Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 220: balivāsavasaṃvādaḥ Bali und Indra: Die Zeit als Herrin über Aufstieg und Fall, Gelassenheit im Unglück

Bhīṣma antwortet auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Verhalten im Unglück mit der alten Geschichte vom Gespräch des gestürzten Asura-Königs Bali mit Indra, in dem Bali die Zeit (kāla) als eigentliche Ursache allen Wechsels darlegt.

yudhiṣṭhira uvāca; magnasya vyasane kṛcchre kiṃ śreyaḥ puruṣasya hi; bandhunāśe mahīpāla rājyanāśe 'pi vā punaḥ

Yudhiṣṭhira sprach: „Was ist für einen Menschen, der in schweres Unglück versunken ist, das Beste – beim Verlust von Verwandten, o Erdenherrscher, oder auch beim Verlust der Herrschaft?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
magnasya vyasane kṛcchre
für den Versunkenen im schweren Unglück (Gen./Lok.)
kiṃ śreyaḥ puruṣasya hi
was ist wahrlich das Beste für den Menschen (Nom./Gen.)
bandhunāśe mahīpāla
beim Verlust von Verwandten, o Erdenhüter (Lok./Vok.)
rājyanāśe 'pi vā punaḥ
oder auch beim Verlust der Herrschaft wiederum (Lok.)

tvaṃ hi naḥ paramo vaktā loke 'smin bharatarṣabha; etad bhavantaṃ pṛcchāmi tan me vaktum ihārhasi

Denn du bist unser höchster Redner in dieser Welt, Stier der Bharatas; danach frage ich dich, das musst du mir hier sagen.

Wort für Wort
tvaṃ hi naḥ paramo vaktā
denn du bist unser höchster Sprecher (Nom.)
loke 'smin bharatarṣabha
in dieser Welt, Stier der Bharatas (Lok./Vok.)
etad bhavantaṃ pṛcchāmi
dies frage ich dich (1.Sg.Präs.)
tan me vaktum ihārhasi
das mir zu sagen hier vermagst du/sollst du (Inf.; 2.Sg.Präs.)

bhīṣma uvāca; putradāraiḥ sukhaiś caiva viyuktasya dhanena ca; magnasya vyasane kṛcchre dhṛtiḥ śreyaskarī nṛpa

Bhīṣma sprach: Für den, der von Söhnen und Frauen, von Freuden und auch von Reichtum getrennt ist, der im schweren Unglück versunken ist, o König, ist Standhaftigkeit das Heilbringendste.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
putradāraiḥ sukhaiś caiva
von Söhnen, Frauen und Freuden (Instr.Pl.)
viyuktasya dhanena ca
des Getrennten, und vom Reichtum (Gen.Sg.; Instr.)
magnasya vyasane kṛcchre
des im schweren Unglück Versunkenen (Gen./Lok.)
dhṛtiḥ śreyaskarī nṛpa
Standhaftigkeit ist heilbringend, o König (Nom.f./Vok.)

dhairyeṇa yuktasya sataḥ śarīraṃ na viśīryate

Wer mit Festigkeit begabt ist, ein Guter, dessen Körper zerfällt nicht.

Wort für Wort
dhairyeṇa yuktasya
dem mit Festigkeit Verbundenen (Instr.; Gen.Sg.)
sataḥ
des Guten/Seienden (Gen.Sg.Part.)
śarīraṃ na viśīryate
der Körper zerfällt nicht (Pass. 3.Sg.Präs.)

Vers 4 setzt sich in Vers 7 fort; dazwischen stehen die Zusatzverse 5 und 6.

viśokatā sukhaṃ dhatte dhatte cārogyam uttamam

Kummerlosigkeit bringt Glück und bringt höchste Gesundheit.

Wort für Wort
viśokatā
Freisein von Kummer (Nom.f.)
sukhaṃ dhatte
bringt/verleiht Glück (3.Sg.Med.)
dhatte cārogyam uttamam
und verleiht Gesundheit, die höchste (Akk.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

vaśyā bhavanti dhairyeṇa na vā rājño na saṃśayaḥ; dhairyavāñ śriyam āpnoti dhairyād dharmo vivardhate

Durch Festigkeit werden [die Dinge] gefügig, oder nicht dem König – daran ist kein Zweifel [?]; der Feste erlangt Glanz, aus Festigkeit wächst das Dharma.

Wort für Wort
vaśyā bhavanti dhairyeṇa
gefügig werden sie durch Festigkeit (Nom.Pl./Instr.)
na vā rājño na saṃśayaḥ
nicht [?] des Königs, kein Zweifel (Gen.; Nom.)
dhairyavāñ śriyam āpnoti
der Feste erlangt Glanz/Glück (Nom.; Akk.; 3.Sg.Präs.)
dhairyād dharmo vivardhate
aus Festigkeit wächst das Dharma (Abl.; Nom.; 3.Sg.Präs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Erste Vershälfte im Text unklar (na vā rājño); Wiedergabe unsicher.

ārogyāc ca śarīrasya sa punar vindate śriyam

Und durch die Gesundheit des Körpers gewinnt er wieder Glanz.

Wort für Wort
ārogyāc ca śarīrasya
und durch die Gesundheit des Körpers (Abl.; Gen.)
sa punar vindate śriyam
er gewinnt wiederum Glanz/Glück (Nom.; 3.Sg.Präs.; Akk.)

yasya rājño narās tāta sāttvikīṃ vṛttim āsthitāḥ; tasya sthairyaṃ ca dhairyaṃ ca vyavasāyaś ca karmasu

Bei welchem König, mein Lieber, die Männer zu sattvischem Verhalten Zuflucht genommen haben, dessen ist Beständigkeit und Festigkeit und Entschlossenheit in den Werken.

Wort für Wort
yasya rājño narās tāta
in dessen König Männer, Lieber (Gen.; Nom.Pl.; Vok.)
sāttvikīṃ vṛttim āsthitāḥ
zu sattvischem Verhalten hingetreten (Akk.f.; Part.Nom.Pl.)
tasya sthairyaṃ ca dhairyaṃ ca
dessen Beständigkeit und Festigkeit (Nom.n.)
vyavasāyaś ca karmasu
und Entschlossenheit in den Werken (Nom.; Lok.Pl.)

atraivodāharantīmam itihāsaṃ purātanam; balivāsavasaṃvādaṃ punar eva yudhiṣṭhira

Hierzu führt man diese alte Geschichte an, das Gespräch zwischen Bali und Vāsava, Yudhiṣṭhira, noch einmal.

Wort für Wort
atraivodāharantīmam
gerade hierzu führt man an diese (3.Pl.Präs.; Akk.)
itihāsaṃ purātanam
Geschichte, alte (Akk.)
balivāsavasaṃvādaṃ
das Gespräch zwischen Bali und Vāsava (Akk., Kompositum)
punar eva yudhiṣṭhira
wiederum eben, Yudhiṣṭhira (Adv.; Vok.)

vṛtte devāsure yuddhe daityadānavasaṃkṣaye; viṣṇukrānteṣu lokeṣu devarāje śatakratau

Als der Krieg zwischen Göttern und Asuras vorüber war, die Daityas und Dānavas vernichtet waren, die Welten von Viṣṇu durchschritten waren und Śatakratu König der Götter war,

Wort für Wort
vṛtte devāsure yuddhe
als der Götter-Asura-Krieg geschehen war (Lok.abs.)
daityadānavasaṃkṣaye
bei Vernichtung der Daityas und Dānavas (Lok.abs.)
viṣṇukrānteṣu lokeṣu
als die Welten von Viṣṇu durchschritten waren (Lok.abs.)
devarāje śatakratau
als Śatakratu Götterkönig war (Lok.abs.)

ijyamāneṣu deveṣu cāturvarṇye vyavasthite; samṛdhyamāne trailokye prītiyukte svayaṃbhuvi

als den Göttern geopfert wurde, die vier Stände geordnet waren, die Dreiwelt gedieh und der Selbstentstandene erfreut war,

Wort für Wort
ijyamāneṣu deveṣu
als den Göttern geopfert wurde (Lok.abs.Pass.)
cāturvarṇye vyavasthite
als die Vierständeordnung feststand (Lok.abs.)
samṛdhyamāne trailokye
als die Dreiwelt gedieh (Lok.abs.)
prītiyukte svayaṃbhuvi
als der Selbstentstandene erfreut war (Lok.abs.)

rudrair vasubhir ādityair aśvibhyām api carṣibhiḥ; gandharvair bhujagendraiś ca siddhaiś cānyair vṛtaḥ prabhuḥ

umgeben von Rudras, Vasus, Ādityas, den beiden Aśvin und auch von Ṛṣis, von Gandharvas, Schlangenfürsten, Siddhas und anderen – der Herr –

Wort für Wort
rudrair vasubhir ādityair
von Rudras, Vasus, Ādityas (Instr.Pl.)
aśvibhyām api carṣibhiḥ
auch von den beiden Aśvin und den Ṛṣis (Instr.Du.; Instr.Pl.)
gandharvair bhujagendraiś ca
von Gandharvas und Schlangenfürsten (Instr.Pl.)
siddhaiś cānyair vṛtaḥ prabhuḥ
und von Siddhas, anderen umgeben, der Herr (Part.Nom.; Nom.)

caturdantaṃ sudāntaṃ ca vāraṇendraṃ śriyā vṛtam; āruhyairāvataṃ śakras trailokyam anusaṃyayau

bestieg Śakra Airāvata, den Elefantenfürsten, vierzähnig, wohlgezähmt und von Glanz umgeben, und durchzog die Dreiwelt.

Wort für Wort
caturdantaṃ sudāntaṃ ca
den Vierzahnigen und Wohlgezähmten (Akk.)
vāraṇendraṃ śriyā vṛtam
den Elefantenfürsten, von Glanz umgeben (Akk.; Instr.; Part.)
āruhyairāvataṃ śakras
Airāvata bestiegen habend, Śakra (Abs.; Akk.; Nom.)
trailokyam anusaṃyayau
durchzog die Dreiwelt (Perf. 3.Sg.)

sa kadā cit samudrānte kasmiṃś cid girigahvare; baliṃ vairocaniṃ vajrī dadarśopasasarpa ca

Als er einmal am Meeresrand in einer Berghöhle Bali, den Sohn des Virocana, erblickte, trat der Vajraträger zu ihm hin.

Wort für Wort
sa kadā cit samudrānte
er einmal am Rand des Meeres (Nom.; Lok.)
kasmiṃś cid girigahvare
in irgendeiner Berghöhle (Lok.)
baliṃ vairocaniṃ vajrī
Bali Vairocani, der Vajraträger (Akk.; Nom.)
dadarśopasasarpa ca
sah und trat heran (Perf. 3.Sg.)

tam airāvatamūrdhasthaṃ prekṣya devagaṇair vṛtam; surendram indraṃ daityendro na śuśoca na vivyathe

Als der Daityafürst ihn, auf Airāvatas Haupt sitzend, von Götterscharen umgeben sah, den Götterfürsten Indra, trauerte er nicht und zitterte nicht.

Wort für Wort
tam airāvatamūrdhasthaṃ
ihn, der auf Airāvatas Haupt steht (Akk.)
prekṣya devagaṇair vṛtam
gesehen habend, von Götterscharen umgeben (Abs.; Part.)
surendram indraṃ daityendro
den Götterfürsten Indra, der Daityafürst (Akk.; Nom.)
na śuśoca na vivyathe
trauerte nicht, zitterte nicht (Perf. 3.Sg.)

dṛṣṭvā tam avikārasthaṃ tiṣṭhantaṃ nirbhayaṃ balim; adhirūḍho dvipaśreṣṭham ity uvāca śatakratuḥ

Als er Bali unverändert, furchtlos dastehen sah, sprach Śatakratu, auf den besten der Elefanten gestiegen, so:

Wort für Wort
dṛṣṭvā tam avikārasthaṃ
gesehen habend ihn, unverändert (Abs.; Akk.)
tiṣṭhantaṃ nirbhayaṃ balim
der dasteht, furchtlos, Bali (Part.Akk.)
adhirūḍho dvipaśreṣṭham
aufgestiegen auf den besten Elefanten (Part.Nom.; Akk.)
ity uvāca śatakratuḥ
so sprach Śatakratu (Perf. 3.Sg.)

daitya na vyathase śauryād atha vā vṛddhasevayā; tapasā bhāvitatvād vā sarvathaitat suduṣkaram

„Daitya, du zitterst nicht – aus Tapferkeit oder durch Dienst an den Alten oder weil du durch Askese [innerlich] gefestigt bist; in jedem Fall ist das sehr schwer.“

Wort für Wort
daitya na vyathase
Daitya, du zitterst nicht (Vok.; 2.Sg.Präs.)
śauryād atha vā vṛddhasevayā
aus Tapferkeit oder durch Dienst an Alten (Abl.; Instr.)
tapasā bhāvitatvād vā
oder weil durch Askese geläutert/gefestigt (Instr.; Abl.)
sarvathaitat suduṣkaram
auf jeden Fall ist dies sehr schwer (Adv.; Nom.n.)

śatrubhir vaśam ānīto hīnaḥ sthānād anuttamāt; vairocane kim āśritya śocitavye na śocasi

„Von Feinden unterworfen, von deinem unübertroffenen Rang gestürzt – worauf gestützt trauerst du nicht, Vairocana, wo es doch Grund zum Trauern gibt?“

Wort für Wort
śatrubhir vaśam ānīto
von Feinden in [deren] Gewalt gebracht (Instr.; Part.)
hīnaḥ sthānād anuttamāt
beraubt des unübertroffenen Ranges (Part.; Abl.)
vairocane kim āśritya
Vairocana, was zur Stütze genommen habend (Vok.; Abs.)
śocitavye na śocasi
obwohl zu betrauern, trauerst du nicht (Lok.; 2.Sg.Präs.)

