Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 126: āśākārśyakathā Die Hoffnung als das Magerste: Ṛṣabhas Erzählung von Tanu und König Vīradyumna

Bhīṣma gibt eine Geschichte weiter, die der Seher Ṛṣabha einst erzählte: der abgemagerte Seher Tanu lehrt König Vīradyumna, dass die Hoffnung das Dünnste und Unerfüllbarste ist; der König erhält seinen Sohn zurück. Am Ende steht die Mahnung an Yudhiṣṭhira, standhaft zu bleiben.

bhīṣma uvāca; tatas teṣāṃ samastānām ṛṣīṇām ṛṣisattamaḥ; ṛṣabho nāma viprarṣiḥ smayann iva tato 'bravīt

Bhīṣma sprach: Da sprach unter all jenen Sehern der beste der Seher, der Brahmanen-Seher namens Ṛṣabha, gleichsam lächelnd.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
tatas teṣāṃ samastānām ṛṣīṇām
dann [von] jenen allen Sehern (Gen.Pl.)
ṛṣisattamaḥ ṛṣabho nāma viprarṣiḥ
der beste der Seher, Ṛṣabha mit Namen, ein Brahmanen-Seher (Nom.Sg.)
smayann iva tato 'bravīt
gleichsam lächelnd, da sprach er (Part.Präs./Impf.3.Sg.)

purāhaṃ rājaśārdūla tīrthāny anucaran prabho; samāsāditavān divyaṃ naranārāyaṇāśramam

„Einst, du Tiger unter den Königen, o Herr, zog ich auf Wallfahrten zu heiligen Furten umher und gelangte zur göttlichen Einsiedelei von Nara und Nārāyaṇa,

Wort für Wort
purāhaṃ rājaśārdūla
einst [war] ich, o Tiger unter Königen (Vok.)
tīrthāny anucaran prabho
zu den heiligen Furten umherziehend, o Herr (Part.Präs./Vok.)
samāsāditavān divyam
gelangte zu dem göttlichen (Part.Perf.Akt., Akk.)
naranārāyaṇāśramam
Einsiedelei von Nara und Nārāyaṇa (Akk.Sg., Kompositum)

yatra sā badarī ramyā hrado vaihāyasas tathā; yatra cāśvaśirā rājan vedān paṭhati śāśvatān

„wo jene liebliche Jujube-Pflanzung [badarī] steht und ebenso der Himmelsteich, und wo Aśvaśiras, o König, die ewigen Veden rezitiert.

Wort für Wort
yatra sā badarī ramyā
wo jene liebliche Badarī (Nom.Sg.f.)
hrado vaihāyasas tathā
und der Himmelsteich (Nom.Sg.)
yatra cāśvaśirā rājan
und wo Aśvaśiras, o König (Nom./Vok.)
vedān paṭhati śāśvatān
die ewigen Veden rezitiert er (Akk.Pl./3.Sg.Präs.)

Badarī: Jujube (Zizyphus); Bedeutung von vaihāyasa als Eigenname des Sees unsicher, wörtlich „im Luftraum befindlich“.

tasmin sarasi kṛtvāhaṃ vidhivat tarpaṇaṃ purā; pitṝṇāṃ devatānāṃ ca tato ''śramam iyāṃ tadā

„Nachdem ich in jenem See einst nach Vorschrift das Wasseropfer für die Väter und die Götter dargebracht hatte, begab ich mich damals zur Einsiedelei.

Wort für Wort
tasmin sarasi
in jenem See (Lok.Sg.)
kṛtvāhaṃ vidhivat tarpaṇaṃ purā
nachdem ich vorschriftsgemäß das Labopfer vollzogen hatte, einst (Abs.)
pitṝṇāṃ devatānāṃ ca
für die Väter und die Götter (Dat./Gen.Pl.)
tato ''śramam iyāṃ tadā
dann ging ich zur Einsiedelei damals (Opt.1.Sg. in Präteritalsinn) [?]

iyām (Opt. von i) steht hier offenbar für ein Präteritum.

remāte yatra tau nityaṃ naranārāyaṇāv ṛṣī; adūrād āśramaṃ kaṃ cid vāsārtham agamaṃ tataḥ

„wo die beiden Seher Nara und Nārāyaṇa stets ihre Freude haben; nicht weit davon ging ich dann zu einer Einsiedelei, um dort zu nächtigen.

Wort für Wort
remāte yatra tau nityam
wo die beiden stets sich erfreuen (3.Du.Präs.Med.)
naranārāyaṇāv ṛṣī
Nara und Nārāyaṇa, die beiden Seher (Nom.Du.)
adūrād āśramaṃ kaṃ cid
nicht weit von dort zu irgendeiner Einsiedelei (Abl./Akk.)
vāsārtham agamaṃ tataḥ
um dort zu wohnen ging ich dann (Aor./Impf.1.Sg.)

tataś cīrājinadharaṃ kṛśam uccam atīva ca; adrākṣam ṛṣim āyāntaṃ tanuṃ nāma taponidhim

„Dann sah ich einen Seher kommen, der Bastgewand und Antilopenfell trug, mager und überaus hochgewachsen, Tanu mit Namen, einen Schatz an Askese.

Wort für Wort
tataś cīrājinadharaṃ
dann den Bast- und Fell-Träger (Akk.Sg.)
kṛśam uccam atīva ca
mager und sehr hoch (Akk.Sg.)
adrākṣam ṛṣim āyāntam
ich sah den Seher herankommen (Aor.1.Sg./Part.Präs.)
tanuṃ nāma taponidhim
Tanu mit Namen, den Schatz der Askese (Akk.Sg.)

anyair narair mahābāho vapuṣāṣṭaguṇānvitam; kṛśatā cāpi rājarṣe na dṛṣṭā tādṛśī kva cit

„Er war an Körper achtfach [größer] als andere Männer [?], o Langarmiger; und eine solche Magerkeit, o Königsseher, ist nirgends je gesehen worden.

