Kapitel 309: śukasya pitrupadeśaḥ
Vyāsas Mahnrede an Śuka über dharma, Tod und Jenseitsvorsorge, und Śukas Aufbruch
Auf Yudhiṣṭhiras Frage, wie Śuka zur Weltabkehr kam, schildert Bhīṣma die eindringliche Unterweisung des Vaters (Vyāsa) an den Sohn: Vergänglichkeit des Lebens, Nahen des Todes, Höllenstrafen, Vorsorge durch dharma und Askese. Das Kapitel endet mit Śukas Aufbruch zur Befreiung.
[Sprich] über die Gewissheit hinsichtlich der Wahrheiten des Unmanifesten und des Manifesten, über die Entscheidung der Erkenntnis; darlegen solltest du, Kauravya, das Werk des ungeborenen Gottes.
Wort für Wort
avyaktavyaktatattvānāṃ
der Wahrheiten/Wesensprinzipien des Unmanifesten und Manifesten (Gen.Pl.; Dvandva-Kompositum)
niścayaṃ buddhiniścayam
die Gewissheit, die Entscheidung der Einsicht (Akk.Sg.)
vaktum arhasi kauravya
zu sprechen vermagst/solltest du, Kauravya (Inf./2.Sg.Präs./Vok.)
devasya ajasya
des Gottes, des Ungeborenen (Gen.Sg.)
yā kṛtiḥ
welches Werk/Tun (Nom.Sg.f.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der Bezug von „buddhiniścayam“ (Apposition zu „niścayam“) ist nicht ganz eindeutig.
Bhīṣma sprach: Als er, mit natürlichem, gutem Wandel, ohne Furcht vor irgendetwas, dahinlebte, unterwies der Vater den Sohn, nachdem er ihn das ganze Selbststudium [des Veda] gelehrt hatte.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
prākṛtena suvṛttena
mit natürlichem/ursprünglichem, gutem Verhalten (Instr.Sg.)
carantam akutobhayam
der wandelnd, von nirgendwoher Furcht habend (Part.Präs. Akk.; Bahuvrīhi)
adhyāpya kṛtsnaṃ svādhyāyam
nachdem er gelehrt hatte das ganze Selbststudium (Abs./Akk.)
anvaśād vai pitā sutam
unterwies fürwahr der Vater den Sohn (Impf.3.Sg./Nom./Akk.)
„Stehe in der Wahrheit, am dharma Freude findend, alles Unaufrichtige aufgebend; mit dem, was den Göttern und Gästen übrig bleibt, stütze den Lebensgang deines Atems.“
Wort für Wort
satye tiṣṭha
in der Wahrheit stehe (Lok./Imp.2.Sg.)
rato dharme
erfreut am dharma (Part. Nom./Lok.)
hitvā sarvam anārjavam
aufgebend alles Unaufrichtige (Abs./Akk.Sg.n.)
devatātithiśeṣeṇa
mit dem Rest von Göttern und Gästen (Instr.Sg.; Tatpuruṣa)
yātrāṃ prāṇasya saṃśraya
den Lebensunterhalt/Lebensgang des Atems stütze (Akk./Gen./Imp.2.Sg.)
„Wie kannst du schlafen, Söhnchen, in einem Leib, der einer Schaumschale gleicht, während das Lebendige darin wie ein Vogel sitzt, im Vergänglichen, wo das Zusammensein mit Lieben [nur kurz ist]?“
Wort für Wort
phenapātropame dehe
in einem Körper, der Schaum-Gefäß-gleich ist (Lok.Sg.)
jīve śakunivat sthite
während das Lebewesen wie ein Vogel sitzt (Lok.abs.)
anitye priyasaṃvāse
im Vergänglichen, im Zusammenleben mit Lieben (Lok.Sg.)
kathaṃ svapiṣi putraka
wie schläfst du, Söhnchen (2.Sg.Präs./Vok.)
„phenapātropame“ wörtlich ‚einem Schaumgefäß/-becher gleichend‘, gemeint ist wohl etwas Schaumiges, Zerplatzendes; „priyasaṃvāse“ ist knapp.
dharmāya ye 'bhyasūyanti buddhimohānvitā narāḥ; apathā gacchatāṃ teṣām anuyātāpi pīḍyate
Die Menschen, die dem dharma gegenüber missgünstig sind, von Verblendung des Verstandes erfüllt: wenn diese auf falschen Wegen gehen, wird auch ihr Gefolgsmann geplagt.
