Kapitel 128: āpaddharmaḥ kośasaṃgrahaś ca
Der Notstandsdharma des Königs: Schatzkammer, Heer und rechtmäßiger Erwerb in der Bedrängnis
Yudhiṣṭhira fragt nach dem Weg eines geschwächten, bedrängten Königs; Bhīṣma legt darauf den Dharma der Notlage dar, der dem Kṣatriya erlaubt, für Schatzkammer und Heer Mittel zu beschaffen.
Yudhiṣṭhira sprach: „Was ist der Weg für einen König, der von Freunden verlassen wird und viele Feinde hat, dessen Schatzkammer erschöpft und der ohne Heeresmacht ist, Bhārata,
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
mitraiḥ prahīyamāṇasya bahvamitrasya
dem von Freunden Verlassenen, dem mit vielen Feinden (Gen.Sg.)
kā gatiḥ
welcher Weg [ist] (Nom.Sg.f.)
rājñaḥ saṃkṣīṇakośasya
des Königs mit erschöpfter Schatzkammer (Gen.Sg./Bahuvrīhi)
der verdorbene Minister und Helfer hat, dessen Beratungen überallhin bekannt geworden sind, der aus der Herrschaft stürzt und keinen anderen Ausweg sieht,
Wort für Wort
duṣṭāmātyasahāyasya
dessen Minister und Helfer verdorben sind (Gen.Sg./Bahuvrīhi)
srutamantrasya sarvataḥ
dessen Geheimrat überall gehört [verraten] wurde (Gen.Sg./Adv.)
rājyāt pracyavamānasya
der aus der Herrschaft fällt (Abl./Gen.Sg.Part.Präs.Med.)
gatim anyām apaśyataḥ
der keinen anderen Ausweg sieht (Akk.Sg./Gen.Sg.Part.Präs.)
srutamantra: wohl für śruta-mantra (metrisch/Schreibung).
[Lücke im Text] fremde Reiche zermalmend, der sich im Streit befindet,
Wort für Wort
**** ****
[Lücke im Text]
pararāṣṭrāṇi
fremde Reiche (Akk.Pl.n.)
mṛdnataḥ
zermalmend (Gen.Sg.Part.Präs.)
vigrahe vartamānasya
der im Streit/Krieg steht (Lok./Gen.Sg.Part.Präs.Med.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, unvollständig überliefert; Bezug der Genitive unklar, wohl weiterhin auf den bedrängten König.
aprāpyaṃ ca bhavet sāntvaṃ bhedo vāpy atipīḍanāt; jīvitaṃ cārthahetor vā tatra kiṃ sukṛtaṃ bhavet
Aussöhnung wäre unerreichbar, oder Spaltung [entstünde] durch allzu große Bedrängnis; oder [es geht um] das Leben um des Besitzes willen. Was wäre dabei das Rechte?“
Wort für Wort
aprāpyaṃ ca bhavet sāntvam
und unerreichbar wäre Versöhnung (Nom.Sg.n./Opt.)
bhedo vāpy atipīḍanāt
oder Spaltung durch übermäßige Bedrängnis (Nom./Abl.Sg.)
jīvitaṃ cārthahetor vā
oder das Leben um des Besitzes willen (Nom.Sg.n./Abl. als Postp.)
tatra kiṃ sukṛtaṃ bhavet
was wäre da das Rechtgetane/Gute (Nom.Sg.n./Opt.)
Der Satz ist knapp; die Konstruktion von jīvitam artha-hetoḥ ist elliptisch.
Bhīṣma sprach: „Über einen verborgenen Dharma hast du mich, Stier der Bharata, überaus befragt. Ungefragt vermag ich diesen Dharma nicht darzulegen, Yudhiṣṭhira.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
guhyaṃ mā dharmam aprākṣīḥ
einen verborgenen Dharma hast du mich gefragt (Akk./Aor.2.Sg.)
atīva bharatarṣabha
überaus, Stier der Bharata (Adv./Vok.)
apṛṣṭo notsahe vaktum
ungefragt vermag ich nicht zu sprechen (Nom.Part./1.Sg.Präs./Inf.)
dharmo hy aṇīyān vacanād buddheś ca bharatarṣabha; śrutvopāsya sadācāraiḥ sādhur bhavati sa kva cit
Denn der Dharma ist feiner als Wort und Verstand, Stier der Bharata; hat man ihn gehört und im Umgang mit Rechtschaffenen gepflegt, wird man mitunter ein Guter.
