Kapitel 170: śamyākagītā ākiṃcanyapraśaṃsā
Śamyākas Lehre: Lob der Besitzlosigkeit und der Entsagung
Yudhiṣṭhira fragt nach Glück und Leid der Reichen und der Besitzlosen; Bhīṣma antwortet mit dem alten Lied des Brahmanen Śamyāka, das Besitzlosigkeit über Königtum stellt und Entsagung als das Höchste preist.
yudhiṣṭhira uvāca; dhanino vādhanā ye ca vartayanti svatantriṇaḥ; sukhaduḥkhāgamas teṣāṃ kaḥ kathaṃ vā pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Die Reichen oder die Besitzlosen, die ihr Leben unabhängig führen: wie kommen Glück und Leid zu ihnen, Großvater, und wer [bringt sie]?“
tayor ekatare mārge yady enam abhisaṃnayet; na sukhaṃ prāpya saṃhṛṣyen na duḥkhaṃ prāpya saṃjvaret
„Wenn [das Geschick] ihn auf einen dieser beiden Wege führt, soll er, Glück erlangt habend, nicht jubeln und, Leid erlangt habend, nicht in Glut geraten.“
Wort für Wort
tayor ekatare mārge
von den beiden, auf einem Weg (Gen.Du.; Lok.Sg.)
yady enam abhisaṃnayet
wenn [es] ihn hinführt (Konj.; Akk.Sg.; Opt. 3.Sg.)
na sukhaṃ prāpya saṃhṛṣyen
nicht, Glück erlangt, soll er jubeln (Abs.; Opt. 3.Sg.)
na duḥkhaṃ prāpya saṃjvaret
nicht, Leid erlangt, soll er in Glut geraten (Abs.; Opt. 3.Sg.)
Subjekt von abhisaṃnayet ist nicht ausdrücklich genannt; ‚das Geschick‘ ergänzt.
na vai carasi yac chreya ātmano vā yad īhase; akāmātmāpi hi sadā dhuram udyamya caiva hi
„Du strebst ja nicht nach dem, was heilsam ist, oder was du für dich selbst erstrebst; und doch, obwohl [du] wunschlosen Sinnes [bist], hebst du stets die Last empor.“ [?]
Wort für Wort
na vai carasi yac chreya
nicht fürwahr verfolgst du, was heilsam [ist] (2.Sg.Präs.; Nom./Akk.Sg.n.)
ātmano vā yad īhase
für dich selbst oder was du erstrebst (Gen.Sg.; 2.Sg.Präs.Med.)
akāmātmāpi hi sadā
obwohl wunschlosen Sinnes, denn stets (Nom.Sg. Kompositum)
dhuram udyamya caiva hi
die Last emporgehoben habend, und fürwahr (Akk.Sg.; Abs.)
Der Vers ist syntaktisch schwierig und möglicherweise verderbt; die Übersetzung ist unsicher.
„Besitzlosigkeit ist in der Welt ein Glück, zuträglich, heilbringend, gesund, ohne Feinde; dies ist [für andere] schwer zu erlangen, für die Guten aber leicht zu erlangen.“
Wort für Wort
ākiṃcanyaṃ sukhaṃ loke
Besitzlosigkeit [ist] Glück in der Welt (Nom.Sg.; Lok.Sg.)
pathyaṃ śivam anāmayam
zuträglich, heilbringend, gesund (Nom.Sg.n.)
anamitram atho hy etad
ohne Feinde, ferner, fürwahr dies (Nom.Sg.n.)
durlabhaṃ sulabhaṃ satām
schwer zu erlangen, leicht zu erlangen für die Guten (Nom.Sg.n.; Gen.Pl.)