Wort für Wort
dharmāya ye abhyasūyanti
die dem dharma gegenüber missgünstig sind (Dat./3.Pl.Präs.)
buddhimohānvitā narāḥ
mit Verblendung des Verstandes behaftete Menschen (Nom.Pl.)
apathā gacchatāṃ teṣām
auf Nicht-Wegen gehend, von diesen (Gen.Pl./Part.Präs.)
anuyātā api pīḍyate
auch der Nachfolger wird gequält (Nom.Sg./3.Sg.Präs.Pass.)
Mit einem Verstand, der nur für den heutigen Tag gilt, „morgen ist fern“ [denkend], furchtlos, alles verzehrend, sehen die Verstandlosen das Feld des Handelns nicht.
Wort für Wort
adyakālikayā buddhyā
mit einem auf den heutigen Tag bezogenen Verstand (Instr.Sg.f.)
dūre śvaḥ iti
‚morgen ist fern‘, so [denkend] (Lok./Adv./iti)
nirbhayāḥ sarvabhakṣāḥ
furchtlos, alles verzehrend (Nom.Pl.)
na paśyanti karmabhūmiṃ vicetasaḥ
sie sehen nicht das Feld des Handelns, die Verstandlosen (3.Pl.Präs./Akk./Nom.Pl.)
„sarvabhakṣāḥ“ = ‚alles Essende‘, d. h. rücksichtslos Genießende.
nāstikaṃ bhinnamaryādaṃ kūlapātam ivāsthiram; vāmataḥ kuru visrabdho naraṃ veṇum ivoddhatam
„Den Ungläubigen, der die Schranken durchbrochen hat, unbeständig wie ein einstürzendes Ufer, lass links liegen, unbesorgt: den Menschen, aufgebläht wie ein Rohr.“
Wort für Wort
nāstikaṃ bhinnamaryādam
den Ungläubigen, dessen Schranken durchbrochen sind (Akk.Sg.)
kūlapātam iva asthiram
unbeständig wie ein Uferabbruch (Akk./Adv./Akk.)
vāmataḥ kuru visrabdhaḥ
stelle nach links, unbesorgt (Adv./Imp.2.Sg./Nom.)
naraṃ veṇum iva uddhatam
den Menschen, aufgeblasen wie ein Rohr (Akk./Adv./Part.)
„vāmataḥ kuru“ ist idiomatisch (‚auf die linke Seite tun‘, d. h. meiden, beiseite lassen); „visrabdhaḥ“ = vertrauensvoll/unbesorgt.
kāmaṃ krodhaṃ ca mṛtyuṃ ca pañcendriyajalāṃ nadīm; nāvaṃ dhṛtimayīṃ kṛtvā janmadurgāṇi saṃtara
„Verlangen, Zorn und Tod, den Fluss, dessen Wasser die fünf Sinne sind: mache die Standhaftigkeit zu einem Boot und überquere die Geburts-Schwierigkeiten.“
Wort für Wort
kāmaṃ krodhaṃ ca mṛtyuṃ ca
Verlangen, Zorn und Tod (Akk.Sg.)
pañcendriyajalāṃ nadīm
den Fluss mit den fünf Sinnen als Wasser (Akk.Sg.f.)
nāvaṃ dhṛtimayīṃ kṛtvā
ein aus Standhaftigkeit bestehendes Boot machend (Akk./Abs.)
janmadurgāṇi saṃtara
die Unwegsamkeiten der Geburt überquere (Akk.Pl./Imp.2.Sg.)
„Nach und nach werde die Lampe [mit] aufgeschichteter Flamme, groß, aus der Einsicht in den dharma bestehend, mit Mühe getragen, da in die Finsternis einzutreten ist.“
Wort für Wort
kramaśaḥ saṃcitaśikhaḥ
allmählich mit aufgehäufter Flamme (Adv./Nom.Sg.m.)
dharmabuddhimayo mahān
aus dharma-Einsicht bestehend, groß (Nom.Sg.)
andhakāre praveṣṭavye
da in die Finsternis einzutreten ist (Lok.abs./Gerundiv)
dīpo yatnena dhāryatām
die Lampe möge mit Anstrengung gehalten werden (Nom./Instr./Imp.Pass.)
