Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 128: āpaddharmaḥ kośasaṃgrahaś ca Der Notstandsdharma des Königs: Schatzkammer, Heer und rechtmäßiger Erwerb in der Bedrängnis

Yudhiṣṭhira fragt nach dem Weg eines geschwächten, bedrängten Königs; Bhīṣma legt darauf den Dharma der Notlage dar, der dem Kṣatriya erlaubt, für Schatzkammer und Heer Mittel zu beschaffen.

yudhiṣṭhira uvāca; mitraiḥ prahīyamāṇasya bahvamitrasya kā gatiḥ; rājñaḥ saṃkṣīṇakośasya balahīnasya bhārata

Yudhiṣṭhira sprach: „Was ist der Weg für einen König, der von Freunden verlassen wird und viele Feinde hat, dessen Schatzkammer erschöpft und der ohne Heeresmacht ist, Bhārata,

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
mitraiḥ prahīyamāṇasya bahvamitrasya
dem von Freunden Verlassenen, dem mit vielen Feinden (Gen.Sg.)
kā gatiḥ
welcher Weg [ist] (Nom.Sg.f.)
rājñaḥ saṃkṣīṇakośasya
des Königs mit erschöpfter Schatzkammer (Gen.Sg./Bahuvrīhi)
balahīnasya bhārata
der ohne Heer ist, Bhārata (Gen.Sg./Vok.)

duṣṭāmātyasahāyasya srutamantrasya sarvataḥ; rājyāt pracyavamānasya gatim anyām apaśyataḥ

der verdorbene Minister und Helfer hat, dessen Beratungen überallhin bekannt geworden sind, der aus der Herrschaft stürzt und keinen anderen Ausweg sieht,

Wort für Wort
duṣṭāmātyasahāyasya
dessen Minister und Helfer verdorben sind (Gen.Sg./Bahuvrīhi)
srutamantrasya sarvataḥ
dessen Geheimrat überall gehört [verraten] wurde (Gen.Sg./Adv.)
rājyāt pracyavamānasya
der aus der Herrschaft fällt (Abl./Gen.Sg.Part.Präs.Med.)
gatim anyām apaśyataḥ
der keinen anderen Ausweg sieht (Akk.Sg./Gen.Sg.Part.Präs.)

srutamantra: wohl für śruta-mantra (metrisch/Schreibung).

paracakrābhiyātasya durbalasya balīyasā

der vom Heer eines Feindes überfallen wird, schwach gegenüber einem Stärkeren,

Wort für Wort
paracakrābhiyātasya
von fremdem Heer/Feindesmacht angegriffen (Gen.Sg.)
durbalasya balīyasā
dem Schwachen durch [gegenüber] einen Stärkeren (Gen./Instr.Sg.)

**** **** pararāṣṭrāṇi mṛdnataḥ; vigrahe vartamānasya

[Lücke im Text] fremde Reiche zermalmend, der sich im Streit befindet,

Wort für Wort
**** ****
[Lücke im Text]
pararāṣṭrāṇi
fremde Reiche (Akk.Pl.n.)
mṛdnataḥ
zermalmend (Gen.Sg.Part.Präs.)
vigrahe vartamānasya
der im Streit/Krieg steht (Lok./Gen.Sg.Part.Präs.Med.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, unvollständig überliefert; Bezug der Genitive unklar, wohl weiterhin auf den bedrängten König.

asaṃvihitarāṣṭrasya deśakālāvajānataḥ

dessen Reich nicht gut gesichert ist, der Ort und Zeit missachtet:

Wort für Wort
asaṃvihitarāṣṭrasya
dessen Reich nicht geordnet/gesichert ist (Gen.Sg./Bahuvrīhi)
deśakālāvajānataḥ
der Ort und Zeit missachtet (Gen.Sg.Part.Präs.)

aprāpyaṃ ca bhavet sāntvaṃ bhedo vāpy atipīḍanāt; jīvitaṃ cārthahetor vā tatra kiṃ sukṛtaṃ bhavet

Aussöhnung wäre unerreichbar, oder Spaltung [entstünde] durch allzu große Bedrängnis; oder [es geht um] das Leben um des Besitzes willen. Was wäre dabei das Rechte?“

Wort für Wort
aprāpyaṃ ca bhavet sāntvam
und unerreichbar wäre Versöhnung (Nom.Sg.n./Opt.)
bhedo vāpy atipīḍanāt
oder Spaltung durch übermäßige Bedrängnis (Nom./Abl.Sg.)
jīvitaṃ cārthahetor vā
oder das Leben um des Besitzes willen (Nom.Sg.n./Abl. als Postp.)
tatra kiṃ sukṛtaṃ bhavet
was wäre da das Rechtgetane/Gute (Nom.Sg.n./Opt.)

Der Satz ist knapp; die Konstruktion von jīvitam artha-hetoḥ ist elliptisch.

bhīṣma uvāca; guhyaṃ mā dharmam aprākṣīr atīva bharatarṣabha; apṛṣṭo notsahe vaktuṃ dharmam enaṃ yudhiṣṭhira

Bhīṣma sprach: „Über einen verborgenen Dharma hast du mich, Stier der Bharata, überaus befragt. Ungefragt vermag ich diesen Dharma nicht darzulegen, Yudhiṣṭhira.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
guhyaṃ mā dharmam aprākṣīḥ
einen verborgenen Dharma hast du mich gefragt (Akk./Aor.2.Sg.)
atīva bharatarṣabha
überaus, Stier der Bharata (Adv./Vok.)
apṛṣṭo notsahe vaktum
ungefragt vermag ich nicht zu sprechen (Nom.Part./1.Sg.Präs./Inf.)
dharmam enaṃ yudhiṣṭhira
diesen Dharma, Yudhiṣṭhira (Akk./Vok.)

dharmo hy aṇīyān vacanād buddheś ca bharatarṣabha; śrutvopāsya sadācāraiḥ sādhur bhavati sa kva cit

Denn der Dharma ist feiner als Wort und Verstand, Stier der Bharata; hat man ihn gehört und im Umgang mit Rechtschaffenen gepflegt, wird man mitunter ein Guter.

