Kapitel 184: dānaphalāśramadharmaḥ
Frucht der Gabe und die Pflichten der Lebensstufen: Schüler und Hausvater
Bhṛgu belehrt Bharadvāja über die Früchte von Gabe, Opfer, Askese und Selbststudium und beginnt die Darlegung der Lebensstufenpflichten mit Brahmacārin und Gṛhastha; der Text ist teils prosaisch.
Bhṛgu sprach: „Durch die Opfergabe wird die Sünde besänftigt, im Selbststudium liegt die höchste Ruhe; durch die Gabe [erlangt man], so sagen sie, Genuss; durch Askese mag man alles erreichen.“
Wort für Wort
bhṛgur uvāca
Bhṛgu sprach (Nom.Sg.; Perf.)
hutena śāmyate pāpam
durch die Opfergabe wird das Übel besänftigt (Instr.Sg.; Pass. 3.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
svādhyāye śāntir uttamā
im Selbststudium ist die Ruhe die höchste (Lok.Sg.; Nom.Sg.f.)
dānena bhoga ity āhuḥ
durch Gabe [kommt] Genuss, so sagen sie (Instr.Sg.; Nom.Sg.; Perf. 3.Pl.)
tapasā sarvam āpnuyāt
durch Askese möge man alles erlangen (Instr.Sg.; Akk.Sg.n.; Opt. 3.Sg.)
dānaṃ tu dvividhaṃ prāhuḥ paratrārtham ihaiva ca; sadbhyo yad dīyate kiṃ cit tat paratropatiṣṭhati
Die Gabe aber nennen sie zweifach: [eine] für das Jenseits bestimmt und [eine] nur für das Diesseits. Was man den Guten irgend gibt, das steht einem im Jenseits bei.
Wort für Wort
dānaṃ tu dvividhaṃ prāhuḥ
die Gabe aber nennen sie zweifach (Akk.Sg.n.; Adj.; Perf. 3.Pl.)
paratrārtham ihaiva ca
auf das Jenseits zielend und eben nur auf das Diesseits (Adv.-Kompositum; Adv.)
sadbhyo yad dīyate kiṃ cit
was den Guten irgend gegeben wird (Dat.Pl.; Pass. 3.Sg.Präs.)
tat paratropatiṣṭhati
das steht im Jenseits bei (Nom.Sg.n.; Adv.; 3.Sg.Präs.)
Bharadvāja sprach: „Was ist für wen die Dharma-Übung, oder was ist das Kennzeichen des Dharma? Wie vielfältig ist der Dharma? Das mögest du, Ehrwürdiger, mir sagen.“
Wort für Wort
bharadvāja uvāca
Bharadvāja sprach (Nom.Sg.; Perf.)
kiṃ kasya dharmacaraṇam
was [ist] wessen Dharma-Übung (Interr. Nom.Sg.n.; Gen.Sg.; Nom.Sg.n.)
kiṃ vā dharmasya lakṣaṇam
oder was [ist] das Kennzeichen des Dharma (Interr.; Gen.Sg.; Nom.Sg.n.)
dharmaḥ katividho vāpi
und wie vielfältig [ist] der Dharma (Nom.Sg.m.; Adj. Nom.)
tad bhavān vaktum arhati
das mögest du, Ehrwürdiger, sagen (Akk.; Nom.Sg.m.; Inf.; 3.Sg.Präs.)
bhṛgur uvāca; svadharmacaraṇe yuktā ye bhavanti manīṣiṇaḥ; teṣāṃ dharmaphalāvāptir yo 'nyathā sa vimuhyati
Bhṛgu sprach: „Die Weisen, die in der Ausübung des eigenen Dharma gefestigt sind, erlangen die Frucht des Dharma; wer anders [handelt], der verirrt sich.“
Wort für Wort
bhṛgur uvāca
Bhṛgu sprach (Nom.Sg.; Perf.)
svadharmacaraṇe yuktā
in der Ausübung des eigenen Dharma gefestigt (Lok.Sg.n.; Part. Nom.Pl.m.)
ye bhavanti manīṣiṇaḥ
die Weisen, welche es sind (Rel. Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.m.)
teṣāṃ dharmaphalāvāptiḥ
ihnen [wird] Erlangung der Dharma-Frucht zuteil (Gen.Pl.; Nom.Sg.f.)
yo 'nyathā sa vimuhyati
wer anders [handelt], der gerät in Verwirrung (Rel. Nom.Sg.; Adv.; Dem.; 3.Sg.Präs.)