„kramaśaḥ saṃcitaśikhaḥ“ ist knapp; gemeint ist wohl die allmählich genährte Flamme der Einsicht.
brāhmaṇasya hi deho 'yaṃ na kāmārthāya jāyate; iha kleśāya tapase pretya tv anupamaṃ sukham
„Denn der Leib eines Brahmanen wird nicht für Genuss und Besitz geboren, sondern hier für Mühsal, für Askese, im Jenseits aber [folgt] unvergleichliches Glück.“
Wort für Wort
brāhmaṇasya hi deho ayam
des Brahmanen ja dieser Körper (Gen./Nom.)
na kāmārthāya jāyate
nicht für Genuss und Besitz wird er geboren (Dat./3.Sg.Präs.Med.)
iha kleśāya tapase
hier für Mühsal, für Askese (Dat.)
pretya tu anupamaṃ sukham
nach dem Tod aber unvergleichliches Glück (Abs./Nom.Sg.n.)
brāhmaṇyaṃ bahubhir avāpyate tapobhis; tal labdhvā na paripaṇena heḍitavyam; svādhyāye tapasi dame ca nityayuktaḥ; kṣemārthī kuśalaparaḥ sadā yatasva
„Das Brahmanentum wird durch viele Askesen erlangt; hat man es erlangt, darf man es nicht um einen Einsatz/Tauschpreis geringschätzen [?]. Im Selbststudium, in Askese und Selbstzügelung stets gefestigt, nach Heil strebend, tüchtig: bemühe dich allezeit.“
Wort für Wort
brāhmaṇyaṃ bahubhir avāpyate tapobhiḥ
Brahmanentum wird durch viele Askesen erlangt (Nom./3.Sg.Pass./Instr.Pl.)
tal labdhvā na paripaṇena heḍitavyam
das erlangt habend, darf nicht um einen Einsatz/Preis geringgeachtet werden [?] (Abs./Gerundiv)
svādhyāye tapasi dame ca
im Selbststudium, in Askese und Selbstzügelung (Lok.)
nityayuktaḥ kṣemārthī
stets gefestigt, nach Heil strebend (Nom.Sg.)
kuśalaparaḥ sadā yatasva
auf das Heilsame gerichtet, stets bemühe dich (Nom./Adv./Imp.Med.)
„na paripaṇena heḍitavyam“ ist unsicher: ‚nicht um einen Tauschwert/Einsatz zu verschleudern‘ oder ‚nicht durch Handel zu missachten‘ [?].
Dieser [Lauf der Zeit] hat das Unmanifeste zum Ursprung, hat Teile (kalā) zum Körper, ist fein im Wesen, hat Augenblicke und Momente zu Gliedern, Lidschläge zu Haaren, die Jahreszeiten zum Gesicht, Augen, weiß und schwarz [Tag und Nacht] gleich stark; mit Fleisch [?] als Gliedern läuft er als das Ross der Lebensalter der Menschen.
Wort für Wort
avyaktaprakṛtir ayaṃ kalāśarīraḥ
dieser, dessen Urgrund das Unmanifeste ist, dessen Körper aus Teilen besteht (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
sūkṣmātmā kṣaṇatruṭiśo
fein im Selbst; mit Augenblicken und Momenten [als Gliedern] (Nom.; Adv. [?])
nimeṣaromā ṛtvāsyaḥ
dessen Haare Lidschläge sind, dessen Gesicht die Jahreszeiten sind (Nom.)
samabalaśuklakṛṣṇanetro
dessen Augen gleich stark, weiß und schwarz sind (Nom.)
māṃsāṅgo dravati
mit Fleisch [?] als Gliedern läuft (Nom./3.Sg.Präs.)
vayohayo narāṇām
das Ross der Lebensalter der Menschen (Nom./Gen.Pl.)
Deutung als personifizierte Zeit ist Ergänzung aus dem Zusammenhang; „māṃsāṅgaḥ“ (‚Fleisch als Glieder‘) fügt sich schlecht, evtl. verderbt für ‚Monate‘ (māsa-) [?]. Tag und Nacht als weißes und schwarzes Auge ist Vermutung.
taṃ dṛṣṭvā prasṛtam ajasram ugravegaṃ; gacchantaṃ satatam ihāvyapekṣamāṇam; cakṣus te yadi na parapraṇetṛneyaṃ; dharme te bhavatu manaḥ paraṃ niśamya
„Hast du ihn gesehen, wie er sich ausbreitet, unablässig, mit furchtbarer Geschwindigkeit, ständig dahingeht und hier auf nichts achtet: [dann gut]; wenn dein Auge nicht von einem fremden Führer geleitet werden muss [?], so soll dein Geist, nachdem er Höchstes vernommen hat, auf den dharma gerichtet sein.“
Wort für Wort
taṃ dṛṣṭvā prasṛtam ajasram
ihn gesehen habend, den Ausgebreiteten, Unablässigen (Abs./Akk.)
