Kapitel 352: vipranāgasaṃvādaḥ
Abschiedsgespräch des Brahmanen mit der Schlange über die Einheit des Selbst
Ein Brahmane verabschiedet sich von einer Schlange (Nāga), die ihm den rechten Weg gewiesen hat; beide erkennen im Gespräch ihre wesenhafte Einheit, bevor der Brahmane aufbricht, um das Ährenlese-Gelübde (uñchavrata) zu üben.
Der Brahmane sprach: „Wunderbar ist dies, kein Zweifel besteht daran; ich bin hoch erfreut, o Schlange. Durch sinngemäße Worte wurde mir der Weg gezeigt.“
Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca
der Brahmane sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
āścaryam na atra saṃdehaḥ
wunderbar [ist es], kein Zweifel darüber (Nom.)
suprītaḥ asmi bhujaṃgama
ich bin hoch erfreut, o Schlange (1.Sg.Präs./Vok.)
anvartha-upagatair vākyaiḥ
durch sinngemäß-zutreffende Worte (Instr.Pl.)
panthānaṃ ca asmi darśitaḥ
und mir wurde der Weg gezeigt (Akk./1.Sg.Perf.Pass.)
Die Schlange sprach: „Ohne die mich betreffende Angelegenheit genannt zu haben, wohin bist du jetzt aufgebrochen? Sage, o Zweifachgeborener, welches die Aufgabe ist, weswegen du hierhergekommen bist.“
Wort für Wort
nāga uvāca
die Schlange sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
anuktvā mad-gataṃ kāryam
ohne die auf mich bezogene Aufgabe genannt zu haben (Ger./Akk.)
kva idānīṃ prasthitaḥ bhavān
wohin bist du jetzt aufgebrochen (Adv./Nom.Perf.Part./Nom.)
ucyatāṃ dvija yat kāryam
es sei gesagt, o Zweifachgeborener, welche Aufgabe (3.Sg.Imp.Pass./Vok./Nom.)
yad-arthaṃ tvam iha āgataḥ
weswegen du hierher gekommen bist (Adv./Nom./Nom.Perf.Part.)
„Wenn die Aufgabe, ob genannt oder nicht genannt, erledigt ist [und du], nachdem du mich verständigt hast, o Stier der Zweifachgeborenen, von mir die Erlaubnis erhalten hast, wirst du dann gehen, o Brahmane.“
Wort für Wort
ukta-anukte kṛte kārye
wenn die Aufgabe, genannt oder ungenannt, erledigt ist (Lok.Abs.)
mām āmantrya dvijarṣabha
nachdem du mich verständigt hast, o Stier der Zweifachgeborenen (Akk./Ger./Vok.)
mayā pratyabhyanujñātaḥ
von mir die Erlaubnis erhalten habend (Instr./Nom.Perf.Part.)
tato yāsyasi brāhmaṇa
dann wirst du gehen, o Brahmane (Adv./2.Sg.Fut./Vok.)
na hi māṃ kevalaṃ dṛṣṭvā tyaktvā praṇayavān iha; gantum arhasi viprarṣe vṛkṣamūlagato yathā
„Denn du solltest nicht, nachdem du mich nur [flüchtig] gesehen hast, [mich] verlassen und weggehen, obwohl du hier liebevoll [zugetan] bist, o Weiser unter den Brahmanen, wie einer, der [bloß] zum Fuß eines Baumes gegangen ist.“
Wort für Wort
na hi māṃ kevalam dṛṣṭvā
denn nicht, nachdem du mich nur gesehen hast (Neg./Akk./Ger.)
tyaktvā praṇayavān iha
verlassen habend, [obwohl] liebevoll hier [zugetan] (Ger./Nom.)
gantum arhasi viprarṣe
solltest du gehen, o Weiser unter den Brahmanen (Inf./2.Sg.Präs./Vok.)
vṛkṣa-mūla-gataḥ yathā
wie einer, der zum Fuß eines Baumes gegangen ist (Nom./Adv.)
tvayi cāhaṃ dvijaśreṣṭha bhavān mayi na saṃśayaḥ; loko 'yaṃ bhavataḥ sarvaḥ kā cintā mayi te 'nagha
„Und ich bin in dir, o Bester der Zweifachgeborenen, du bist in mir, kein Zweifel. Diese ganze Welt ist dein - welche Sorge hast du um mich, o Sündenloser?“
Wort für Wort
tvayi ca aham dvijaśreṣṭha
und ich [bin] in dir, o Bester der Zweifachgeborenen (Lok./Nom./Vok.)
bhavān mayi na saṃśayaḥ
du [bist] in mir, kein Zweifel (Nom./Lok./Nom.)
loko 'yaṃ bhavataḥ sarvaḥ
diese ganze Welt ist dein (Nom./Gen./Nom.)
kā cintā mayi te 'nagha
welche Sorge [hast] du um mich, o Sündenloser (Nom./Lok./Gen./Vok.)
Der Brahmane sprach: „So ist es, o hoch Weiser, der du den [wahren] Sinn erkannt hast, o Schlange: Die Götter sind dir in keiner Weise überlegen, ganz wie es der Wahrheit entspricht.“
Wort für Wort
brāhmaṇa uvāca
der Brahmane sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
evam etan mahāprājña
so ist dies, o hoch Weiser (Adv./Nom./Vok.)
vijñātārtha bhujaṃgama
der du den [wahren] Sinn erkannt hast, o Schlange (Vok.Kompositum/Vok.)
nātiriktās tvayā devāḥ
die Götter sind dir nicht überlegen (Neg.+Nom.Pl./Instr./Nom.Pl.)
āsīt tu me bhogapate saṃśayaḥ puṇyasaṃcaye; so 'ham uñchavrataṃ sādho cariṣyāmy arthadarśanam
„Aber ich hatte, o Herr der Schlangenwelt, einen Zweifel hinsichtlich der Anhäufung von Verdienst. So [wie ich bin], werde ich das Ährenlese-Gelübde üben, o Guter, um Einsicht in den [wahren] Sinn zu gewinnen.“
Wort für Wort
āsīt tu me bhogapate
aber ich hatte, o Herr der Schlangenwelt (3.Sg.Impf./Gen.-Dat./Vok.)
saṃśayaḥ puṇya-saṃcaye
einen Zweifel hinsichtlich der Anhäufung von Verdienst (Nom./Lok.)
so 'ham uñchavrataṃ sādho
so [ich], das Ährenlese-Gelübde, o Guter (Nom./Nom./Akk./Vok.)
cariṣyāmi artha-darśanam
werde ich üben, zur Erkenntnis des [wahren] Sinns (1.Sg.Fut./Akk.)
bhogapati: Epitheton für einen großen Nāga; uñchavrata: asketisches Gelübde, nur aufgelesene Kornreste zu essen.