Bhṛgu sprach: „Vorweg hat der Erhabene, der das Wohl der Welt betreibt, zum Schutz des Dharma vier Lebensstufen bestimmt. Davon nennen sie zuerst den Aufenthalt im Haus des Lehrers als erste Lebensstufe. Wer hierin recht durch die Regeln von Reinheit, Weihen und Zucht geleitet ist, mit gezügeltem Selbst, wer in beiden Dämmerungen Sonne und Feuer als Gottheiten verehrt hat, Trägheit und Müdigkeit abgelegt hat, wessen Inneres durch Verneigung vor dem Lehrer, Vedastudium und Hören geheiligt ist, wer dreimal täglich das Wasser berührt, beständig der Keuschheit, der Feuerpflege und dem Dienst am Lehrer ergeben ist, wessen Inneres [dem Lehrer] alles, angefangen mit dem Almosen, anheimgestellt hat [?], wer der Ausführung der Weisungen des Lehrers nicht zuwiderhandelt und dem durch die Gunst des Lehrers erlangten Selbststudium eifrig ergeben ist – ein solcher soll [er] sein.“
Wort für Wort
bhṛgur uvāca
Bhṛgu sprach (Nom.Sg.; Perf.)
pūrvam eva bhagavatā lokahitam anutiṣṭhatā
vorweg vom Erhabenen, der das Weltwohl betreibt (Adv.; Instr.Sg.m.; Part.Präs. Instr.)
Wer den Lehrer wohl verehrt hat und als Zweimalgeborener den Veda erlangt – hierzu gibt es einen Vers: „Ihm wird die Erlangung der Himmelsfrucht zuteil, und sein Herzenswunsch gelingt.“
Wort für Wort
guruṃ yas tu samārādhya
wer aber den Lehrer verehrt hat (Akk.Sg.; Rel. Nom.Sg.; Abs.)
dvijo vedam avāpnuyāt
als Zweimalgeborener den Veda erlangen mag (Nom.Sg.m.; Akk.Sg.; Opt. 3.Sg.)
bhavati cātra ślokaḥ
und hierzu gibt es einen Vers (3.Sg.Präs.; Adv.; Nom.Sg.m.)
tasya svargaphalāvāptiḥ
ihm [wird] Erlangung der Himmelsfrucht (Gen.Sg.; Nom.Sg.f.)
sidhyate cāsya mānasam
und ihm gelingt der Herzenswunsch (Pass./Med. 3.Sg.Präs.; Gen.Sg.; Nom.Sg.n.)
Der Vers ist im Text nur als Halbvers wiedergegeben; die Zeile „tasya … mānasam“ ist der zitierte Vers.
gārhasthyaṃ khalu dvitīyam āśramaṃ vadanti; tasya samudācāralakṣaṇaṃ sarvam anuvyākhyāsyāmaḥ; samāvṛttānāṃ sadārāṇāṃ sahadharmacaryāphalārthināṃ gṛhāśramo vidhīyate; dharmārthakāmāvāptir hy atra trivargasādhanam avekṣyāgarhitena karmaṇā dhanāny ādāya svādhyāyaprakarṣopalabdhena brahmarṣinirmitena vā adrisāragatena vā havyaniyamābhyāsadaivataprasādopalabdhena vā dhanena gṛhastho gārhasthyaṃ pravartayet; tad dhi sarvāśramāṇāṃ mūlam udāharanti; gurukulavāsinaḥ parivrājakā ye cānye saṃkalpitavrataniyamadharmānuṣṭhāyinas teṣām apy ata eva bhikṣābalisaṃvibhāgāḥ pravartante
Die Hausstufe nennen sie freilich als zweite Lebensstufe; deren gesamten Brauch und deren Kennzeichen werden wir ausführlich darlegen. Für die Heimgekehrten [vom Studium], die mit ihren Frauen die Frucht gemeinsamer Dharma-Übung erstreben, wird die Hausstufe vorgeschrieben; denn hier liegt die Erlangung von Dharma, Artha und Kāma, ein Mittel zur Dreiheit. Im Blick darauf soll der Hausvater, nachdem er durch untadeliges Tun Vermögen erworben hat, mit Vermögen das Hausleben führen, das durch hervorragendes Selbststudium erlangt oder von Brahmanen-Sehern geschaffen [?] oder aus dem Kern der Berge [?] gewonnen oder durch die Gunst der Gottheit infolge der Übung von Opfergaben und Regeln erlangt ist. Dieses nennen sie die Wurzel aller Lebensstufen; auch für die im Haus des Lehrers Lebenden, die Wanderasketen und die anderen, die selbstgewählte Gelübde, Regeln und Pflichten einhalten, gehen eben von daher die Anteile an Almosen und Opferspende aus.