ugravegaṃ gacchantaṃ satatam
von furchtbarer Geschwindigkeit, gehend, ständig (Akk./Part./Adv.)
iha avyapekṣamāṇam
hier nicht Rücksicht nehmend (Adv./Part.Präs.Med.)
cakṣus te yadi na parapraṇetṛneyam
wenn dein Auge nicht von fremdem Führer zu lenken ist [?] (Nom./Gen./Nom.)
dharme te bhavatu manaḥ
im dharma sei dein Geist (Lok./Imp.3.Sg./Nom.)
paraṃ niśamya
Höchstes vernommen habend (Akk./Abs.)
Zweiter Halbvers syntaktisch unsicher: „parapraṇetṛneyam“ = ‚von einem anderen Lenker zu führen‘ [?].
ye 'mī tu pracalitadharmakāmavṛttāḥ; krośantaḥ satatam aniṣṭasaṃprayogāḥ; kliśyante parigatavedanāśarīrā; bahvībhiḥ subhṛśam adharmavāsanābhiḥ
„Jene aber, deren Verhalten in dharma und Begehren ins Wanken geraten ist, die beständig jammern, mit Zusammentreffen von Unerwünschtem, werden gequält, ihr Körper von Schmerz durchdrungen, durch viele Eindrücke von Unrecht.“
Wort für Wort
ye amī tu pracalitadharmakāmavṛttāḥ
jene aber, deren Verhalten in dharma und kāma ins Wanken geraten ist (Nom.Pl.)
krośantaḥ satatam
jammernd, beständig (Part.Präs./Adv.)
aniṣṭasaṃprayogāḥ
mit Verbindungen zu Unerwünschtem (Nom.Pl.)
kliśyante parigatavedanāśarīrāḥ
werden gequält, mit von Schmerz erfülltem Körper (3.Pl.Präs.Pass./Nom.)
bahvībhiḥ subhṛśam adharmavāsanābhiḥ
durch viele, sehr stark, Eindrücke von Unrecht (Instr.Pl.f.)
Ein König, stets dem dharma ergeben, ein guter Beschützer, weist, nachdem er geprüft hat, den Gutes Getanen Welten zu; auch dem, der auf vielerlei Weise handelt, teilt er ein bisher nicht erlangtes, tadelloses Glück zu.
Wort für Wort
rājā dharmaparaḥ sadā
der König, dem dharma ergeben, stets (Nom./Adv.)
śubhagoptā samīkṣya
guter Beschützer, nach Prüfung (Nom./Abs.)
sukṛtināṃ dadhāti lokān
den Gutes Getanen gibt er Welten (Gen.Pl./3.Sg.Präs./Akk.)
bahuvidham api carataḥ pradiśati
auch dem vielfältig Wandelnden weist er zu (Adv./Gen.Sg./3.Sg.Präs.)
Hunde, furchtbare eisenmündige Vögel, Scharen von Geier-Vögeln [?] und Blut trinkende zerfleischen im Kampf/in der Marter den Menschen, der das Wort des Lehrers verworfen hat [?], [wenn] er dahingegangen ist.
Wort für Wort
śvāno bhīṣaṇāyomukhāni vayāṃsi
Hunde, schreckliche eisenmündige Vögel (Nom.Pl.)
vaḍagṛdhrakulapakṣiṇāṃ ca saṃghāḥ
und Scharen von Vögeln aus Geier-Geschlechtern [?] (Nom.Pl./Gen.Pl.)
narāṃ kadane rudhirapā
die Männer/Mann in der Marter, Blut trinkend [?] (Akk./Lok./Nom.Pl.)
guruvacananudam uparataṃ
den, der das Wort des Gurus verstieß, [nun] verstorben [?] (Akk.Sg.)
viśasanti
zerlegen/zerfleischen (3.Pl.Präs.)
Stark verderbte Stelle (vaḍa-, narāṃ, guruvacananudam); die Wiedergabe ist nur ein Deutungsversuch [?].
maryādā niyatāḥ svayaṃbhuvā ya ihemāḥ; prabhinatti daśaguṇā manonugatvāt; nivasati bhṛśam asukhaṃ pitṛviṣaya;vipinam avagāhya sa pāpaḥ
Die hier von Svayaṃbhū festgesetzten Schranken – wer sie, dem Geist folgend, durchbricht [?], der Übeltäter haust, in den Wald des Väter-Bereichs eingedrungen, sehr unglücklich.
