Kapitel 173: indrakāśyapasaṃvādaḥ
Einsicht als Halt: Indra als Schakal belehrt den lebensmüden Kāśyapa
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Halt des Menschen preist Bhīṣma die Einsicht und erzählt das Gespräch zwischen dem als Schakal erscheinenden Indra und einem verzweifelten Brahmanen. Das Kapitel mahnt zur Zufriedenheit mit der menschlichen Geburt und zur Zügelung von Begierde und Sinnen.
yudhiṣṭhira uvāca; bāndhavāḥ karma vittaṃ vā prajñā veha pitāmaha; narasya kā pratiṣṭhā syād etat pṛṣṭo vadasva me
Yudhiṣṭhira sprach: „Verwandte, Tat, Besitz oder Einsicht – was wäre hier, Großvater, für den Menschen der [feste] Halt? Danach gefragt, sprich zu mir.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
bāndhavāḥ karma vittaṃ vā
Verwandte, Tat/Werk, Besitz oder (Nom.Pl./Nom.Sg./Nom.Sg.)
prajñā vā iha pitāmaha
Einsicht oder hier, Großvater (Nom.Sg./Vok.)
narasya kā pratiṣṭhā syāt
des Menschen – welcher Halt wäre es (Gen./Nom.Sg.f./Opt.3.Sg.)
etat pṛṣṭaḥ vadasva me
danach gefragt, sprich zu mir (PPP Nom./Imp.Med.2.Sg./Dat.)
Bhīṣma sprach: „Einsicht ist der Halt der Wesen, Einsicht gilt als der höchste Gewinn; Einsicht ist in der Welt das zum Höchsten Heil Führende, Einsicht gilt den Guten als Himmel.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
prajñā pratiṣṭhā bhūtānām
Einsicht ist Halt der Wesen (Nom.Sg./Nom.Sg./Gen.Pl.)
prajñā lābhaḥ paro mataḥ
Einsicht gilt als höchster Gewinn (Nom./Nom./Nom./PPP)
prajñā naiḥśreyasī loke
Einsicht ist heilbringend/zum Höchsten führend in der Welt (Nom.Sg.f./Lok.)
prajñā svargo mataḥ satām
Einsicht gilt als Himmel für die Guten (Nom./Nom./PPP/Gen.Pl.)
Denn durch Einsicht wurde Bali beim Verlust der Herrschaft zu seinem Ziel gebracht, [ebenso] Prahrāda, Namuci, Maṅki; was gibt es, das höher wäre als sie [die Einsicht]?
Wort für Wort
prajñayā prāpitārthaḥ hi
durch Einsicht zum Ziel gebracht, denn (Instr./Nom.Sg. Kaus.-PPP)
baliḥ aiśvaryasaṃkṣaye
Bali, beim Schwinden der Herrschaft (Nom./Lok.)
prahrādaḥ namuciḥ maṅkiḥ
Prahrāda, Namuci, Maṅki (Nom.)
tasyāḥ kim vidyate param
als sie – was gibt es Höheres (Abl./Gen.Sg.f. Vergl./Pass.3.Sg./Nom.)
Bei Prahrāda, Namuci, Maṅki ist prāpitārthaḥ sinngemäß zu ergänzen.
Ein gewisser Vaiśya, mein Lieber, wohlhabend und übermütig, warf einen Ṛṣi aus dem Geschlecht Kaśyapas, einen Asketen von strengen Gelübden, mit seinem Wagen zu Boden.
Wort für Wort
vaiśyaḥ kaś cid
ein gewisser Vaiśya (Nom.Sg.)
ṛṣim tāta kāśyapam
den Seher, mein Lieber, den Kāśyapa (Akk./Vok./Akk.)
saṃśitavratam
von strengen Gelübden (Akk., Bahuvrīhi)
rathena pātayām āsa
mit dem Wagen ließ er fallen (Instr./Perf. Kaus.3.Sg.)