Wort für Wort
dharmo hy aṇīyān
denn der Dharma ist feiner (Nom.Sg.m./Komp.)
vacanād buddheś ca
als Wort und als Verstand (Abl.Sg.)
bharatarṣabha
Stier der Bharata (Vok.)
śrutvopāsya sadācāraiḥ
gehört und verehrt/gepflegt habend, mit den Rechtschaffenen (Abs./Instr.Pl.)
sādhur bhavati sa kva cit
der wird bisweilen ein Guter (Nom./3.Sg.Präs.)

Der Vers ist knapp und dunkel; die Zuordnung von sadācāraiḥ zu upāsya ist Deutung. [?]

karmaṇā buddhipūrveṇa bhavaty āḍhyo na vā punaḥ; tādṛśo 'yam anupraśnaḥ sa vyavasyas tvayā dhiyā

Durch überlegtes Handeln wird man reich, oder auch nicht wieder; von dieser Art ist diese weitere Frage: sie ist von dir mit dem Verstand zu entscheiden.

Wort für Wort
karmaṇā buddhipūrveṇa
durch Handeln, dem Überlegung vorausgeht (Instr.Sg.)
bhavaty āḍhyo na vā punaḥ
wird reich oder wieder nicht (3.Sg.Präs./Nom.)
tādṛśo 'yam anupraśnaḥ
von solcher Art ist diese Nachfrage (Nom.Sg.m.)
sa vyavasyas tvayā dhiyā
sie ist zu entscheiden von dir mit dem Verstand (Gerundiv/Instr.Sg.)

Sinn der ersten Vershälfte unsicher. [?]

upāyaṃ dharmabahulaṃ yātrārthaṃ śṛṇu bhārata; nāham etādṛśaṃ dharmaṃ bubhūṣe dharmakāraṇāt; duḥkhādāna ihāḍhyeṣu syāt tu paścāt kṣamo mataḥ

Höre, Bhārata, ein an Dharma reiches Mittel für den Lebensunterhalt. Ich strebe nicht nach einem solchen Dharma um des Dharma willen [?]; das Nehmen von den Reichen wäre hier schmerzlich, danach aber gilt es als erträglich.

Wort für Wort
upāyaṃ dharmabahulaṃ
ein Mittel, reich an Dharma (Akk.Sg.)
yātrārthaṃ śṛṇu bhārata
für den Lebensunterhalt höre, Bhārata (Akk./Imp./Vok.)
nāham etādṛśaṃ dharmaṃ
nicht ich [wünsche] einen solchen Dharma (Nom./Akk.)
bubhūṣe dharmakāraṇāt
strebe zu sein (?) um des Dharma willen (1.Sg.Des.Med./Abl.)
duḥkhādāna ihāḍhyeṣu
Nehmen [ist] leidvoll hier bei den Reichen (Nom./Lok.Pl.)
syāt tu paścāt kṣamo mataḥ
wäre; danach aber gilt es als erträglich (Opt./Adv./Nom.Part.)

Zweite und dritte Vershälfte sehr dunkel (bubhūṣe); Wiedergabe unsicher.

anugamya gatīnāṃ ca sarvāsām eva niścayam; yathā yathā hi puruṣo nityaṃ śāstram avekṣate; tathā tathā vijānāti vijñānaṃ cāsya rocate

Hat man den Entscheid über alle Wege durchgegangen [?]: Je mehr ein Mensch stets die Lehrschrift betrachtet, desto mehr erkennt er, und desto mehr gefällt ihm die Erkenntnis.

Wort für Wort
anugamya gatīnāṃ ca
nachdem man durchgegangen ist, und der Wege (Abs./Gen.Pl.)
sarvāsām eva niścayam
den Entscheid aller (Gen.Pl.f./Akk.Sg.)
yathā yathā hi puruṣo
je mehr nämlich der Mensch (Adv./Nom.Sg.)
nityaṃ śāstram avekṣate
stets die Lehrschrift betrachtet (Adv./Akk./3.Sg.Präs.Med.)
tathā tathā vijānāti
desto mehr erkennt er (3.Sg.Präs.)
vijñānaṃ cāsya rocate
und Erkenntnis gefällt ihm (Nom./Gen./3.Sg.Präs.)

avijñānād ayogaś ca puruṣasyopajāyate; avijñānād ayogo hi yogo bhūtikaraḥ punaḥ

Aus Nichterkenntnis entsteht beim Menschen das Nicht-Verbundensein [Misslingen]; denn aus Nichterkenntnis [kommt] das Nicht-Verbundensein, das Verbundensein hingegen bringt Gedeihen.

Wort für Wort
avijñānād ayogaś ca
aus Nichterkenntnis und Nicht-Yoga [Misslingen] (Abl./Nom.)
puruṣasyopajāyate
beim Menschen entsteht (Gen./3.Sg.Präs.Med.)
avijñānād ayogo hi
denn aus Nichterkenntnis Nicht-Yoga (Abl./Nom.)
yogo bhūtikaraḥ punaḥ
Yoga aber Gedeihen bewirkend (Nom.Sg.m./Adv.)

ayoga/yoga hier als Nicht-Gelingen / Gelingen (Anschluss, Methode) gedeutet. [?]

aśaṅkamāno vacanam anasūyur idaṃ śṛṇu; rājñaḥ kośakṣayād eva jāyate balasaṃkṣayaḥ

Höre dies ohne Argwohn und ohne Missgunst: Aus dem Schwund der Schatzkammer des Königs entsteht der Schwund der Heeresmacht.

Wort für Wort
aśaṅkamāno
nicht argwöhnend (Nom.Sg.Part.Präs.Med.)
vacanam anasūyur idaṃ śṛṇu
das Wort ohne Missgunst dies höre (Akk./Nom./Imp.)
rājñaḥ kośakṣayād eva
allein vom Schwund der Schatzkammer des Königs (Gen./Abl.)
jāyate balasaṃkṣayaḥ
entsteht Schwund des Heeres (3.Sg.Präs.Med./Nom.)

kośaṃ saṃjanayed rājā nirjalebhyo yathā jalam; kālaṃ prāpyānugṛhṇīyād eṣa dharmo 'tra sāṃpratam

Der König soll die Schatzkammer hervorbringen, wie Wasser aus wasserlosen [Orten]; ist die Zeit gekommen, soll er [den Untertanen] Gunst erweisen. Dies ist hier jetzt der Dharma.