Wort für Wort
dharmo hy aṇīyān
denn der Dharma ist feiner (Nom.Sg.m./Komp.)
vacanād buddheś ca
als Wort und als Verstand (Abl.Sg.)
bharatarṣabha
Stier der Bharata (Vok.)
śrutvopāsya sadācāraiḥ
gehört und verehrt/gepflegt habend, mit den Rechtschaffenen (Abs./Instr.Pl.)
sādhur bhavati sa kva cit
der wird bisweilen ein Guter (Nom./3.Sg.Präs.)
Der Vers ist knapp und dunkel; die Zuordnung von sadācāraiḥ zu upāsya ist Deutung. [?]
karmaṇā buddhipūrveṇa bhavaty āḍhyo na vā punaḥ; tādṛśo 'yam anupraśnaḥ sa vyavasyas tvayā dhiyā
Durch überlegtes Handeln wird man reich, oder auch nicht wieder; von dieser Art ist diese weitere Frage: sie ist von dir mit dem Verstand zu entscheiden.
Wort für Wort
karmaṇā buddhipūrveṇa
durch Handeln, dem Überlegung vorausgeht (Instr.Sg.)
bhavaty āḍhyo na vā punaḥ
wird reich oder wieder nicht (3.Sg.Präs./Nom.)
tādṛśo 'yam anupraśnaḥ
von solcher Art ist diese Nachfrage (Nom.Sg.m.)
sa vyavasyas tvayā dhiyā
sie ist zu entscheiden von dir mit dem Verstand (Gerundiv/Instr.Sg.)
Höre, Bhārata, ein an Dharma reiches Mittel für den Lebensunterhalt. Ich strebe nicht nach einem solchen Dharma um des Dharma willen [?]; das Nehmen von den Reichen wäre hier schmerzlich, danach aber gilt es als erträglich.
Wort für Wort
upāyaṃ dharmabahulaṃ
ein Mittel, reich an Dharma (Akk.Sg.)
yātrārthaṃ śṛṇu bhārata
für den Lebensunterhalt höre, Bhārata (Akk./Imp./Vok.)
nāham etādṛśaṃ dharmaṃ
nicht ich [wünsche] einen solchen Dharma (Nom./Akk.)
bubhūṣe dharmakāraṇāt
strebe zu sein (?) um des Dharma willen (1.Sg.Des.Med./Abl.)
duḥkhādāna ihāḍhyeṣu
Nehmen [ist] leidvoll hier bei den Reichen (Nom./Lok.Pl.)
syāt tu paścāt kṣamo mataḥ
wäre; danach aber gilt es als erträglich (Opt./Adv./Nom.Part.)
Zweite und dritte Vershälfte sehr dunkel (bubhūṣe); Wiedergabe unsicher.
anugamya gatīnāṃ ca sarvāsām eva niścayam; yathā yathā hi puruṣo nityaṃ śāstram avekṣate; tathā tathā vijānāti vijñānaṃ cāsya rocate
Hat man den Entscheid über alle Wege durchgegangen [?]: Je mehr ein Mensch stets die Lehrschrift betrachtet, desto mehr erkennt er, und desto mehr gefällt ihm die Erkenntnis.
