Kapitel 257: ahiṃsāprāśastya-vicakhnugītā
Vicakhnus Lied gegen die Tötung von Tieren im Opfer und die Frage des Lebensunterhalts
Bhīṣma erzählt eine alte Begebenheit vom König Vicakhnu, der beim Anblick eines Tieropfers die Gewaltlosigkeit als höchsten Dharma verkündet und Fleisch, Wein und dergleichen als von Schurken eingeführt verwirft. Yudhiṣṭhira fragt daraufhin nach dem Unterhalt des Körpers bei Gewaltlosigkeit.
chinnasthūṇaṃ vṛṣaṃ dṛṣṭvā virāvaṃ ca gavāṃ bhṛśam; gograhe yajñavāṭasya prekṣamāṇaḥ sa pārthivaḥ
Als der König beim Rindergreifen an der Opferstätte einen Stier mit abgeschnittenem Pfosten[?] sah und das laute Brüllen der Kühe [hörte], blickte er hin.
Wort für Wort
chinnasthūṇaṃ vṛṣaṃ dṛṣṭvā
einen Stier mit abgeschnittenem Pfosten/Höcker[?] sehend (Akk.Sg., Abs.)
virāvaṃ ca gavāṃ bhṛśam
und das gewaltige Brüllen der Kühe (Akk.Sg., Gen.Pl., Adv.)
gograhe yajñavāṭasya
beim Rindergreifen an der Opferstätte (Lok., Gen.)
prekṣamāṇaḥ sa pārthivaḥ
hinblickend, jener König (Part.Präs.Med., Nom.)
chinnasthūṇaṃ vṛṣam ist unklar (etwa: Stier mit abgeschnittenem Höcker oder mit gekapptem Pfosten); Wiedergabe unsicher.
svasti gobhyo 'stu lokeṣu tato nirvacanaṃ kṛtam; hiṃsāyāṃ hi pravṛttāyām āśīr eṣānukalpitā
„Heil sei den Kühen in den Welten!“ – damit wurde eine Wortbestimmung gemacht; denn dieser Segenswunsch ist [erst] ersonnen worden, als die Gewalt in Gang gekommen war.
Wort für Wort
svasti gobhyo 'stu lokeṣu
Heil sei den Kühen in den Welten (Dat.Pl., 3.Sg.Imp., Lok.Pl.)
tato nirvacanaṃ kṛtam
daraufhin wurde eine Wortbestimmung gemacht (Part.Pass., Nom.N.)
hiṃsāyāṃ hi pravṛttāyām
denn als die Gewalt in Gang gekommen war (Lok.abs.)
āśīr eṣā anukalpitā
dieser Segenswunsch ist ersonnen (Nom.F., Part.Pass.)
Bei allen Riten [gebot] Gewaltlosigkeit, sprach Manu, der Dharma-Gesinnte; aus Begierde und Anhänglichkeit töten die Menschen außerhalb des Altars Tiere.
Wort für Wort
sarvakarmasu ahiṃsā hi
bei allen Riten Gewaltlosigkeit ja (Lok.Pl., Nom.)
dharmātmā manur abravīt
der Dharma-Gesinnte Manu sprach (Impf.)
kāmarāgād vihiṃsanti
aus Begierde und Anhänglichkeit töten sie (Abl., 3.Pl.Präs.)
bahir vedyāṃ paśūn narāḥ
außerhalb des Altars Tiere, die Menschen (Lok., Akk.Pl., Nom.Pl.)
Daher ist der feine Dharma vom Wissenden nach den Maßstäben [der Erkenntnis] zu vollziehen; Gewaltlosigkeit gilt ja als größer denn alle [anderen] Dharmas.
Wort für Wort
tasmāt pramāṇataḥ kāryo dharmaḥ
daher ist nach den Maßstäben der Dharma zu tun (Gerundiv, Nom.)
sūkṣmo vijānatā
der feine, vom Wissenden (Nom., Instr.Part.Präs.)
ahiṃsā eva hi
Gewaltlosigkeit ja gerade (Nom.)
sarvebhyo dharmebhyo jyāyasī matā
gilt als größer als alle Dharmas (Abl.Pl., Kompar., Part.Pass.)