śraiṣṭhyaṃ prāpya svajātīnāṃ bhuktvā bhogān anuttamān; hṛtasvabalarājyas tvaṃ brūhi kasmān na śocasi

„Nachdem du unter deinesgleichen die Höchststellung erlangt und unübertroffene Genüsse genossen hast, nun deines Heeres und Reiches beraubt – sag, warum trauerst du nicht?“

Wort für Wort
śraiṣṭhyaṃ prāpya svajātīnāṃ
Vorrang erlangt habend unter den eigenen Verwandten (Akk.; Abs.; Gen.)
bhuktvā bhogān anuttamān
genossen habend unübertroffene Genüsse (Abs.; Akk.)
hṛtasvabalarājyas tvaṃ
du, dem eigenes Heer und Reich geraubt wurde (Nom.)
brūhi kasmān na śocasi
sag, warum trauerst du nicht (Imp.; Abl.; 2.Sg.)

īśvaro hi purā bhūtvā pitṛpaitāmahe pade; tat tvam adya hṛtaṃ dṛṣṭvā sapatnaiḥ kiṃ na śocasi

„Einst warst du Herr auf dem Platz deines Vaters und Großvaters; wenn du ihn jetzt von Rivalen geraubt siehst – warum trauerst du nicht?“

Wort für Wort
īśvaro hi purā bhūtvā
denn früher Herr gewesen seiend (Nom.; Abs.)
pitṛpaitāmahe pade
auf dem väter- und großväterlichen Platz (Lok.)
tat tvam adya hṛtaṃ dṛṣṭvā
diesen nun geraubt gesehen habend (Akk.; Abs.)
sapatnaiḥ kiṃ na śocasi
von Rivalen – warum trauerst du nicht (Instr.; 2.Sg.Präs.)

baddhaś ca vāruṇaiḥ pāśair vajreṇa ca samāhataḥ; hṛtadāro hṛtadhano brūhi kasmān na śocasi

„Auch mit Varuṇas Schlingen gefesselt und mit dem Vajra geschlagen, der Frauen und des Reichtums beraubt – sag, warum trauerst du nicht?“

Wort für Wort
baddhaś ca vāruṇaiḥ pāśair
und gefesselt mit varunischen Schlingen (Part.; Instr.Pl.)
vajreṇa ca samāhataḥ
und mit dem Vajra geschlagen (Instr.; Part.)
hṛtadāro hṛtadhano
dem Frau geraubt, dem Reichtum geraubt (Nom., Bahuvrīhi)
brūhi kasmān na śocasi
sag, warum trauerst du nicht (Imp.; 2.Sg.Präs.)

bhraṣṭaśrīr vibhavabhraṣṭo yan na śocasi duṣkaram; trailokyarājyanāśe hi ko 'nyo jīvitum utsahet

„Des Glanzes und der Macht beraubt – dass du nicht trauerst, ist schwer [zu verstehen]; wer sonst könnte beim Verlust der Herrschaft über die drei Welten weiterleben wollen?“

Wort für Wort
bhraṣṭaśrīr vibhavabhraṣṭo
von Glanz abgefallen, von Macht abgefallen (Nom., Bahuvrīhi)
yan na śocasi duṣkaram
dass du nicht trauerst, ist schwer (Nom.n.)
trailokyarājyanāśe hi
denn beim Verlust der Herrschaft über die Dreiwelt (Lok.)
ko 'nyo jīvitum utsahet
wer sonst würde zu leben wagen (Inf.; Opt. 3.Sg.)

etac cānyac ca paruṣaṃ bruvantaṃ paribhūya tam; śrutvā sukham asaṃbhrānto balir vairocano 'bravīt

Als Bali Vairocana ihn dies und anderes Grobe sagen hörte und ihn dabei geringschätzig behandelte, sprach er, gelassen und unverwirrt:

Wort für Wort
etac cānyac ca paruṣaṃ
dies und anderes Hartes (Akk.n.)
bruvantaṃ paribhūya tam
ihn, der sprach, verachtet habend (Part.Akk.; Abs.)
śrutvā sukham asaṃbhrānto
gehört habend, mühelos unverwirrt (Abs.; Adv.; Nom.)
balir vairocano 'bravīt
Bali Vairocana sprach (Nom.; Impf. 3.Sg.)

nigṛhīte mayi bhṛśaṃ śakra kiṃ katthitena te; vajram udyamya tiṣṭhantaṃ paśyāmi tvāṃ puraṃdara

„Da ich, Śakra, hart niedergehalten bin, was nützt dein Prahlen? Ich sehe dich, Puraṃdara, mit erhobenem Vajra dastehen.“

Wort für Wort
nigṛhīte mayi bhṛśaṃ śakra
da ich fest gepackt bin, Śakra (Lok.abs.; Adv.; Vok.)
kiṃ katthitena te
was [nützt] dein Prahlen (Instr.; Gen.)
vajram udyamya tiṣṭhantaṃ
den Vajra erhoben habend dastehend (Abs.; Part.Akk.)
paśyāmi tvāṃ puraṃdara
ich sehe dich, Burgenzerstörer (1.Sg.Präs.; Vok.)

aśaktaḥ pūrvam āsīs tvaṃ kathaṃ cic chaktatāṃ gataḥ; kas tvad anya imā vācaḥ sukrūrā vaktum arhati

„Früher warst du machtlos; irgendwie bist du zur Macht gelangt. Wer außer dir dürfte solch überaus grausame Worte sprechen?“

Wort für Wort
aśaktaḥ pūrvam āsīs tvaṃ
machtlos warst du früher (Nom.; Impf. 2.Sg.)
kathaṃ cic chaktatāṃ gataḥ
irgendwie zur Machtfülle gelangt (Akk.; Part.)
kas tvad anya imā vācaḥ
wer außer dir diese Worte (Nom.; Akk.Pl.)
sukrūrā vaktum arhati
sehr grausame zu sprechen vermag/darf (Inf.; 3.Sg.Präs.)

yas tu śatror vaśasthasya śakto 'pi kurute dayām; hastaprāptasya vīrasya taṃ caiva puruṣaṃ viduḥ

„Wer aber gegenüber dem Feind, der in seiner Gewalt ist, obwohl mächtig, Mitleid übt, gegenüber einem Helden, der ihm in die Hand gefallen ist – den kennt man als [wahren] Mann.“

Wort für Wort
yas tu śatror vaśasthasya
wer aber gegenüber dem in seiner Gewalt befindlichen Feind (Gen.)
śakto 'pi kurute dayām
obwohl fähig, übt Mitleid (Nom.; 3.Sg.Med.)
hastaprāptasya vīrasya
gegenüber dem in die Hand gelangten Helden (Gen.)
taṃ caiva puruṣaṃ viduḥ
den kennt man wahrlich als Mann (Akk.; 3.Pl.Perf.)

aniścayo hi yuddheṣu dvayor vivadamānayoḥ; ekaḥ prāpnoti vijayam ekaś caiva parābhavam

„Denn in Kämpfen ist der Ausgang ungewiss für zwei, die miteinander streiten: der eine erlangt den Sieg, der andere die Niederlage.“

Wort für Wort
aniścayo hi yuddheṣu
denn Ungewissheit in Kämpfen (Nom.; Lok.Pl.)
dvayor vivadamānayoḥ
für zwei Streitende (Gen.Du.)
ekaḥ prāpnoti vijayam
der eine erlangt Sieg (3.Sg.Präs.; Akk.)
ekaś caiva parābhavam
und der eine Niederlage (Akk.)

mā ca te bhūt svabhāvo 'yaṃ mayā daivatapuṃgava; īśvaraḥ sarvabhūtānāṃ vikrameṇa jito balāt

„Und dieser Hang soll dir nicht kommen, Stier der Götter: ‚Der Herr aller Wesen wurde von mir [?] durch Tapferkeit mit Gewalt besiegt.‘“

Wort für Wort
mā ca te bhūt svabhāvo 'yaṃ
und nicht sei dir diese Wesensart (Prohib.Aor.; Nom.)
mayā daivatapuṃgava
durch mich [?], Stier der Götter (Instr.; Vok.)
īśvaraḥ sarvabhūtānāṃ
der Herr aller Wesen (Nom.; Gen.Pl.)
vikrameṇa jito balāt
durch Tapferkeit besiegt, mit Gewalt (Instr.; Part.; Abl.)

Syntax der Strophe unsicher: mayā (Instr.) ist mit jitaḥ schwer vereinbar, wenn der besiegte īśvaraḥ Bali ist; Wiedergabe tentativ.

naitad asmatkṛtaṃ śakra naitac chakra tvayā kṛtam; yat tvam evaṃgato vajrin yad vāpy evaṃgatā vayam

„Dies ist nicht von uns getan, Śakra, und dies, Śakra, nicht von dir getan: dass du, Vajraträger, so weit gekommen bist und dass wir so weit gekommen sind.“

Wort für Wort
naitad asmatkṛtaṃ śakra
dies ist nicht von uns getan, Śakra (Part.; Vok.)
naitac chakra tvayā kṛtam
dies ist nicht von dir getan, Śakra (Instr.; Part.)
yat tvam evaṃgato vajrin
dass du so gelangt bist, Vajraträger (Part.; Vok.)
yad vāpy evaṃgatā vayam
und dass auch wir so gelangt sind (Nom.Pl.)

aham āsaṃ yathādya tvaṃ bhavitā tvaṃ yathā vayam; māvamaṃsthā mayā karma duṣkṛtaṃ kṛtam ity uta

„Ich war, wie du heute bist; du wirst werden, wie wir [jetzt sind]. Halte nicht gering: ‚Von mir wurde eine schlechte Tat getan‘ – so [sagt man].“

Wort für Wort
aham āsaṃ yathādya tvaṃ
ich war, wie du heute [bist] (Impf. 1.Sg.)
bhavitā tvaṃ yathā vayam
du wirst sein, wie wir (Fut.Periphr. 2.Sg.)
māvamaṃsthā
verachte nicht (Prohib.Aor. 2.Sg.Med.)
mayā karma duṣkṛtaṃ kṛtam ity uta
‚durch mich wurde die Tat, eine Untat, getan‘, so gar (Instr.; Part.)

Der Sinn von māvamaṃsthā … ity uta (Objekt und Sprecher der zitierten Worte) ist mehrdeutig.

sukhaduḥkhe hi puruṣaḥ paryāyeṇādhigacchati; paryāyeṇāsi śakratvaṃ prāptaḥ śakra na karmaṇā

„Glück und Leid erlangt der Mensch im Wechsel; im Wechsel bist du zur Indra-Würde gelangt, Śakra, nicht durch Tat.“

Wort für Wort
sukhaduḥkhe hi puruṣaḥ
denn Glück und Leid der Mensch (Akk.Du.; Nom.)
paryāyeṇādhigacchati
erlangt im Wechsel (Instr.; 3.Sg.Präs.)
paryāyeṇāsi śakratvaṃ
im Wechsel bist du zur Śakra-Würde [gelangt] (Instr.; 2.Sg.Präs.)
prāptaḥ śakra na karmaṇā
gelangt, Śakra, nicht durch Tat (Part.; Vok.; Instr.)

kālaḥ kāle nayati māṃ tvāṃ ca kālo nayaty ayam; tenāhaṃ tvaṃ yathā nādya tvaṃ cāpi na yathā vayam

„Die Zeit führt mich zur [rechten] Zeit, und dich führt diese Zeit; darum bin ich heute nicht wie du [jetzt], und auch du bist nicht wie wir [einst].“

Wort für Wort
kālaḥ kāle nayati māṃ
die Zeit führt zur Zeit mich (Nom.; Lok.; 3.Sg.Präs.)
tvāṃ ca kālo nayaty ayam
und dich führt die Zeit hier (Akk.; Nom.)
tenāhaṃ tvaṃ yathā nādya
darum [bin] ich heute nicht wie du
tvaṃ cāpi na yathā vayam
und auch du [bist] nicht wie wir

na mātṛpitṛśuśrūṣā na ca daivatapūjanam; nānyo guṇasamācāraḥ puruṣasya sukhāvahaḥ

„Nicht der Dienst an Mutter und Vater, nicht die Verehrung der Götter, nicht ein anderes tugendhaftes Verhalten bringt dem Menschen Glück.“

Wort für Wort
na mātṛpitṛśuśrūṣā
nicht Dienst an Mutter und Vater (Nom.f.)
na ca daivatapūjanam
und nicht Götterverehrung (Nom.n.)
nānyo guṇasamācāraḥ
nicht ein anderes tugendhaftes Verhalten (Nom.)
puruṣasya sukhāvahaḥ
für den Menschen glückbringend (Gen.; Nom.)

na vidyā na tapo dānaṃ na mitrāṇi na bāndhavāḥ; śaknuvanti paritrātuṃ naraṃ kālena pīḍitam

„Weder Wissen noch Askese noch Gabe, weder Freunde noch Verwandte vermögen den Menschen zu retten, der von der Zeit gequält wird.“

Wort für Wort
na vidyā na tapo dānaṃ
nicht Wissen, nicht Askese, Gabe (Nom.)
na mitrāṇi na bāndhavāḥ
nicht Freunde, nicht Verwandte (Nom.Pl.)
śaknuvanti paritrātuṃ
vermögen zu retten (3.Pl.Präs.; Inf.)
naraṃ kālena pīḍitam
den Mann, von der Zeit gequält (Akk.; Instr.; Part.)