Wort für Wort
anugamya gatīnāṃ ca
nachdem man durchgegangen ist, und der Wege (Abs./Gen.Pl.)
sarvāsām eva niścayam
den Entscheid aller (Gen.Pl.f./Akk.Sg.)
yathā yathā hi puruṣo
je mehr nämlich der Mensch (Adv./Nom.Sg.)
nityaṃ śāstram avekṣate
stets die Lehrschrift betrachtet (Adv./Akk./3.Sg.Präs.Med.)
avijñānād ayogaś ca puruṣasyopajāyate; avijñānād ayogo hi yogo bhūtikaraḥ punaḥ
Aus Nichterkenntnis entsteht beim Menschen das Nicht-Verbundensein [Misslingen]; denn aus Nichterkenntnis [kommt] das Nicht-Verbundensein, das Verbundensein hingegen bringt Gedeihen.
Wort für Wort
avijñānād ayogaś ca
aus Nichterkenntnis und Nicht-Yoga [Misslingen] (Abl./Nom.)
puruṣasyopajāyate
beim Menschen entsteht (Gen./3.Sg.Präs.Med.)
avijñānād ayogo hi
denn aus Nichterkenntnis Nicht-Yoga (Abl./Nom.)
yogo bhūtikaraḥ punaḥ
Yoga aber Gedeihen bewirkend (Nom.Sg.m./Adv.)
ayoga/yoga hier als Nicht-Gelingen / Gelingen (Anschluss, Methode) gedeutet. [?]
Der König soll die Schatzkammer hervorbringen, wie Wasser aus wasserlosen [Orten]; ist die Zeit gekommen, soll er [den Untertanen] Gunst erweisen. Dies ist hier jetzt der Dharma.
Wort für Wort
kośaṃ saṃjanayed rājā
die Schatzkammer soll der König erzeugen (Akk./Opt.Kaus./Nom.)
nirjalebhyo yathā jalam
wie Wasser aus Wasserlosem (Abl.Pl./Adv./Nom.)
kālaṃ prāpyānugṛhṇīyāt
die Zeit erreicht habend soll er Gunst erweisen (Abs./Opt.)
eṣa dharmo 'tra sāṃpratam
dies ist hier der Dharma, jetzt (Nom./Adv.)
anugṛhṇīyāt ohne Objekt; Ergänzung [den Untertanen] beruht auf Deutung. [?]
Hast du diesen Dharma des Mittels [Upāya-Dharma] erreicht, der von früheren Menschen geübt wurde: Ein anderer Dharma gilt für die Mächtigen, ein anderer in Notlagen, Bhārata.
Wort für Wort
upāyadharmaṃ prāpyainaṃ
den Dharma des Mittels erlangt habend, diesen (Akk./Abs.)
pūrvair ācaritaṃ janaiḥ
von früheren Leuten geübt (Instr.Pl./Part.Pass.)
anyo dharmaḥ samarthānām
ein anderer Dharma für die Mächtigen (Nom./Gen.Pl.)
āpatsv anyaś ca bhārata
und ein anderer in Notlagen, Bhārata (Lok.Pl./Vok.)
Zuerst wird die Schatzkammer als Dharma bezeichnet [?]; der Verstand ist gewichtiger als der Dharma. Hat ein Schwächerer den Dharma erlangt, so findet er keinen rechtmäßigen Lebensunterhalt.
Wort für Wort
prākkośaḥ procyate dharmo
zuerst/vorrangig die Schatzkammer wird als Dharma bezeichnet (Nom./3.Sg.Pass.)
buddhir dharmād garīyasī
der Verstand ist gewichtiger als der Dharma (Nom.f./Abl./Komp.)
dharmaṃ prāpya nyāyavṛttim
den Dharma erlangt habend, rechtmäßigen Lebenswandel (Abs./Akk.)
abalīyān na vindati
der Schwächere findet nicht (Nom.Sg.m./3.Sg.Präs.)
prākkośaḥ unsicher (evtl. prāk kośaḥ, ‚zuerst [gilt] die Schatzkammer‘).
yathāsya dharmo na glāyen neyāc chatruvaśaṃ yathā; tat kartavyam ihety āhur nātmānam avasādayet
Wie sein Dharma nicht verkümmere und er nicht in die Gewalt der Feinde gerate, das sei hier zu tun, sagt man; man soll sich selbst nicht niedergeschlagen sein lassen.