Wort für Wort
anyair narair mahābāho
im Vergleich zu anderen Männern, o Langarmiger (Instr.Pl./Vok.)
vapuṣāṣṭaguṇānvitam
mit dem Körper achtfach ausgestattet (Instr./Akk.Sg.) [?]
kṛśatā cāpi rājarṣe
und auch Magerkeit, o Königsseher (Nom.Sg.f./Vok.)
na dṛṣṭā tādṛśī kva cit
nirgends wurde eine solche gesehen (Part.Pass.f.)

aṣṭaguṇānvitam unklar: vermutlich „achtmal so groß“ wie andere Menschen; Lesart unsicher.

śarīram api rājendra tasya kāniṣṭhikāsamam; grīvā bāhū tathā pādau keśāś cādbhutadarśanāḥ

„Auch sein Leib, o Herr der Könige, glich einem kleinen Finger; Hals, Arme, Füße und Haare waren wunderbar anzusehen.

Wort für Wort
śarīram api rājendra
auch der Leib, o Herr der Könige (Nom.Sg.n./Vok.)
tasya kāniṣṭhikāsamam
von ihm, dem kleinen Finger gleich (Gen./Nom.n.)
grīvā bāhū tathā pādau
Hals, Arme und Füße (Nom.f./Du.m.)
keśāś cādbhutadarśanāḥ
und die Haare, wunderbar anzuschauen (Nom.Pl.m.)

śiraḥ kāyānurūpaṃ ca karṇau netre tathaiva ca; tasya vāk caiva ceṣṭā ca sāmānye rājasattama

„Kopf, Ohren und Augen entsprachen ebenso dem Rumpf; und seine Rede und sein Gebaren waren gewöhnlich, du Bester der Könige.

Wort für Wort
śiraḥ kāyānurūpaṃ ca
und der Kopf, dem Rumpf entsprechend (Nom.Sg.n.)
karṇau netre tathaiva ca
Ohren und Augen ebenso (Nom.Du.)
tasya vāk caiva ceṣṭā ca
seine Rede und sein Gebaren (Nom.Sg.f.)
sāmānye rājasattama
in gewöhnlicher Weise, du Bester der Könige (Lok./Vok.)

dṛṣṭvāhaṃ taṃ kṛśaṃ vipraṃ bhītaḥ paramadurmanāḥ; pādau tasyābhivādyātha sthitaḥ prāñjalir agrataḥ

„Als ich jenen mageren Brahmanen sah, war ich erschrocken und sehr bedrückt; ich verneigte mich vor seinen Füßen und stand dann mit gefalteten Händen vor ihm.

Wort für Wort
dṛṣṭvāhaṃ taṃ kṛśaṃ vipram
ich, nachdem ich jenen mageren Brahmanen gesehen (Abs./Akk.)
bhītaḥ paramadurmanāḥ
erschrocken, sehr niedergeschlagen (Part./Nom.)
pādau tasyābhivādya
seine Füße begrüßend (Abs.)
atha sthitaḥ prāñjalir agrataḥ
dann stand ich mit gefalteten Händen davor (Part.Perf.)

nivedya nāma gotraṃ ca pitaraṃ ca nararṣabha; pradiṣṭe cāsane tena śanair aham upāviśam

„Ich nannte ihm Namen, Geschlecht und Vater, o Stier unter den Männern, und setzte mich langsam auf den von ihm angewiesenen Sitz.

Wort für Wort
nivedya nāma gotraṃ ca
nachdem ich Namen und Geschlecht genannt (Abs.)
pitaraṃ ca nararṣabha
und den Vater, o Stier der Männer (Akk./Vok.)
pradiṣṭe cāsane tena
und auf dem von ihm angewiesenen Sitz (Lok.)
śanair aham upāviśam
langsam setzte ich mich (Aor./Impf.1.Sg.)

tataḥ sa kathayām āsa kathā dharmārthasaṃhitāḥ; ṛṣimadhye mahārāja tatra dharmabhṛtāṃ varaḥ

„Dann erzählte er inmitten der Seher Geschichten, die von Dharma und Nutzen [artha] handelten, o großer König, der Beste unter den Trägern des Dharma.

Wort für Wort
tataḥ sa kathayām āsa
dann erzählte er (periphr. Perf.)
kathā dharmārthasaṃhitāḥ
Erzählungen, mit Dharma und Artha verbunden (Akk.Pl.f.)
ṛṣimadhye mahārāja
inmitten der Seher, o Großkönig (Lok./Vok.)
tatra dharmabhṛtāṃ varaḥ
dort der Beste der Dharma-Träger (Nom.Sg.)

tasmiṃs tu kathayaty eva rājā rājīvalocanaḥ; upāyāj javanair aśvaiḥ sabalaḥ sāvarodhanaḥ

„Während er noch erzählte, kam der lotosäugige König mit schnellen Rossen, mit Heer und Frauengemach heran.

Wort für Wort
tasmiṃs tu kathayaty eva
während jener noch erzählte (Lok.abs.)
rājā rājīvalocanaḥ
der König, lotosäugig (Nom.Sg.)
upāyāj javanair aśvaiḥ
er kam mit schnellen Rossen heran (Aor./Impf.3.Sg./Instr.Pl.)
sabalaḥ sāvarodhanaḥ
mit Heer, mit Frauengemach (Nom.Sg.)

smaran putram araṇye vai naṣṭaṃ paramadurmanāḥ; bhūridyumnapitā dhīmān raghuśreṣṭho mahāyaśāḥ

„Er dachte an seinen im Wald verlorenen Sohn und war sehr bedrückt: der Vater Bhūridyumnas, der Verständige, der Beste der Raghus, von großem Ruhm.

Wort für Wort
smaran putram araṇye vai naṣṭam
an den im Wald verlorenen Sohn denkend (Part.Präs./Akk.)
paramadurmanāḥ
sehr niedergeschlagen (Nom.)
bhūridyumnapitā dhīmān
Bhūridyumnas Vater, der Kluge (Nom.Sg.)
raghuśreṣṭho mahāyaśāḥ
der Beste der Raghus, von großem Ruhm (Nom.Sg.)

iha drakṣyāmi taṃ putraṃ drakṣyāmīheti pārthivaḥ; evam āśākṛto rājaṃś caran vanam idaṃ purā

„‚Hier werde ich jenen Sohn sehen, hier werde ich [ihn] sehen!‘ – so, o König, [sprach] der Fürst, von Hoffnung erfüllt, als er damals in diesem Walde umherzog.