nāgāminam anarthaṃ hi pratighātaśatair api; śaknuvanti prativyoḍhum ṛte buddhibalān narāḥ

„Ein kommendes Unheil vermögen Menschen selbst mit hundert Gegenmitteln nicht abzuwehren, außer durch die Kraft des Verstandes.“

Wort für Wort
nāgāminam anarthaṃ hi
denn kommendes Unheil (Akk.)
pratighātaśatair api
selbst mit hundert Gegenmaßnahmen (Instr.Pl.)
śaknuvanti prativyoḍhum
vermögen abzuwehren (3.Pl.Präs.; Inf.)
ṛte buddhibalān narāḥ
außer durch die Kraft des Verstandes, Menschen (Abl.; Nom.Pl.)

paryāyair hanyamānānāṃ paritrātā na vidyate; idaṃ tu duḥkhaṃ yac chakra kartāham iti manyate

„Für die, die im Wechsel [der Zeiten] erschlagen werden, gibt es keinen Retter; das aber ist das Leid, Śakra, dass einer meint: ‚Ich bin der Täter.‘“

Wort für Wort
paryāyair hanyamānānāṃ
der im Wechsel Erschlagenen (Instr.Pl.; Part.Pass.Gen.)
paritrātā na vidyate
ein Retter ist nicht vorhanden (Nom.; 3.Sg.Pass.)
idaṃ tu duḥkhaṃ yac chakra
dies aber ist das Leid, dass, Śakra (Nom.; Vok.)
kartāham iti manyate
‚ich [bin] Täter‘ so meint man (3.Sg.Med.)

yadi kartā bhavet kartā na kriyeta kadā cana; yasmāt tu kriyate kartā tasmāt kartāpy anīśvaraḥ

„Wenn der Täter wirklich Täter wäre, würde er niemals [selbst] gemacht; weil der Täter aber gemacht wird, ist der Täter nicht Herr.“

Wort für Wort
yadi kartā bhavet kartā
wenn der Täter Täter wäre (Opt. 3.Sg.)
na kriyeta kadā cana
würde er niemals gemacht (Opt.Pass. 3.Sg.)
yasmāt tu kriyate kartā
weil aber der Täter gemacht wird (Pass. 3.Sg.Präs.)
tasmāt kartāpy anīśvaraḥ
deshalb ist auch der Täter nicht Herr (Nom.)

kālena tvāham ajayaṃ kālenāhaṃ jitas tvayā; gantā gatimatāṃ kālaḥ kālaḥ kalayati prajāḥ

„Durch die Zeit habe ich dich besiegt, durch die Zeit bin ich von dir besiegt worden; die Zeit ist der Wanderer unter den Wandernden, die Zeit treibt/ordnet die Geschöpfe [?].“

Wort für Wort
kālena tvāham ajayaṃ
durch die Zeit besiegte ich dich (Instr.; Impf. 1.Sg.)
kālenāhaṃ jitas tvayā
durch die Zeit bin ich von dir besiegt (Part.; Instr.)
gantā gatimatāṃ kālaḥ
der Gehende unter den Gehenden ist die Zeit (Nom.; Gen.Pl.)
kālaḥ kalayati prajāḥ
die Zeit treibt/berechnet die Geschöpfe [?] (3.Sg.Präs.; Akk.Pl.)

kalayati: ‚antreiben, ordnen, zählen, verzehren‘; die Wahl ist unsicher.

indra prākṛtayā buddhyā pralapan nāvabudhyase; ke cit tvāṃ bahu manyante śraiṣṭhyaṃ prāptaṃ svakarmaṇā

„Indra, mit gewöhnlichem Verstand schwatzend begreifst du es nicht; manche halten dich für sehr [bedeutend], weil du durch eigene Tat die Höchststellung erlangt hast.“

Wort für Wort
indra prākṛtayā buddhyā
Indra, mit gewöhnlichem Verstand (Vok.; Instr.)
pralapan nāvabudhyase
schwatzend begreifst du nicht (Part.; 2.Sg.Präs.Med.)
ke cit tvāṃ bahu manyante
manche halten dich für sehr [wichtig] (3.Pl.Präs.)
śraiṣṭhyaṃ prāptaṃ svakarmaṇā
der Vorrang erreicht hat durch eigenes Tun (Akk.; Part.; Instr.)

katham asmadvidho nāma jānaṃl lokapravṛttayaḥ; kālenābhyāhataḥ śocen muhyed vāpy arthasaṃbhrame

„Wie sollte einer wie ich, der den Lauf der Welt kennt, von der Zeit getroffen, trauern oder in der Verwirrung um Dinge verwirrt sein?“

Wort für Wort
katham asmadvidho nāma
wie einer wie wir (Adv.; Nom.)
jānaṃl lokapravṛttayaḥ
der kennt die Abläufe der Welt (Part.; Akk.Pl.)
kālenābhyāhataḥ śocen
von der Zeit getroffen, sollte er trauern (Part.; Opt.)
muhyed vāpy arthasaṃbhrame
oder verwirrt werden bei Wirrnis der Dinge (Opt.; Lok.)

nityaṃ kālaparītasya mama vā madvidhasya vā; buddhir vyasanam āsādya bhinnā naur iva sīdati

„Für mich, der ich stets von der Zeit umfangen bin, oder für einen wie mich: Der Verstand, ins Unglück geraten, sinkt wie ein zerbrochenes Schiff.“

Wort für Wort
nityaṃ kālaparītasya
des stets von der Zeit Umfangenen (Adv.; Gen.)
mama vā madvidhasya vā
meiner oder eines wie ich (Gen.)
buddhir vyasanam āsādya
der Verstand, Unglück erreicht habend (Nom.; Akk.; Abs.)
bhinnā naur iva sīdati
sinkt wie ein zerbrochenes Schiff (Part.f.; Nom.f.; 3.Sg.Präs.)

Der Vers steht in Spannung zum Kontext (Bali behauptet Gelassenheit); mögliche Lesart als Aussage über den gewöhnlichen Verstand.

ahaṃ ca tvaṃ ca ye cānye bhaviṣyanti surādhipāḥ; te sarve śakra yāsyanti mārgam indraśatair gatam

„Ich und du und die anderen, die Götterherrscher sein werden – sie alle, Śakra, werden den Weg gehen, den Hunderte von Indras gegangen sind.“

Wort für Wort
ahaṃ ca tvaṃ ca ye cānye
ich und du und die anderen, die (Nom.)
bhaviṣyanti surādhipāḥ
sein werden, Götterherrscher (Fut. 3.Pl.; Nom.Pl.)
te sarve śakra yāsyanti
sie alle, Śakra, werden gehen (Fut. 3.Pl.)
mārgam indraśatair gatam
den von Hunderten Indras gegangenen Weg (Akk.; Instr.; Part.)

tvām apy evaṃ sudurdharṣaṃ jvalantaṃ parayā śriyā; kāle pariṇate kālaḥ kālayiṣyati mām iva

„Auch dich, so schwer zu bezwingen, in höchstem Glanz strahlend, wird die Zeit, wenn die Zeit gereift ist, forttreiben wie mich.“

Wort für Wort
tvām apy evaṃ sudurdharṣaṃ
auch dich, so schwer zu Bezwingenden (Akk.)
jvalantaṃ parayā śriyā
der du strahlst in höchstem Glanz (Part.; Instr.)
kāle pariṇate kālaḥ
wenn die Zeit gereift ist, die Zeit (Lok.abs.; Nom.)
kālayiṣyati mām iva
wird forttreiben, wie mich (Fut. 3.Sg.; Akk.)

bahūnīndrasahasrāṇi daiteyānāṃ yuge yuge; abhyatītāni kālena kālo hi duratikramaḥ

Viele Tausende von Indras der Daityas sind Zeitalter um Zeitalter von der Zeit dahingegangen; denn die Zeit ist schwer zu überschreiten.

Wort für Wort
bahūni indrasahasrāṇi
viele Tausende von Indras (Nom.Pl.n.)
daiteyānāṃ yuge yuge
der Daityas, Zeitalter um Zeitalter (Gen.Pl./Lok. distributiv)
abhyatītāni kālena
sind dahingegangen durch die Zeit (Part.Perf.Pass./Instr.)
kālo hi duratikramaḥ
denn die Zeit ist schwer zu überschreiten (Nom.Sg.m./Adj.)

idaṃ tu labdhvā tvaṃ sthānam ātmānaṃ bahu manyase; sarvabhūtabhavaṃ devaṃ brahmāṇam iva śāśvatam

Weil du aber diese Stätte erlangt hast, hältst du dich selbst für überaus bedeutend, für den Gott, den Ursprung aller Wesen, gleichsam wie den ewigen Brahmā.

Wort für Wort
idaṃ tu labdhvā tvaṃ sthānam
diese Stätte aber erlangt habend, du (Abs./Nom.)
ātmānaṃ bahu manyase
dich selbst hältst du für hoch (Akk./2.Sg.Med.Präs.)
sarvabhūtabhavaṃ devam
den Gott, Ursprung aller Wesen (Akk.Sg.m., Kompositum)
brahmāṇam iva śāśvatam
gleichsam wie den ewigen Brahmā (Akk.Sg.m.)

Syntax der zweiten Zeile: Akkusative als zweites Objekt von manyase (‚für … halten‘).

na cedam acalaṃ sthānam anantaṃ vāpi kasya cit; tvaṃ tu bāliśayā buddhyā mamedam iti manyase

Und diese Stätte ist für niemanden unerschütterlich oder unendlich; du aber meinst mit kindischem Verstand: „Dies gehört mir.“

Wort für Wort
na ca idam acalaṃ sthānam
und diese Stätte ist nicht unerschütterlich (Nom.Sg.n.)
anantaṃ vā api kasya cit
noch unendlich für irgendjemanden (Gen.Sg.)
tvaṃ tu bāliśayā buddhyā
du aber mit kindischem Verstand (Instr.Sg.f.)
mama idam iti manyase
„Dies ist mein“, so meinst du (Gen./2.Sg.Med.)

aviśvāsye viśvasiṣi manyase cādhruvaṃ dhruvam

Du vertraust dem, dem man nicht trauen darf, und hältst das Unbeständige für beständig.

Wort für Wort
aviśvāsye viśvasiṣi
du vertraust auf das nicht Vertrauenswürdige (Lok.n./2.Sg.Präs.)
manyase ca adhruvaṃ dhruvam
und du hältst das Unbeständige für beständig (2.Sg./Akk.Sg.n.)

nityaṃ kālaparītātmā bhavaty evaṃ sureśvara

Stets ist man, von der Zeit im Innersten umschlossen, so, Herr der Götter.

Wort für Wort
nityaṃ kālaparītātmā
stets von der Zeit umfangen im Selbst (Adv./Kompositum, Nom.Sg.m.)
bhavati evaṃ
man ist so (3.Sg.Präs./Adv.)
sureśvara
Herr der Götter (Vok.Sg.m.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; Sinn der Zeile knapp und teils unsicher.

mameyam iti mohāt tvaṃ rājaśriyam abhīpsasi

„Dies gehört mir“, so begehrst du in Verblendung die Königsherrlichkeit.

Wort für Wort
mama iyam iti
„dies ist mein“, so (Gen.Sg./Nom.Sg.f./iti)
mohāt tvam
aus Verblendung du (Abl.Sg.m./Nom.)
rājaśriyam abhīpsasi
die Königsherrlichkeit begehrst du (Akk.Sg.f./2.Sg.Desid.)

neyaṃ tava na cāsmākaṃ na cānyeṣāṃ sthirā matā; atikramya bahūn anyāṃs tvayi tāvad iyaṃ sthitā

Diese gilt weder dir noch uns noch anderen als beständig; nachdem sie viele andere hinter sich gelassen hat, steht sie nun bei dir.

Wort für Wort
na iyaṃ tava na ca asmākam
nicht diese [gilt] dir, noch uns (Gen.Sg./Gen.Pl.)
na ca anyeṣāṃ sthirā matā
noch anderen als beständig angesehen (Gen.Pl./Part.Perf.Pass.f.)
atikramya bahūn anyān
viele andere überschritten habend (Abs./Akk.Pl.m.)
tvayi tāvat iyaṃ sthitā
bei dir einstweilen diese steht (Lok./Adv./Part.Perf.Pass.f.)

kaṃ cit kālam iyaṃ sthitvā tvayi vāsava cañcalā; gaur nipānam ivotsṛjya punar anyaṃ gamiṣyati

Nachdem sie eine Weile bei dir verweilt hat, Vāsava, wird die Unstete dich verlassen und wie eine Kuh die Tränke zu einem anderen gehen.

Wort für Wort
kaṃ cit kālam iyaṃ sthitvā
irgendeine Zeit diese verweilt habend (Akk./Abs.)
tvayi vāsava cañcalā
bei dir, Vāsava, die Unstete (Lok./Vok./Nom.Sg.f.)
gaur nipānam iva utsṛjya
wie eine Kuh eine Tränke verlassend (Nom.Sg.f./Akk.Sg.n./Abs.)
punar anyaṃ gamiṣyati
wieder zu einem anderen wird sie gehen (Fut.3.Sg.)

rājalokā hy atikrāntā yān na saṃkhyātum utsahe; tvatto bahutarāś cānye bhaviṣyanti puraṃdara

Denn Königsscharen sind dahingegangen, die ich nicht zu zählen vermag; und mehr als du werden andere sein, Puraṃdara.