Wort für Wort
gārhasthyaṃ khalu dvitīyam āśramaṃ vadanti
die Hausstufe nennen sie als zweite Lebensstufe (Akk.Sg.n.; Partikel; Akk.Sg.m.; 3.Pl.Präs.)
tasya samudācāralakṣaṇaṃ sarvam anuvyākhyāsyāmaḥ
deren gesamten Brauch und Kennzeichen werden wir darlegen (Gen.Sg.; Akk.Sg.n.; 1.Pl.Fut.)
Für die Waldeinsiedler [gilt] die Ausstattung mit Gütern; meistenteils wandern diese Guten, deren Blick den Weg der Guten weist und die dem Selbststudium zugeneigt sind, über die Erde, um Pilgerstätten aufzusuchen und Gegenden zu schauen. Ihnen [gebühren] das Aufstehen [zum Gruß], die Verneigung, Neidlosigkeit, freundliche Rede, ein zugewandtes Gesicht sowie nach Kräften Sitz, Lager, Speise und Ehrung.
Wort für Wort
vānaprasthānāṃ dravyopaskāra iti
für die Waldeinsiedler [gilt] die Ausstattung mit Gütern, so [heißt es] (Gen.Pl.; Nom.Sg.m.; Partikel)
prāyaśaḥ khalv ete sādhavaḥ sādhupathyadarśanāḥ
meistenteils diese Guten, die den Weg der Guten weisen [?] (Adv.; Nom.Pl.m.; Bahuvrīhi Nom.Pl.)
Wessen Gast, in seiner Hoffnung enttäuscht, aus dem Haus umkehrt – hierzu gibt es einen Vers: „Der geht, nachdem er ihm sein Übel gegeben hat, sein Verdienst mit sich nehmend.“
Wort für Wort
atithir yasya bhagnāśo
wessen Gast mit zerbrochener Hoffnung (Nom.Sg.m.; Rel. Gen.; Bahuvrīhi Nom.Sg.m.)
gṛhāt pratinivartate
aus dem Haus umkehrt (Abl.Sg.n.; 3.Sg.Med.Präs.)
bhavati cātra ślokaḥ
und hierzu gibt es einen Vers (3.Sg.Präs.; Nom.Sg.m.)
sa dattvā duṣkṛtaṃ tasmai
der geht, ihm die Untat gegeben habend (Nom.Sg.m.; Abs.; Akk.Sg.n.; Dat.Sg.)
puṇyam ādāya gacchati
das Verdienst mitnehmend geht er (Akk.Sg.n.; Abs.; 3.Sg.Präs.)
Auch hierzu: Durch Opferhandlungen werden die Götter erfreut, durch die Totenspende die Väter, durch Vedastudium, Hören und Bewahren die Seher, durch die Zeugung von Nachkommen Prajāpati.