Wort für Wort
kośaṃ saṃjanayed rājā
die Schatzkammer soll der König erzeugen (Akk./Opt.Kaus./Nom.)
nirjalebhyo yathā jalam
wie Wasser aus Wasserlosem (Abl.Pl./Adv./Nom.)
kālaṃ prāpyānugṛhṇīyāt
die Zeit erreicht habend soll er Gunst erweisen (Abs./Opt.)
eṣa dharmo 'tra sāṃpratam
dies ist hier der Dharma, jetzt (Nom./Adv.)

anugṛhṇīyāt ohne Objekt; Ergänzung [den Untertanen] beruht auf Deutung. [?]

upāyadharmaṃ prāpyainaṃ pūrvair ācaritaṃ janaiḥ; anyo dharmaḥ samarthānām āpatsv anyaś ca bhārata

Hast du diesen Dharma des Mittels [Upāya-Dharma] erreicht, der von früheren Menschen geübt wurde: Ein anderer Dharma gilt für die Mächtigen, ein anderer in Notlagen, Bhārata.

Wort für Wort
upāyadharmaṃ prāpyainaṃ
den Dharma des Mittels erlangt habend, diesen (Akk./Abs.)
pūrvair ācaritaṃ janaiḥ
von früheren Leuten geübt (Instr.Pl./Part.Pass.)
anyo dharmaḥ samarthānām
ein anderer Dharma für die Mächtigen (Nom./Gen.Pl.)
āpatsv anyaś ca bhārata
und ein anderer in Notlagen, Bhārata (Lok.Pl./Vok.)

prākkośaḥ procyate dharmo buddhir dharmād garīyasī; dharmaṃ prāpya nyāyavṛttim abalīyān na vindati

Zuerst wird die Schatzkammer als Dharma bezeichnet [?]; der Verstand ist gewichtiger als der Dharma. Hat ein Schwächerer den Dharma erlangt, so findet er keinen rechtmäßigen Lebensunterhalt.

Wort für Wort
prākkośaḥ procyate dharmo
zuerst/vorrangig die Schatzkammer wird als Dharma bezeichnet (Nom./3.Sg.Pass.)
buddhir dharmād garīyasī
der Verstand ist gewichtiger als der Dharma (Nom.f./Abl./Komp.)
dharmaṃ prāpya nyāyavṛttim
den Dharma erlangt habend, rechtmäßigen Lebenswandel (Abs./Akk.)
abalīyān na vindati
der Schwächere findet nicht (Nom.Sg.m./3.Sg.Präs.)

prākkośaḥ unsicher (evtl. prāk kośaḥ, ‚zuerst [gilt] die Schatzkammer‘).

yasmād dhanasyopapattir ekāntena na vidyate; tasmād āpady adharmo 'pi śrūyate dharmalakṣaṇaḥ

Weil ein Erwerb von Vermögen durchaus nicht [sicher] besteht, hört man deshalb, dass in der Not selbst Adharma das Kennzeichen des Dharma sei.

Wort für Wort
yasmād dhanasyopapattir
weil Erwerb des Vermögens (Abl./Gen./Nom.)
ekāntena na vidyate
ausschließlich/gewiss nicht besteht (Instr./3.Sg.Pass.)
tasmād āpady adharmo 'pi
deshalb in der Not auch Adharma (Abl./Lok./Nom.)
śrūyate dharmalakṣaṇaḥ
wird gehört, das Kennzeichen des Dharma [zu sein] (3.Sg.Pass./Nom.)

adharmo jāyate yasminn iti vai kavayo viduḥ; anantaraḥ kṣatriyasya iti vai vicikitsase

„In wem Adharma entsteht“ – so wissen es die Weisen; „unmittelbar folgt er beim Kṣatriya“ – darüber zweifelst du.

Wort für Wort
adharmo jāyate yasminn
Adharma entsteht, worin (Nom./3.Sg.Präs.Med./Lok.)
iti vai kavayo viduḥ
so wissen wahrlich die Weisen (Part./Nom.Pl./3.Pl.Perf.)
anantaraḥ kṣatriyasya
unmittelbar folgend beim Kṣatriya (Nom.Sg.m./Gen.)
iti vai vicikitsase
so zweifelst du (2.Sg.Präs.Des.Med.)

Sinn des Verses dunkel; Anführungszeichen und Bezüge gedeutet. [?]

yathāsya dharmo na glāyen neyāc chatruvaśaṃ yathā; tat kartavyam ihety āhur nātmānam avasādayet

Wie sein Dharma nicht verkümmere und er nicht in die Gewalt der Feinde gerate, das sei hier zu tun, sagt man; man soll sich selbst nicht niedergeschlagen sein lassen.

Wort für Wort
yathāsya dharmo na glāyen
wie sein Dharma nicht erschlafft (Opt.)
neyāc chatruvaśaṃ yathā
und wie er nicht in die Gewalt der Feinde gerät (Opt./Akk.)
tat kartavyam ihety āhur
das ist hier zu tun, sagen sie (Gerundiv/3.Pl.Perf.)
nātmānam avasādayet
nicht sich selbst soll man niederdrücken (Akk./Opt.Kaus.)

sannātmā naiva dharmasya na parasya na cātmanaḥ; sarvopāyair ujjihīrṣed ātmānam iti niścayaḥ

Ein entmutigter Mensch [taugt] weder für den Dharma noch für einen anderen noch für sich selbst; mit allen Mitteln soll er sich emporziehen wollen. Das ist die feste Entscheidung.

Wort für Wort
sannātmā naiva dharmasya
wer entmutigt ist, [taugt] nicht für den Dharma (Nom./Gen.)
na parasya na cātmanaḥ
nicht für einen anderen, nicht für sich (Gen.Sg.)
sarvopāyair ujjihīrṣed
mit allen Mitteln soll er herausziehen wollen (Instr.Pl./Opt.Des.)
ātmānam iti niścayaḥ
sich selbst; so lautet der Entscheid (Akk./Part./Nom.)

sannātmā (‚dessen Selbst entmutigt ist‘) syntaktisch elliptisch. [?]

tatra dharmavidāṃ tāta niścayo dharmanaipuṇe; udyamo jīvanaṃ kṣatre bāhuvīryād iti śrutiḥ

Hierbei, Lieber, besteht der Entscheid der Dharmakundigen in der Meisterschaft im Dharma: Unternehmungsgeist ist beim Kṣatriya der Lebensunterhalt, [gewonnen] durch die Kraft des Armes – so die Überlieferung.