Wort für Wort
rājalokāḥ hi atikrāntāḥ
Königsscharen sind ja vergangen (Nom.Pl.m./Part.Perf.Pass.)
yān na saṃkhyātum utsahe
die zu zählen ich nicht imstande bin (Akk.Pl./Inf./1.Sg.Med.)
tvattaḥ bahutarāḥ ca anye
und mehr als du andere (Abl./Kompar.Nom.Pl.)
bhaviṣyanti puraṃdara
werden sein, Puraṃdara (3.Pl.Fut./Vok.)

savṛkṣauṣadhiratneyaṃ sasaritparvatākarā; tān idānīṃ na paśyāmi yair bhukteyaṃ purā mahī

Diese Erde mit Bäumen, Kräutern und Juwelen, mit Flüssen, Bergen und Fundstätten: jene sehe ich jetzt nicht, von denen diese Erde einst genossen wurde.

Wort für Wort
savṛkṣauṣadhiratnā iyam
diese mit Bäumen, Kräutern, Juwelen (Nom.Sg.f., Bahuvrīhi)
sasaritparvatākarā
mit Flüssen, Bergen, Minen (Nom.Sg.f., Bahuvrīhi)
tān idānīṃ na paśyāmi
jene sehe ich jetzt nicht (Akk.Pl./1.Sg.Präs.)
yaiḥ bhuktā iyaṃ purā mahī
von denen genossen diese Erde einst (Instr.Pl./Part.Perf.Pass.f./Nom.Sg.f.)

pṛthur ailo mayo bhaumo narakaḥ śambaras tathā; aśvagrīvaḥ pulomā ca svarbhānur amitadhvajaḥ

Pṛthu, Aila, Maya, Bhauma, Naraka und Śambara, ebenso Aśvagrīva, Pulomān, Svarbhānu, Amitadhvaja,

Wort für Wort
pṛthuḥ ailaḥ mayaḥ bhaumaḥ
Pṛthu, Aila, Maya, Bhauma (Nom.Sg.m., Namen)
narakaḥ śambaraḥ tathā
Naraka, Śambara, ebenso (Nom.Sg.m.)
aśvagrīvaḥ pulomā ca
Aśvagrīva und Pulomān (Nom.Sg.m.)
svarbhānuḥ amitadhvajaḥ
Svarbhānu, Amitadhvaja (Nom.Sg.m.)

Namenliste der Daitya-/Dānava-Herrscher; Fortsetzung in den folgenden Versen.

prahrādo namucir dakṣo vipracittir virocanaḥ; hrīniṣedhaḥ suhotraś ca bhūrihā puṣpavān vṛṣaḥ

Prahrāda, Namuci, Dakṣa, Vipracitti, Virocana, Hrīniṣedha, Suhotra, Bhūrihan, Puṣpavān, Vṛṣa,

Wort für Wort
prahrādaḥ namuciḥ dakṣaḥ
Prahrāda, Namuci, Dakṣa (Nom.Sg.m.)
vipracittiḥ virocanaḥ
Vipracitti, Virocana (Nom.Sg.m.)
hrīniṣedhaḥ suhotraḥ ca
Hrīniṣedha und Suhotra (Nom.Sg.m.)
bhūrihā puṣpavān vṛṣaḥ
Bhūrihan, Puṣpavān, Vṛṣa (Nom.Sg.m.)

satyeṣur ṛṣabho rāhuḥ kapilāśvo virūpakaḥ; bāṇaḥ kārtasvaro vahnir viśvadaṃṣṭro 'tha nairṛtaḥ

Satyeṣu, Ṛṣabha, Rāhu, Kapilāśva, Virūpaka, Bāṇa, Kārtasvara, Vahni, Viśvadaṃṣṭra und Nairṛta,

Wort für Wort
satyeṣuḥ ṛṣabhaḥ rāhuḥ
Satyeṣu, Ṛṣabha, Rāhu (Nom.Sg.m.)
kapilāśvaḥ virūpakaḥ
Kapilāśva, Virūpaka (Nom.Sg.m.)
bāṇaḥ kārtasvaraḥ vahniḥ
Bāṇa, Kārtasvara, Vahni (Nom.Sg.m.)
viśvadaṃṣṭraḥ atha nairṛtaḥ
Viśvadaṃṣṭra und Nairṛta (Nom.Sg.m.)

ritthāhutthau vīratāmrau varāhāśvo ruciḥ prabhuḥ; viśvajit pratiśauriś ca vṛṣāṇḍo viṣkaro madhuḥ

Rittha und Ahuttha [?], Vīra und Tāmra, Varāhāśva, Ruci, Prabhu, Viśvajit, Pratiśauri, Vṛṣāṇḍa, Viṣkara, Madhu,

Wort für Wort
ritthāhutthau
Rittha und Ahuttha [?] (Nom.Du.m.)
vīratāmrau
Vīra und Tāmra (Nom.Du.m.)
varāhāśvaḥ ruciḥ prabhuḥ
Varāhāśva, Ruci, Prabhu (Nom.Sg.m.)
viśvajit pratiśauriḥ ca
Viśvajit und Pratiśauri (Nom.Sg.m.)
vṛṣāṇḍaḥ viṣkaraḥ madhuḥ
Vṛṣāṇḍa, Viṣkara, Madhu (Nom.Sg.m.)

Namensformen teils unsicher (ritthāhutthau).

hiraṇyakaśipuś caiva kaiṭabhaś caiva dānavaḥ; daityāś ca kālakhañjāś ca sarve te nairṛtaiḥ saha

Hiraṇyakaśipu und der Dānava Kaiṭabha, die Daityas und die Kālakhañjas, alle diese zusammen mit den Nairṛtas.

Wort für Wort
hiraṇyakaśipuḥ ca eva
und Hiraṇyakaśipu (Nom.Sg.m.)
kaiṭabhaḥ ca eva dānavaḥ
und Kaiṭabha, der Dānava (Nom.Sg.m.)
daityāḥ ca kālakhañjāḥ ca
die Daityas und die Kālakhañjas (Nom.Pl.m.)
sarve te nairṛtaiḥ saha
alle diese mit den Nairṛtas (Nom.Pl./Instr.Pl.)

ete cānye ca bahavaḥ pūrve pūrvatarāś ca ye; daityendrā dānavendrāś ca yāṃś cānyān anuśuśruma

Diese und viele andere, frühere und noch frühere, Daitya-Fürsten und Dānava-Fürsten, und wen wir sonst noch [darüber] gehört haben.

Wort für Wort
ete ca anye ca bahavaḥ
diese und viele andere (Nom.Pl.m.)
pūrve pūrvatarāḥ ca ye
frühere und noch frühere, welche (Nom.Pl.m./Kompar.)
daityendrāḥ dānavendrāḥ ca
Daitya-Fürsten und Dānava-Fürsten (Nom.Pl.m.)
yān ca anyān anuśuśruma
und welche anderen wir [gehört] haben (Akk.Pl./1.Pl.Perf.)

bahavaḥ pūrvadaityendrāḥ saṃtyajya pṛthivīṃ gatāḥ; kālenābhyāhatāḥ sarve kālo hi balavattaraḥ

Viele frühere Daitya-Fürsten haben die Erde verlassen und sind dahingegangen, alle von der Zeit niedergeschlagen; denn die Zeit ist übermächtiger.

Wort für Wort
bahavaḥ pūrvadaityendrāḥ
viele frühere Daitya-Fürsten (Nom.Pl.m.)
saṃtyajya pṛthivīṃ gatāḥ
die Erde verlassen habend gegangen (Abs./Akk.Sg.f./Part.Perf.Pass.)
kālena abhyāhatāḥ sarve
von der Zeit getroffen, alle (Instr./Part.Perf.Pass.Nom.Pl.)
kālaḥ hi balavattaraḥ
denn die Zeit ist stärker (Nom.Sg.m./Kompar.)

sarvaiḥ kratuśatair iṣṭaṃ na tvam ekaḥ śatakratuḥ; sarve dharmaparāś cāsan sarve satatasatriṇaḥ

Von allen wurden hundert Opfer dargebracht, nicht du allein bist Śatakratu; alle waren dem Dharma ergeben, alle beständige Opferer.

Wort für Wort
sarvaiḥ kratuśataiḥ iṣṭam
von allen wurde mit hundert Opfern geopfert (Instr.Pl./Part.Perf.Pass.n. unpers.)
na tvam ekaḥ śatakratuḥ
nicht du allein [bist] Śatakratu (Nom.Sg.)
sarve dharmaparāḥ ca āsan
alle waren dem Dharma ergeben (Nom.Pl./Impf.3.Pl.)
sarve satatasatriṇaḥ
alle beständige Opfersitzungs-Halter (Nom.Pl.m.)

antarikṣacarāḥ sarve sarve 'bhimukhayodhinaḥ; sarve saṃhananopetāḥ sarve parighabāhavaḥ

Alle waren Luftwandler, alle Kämpfer, die dem Feind entgegentreten, alle von gedrungenem, festem Körperbau, alle mit Armen wie eiserne Riegel.

Wort für Wort
antarikṣacarāḥ sarve
im Luftraum wandelnd, alle (Nom.Pl.m.)
sarve abhimukhayodhinaḥ
alle Kämpfer, die zugewandt kämpfen (Nom.Pl.m.)
sarve saṃhananopetāḥ
alle mit festem Körperbau versehen (Nom.Pl.m.)
sarve parighabāhavaḥ
alle mit riegelgleichen Armen (Nom.Pl.m., Bahuvrīhi)

sarve māyāśatadharāḥ sarve te kāmacāriṇaḥ; sarve samaram āsādya na śrūyante parājitāḥ

Alle trugen hundert Zauberkünste, alle bewegten sich nach Belieben; alle, wenn sie in den Kampf geraten, hört man nicht als besiegt.

Wort für Wort
sarve māyāśatadharāḥ
alle hundert Zauber tragend (Nom.Pl.m.)
sarve te kāmacāriṇaḥ
alle diese nach Belieben sich bewegend (Nom.Pl.m.)
sarve samaram āsādya
alle, den Kampf erreicht habend (Abs.)
na śrūyante parājitāḥ
man hört nicht, dass sie besiegt [wurden] (3.Pl.Pass./Part.Perf.Pass.)

sarve satyavrataparāḥ sarve kāmavihāriṇaḥ; sarve vedavrataparāḥ sarve cāsan bahuśrutāḥ

Alle waren der Wahrheit und ihren Gelübden ergeben, alle lebten nach Lust; alle waren den Veda-Gelübden ergeben, und alle waren vielgelehrt.

Wort für Wort
sarve satyavrataparāḥ
alle der Wahrheitsgelübde ergeben (Nom.Pl.m.)
sarve kāmavihāriṇaḥ
alle nach Lust umherwandelnd (Nom.Pl.m.)
sarve vedavrataparāḥ
alle den Veda-Gelübden ergeben (Nom.Pl.m.)
sarve ca āsan bahuśrutāḥ
und alle waren vielgelehrt (Impf.3.Pl./Nom.Pl.m.)

sarve saṃhatam aiśvaryam īśvarāḥ pratipedire; na caiśvaryamadas teṣāṃ bhūtapūrvo mahātmanām

Alle erlangten als Herrscher die gesammelte Herrschaft; doch war der Rausch der Herrschaft bei ihnen, den Hochgesinnten, nie vorhanden.

Wort für Wort
sarve saṃhatam aiśvaryam
alle die gesammelte Herrschaft (Akk.Sg.n.)
īśvarāḥ pratipedire
als Herren erlangten sie (Nom.Pl./Perf.3.Pl.Med.)
na ca aiśvaryamadaḥ teṣām
und kein Herrschaftsrausch bei ihnen (Nom.Sg.m./Gen.Pl.)
bhūtapūrvaḥ mahātmanām
je dagewesen bei den Hochgesinnten (Nom.Sg.m./Gen.Pl.)

sarve yathārthadātāraḥ sarve vigatamatsarāḥ; sarve sarveṣu bhūteṣu yathāvat pratipedire

Alle gaben angemessen Gaben, alle waren frei von Missgunst; alle verhielten sich gegenüber allen Wesen so, wie es gebührt.

Wort für Wort
sarve yathārthadātāraḥ
alle zweckgemäß Gebende (Nom.Pl.m.)
sarve vigatamatsarāḥ
alle frei von Missgunst (Nom.Pl.m.)
sarve sarveṣu bhūteṣu
alle gegenüber allen Wesen (Nom.Pl./Lok.Pl.)
yathāvat pratipedire
gebührend verhielten sie sich (Adv./Perf.3.Pl.Med.)

pratipedire in der zweiten Zeile: ‚sich verhalten gegenüber‘ wörtlich unsicher [?].

sarve dākṣāyaṇīputrāḥ prājāpatyā mahābalāḥ; jvalantaḥ pratapantaś ca kālena pratisaṃhṛtāḥ

Alle waren Söhne der Dākṣāyaṇī, Prajāpati-Abkömmlinge, überaus stark; leuchtend und glühend wurden sie von der Zeit zurückgenommen.

Wort für Wort
sarve dākṣāyaṇīputrāḥ
alle Söhne der Dākṣāyaṇī (Nom.Pl.m.)
prājāpatyāḥ mahābalāḥ
Prajāpati-Abkömmlinge, sehr stark (Nom.Pl.m.)
jvalantaḥ pratapantaḥ ca
leuchtend und glühend (Part.Präs.Nom.Pl.)
kālena pratisaṃhṛtāḥ
von der Zeit zurückgenommen (Instr./Part.Perf.Pass.)

tvaṃ caivemāṃ yadā bhuktvā pṛthivīṃ tyakṣyase punaḥ; na śakṣyasi tadā śakra niyantuṃ śokam ātmanaḥ

Und wenn du diese Erde genossen hast und sie wieder verlassen wirst, dann wirst du, Śakra, deinen Kummer nicht zügeln können.

