Kapitel 19: tyāgaprāśastya
Yudhiṣṭhiras Antwort an Arjuna: Vorrang von Askese und Entsagung vor Reichtum und Handeln
Yudhiṣṭhira widerspricht Arjunas Lob des Reichtums und der Tat; er würdigt dessen Kriegskunst, verweist aber auf die Wege der Entsagung, des Vedastudiums und der Askese als höheres Ziel.
Verworren sind die Lehrbücher, und durch Gründe [sind sie] ausgeschmückt; und die Entscheidung – in welchem Maße sie [besteht] –, die kenne ich der Vorschrift gemäß.
Wort für Wort
ākulāni ca śāstrāṇi
und verworren [sind] die Lehrbücher (Nom.Pl.n.)
hetubhiś citritāni ca
und durch Gründe/Argumente ausgemalt (Instr.Pl. / Part.Pass.)
niścayaś caiva
und die Entscheidung/Festlegung (Nom.Sg.m.)
yanmātro
von welchem Umfang/Maß (Bahuvrīhi)
vedāhaṃ taṃ yathāvidhi
ich kenne sie, der Regel gemäß (1.Sg.Perf. / Akk. / Adv.)
tvaṃ tu kevalam astrajño vīravratam anuṣṭhitaḥ; śāstrārthaṃ tattvato gantuṃ na samarthaḥ kathaṃ cana
Du aber bist nur der Waffen kundig, hast das Gelübde der Helden geübt; den Sinn der Lehrbücher der Wahrheit nach zu erfassen, bist du auf keine Weise imstande.
Wort für Wort
tvaṃ tu kevalam astrajño
du aber [bist] nur waffenkundig (Nom.Sg.m.)
vīravratam anuṣṭhitaḥ
das Heldengelübde geübt habend (Part.Pass., Nom.Sg.m.)
śāstrārthaṃ tattvato
den Sinn der Lehrbücher (Akk.Sg.), der Wahrheit nach (Abl.-Adv.)
śāstrārthasūkṣmadarśī yo dharmaniścayakovidaḥ; tenāpy evaṃ na vācyo 'haṃ yadi dharmaṃ prapaśyasi
Wer die Feinheit des Sinnes der Lehrbücher durchschaut, in der Entscheidung über das Dharma bewandert ist, von dem dürfte ich auch nicht so angesprochen werden, wenn du das Dharma [recht] erkennst.
Wort für Wort
śāstrārthasūkṣmadarśī yo
wer die Feinheit des Lehrbuchsinns sieht (Nom.Sg.m.)
dharmaniścayakovidaḥ
in der Dharma-Entscheidung bewandert (Nom.Sg.m.)
tenāpi evaṃ na vācyo 'haṃ
von diesem auch nicht so anzusprechen bin ich (Instr. / Gerundiv)
yadi dharmaṃ prapaśyasi
wenn du das Dharma [recht] erblickst (2.Sg.Präs.)
yadi dharmaṃ prapaśyasi: Sinn knapp; sinngemäß ‚wenn du das Dharma wirklich durchschaust‘.
mameśvarasamaṃ sattvaṃ brahmaṇā caiva yat samam; vāsudevasamaṃ caiva na bhūtaṃ na bhaviṣyati; tathā tvaṃ yaudhamukhyeṣu sattvaṃ paramam ucyate; balam indre ca vāyau ca balaṃ yac ca janārdane; tad balaṃ bhīmasene ca tvayi cārjuna vidyate; tvatsamaś citrayodhī ca dūrapātī ca pāṇḍava; divyāstreṇa ca saṃpannaḥ ko vānyas tvatsamo naraḥ
[Ein Mut,] der dem Herrn gleich [ist] und der Brahmā gleich ist, und der Vāsudeva gleich ist – [dergleichen] gab es nicht und wird es nicht geben; ebenso wird dein Mut unter den Kriegshäuptern der höchste genannt. Die Kraft, die in Indra und in Vāyu ist und die Kraft, die in Janārdana ist – jene Kraft ist in Bhīmasena und in dir, Arjuna, vorhanden. Dir gleich ist kein wunderbarer Kämpfer und Fernschütze, Pāṇḍava; mit himmlischen Waffen begabt – welcher andere Mann wäre dir gleich?
