Kapitel 216: baliśakrasaṃvādaḥ
Indras Gespräch mit dem gestürzten Bali im leeren Haus
Bhīṣma erzählt Yudhiṣṭhira, wie Indra den entthronten Asura-König Bali in Eselsgestalt aufspürt und verhöhnt; Bali antwortet mit Gelassenheit und dem Hinweis auf die Macht der Zeit.
yudhiṣṭhira uvāca; yayā buddhyā mahīpālo bhraṣṭaśrīr vicaren mahīm; kāladaṇḍaviniṣpiṣṭas tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Mit welcher Einsicht dürfte ein Erdenhüter, seines Glanzes verlustig, von der Zeit-Keule zermalmt, die Erde durchwandern? Das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (3.Sg.Perf.)
yayā buddhyā
mit welcher Einsicht (Instr.Sg.f.)
mahīpālo bhraṣṭaśrīr
der Erdenhüter, glanzlos/des Glücks verlustig (Nom.Sg.; Kompositum)
vicaren mahīm
möge umherziehen, die Erde (3.Sg.Opt.; Akk.Sg.)
kāladaṇḍaviniṣpiṣṭas
von der Keule/dem Stab der Zeit zermalmt (Nom.Sg.; Kompositum)
sa eva hy astam ayate sa sma vidyotate diśaḥ; sa varṣati sma varṣāṇi yathākālam atandritaḥ; taṃ baliṃ nādhigacchāmi brahmann ācakṣva me balim
„Er ist es ja, der [als Sonne] untergeht, er ließ die Himmelsrichtungen erstrahlen; er ließ zur rechten Zeit Regen strömen, unermüdlich. Jenen Bali finde ich nicht; Brahmane, sag mir, wo Bali ist.“
Wort für Wort
sa eva hy astam ayate
er ist es ja, der zum Untergang geht (3.Sg.Präs.Med.)
sa sma vidyotate diśaḥ
er ließ erstrahlen die Himmelsrichtungen (3.Sg.Präs. mit sma; Akk.Pl.)
sa varṣati sma varṣāṇi
er ließ regnen Regenfälle (3.Sg.Präs.; Akk.Pl.)
yathākālam atandritaḥ
zur rechten Zeit, unermüdlich (Adv.; Nom.Sg.)
taṃ baliṃ nādhigacchāmi
jenen Bali finde ich nicht
brahmann ācakṣva me balim
Brahman, sag mir Bali (Imp.)
‚sma‘ mit Präsens gibt vergangene Bedeutung; ‚astam ayate‘ als Sonnenfunktion gedeutet.
sa vāyur varuṇaś caiva sa raviḥ sa ca candramāḥ; so 'gnis tapati bhūtāni pṛthivī ca bhavaty uta; taṃ baliṃ nādhigacchāmi brahmann ācakṣva me balim
„Er ist Vāyu und Varuṇa, er die Sonne und er der Mond; er als Agni erhitzt die Wesen, und er wird auch zur Erde. Jenen Bali finde ich nicht; Brahmane, sag mir, wo Bali ist.“
Wort für Wort
sa vāyur varuṇaś caiva
er ist Vāyu und auch Varuṇa (Nom.Sg.)
sa raviḥ sa ca candramāḥ
er die Sonne, und er der Mond (Nom.Sg.)
so 'gnis tapati bhūtāni
er als Agni erhitzt die Wesen (3.Sg.Präs.; Akk.Pl.)
pṛthivī ca bhavaty uta
und die Erde wird er (Nom.Sg.f.; 3.Sg.Präs.; Partikel)
brahmovāca; naitat te sādhu maghavan yad etad anupṛcchasi; pṛṣṭas tu nānṛtaṃ brūyāt tasmād vakṣyāmi te balim
Brahmā sprach: „Das ist nicht gut von dir, Maghavan, dass du danach fragst. Doch wer gefragt wird, soll nicht die Unwahrheit sagen; deshalb will ich dir von Bali sagen.“
Wort für Wort
brahmovāca
Brahmā sprach
naitat te sādhu maghavan
das ist nicht gut von dir, Maghavan (Nom.n.; Gen./Dat.; Vok.)