Wort für Wort
tvaṃ ca iva imāṃ yadā bhuktvā
und wenn du diese genossen habend (Nom./Akk.Sg.f./Abs.)
pṛthivīṃ tyakṣyase punaḥ
die Erde wirst du wieder verlassen (Akk./Fut.2.Sg.Med.)
na śakṣyasi tadā śakra
nicht wirst du dann können, Śakra (Fut.2.Sg./Vok.)
niyantuṃ śokam ātmanaḥ
zu bezähmen den Kummer um dich selbst (Inf./Akk.Sg.m./Gen.)

muñcecchāṃ kāmabhogeṣu muñcemaṃ śrībhavaṃ madam; evaṃ svarājyanāśe tvaṃ śokaṃ saṃprasahiṣyasi

Lass von der Gier nach Sinnengenüssen, lass diesen aus Herrlichkeit geborenen Rausch; so wirst du beim Verlust deiner Herrschaft den Kummer ertragen.

Wort für Wort
muñca icchāṃ kāmabhogeṣu
lass die Gier nach Genüssen (Imp.2.Sg./Akk.Sg.f./Lok.Pl.)
muñca imaṃ śrībhavaṃ madam
lass diesen aus Śrī geborenen Rausch (Imp./Akk.Sg.m.)
evaṃ svarājyanāśe tvam
so, beim Verlust der eigenen Herrschaft, du (Lok.Sg.m./Nom.)
śokaṃ saṃprasahiṣyasi
den Kummer wirst du ertragen (Akk./Fut.2.Sg.)

śokakāle śuco mā tvaṃ harṣakāle ca mā hṛṣaḥ; atītānāgate hitvā pratyutpannena vartaya

Trauere zur Zeit der Trauer nicht, freue dich zur Zeit der Freude nicht; Vergangenes und Künftiges lassend, lebe im Gegenwärtigen.

Wort für Wort
śokakāle śucaḥ mā tvam
zur Trauerzeit trauere nicht (Lok./Aor.-Injunktiv 2.Sg. mit mā)
harṣakāle ca mā hṛṣaḥ
und zur Freudenzeit freue dich nicht (Lok./Injunktiv)
atīta-anāgate hitvā
Vergangenes und Künftiges aufgegeben habend (Akk.Du.n./Abs.)
pratyutpannena vartaya
im Gegenwärtigen richte dich [ein] (Instr.n./Imp.2.Sg.)

vartaya: eigentlich ‚lass dich verhalten/lebe‘, Kausativform mit mediumartiger Bedeutung.

māṃ ced abhyāgataḥ kālaḥ sadāyuktam atandritam; kṣamasva nacirād indra tvām apy upagamiṣyati

Wenn die Zeit mich ereilt hat, die stets bereite, unermüdliche, so sei es nachgesehen; nicht lange, Indra, wird sie auch zu dir kommen.

Wort für Wort
mām ced abhyāgataḥ kālaḥ
wenn mich die Zeit erreicht hat (Akk./Part.Perf.Nom.Sg.m.)
sadāyuktam atandritam
die stets Gerüstete, Unermüdliche [?] (Akk.Sg.m./Adj.)
kṣamasva na cirāt indra
dulde/verzeih, nicht lange danach, Indra (Imp.2.Sg.Med./Abl./Vok.)
tvām api upagamiṣyati
auch dich wird sie erreichen (Akk./Fut.3.Sg.)

Die Kasus in sadāyuktam atandritam (Akk.) sind grammatisch auffällig; Bezug unsicher.

trāsayann iva devendra vāgbhis takṣasi mām iha; saṃyate mayi nūnaṃ tvam ātmānaṃ bahu manyase

Als wolltest du mich erschrecken, Götterfürst, schmähst du mich hier mit Worten; da ich mich beherrsche, hältst du dich gewiss für überaus bedeutend.

Wort für Wort
trāsayan iva devendra
gleichsam erschreckend, Götterfürst (Part.Präs.Kaus./Vok.)
vāgbhiḥ takṣasi mām iha
mit Worten behaust du mich hier (Instr.Pl./2.Sg.Präs./Akk.)
saṃyate mayi nūnam
da ich mich zügle, gewiss (Part.Präs.Lok. abs./Lok./Adv.)
tvam ātmānaṃ bahu manyase
du hältst dich für hoch (Akk./2.Sg.Med.)

takṣasi wörtlich ‚du behaust/zimmerst‘; hier sinngemäß ‚zerhackst mit Worten, setzt zu‘ [?].

kālaḥ prathamam āyān māṃ paścāt tvām anudhāvati; tena garjasi devendra pūrvaṃ kālahate mayi

Die Zeit kam zuerst zu mir, danach läuft sie dir nach; darum brüllst du, Götterfürst, weil ich zuvor von der Zeit erschlagen bin.

Wort für Wort
kālaḥ prathamam āyān mām
die Zeit kam zuerst zu mir (Nom./Impf.-Part. bzw. 3.Sg./Akk.)
paścāt tvām anudhāvati
danach läuft sie dir nach (Adv./Akk./3.Sg.Präs.)
tena garjasi devendra
darum brüllst du, Götterfürst (Instr./2.Sg./Vok.)
pūrvaṃ kālahate mayi
da ich zuvor von der Zeit erschlagen bin (Adv./Lok.abs.)

ko hi sthātum alaṃ loke kruddhasya mama saṃyuge; kālas tu balavān prāptas tena tiṣṭhasi vāsava

Wer in der Welt wäre imstande, mir im Kampf standzuhalten, wenn ich zornig bin? Doch die mächtige Zeit ist gekommen; deshalb bleibst du bestehen, Vāsava.

Wort für Wort
kaḥ hi sthātum alaṃ loke
wer wäre denn fähig zu bestehen in der Welt (Nom./Inf./Lok.)
kruddhasya mama saṃyuge
meiner, des Zornigen, im Kampf (Gen.Sg.m./Lok.)
kālaḥ tu balavān prāptaḥ
die Zeit aber, mächtig, ist gekommen (Nom./Part.Perf.Pass.)
tena tiṣṭhasi vāsava
darum stehst du da, Vāsava (Instr./2.Sg./Vok.)

yat tad varṣasahasrāntaṃ pūrṇaṃ bhavitum arhati; yathā me sarvagātrāṇi nasvasthāni hataujasaḥ

Was nach tausend Jahren voll [geworden] sein müsste [?], so dass alle meine Glieder nicht gesund, meiner Kraft beraubt sind.

Wort für Wort
yat tat varṣasahasrāntam
jenes, dessen Ende tausend Jahre sind (Nom.Sg.n., Bahuvrīhi)
pūrṇaṃ bhavitum arhati
voll zu sein verdient/müsste (Part.Perf.Pass./Inf./3.Sg.)
yathā me sarvagātrāṇi
so dass mir alle Glieder (Konj./Gen./Nom.Pl.n.)
na svasthāni hataujasaḥ
nicht gesund, der Kraft beraubt (Nom.Pl.n./Nom.Sg.m.)

Verderbte oder sehr elliptische Stelle; Sinn unsicher. hataujasaḥ (Nom.Sg.m.) bezieht sich vermutlich auf den Sprecher.

aham aindrac cyutaḥ sthānāt tvam indraḥ prakṛto divi; sucitre jīvaloke 'sminn upāsyaḥ kālaparyayāt

Ich bin von der indrischen Stätte gestürzt, du bist als Indra im Himmel eingesetzt; in dieser bunten Welt der Lebenden ist man durch den Umschwung der Zeit zu verehren.

Wort für Wort
aham aindrāt cyutaḥ sthānāt
ich bin von der indrischen Stätte gestürzt (Nom./Abl.Sg.n./Part.Perf.Pass.)
tvam indraḥ prakṛtaḥ divi
du bist als Indra eingesetzt im Himmel (Nom./Part.Perf.Pass./Lok.)
sucitre jīvaloke asmin
in dieser sehr bunten Lebenswelt (Lok.Sg.m.)
upāsyaḥ kālaparyayāt
zu verehren durch den Umschwung der Zeit (Gerundiv/Abl.Sg.m.)

Letzte Zeile syntaktisch knapp; ‚upāsyaḥ‘ vermutlich ‚wird verehrt/bedient‘ [?].

kiṃ hi kṛtvā tvam indro 'dya kiṃ hi kṛtvā cyutā vayam; kālaḥ kartā vikartā ca sarvam anyad akāraṇam

Was hast du denn getan, dass du heute Indra bist, und was haben wir getan, dass wir gestürzt sind? Die Zeit ist Wirkende und Umwandelnde; alles andere ist ohne Grund.

Wort für Wort
kiṃ hi kṛtvā tvam indraḥ adya
was getan habend bist du heute Indra (Abs./Nom.)
kiṃ hi kṛtvā cyutāḥ vayam
was getan habend sind wir gestürzt (Abs./Part.Perf.Pass./Nom.Pl.)
kālaḥ kartā vikartā ca
die Zeit ist Macher und Umgestalter (Nom.Sg.m.)
sarvam anyat akāraṇam
alles andere ist ohne Ursache (Nom.Sg.n./Adj.)

nāśaṃ vināśam aiśvaryaṃ sukhaduḥkhe bhavābhavau; vidvān prāpyaivam atyarthaṃ na prahṛṣyen na ca vyathet

Untergang, Vernichtung, Herrschaft, Glück und Leid, Werden und Vergehen: wenn der Wissende dies so gründlich erfasst hat, soll er sich weder übermäßig freuen noch betrüben.

Wort für Wort
nāśaṃ vināśam aiśvaryam
Verlust, Vernichtung, Herrschaft (Akk.Sg.m./n.)
sukhaduḥkhe bhavābhavau
Glück und Leid, Werden und Vergehen (Akk.Du.n./m.)
vidvān prāpya evam atyartham
der Wissende, so [dies] erfasst habend, sehr (Nom.Sg.m./Abs./Adv.)
na prahṛṣyet na ca vyathet
soll sich nicht freuen und nicht betrüben (Opt.3.Sg.)

tvam eva hīndra vetthāsmān vedāhaṃ tvāṃ ca vāsava; vikatthase māṃ kiṃ baddhaṃ kālena nirapatrapa

Du kennst uns, Indra, und ich kenne dich, Vāsava; was prahlst du vor mir, der ich von der Zeit gebunden bin, du Schamloser?

Wort für Wort
tvam eva hi indra vettha asmān
du selbst kennst uns ja, Indra (Nom./Perf.2.Sg./Akk.Pl.)
veda aham tvāṃ ca vāsava
und ich kenne dich, Vāsava (Perf.1.Sg./Akk./Vok.)
vikatthase māṃ kim
was prahlst du vor mir (2.Sg.Med.Präs./Akk./Interr.)
baddhaṃ kālena nirapatrapa
gebunden von der Zeit, Schamloser (Part.Perf.Pass./Instr./Vok.)

tvam eva hi purā vettha yat tadā pauruṣaṃ mama; samareṣu ca vikrāntaṃ paryāptaṃ tan nidarśanam

Du selbst weißt ja von früher, was damals meine Mannhaftigkeit war, und meine Tapferkeit in den Kämpfen; das ist Beweis genug.

Wort für Wort
tvam eva hi purā vettha
du selbst weißt ja von früher (Nom./Adv./Perf.2.Sg.)
yat tadā pauruṣaṃ mama
was damals meine Mannhaftigkeit [war] (Akk.Sg.n./Gen.)
samareṣu ca vikrāntam
und in den Kämpfen die Tapferkeit (Lok.Pl./Akk.Sg.n.)
paryāptaṃ tat nidarśanam
genügend ist dies als Beleg (Nom.Sg.n./Nom.Sg.n.)

ādityāś caiva rudrāś ca sādhyāś ca vasubhiḥ saha; mayā vinirjitāḥ sarve marutaś ca śacīpate

Ādityas und Rudras, Sādhyas samt den Vasus und die Maruts wurden alle von mir besiegt, Gatte der Śacī.

Wort für Wort
ādityāḥ ca eva rudrāḥ ca
Ādityas und Rudras (Nom.Pl.m.)
sādhyāḥ ca vasubhiḥ saha
und Sādhyas mit den Vasus (Nom.Pl./Instr.Pl.)
mayā vinirjitāḥ sarve
von mir besiegt, alle (Instr./Part.Perf.Pass.Nom.Pl.)
marutaḥ ca śacīpate
und die Maruts, Herr der Śacī (Nom.Pl./Vok.)

tvam eva śakra jānāsi devāsurasamāgame; sametā vibudhā bhagnās tarasā samare mayā

Du selbst weißt es, Śakra, bei der Begegnung von Göttern und Asuras: die versammelten Götter wurden im Kampf von mir mit Wucht zerschmettert.

Wort für Wort
tvam eva śakra jānāsi
du selbst weißt es, Śakra (Nom./Vok./2.Sg.Präs.)
devāsurasamāgame
bei der Begegnung von Göttern und Asuras (Lok.Sg.m.)
sametāḥ vibudhāḥ bhagnāḥ
die versammelten Götter wurden gebrochen (Nom.Pl.m./Part.Perf.Pass.)
tarasā samare mayā
mit Wucht im Kampf von mir (Instr./Lok./Instr.)

parvatāś cāsakṛt kṣiptāḥ savanāḥ savanaukasaḥ; saṭaṅkaśikharā ghorāḥ samare mūrdhni te mayā

Auch wurden Berge von mir immer wieder geschleudert, samt Wäldern und Waldbewohnern, furchtbar, mit Felsspitzen [?], im Kampf auf dein Haupt.