Wort für Wort
mameśvarasamaṃ sattvaṃ
Mut/Wesenskraft, dem Herrn gleich (mama?) (Nom.Sg.n.)
brahmaṇā caiva yat samam
und was Brahmā gleich ist (Instr.)
vāsudevasamaṃ caiva na bhūtaṃ na bhaviṣyati
und Vāsudeva gleich: nicht gewesen, nicht wird sein (Part.Pass. / Fut.)
tathā tvaṃ yaudhamukhyeṣu sattvaṃ paramam ucyate
so wird bei dir unter den Kriegshäuptern der Mut als höchster genannt (Lok.Pl. / Pass.Präs.)
balam indre ca vāyau ca balaṃ yac ca janārdane
die Kraft in Indra und Vāyu und die Kraft in Janārdana (Lok.Sg.)
tad balaṃ bhīmasene ca tvayi cārjuna vidyate
diese Kraft ist in Bhīmasena und in dir, Arjuna, vorhanden (3.Sg.Pass.-Med.)
tvatsamaś citrayodhī ca dūrapātī ca pāṇḍava
dir gleich, ein wunderbarer Kämpfer und Fernschütze, Pāṇḍava (Nom.Sg.m. / Vok.)
divyāstreṇa ca saṃpannaḥ ko vānyas tvatsamo naraḥ
mit himmlischer Waffe begabt; oder welcher andere Mann [ist] dir gleich? (Instr. / Part.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. mameśvarasamaṃ: Lesung unsicher (mama īśvara- ‚mein/dem Herrn gleich‘?); [?]
yuddhaśāstravid eva tvaṃ na vṛddhāḥ sevitās tvayā; samāsavistaravidāṃ na teṣāṃ vetsi niścayam
Du bist nur der Kriegslehre kundig, Ältere hast du nicht bedient; die Entscheidung derer, die in Kürze und Ausführlichkeit bewandert sind, kennst du nicht.
Wort für Wort
yuddhaśāstravid eva tvaṃ
nur der Kriegslehre kundig [bist] du (Nom.Sg.m.)
na vṛddhāḥ sevitās tvayā
nicht [wurden] Ältere von dir bedient (Nom.Pl. / Part.Pass. / Instr.)
samāsavistaravidāṃ
der Kenner von Kürze und Ausführlichkeit (Gen.Pl.)
na teṣāṃ vetsi niścayam
nicht kennst du deren Entscheidung (2.Sg.Präs. / Akk.)
Askese, Entsagung, Vorschrift [des Rituals] – so [lautet] die Entscheidung der Verständigen, Lieber; von diesen ist jeweils das folgende besser; das ist der zum Höchsten führende Weg.
Wort für Wort
tapas tyāgo vidhir iti
Askese, Entsagung, Ritualvorschrift – so (Nom.Sg.)
niścayas tāta dhīmatām
[so ist] die Entscheidung, Lieber, der Verständigen (Nom. / Vok. / Gen.Pl.)
paraṃ paraṃ jyāya eṣām
das jeweils Spätere [ist] besser von diesen (Nom.Sg.n. / Kompar. / Gen.Pl.)
saiṣā naiḥśreyasī gatiḥ
dies ist der zum Höchsten führende Weg (Nom.Sg.f.)
na tv etan manyase pārtha na jyāyo 'sti dhanād iti; atra te vartayiṣyāmi yathā naitat pradhānataḥ
Du aber hältst dies nicht [für richtig], Pārtha – [du meinst:] ‚Nichts ist besser als Reichtum.‘ Hierzu werde ich dir darlegen, wie dies nicht das Vorrangige ist.
Wort für Wort
na tv etan manyase pārtha
du aber hältst dies nicht [für richtig], Pārtha (2.Sg.Präs. / Vok.)
na jyāyo 'sti dhanād iti
nichts Besseres gibt es als Reichtum – so (Abl.)
atra te vartayiṣyāmi
hierzu werde ich dir darlegen (Kaus.Fut.1.Sg.)
yathā naitat pradhānataḥ
wie dies nicht vorrangig [ist] (Adv.)
Bezug von na tv etan manyase leicht mehrdeutig; [?]
Auf dem nördlichen Pfad aber sind die Edlen durch die Bändigung der Sinnesobjekte, die aus Unverstand geborene Finsternis ablegend, zu den Welten der Entsagenden gegangen.
Wort für Wort
uttareṇa tu panthānam
auf dem nördlichen Pfad aber (Instr.-Adv. / Akk.)
āryā viṣayanigrahāt
die Edlen, durch Bändigung der Sinnesobjekte (Nom.Pl. / Abl.)
abuddhijaṃ tamas tyaktvā
die aus Unverstand geborene Finsternis aufgegeben habend (Akk. / Gerundium)
lokāṃs tyāgavatāṃ gatāḥ
zu den Welten der Entsagenden gegangen (Akk.Pl. / Gen.Pl. / Part.Pass.)
dakṣiṇena tu panthānaṃ yaṃ bhāsvantaṃ prapaśyasi; ete kriyāvatāṃ lokā ye śmaśānāni bhejire
Auf dem südlichen Pfad aber, den du als leuchtend erblickst – dies sind die Welten der Handelnden, die zu den Leichenstätten [ihre Zuflucht] genommen haben.