ārtaḥ sa patitaḥ kruddhas tyaktvātmānam athābravīt; mariṣyāmy adhanasyeha jīvitārtho na vidyate
[Der Ṛṣi], von Schmerz geplagt, gefallen und zornig, gab sich selbst [innerlich] auf und sprach dann: „Ich werde sterben; für einen Besitzlosen gibt es hier keinen Zweck des Lebens.“
Wort für Wort
ārtaḥ sa patitaḥ kruddhaḥ
gepeinigt, er, gefallen, zornig (Nom.Sg.m. PPP)
tyaktvā ātmānam
sich selbst aufgegeben habend (Abs./Akk.)
atha abravīt
dann sprach er (Impf.3.Sg.)
mariṣyāmi adhanasya iha
ich werde sterben; für den Besitzlosen hier (Fut.1.Sg./Gen./Adv.)
jīvitārthaḥ na vidyate
ein Lebenszweck ist nicht vorhanden (Nom.Sg./Pass.3.Sg.)
„Ein Mensch bist du, ein Brahmane bist du und ein Śrotriya, Kāśyapa; nachdem du dies so schwer Erreichbare erlangt hast, willst du, [obwohl] ohne Fehl, sterben.“
Wort für Wort
manuṣyaḥ brāhmaṇaḥ ca asi
ein Mensch und ein Brahmane bist du (Nom./2.Sg.)
śrotriyaḥ ca asi kāśyapa
und ein Vedakundiger bist du, Kāśyapa (Nom./Vok.)
sudurlabham avāpya etat
dies sehr schwer Erlangbare erlangt habend (Akk.Sg.n./Abs.)
adoṣān [?]
ohne Fehl [?] (Abl. oder Akk.Pl., unklar)
martum icchasi
sterben willst du (Inf./2.Sg.)
adoṣān ist als Form unsicher (evtl. Verderbnis für adoṣāt oder Akk.Pl.); Sinn: „obwohl fehlerlos“ ist Vermutung.
sarve lābhāḥ sābhimānā iti satyā bata śrutiḥ; saṃtoṣaṇīyarūpo 'si lobhād yad abhimanyase
„‚Alle Gewinne sind mit Stolz verbunden‘ – wahrlich, so lautet die Überlieferung; du wärest einer, den man zufriedenstellen könnte, da du aus Gier so ungehalten [hochfahrend] bist [?].“
Wort für Wort
sarve lābhāḥ sābhimānāḥ
alle Gewinne sind mit Stolz/Anspruch verbunden (Nom.Pl./Nom.Pl.)
iti satyā bata śrutiḥ
so – wahr, ach, die Überlieferung (Nom.Sg.f.)
saṃtoṣaṇīyarūpaḥ asi
du bist von zufriedenzustellender Art (Nom.Sg./2.Sg.)
lobhāt yat abhimanyase
aus Gier, dass du hochfahrend/ungehalten bist (Abl./Konj./2.Sg.Med.)
Die großen und kleinen Tiere, die uns am Leib beißen, kratzen wir [ebenfalls] nicht ab.
Wort für Wort
jantūn uccāvacān
die Wesen, hohe und niedrige/große und kleine (Akk.Pl.)
aṅge daśataḥ
am Körper beißende (Lok./Part.Akk.Pl.)
na kaṣāma ca
und wir kratzen nicht (1.Pl.Präs.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (Stern-Passage). kaṣāma als 1.Pl. (statt kaṣāmaḥ) gedeutet.
„Und weil es ‚unrecht zu tun‘ ist, gebe ich mich selbst nicht auf; [ich denke:] ‚Ich möchte von hier nicht in eine noch schlimmere, andere Geburt fallen.‘“
Wort für Wort
akāryam iti ca evam
und ‚nicht zu tun‘ – so (Nom.Sg.n. Gerundiv/Partikel)
na ātmānam saṃtyajāmi aham
nicht gebe ich mich auf (Akk./1.Sg./Nom.)
na itaḥ pāpīyasīm yonim
nicht von hier in einen schlimmeren Schoß (Adv./Akk.Sg.f. Komp.)
pateyam aparām iti
möchte ich fallen, einen anderen – so [denke ich] (Opt.1.Sg./Akk.)
madhye vai pāpayonīnāṃ sārgālī yām ahaṃ gataḥ; pāpīyasyo bahutarā ito 'nyāḥ pāpayonayaḥ
„Unter den Geburten schlechter Art ist die Schakalinnengeburt, in die ich geraten bin, [eine mittlere]; viel schlimmere andere Geburten gibt es außer dieser.“
Wort für Wort
madhye vai pāpayonīnām
in der Mitte der schlechten Geburten wahrlich (Lok./Gen.Pl.)