Wort für Wort
tatra dharmavidāṃ tāta
dabei, der Dharmakundigen, Lieber (Adv./Gen.Pl./Vok.)
niścayo dharmanaipuṇe
der Entscheid in der Dharma-Geschicklichkeit (Nom./Lok.)
udyamo jīvanaṃ kṣatre
Anstrengung [ist] Lebensunterhalt beim Kṣatriya-Stand (Nom./Nom./Lok.)
bāhuvīryād iti śrutiḥ
aus der Kraft des Armes, so die Überlieferung (Abl./Part./Nom.)

kṣatriyo vṛttisaṃrodhe kasya nādātum arhati; anyatra tāpasasvāc ca brāhmaṇasvāc ca bhārata

Ein Kṣatriya, wenn sein Lebensunterhalt gehemmt ist – wessen Besitz dürfte er nicht nehmen? Ausgenommen das Gut des Asketen und das Gut des Brahmanen, Bhārata.

Wort für Wort
kṣatriyo vṛttisaṃrodhe
der Kṣatriya bei Behinderung des Lebensunterhalts (Nom./Lok.)
kasya nādātum arhati
wessen [Besitz] darf er nicht nehmen (Gen./Inf./3.Sg.Präs.)
anyatra tāpasasvāc ca
außer dem Gut des Asketen (Adv./Abl.)
brāhmaṇasvāc ca bhārata
und dem Gut des Brahmanen, Bhārata (Abl./Vok.)

yathā vai brāhmaṇaḥ sīdann ayājyam api yājayet; abhojyānnāni cāśnīyāt tathedaṃ nātra saṃśayaḥ

Wie ein Brahmane in Not auch für Nichtopferbare opfern und nicht essbare Speisen essen dürfte, so verhält es sich hierbei; darüber besteht kein Zweifel.

Wort für Wort
yathā vai brāhmaṇaḥ sīdann
wie ja ein Brahmane, der in Not gerät (Nom./Part.Präs.)
ayājyam api yājayet
auch einen Nichtopferbaren [für ihn] opfern lassen soll (Akk./Opt.Kaus.)
abhojyānnāni cāśnīyāt
und nicht essbare Speisen essen soll (Akk.Pl./Opt.)
tathedaṃ nātra saṃśayaḥ
so ist dies, hier kein Zweifel (Adv./Nom.)

pīḍitasya kim advāram utpatho nidhṛtasya vā; advārataḥ pradravati yadā bhavati pīḍitaḥ

Für den Bedrängten: Was ist da ohne Ausgang, oder ein Nicht-Weg für den Eingeschlossenen? Ohne Tür flieht er, wenn er bedrängt ist.

Wort für Wort
pīḍitasya kim advāram
für den Bedrängten, was [ist] ohne Tür (Gen./Nom.n.)
utpatho nidhṛtasya vā
oder abseits des Weges für den Festgehaltenen (Nom./Gen.)
advārataḥ pradravati
ohne Tür/Ausgang flieht er hinaus (Adv./3.Sg.Präs.)
yadā bhavati pīḍitaḥ
wenn er bedrängt ist (Adv./3.Sg.Präs./Nom.Part.)

Bild: Wer bedrängt ist, bricht auch durch Nicht-Türen und Nicht-Wege aus. Deutung. [?]

tasya kośabalajyānyā sarvalokaparābhavaḥ; bhaikṣacaryā na vihitā na ca viṭśūdrajīvikā

Für ihn [ergibt sich] durch Verlust von Schatzkammer und Heer der Untergang der ganzen Welt [?]; Bettelwandel ist [ihm] nicht vorgeschrieben, auch nicht der Lebensunterhalt der Vaiśyas und Śūdras.

Wort für Wort
tasya kośabalajyānyā
für ihn durch Verlust von Schatz und Heer (Gen./Instr.Sg.)
sarvalokaparābhavaḥ
Untergang der ganzen Welt (Nom.Sg.m.)
bhaikṣacaryā na vihitā
Bettelwandel ist nicht vorgeschrieben (Nom.f./Part.Pass.)
na ca viṭśūdrajīvikā
und nicht der Lebenserwerb der Vaiśyas und Śūdras (Nom.f.)

kośabalajyānyā vermutlich verderbt; Sinn erschlossen.

svadharmānantarā vṛttir yānyān anupajīvataḥ; vahataḥ prathamaṃ kalpam anukalpena jīvanam

Der an den eigenen Dharma angrenzende Lebensunterhalt [gilt] für den, der von diesen und jenen [Mitteln] nicht lebt: Wer die erste Vorschrift trägt, [darf] nach der Ersatzvorschrift leben.

Wort für Wort
svadharmānantarā vṛttir
dem eigenen Dharma unmittelbar folgender Lebensunterhalt (Nom.f.)
yānyān anupajīvataḥ
für den, der von diesen und jenen nicht lebt (Gen.Sg.Part.Präs.)
vahataḥ prathamaṃ kalpam
für den, der die erste Vorschrift trägt (Gen.Part./Akk.)
anukalpena jīvanam
Leben nach der Ersatzvorschrift (Instr./Nom.n.)

Zweite Vershälfte elliptisch; Ergänzung ‚[darf]‘ ist Deutung. [?]

āpadgatena dharmāṇām anyāyenopajīvanam; api hy etad brāhmaṇeṣu dṛṣṭaṃ vṛttiparikṣaye

Für den in Not Geratenen [ist] unrechtmäßiger Lebensunterhalt aus [den Bereichen] der Dharmas [zulässig]; auch dies ist bei Brahmanen gesehen worden, wenn ihr Lebensunterhalt zerrüttet ist.