naivāsyāgnir na cādityo na mṛtyur na ca dasyavaḥ; prabhavanti dhanajyāninirmuktasya nirāśiṣaḥ
„Weder Feuer noch Sonne noch Tod noch Räuber vermögen etwas gegen den, der vom Gram um den Verlust des Besitzes befreit ist und keine Wünsche mehr hat.“
Wort für Wort
naivāsyāgnir na cādityo
weder ihm Feuer noch Sonne (Dat./Gen.Sg.; Nom.Sg.)
na mṛtyur na ca dasyavaḥ
nicht Tod, nicht Räuber (Nom.Sg.; Nom.Pl.)
prabhavanti dhanajyāninirmuktasya
vermögen [etwas], des vom Besitzverlust Befreiten (3.Pl.Präs.; Gen.Sg.)
athainaṃ rūpamānaś ca dhanamānaś ca vindati; abhijāto 'smi siddho 'smi nāsmi kevalamānuṣaḥ; ity ebhiḥ kāraṇais tasya tribhiś cittaṃ prasicyate
„Dann ergreift ihn der Stolz auf Schönheit und der Stolz auf Reichtum: ‚Ich bin hochgeboren, ich bin vollendet, ich bin nicht bloß ein Mensch.‘ Durch diese drei Gründe wird sein Geist berauscht [getränkt].“
Wort für Wort
athainaṃ rūpamānaś ca
dann ihn Schönheitsstolz und (Akk.Sg.; Nom.Sg.)
dhanamānaś ca vindati
Reichtumsstolz und findet/ergreift (3.Sg.Präs.)
abhijāto 'smi siddho 'smi
hochgeboren bin ich, vollendet bin ich (Part.; 1.Sg.Präs.)
nāsmi kevalamānuṣaḥ
nicht bin ich bloß ein Mensch (1.Sg.Präs.; Nom.Sg.)
ity ebhiḥ kāraṇais tasya
so durch diese Gründe, seiner (Instr.Pl.; Gen.Sg.)
tribhiś cittaṃ prasicyate
durch drei der Geist wird benetzt/berauscht (Instr.Pl.; Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.)
teṣāṃ paramaduḥkhānāṃ buddhyā bhaiṣajyam ācaret; lokadharmaṃ samājñāya dhruvāṇām adhruvaiḥ saha
„Gegen diese äußerst schweren Leiden soll man mit Einsicht ein Heilmittel anwenden, wenn man die Weltordnung erkannt hat: [die Verbindung] der Beständigen mit den Unbeständigen.“ [?]
Wort für Wort
teṣāṃ paramaduḥkhānāṃ
von diesen äußerst schweren Leiden (Gen.Pl.)
buddhyā bhaiṣajyam ācaret
mit Verstand Heilmittel soll man anwenden (Instr.Sg.; Akk.Sg.; Opt. 3.Sg.)
lokadharmaṃ samājñāya
die Weltordnung erkannt habend (Akk.Sg.; Abs.)
dhruvāṇām adhruvaiḥ saha
der Beständigen mit den Unbeständigen zusammen (Gen.Pl.; Instr.Pl.; Postp.) [?]
dhruvāṇām adhruvaiḥ saha ist unsicher; wahrscheinlich ‚das Zusammensein des Beständigen mit dem Unbeständigen‘ als Inhalt des lokadharma.
„Ohne aufzugeben erlangt man kein Glück, ohne aufzugeben findet man das Höchste nicht, ohne aufzugeben schläft man nicht furchtlos; gib alles auf und sei glücklich!“
Wort für Wort
nātyaktvā sukham āpnoti
nicht ohne aufgegeben zu haben, Glück erlangt man (Abs. neg.; Akk.; 3.Sg.Präs.)
nātyaktvā vindate param
nicht ohne aufzugeben findet man das Höchste (3.Sg.Präs.Med.; Akk.Sg.n.)
nātyaktvā cābhayaḥ śete
nicht ohne aufzugeben, furchtlos schläft man (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.Med.)
tyaktvā sarvaṃ sukhī bhava
alles aufgegeben habend, glücklich sei (Abs.; Akk.; Nom.Sg.; Imp. 2.Sg.)