Wort für Wort
iha drakṣyāmi taṃ putram
hier werde ich jenen Sohn sehen (Fut.1.Sg.)
drakṣyāmīheti pārthivaḥ
‚ich werde [ihn] hier sehen‘, [sagte] der Fürst (Fut.1.Sg./Nom.)
evam āśākṛto rājan
so, von Hoffnung erfüllt, o König (Part.Pass./Vok.)
caran vanam idaṃ purā
in diesem Wald umherziehend, einst (Part.Präs./Akk.)

durlabhaḥ sa mayā draṣṭuṃ nūnaṃ paramadhārmikaḥ; ekaḥ putro mahāraṇye naṣṭa ity asakṛt tadā

„‚Schwer ist er für mich zu sehen, gewiss, der überaus Rechtschaffene; mein einziger Sohn ist im großen Wald verloren‘ – so [klagte er] damals immer wieder.

Wort für Wort
durlabhaḥ sa mayā draṣṭum
schwer erreichbar ist er für mich zu sehen (Nom./Inf.)
nūnaṃ paramadhārmikaḥ
gewiss, der höchst Rechtschaffene (Nom.)
ekaḥ putro mahāraṇye naṣṭaḥ
[mein] einziger Sohn im großen Wald verloren (Nom./Lok.)
ity asakṛt tadā
so wiederholt damals (Adv.)

durlabhaḥ sa mayā draṣṭum āśā ca mahatī mama; tayā parītagātro 'haṃ mumūrṣur nātra saṃśayaḥ

„‚Schwer ist er für mich zu sehen, und meine Hoffnung ist groß; von ihr ist mein Leib ganz umfangen, ich will sterben – daran ist kein Zweifel.‘

Wort für Wort
durlabhaḥ sa mayā draṣṭum
schwer ist er für mich zu sehen (Nom./Inf.)
āśā ca mahatī mama
und meine Hoffnung ist groß (Nom.Sg.f.)
tayā parītagātro 'ham
von ihr ist mein Körper umfangen (Instr./Bahuvrīhi)
mumūrṣur nātra saṃśayaḥ
ich möchte sterben, hierin ist kein Zweifel (Desid.-Adj./Nom.)

etac chrutvā sa bhagavāṃs tanur munivarottamaḥ; avākśirā dhyānaparo muhūrtam iva tasthivān

„Als der ehrwürdige Tanu, der Vorzüglichste unter den Munis, dies gehört hatte, blieb er mit gesenktem Haupt, in Nachsinnen versunken, für einen Augenblick stehen.

Wort für Wort
etac chrutvā sa bhagavāṃs tanuḥ
dies gehört habend, jener ehrwürdige Tanu (Abs./Nom.)
munivarottamaḥ
der Höchste der besten Munis (Nom.Sg.)
avākśirā dhyānaparaḥ
mit gesenktem Kopf, dem Nachsinnen hingegeben (Nom.)
muhūrtam iva tasthivān
gleichsam einen Augenblick stand er (Part.Perf.Akt.)

tam anudhyāntam ālakṣya rājā paramadurmanāḥ; uvāca vākyaṃ dīnātmā mandaṃ mandam ivāsakṛt

„Als der König ihn in Gedanken versunken sah, sprach er, sehr bedrückt und niedergeschlagenen Herzens, die Worte leise, immer wieder gleichsam ganz leise.

Wort für Wort
tam anudhyāntam ālakṣya
jenen Nachsinnenden erblickend (Part./Abs.)
rājā paramadurmanāḥ
der König, sehr bedrückt (Nom.)
uvāca vākyaṃ dīnātmā
sprach das Wort, mutlosen Herzens (Perf.3.Sg./Akk./Nom.)
mandaṃ mandam ivāsakṛt
ganz leise, gleichsam immer wieder (Adv.)

durlabhaṃ kiṃ nu viprarṣe āśāyāś caiva kiṃ bhavet; bravītu bhagavān etad yadi guhyaṃ na tan mayi

„Was ist schwer zu erlangen, o Brahmanen-Seher, und wie verhält es sich mit der Hoffnung? Der Ehrwürdige möge dies sagen, wenn es mir gegenüber nicht geheim ist.“

Wort für Wort
durlabhaṃ kiṃ nu viprarṣe
was wohl ist schwer erreichbar, o Brahmanen-Seher (Nom.n./Vok.)
āśāyāś caiva kiṃ bhavet
und was wäre von der Hoffnung [zu sagen] (Gen./Opt.3.Sg.) [?]
bravītu bhagavān etad
der Ehrwürdige möge dies sagen (Imp.3.Sg.)
yadi guhyaṃ na tan mayi
wenn dies mir gegenüber nicht geheim ist (Lok.)

āśāyāś caiva kiṃ bhavet ist knapp; nach 126.033 wohl „was ist an der Hoffnung dünn/schwer“. Übersetzung sinngemäß.

maharṣir bhagavāṃs tena pūrvam āsīd vimānitaḥ; bāliśāṃ buddhim āsthāya mandabhāgyatayātmanaḥ

„Der ehrwürdige große Seher war von ihm früher missachtet worden, da er aus eigenem Unglück einen törichten Gedanken gefasst hatte.

Wort für Wort
maharṣir bhagavāṃs tena
der große Seher, der Ehrwürdige, von jenem (Nom./Instr.)
pūrvam āsīd vimānitaḥ
früher war er missachtet (Part.Pass.)
bāliśāṃ buddhim āsthāya
einen kindischen Sinn angenommen habend (Abs./Akk.)
mandabhāgyatayātmanaḥ
wegen des eigenen Unglücks (Instr./Gen.)

Unklar bleibt, wer den törichten Entschluss fasst; nach 126.030 ist es Tanu, der um Gaben bat.

arthayan kalaśaṃ rājan kāñcanaṃ valkalāni ca

„Er bat, o König, um einen goldenen Krug und um Rindengewänder [– vergeblich].