Wort für Wort
āpadgatena dharmāṇām
für den in Not Geratenen, der Dharmas (Instr./Gen.Pl.)
anyāyenopajīvanam
unrechtmäßiges Sichernähren (Instr./Nom.n.)
api hy etad brāhmaṇeṣu
auch dies nämlich bei Brahmanen (Part./Nom./Lok.Pl.)
dṛṣṭaṃ vṛttiparikṣaye
ist gesehen worden, bei Zerfall des Lebensunterhalts (Part.Pass./Lok.)

Konstruktion von āpadgatena ... dharmāṇām unsicher. [?]

kṣatriye saṃśayaḥ kaḥ syād ity etan niścitaṃ sadā; ādadīta viśiṣṭebhyo nāvasīdet kathaṃ cana

„Welcher Zweifel könnte beim Kṣatriya bestehen?“ – das ist stets entschieden: Er soll von den Vornehmen [bzw. Wohlhabenden] nehmen; auf keine Weise darf er zugrunde gehen.

Wort für Wort
kṣatriye saṃśayaḥ kaḥ syād
beim Kṣatriya, welcher Zweifel könnte sein (Lok./Nom./Pot.)
ity etan niścitaṃ sadā
so – dies ist entschieden, stets (Part. Pass. n./Adv.)
ādadīta viśiṣṭebhyaḥ
er soll nehmen von den Vornehmen (Opt. Med./Abl. Pl.)
nāvasīdet kathaṃ cana
er soll nicht zugrunde gehen, auf keine Weise (Opt.)

viśiṣṭebhyaḥ: ‚von den Ausgezeichneten/Vornehmen/Wohlhabenden‘ – Bezug nicht ganz eindeutig.

hantāraṃ rakṣitāraṃ ca prajānāṃ kṣatriyaṃ viduḥ; tasmāt saṃrakṣatā kāryam ādānaṃ kṣatrabandhunā

Als Töter und als Beschützer der Geschöpfe kennt man den Kṣatriya; darum soll ein Kṣatriya, der schützt, das Nehmen [von Abgaben/Besitz] ausüben.

Wort für Wort
hantāraṃ rakṣitāraṃ ca
Töter und Beschützer (Akk. Sg.)
prajānāṃ kṣatriyaṃ viduḥ
der Geschöpfe – den Kṣatriya kennt man (Gen. Pl./Akk./3.Pl.Perf.)
tasmāt saṃrakṣatā
deshalb von einem Schützenden (Abl./Part. Präs. Instr.)
kāryam ādānaṃ kṣatrabandhunā
ist das Nehmen zu tun, vom Kṣatriya (Gerundiv/Nom./Instr.)

anyatra rājan hiṃsāyā vṛttir nehāsti kasya cit; apy araṇyasamutthasya ekasya carato muneḥ

Außer durch Gewalt gibt es hier für niemanden einen Lebensunterhalt, König – selbst für einen im Wald aufgewachsenen, allein umherziehenden Weisen [nicht].

Wort für Wort
anyatra rājan hiṃsāyā
außer durch Gewalt, König (Adv./Vok./Abl. bzw. Gen.)
vṛttir nehāsti kasya cit
Lebensunterhalt gibt es hier für niemanden (Nom./3.Sg.Präs./Gen.)
apy araṇyasamutthasya
sogar für einen im Wald Aufgewachsenen (Gen. Sg.)
ekasya carato muneḥ
für einen allein umherziehenden Weisen (Gen. Sg., Part. Präs.)

Die Konstruktion von apy … muneḥ bleibt elliptisch; sinngemäß ergänzt.

na śaṅkhalikhitāṃ vṛttiṃ śakyam āsthāya jīvitum; viśeṣataḥ kuruśreṣṭha prajāpālanam īpsatā

Man kann nicht, indem man sich auf die von Śaṅkha und Likhita beschriebene Lebensweise stützt, leben – besonders nicht, Bester der Kuru, wer den Schutz der Untertanen erstrebt.

Wort für Wort
na śaṅkhalikhitāṃ vṛttiṃ
nicht die von Śaṅkha und Likhita [gelehrte] Lebensweise (Akk. Sg.)
śakyam āsthāya jīvitum
ist es möglich, sich stützend darauf, zu leben (Gerundiv/Abs./Inf.)
viśeṣataḥ kuruśreṣṭha
besonders, Bester der Kuru (Adv./Vok.)
prajāpālanam īpsatā
für den, der Untertanenschutz erstrebt (Akk./Part. Desid. Instr.)

parasparābhisaṃrakṣā rājñā rāṣṭreṇa cāpadi; nityam eveha kartavyā eṣa dharmaḥ sanātanaḥ

Gegenseitiger Schutz von König und Reich in der Not ist hier stets zu üben; dies ist das ewige Dharma.

Wort für Wort
parasparābhisaṃrakṣā
gegenseitiger Schutz (Nom. f.)
rājñā rāṣṭreṇa cāpadi
durch König und Reich, in der Not (Instr./Instr./Lok.)
nityam eveha kartavyā
stets eben hier zu leisten (Adv./Gerundiv f.)
eṣa dharmaḥ sanātanaḥ
dies ist das ewige Dharma (Nom.)

rājā rāṣṭraṃ yathāpatsu dravyaughaiḥ parirakṣati; rāṣṭreṇa rājā vyasane parirakṣyas tathā bhavet

Wie der König das Reich in Nöten mit Strömen von Gütern beschützt, so soll auch das Reich den König im Unglück durch das Reich beschützen [lassen].

Wort für Wort
rājā rāṣṭraṃ yathāpatsu
wie der König das Reich in Nöten (Nom./Akk./Lok. Pl.)
dravyaughaiḥ parirakṣati
mit Strömen von Gütern beschützt er (Instr. Pl./3.Sg.Präs.)
rāṣṭreṇa rājā vyasane
vom Reich der König im Unglück (Instr./Nom./Lok.)
parirakṣyas tathā bhavet
zu beschützen, so soll er sein (Gerundiv/Opt.)

Zweiter Halbvers: rāṣṭreṇa rājā … parirakṣyaḥ ‚der König ist vom Reich zu beschützen‘; die Wiedergabe folgt der Passivkonstruktion.

kośaṃ daṇḍaṃ balaṃ mitraṃ yad anyad api saṃcitam; na kurvītāntaraṃ rāṣṭre rājā parigate kṣudhā

Schatz, Heer, Streitmacht, Freund und was sonst noch angesammelt ist – davon soll der König, wenn er vom Hunger ergriffen ist, dem Reich gegenüber keinen Unterschied machen [d. h. es nicht schonen] [?].

