehen, von allen Göttern verehrt (Instr.Pl.; Nom.m.) / dort die Vidyādhara-Scharen, die Scharen der Gandharven und Apsaras (Nom.Pl.)
lokapālāḥ samudrāś ca nadyaḥ śailāḥ sarāṃsi ca; ṛṣayo vālakhilyāś ca yajñāḥ stobhāhvayās tathā
Weltenhüter, Meere, Flüsse, Berge und Seen (Nom.Pl.) / Seher, Vālakhilyas und die Opfer, die „Stobha“ heißen (Nom.Pl.)
upāsāṃ cakrire devaṃ prajānāṃ patayas tathā; tatra rudro mahādevo devyā caiva sahomayā
verehrten den Gott, ebenso die Herren der Geschöpfe (3.Pl.Perf.Med.) / dort Rudra Mahādeva mit der Göttin Umā (Instr.)
āste vṛṣadhvajaḥ śrīmān somasūryāgnilocanaḥ; tatraivaṃ devam ālokya devī dhātrī vibhāvarī
sitzt, der Stierbannerträger, glanzvoll, dessen Augen Mond, Sonne, Feuer sind (3.Sg.Präs.) / dort so den Gott erblickend, die Göttin, Erhalterin, Strahlende (Abs.)
umā devī pareśānam apṛcchad vinayānvitā; arthaḥ ko ’thārthaśaktiḥ kā bhagavan brūhi me ’rthitaḥ
Umā, die Göttin, fragte den höchsten Herrn, bescheiden (3.Sg.Impf.) / „Was ist der Zweck/Gegenstand, was die Kraft des Gegenstandes? Erhabener, sag es mir, [ich] bitte“ (Nom.; Imp.)
tayaivaṃ paripṛṣṭo ’sau prāha devo maheśvaraḥ; artho ’ham arthaśaktis tvaṃ bhoktāhaṃ bhojyam eva ca
so von ihr befragt, sprach jener Gott Maheśvara (Instr.; 3.Sg.Perf.) / „Ich bin der Gegenstand, du die Kraft des Gegenstandes, ich der Genießer und ebenso das Genossene.“
rūpaṃ viddhi mahābhāge prakṛtis tvaṃ paro hy aham; ahaṃ viṣṇur ahaṃ brahmā hy ahaṃ yajñas tathaiva ca
„Erkenne [dies als] Gestalt, o Hochbegnadete: du bist die Urnatur, ich der Höhere.“ (Imp.; Vok.) / „Ich bin Viṣṇu, ich Brahmā, ich das Opfer ebenso.“
āvayor na ca bhedo ’sti paramārthas tato ’bale; tathāpi vidmas te bhedaṃ kiṃ māṃ tvaṃ paripṛcchasi
„Zwischen uns beiden besteht kein Unterschied; im höchsten Sinn [ist es so], o Zarte.“ (Gen.Du.) / „Dennoch kennen wir dir den Unterschied; was fragst du mich?“ [?]
evam uktā tataḥ prāha hy adhikaṃ hy etayor vada; śreṣṭhaṃ veda mahādeva nama ity eva bhāminī
So angesprochen sagte sie da: „Sag, was von diesen beiden überlegen ist.“ (Part.Pass.f.; Imp.) / „Den Besseren kenne, o Mahādeva“ – „Verehrung“ [?], sprach die Zornige (Imp.)
tadantare sthito vidvān vasurūpo mahāmuniḥ; jaigīṣavyaḥ smayan prāha hy artha ity eva nādayan
Währenddessen stand dort der Kundige, der große Weise in Gestalt eines Vasu (Lok.; Part.) / Jaigīṣavya sprach lächelnd, „der Gegenstand“, so laut rufend (Part.Präs.)
śreṣṭho ’nyo ’smān mahīpiṇḍā tallīnā śaktir āparā; mudrikādiviśeṣeṇa vistṛtā saṃbhṛteti ca
„Besser ist ein anderer als wir; der Erdenkloß, in ihm aufgegangen die andere Kraft.“ [?] / „durch Unterscheidungen wie Ring usw. ausgebreitet und wieder zusammengezogen.“ [?]
tac chrutvā vacanaṃ devī ko ’sāv ity abravīd ruṣā; vākyam asyādya saṃbhaṅktvā proktavān iti śaṃkaram
Dies Wort gehört habend, sprach die Göttin zornig: „Wer ist das?“ (Abs.; Instr.) / „Er hat seine Rede heute gebrochen [?]“, sagte sie zu Śaṃkara (Abs.; Part.Perf.)
tac chrutvā nirgato dhīmān āśramaṃ svaṃ mahāmuniḥ; sthānāt svargagaṇe vidvān yogaiśvaryasamanvitaḥ
Dies gehört, ging der kluge große Weise fort in seine Einsiedelei (Part.Pass.) / von [dem] Ort in der Götterschar, der Kundige, mit Yogamacht begabt [?]
tataḥ prahasya bhagavān sarvapāpaharo haraḥ; prāha devīṃ praśāntātmā jaigīṣavyo mahāmuniḥ
Da lachte der Erhabene Hara, der alle Sünden nimmt (Abs.) / sprach zur Göttin, friedvoll: „Jaigīṣavya, der große Weise …“ [?]
bhakto mama sakhā caiva śiṣyaś cātra mahāmuniḥ; jaigīṣavya iti khyātaḥ proktvāsau nirgataḥ śubhe
„… ist mein Verehrer, mein Freund und hier [mein] Schüler, der große Weise.“ / „Als Jaigīṣavya bekannt; nachdem er gesprochen, ist er fortgegangen, o Glückliche.“
tac chrutvā sātha saṃkruddhā na nyāyyaṃ tena vai kṛtam; vikṛtāhaṃ tvayā deva muninā ca tathā kṛtā
Dies gehört, ward sie sehr zornig: „Nicht recht hat er gehandelt.“ (Part.Pass.f.) / „Ich bin von dir, o Gott, verunstaltet worden, und ebenso vom Weisen.“ [?]