Wort für Wort
maryādā niyatāḥ svayaṃbhuvā
die Schranken, festgesetzt von Svayaṃbhū (Nom.Pl./Part./Instr.)
ya iha imāḥ prabhinatti
wer diese hier durchbricht (Nom./Akk.Pl.f./3.Sg.Präs.)
daśaguṇā manonugatvāt
zehnfach [?], wegen des Dem-Geist-Folgens (Nom./Abl.)
nivasati bhṛśam asukham
haust sehr unglücklich (3.Sg.Präs./Adv.)
pitṛviṣayavipinam avagāhya
in den Wald des Väter-Bereichs eingedrungen (Akk./Abs.)
sa pāpaḥ
er, der Übeltäter (Nom.)
Textlich unsicher: „daśaguṇā“ (‚zehnfach‘?) und der Bezug der ersten Zeile sind unklar [?]; „pitṛviṣayavipinam“ ‚Wald im Reich der Väter‘ (Yamas Bereich).
yo lubdhaḥ subhṛśaṃ priyānṛtaś ca manuṣyaḥ; satatanikṛtivañcanāratiḥ syāt; upanidhibhir asukhakṛt sa paramanirayago; bhṛśam asukham anubhavati duṣkṛtakarmā
Der Mensch, der sehr gierig ist, mit angenehmen Lügen [redet] und ständig an Betrug und Täuschung Gefallen findet, wer durch Veruntreuung von Anvertrautem Leid schafft: der geht in die höchste Hölle und erfährt, ein Täter von Bösem, große Pein.
Wort für Wort
yo lubdhaḥ subhṛśaṃ priyānṛtaś ca
wer gierig ist, sehr, und mit angenehmen Unwahrheiten (Nom.)
manuṣyaḥ satatanikṛtivañcanāratiḥ syāt
der Mensch, ständig an Betrug und Täuschung Freude habend, sei (Nom./Opt.3.Sg.)
upanidhibhir asukhakṛt
durch Anvertrautes Leid bereitend (Instr.Pl./Nom.)
In den heißen großen Strom Vaitaraṇī eingetaucht, mit vom Schwertblatt-Wald zerrissenen Gliedern, im Beilwald liegend, niedergestürzt, haust er in der großen Hölle, schwer gequält.
Wort für Wort
uṣṇāṃ vaitaraṇīṃ mahānadīm
die heiße Vaitaraṇī, den großen Strom (Akk.Sg.f.)
avagāḍho asipatravanabhinnagātraḥ
eingetaucht, mit vom Schwertblatt-Wald zerrissenen Gliedern (Part./Nom.)
paraśuvanaśayo nipatito
im Beilwald liegend, niedergefallen (Nom./Part.)
vasati ca mahāniraye bhṛśārtaḥ
und wohnt in der großen Hölle, sehr gequält (3.Sg.Präs./Lok./Nom.)
mahāpadāni katthase na cāpy avekṣase param; cirasya mṛtyukārikām anāgatāṃ na budhyase
„Du rühmst dich großer [Stellungen/Taten] [?] und blickst nicht auf das Jenseits; die seit langem [wirkende] Todbringerin, die noch Kommende, erkennst du nicht.“
Wort für Wort
mahāpadāni katthase
große Stellungen/Schritte [?] rühmst du dich (Akk.Pl./2.Sg.Präs.Med.)
na ca api avekṣase param
und blickst auch nicht auf das Jenseits (2.Sg.Präs.Med./Akk.)
cirasya mṛtyukārikām
seit langem die Tod Bewirkende (Gen./Adv./Akk.Sg.f.)
anāgatāṃ na budhyase
die Zukünftige erkennst du nicht (Akk./2.Sg.Präs.Med.)
prayāsyatāṃ kim āsyate samutthitaṃ mahad bhayam; atipramāthi dāruṇaṃ sukhasya saṃvidhīyatām
„Für die, die aufbrechen werden: was sitzt man da? Eine große Gefahr hat sich erhoben, sehr zermalmend, furchtbar; für das Glück werde Vorsorge getroffen.“
Wort für Wort
prayāsyatāṃ kim āsyate
für die Aufbrechenden – was wird gesessen (Part.Fut. Gen.Pl./3.Sg.Präs.Pass.)
samutthitaṃ mahad bhayam
erhoben hat sich große Furcht (Part. Nom.Sg.n.)
atipramāthi dāruṇam
überaus zermalmend, schrecklich (Nom.Sg.n.)