yad etad anupṛcchasi
dass du dies erfragst (2.Sg.Präs.)
pṛṣṭas tu nānṛtaṃ brūyāt
doch gefragt soll man nicht Unwahres sagen (Part.Pass.; 3.Sg.Opt.)
tasmād vakṣyāmi te balim
deshalb werde ich dir Bali nennen (1.Sg.Fut.; Dat.; Akk.)
śakra uvāca; kharayonim anuprāptas tuṣabhakṣo 'si dānava; iyaṃ te yonir adhamā śocasy āho na śocasi
Śakra sprach: „In den Eselsschoß bist du geraten, Spreu-Esser bist du, Dānava. Dies ist dein niedriger Mutterschoß; grämst du dich oder grämst du dich nicht?“
Wort für Wort
śakra uvāca
Śakra sprach
kharayonim anuprāptas
in den Eselsschoß gelangt (Akk.; Part.Pass.Nom.)
tuṣabhakṣo 'si dānava
Spreu-Esser bist du, Dānava (Nom.; 2.Sg.Präs.; Vok.)
iyaṃ te yonir adhamā
dies ist dein Schoß, niedriger (Nom.f.; Gen.; Nom.f.)
śocasy āho na śocasi
grämst du dich, oder grämst du dich nicht (2.Sg.Präs.)
tvanmukhāś caiva daiteyā vyatiṣṭhaṃs tava śāsane; akṛṣṭapacyā pṛthivī tavaiśvarye babhūva ha; idaṃ ca te 'dya vyasanaṃ śocasy āho na śocasi
„Und die Daiteyas standen dir als Anführer zu Gebot, unter deinem Befehl; die Erde trug unter deiner Herrschaft ohne Pflügen Frucht. Und dies dein Unglück heute: grämst du dich oder grämst du dich nicht?“
Wort für Wort
tvanmukhāś caiva daiteyā
und mit dir als Haupt, die Daiteyas (Nom.Pl.)
vyatiṣṭhaṃs tava śāsane
standen bereit, in deinem Befehl (3.Pl.Impf.; Gen.; Lok.)
akṛṣṭapacyā pṛthivī
ohne Pflügen reifend, die Erde (Nom.Sg.f.)
tavaiśvarye babhūva ha
in deiner Herrschaft wurde sie (Lok.; 3.Sg.Perf.)
idaṃ ca te 'dya vyasanaṃ
und dieses dein Unglück heute (Nom.n.; Gen.; Adv.)
yat te sahasrasamitā nanṛtur devayoṣitaḥ; bahūni varṣapūgāni vihāre dīpyataḥ śriyā
„Als dir tausendfach versammelt die Götterfrauen tanzten, viele Jahresscharen lang, während du im Vergnügen von Glanz strahltest, [wie war dir zumute?]“
Wort für Wort
yat te sahasrasamitā
dass dir, zu Tausenden versammelt (Gen./Dat.; Nom.Pl.f.)
nanṛtur devayoṣitaḥ
tanzten die Götterfrauen (3.Pl.Perf.; Nom.Pl.)
bahūni varṣapūgāni
viele Jahresscharen (Akk.Pl.n.)
vihāre dīpyataḥ śriyā
beim Vergnügen, strahlend von Glanz (Lok.; Part.Gen./Abl.; Instr.)
„Unmittelbar danach [folgte] mit tausend [?]: was war da [dein] Gedanke, Daitya?“
Wort für Wort
anantaraṃ sahasreṇa
unmittelbar danach, mit tausend (Adv.; Instr.)
tadāsīd daitya kā matiḥ
damals war, Daitya, welche Gesinnung (Impf.; Vok.; Nom.f.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, elliptisch; Bezug von ‚sahasreṇa‘ unklar (evtl. tausend weitere Kühe).