atajjñād atha deveśa madhye prāptaṃ na tac chrutam; tac chrutvā bhagavān āha mahādevaḥ pinākabhṛt
„Aus Unkenntnis dessen, o Götterherr, wurde das Eingetretene mittendrin nicht gehört.“ [?] / Dies gehört, sprach der Erhabene Mahādeva, der Pināka-Träger
nirapekṣo munir yogī mām upāśritya saṃsthitaḥ; nirdvaṃdvaḥ satataṃ dhīmān samarūpasvabhāvadhṛt
„Der Weise, der Yogin, ohne Erwartung, hat bei mir Zuflucht genommen und verweilt.“ (Abs.) / „Gegensatzlos stets, klug, gleiche Gestalt und Wesensart tragend.“
tasmāt kṣamasva taṃ devi rakṣitavyas tvayā ca saḥ; ity uktā prāha sā devī munes tasya mahātmanaḥ
„Darum verzeih ihm, o Göttin; er ist auch von dir zu schützen.“ (Imp.; Gerundiv) / So angesprochen sagte die Göttin von jenem hochherzigen Weisen
nirāśatvam ahaṃ draṣṭum icchāmy antakanāśana; tatheti coktvā tāṃ devo vṛṣam āruhya satvaram
„Seine Wunschlosigkeit will ich sehen, o Vernichter des Endes [Todes].“ (Vok.) / „So sei es“, sagte der Gott zu ihr, bestieg eilig den Stier (Abs.)
devagandharvasaṃghaiś ca stūyamāno jagatpatiḥ; ajarāmaraśuddhātmā yatrāste sa mahāmuniḥ
gepriesen von Scharen von Göttern und Gandharven, der Herr der Welt (Part.Pass.) / [dorthin,] wo der große Weise weilt, alterslos, unsterblich, reinen Wesens
itas tataḥ samāhṛtya vīrasaṃghair mahāyaśāḥ; dehaprāvaraṇārthaṃ vai saṃsaran sa tadā muniḥ
von hier und dort zusammengetragen, von Heldenscharen, der Hochberühmte [?] / zur Umhüllung des Körpers umhergehend, jener Weise damals (Part.Präs.)
pratyudgamya mahādevaṃ yathārhaṃ pratipūjya ca; punaḥ sa pūrvavat kanthāṃ sūcyā sūtreṇa sūcayat
Mahādeva entgegengegangen und nach Gebühr geehrt habend (Abs.) / nähte er wieder wie zuvor den Flickenmantel mit Nadel und Faden [?]
tam āha bhagavāñ śaṃbhuḥ kiṃ pradāsyāmi te mune; vṛṇīṣva mattaḥ sarvaṃ tvaṃ jaigīṣavya yadīcchasi
Zu ihm sprach der Erhabene Śaṃbhu: „Was soll ich dir geben, o Weiser?“ (1.Sg.Fut.) / „Wähle von mir alles, o Jaigīṣavya, wenn du willst.“ (Imp.Med.)
nāvalokayamānas tu devadevaṃ mahāmunim; anavāptaṃ na paśyāmi tvatto govṛṣabhadhvaja
Nicht anblickend aber den Gott der Götter, den großen Weisen [?] / „Nichts Unerlangtes sehe ich bei dir, o Träger des Rinder-Stier-Banners.“ [?]
kṛtārthaḥ paripūrṇo ’haṃ yat te kāryaṃ tu gamyatām; prahasaṃs tu punaḥ śarvo vṛṇīṣveti tam abravīt
„Ich bin am Ziel und erfüllt; was du zu tun hast, dorthin sei gegangen.“ (Imp.Pass.) / Lachend aber sagte Śarva wieder zu ihm: „Wähle!“ (Part.; 3.Sg.Impf.)
avaśyaṃ hi varo mattaḥ śrāvyaṃ varam anuttamam; jaigīṣavyas tam āhedaṃ śrotavyaṃ ca tvayā mama
„Unbedingt [nimm] von mir eine Gunst, [und] höre die unübertreffliche Gunst.“ [?] / Jaigīṣavya sagte zu ihm dies: „Und von dir ist mein [Wort] zu hören.“ (Gerundiv)
sūcīm anu mahādeva sūtraṃ samanugacchataḥ; tataḥ prahasya bhagavān gaurīm ālokya śaṃkaraḥ
„Dem Faden, der der Nadel folgt, o Mahādeva, [wie] er nachfolgt [?]“ (Akk.; Part.Gen.) / Da lachte der Erhabene Śaṃkara und blickte auf Gaurī (Abs.)
svasthānaṃ prayayau hṛṣṭaḥ sarvadevanamaskṛtaḥ; etat te kathitaṃ rājan yasmāt tvaṃ paripṛcchasi
ging zu seinem Ort, erfreut, von allen Göttern verehrt (3.Sg.Perf.) / Dies ist dir erzählt, o König, worüber du fragst (Part.Pass.; 2.Sg.Präs.)
nirdvaṃdvā yogino nityāḥ sarvaśas te svayaṃbhuvaḥ
Gegensatzlose Yogins sind ewig, in jeder Hinsicht jene Selbstentstandenen [?]

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (nur in einem Teil der Handschriften), textlich stark verderbt; viele Stellen sind nur mit Vorbehalt ([?]) wiedergegeben. Der Halbvers 'nāvalokayamānas ...' und die folgende Rede sind im Sanskrit ohne klare Sprecherangabe.

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