Wort für Wort
parvatāḥ ca asakṛt kṣiptāḥ
und Berge wurden wiederholt geschleudert (Nom.Pl.m./Adv./Part.Perf.Pass.)
savanāḥ savanaukasaḥ
mit Wäldern, mit Waldbewohnern (Nom.Pl.m.)
saṭaṅkaśikharāḥ ghorāḥ
mit Meißel-/Felsgipfeln, furchtbar (Nom.Pl.m.)
samare mūrdhni te mayā
im Kampf auf dein Haupt von mir (Lok./Lok./Gen.Sg./Instr.)

saṭaṅka: ‚Meißel, Felskante‘; Bedeutung im Kompositum unsicher.

kiṃ nu śakyaṃ mayā kartuṃ yat kālo duratikramaḥ; na hi tvāṃ notsahe hantuṃ savajram api muṣṭinā

Was kann ich tun, da die Zeit schwer zu überwinden ist? Denn ich wäre durchaus imstande, dich, sogar den Vajra-Träger, mit der Faust zu töten.

Wort für Wort
kiṃ nu śakyaṃ mayā kartum
was ist von mir zu tun möglich (Interr./Nom.Sg.n./Instr./Inf.)
yat kālaḥ duratikramaḥ
da die Zeit schwer zu überschreiten ist (Konj./Nom.Sg.m.)
na hi tvāṃ na utsahe hantum
denn nicht bin ich nicht fähig, dich zu töten (Akk./1.Sg.Med./Inf.)
savajram api muṣṭinā
sogar mit Vajra, mit der Faust (Akk.Sg.m./Instr.Sg.m.)

na tu vikramakālo 'yaṃ kṣamākālo 'yam āgataḥ; tena tvā marṣaye śakra durmarṣaṇataras tvayā

Dies ist aber nicht die Zeit der Tapferkeit, die Zeit der Nachsicht ist gekommen; darum ertrage ich dich, Śakra, der ich unduldsamer bin als du.

Wort für Wort
na tu vikramakālaḥ ayam
dies aber ist nicht die Zeit der Tapferkeit (Nom.Sg.m.)
kṣamākālaḥ ayam āgataḥ
dies ist die Zeit der Nachsicht, gekommen (Nom.Sg.m./Part.Perf.)
tena tvā marṣaye śakra
darum dulde ich dich, Śakra (Instr./Akk./1.Sg.Präs.Kaus./Vok.)
durmarṣaṇataraḥ tvayā
unduldsamer als du (Nom.Sg.m./Kompar./Instr.)

tvaṃ mā pariṇate kāle parītaṃ kālavahninā; niyataṃ kālapāśena baddhaṃ śakra vikatthase

Mich, der ich zur Reifezeit von Kālas Feuer umschlossen und von Kālas Schlinge fest gebunden bin, verhöhnst du, Śakra.

Wort für Wort
tvaṃ mā pariṇate kāle
du mich, da die Zeit gereift ist (Nom./Akk./Lok.abs.)
parītaṃ kālavahninā
umfangen vom Feuer der Zeit (Part.Perf.Pass./Instr.Sg.m.)
niyataṃ kālapāśena baddham
fest mit der Schlinge der Zeit gebunden (Part./Instr./Part.Perf.Pass.)
śakra vikatthase
Śakra, du prahlst/verhöhnst (Vok./2.Sg.Med.)

pariṇate kāle: ‚wenn die Zeit gereift ist‘ oder ‚im Verlauf der Zeit‘.

ayaṃ sa puruṣaḥ śyāmo lokasya duratikramaḥ; baddhvā tiṣṭhati māṃ raudraḥ paśuṃ raśanayā yathā

„Dieser dunkle Puruṣa, für die Welt schwer zu überwinden, der Furchtbare, hält mich gefesselt wie ein Opfertier mit dem Strick.“

Wort für Wort
ayaṃ sa puruṣaḥ śyāmaḥ
dieser Puruṣa, der dunkle (Nom.Sg.m.)
lokasya duratikramaḥ
für die Welt schwer zu überwinden (Gen./Nom.Sg.m.)
baddhvā tiṣṭhati māṃ raudraḥ
hält mich gefesselt, der Furchtbare (Abs./3.Sg.Präs./Nom.)
paśuṃ raśanayā yathā
wie ein Opfertier mit dem Strick (Akk./Instr.Sg.)

lābhālābhau sukhaṃ duḥkhaṃ kāmakrodhau bhavābhavau; vadho bandhaḥ pramokṣaś ca sarvaṃ kālena labhyate

„Gewinn und Verlust, Glück und Leid, Begehren und Zorn, Werden und Vergehen, Tötung, Fesselung und Befreiung – alles wird durch die Zeit erlangt.“

Wort für Wort
lābhālābhau
Gewinn und Verlust (Nom.Du.)
sukhaṃ duḥkhaṃ
Glück, Leid (Nom.Sg.n.)
kāmakrodhau bhavābhavau
Begehren und Zorn, Werden und Vergehen (Nom.Du.)
vadho bandhaḥ pramokṣaś ca
Tötung, Fesselung und Befreiung (Nom.Sg.m.)
sarvaṃ kālena labhyate
alles wird durch die Zeit erlangt (Nom.Sg.n./Instr./3.Sg.Pass.)

nāhaṃ kartā na kartā tvaṃ kartā yas tu sadā prabhuḥ; so 'yaṃ pacati kālo māṃ vṛkṣe phalam ivāgatam

„Nicht ich bin der Täter, nicht du bist der Täter; Täter ist der, der stets der Herr ist; dieser Kāla kocht mich wie eine am Baum herangereifte Frucht.“

Wort für Wort
nāhaṃ kartā na kartā tvaṃ
nicht ich [bin] Täter, nicht [bist] du Täter (Nom.Sg.)
kartā yas tu sadā prabhuḥ
Täter ist der, der stets Herr ist (Nom.Sg.)
so 'yaṃ pacati kālo māṃ
dieser Kāla kocht mich (3.Sg.Präs./Nom./Akk.)
vṛkṣe phalam ivāgatam
wie eine am Baum [herangereifte] Frucht (Lok./Nom.Sg.n., Part.Perf.Pass.)

yāny eva puruṣaḥ kurvan sukhaiḥ kālena yujyate; punas tāny eva kurvāṇo duḥkhaiḥ kālena yujyate

„Was immer ein Mensch tut, wird er dabei von der Zeit mit Freuden verbunden; eben dasselbe wiederum tuend, wird er von der Zeit mit Leiden verbunden.“

Wort für Wort
yāny eva puruṣaḥ kurvan
was auch immer der Mensch tut (Akk.Pl.n./Nom.Sg./Part.Präs.)
sukhaiḥ kālena yujyate
wird mit Freuden von der Zeit verbunden (Instr.Pl./Instr.Sg./3.Sg.Pass.)
punas tāny eva kurvāṇo
wiederum eben dies tuend (Adv./Akk.Pl.n./Part.Präs.Med.)
duḥkhaiḥ kālena yujyate
mit Leiden von der Zeit verbunden (Instr.Pl./3.Sg.Pass.)

na ca kālena kālajñaḥ spṛṣṭaḥ śocitum arhati; tena śakra na śocāmi nāsti śoke sahāyatā

„Und der Zeitkundige, von der Zeit berührt, darf nicht trauern; deshalb, Śakra, trauere ich nicht; im Kummer gibt es keine Hilfe.“

Wort für Wort
na ca kālena kālajñaḥ spṛṣṭaḥ
und nicht [darf] der Zeitkundige, von der Zeit berührt (Nom.Sg.m./Instr./Part.Perf.Pass.)
śocitum arhati
trauern darf/soll er (Inf./3.Sg.Präs.)
tena śakra na śocāmi
deshalb, Śakra, trauere ich nicht (Instr.-Adv./Vok./1.Sg.Präs.)
nāsti śoke sahāyatā
im Kummer gibt es keine Hilfe (3.Sg.Präs./Lok.Sg./Nom.Sg.f.)

yadā hi śocatāṃ śoko vyasanaṃ nāpakarṣati; sāmarthyaṃ śocato nāsti nādya śocāmy ahaṃ tataḥ

„Denn wenn für die Trauernden der Kummer das Unglück nicht wegzieht [und] dem Trauernden keine Kraft [dadurch] zukommt, deshalb trauere ich heute nicht.“

Wort für Wort
yadā hi śocatāṃ śokaḥ
wenn nämlich für die Trauernden der Kummer (Gen.Pl.Part./Nom.Sg.m.)
vyasanaṃ nāpakarṣati
das Unglück nicht wegzieht (Akk.Sg.n./3.Sg.Präs.)
sāmarthyaṃ śocato nāsti
Kraft für den Trauernden ist nicht (Nom.Sg.n./Gen.Sg.Part./3.Sg.Präs.)
nādya śocāmy ahaṃ tataḥ
heute trauere ich deshalb nicht (Adv./1.Sg.Präs./Adv.)

evam uktaḥ sahasrākṣo bhagavān pākaśāsanaḥ; pratisaṃhṛtya saṃrambham ity uvāca śatakratuḥ

So angesprochen, sprach der tausendäugige erhabene Pākaśāsana, der Śatakratu, nachdem er seinen Ungestüm zurückgenommen hatte, Folgendes:

Wort für Wort
evam uktaḥ sahasrākṣo
so angesprochen, der Tausendäugige (Part.Perf.Pass./Nom.Sg.m.)
bhagavān pākaśāsanaḥ
der Erhabene, Pākaśāsana [Indra] (Nom.Sg.m.)
pratisaṃhṛtya saṃrambham
nachdem er den Ungestüm zurückgenommen hatte (Abs./Akk.Sg.m.)
ity uvāca śatakratuḥ
so sprach Śatakratu (Perf.3.Sg./Nom.Sg.m.)

savajram udyataṃ bāhuṃ dṛṣṭvā pāśāṃś ca vāruṇān; kasyeha na vyathed buddhir mṛtyor api jighāṃsataḥ

„Beim Anblick des mit dem Vajra erhobenen Armes und der Schlingen Varuṇas – wessen Verstand würde hier nicht zittern, wenn selbst der Tod ihn töten wollte?“

Wort für Wort
savajram udyataṃ bāhuṃ
den erhobenen Arm mit dem Vajra (Akk.Sg.m.)
dṛṣṭvā pāśāṃś ca vāruṇān
gesehen habend, und die Schlingen Varuṇas (Abs./Akk.Pl.m.)
kasyeha na vyathed buddhir
wessen Verstand würde hier nicht zittern (Gen./Opt.3.Sg./Nom.Sg.f.)
mṛtyor api jighāṃsataḥ
selbst wenn der Tod töten wollte (Gen.Sg./Part.Des.Gen.Sg.)

Konstruktion des zweiten Halbverses (Gen. abs.) sinngemäß wiedergegeben.

sā te na vyathate buddhir acalā tattvadarśinī; bruvan na vyathase sa tvaṃ vākyaṃ satyaparākrama

„Dieser dein Verstand zittert nicht, [er ist] unerschütterlich, die Wahrheit schauend; auch im Reden erbebst du nicht, du, dessen Tapferkeit in der Wahrheit liegt, [mit deiner] Rede.“

Wort für Wort
sā te na vyathate buddhir
dieser dein Verstand zittert nicht (Nom.Sg.f./Gen./3.Sg.Präs.)
acalā tattvadarśinī
unerschütterlich, die Wahrheit schauend (Nom.Sg.f.)
bruvan na vyathase sa tvaṃ
redend zitterst du nicht, eben du (Part.Präs./2.Sg.Präs./Nom.)
vākyaṃ satyaparākrama
[deine] Rede, du wahrhaft Tapferer (Akk.Sg.n./Vok.)

Zweiter Halbvers syntaktisch knapp; „vākyaṃ“ frei ergänzt.

ho hi viśvāsam artheṣu śarīre vā śarīrabhṛt; kartum utsahate loke dṛṣṭvā saṃprasthitaṃ jagat

„Wer in der Welt könnte wohl, als Verkörperter, Vertrauen in Besitz oder in den Körper fassen, wenn er die dahinziehende Welt sieht?“

Wort für Wort
ho hi viśvāsam artheṣu
wer [wohl] Vertrauen in Dingen/Besitz (Text: ho, wohl für ko) (Nom./Akk.Sg.m./Lok.Pl.)
śarīre vā śarīrabhṛt
oder im Körper, der Verkörperte (Lok.Sg./Nom.Sg.m.)
kartum utsahate loke
zu fassen wagt in der Welt (Inf./3.Sg.Präs./Lok.Sg.)
dṛṣṭvā saṃprasthitaṃ jagat
nachdem er die dahinziehende Welt gesehen hat (Abs./Part.Perf.Pass./Akk.Sg.n.)

„ho hi“ wohl verderbt für „ko hi“; so gedeutet.

aham apy evam evainaṃ lokaṃ jānāmy aśāśvatam; kālāgnāv āhitaṃ ghore guhye satatage 'kṣare

„Auch ich kenne diese Welt so als unbeständig, hineingelegt in das furchtbare, verborgene, stets fortschreitende, [unvergängliche][?] Feuer der Zeit.“

Wort für Wort
aham apy evam evainaṃ
auch ich, ebenso, diese [Welt] (Nom./Adv./Akk.Sg.m.)
lokaṃ jānāmy aśāśvatam
Welt kenne ich als nicht ewig (Akk.Sg.m./1.Sg.Präs./Akk.)
kālāgnāv āhitaṃ ghore
in das Zeitfeuer gelegt, im furchtbaren (Lok.Sg./Part.Perf.Pass./Lok.Sg.)
guhye satatage 'kṣare
im verborgenen, stets wandernden, unvergänglichen (Lok.Sg.)