Wort für Wort
arthayan kalaśaṃ rājan
bittend um einen Krug, o König (Part.Präs./Akk./Vok.)
kāñcanaṃ valkalāni ca
goldenen, und Rindengewänder (Akk.n./Akk.Pl.)

Halbvers; Satz wird in n=24 fortgesetzt.

avajñāpūrvakenāpi na saṃpāditavāṃs tataḥ

„[Anm.: Zusatzvers] Obgleich [er] mit Geringschätzung [darum ersucht wurde?], erfüllte er [es] ihm daraufhin nicht.“

Wort für Wort
avajñāpūrvakenāpi
auch mit vorangehender Missachtung (Instr.n.) [?]
na saṃpāditavāṃs tataḥ
erfüllte er [es] danach nicht (Part.Perf.Akt.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile der kritischen Ausgabe; Bezug von avajñāpūrvakena unklar.

nirviṇṇaḥ sa tu viprarṣir nirāśaḥ samapadyata

„Der Brahmanen-Seher aber, überdrüssig geworden, wurde hoffnungslos.

Wort für Wort
nirviṇṇaḥ sa tu viprarṣiḥ
überdrüssig aber jener Brahmanen-Seher (Part.Pass./Nom.)
nirāśaḥ samapadyata
hoffnungslos wurde er (Impf.3.Sg.Med.)

evam uktvābhivādyātha tam ṛṣiṃ lokapūjitam; śrānto nyaṣīdad dharmātmā yathā tvaṃ narasattama

„Nachdem er so gesprochen und jenen von der Welt verehrten Seher begrüßt hatte, setzte sich der dharmagesinnte [König] erschöpft nieder, so wie du, du Bester der Männer.

Wort für Wort
evam uktvābhivādyātha
so gesprochen und begrüßt habend (Abs.)
tam ṛṣiṃ lokapūjitam
jenen Seher, von der Welt verehrt (Akk.)
śrānto nyaṣīdad dharmātmā
erschöpft setzte sich der Rechtschaffene (Part./Impf.3.Sg.)
yathā tvaṃ narasattama
wie du, Bester der Männer (Vok.)

arghyaṃ tataḥ samānīya pādyaṃ caiva mahān ṛṣiḥ; āraṇyakena vidhinā rājñe sarvaṃ nyavedayat

„Danach brachte der große Seher Ehrengabe [arghya] und Fußwasser und stellte dem König alles nach der Waldregel dar.

Wort für Wort
arghyaṃ tataḥ samānīya
dann die Ehrengabe herbeibringend (Abs.)
pādyaṃ caiva mahān ṛṣiḥ
und Fußwasser, der große Seher (Nom.)
āraṇyakena vidhinā
nach der Waldvorschrift (Instr.)
rājñe sarvaṃ nyavedayat
dem König alles überreichte er (Dat./Impf.Kaus.)

tatas te munayaḥ sarve parivārya nararṣabham; upāviśan puraskṛtya saptarṣaya iva dhruvam

„Darauf umringten alle jene Munis den Stier unter den Männern und setzten sich, ihn in Ehren haltend, wie die sieben Seher um den Polarstern.

Wort für Wort
tatas te munayaḥ sarve
dann jene Munis alle (Nom.Pl.)
parivārya nararṣabham
den Stier unter Männern umringend (Abs./Akk.)
upāviśan puraskṛtya
setzten sich, ihn ehrend (Impf.3.Pl./Abs.)
saptarṣaya iva dhruvam
wie die sieben Seher den Polarstern (Nom.Pl./Akk.)

apṛcchaṃś caiva te tatra rājānam aparājitam; prayojanam idaṃ sarvam āśramasya praveśanam

„Und sie fragten dort den unbesiegten König nach dem ganzen Zweck seines Eintritts in die Einsiedelei.

Wort für Wort
apṛcchaṃś caiva te tatra
und sie fragten dort (Impf.3.Pl.)
rājānam aparājitam
den König, den Unbesiegten (Akk.)
prayojanam idaṃ sarvam
diesen ganzen Zweck (Akk.)
āśramasya praveśanam
das Betreten der Einsiedelei (Akk.n.)

rājovāca; vīradyumna iti khyāto rājāhaṃ dikṣu viśrutaḥ; bhūridyumnaṃ sutaṃ naṣṭam anveṣṭuṃ vanam āgataḥ

Der König sprach: „Ich bin der König, bekannt als Vīradyumna, in allen Himmelsrichtungen berühmt; ich bin in den Wald gekommen, um meinen verlorenen Sohn Bhūridyumna zu suchen.

Wort für Wort
rājovāca
der König sprach (Perf.)
vīradyumna iti khyāto rājāham
‚Vīradyumna‘ so genannt, bin ich König (Part.Pass.)
dikṣu viśrutaḥ
in den Himmelsrichtungen berühmt (Lok.Pl./Part.)
bhūridyumnaṃ sutaṃ naṣṭam anveṣṭum
den Sohn Bhūridyumna, den verlorenen, zu suchen (Inf.)
vanam āgataḥ
in den Wald gekommen (Part.Perf.)

ekaputraḥ sa viprāgrya bāla eva ca so 'nagha; na dṛśyate vane cāsmiṃs tam anveṣṭuṃ carāmy aham

„Er ist [mein] einziger Sohn, o Bester der Brahmanen, und noch ein Kind, o Makelloser; in diesem Wald wird er nicht gesehen, und ich streife umher, um ihn zu suchen.“

Wort für Wort
ekaputraḥ sa viprāgrya
er, der einzige Sohn, o Bester der Brahmanen (Bahuvrīhi/Vok.)
bāla eva ca so 'nagha
und noch ein Kind, o Makelloser (Vok.)
na dṛśyate vane cāsmin
er wird in diesem Wald nicht gesehen (Pass.3.Sg./Lok.)
tam anveṣṭuṃ carāmy aham
ihn zu suchen, streife ich umher (Inf./1.Sg.Präs.)