sārgālī yām aham gataḥ
die Schakal[geburt], in die ich gegangen bin (Nom.Sg.f./Akk.Rel./PPP)
pāpīyasyaḥ bahutarāḥ
schlimmere, viele mehr (Nom.Pl.f. Komp.)
itaḥ anyāḥ pāpayonayaḥ
außer dieser andere schlechte Geburten (Abl./Nom.Pl.)
manuṣyā hy āḍhyatāṃ prāpya rājyam icchanty anantaram; rājyād devatvam icchanti devatvād indratām api
„Menschen begehren, wenn sie Reichtum erlangt haben, unmittelbar danach das Königtum; vom Königtum [begehren sie] die Göttlichkeit, von der Göttlichkeit sogar das Indra-Sein.“
Wort für Wort
manuṣyāḥ hi āḍhyatām prāpya
Menschen, denn Reichtum erlangt habend (Nom.Pl./Akk./Abs.)
rājyam icchanti anantaram
Königtum wünschen sie unmittelbar danach (Akk./3.Pl./Adv.)
rājyāt devatvam icchanti
vom Königtum Göttlichkeit wünschen sie (Abl./Akk.)
devatvāt indratām api
von der Göttlichkeit sogar Indra-Stand (Abl./Akk.)
bhaves tvaṃ yady api tv āḍhyo na rājā na ca daivatam; devatvaṃ prāpya cendratvaṃ naiva tuṣyes tathā sati
„Wärest du auch reich, [aber] weder König noch Gottheit; und wenn du Göttlichkeit und Indra-Sein erlangt hättest, wärest du unter solchen Umständen keineswegs zufrieden.“
Wort für Wort
bhaveḥ tvam yadi api tu āḍhyaḥ
du wärest, auch wenn, aber reich (Opt.2.Sg./Nom./Nom.)
na rājā na ca daivatam
kein König und keine Gottheit (Nom.Sg.)
devatvam prāpya ca indratvam
und Göttlichkeit und Indra-Sein erlangt habend (Akk./Abs./Akk.)
na eva tuṣyeḥ tathā sati
würdest keineswegs zufrieden sein, wenn es so ist (Opt.2.Sg./Lok.abs.)
Syntax des ersten Halbverses knapp/elliptisch; Wiedergabe sinngemäß.
„Beim Erlangen des Ersehnten gibt es keine Sättigung; der Durst [die Gier] wird nicht durch Wasser gestillt; er flammt wieder stärker auf, wie Feuer durch Brennholz.“
Wort für Wort
na tṛptiḥ priyalābhe asti
nicht ist Sättigung beim Erlangen des Lieben (Nom./Lok./3.Sg.)
tṛṣṇā na adbhiḥ praśāmyati
Durst/Gier nicht durch Wasser wird sie gestillt (Nom./Instr.Pl./3.Sg.)
saṃprajvalati sā bhūyaḥ
sie flammt auf, sie, wiederum/mehr (3.Sg./Nom.f./Adv.)
na dvitīyasya śirasaś chedanaṃ vidyate kva cit; na ca pāṇes tṛtīyasya yan nāsti na tato bhayam
Ein Abschlagen eines zweiten Kopfes gibt es nirgends; und was eine dritte Hand betrifft: was nicht existiert, daher kommt keine Furcht.
Wort für Wort
na dvitīyasya śirasaś chedanaṃ
nicht des zweiten Kopfes Abschlagen (Gen./Nom.n.)
vidyate kva cit
gibt es irgendwo (3.Sg.Pass./Adv.)
na ca pāṇes tṛtīyasya
und nicht der dritten Hand (Gen.)
yan nāsti
was nicht ist (Rel./3.Sg.Präs.)
na tato bhayam
nicht daher Furcht (Abl./Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Verse der Zusatzpassage; Sinn im Zusammenhang knapp und nur locker anschließend.
na pulkaso na caṇḍāla ātmānaṃ tyaktum icchati; asaṃtuṣṭaḥ svayā yonyā māyāṃ paśyasva yādṛśīm
Weder ein Pulkasa noch ein Caṇḍāla will sich selbst aufgeben; [du aber bist] unzufrieden mit der eigenen Geburt: sieh, wie beschaffen doch die Täuschung ist!
Wort für Wort
na pulkaso na caṇḍāla
weder Pulkasa noch Caṇḍāla (Nom.)