Bezug der Lokative auf kālāgni; Deutung von „akṣare“ unsicher.

na cātra parihāro 'sti kālaspṛṣṭasya kasya cit; sūkṣmāṇāṃ mahatāṃ caiva bhūtānāṃ paripacyatām

„Und hier gibt es für keinen von der Zeit Berührten eine Ausnahme, [weder] für die kleinen noch für die großen Wesen, die [dort] gargekocht werden.“

Wort für Wort
na cātra parihāro 'sti
und hier gibt es keine Ausnahme (Nom.Sg.m./3.Sg.Präs.)
kālaspṛṣṭasya kasya cit
für irgendeinen von der Zeit Berührten (Gen.Sg.m.)
sūkṣmāṇāṃ mahatāṃ caiva
der kleinen und der großen (Gen.Pl.)
bhūtānāṃ paripacyatām
Wesen, die gargekocht werden (Gen.Pl./Part.Präs.Pass.Gen.Pl.)

anīśasyāpramattasya bhūtāni pacataḥ sadā; anivṛttasya kālasya kṣayaṃ prāpto na mucyate

„Wer dem Untergang verfallen ist, wird von der Zeit nicht freigelassen, die keinen Herrn über sich hat, nie nachlässig ist, stets die Wesen kocht und nie umkehrt.“

Wort für Wort
anīśasyāpramattasya
der Herrenlosen, Unachtsamkeitsfreien (Gen.Sg.m.)
bhūtāni pacataḥ sadā
die stets die Wesen kocht (Akk.Pl./Part.Präs.Gen.Sg.)
anivṛttasya kālasya
der Zeit, die nie umkehrt (Gen.Sg.m.)
kṣayaṃ prāpto na mucyate
wer den Untergang erreicht hat, wird nicht befreit (Akk./Part.Perf.Pass./3.Sg.Pass.)

apramattaḥ pramatteṣu kālo jāgarti dehiṣu; prayatnenāpy atikrānto dṛṣṭapūrvo na kena cit

„Wachsam unter den Nachlässigen wacht die Zeit über die Verkörperten; dass jemand sie, [auch] mit Anstrengung, überwunden hätte, ist von niemandem je gesehen worden.“

Wort für Wort
apramattaḥ pramatteṣu
wachsam unter den Nachlässigen (Nom.Sg.m./Lok.Pl.)
kālo jāgarti dehiṣu
die Zeit wacht über die Verkörperten (Nom.Sg./3.Sg.Präs./Lok.Pl.)
prayatnenāpy atikrāntaḥ
selbst durch Anstrengung überschritten (Instr.Sg./Part.Perf.Pass.)
dṛṣṭapūrvo na kena cit
je gesehen worden ist [es] von niemandem (Nom.Sg.m./Instr.)

Zweiter Halbvers: sinngemäß, „kālaḥ“ als Subjekt des Überschreitens zu ergänzen: die Zeit wurde von niemandem je [durch Anstrengung] überwunden gesehen.

purāṇaḥ śāśvato dharmaḥ sarvaprāṇabhṛtāṃ samaḥ; kālo na parihāryaś ca na cāsyāsti vyatikramaḥ

„Uralt [und] ewig ist das Gesetz, [das] allen Lebewesen gleich [gilt]; die Zeit ist nicht abzuwenden, und für sie gibt es keine Übertretung.“

Wort für Wort
purāṇaḥ śāśvato dharmaḥ
uralt, ewig ist das Gesetz (Nom.Sg.m.)
sarvaprāṇabhṛtāṃ samaḥ
allen Lebewesen gleich (Gen.Pl./Nom.Sg.m.)
kālo na parihāryaś ca
und die Zeit ist nicht abzuwenden (Nom.Sg./Gerundiv)
na cāsyāsti vyatikramaḥ
und für sie gibt es keine Übertretung (Gen.Sg./3.Sg.Präs./Nom.Sg.m.)

ahorātrāṃś ca māsāṃś ca kṣaṇān kāṣṭhāḥ kalā lavān; saṃpiṇḍayati naḥ kālo vṛddhiṃ vārdhuṣiko yathā

„Tage und Nächte, Monate, Augenblicke, Kāṣṭhās, Kalās und Lavas häuft die Zeit für uns an, wie ein Wucherer den Zins.“

Wort für Wort
ahorātrāṃś ca māsāṃś ca
Tage-und-Nächte und Monate (Akk.Pl.m.)
kṣaṇān kāṣṭhāḥ kalā lavān
Augenblicke, Kāṣṭhās, Kalās, Lavas (Akk.Pl.)
saṃpiṇḍayati naḥ kālo
häuft an für uns die Zeit (3.Sg.Präs./Gen.Pl./Nom.Sg.)
vṛddhiṃ vārdhuṣiko yathā
wie ein Wucherer den Zins (Akk.Sg.f./Nom.Sg.m.)

idam adya kariṣyāmi śvaḥ kartāsmīti vādinam; kālo harati saṃprāpto nadīvega ivoḍupam

„‚Dies werde ich heute tun, morgen werde ich [jenes] tun‘ – den so Redenden trägt die Zeit, wenn sie herankommt, fort, wie der Flusslauf ein Floß.“

Wort für Wort
idam adya kariṣyāmi
dies werde ich heute tun (Akk./Adv./1.Sg.Fut.)
śvaḥ kartāsmīti vādinam
morgen werde ich [es] tun – so Sagenden (Adv./Periphr.Fut.1.Sg./Akk.Sg.m.)
kālo harati saṃprāptaḥ
die Zeit trägt fort, herangekommen (Nom./3.Sg.Präs./Part.Perf.Pass.)
nadīvega ivoḍupam
wie die Strömung des Flusses ein Floß (Nom.Sg.m./Akk.Sg.n.)

idānīṃ tāvad evāsau mayā dṛṣṭaḥ kathaṃ mṛtaḥ; iti kālena hriyatāṃ pralāpaḥ śrūyate nṛṇām

„‚Eben jetzt habe ich ihn noch gesehen; wie ist er tot?‘ – so hört man das Gejammer der Menschen, die von der Zeit fortgerissen werden.“

Wort für Wort
idānīṃ tāvad evāsau
eben jetzt, gerade dieser (Adv./Nom.Sg.m.)
mayā dṛṣṭaḥ kathaṃ mṛtaḥ
von mir gesehen – wie tot? (Instr./Part.Perf.Pass./Part.Perf.Pass.)
iti kālena hriyatāṃ
so, von der Zeit fortgetragenen (Instr.Sg./Part.Präs.Pass.Gen.Pl.)
pralāpaḥ śrūyate nṛṇām
Gejammer wird gehört von Menschen (Nom.Sg.m./3.Sg.Pass./Gen.Pl.)

naśyanty arthās tathā bhogāḥ sthānam aiśvaryam eva ca; anityam adhruvaṃ sarvaṃ vyavasāyo hi duṣkaraḥ

„Güter und Genüsse, Stand und Herrschaft vergehen; alles ist unbeständig, nicht fest; Entschlossenheit [dagegen] ist schwer [?].“

Wort für Wort
naśyanty arthās tathā bhogāḥ
es vergehen Güter und Genüsse (3.Pl.Präs./Nom.Pl.m.)
sthānam aiśvaryam eva ca
Stand und Herrschaft (Nom.Sg.n.)
anityam adhruvaṃ sarvaṃ
unbeständig, nicht fest ist alles (Nom.Sg.n.)
vyavasāyo hi duṣkaraḥ
Entschlossenheit ist ja schwer (Nom.Sg.m.)

Sinn des letzten Pādas im Zusammenhang unsicher.

jīvitaṃ jīvalokasya kālenāgamya nīyate

Das Leben der Lebewesenwelt wird, von der Zeit erfasst, [hinweg]geführt.

Wort für Wort
jīvitaṃ jīvalokasya
das Leben der Welt der Lebenden (Nom.Sg.n./Gen.Sg.m.)
kālenāgamya nīyate
von der Zeit herangekommen, wird [hin]geführt (Instr./Abs./3.Sg.Pass.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

ahaṃ sukhīti nityaṃ ca manasāpi na cintayet

„‚Ich bin glücklich‘ – so soll man beständig nicht einmal im Geist denken.“

Wort für Wort
ahaṃ sukhīti nityaṃ ca
‚ich bin glücklich‘ – so, und beständig (Nom./Adv.)
manasāpi na cintayet
nicht einmal im Geist möge man denken (Instr./Opt.3.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

ucchrāyā vinipātāntā bhāvo 'bhāvastha eva ca

„Erhebungen enden im Sturz, und das Sein hat im Nichtsein seinen Stand.“

Wort für Wort
ucchrāyā vinipātāntā
Erhebungen, deren Ende der Sturz ist (Nom.Pl.m.)
bhāvo 'bhāvastha eva ca
und das Sein, im Nichtsein stehend (Nom.Sg.m.)

sā te na vyathate buddhir acalā tattvadarśinī; aham āsaṃ purā ceti manasāpi na budhyase

„Dieser dein Verstand zittert nicht, [er ist] unerschütterlich, die Wahrheit schauend; ‚Ich war früher [so]‘ – das begreifst du nicht einmal im Geist [?].“

Wort für Wort
sā te na vyathate buddhir
dieser dein Verstand zittert nicht (Nom.Sg.f./Gen./3.Sg.Präs.)
acalā tattvadarśinī
unerschütterlich, die Wahrheit schauend (Nom.Sg.f.)
aham āsaṃ purā ceti
‚ich war früher‘ und so (Nom./Impf.1.Sg./Adv.)
manasāpi na budhyase
nicht einmal im Geist begreifst du (Instr./2.Sg.Präs.)

Deutung des zweiten Halbverses unsicher.

kālenākramya loke 'smin pacyamāne balīyasā; ajyeṣṭham akaniṣṭhaṃ ca kṣipyamāṇo na budhyase

„Da du in dieser Welt, die von der stärkeren Zeit überwältigt gekocht wird, umhergeworfen wirst, nimmst du weder einen Ältesten noch einen Jüngsten wahr.“

Wort für Wort
kālenākramya loke 'smin
von der Zeit überfallen, in dieser Welt (Instr./Abs./Lok.Sg.)
pacyamāne balīyasā
die gekocht wird von der Stärkeren (Part.Präs.Pass.Lok./Instr.Sg.)
ajyeṣṭham akaniṣṭhaṃ ca
ohne Ältesten und ohne Jüngsten (Akk.Sg.m.)
kṣipyamāṇo na budhyase
umhergeworfen, nimmst du nicht wahr (Part.Präs.Pass./2.Sg.Präs.)

īrṣyābhimānalobheṣu kāmakrodhabhayeṣu ca; spṛhāmohābhimāneṣu lokaḥ sakto vimuhyati

„An Neid, Dünkel und Gier, an Begehren, Zorn und Furcht, an Verlangen, Verblendung und Stolz hängend, wird die Welt verwirrt.“

Wort für Wort
īrṣyābhimānalobheṣu
an Neid, Dünkel, Gier (Lok.Pl.)
kāmakrodhabhayeṣu ca
und an Begehren, Zorn, Furcht (Lok.Pl.)
spṛhāmohābhimāneṣu
an Verlangen, Verblendung, Stolz (Lok.Pl.)
lokaḥ sakto vimuhyati
die Welt, anhaftend, wird verwirrt (Nom.Sg.m./Part.Perf.Pass./3.Sg.Präs.)

bhavāṃs tu bhāvatattvajño vidvāñ jñānataponvitaḥ; kālaṃ paśyati suvyaktaṃ pāṇāv āmalakaṃ yathā

„Du aber, Kenner des Wesens des Seienden, wissend, mit Erkenntnis und Askese begabt, siehst die Zeit ganz deutlich wie eine Amalaka-Frucht auf der Handfläche.“

Wort für Wort
bhavāṃs tu bhāvatattvajño
du aber, Kenner des Wesens des Seienden (Nom.Sg.m.)
vidvāñ jñānataponvitaḥ
wissend, mit Erkenntnis und Askese begabt (Nom.Sg.m.)
kālaṃ paśyati suvyaktaṃ
die Zeit siehst du sehr deutlich (Akk./3.Sg.Präs./Adv.)
pāṇāv āmalakaṃ yathā
wie eine Amalaka-Frucht auf der Hand (Lok.Sg./Akk.Sg.n.)

kālacāritratattvajñaḥ sarvaśāstraviśāradaḥ; vairocane kṛtātmāsi spṛhaṇīyo vijānatām

„Kenner des Wesens vom Wirken der Zeit, in allen Lehrwerken bewandert, Sohn des Virocana, du bist selbstvollendet, beneidenswert unter den Wissenden.“

Wort für Wort
kālacāritratattvajñaḥ
Kenner der Wahrheit über das Wirken der Zeit (Nom.Sg.m.)
sarvaśāstraviśāradaḥ
in allen Lehren bewandert (Nom.Sg.m.)
vairocane kṛtātmāsi
Sohn des Virocana, du bist selbstvollendet (Vok./Nom.Sg.m.+2.Sg.Präs.)
spṛhaṇīyo vijānatām
begehrenswert unter den Wissenden (Nom.Sg.m./Gen.Pl.)