ṛṣabha uvāca; evam ukte tu vacane rājñā munir adhomukhaḥ; tūṣṇīm evābhavat tatra na ca pratyuktavān nṛpam

Ṛṣabha sprach: Als der König so gesprochen hatte, blieb der Weise mit gesenktem Gesicht dort stumm und antwortete dem König nicht.

Wort für Wort
ṛṣabha uvāca
Ṛṣabha sprach (Perf.)
evam ukte tu vacane rājñā
als so gesprochen war das Wort vom König (Lok. abs./Instr.)
munir adhomukhaḥ
der Weise mit gesenktem Gesicht (Nom.)
tūṣṇīm eva abhavat tatra
blieb eben schweigend dort (Impf. 3.Sg.)
na ca pratyuktavān nṛpam
und antwortete nicht dem König (Part. Perf. Akt./Akk.)

sa hi tena purā vipro rājñā nātyarthamānitaḥ; āśākṛśaṃ ca rājendra tapo dīrghaṃ samāsthitaḥ

Denn dieser Brahmane war vom König früher nicht sehr geehrt worden; und, o Herr der Könige, durch Hoffnung abgezehrt, hatte er eine lange Askese auf sich genommen.

Wort für Wort
sa hi tena purā vipro
denn dieser Brahmane früher (Nom.)
rājñā na atyartham ānitaḥ
vom König nicht übermäßig geehrt (Instr./Part. Pass.)
āśākṛśaṃ ca
und durch Hoffnung abgemagert (Akk. m., auf den Brahmanen bezogen)
rājendra
o Herr der Könige (Vok.)
tapo dīrghaṃ samāsthitaḥ
eine lange Askese auf sich genommen habend (Akk./Part. Perf. Pass. m. aktiv)

āśākṛśaṃ als Akk. sg. m. auf den Brahmanen bezogen (grammatisch ungewöhnlich, Sinn aber klar).

pratigraham ahaṃ rājñāṃ na kariṣye kathaṃ cana; anyeṣāṃ caiva varṇānām iti kṛtvā dhiyaṃ tadā

„Von Königen werde ich in keiner Weise eine Gabe annehmen, und auch nicht von den anderen Ständen“ – so hatte er damals seinen Entschluss gefasst.

Wort für Wort
pratigraham aham rājñām
Annahme von Gaben ich, von Königen (Akk./Nom./Gen. Pl.)
na kariṣye kathaṃ cana
werde nicht vornehmen auf irgendeine Weise (Fut. 1.Sg.)
anyeṣāṃ ca eva varṇānām
und auch von den anderen Ständen (Gen. Pl.)
iti kṛtvā dhiyaṃ tadā
so den Entschluss gefasst habend damals (Abs./Akk.)

āśā hi puruṣaṃ bālaṃ lālāpayati tasthuṣī; tām ahaṃ vyapaneṣyāmi iti kṛtvā vyavasthitaḥ

„Die Hoffnung lässt den Menschen, den Unreifen, [immerfort] jammern, indem sie [in ihm] verharrt; sie werde ich beseitigen“ – so entschlossen blieb er standhaft.

Wort für Wort
āśā hi puruṣaṃ bālam
denn die Hoffnung den Menschen, den unreifen (Nom./Akk.)
lālāpayati tasthuṣī
lässt jammern/schwatzen (Kaus. 3.Sg.), dastehend/verharrend (Part. Perf. f.)
tām aham vyapaneṣyāmi
sie werde ich beseitigen (Fut. 1.Sg.)
iti kṛtvā vyavasthitaḥ
so gedacht habend, blieb er fest entschlossen (Abs./Part. Pass.)

vīradyumnas tu taṃ bhūyaḥ papraccha munisattamam

Vīradyumna aber fragte den Besten der Weisen abermals.

Wort für Wort
vīradyumnaḥ tu
Vīradyumna aber (Nom.)
tam bhūyaḥ
ihn abermals (Akk./Adv.)
papraccha
fragte (Perf. 3.Sg.)
munisattamam
den Besten der Weisen (Akk.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

rājovāca; āśāyāḥ kiṃ kṛśatvaṃ ca kiṃ ceha bhuvi durlabham; bravītu bhagavān etat tvaṃ hi dharmārthadarśivān

Der König sprach: „Was ist die Magerkeit der Hoffnung, und was ist hier auf Erden schwer zu erlangen? Der Ehrwürdige möge dies sagen, denn du erkennst Dharma und Artha.“

Wort für Wort
rājā uvāca
der König sprach (Perf.)
āśāyāḥ kiṃ kṛśatvaṃ ca
was [ist] der Hoffnung Magerkeit (Gen./Nom.)
kiṃ ca iha bhuvi durlabham
und was [ist] hier auf Erden schwer erreichbar (Lok.)
bravītu bhagavān etat
möge sagen der Ehrwürdige dies (Imp. 3.Sg.)
tvaṃ hi dharmārthadarśivān
denn du bist Dharma und Artha-Schauender (Nom.)

ṛṣabha uvāca; tataḥ saṃsmṛtya tat sarvaṃ smārayiṣyann ivābravīt; rājānaṃ bhagavān vipras tataḥ kṛśatanus tanuḥ

Ṛṣabha sprach: Da erinnerte sich der ehrwürdige Brahmane Tanu, dessen Körper mager war, an all dies und sprach zum König, gleichsam um [ihn] erinnern zu wollen.

Wort für Wort
ṛṣabha uvāca
Ṛṣabha sprach (Perf.)
tataḥ saṃsmṛtya tat sarvam
da sich erinnernd an all das (Abs./Akk.)
smārayiṣyann iva abravīt
gleichsam erinnern wollend, sprach er (Part. Fut. Kaus./Impf.)
rājānaṃ bhagavān vipraḥ
zum König der Ehrwürdige, der Brahmane (Akk./Nom.)
tataḥ kṛśatanuḥ tanuḥ
dann der Magerkörperige, Tanu (Nom.)

kṛśatve na samaṃ rājann āśāyā vidyate nṛpa; tasyā vai durlabhatvāt tu prārthitāḥ pārthivā mayā

„In Magerkeit, o König, gibt es nichts, das der Hoffnung gleichkommt, o Herrscher; weil sie so schwer zu erlangen ist, wurden von mir Könige angefleht.“

Wort für Wort
kṛśatve na samaṃ rājan
in der Magerkeit nicht gleich, o König (Lok./Vok.)
āśāyāḥ vidyate nṛpa
der Hoffnung gibt es [etwas], o Herrscher (Gen./Pass. 3.Sg.)
tasyāḥ vai durlabhatvāt tu
aber wegen ihrer Schwererreichbarkeit (Abl.)
prārthitāḥ pārthivāḥ mayā
angefleht wurden Könige von mir (Part. Pass. Nom. Pl./Instr.)