Wort für Wort
yathāsya dharmo na glāyen
wie sein Dharma nicht erschlafft (Opt.)
neyāc chatruvaśaṃ yathā
und wie er nicht in die Gewalt der Feinde gerät (Opt./Akk.)
tat kartavyam ihety āhur
das ist hier zu tun, sagen sie (Gerundiv/3.Pl.Perf.)
nātmānam avasādayet
nicht sich selbst soll man niederdrücken (Akk./Opt.Kaus.)
sannātmā naiva dharmasya na parasya na cātmanaḥ; sarvopāyair ujjihīrṣed ātmānam iti niścayaḥ
Ein entmutigter Mensch [taugt] weder für den Dharma noch für einen anderen noch für sich selbst; mit allen Mitteln soll er sich emporziehen wollen. Das ist die feste Entscheidung.
Wort für Wort
sannātmā naiva dharmasya
wer entmutigt ist, [taugt] nicht für den Dharma (Nom./Gen.)
na parasya na cātmanaḥ
nicht für einen anderen, nicht für sich (Gen.Sg.)
sarvopāyair ujjihīrṣed
mit allen Mitteln soll er herausziehen wollen (Instr.Pl./Opt.Des.)
ātmānam iti niścayaḥ
sich selbst; so lautet der Entscheid (Akk./Part./Nom.)
sannātmā (‚dessen Selbst entmutigt ist‘) syntaktisch elliptisch. [?]
Hierbei, Lieber, besteht der Entscheid der Dharmakundigen in der Meisterschaft im Dharma: Unternehmungsgeist ist beim Kṣatriya der Lebensunterhalt, [gewonnen] durch die Kraft des Armes – so die Überlieferung.
Wort für Wort
tatra dharmavidāṃ tāta
dabei, der Dharmakundigen, Lieber (Adv./Gen.Pl./Vok.)
niścayo dharmanaipuṇe
der Entscheid in der Dharma-Geschicklichkeit (Nom./Lok.)
udyamo jīvanaṃ kṣatre
Anstrengung [ist] Lebensunterhalt beim Kṣatriya-Stand (Nom./Nom./Lok.)
bāhuvīryād iti śrutiḥ
aus der Kraft des Armes, so die Überlieferung (Abl./Part./Nom.)
kṣatriyo vṛttisaṃrodhe kasya nādātum arhati; anyatra tāpasasvāc ca brāhmaṇasvāc ca bhārata
Ein Kṣatriya, wenn sein Lebensunterhalt gehemmt ist – wessen Besitz dürfte er nicht nehmen? Ausgenommen das Gut des Asketen und das Gut des Brahmanen, Bhārata.
Wort für Wort
kṣatriyo vṛttisaṃrodhe
der Kṣatriya bei Behinderung des Lebensunterhalts (Nom./Lok.)
kasya nādātum arhati
wessen [Besitz] darf er nicht nehmen (Gen./Inf./3.Sg.Präs.)
yathā vai brāhmaṇaḥ sīdann ayājyam api yājayet; abhojyānnāni cāśnīyāt tathedaṃ nātra saṃśayaḥ
Wie ein Brahmane in Not auch für Nichtopferbare opfern und nicht essbare Speisen essen dürfte, so verhält es sich hierbei; darüber besteht kein Zweifel.
Wort für Wort
yathā vai brāhmaṇaḥ sīdann
wie ja ein Brahmane, der in Not gerät (Nom./Part.Präs.)
ayājyam api yājayet
auch einen Nichtopferbaren [für ihn] opfern lassen soll (Akk./Opt.Kaus.)
abhojyānnāni cāśnīyāt
und nicht essbare Speisen essen soll (Akk.Pl./Opt.)
tasya kośabalajyānyā sarvalokaparābhavaḥ; bhaikṣacaryā na vihitā na ca viṭśūdrajīvikā
Für ihn [ergibt sich] durch Verlust von Schatzkammer und Heer der Untergang der ganzen Welt [?]; Bettelwandel ist [ihm] nicht vorgeschrieben, auch nicht der Lebensunterhalt der Vaiśyas und Śūdras.