sukhasya saṃvidhīyatām
für das Glück werde Vorsorge getroffen (Gen./Imp.Pass.)
purā mṛtaḥ praṇīyase yamasya mṛtyuśāsanāt; tad antikāya dāruṇaiḥ prayatnam ārjave kuru
„Bevor du, gestorben, auf Yamas Todesbefehl hin fortgeführt wirst, richte darauf, zu dessen Nähe [?], mit den Furchtbaren [?] Anstrengung auf Redlichkeit.“
Wort für Wort
purā mṛtaḥ praṇīyase
bevor du, gestorben, geführt wirst (Adv./Part./3.Sg.Präs.Pass.)
yamasya mṛtyuśāsanāt
auf Yamas Todesbefehl hin (Gen./Abl.)
tad antikāya dāruṇaiḥ
dazu, zur Nähe, mit Furchtbaren [?] (Dat./Instr.Pl.)
prayatnam ārjave kuru
Anstrengung auf Redlichkeit richte (Akk./Lok./Imp.2.Sg.)
Zweiter Halbvers unklar [?]; „tad antikāya dāruṇaiḥ“ nur wörtlich wiedergegeben.
kṛtākṛte śubhāśubhe pramādakarmaviplute; smaran purā na tapyase nidhatsva kevalaṃ nidhim
„Bei Getanem und Ungetanem, Gutem und Schlechtem, vom Handeln in Nachlässigkeit überschwemmt: [wenn du] dich erinnerst, wirst du davor nicht gequält [?]; lege allein den [einen] Schatz nieder.“
Wort für Wort
kṛtākṛte śubhāśubhe
Getanes und Ungetanes, Gutes und Schlechtes (Lok./Akk.Du.)
pramādakarmaviplute
von Nachlässigkeitshandeln überflutet (Lok.Sg.)
smaran purā na tapyase
sich erinnernd, vorher nicht gequält [?] (Part./Adv./2.Sg.Pass.)
nidhatsva kevalaṃ nidhim
lege nieder allein den Schatz (Imp.Med./Adv./Akk.)
Erster Halbvers unsicher: der Bezug von „purā na tapyase“ ist unklar [?].
yathāniśeṣu sarvataḥspṛśatsu sarvadāriṣu; prakāśagūḍhavṛttiṣu svadharmam eva pālaya
Bei denen, wie sie ohne Rest sind, überall berührend, alles zerreißend, deren Wirken teils offen, teils verborgen ist [?]: hüte nur dein eigenes Dharma.
Wort für Wort
yathāniśeṣu
wie sie ohne Rest sind [?] (Lok.Pl.)
sarvataḥspṛśatsu sarvadāriṣu
überall berührend, alles spaltend (Lok.Pl.)
prakāśagūḍhavṛttiṣu
deren Wirken offen und verborgen ist (Lok.Pl.)
svadharmam eva pālaya
nur das eigene Dharma behüte (Akk./Imp.)
Verse dunkel; Lesart und Bezug der Lokative unsicher.
anekapāripanthike virūparaudrarakṣite; svam eva karma rakṣyatāṃ svakarma tatra gacchati
Auf [dem Weg], der viele Wegelagerer hat, von entstellten, furchtbaren [Wesen] bewacht, möge allein das eigene Werk geschützt werden; das eigene Werk geht dorthin [mit].
Wie die Scharen der Apsaras Frucht und Glück zusammen mit den großen Sehern [erlangen], so erlangen es durch ihr Tun jene, die nach Belieben in Himmelswagen fahren [?].
Wort für Wort
yathāpsarogaṇāḥ
wie die Scharen der Apsaras (Nom.Pl.)
phalaṃ sukhaṃ maharṣibhiḥ saha
Frucht, Glück, mit den großen Sehern (Akk./Instr.)
tathāpnuvanti karmataḥ
so erlangen sie durch Tun (3.Pl.Präs.)
vimānakāmagāminaḥ
die im Himmelswagen nach Wunsch Fahrenden (Nom.Pl.)
purā karoti so 'ntakaḥ pramādagomukhaṃ damam; yathāgṛhītam utthitaṃ tvarasva dharmapālane
Ehe jener Beender [der Tod] die Bändigung [?] zum Kuhmaul der Nachlässigkeit macht, eile dich, wie du es ergriffen hast, aufgestanden, im Bewahren des Dharma.