Wort für Wort
api cātra yajñakriyābhir devatāḥ prīyante
auch hierzu: durch Opferhandlungen werden die Gottheiten erfreut (Instr.Pl.f.; Nom.Pl.f.; Pass. 3.Pl.Präs.)
nivāpena pitaraḥ
durch die Totenspende die Väter (Instr.Sg.m.; Nom.Pl.m.)
vedābhyāsaśravaṇadhāraṇena ṛṣayaḥ
durch Vedastudium, Hören und Bewahren die Seher (Instr.Sg.n.; Nom.Pl.m.)
apatyotpādanena prajāpatir iti
durch Zeugung von Nachkommen Prajāpati, so [heißt es] (Instr.Sg.n.; Nom.Sg.m.; Partikel)
Liebevoll gegenüber allen Wesen soll man sein, ohrenerfreuende Worte soll man sprechen; zwei Verse gibt es hierzu: „Schmähung und Verletzung sowie Rohheit sind hierbei getadelt.“
Wort für Wort
vatsalāḥ sarvabhūtānām
liebevoll gegen alle Wesen (Nom.Pl.m.; Gen.Pl.)
vācyāḥ śrotrasukhā giraḥ
sprechen soll man ohrenerfreuende Worte (Gerundiv Nom.Pl.f.; Nom.Pl.f.; Nom.Pl.f.)
ślokau cātra bhavataḥ
und zwei Verse gibt es hierzu (Nom.Du.m.; 3.Du.Präs.)
parivādopaghātau ca
und Schmähung und Verletzung (Nom.Du.m.)
pāruṣyaṃ cātra garhitam
und Rohheit ist hierbei getadelt (Nom.Sg.n.; Part. Nom.Sg.n.)
Die Zitationsformel kündigt zwei Verse an; der Text der kritischen Ausgabe bietet sie über 014 und 015 verteilt.
Missachtung, Selbstüberhebung und Heuchelei sind verurteilt; Gewaltlosigkeit, Wahrheit und Zornlosigkeit sind die Askese, die in allen Lebensstufen gilt.
Auch hierzu: die Erlangung von Girlanden, Schmuck, Gewändern, Salben und Düften, von Tanz, Gesang, Instrumentalmusik, Hörgenuss und augenerfreulichem Anblick; der Genuss vielfältiger Nahrung, [nämlich] Essbarem, Speisbarem, Trinkbarem, Leckbarem und Saugbarem; die Zufriedenheit im Vergnügen mit der eigenen Frau; die Erlangung von Liebesglück.
Wort für Wort
api cātra mālyābharaṇavastrābhyaṅgagandhopabhoga
auch hierzu: Genuss von Girlanden, Schmuck, Gewändern, Salben, Düften (Kompositum)
trivargaguṇanirvṛttir yasya nityaṃ gṛhāśrame; sa sukhāny anubhūyeha śiṣṭānāṃ gatim āpnuyāt
Wessen im Hausleben stets die Vollendung der Vorzüge der Dreiheit [Dharma, Artha, Kāma] besteht, der genießt hier Freuden und erlangt den Weg der Trefflichen.
Wort für Wort
trivargaguṇanirvṛttir
Vollendung der Vorzüge der Dreiheit (Nom.Sg.f.)
yasya nityaṃ gṛhāśrame
wessen stets im Hausleben (Rel. Gen.Sg.; Adv.; Lok.Sg.m.)
sa sukhāny anubhūyeha
der genießt hier Freuden (Nom.Sg.m.; Akk.Pl.n.; Abs.; Adv.)
śiṣṭānāṃ gatim āpnuyāt
den Weg der Trefflichen erlangen möge (Gen.Pl.m.; Akk.Sg.f.; Opt. 3.Sg.)
uñchavṛttir gṛhastho yaḥ svadharmacaraṇe rataḥ; tyaktakāmasukhārambhas tasya svargo na durlabhaḥ
Der Hausvater, der von Ährenlese lebt, an der Ausübung des eigenen Dharma Freude hat und das Streben nach Liebesglück aufgegeben hat – für ihn ist der Himmel nicht schwer zu erlangen.
Wort für Wort
uñchavṛttir gṛhastho yaḥ
der Hausvater, der von Ährenlese lebt, welcher (Nom.Sg.m.; Nom.Sg.m.; Rel.)
svadharmacaraṇe rataḥ
an der Ausübung des eigenen Dharma erfreut (Lok.Sg.n.; Part. Nom.Sg.m.)
tyaktakāmasukhārambhas
der das Beginnen von Liebesglück aufgegeben hat (Bahuvrīhi Nom.Sg.m.)
tasya svargo na durlabhaḥ
für ihn ist der Himmel nicht schwer zu erlangen (Gen.Sg.; Nom.Sg.m.; Partikel; Nom.Sg.m.)