Wort für Wort
tasya kośabalajyānyā
für ihn durch Verlust von Schatz und Heer (Gen./Instr.Sg.)
sarvalokaparābhavaḥ
Untergang der ganzen Welt (Nom.Sg.m.)
bhaikṣacaryā na vihitā
Bettelwandel ist nicht vorgeschrieben (Nom.f./Part.Pass.)
na ca viṭśūdrajīvikā
und nicht der Lebenserwerb der Vaiśyas und Śūdras (Nom.f.)
kośabalajyānyā vermutlich verderbt; Sinn erschlossen.
Der an den eigenen Dharma angrenzende Lebensunterhalt [gilt] für den, der von diesen und jenen [Mitteln] nicht lebt: Wer die erste Vorschrift trägt, [darf] nach der Ersatzvorschrift leben.
Wort für Wort
svadharmānantarā vṛttir
dem eigenen Dharma unmittelbar folgender Lebensunterhalt (Nom.f.)
yānyān anupajīvataḥ
für den, der von diesen und jenen nicht lebt (Gen.Sg.Part.Präs.)
vahataḥ prathamaṃ kalpam
für den, der die erste Vorschrift trägt (Gen.Part./Akk.)
anukalpena jīvanam
Leben nach der Ersatzvorschrift (Instr./Nom.n.)
Zweite Vershälfte elliptisch; Ergänzung ‚[darf]‘ ist Deutung. [?]
āpadgatena dharmāṇām anyāyenopajīvanam; api hy etad brāhmaṇeṣu dṛṣṭaṃ vṛttiparikṣaye
Für den in Not Geratenen [ist] unrechtmäßiger Lebensunterhalt aus [den Bereichen] der Dharmas [zulässig]; auch dies ist bei Brahmanen gesehen worden, wenn ihr Lebensunterhalt zerrüttet ist.
Wort für Wort
āpadgatena dharmāṇām
für den in Not Geratenen, der Dharmas (Instr./Gen.Pl.)
anyāyenopajīvanam
unrechtmäßiges Sichernähren (Instr./Nom.n.)
api hy etad brāhmaṇeṣu
auch dies nämlich bei Brahmanen (Part./Nom./Lok.Pl.)
dṛṣṭaṃ vṛttiparikṣaye
ist gesehen worden, bei Zerfall des Lebensunterhalts (Part.Pass./Lok.)
Konstruktion von āpadgatena ... dharmāṇām unsicher. [?]
„Welcher Zweifel könnte beim Kṣatriya bestehen?“ – das ist stets entschieden: Er soll von den Vornehmen [bzw. Wohlhabenden] nehmen; auf keine Weise darf er zugrunde gehen.
Wort für Wort
kṣatriye saṃśayaḥ kaḥ syād
beim Kṣatriya, welcher Zweifel könnte sein (Lok./Nom./Pot.)
ity etan niścitaṃ sadā
so – dies ist entschieden, stets (Part. Pass. n./Adv.)
ādadīta viśiṣṭebhyaḥ
er soll nehmen von den Vornehmen (Opt. Med./Abl. Pl.)
nāvasīdet kathaṃ cana
er soll nicht zugrunde gehen, auf keine Weise (Opt.)
viśiṣṭebhyaḥ: ‚von den Ausgezeichneten/Vornehmen/Wohlhabenden‘ – Bezug nicht ganz eindeutig.
Außer durch Gewalt gibt es hier für niemanden einen Lebensunterhalt, König – selbst für einen im Wald aufgewachsenen, allein umherziehenden Weisen [nicht].
Wort für Wort
anyatra rājan hiṃsāyā
außer durch Gewalt, König (Adv./Vok./Abl. bzw. Gen.)
vṛttir nehāsti kasya cit
Lebensunterhalt gibt es hier für niemanden (Nom./3.Sg.Präs./Gen.)
apy araṇyasamutthasya
sogar für einen im Wald Aufgewachsenen (Gen. Sg.)
ekasya carato muneḥ
für einen allein umherziehenden Weisen (Gen. Sg., Part. Präs.)