Wort für Wort
purā karoti so 'ntakaḥ
bevor jener Beender macht (3.Sg.Präs.)
pramādagomukhaṃ damam
Bändigung [?] zum Kuhmaul der Nachlässigkeit [?] (Akk.)
yadā tvam eva pṛṣṭhatas tvam agrato gamiṣyasi; tathā gatiṃ gamiṣyataḥ kim ātmanā pareṇa vā
Wenn du selbst hinter [dir] und du selbst vor [dir] gehen wirst [?], dann – was gilt für die, die so einen Weg gehen werden, das eigene Selbst oder ein anderer?
Wort für Wort
yadā tvam eva pṛṣṭhatas
wenn du selbst hinten (Adv.)
tvam agrato gamiṣyasi
du vorn wirst gehen (Fut. 2.Sg.)
tathā gatiṃ gamiṣyataḥ
dann für die, die einen Weg gehen werden (Part.Fut. Gen./Lok.)
kim ātmanā pareṇa vā
was [gilt] das Selbst oder ein anderer (Instr./Nom.)
sakūlamūlabāndhavaṃ prabhur haraty asaṅgavān; na santi yasya vārakāḥ kuruṣva dharmasaṃnidhim
Der ungebundene Herr [Tod] rafft [den Menschen] samt Ufer [?], Wurzel und Verwandten fort; für den, der keine Abwehrer hat, schaffe dir eine Ansammlung des Dharma.
Wer durch sein eigenes Werk irgendeines beliebigen Reichtümer [an sich] bringt, der wird durch die aus Unverstand und Verblendung geborenen Eigenschaften nur unter Hunderten [einer] verbunden [?].
Wort für Wort
dadhāti yaḥ svakarmaṇā
wer durch eigenes Werk bringt/setzt (3.Sg.Präs.)
dhanāni yasya kasya cit
Reichtümer irgendeines (Akk.Pl./Gen.)
abuddhimohajair guṇaiḥ
durch aus Unverstand und Verblendung geborene Eigenschaften (Instr.Pl.)
śataika eva yujyate
nur einer von hundert wird verbunden [?] (Pass. 3.Sg.)
Dies ist das fesselnde Seil: die Lust dessen, der im Dorf wohnt. Die Tugendhaften gehen fort, wenn sie es zerschnitten haben; die Übeltäter zerschneiden es nicht.
Wort für Wort
nibandhanī rajjur eṣā
dies ist das fesselnde Seil (Nom.Sg.f.)
yā grāme vasato ratiḥ
nämlich die Lust des im Dorf Wohnenden (Nom./Gen./Lok.)
chittvaināṃ sukṛto yānti
die Tugendhaften gehen, es zerschnitten habend (Abs./3.Pl.)
kiṃ te dhanena kiṃ bandhubhis te; kiṃ te putraiḥ putraka yo mariṣyasi; ātmānam anviccha guhāṃ praviṣṭaṃ; pitāmahās te kva gatāś ca sarve
Was nützt dir Reichtum, was Verwandte, was dir Söhne, mein Söhnchen, der du sterben wirst? Suche das Selbst, das in die Höhle eingegangen ist. Wohin sind deine Ahnen alle gegangen?
Wort für Wort
kiṃ te dhanena
was dir mit Reichtum (Instr.)
kiṃ bandhubhis te
was dir mit Verwandten (Instr.Pl.)
kiṃ te putraiḥ putraka yo mariṣyasi
was dir mit Söhnen, Söhnchen, der du sterben wirst (Vok./Fut.)
ātmānam anviccha guhāṃ praviṣṭaṃ
suche das Selbst, in die Höhle eingetreten (Imp./Akk.)
pitāmahās te kva gatāś ca sarve
deine Ahnen, wohin sind sie alle gegangen (Nom.Pl./Part.)
Die Verwandten folgen [dem Toten] bis zum Ende des Leichenfelds und kehren hier um, nachdem die Angehörigen und Freunde den Menschen ins Feuer geworfen haben.
Wort für Wort
anugamya śmaśānāntaṃ
gefolgt bis zum Ende des Leichenfelds (Abs.)
nivartantīha bāndhavāḥ
hier kehren um die Verwandten (3.Pl.Präs.)
agnau prakṣipya puruṣaṃ
ins Feuer geworfen habend den Menschen (Abs./Lok.)