Der Text ist knapp; „tasyāḥ durlabhatvāt“ kann auch als „weil [die Erfüllung] jener [Hoffnung] schwer zu erlangen ist“ gelesen werden.

rājovāca; kṛśākṛśe mayā brahman gṛhīte vacanāt tava; durlabhatvaṃ ca tasyaiva vedavākyam iva dvija

Der König sprach: „Das Magere und das Nicht-Magere habe ich, o Brahmane, auf dein Wort hin erfasst, und auch die Schwererreichbarkeit eben dieser [Hoffnung], o Zweimalgeborener, gleichsam ein Vedawort [?].“

Wort für Wort
rājā uvāca
der König sprach (Perf.)
kṛśākṛśe mayā brahman
das Magere und Nicht-Magere von mir, o Brahmane (Dual Nom./Instr./Vok.)
gṛhīte vacanāt tava
erfasst (Part. Pass. Dual) auf dein Wort hin (Abl.)
durlabhatvaṃ ca tasya eva
und die Schwererreichbarkeit eben von jener (Nom./Gen.)
vedavākyam iva dvija
gleichsam ein Vedawort, o Zweimalgeborener (Nom./Vok.)

Die Wendung „vedavākyam iva“ ist knapp und nicht sicher zu fassen.

saṃśayas tu mahāprājña saṃjāto hṛdaye mama; tan me sattama tattvena vaktum arhasi pṛcchataḥ

„Ein Zweifel aber, o hochweiser, ist in meinem Herzen entstanden; darum, o Bester, sollst du es mir, dem Fragenden, der Wahrheit gemäß sagen.“

Wort für Wort
saṃśayaḥ tu mahāprājña
ein Zweifel aber, o sehr Weiser (Nom./Vok.)
saṃjātaḥ hṛdaye mama
entstanden im Herzen mir (Part. Pass./Lok./Gen.)
tat me sattama
darum mir, o Bester (Adv./Dat./Vok.)
tattvena vaktum arhasi
der Wahrheit gemäß sagen sollst du (Instr./Inf./2.Sg.)
pṛcchataḥ
dem Fragenden (Part. Präs. Dat./Gen.)

tvattaḥ kṛśataraṃ kiṃ nu bravītu bhagavān idam; yadi guhyaṃ na te vipra loke 'smin kiṃ nu durlabham

„Was ist wohl magerer als du? Der Ehrwürdige möge dies sagen. Wenn es für dich, o Brahmane, kein Geheimnis ist: Was ist in dieser Welt denn schwer zu erlangen?“

Wort für Wort
tvattaḥ kṛśataram kiṃ nu
als du magerer, was wohl (Abl./Komp.)
bravītu bhagavān idam
möge sagen der Ehrwürdige dies (Imp. 3.Sg.)
yadi guhyaṃ na te vipra
wenn geheim nicht dir, o Brahmane (Nom./Gen./Vok.)
loke asmin kiṃ nu durlabham
in dieser Welt was wohl schwer zu erlangen (Lok.)

kṛśatanur uvāca; durlabho 'py atha vā nāsti yo 'rthī dhṛtim ivāpnuyāt; sudurlabhataras tāta yo 'rthinaṃ nāvamanyate

Kṛśatanu sprach: „Schwer zu finden ist einer – oder er ist gar nicht vorhanden –, der als Bittender gleichsam Genügsamkeit erlangte. Noch viel schwerer zu finden, mein Lieber, ist einer, der einen Bittenden nicht geringschätzt.“

Wort für Wort
kṛśatanuḥ uvāca
Kṛśatanu sprach (Perf.)
durlabhaḥ api atha vā na asti
schwer zu finden oder auch nicht vorhanden (Nom.)
yaḥ arthī dhṛtim iva āpnuyāt
der als Bittender gleichsam Zufriedenheit erlangen würde (Opt. 3.Sg.)
sudurlabhataraḥ tāta
noch viel schwerer zu finden, mein Lieber (Komp./Vok.)
yaḥ arthinam na avamanyate
der einen Bittenden nicht missachtet (Akk./Präs. 3.Sg.)

„dhṛtim“ hier als Genügsamkeit/Festigkeit gedeutet [?].

saṃśrutya nopakriyate paraṃ śaktyā yathārhataḥ; saktā yā sarvabhūteṣu sāśā kṛśatarī mayā

Nach einer Zusage wird dem anderen nicht nach Kraft und Gebühr geholfen; die Hoffnung, die an allen Wesen haftet, diese ist magerer als ich.

Wort für Wort
saṃśrutya na upakriyate
nach erfolgter Zusage wird nicht geholfen (Abs./Pass. 3.Sg.)
param śaktyā yathārhataḥ
dem anderen nach Kraft, wie es gebührt (Akk./Instr./Abl.)
saktā yā sarvabhūteṣu
die haftet an allen Wesen (Part. Pass. f./Lok. Pl.)
sā āśā kṛśatarī mayā
diese Hoffnung [ist] magerer als ich (Nom. f./Instr.)

„kṛśatarī mayā“: mayā als Vergleichsbezug („als ich“) gedeutet.

kṛtaghneṣu ca yā saktā nṛśaṃseṣv alaseṣu ca; apakāriṣu yā saktā sāśā kṛśatarī mayā

Die auf Undankbare gerichtet ist, auf Grausame und auf Träge, und die auf Schädigende gerichtet ist: diese Hoffnung ist magerer als ich.