Wort für Wort
dakṣiṇena tu panthānaṃ
auf dem südlichen Pfad aber (Instr.-Adv.)
yaṃ bhāsvantaṃ prapaśyasi
den du als leuchtend erblickst (Akk. / 2.Sg.Präs.)
ete kriyāvatāṃ lokā
dies sind die Welten der Handelnden (Gen.Pl. / Nom.Pl.)
ye śmaśānāni bhejire
die die Leichenstätten aufsuchten (Perf.3.Pl.Med.)
śmaśānāni bhejire: wörtlich ‚Leichenstätten aufsuchten‘, gemeint wohl Bestattungs-/Totenrituale; [?]
anirdeśyā gatiḥ sā tu yāṃ prapaśyanti mokṣiṇaḥ; tasmāt tyāgaḥ pradhāneṣṭaḥ sa tu duḥkhaḥ praveditum
Unbeschreibbar aber ist jenes Ziel, das die nach Erlösung Strebenden erblicken; darum gilt die Entsagung als das Vorrangige, das Gewünschte; sie ist jedoch schwer zu vermitteln.
Wort für Wort
anirdeśyā gatiḥ sā tu
unbeschreibbar aber [ist] jenes Ziel (Nom.Sg.f.)
yāṃ prapaśyanti mokṣiṇaḥ
das die Erlösungssuchenden erblicken (Akk. / 3.Pl.Präs. / Nom.Pl.)
tasmāt tyāgaḥ pradhāneṣṭaḥ
darum [ist] Entsagung als vorrangig erwünscht (Abl. / Nom.Sg.m.)
sa tu duḥkhaḥ praveditum
sie aber [ist] schwer zu vermitteln/verkünden (Inf.)
anusṛtya tu śāstrāṇi kavayaḥ samavasthitāḥ; apīha syād apīha syāt sārāsāradidṛkṣayā
Den Lehrbüchern folgend haben die Weisen sich festgelegt: „Es mag hier sein, es mag auch hier sein“ – aus dem Wunsch, Wesentliches und Unwesentliches zu sehen.
Wort für Wort
anusṛtya tu śāstrāṇi
den Lehrbüchern aber folgend (Gerundium)
kavayaḥ samavasthitāḥ
die Weisen stehen fest/sind eingestellt (Nom.Pl. / Part.Pass.)
apīha syād apīha syāt
auch hier möge es sein, auch hier möge es sein (Opt.3.Sg.)
sārāsāradidṛkṣayā
aus dem Wunsch, Kern und Nichtkern zu sehen (Instr.)
vedavādān atikramya śāstrāṇy āraṇyakāni ca; vipāṭya kadalīskandhaṃ sāraṃ dadṛśire na te
Über die Vedaaussagen hinausgehend, die Lehrbücher und die Waldtexte [Āraṇyakas] [hinter sich lassend], haben sie, den Bananenstamm aufgespalten, keinen Kern gesehen.
Wort für Wort
vedavādān atikramya
die Vedaaussagen überschreitend (Akk.Pl. / Gerundium)
śāstrāṇy āraṇyakāni ca
die Lehrbücher und Waldtexte (Akk.Pl.n.)
vipāṭya kadalīskandhaṃ
den Bananenstamm gespalten habend (Gerundium / Akk.)
sāraṃ dadṛśire na te
Kernholz sahen sie nicht (Perf.3.Pl.Med. / Nom.Pl.)
Sodann aber, unter Zurückweisung der Einseitigkeit, nennen sie im aus den fünf Elementen bestehenden Körper das Selbst, mit Wunsch und Abneigung verbunden, aufgrund von Kennzeichen.
Wort für Wort
athaikāntavyudāsena
sodann, unter Ausschluss des Einseitigen (Instr.)
śarīre pañcabhautike
im aus fünf Elementen bestehenden Körper (Lok.Sg.n.)
Wie kannst du, Arjuna, auf diesem feinen, nur schwer erreichbaren, von den Guten begangenen Pfad ein Ziel [Reichtum], das an Unheil reich ist, preisen?
Wort für Wort
asminn evaṃ sūkṣmagamye mārge
auf diesem so feinen, schwer erreichbaren Pfad (Lok.Sg.)
sadbhir niṣevite
von den Guten begangen (Instr.Pl. / Part.Pass. Lok.)
katham artham anarthāḍhyam
wie ein Ziel/Reichtum, reich an Unheil (Akk.Sg.m.)