Die Leugner, die Erbarmungslosen, die Männer, die in sündigem Sinn verharren – lass sie zur Linken [liegen], unbekümmert, das Jenseits erstrebend, unermüdlich.
na dehabhede maraṇaṃ vijānatāṃ; na ca praṇāśaḥ svanupālite pathi; dharmaṃ hi yo vardhayate sa paṇḍito; ya eva dharmāc cyavate sa muhyati
Für die Wissenden gibt es im Zerfall des Leibes keinen Tod, und keinen Untergang auf gut behütetem Pfad. Denn wer das Dharma mehrt, der ist ein Weiser; wer vom Dharma abfällt, der ist verwirrt.
Wort für Wort
na dehabhede maraṇaṃ vijānatāṃ
nicht im Leibeszerfall Tod für die Wissenden (Lok./Gen.Pl.)
na ca praṇāśaḥ svanupālite pathi
und nicht Untergang auf gut behütetem Pfad (Lok.)
dharmaṃ hi yo vardhayate sa paṇḍito
denn wer das Dharma mehrt, der ist gelehrt (3.Sg.Präs.)
Von zwei auf dem Pfad des Handelns eingesetzten eigenen Werken erlangt der Handelnde die Frucht nach der Ordnung; wer niedrig handelt, gelangt in die Hölle, wer das Dharma bis ans Ende durchschritten hat, geht zum Triviṣṭapa [Himmel].
Wort für Wort
prayuktayoḥ karmapathi svakarmaṇoḥ
von zwei eingesetzten eigenen Werken auf dem Handlungspfad (Gen.Du./Lok.) [?]
phalaṃ prayoktā labhate yathāvidhi
der Handelnde erlangt die Frucht nach Vorschrift (3.Sg.Präs.Med.)
nihīnakarmā nirayaṃ prapadyate
wer niedrig handelt, gelangt in die Hölle (3.Sg.Präs.Med.)
triviṣṭapaṃ gacchati dharmapāragaḥ
zum Himmel geht der, der das Dharma durchschritten hat
yasya notkrāmati matiḥ svargamārgānusāriṇī; tam āhuḥ puṇyakarmāṇam aśocyaṃ mitrabāndhavaiḥ
Dessen Sinn nicht abweicht, sondern dem Weg zum Himmel folgt, den nennt man einen Mann guter Werke, den seine Freunde und Verwandten nicht zu beklagen brauchen.
Wort für Wort
yasya notkrāmati matiḥ
dessen Sinn nicht abweicht (3.Sg.Präs.)
svargamārgānusāriṇī
dem Himmelsweg folgend (Nom.Sg.f.)
tam āhuḥ puṇyakarmāṇam
ihn nennen sie einen Mann guter Werke (3.Pl.Perf.)
aśocyaṃ mitrabāndhavaiḥ
nicht zu beklagen von Freunden und Verwandten (Instr.Pl.)
Mit dem [Feuer], das durch Monate, Jahreszeiten und Zeiteinteilungen umrührt, mit der Sonne als Feuer, mit Nacht und Tag als Brennholz, mit dem Zeugen der Frucht des Verharrens im eigenen Werk kocht die Zeit die Wesen gewaltsam gar.
Wort für Wort
māsartusaṃjñāparivartakena
mit dem durch Monate, Jahreszeiten, Einteilungen Umrührenden (Instr.)
sūryāgninā rātridivendhanena
mit Sonne als Feuer, Nacht und Tag als Brennstoff (Instr.)
svakarmaniṣṭhāphalasākṣikeṇa
mit dem Zeugen der Frucht des Beharrens im eigenen Werk (Instr.)
bhūtāni kālaḥ pacati prasahya
die Wesen kocht die Zeit gewaltsam (3.Sg.Präs./Abs.)
dhanena kiṃ yan na dadāti nāśnute; balena kiṃ yena ripūn na bādhate; śrutena kiṃ yena na dharmam ācaret; kim ātmanā yo na jitendriyo vaśī
Was nützt Reichtum, wenn man ihn nicht gibt und nicht genießt? Was Kraft, mit der man die Feinde nicht bezwingt? Was Gelehrsamkeit, mit der man nicht das Dharma übt? Was das Selbst, das die Sinne nicht besiegt hat und nicht beherrscht?
Wort für Wort
dhanena kiṃ yan na dadāti nāśnute
was [nützt] Reichtum, den man weder gibt noch genießt (Instr./3.Sg.)
balena kiṃ yena ripūn na bādhate
was Kraft, womit man die Feinde nicht bedrängt (Instr.)
śrutena kiṃ yena na dharmam ācaret
was Wissen, womit man nicht Dharma übt (Opt.)
kim ātmanā yo na jitendriyo vaśī
was ein Selbst, das nicht sinnenbesiegt, nicht beherrscht ist (Instr.)