Nachdem sie gefastet haben, streng gebunden [waren] und die vom Veda gemachten Überlieferungen verlassen haben, [sagen] die Sittenlosen, die Elenden, die nach Lohn Trachtenden: „Das ist Brauch!“
Wort für Wort
upoṣya saṃśito bhūtvā
nachdem er gefastet hat, streng geworden (Abs.)
hitvā vedakṛtāḥ śrutīḥ
verlassen habend die vom Veda gemachten Überlieferungen (Abs., Akk.Pl.F.)
ācāra iti anācārāḥ
„Brauch“ [sagen] die Sittenlosen (Nom.Pl.)
kṛpaṇāḥ phalahetavaḥ
die Elenden, um Lohn Willen [Handelnden] (Nom.Pl.)
Syntax elliptisch; ein Verb des Sagens ist zu ergänzen.
kāmān mohāc ca lobhāc ca laulyam etat pravartitam; viṣṇum evābhijānanti sarvayajñeṣu brāhmaṇāḥ; pāyasaiḥ sumanobhiś ca tasyāpi yajanaṃ smṛtam
Aus Begierde, Verblendung und Gier wurde diese Lüsternheit eingeführt. Viṣṇu allein erkennen die Brahmanen bei allen Opfern [an]; mit Milchreis und Blüten gilt auch seine Verehrung als überliefert.
Wort für Wort
kāmān mohāc ca lobhāc ca
aus Begierde, Verblendung und Gier (Abl.)
laulyam etat pravartitam
diese Lüsternheit wurde eingeführt (Nom.N., Part.Pass.)
viṣṇum eva abhijānanti
Viṣṇu allein erkennen sie an (3.Pl.Präs.)
sarvayajñeṣu brāhmaṇāḥ
bei allen Opfern die Brahmanen (Lok.Pl., Nom.Pl.)
pāyasaiḥ sumanobhiś ca
mit Milchreis und Blüten (Instr.Pl.)
tasya api yajanaṃ smṛtam
auch seine Verehrung ist überliefert (Gen., Nom.N., Part.Pass.)
yajñiyāś caiva ye vṛkṣā vedeṣu parikalpitāḥ; yac cāpi kiṃ cit kartavyam anyac cokṣaiḥ susaṃskṛtam; mahāsattvaiḥ śuddhabhāvaiḥ sarvaṃ devārham eva tat
Und die Bäume, die für das Opfer geeignet sind und in den Veden bestimmt wurden, und was sonst noch zu tun ist, von Reinen gut zubereitet, von Hochgesinnten mit lauterer Gesinnung – all das ist gerade der Götter würdig.
Wort für Wort
yajñiyāś ca eva ye vṛkṣā
und die Bäume, die opfertauglich (Nom.Pl.)
vedeṣu parikalpitāḥ
in den Veden bestimmt sind (Lok.Pl., Part.Pass.)
yac ca api kiṃ cit kartavyam anyat
und was sonst irgend zu tun ist (Nom.N., Gerundiv)
cokṣaiḥ susaṃskṛtam
von Reinen gut zubereitet (Instr.Pl., Part.Pass.)
mahāsattvaiḥ śuddhabhāvaiḥ
von Hochgesinnten, von Lauteren im Gemüt (Instr.Pl.)
Yudhiṣṭhira sprach: Der Körper und die Notlagen stehen im Widerspruch für den, der nicht verletzt[?]; wie wird der Lebensunterhalt des Körpers gelingen, wenn er ohne Unternehmung ist?
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
śarīram āpadaś ca api
der Körper und auch die Notlagen (Nom., Nom.Pl.)
vivadanti avihiṃsataḥ
streiten miteinander, für den nicht Verletzenden (3.Pl.Präs., Gen.Part.)
kathaṃ yātrā śarīrasya
wie [wird] der Unterhalt des Körpers (Nom.F., Gen.)
nirārambhasya setsyati
des ohne Unternehmung [Seienden] gelingen (Gen., 3.Sg.Fut.)
Erste Vershälfte syntaktisch unsicher (śarīram āpadaś ca vivadanti); Wiedergabe unsicher.
Bhīṣma sprach: So, dass der Körper nicht verfällt und man nicht in die Gewalt des Todes gerät, soll man in den Werken verfahren; der Fähige übe den Dharma aus.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
yathā śarīraṃ na glāyet
so dass der Körper nicht verfällt (Opt.)
na iyān mṛtyuvaśaṃ yathā
und nicht in die Gewalt des Todes gerät (Opt., Akk.)
tathā karmasu varteta
so soll man in den Werken verfahren (Lok.Pl., Opt.Med.)