Wort für Wort
kośaṃ daṇḍaṃ balaṃ mitraṃ
Schatz, Zwang/Heer, Streitmacht, Freund (Akk. Sg.)
yad anyad api saṃcitam
und was sonst angesammelt ist (Nom./Part. Pass.)
na kurvītāntaraṃ rāṣṭre
er soll keinen Unterschied machen gegenüber dem Reich (Opt. Med./Akk./Lok.)
rājā parigate kṣudhā
der König, wenn von Hunger ergriffen (Nom./Part. Pass. Lok. abs./Instr.)

na kurvītāntaram: ‚keinen Unterschied/Zwischenraum machen‘; die Bedeutung (nicht schonen bzw. nicht vorenthalten) ist unsicher.

bījaṃ bhaktena saṃpādyam iti dharmavido viduḥ; atraitac chambarasyāhur mahāmāyasya darśanam

„Das Saatgut ist durch Nahrung zu beschaffen“, so sagen die Kenner des Dharma. Hierzu nennt man dies als die Lehre des Śambara, des großen Zauberkundigen.

Wort für Wort
bījaṃ bhaktena saṃpādyam
Saatgut ist durch Nahrung zu beschaffen (Nom./Instr./Gerundiv)
iti dharmavido viduḥ
so kennen die Dharma-Kenner [es] (Nom. Pl./3.Pl.Perf.)
atraitac chambarasyāhur
hierbei sagen sie dies von Śambara (Gen.)
mahāmāyasya darśanam
des sehr Zauberkundigen Lehre/Ansicht (Gen./Nom. n.)

bhaktena: ‚mit Speise/Reis‘; Sinn der Sentenz nicht ganz klar.

dhik tasya jīvitaṃ rājño rāṣṭre yasyāvasīdati; avṛttyāntyamanuṣyo 'pi yo vai veda śiber vacaḥ

Verflucht sei das Leben jenes Königs, in dessen Reich [jemand] zugrunde geht – auch [dann,] wenn ein Mensch niedrigster Stellung ohne Lebensunterhalt [ist] – der wahrlich das Wort des Śibi kennt [?].

Wort für Wort
dhik tasya jīvitaṃ rājño
Schande über das Leben jenes Königs (Interj./Gen.)
rāṣṭre yasyāvasīdati
in dessen Reich [jemand] zugrunde geht (Lok./Gen./3.Sg.Präs.)
avṛttyāntyamanuṣyo 'pi
auch ein Mensch niedrigster Stellung ohne Lebensunterhalt (Kompositum Nom.)
yo vai veda śiber vacaḥ
der wahrlich das Wort des Śibi kennt (Rel./Perf./Gen./Akk.)

Zweiter Halbvers syntaktisch schwierig; avṛttyāntyamanuṣyaḥ vermutlich ‚ein Mensch von niedrigstem Stand, ohne Lebensunterhalt‘.

rājñaḥ kośabalaṃ mūlaṃ kośamūlaṃ punar balam; tan mūlaṃ sarvadharmāṇāṃ dharmamūlāḥ punaḥ prajāḥ

Wurzel des Königs sind Schatz und Heer; die Wurzel des Heeres wiederum ist der Schatz; dies ist die Wurzel aller Pflichten, die Wurzel des Dharma aber sind die Untertanen.

Wort für Wort
rājñaḥ kośabalaṃ mūlaṃ
des Königs Schatz und Heer ist die Wurzel (Gen./Nom. n.)
kośamūlaṃ punar balam
Wurzel im Schatz habend wiederum das Heer (Kompositum Nom.)
tan mūlaṃ sarvadharmāṇāṃ
dies ist die Wurzel aller Dharmas (Nom./Gen. Pl.)
dharmamūlāḥ punaḥ prajāḥ
die Wurzel im Dharma habend aber die Untertanen (Nom. Pl.)

nānyān apīḍayitveha kośaḥ śakyaḥ kuto balam; tadarthaṃ pīḍayitvā ca doṣaṃ na prāptum arhati

Ohne andere hier zu bedrängen, ist ein Schatz nicht möglich; woher dann ein Heer? Und wer [sie] dafür bedrängt hat, verdient es nicht, Schuld auf sich zu laden.

Wort für Wort
nānyān apīḍayitveha
nicht ohne andere hier bedrängt zu haben (Abs./Akk. Pl.)
kośaḥ śakyaḥ kuto balam
ein Schatz ist möglich, woher das Heer (Nom./Adj./Adv.)
tadarthaṃ pīḍayitvā ca
und wer dafür bedrängt hat (Adv./Abs.)
doṣaṃ na prāptum arhati
Schuld nicht zu erlangen verdient er (Akk./Inf./3.Sg.Präs.)

akāryam api yajñārthaṃ kriyate yajñakarmasu; etasmāt kāraṇād rājā na doṣaṃ prāptum arhati

Auch Unerlaubtes wird um des Opfers willen bei den Opferhandlungen getan; aus diesem Grund verdient der König es nicht, Schuld auf sich zu laden.

Wort für Wort
akāryam api yajñārtham
auch Nicht-zu-Tuendes um des Opfers willen (Nom./Adv.)
kriyate yajñakarmasu
wird getan bei Opferhandlungen (3.Sg.Pass./Lok. Pl.)
etasmāt kāraṇād rājā
aus diesem Grund der König (Abl./Nom.)
na doṣaṃ prāptum arhati
verdient nicht, Schuld zu erlangen (Akk./Inf./3.Sg.Präs.)

arthārtham anyad bhavati viparītam athāparam; anarthārtham athāpy anyat tat sarvaṃ hy arthalakṣaṇam; evaṃ buddhyā saṃprapaśyen medhāvī kāryaniścayam

Das eine dient dem Nutzen [bzw. Vermögen], ein anderes ist das Gegenteil, wieder ein anderes dient dem Nicht-Nutzen; all das aber hat das Merkmal des ‚artha‘ [?]. So soll der Verständige mit Einsicht die Entscheidung über das zu Tuende erkennen.