Die Konstruktion von apy … muneḥ bleibt elliptisch; sinngemäß ergänzt.
na śaṅkhalikhitāṃ vṛttiṃ śakyam āsthāya jīvitum; viśeṣataḥ kuruśreṣṭha prajāpālanam īpsatā
Man kann nicht, indem man sich auf die von Śaṅkha und Likhita beschriebene Lebensweise stützt, leben – besonders nicht, Bester der Kuru, wer den Schutz der Untertanen erstrebt.
Wort für Wort
na śaṅkhalikhitāṃ vṛttiṃ
nicht die von Śaṅkha und Likhita [gelehrte] Lebensweise (Akk. Sg.)
śakyam āsthāya jīvitum
ist es möglich, sich stützend darauf, zu leben (Gerundiv/Abs./Inf.)
viśeṣataḥ kuruśreṣṭha
besonders, Bester der Kuru (Adv./Vok.)
prajāpālanam īpsatā
für den, der Untertanenschutz erstrebt (Akk./Part. Desid. Instr.)
kośaṃ daṇḍaṃ balaṃ mitraṃ yad anyad api saṃcitam; na kurvītāntaraṃ rāṣṭre rājā parigate kṣudhā
Schatz, Heer, Streitmacht, Freund und was sonst noch angesammelt ist – davon soll der König, wenn er vom Hunger ergriffen ist, dem Reich gegenüber keinen Unterschied machen [d. h. es nicht schonen] [?].
„Das Saatgut ist durch Nahrung zu beschaffen“, so sagen die Kenner des Dharma. Hierzu nennt man dies als die Lehre des Śambara, des großen Zauberkundigen.
Wort für Wort
bījaṃ bhaktena saṃpādyam
Saatgut ist durch Nahrung zu beschaffen (Nom./Instr./Gerundiv)
iti dharmavido viduḥ
so kennen die Dharma-Kenner [es] (Nom. Pl./3.Pl.Perf.)
atraitac chambarasyāhur
hierbei sagen sie dies von Śambara (Gen.)
mahāmāyasya darśanam
des sehr Zauberkundigen Lehre/Ansicht (Gen./Nom. n.)
bhaktena: ‚mit Speise/Reis‘; Sinn der Sentenz nicht ganz klar.
dhik tasya jīvitaṃ rājño rāṣṭre yasyāvasīdati; avṛttyāntyamanuṣyo 'pi yo vai veda śiber vacaḥ
Verflucht sei das Leben jenes Königs, in dessen Reich [jemand] zugrunde geht – auch [dann,] wenn ein Mensch niedrigster Stellung ohne Lebensunterhalt [ist] – der wahrlich das Wort des Śibi kennt [?].
Wort für Wort
dhik tasya jīvitaṃ rājño
Schande über das Leben jenes Königs (Interj./Gen.)
rāṣṭre yasyāvasīdati
in dessen Reich [jemand] zugrunde geht (Lok./Gen./3.Sg.Präs.)
avṛttyāntyamanuṣyo 'pi
auch ein Mensch niedrigster Stellung ohne Lebensunterhalt (Kompositum Nom.)
yo vai veda śiber vacaḥ
der wahrlich das Wort des Śibi kennt (Rel./Perf./Gen./Akk.)
Zweiter Halbvers syntaktisch schwierig; avṛttyāntyamanuṣyaḥ vermutlich ‚ein Mensch von niedrigstem Stand, ohne Lebensunterhalt‘.
Wurzel des Königs sind Schatz und Heer; die Wurzel des Heeres wiederum ist der Schatz; dies ist die Wurzel aller Pflichten, die Wurzel des Dharma aber sind die Untertanen.