sarvaloko hy ayaṃ manye buddhyā parigatas tvayā; viharan sarvatomukto na kva cit pariṣajjase

„Diese ganze Welt, denke ich, ist von dir mit dem Verstand durchdrungen; umherwandelnd, allseits frei, haftest du nirgends an.“

Wort für Wort
sarvaloko hy ayaṃ manye
diese ganze Welt, denke ich (Nom.Sg.m./1.Sg.Präs.)
buddhyā parigatas tvayā
mit dem Verstand erfasst von dir (Instr.Sg.f./Part.Perf.Pass./Instr.)
viharan sarvatomukto
umherwandelnd, allseits befreit (Part.Präs./Nom.Sg.m.)
na kva cit pariṣajjase
nirgends haftest du an (Adv./2.Sg.Präs.Pass.)

rajaś ca hi tamaś ca tvā spṛśato na jitendriyam; niṣprītiṃ naṣṭasaṃtāpaṃ tvam ātmānam upāsase

„Rajas und Tamas berühren dich, den Sinnbezwinger, nicht; ohne Anhaftung, deren Qual erloschen ist, verehrst du das Selbst.“

Wort für Wort
rajaś ca hi tamaś ca tvā
Rajas und Tamas dich (Nom.Sg.n./Akk.)
spṛśato na jitendriyam
sie berühren nicht, den Sinnbezwinger (3.Du.Präs./Akk.Sg.m.)
niṣprītiṃ naṣṭasaṃtāpaṃ
ohne Anhänglichkeit, mit erloschener Qual (Akk.Sg.m.)
tvam ātmānam upāsase
du verehrst das Selbst (Nom./Akk./2.Sg.Präs.Med.)

suhṛdaṃ sarvabhūtānāṃ nirvairaṃ śāntamānasam; dṛṣṭvā tvāṃ mama saṃjātā tvayy anukrośinī matiḥ

„Dich, den Freund aller Wesen, den Feindlosen, mit friedvollem Geist, sehend, ist mir Mitgefühl mit dir entstanden.“

Wort für Wort
suhṛdaṃ sarvabhūtānāṃ
Freund aller Wesen (Akk.Sg.m./Gen.Pl.)
nirvairaṃ śāntamānasam
feindlos, mit befriedetem Sinn (Akk.Sg.m.)
dṛṣṭvā tvāṃ mama saṃjātā
dich gesehen habend, mir ist entstanden (Abs./Akk./Gen./Part.Perf.Pass.f.)
tvayy anukrośinī matiḥ
mitfühlender Sinn dir gegenüber (Lok./Nom.Sg.f.)

nāham etādṛśaṃ buddhaṃ hantum icchāmi bandhane; ānṛśaṃsyaṃ paro dharmo anukrośas tathā tvayi

„Einen solchen Erwachten will ich nicht in der Fesselung töten; Nicht-Grausamkeit ist die höchste Pflicht, und [so] auch das Mitgefühl dir gegenüber.“

Wort für Wort
nāham etādṛśaṃ buddhaṃ
nicht ich, einen solchen Erwachten (Nom./Akk.Sg.m.)
hantum icchāmi bandhane
zu töten wünsche ich, in der Fesselung (Inf./1.Sg.Präs./Lok.Sg.)
ānṛśaṃsyaṃ paro dharmo
Nicht-Grausamkeit ist die höchste Pflicht (Nom.Sg.n./Nom.Sg.m.)
anukrośas tathā tvayi
und Mitgefühl ebenso dir gegenüber (Nom.Sg.m./Adv./Lok.)

mokṣyante vāruṇāḥ pāśās taveme kālaparyayāt; prajānām apacāreṇa svasti te 'stu mahāsura

„Diese Schlingen Varuṇas werden dir mit dem Umlauf der Zeit gelöst werden – durch das Fehlverhalten der Geschöpfe; Heil sei dir, großer Asura.“

Wort für Wort
mokṣyante vāruṇāḥ pāśās
gelöst werden die Schlingen Varuṇas (3.Pl.Fut.Pass./Nom.Pl.m.)
taveme kālaparyayāt
diese dir, mit dem Umlauf der Zeit (Gen./Abl.Sg.m.)
prajānām apacāreṇa
durch das Fehlverhalten der Geschöpfe (Gen.Pl./Instr.Sg.m.)
svasti te 'stu mahāsura
Heil sei dir, großer Asura (Nom./Gen./Imp.3.Sg./Vok.)

yadā śvaśrūṃ snuṣā vṛddhāṃ paricāreṇa yokṣyate; putraś ca pitaraṃ mohāt preṣayiṣyati karmasu

„Wenn die Schwiegertochter die alte Schwiegermutter zum Dienst heranziehen wird und der Sohn den Vater aus Verblendung zu Arbeiten schicken wird,“

Wort für Wort
yadā śvaśrūṃ snuṣā vṛddhāṃ
wenn die Schwiegertochter die alte Schwiegermutter (Akk.Sg.f./Nom.Sg.f.)
paricāreṇa yokṣyate
zum Dienst einspannen wird (Instr.Sg.m./3.Sg.Fut.Med.)
putraś ca pitaraṃ mohāt
und der Sohn den Vater aus Verblendung (Nom./Akk./Abl.)
preṣayiṣyati karmasu
wird schicken zu Arbeiten (3.Sg.Fut./Lok.Pl.)

brāhmaṇaiḥ kārayiṣyanti vṛṣalāḥ pādadhāvanam; śūdrāś ca brāhmaṇīṃ bhāryām upayāsyanti nirbhayāḥ

„[wenn] Śūdras sich von Brāhmaṇen die Füße waschen lassen werden und Śūdras furchtlos zu einer Brāhmaṇa-Gattin eingehen werden,“

Wort für Wort
brāhmaṇaiḥ kārayiṣyanti
sie werden von Brāhmaṇen tun lassen (Instr.Pl./3.Pl.Fut.Kaus.)
vṛṣalāḥ pādadhāvanam
die Śūdras die Fußwaschung (Nom.Pl.m./Akk.Sg.n.)
śūdrāś ca brāhmaṇīṃ bhāryām
und Śūdras eine Brāhmaṇa-Frau als Gattin (Nom.Pl./Akk.Sg.f.)
upayāsyanti nirbhayāḥ
werden sich nähern, furchtlos (3.Pl.Fut./Nom.Pl.m.)

brāhmaṇāś cāpi śūdrāś ca bhogārthe kalpayanty uta

„Auch Brāhmaṇen und Śūdras richten [es] auf Genuss hin ein [?].“

Wort für Wort
brāhmaṇāś cāpi śūdrāś ca
auch Brāhmaṇen und Śūdras (Nom.Pl.m.)
bhogārthe kalpayanty uta
richten zum Genuss ein (Lok.Sg./3.Pl.Präs.Kaus./Part.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Bedeutung des Zusatzverses knapp und unsicher.

viyoniṣu ca bījāni mokṣyante puruṣā yadā; saṃkaraṃ kāṃsyabhāṇḍaiś ca baliṃ cāpi kupātrakaiḥ

„[wenn] Männer den Samen in [ungeeignete] Schöße entlassen werden – Vermischung –, und [man] Bronzegefäße [benutzt] und die Opfergabe in schlechten Gefäßen [darbringt] [?],“

Wort für Wort
viyoniṣu ca bījāni
und den Samen in Nicht-Schöße (Lok.Pl.f./Nom.Pl.n.)
mokṣyante puruṣā yadā
werden entlassen die Männer, wenn (3.Pl.Fut.Pass./Nom.Pl.m./Konj.)
saṃkaraṃ kāṃsyabhāṇḍaiś ca
Vermischung und mit Bronzegefäßen (Akk.Sg.m./Instr.Pl.n.)
baliṃ cāpi kupātrakaiḥ
und die Opfergabe mit schlechten Gefäßen (Akk.Sg.m./Instr.Pl.n.)

[Anm.: Konstruktion des zweiten Halbverses unklar; Verb fehlt bzw. ist zu ergänzen.]

cāturvarṇyaṃ yadā kṛtsnam unmaryādaṃ bhaviṣyati; ekaikas te tadā pāśaḥ kramaśaḥ pratimokṣyate

„wenn die gesamte Vierstände-Ordnung ohne Schranke sein wird, dann wird dir Schlinge um Schlinge der Reihe nach gelöst werden.“

Wort für Wort
cāturvarṇyaṃ yadā kṛtsnam
wenn die ganze Vierstände-Ordnung (Nom.Sg.n.)
unmaryādaṃ bhaviṣyati
schrankenlos sein wird (Nom.Sg.n./3.Sg.Fut.)
ekaikas te tadā pāśaḥ
dann [wird] dir jede einzelne Schlinge (Gen./Adv./Nom.Sg.m.)
kramaśaḥ pratimokṣyate
der Reihe nach gelöst werden (Adv./3.Sg.Fut.Pass.)

asmattas te bhayaṃ nāsti samayaṃ pratipālaya; sukhī bhava nirābādhaḥ svasthacetā nirāmayaḥ

„Von uns her hast du keine Furcht; halte die Frist [ein]; sei glücklich, unbehelligt, mit gefasstem Sinn, gesund.“

Wort für Wort
asmattas te bhayaṃ nāsti
von uns hast du keine Furcht (Abl./Gen./Nom.Sg.n./3.Sg.Präs.)
samayaṃ pratipālaya
wahre die Abmachung/Frist (Akk.Sg.m./Imp.2.Sg.)
sukhī bhava nirābādhaḥ
sei glücklich, unbehelligt (Imp./Nom.Sg.m.)
svasthacetā nirāmayaḥ
gefassten Sinnes, gesund (Nom.Sg.m.)

tam evam uktvā bhagavāñ śatakratuḥ; pratiprayāto gajarājavāhanaḥ; vijitya sarvān asurān surādhipo; nananda harṣeṇa babhūva caikarāṭ

Nachdem der erhabene Śatakratu so zu ihm gesprochen hatte, zog er, der auf dem Elefantenkönig Reitende, wieder ab; alle Asuras besiegt habend, freute sich der Herr der Götter und wurde Alleinherrscher.

Wort für Wort
tam evam uktvā bhagavāñ śatakratuḥ
nachdem er zu ihm so gesprochen hatte, der Erhabene Śatakratu (Akk./Abs./Nom.Sg.m.)
pratiprayāto gajarājavāhanaḥ
zog zurück, den Elefantenkönig als Reittier habend (Part.Perf.Pass./Nom.Sg.m.)
vijitya sarvān asurān
alle Asuras besiegt habend (Abs./Akk.Pl.m.)
surādhipo nananda harṣeṇa
der Götterherr freute sich mit Freude (Nom.Sg.m./Perf.3.Sg./Instr.)
babhūva caikarāṭ
und wurde Alleinherrscher (Perf.3.Sg./Nom.Sg.m.)

maharṣayas tuṣṭuvur añjasā ca taṃ; vṛṣākapiṃ sarvacarācareśvaram; himāpaho havyam udāvahaṃs tvaraṃs; tathāmṛtaṃ cārpitam īśvarāya ha

Die großen Seher priesen ihn sogleich, den Vṛṣākapi, den Herrn alles Beweglichen und Unbeweglichen; der Kälte-Vertreiber [Agni][?] trug eilend die Opfergabe herbei, und so wurde dem Herrn auch das Amṛta dargebracht.

Wort für Wort
maharṣayas tuṣṭuvur añjasā ca taṃ
die großen Seher priesen ihn sogleich (Nom.Pl.m./Perf.3.Pl./Adv./Akk.)
vṛṣākapiṃ sarvacarācareśvaram
den Vṛṣākapi, Herrn alles Beweglichen und Unbeweglichen (Akk.Sg.m.)
himāpaho havyam udāvahaṃs tvaraṃs
der Kälte-Vertreiber [Agni] trug die Opfergabe eilend herbei (Nom.Sg.m./Akk.Sg.n./Impf./Part.)
tathāmṛtaṃ cārpitam īśvarāya ha
und ebenso wurde das Amṛta dem Herrn dargebracht (Nom.Sg.n./Part.Perf.Pass./Dat.)

„himāpaha“ als Epitheton Agnis (Kälte-Vertreiber) gedeutet [?]; Vṛṣākapi hier als Name/Beiname Indras bzw. Viṣṇus-Śivas unsicher.

dvijottamaiḥ sarvagatair abhiṣṭuto; vidīptatejā gatamanyur īśvaraḥ; praśāntacetā muditaḥ svam ālayaṃ; triviṣṭapaṃ prāpya mumoda vāsavaḥ

Von den besten Zweimalgeborenen, die überallhin gelangt sind, gepriesen, von strahlendem Glanz, frei von Zorn, der Herr, mit befriedetem Geist, erfreut, gelangte Vāsava in seine Wohnstatt, den Himmel Triviṣṭapa, und jubelte.

Wort für Wort
dvijottamaiḥ sarvagatair abhiṣṭuto
von den besten Zweimalgeborenen, den überallhin Gelangten, gepriesen (Instr.Pl.m./Part.Perf.Pass.)
vidīptatejā gatamanyur īśvaraḥ
von leuchtendem Glanz, zornlos, der Herr (Nom.Sg.m.)
praśāntacetā muditaḥ svam ālayaṃ
friedlichen Sinnes, erfreut, in seine Wohnstatt (Nom.Sg.m./Akk.Sg.m.)
triviṣṭapaṃ prāpya mumoda vāsavaḥ
nachdem er Triviṣṭapa erreicht hatte, jubelte Vāsava (Akk./Abs./Perf.3.Sg./Nom.)

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