Wort für Wort
kṛtaghneṣu ca yā saktā
und die an Undankbaren haftet (Lok. Pl./Part. Pass.)
nṛśaṃseṣu alaseṣu ca
an Grausamen und an Trägen (Lok. Pl.)
apakāriṣu yā saktā
an Schädigenden, die haftet (Lok. Pl.)
sā āśā kṛśatarī mayā
diese Hoffnung [ist] magerer als ich (Nom. f./Instr.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

ekaputraḥ pitā putre naṣṭe vā proṣite tathā; pravṛttiṃ yo na jānāti sāśā kṛśatarī mayā

Ein Vater eines einzigen Sohnes, dessen Sohn verloren oder in die Fremde gezogen ist und der keine Nachricht erfährt: dessen Hoffnung ist magerer als ich.

Wort für Wort
ekaputraḥ pitā
der Vater eines einzigen Sohnes (Nom.)
putre naṣṭe vā proṣite tathā
wenn der Sohn verloren oder ebenso fortgezogen ist (Lok. abs.)
pravṛttiṃ yaḥ na jānāti
Nachricht, wer nicht erfährt (Akk./Präs. 3.Sg.)
sā āśā kṛśatarī mayā
diese Hoffnung [ist] magerer als ich (Nom. f./Instr.)

prasave caiva nārīṇāṃ vṛddhānāṃ putrakāritā; tathā narendra dhaninām āśā kṛśatarī mayā

Bei der Niederkunft der Frauen und bei den Alten das Sich-Verschaffen von Söhnen [?]; ebenso, o Männerherr, die Hoffnung der Reichen: [sie ist] magerer als ich.

Wort für Wort
prasave ca eva nārīṇām
und bei der Niederkunft der Frauen (Lok./Gen. Pl.)
vṛddhānām putrakāritā
der Alten das Sohn-Verschaffen (Gen. Pl./Nom. f.)
tathā narendra
ebenso, o Männerherr (Vok.)
dhaninām āśā
der Reichen Hoffnung (Gen. Pl./Nom.)
kṛśatarī mayā
magerer als ich (Nom. f./Instr.)

„putrakāritā“ knapp und unsicher; als „Herbeiführen/Sich-Verschaffen von Söhnen“ gedeutet.

pradānakāṅkṣiṇīnāṃ ca kanyānāṃ vayasi sthite; śrutvā kathās tathāyuktāḥ sāśā kṛśatarī mayā

Die der Mädchen, die im [heiratsfähigen] Alter stehen und eine Verheiratung erhoffen, wenn sie entsprechende Geschichten hören [?]: diese Hoffnung ist magerer als ich.

Wort für Wort
pradānakāṅkṣiṇīnām ca kanyānām
und der Mädchen, die Hingabe/Verheiratung ersehnen (Gen. Pl.)
vayasi sthite
wenn das Alter da ist (Lok. abs.)
śrutvā kathāḥ tathāyuktāḥ
gehört habend entsprechend beschaffene Geschichten (Abs./Akk. Pl.)
sā āśā kṛśatarī mayā
diese Hoffnung [ist] magerer als ich (Nom. f./Instr.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, Sinn im zweiten Halbvers unsicher (Bezug von „śrutvā kathāḥ“).

ṛṣabha uvāca; etac chrutvā tato rājan sa rājā sāvarodhanaḥ; saṃspṛśya pādau śirasā nipapāta dvijarṣabhe

Ṛṣabha sprach: Als er dies gehört hatte, o König, warf sich jener König samt seinem Frauengemach nieder, nachdem er die Füße mit dem Haupt berührt hatte, vor dem Besten der Brahmanen.

Wort für Wort
ṛṣabha uvāca
Ṛṣabha sprach (Perf.)
etat śrutvā tataḥ rājan
dies gehört habend, da, o König (Abs./Vok.)
sa rājā sāvarodhanaḥ
jener König samt Frauengemach (Nom.)
saṃspṛśya pādau śirasā
berührt habend die Füße mit dem Haupt (Abs./Akk. Du./Instr.)
nipapāta dvijarṣabhe
fiel nieder vor dem Stier/Besten der Brahmanen (Perf. 3.Sg./Lok.)

rājovāca; prasādaye tvā bhagavan putreṇecchāmi saṃgatim

Der König sprach: „Ich besänftige dich, Ehrwürdiger; ich wünsche die Wiedervereinigung mit [meinem] Sohn.“

Wort für Wort
rājā uvāca
der König sprach (Perf.)
prasādaye tvā bhagavan
ich besänftige dich, Ehrwürdiger (Kaus. 1.Sg./Akk./Vok.)
putreṇa icchāmi saṃgatim
mit dem Sohn wünsche ich Vereinigung (Instr./1.Sg./Akk.)

yad etad uktaṃ bhavatā saṃprati dvijasattama

[Und zwar in Bezug auf] das, was eben von dir, o Bester der Zweimalgeborenen, gesagt worden ist.

Wort für Wort
yat etat uktam
was dies gesagt worden ist (Part. Pass.)
bhavatā saṃprati
von dir jetzt (Instr./Adv.)
dvijasattama
o Bester der Zweimalgeborenen (Vok.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; Satzfragment, syntaktisch unvollständig.

vṛṇīṣva ca varaṃ vipra yam icchasi yathāvidhi

„Und wähle eine Gabe, o Brahmane, welche du wünschst, wie es sich gehört.“

Wort für Wort
vṛṇīṣva ca varam
und wähle eine Gabe (Imp. Med. 2.Sg./Akk.)
vipra
o Brahmane (Vok.)
yam icchasi
welche du wünschst (Akk./Präs. 2.Sg.)
yathāvidhi
der Vorschrift gemäß (Adv.)