Wort für Wort
rājñaḥ kośabalaṃ mūlaṃ
des Königs Schatz und Heer ist die Wurzel (Gen./Nom. n.)
kośamūlaṃ punar balam
Wurzel im Schatz habend wiederum das Heer (Kompositum Nom.)
tan mūlaṃ sarvadharmāṇāṃ
dies ist die Wurzel aller Dharmas (Nom./Gen. Pl.)
dharmamūlāḥ punaḥ prajāḥ
die Wurzel im Dharma habend aber die Untertanen (Nom. Pl.)
nānyān apīḍayitveha kośaḥ śakyaḥ kuto balam; tadarthaṃ pīḍayitvā ca doṣaṃ na prāptum arhati
Ohne andere hier zu bedrängen, ist ein Schatz nicht möglich; woher dann ein Heer? Und wer [sie] dafür bedrängt hat, verdient es nicht, Schuld auf sich zu laden.
Wort für Wort
nānyān apīḍayitveha
nicht ohne andere hier bedrängt zu haben (Abs./Akk. Pl.)
kośaḥ śakyaḥ kuto balam
ein Schatz ist möglich, woher das Heer (Nom./Adj./Adv.)
tadarthaṃ pīḍayitvā ca
und wer dafür bedrängt hat (Adv./Abs.)
doṣaṃ na prāptum arhati
Schuld nicht zu erlangen verdient er (Akk./Inf./3.Sg.Präs.)
arthārtham anyad bhavati viparītam athāparam; anarthārtham athāpy anyat tat sarvaṃ hy arthalakṣaṇam; evaṃ buddhyā saṃprapaśyen medhāvī kāryaniścayam
Das eine dient dem Nutzen [bzw. Vermögen], ein anderes ist das Gegenteil, wieder ein anderes dient dem Nicht-Nutzen; all das aber hat das Merkmal des ‚artha‘ [?]. So soll der Verständige mit Einsicht die Entscheidung über das zu Tuende erkennen.
Wort für Wort
arthārtham anyad bhavati
das eine ist um des Nutzens/Vermögens willen (Nom. n./3.Sg.Präs.)
viparītam athāparam
ein Gegenteil, dann ein weiteres (Nom. n.)
anarthārtham athāpy anyat
und ein anderes um des Nicht-Nutzens willen (Nom. n.)
tat sarvaṃ hy arthalakṣaṇam
all dies ja hat das Kennzeichen des artha (Nom. n.)
evaṃ buddhyā saṃprapaśyen
so soll er mit Einsicht erkennen (Instr./Opt.)
medhāvī kāryaniścayam
der Kluge die Entscheidung über das zu Tuende (Nom./Akk.)
arthārtham/anarthārtham/arthalakṣaṇam sind mehrdeutig (artha = Nutzen, Zweck, Vermögen); Wiedergabe unsicher.
Das eine dient dem Opfer; beim Opfer [gilt] ein anderes nicht als Zweck; wieder ein anderes dient dem Zweck des Opfers [d. h. seiner Mittel] – all das ist Mittel zur Vollbringung des Opfers.
Wort für Wort
yajñārtham anyad bhavati
das eine ist für das Opfer (Nom. n./3.Sg.Präs.)
yajñe nārthas tathāparaḥ
beim Opfer ist ein anderes nicht Zweck (Lok./Nom. m.) [?]
yajñasyārthārtham evānyat
und ein anderes dient dem Zweck des Opfers (Gen./Nom. n.)
upamām atra vakṣyāmi dharmatattvaprakāśinīm; yūpaṃ chindanti yajñārthaṃ tatra ye paripanthinaḥ
Ein Gleichnis will ich hierzu sagen, das die Wahrheit des Dharma erhellt: Wenn man für das Opfer den Opferpfosten fällt, [dann fällt man] dabei auch die, die im Weg stehen –
Wort für Wort
upamām atra vakṣyāmi
ein Gleichnis hierzu will ich sagen (Akk./Fut.)
dharmatattvaprakāśinīm
die Wahrheit des Dharma erhellend (Akk. f.)
yūpaṃ chindanti yajñārthaṃ
den Opferpfosten fällt man, für das Opfer (Akk./3.Pl.Präs./Adv.)
sarvopāyair ādadīta dhanaṃ yajñaprayojanam; na tulyadoṣaḥ syād evaṃ kāryākāryeṣu bhārata
Mit allen Mitteln soll man Reichtum nehmen, [der] dem Zweck des Opfers [dient]; so entsteht nicht gleiche Schuld bei dem, was zu tun ist und was nicht, Bhārata.