Bhīṣma sprach: Da lachte Bali laut, hörte das von Vāsava Gesagte, stolz und gewichtig, und sprach dann zum König der Götter: „Oh, fürwahr, deine Kindlichkeit hier, Herr der Götterscharen! Unangemessen für einen König der Götter ist dieses dein schmerzliches Wort.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
tataḥ prahasya sa balir
da lachend, dieser Bali (Abs.; Nom.)
vāsavena samīritam
das von Vāsava Geäußerte (Instr.; Part.Pass.Akk.)
niśamya mānagambhīraṃ
gehört habend, stolz-gewichtig (Abs.; Akk.)
surarājam athābravīt
zum Götterkönig, sprach dann (Akk.; 3.Sg.Impf.)
aho hi tava bāliśyam
oh, fürwahr deine Kindlichkeit (Nom.n.)
iha devagaṇādhipa
hier, Herr der Götterscharen (Vok.)
ayuktaṃ devarājasya
unpassend für den Götterkönig (Nom.n.; Gen.)
tava kaṣṭam idaṃ vacaḥ
dein, schlimm, dieses Wort (Gen.; Nom.n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. Die Zuordnung von ‚mānagambhīram‘ ist unsicher (zu ‚samīritam‘ oder ‚surarājam‘).
„Du kennst nicht den Erfolg [?], der in glückverheißenden Gliedern Gestalt annimmt [?]; durch die Zeit entsteht alles; hierher, Vāsava, geht es nicht [?].“
Wort für Wort
na jānīṣe bhavān siddhiṃ
nicht kennst du, Herr, die Vollendung (2.Sg.Präs.Med.; Nom.; Akk.)
śubhāṅgasvarūparūpiṇīm
in Gestalt von glückverheißenden Gliedern [?] (Akk.Sg.f.; Kompositum)
kālena bhavitā sarvo
durch die Zeit wird sein alles (Instr.; 3.Sg.Fut.; Nom.)
nātra gacchati vāsava
nicht hierher geht es, Vāsava (3.Sg.Präs.; Vok.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers mit wahrscheinlich verderbtem Text; Wiedergabe unsicher.
na hi duḥkheṣu śocanti na prahṛṣyanti carddhiṣu; kṛtaprajñā jñānatṛptāḥ kṣāntāḥ santo manīṣiṇaḥ
„Denn in Leiden trauern sie nicht und in Glücksfülle jubeln sie nicht, die Weisen, die zur Entschiedenheit gelangt, am Wissen gesättigt, duldsam und gut sind.“
Wort für Wort
na hi duḥkheṣu śocanti
denn in Leiden trauern nicht (Lok.Pl.; 3.Pl.Präs.)
na prahṛṣyanti carddhiṣu
nicht jubeln sie und in Glücksfülle (3.Pl.Präs.; Lok.Pl.)
kṛtaprajñā jñānatṛptāḥ
mit gefasster Einsicht, am Wissen gesättigt (Nom.Pl.)
aiśvaryamadamohena sa tvaṃ kiṃ nānubudhyase; kālena budhyase rājan vinipātena yojitaḥ
„Durch den Rausch und die Verblendung der Herrschaft: warum erwachst du nicht selbst? Durch die Zeit wirst du erwachen, König, wenn du dem Sturz zugeführt bist.“
Wort für Wort
aiśvaryamadamohena
durch Herrschaftsrausch und Verblendung (Instr.; Kompositum)
sa tvaṃ kiṃ nānubudhyase
du, warum erwachst du nicht (Nom.; 2.Sg.Präs.Med.)
kālena budhyase rājan
durch die Zeit erwachst du, König (Instr.; 2.Sg.Präs.; Vok.)
vinipātena yojitaḥ
mit dem Sturz verbunden (Instr.; Part.Pass.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).