Wort für Wort
arthārtham anyad bhavati
das eine ist um des Nutzens/Vermögens willen (Nom. n./3.Sg.Präs.)
viparītam athāparam
ein Gegenteil, dann ein weiteres (Nom. n.)
anarthārtham athāpy anyat
und ein anderes um des Nicht-Nutzens willen (Nom. n.)
tat sarvaṃ hy arthalakṣaṇam
all dies ja hat das Kennzeichen des artha (Nom. n.)
evaṃ buddhyā saṃprapaśyen
so soll er mit Einsicht erkennen (Instr./Opt.)
medhāvī kāryaniścayam
der Kluge die Entscheidung über das zu Tuende (Nom./Akk.)

arthārtham/anarthārtham/arthalakṣaṇam sind mehrdeutig (artha = Nutzen, Zweck, Vermögen); Wiedergabe unsicher.

yajñārtham anyad bhavati yajñe nārthas tathāparaḥ; yajñasyārthārtham evānyat tat sarvaṃ yajñasādhanam

Das eine dient dem Opfer; beim Opfer [gilt] ein anderes nicht als Zweck; wieder ein anderes dient dem Zweck des Opfers [d. h. seiner Mittel] – all das ist Mittel zur Vollbringung des Opfers.

Wort für Wort
yajñārtham anyad bhavati
das eine ist für das Opfer (Nom. n./3.Sg.Präs.)
yajñe nārthas tathāparaḥ
beim Opfer ist ein anderes nicht Zweck (Lok./Nom. m.) [?]
yajñasyārthārtham evānyat
und ein anderes dient dem Zweck des Opfers (Gen./Nom. n.)
tat sarvaṃ yajñasādhanam
all dies ist Mittel des Opfers (Nom. n.)

Sinn nur ungefähr erfasst.

upamām atra vakṣyāmi dharmatattvaprakāśinīm; yūpaṃ chindanti yajñārthaṃ tatra ye paripanthinaḥ

Ein Gleichnis will ich hierzu sagen, das die Wahrheit des Dharma erhellt: Wenn man für das Opfer den Opferpfosten fällt, [dann fällt man] dabei auch die, die im Weg stehen –

Wort für Wort
upamām atra vakṣyāmi
ein Gleichnis hierzu will ich sagen (Akk./Fut.)
dharmatattvaprakāśinīm
die Wahrheit des Dharma erhellend (Akk. f.)
yūpaṃ chindanti yajñārthaṃ
den Opferpfosten fällt man, für das Opfer (Akk./3.Pl.Präs./Adv.)
tatra ye paripanthinaḥ
dabei, welche im Weg stehen (Adv./Rel. Nom. Pl.)

Satz setzt sich in der folgenden Einheit fort.

drumāḥ ke cana sāmantā dhruvaṃ chindanti tān api; te cāpi nipatanto 'nyān nighnanti ca vanaspatīn

manche benachbarten Bäume fällt man gewiss ebenfalls; und diese, wenn sie stürzen, erschlagen wiederum andere Bäume.

Wort für Wort
drumāḥ ke cana sāmantā
manche Bäume in der Nachbarschaft (Nom. Pl.)
dhruvaṃ chindanti tān api
gewiss fällt man auch sie (Adv./3.Pl.Präs./Akk.)
te cāpi nipatanto 'nyān
und auch diese, fallend, andere (Nom./Part. Präs./Akk.)
nighnanti ca vanaspatīn
und sie erschlagen Bäume (3.Pl.Präs./Akk. Pl.)

evaṃ kośasya mahato ye narāḥ paripanthinaḥ; tān ahatvā na paśyāmi siddhim atra paraṃtapa

So [verhält es sich mit] den Männern, die dem großen Schatz im Wege stehen; ohne sie zu töten, sehe ich hier keinen Erfolg, Bedränger der Feinde.

Wort für Wort
evaṃ kośasya mahato
so [ist es] bei dem großen Schatz (Adv./Gen.)
ye narāḥ paripanthinaḥ
welche Männer im Wege stehen (Nom. Pl.)
tān ahatvā na paśyāmi
sie nicht getötet habend sehe ich nicht (Akk./Abs./1.Sg.Präs.)
siddhim atra paraṃtapa
Erfolg hierbei, Bedränger der Feinde (Akk./Vok.)

dhanena jayate lokāv ubhau param imaṃ tathā; satyaṃ ca dharmavacanaṃ yathā nāsty adhanas tathā

Durch Reichtum gewinnt man beide Welten, jene und diese; und wahr ist das Wort des Dharma, [dass] es für den Mittellosen [dies] nicht gibt [?].

Wort für Wort
dhanena jayate lokāv
durch Reichtum gewinnt man die Welten (Instr./3.Sg.Pass./Akk. Du.)
ubhau param imaṃ tathā
beide, die jenseitige und diese (Akk. Du./Adj./Akk.)
satyaṃ ca dharmavacanaṃ
und wahr ist das Dharma-Wort (Nom. n.)
yathā nāsty adhanas tathā
wie es nicht gibt für den Mittellosen, so (Adv./3.Sg.Präs./Gen. bzw. Nom.)

Zweiter Halbvers (yathā nāsty adhanas tathā) syntaktisch verkürzt; sinngemäß wiedergegeben.

sarvopāyair ādadīta dhanaṃ yajñaprayojanam; na tulyadoṣaḥ syād evaṃ kāryākāryeṣu bhārata

Mit allen Mitteln soll man Reichtum nehmen, [der] dem Zweck des Opfers [dient]; so entsteht nicht gleiche Schuld bei dem, was zu tun ist und was nicht, Bhārata.

Wort für Wort
sarvopāyair ādadīta
mit allen Mitteln soll man nehmen (Instr. Pl./Opt. Med.)
dhanaṃ yajñaprayojanam
Reichtum, dessen Zweck das Opfer ist (Akk./Kompositum)
na tulyadoṣaḥ syād evaṃ
nicht von gleicher Schuld wäre es so (Nom./Opt./Adv.)
kāryākāryeṣu bhārata
bei Zu-Tuendem und Nicht-Zu-Tuendem, Bhārata (Lok. Pl./Vok.)

naitau saṃbhavato rājan kathaṃ cid api bhārata; na hy araṇyeṣu paśyāmi dhanavṛddhān ahaṃ kva cit

Diese beiden bestehen, König, auf keine Weise [zusammen], Bhārata; denn in den Wäldern sehe ich nirgends durch Reichtum Gewachsene [?].