Wort für Wort
sarvopāyair ādadīta
mit allen Mitteln soll man nehmen (Instr. Pl./Opt. Med.)
dhanaṃ yajñaprayojanam
Reichtum, dessen Zweck das Opfer ist (Akk./Kompositum)
na tulyadoṣaḥ syād evaṃ
nicht von gleicher Schuld wäre es so (Nom./Opt./Adv.)
kāryākāryeṣu bhārata
bei Zu-Tuendem und Nicht-Zu-Tuendem, Bhārata (Lok. Pl./Vok.)
na ca rājyasamo dharmaḥ kaś cid asti paraṃtapa; dharmaṃ śaṃsanti te rājñām āpadartham ito 'nyathā
Und kein Dharma kommt dem Königtum gleich, Bedränger der Feinde; sie rühmen den Dharma der Könige als [einen] für den Notfall – anders als dieser [gewöhnliche Dharma] [?].
Wort für Wort
na ca rājyasamo dharmaḥ
und kein dem Königtum gleicher Dharma (Nom.)
kaś cid asti paraṃtapa
irgendeiner ist, Bedränger der Feinde (Nom./3.Sg.Präs./Vok.)
dharmaṃ śaṃsanti te rājñām
den Dharma rühmen sie der Könige (Akk./3.Pl.Präs./Gen. Pl.)
āpadartham ito 'nyathā
für den Notfall, anders als von hier (Adv./Adv.)
Zweiter Halbvers unklar; ito 'nyathā = ‚anders als von hier/dieser Seite‘.
Den Mittellosen nennen sie schwach; durch Reichtum wird man stark. Alles ist für den Besitzenden erreichbar; alles überwindet der, der einen Schatz hat. Aus dem Schatz [kommen] Dharma und Kāma, die jenseitige Welt wie auch diese.
Wort für Wort
adhanaṃ durbalaṃ prāhur
den Mittellosen [nennen] sie schwach (Akk./Akk./3.Pl.Perf.)
dhanena balavān bhavet
durch Reichtum soll man stark werden (Instr./Nom./Opt.)
sarvaṃ dhanavataḥ prāpyaṃ
alles ist für den Reichen erreichbar (Nom. n./Gen./Gerundiv)
sarvaṃ tarati kośavān
alles überwindet der Schatzbesitzer (Akk./3.Sg.Präs./Nom.)
kośād dharmaś ca kāmaś ca
aus dem Schatz Dharma und Kāma (Abl./Nom./Nom.)
paro lokas tathāpy ayam
die jenseitige Welt und ebenso diese (Nom./Nom./Adv./Nom.)
Und diesen [Reichtum] soll man mit Dharma erstreben, niemals mit Adharma.
Wort für Wort
taṃ ca dharmeṇa lipseta
und ihn soll man mit Dharma zu erlangen suchen (Akk./Instr./Opt. Desid.)
nādharmeṇa kadā cana
nicht mit Adharma, niemals (Instr./Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften).
Nachdem man sich vor Nārāyaṇa verneigt hat, und vor Nara, dem Besten der Männer, und ebenso vor der Göttin Sarasvatī, dann soll man „Jaya“ ausrufen.
Wort für Wort
nārāyaṇaṃ namaskṛtya
Nārāyaṇa verneigt habend (Akk./Abs.)
naraṃ caiva narottamam
und Nara, den Besten der Männer (Akk./Akk.)
devīṃ sarasvatīṃ caiva
und die Göttin Sarasvatī (Akk. f.)
tato jayam udīrayet
dann soll man Jaya ausrufen (Adv./Akk./Opt.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; bekannte Eingangsformel (Jaya-Anrufung), hier eingeschoben.