ātmānaṃ tyaktum icchati
will sich selbst aufgeben (Akk./Inf./3.Sg.Präs.)
asaṃtuṣṭaḥ svayā yonyā
unzufrieden mit der eigenen Geburt (Nom./Instr.)
māyāṃ paśyasva yādṛśīm
sieh die Täuschung, wie beschaffen sie ist (Imp.Med./Akk.)
Pulkasa und Caṇḍāla: Angehörige verachteter Gruppen.
Wenn du Krüppel, Gelähmte und Kranke unter den Menschen siehst, bist du durch deine eigene Geburt wohlerfüllt: einen [guten] Gewinn hast du erlangt, Kāśyapa.
Wort für Wort
dṛṣṭvā kuṇīn pakṣahatān
nachdem du gesehen hast Verkrüppelte, Gelähmte (Abs./Akk.Pl.)
manuṣyān āmayāvinaḥ
Menschen, Kranke (Akk.Pl.)
susaṃpūrṇaḥ svayā yonyā
wohlerfüllt durch die eigene Geburt (Nom./Instr.)
labdhalābho 'si kāśyapa
du hast Gewinn erlangt, Kāśyapa (2.Sg./Vok.)
„Wenn“ ergänzt für die Partizipialkonstruktion (dṛṣṭvā, „nachdem du gesehen hast“).
yadi brāhmaṇa dehas te nirātaṅko nirāmayaḥ; aṅgāni ca samagrāṇi na ca lokeṣu dhikkṛtaḥ
Wenn, Brahmane, dein Körper ohne Not und ohne Krankheit ist, deine Glieder vollständig sind und du unter den Menschen nicht verachtet bist [Satz setzt sich im folgenden Vers fort] …
Wort für Wort
yadi brāhmaṇa dehas te
wenn, Brahmane, dein Körper (Vok./Nom.)
nirātaṅko nirāmayaḥ
frei von Angst/Not, frei von Krankheit (Nom.)
aṅgāni ca samagrāṇi
und die Glieder vollständig (Nom.Pl.n.)
na ca lokeṣu dhikkṛtaḥ
und nicht unter den Menschen verwünscht/verachtet (Lok./Part.)
na kena cit pravādena satyenaivāpahāriṇā; dharmāyottiṣṭha viprarṣe nātmānaṃ tyaktum arhasi
… durch keinerlei Gerede, [und sei es] auch wahr und Ansehen nehmend [?]: steh auf für den Dharma, Weiser unter den Brahmanen; du darfst dich nicht selbst aufgeben.
Wort für Wort
na kena cit pravādena
durch keinerlei Gerede (Instr.)
satyenaivāpahāriṇā
selbst wenn wahr, wegnehmend (Instr./Adj.) [?]
dharmāyottiṣṭha viprarṣe
für den Dharma steh auf, Brahmanen-Seher (Dat./Imp./Vok.)
nātmānaṃ tyaktum arhasi
dich selbst aufzugeben sollst du nicht (Akk./Inf./2.Sg.)
pravāda hier „Gerede, Nachrede“; Konstruktion des ersten Halbverses unsicher.
Andere hingegen, unter dämonischen Gestirnen, an schlechten Weihestätten, zu böser Stunde geboren, fallen in einen dämonischen Mutterschoß, der frei ist von Opfer und Zeugung.
Wort für Wort
nakṣatreṣv āsureṣv anye
unter dämonischen Gestirnen andere (Lok.Pl./Nom.Pl.)
dustīrthā durmuhūrtajāḥ
mit schlechten Furten, in böser Stunde geboren (Nom.Pl.)
hetuvādān pravaditā vaktā saṃsatsu hetumat; ākroṣṭā cābhivaktā ca brahmayajñeṣu vai dvijān
Ein Redner für Vernunftgründe-Lehren, in Versammlungen mit Gründen sprechend, ein Beschimpfer und Widersprecher der Zweimalgeborenen bei den Brahma-Opfern.
Wort für Wort
hetuvādān pravaditā
Vertreter der Gründelehren (Akk.Pl./Nom.Agens)
vaktā saṃsatsu hetumat
Sprecher in Versammlungen, begründend (Nom./Lok.Pl./Adv.)
ākroṣṭā cābhivaktā ca
Schmäher und Widersprecher (Nom.Agens)
brahmayajñeṣu vai dvijān
bei Brahma-Opfern (Vedrezitationen), die Zweimalgeborenen (Lok.Pl./Akk.Pl.)