Wort für Wort
naitau saṃbhavato rājan
diese beiden bestehen nicht zusammen, König (Nom. Du./3.Du.Präs./Vok.)
kathaṃ cid api bhārata
auf irgendeine Weise auch, Bhārata (Adv./Vok.)
na hy araṇyeṣu paśyāmi
denn in Wäldern sehe ich nicht (Lok. Pl./1.Sg.Präs.)
dhanavṛddhān ahaṃ kva cit
durch Reichtum Gewachsene, ich, irgendwo (Akk. Pl./Nom./Adv.)

naitau (‚diese beiden‘) – Bezug unklar (Dharma und Reichtum?); Text vermutlich verderbt.

yad idaṃ dṛśyate vittaṃ pṛthivyām iha kiṃ cana; mamedaṃ syān mamedaṃ syād ity ayaṃ kāṅkṣate janaḥ

Was hier auf der Erde an Besitz irgend zu sehen ist – „Dies soll mein sein, dies soll mein sein!“ – so begehrt dieser Mensch.

Wort für Wort
yad idaṃ dṛśyate vittaṃ
dieser Besitz, der gesehen wird (Nom./3.Sg.Pass./Nom. n.)
pṛthivyām iha kiṃ cana
auf der Erde hier irgend (Lok./Adv.)
mamedaṃ syān mamedaṃ syād
mein soll dies sein, mein soll dies sein (Gen./Opt.)
ity ayaṃ kāṅkṣate janaḥ
so begehrt dieser Mensch (3.Sg.Präs. Med./Nom.)

na ca rājyasamo dharmaḥ kaś cid asti paraṃtapa; dharmaṃ śaṃsanti te rājñām āpadartham ito 'nyathā

Und kein Dharma kommt dem Königtum gleich, Bedränger der Feinde; sie rühmen den Dharma der Könige als [einen] für den Notfall – anders als dieser [gewöhnliche Dharma] [?].

Wort für Wort
na ca rājyasamo dharmaḥ
und kein dem Königtum gleicher Dharma (Nom.)
kaś cid asti paraṃtapa
irgendeiner ist, Bedränger der Feinde (Nom./3.Sg.Präs./Vok.)
dharmaṃ śaṃsanti te rājñām
den Dharma rühmen sie der Könige (Akk./3.Pl.Präs./Gen. Pl.)
āpadartham ito 'nyathā
für den Notfall, anders als von hier (Adv./Adv.)

Zweiter Halbvers unklar; ito 'nyathā = ‚anders als von hier/dieser Seite‘.

dānena karmaṇā cānye tapasānye tapasvinaḥ; buddhyā dākṣyeṇa cāpy anye cinvanti dhanasaṃcayān

Die einen häufen Anhäufungen von Reichtum durch Gabe, durch Werk, andere, die Asketen, durch Askese, wieder andere durch Verstand und Geschick.

Wort für Wort
dānena karmaṇā cānye
durch Gabe und durch Werk die einen (Instr./Instr./Nom. Pl.)
tapasānye tapasvinaḥ
durch Askese andere, die Asketen (Instr./Nom. Pl.)
buddhyā dākṣyeṇa cāpy anye
durch Verstand und Geschick auch andere (Instr./Instr./Nom.)
cinvanti dhanasaṃcayān
sie häufen Anhäufungen von Reichtum (3.Pl.Präs./Akk. Pl.)

adhanaṃ durbalaṃ prāhur dhanena balavān bhavet; sarvaṃ dhanavataḥ prāpyaṃ sarvaṃ tarati kośavān; kośād dharmaś ca kāmaś ca paro lokas tathāpy ayam

Den Mittellosen nennen sie schwach; durch Reichtum wird man stark. Alles ist für den Besitzenden erreichbar; alles überwindet der, der einen Schatz hat. Aus dem Schatz [kommen] Dharma und Kāma, die jenseitige Welt wie auch diese.

Wort für Wort
adhanaṃ durbalaṃ prāhur
den Mittellosen [nennen] sie schwach (Akk./Akk./3.Pl.Perf.)
dhanena balavān bhavet
durch Reichtum soll man stark werden (Instr./Nom./Opt.)
sarvaṃ dhanavataḥ prāpyaṃ
alles ist für den Reichen erreichbar (Nom. n./Gen./Gerundiv)
sarvaṃ tarati kośavān
alles überwindet der Schatzbesitzer (Akk./3.Sg.Präs./Nom.)
kośād dharmaś ca kāmaś ca
aus dem Schatz Dharma und Kāma (Abl./Nom./Nom.)
paro lokas tathāpy ayam
die jenseitige Welt und ebenso diese (Nom./Nom./Adv./Nom.)

taṃ ca dharmeṇa lipseta nādharmeṇa kadā cana

Und diesen [Reichtum] soll man mit Dharma erstreben, niemals mit Adharma.

Wort für Wort
taṃ ca dharmeṇa lipseta
und ihn soll man mit Dharma zu erlangen suchen (Akk./Instr./Opt. Desid.)
nādharmeṇa kadā cana
nicht mit Adharma, niemals (Instr./Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften).

nārāyaṇaṃ namaskṛtya naraṃ caiva narottamam; devīṃ sarasvatīṃ caiva tato jayam udīrayet

Nachdem man sich vor Nārāyaṇa verneigt hat, und vor Nara, dem Besten der Männer, und ebenso vor der Göttin Sarasvatī, dann soll man „Jaya“ ausrufen.

Wort für Wort
nārāyaṇaṃ namaskṛtya
Nārāyaṇa verneigt habend (Akk./Abs.)
naraṃ caiva narottamam
und Nara, den Besten der Männer (Akk./Akk.)
devīṃ sarasvatīṃ caiva
und die Göttin Sarasvatī (Akk. f.)
tato jayam udīrayet
dann soll man Jaya ausrufen (Adv./Akk./Opt.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; bekannte Eingangsformel (Jaya-Anrufung), hier eingeschoben.

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