ṛṣabha uvāca; abravīc ca hi taṃ vākyaṃ rājā rājīvalocanaḥ; satyam etad yathā vipra tvayoktaṃ nāsty ato mṛṣā

Ṛṣabha sprach: Und der lotosäugige König sagte zu ihm die Worte: „Wahr ist dies, wie du es, o Brahmane, gesagt hast; es gibt hierin nichts Unwahres.“

Wort für Wort
ṛṣabha uvāca
Ṛṣabha sprach (Perf.)
abravīt ca hi taṃ vākyam
und sagte ihm das Wort (Impf. 3.Sg./Akk.)
rājā rājīvalocanaḥ
der König, lotosäugig (Nom.)
satyam etat yathā vipra
wahr [ist] dies, wie, o Brahmane (Nom./Vok.)
tvayā uktam na asti ataḥ mṛṣā
von dir gesagt; nicht ist hierin Unwahres (Instr./Part. Pass./Abl.)

tataḥ prahasya bhagavāṃs tanur dharmabhṛtāṃ varaḥ; putram asyānayat kṣipraṃ tapasā ca śrutena ca

Da lachte der ehrwürdige Tanu, der Beste unter den Dharmaträgern, und brachte durch Askese und durch Gelehrsamkeit rasch dessen Sohn herbei.

Wort für Wort
tataḥ prahasya bhagavān
da lachend, der Ehrwürdige (Abs./Nom.)
tanuḥ dharmabhṛtām varaḥ
Tanu, der Beste der Dharmaträger (Nom./Gen. Pl.)
putram asya anayat
den Sohn von diesem führte herbei (Impf. 3.Sg.)
kṣipram tapasā ca śrutena ca
rasch durch Askese und durch Gelehrsamkeit (Adv./Instr.)

taṃ samānāyya putraṃ tu tadopālabhya pārthivam; ātmānaṃ darśayām āsa dharmaṃ dharmabhṛtāṃ varaḥ

Nachdem er den Sohn herbeigebracht und den König getadelt hatte, zeigte er sich [ihm] selbst als Dharma, der Beste der Dharmaträger.

Wort für Wort
tam samānāyya putram tu
diesen Sohn aber herbeigeführt habend (Abs./Akk.)
tadā upālabhya pārthivam
da den König getadelt habend (Abs./Akk.)
ātmānam darśayām āsa
sich selbst zeigte er (Perf. Kaus. 3.Sg.)
dharmam dharmabhṛtām varaḥ
als Dharma, der Beste der Dharmaträger (Akk./Nom.)

saṃdarśayitvā cātmānaṃ divyam adbhutadarśanam; vipāpmā vigatakrodhaś cacāra vanam antikāt

Nachdem er sich in göttlicher, wunderbar anzusehender [Gestalt] gezeigt hatte, zog er, frei von Sünde und frei von Zorn, aus der Nähe [des Königs] in den Wald.

Wort für Wort
saṃdarśayitvā ca ātmānam
und sich gezeigt habend (Abs. Kaus./Akk.)
divyam adbhutadarśanam
göttlich, wunderbar anzusehen (Akk.)
vipāpmā vigatakrodhaḥ
sündenfrei, zornfrei (Nom.)
cacāra vanam antikāt
zog in den Wald aus der Nähe (Perf. 3.Sg./Akk./Abl.)

etad dṛṣṭaṃ mayā rājaṃs tataś ca vacanaṃ śrutam; āśām apanayasvāśu tataḥ kṛśatarīm imām

„Dies wurde von mir gesehen, o König, und dann das Wort gehört; vertreibe darum rasch diese noch magerere Hoffnung.“

Wort für Wort
etat dṛṣṭam mayā rājan
dies ist gesehen von mir, o König (Part. Pass./Instr./Vok.)
tataḥ ca vacanam śrutam
und dann das Wort gehört (Part. Pass.)
āśām apanayasva āśu
die Hoffnung vertreibe rasch (Imp. Med. 2.Sg./Akk./Adv.)
tataḥ kṛśatarīm imām
darum diese magerere (Akk. f.)

bhīṣma uvāca; sa tatrokto mahārāja ṛṣabheṇa mahātmanā; sumitro 'panayat kṣipram āśāṃ kṛśatarīṃ tadā

Bhīṣma sprach: So von dem hochsinnigen Ṛṣabha dort angesprochen, o Großkönig, vertrieb Sumitra da rasch die magerere Hoffnung.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
saḥ tatra uktaḥ mahārāja
er dort angesprochen, o Großkönig (Part. Pass./Vok.)
ṛṣabheṇa mahātmanā
von Ṛṣabha, dem Hochgesinnten (Instr.)
sumitraḥ apanayat kṣipram
Sumitra vertrieb rasch (Impf. 3.Sg./Adv.)
āśām kṛśatarīm tadā
die magerere Hoffnung da (Akk. f./Adv.)

evaṃ tvam api kaunteya śrutvā vāṇīm imāṃ mama; sthiro bhava yathā rājan himavān acalottamaḥ

„So sollst auch du, Sohn der Kuntī, nachdem du diese meine Rede gehört hast, standhaft sein, o König, wie der Himavat, der Höchste unter den Unbeweglichen.“

Wort für Wort
evam tvam api kaunteya
so auch du, Sohn der Kuntī (Adv./Nom./Vok.)
śrutvā vāṇīm imām mama
gehört habend diese meine Rede (Abs./Akk./Gen.)
sthiraḥ bhava yathā rājan
fest sei, wie, o König (Imp. 2.Sg./Vok.)
himavān acalottamaḥ
der Himavat, der Beste der Unbeweglichen (Nom.)

tvaṃ hi draṣṭā ca śrotā ca kṛcchreṣv arthakṛteṣv iha; śrutvā mama mahārāja na saṃtaptum ihārhasi

„Denn du bist Zuschauer und Hörer bei den hier um [ihrer] Ziele willen [entstandenen] Nöten; nachdem du meine [Worte] gehört hast, o Großkönig, darfst du dich hier nicht grämen.“

Wort für Wort
tvam hi draṣṭā ca śrotā ca
denn du [bist] Seher und Hörer (Nom.)
kṛcchreṣu arthakṛteṣu iha
in Nöten, um Ziele willen gemacht, hier (Lok. Pl.)
śrutvā mama mahārāja
gehört habend von mir, o Großkönig (Abs./Gen./Vok.)
na saṃtaptum iha arhasi
nicht dich zu grämen hier sollst du (Inf./2.Sg.)

„kṛcchreṣv arthakṛteṣu“ knapp; als „in Nöten, die um Ziele/Vorteile willen entstehen“ gedeutet [?].

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