Kapitel 220: balivāsavasaṃvādaḥ
Bali und Indra: Die Zeit als Herrin über Aufstieg und Fall, Gelassenheit im Unglück
Bhīṣma antwortet auf Yudhiṣṭhiras Frage nach dem Verhalten im Unglück mit der alten Geschichte vom Gespräch des gestürzten Asura-Königs Bali mit Indra, in dem Bali die Zeit (kāla) als eigentliche Ursache allen Wechsels darlegt.
Yudhiṣṭhira sprach: „Was ist für einen Menschen, der in schweres Unglück versunken ist, das Beste – beim Verlust von Verwandten, o Erdenherrscher, oder auch beim Verlust der Herrschaft?“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
magnasya vyasane kṛcchre
für den Versunkenen im schweren Unglück (Gen./Lok.)
kiṃ śreyaḥ puruṣasya hi
was ist wahrlich das Beste für den Menschen (Nom./Gen.)
bandhunāśe mahīpāla
beim Verlust von Verwandten, o Erdenhüter (Lok./Vok.)
rājyanāśe 'pi vā punaḥ
oder auch beim Verlust der Herrschaft wiederum (Lok.)
Bhīṣma sprach: Für den, der von Söhnen und Frauen, von Freuden und auch von Reichtum getrennt ist, der im schweren Unglück versunken ist, o König, ist Standhaftigkeit das Heilbringendste.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf. 3.Sg.)
putradāraiḥ sukhaiś caiva
von Söhnen, Frauen und Freuden (Instr.Pl.)
viyuktasya dhanena ca
des Getrennten, und vom Reichtum (Gen.Sg.; Instr.)
magnasya vyasane kṛcchre
des im schweren Unglück Versunkenen (Gen./Lok.)
dhṛtiḥ śreyaskarī nṛpa
Standhaftigkeit ist heilbringend, o König (Nom.f./Vok.)
vaśyā bhavanti dhairyeṇa na vā rājño na saṃśayaḥ; dhairyavāñ śriyam āpnoti dhairyād dharmo vivardhate
Durch Festigkeit werden [die Dinge] gefügig, oder nicht dem König – daran ist kein Zweifel [?]; der Feste erlangt Glanz, aus Festigkeit wächst das Dharma.
Wort für Wort
vaśyā bhavanti dhairyeṇa
gefügig werden sie durch Festigkeit (Nom.Pl./Instr.)
na vā rājño na saṃśayaḥ
nicht [?] des Königs, kein Zweifel (Gen.; Nom.)
dhairyavāñ śriyam āpnoti
der Feste erlangt Glanz/Glück (Nom.; Akk.; 3.Sg.Präs.)
dhairyād dharmo vivardhate
aus Festigkeit wächst das Dharma (Abl.; Nom.; 3.Sg.Präs.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Erste Vershälfte im Text unklar (na vā rājño); Wiedergabe unsicher.
yasya rājño narās tāta sāttvikīṃ vṛttim āsthitāḥ; tasya sthairyaṃ ca dhairyaṃ ca vyavasāyaś ca karmasu
Bei welchem König, mein Lieber, die Männer zu sattvischem Verhalten Zuflucht genommen haben, dessen ist Beständigkeit und Festigkeit und Entschlossenheit in den Werken.
Wort für Wort
yasya rājño narās tāta
in dessen König Männer, Lieber (Gen.; Nom.Pl.; Vok.)
sāttvikīṃ vṛttim āsthitāḥ
zu sattvischem Verhalten hingetreten (Akk.f.; Part.Nom.Pl.)
tasya sthairyaṃ ca dhairyaṃ ca
dessen Beständigkeit und Festigkeit (Nom.n.)
vyavasāyaś ca karmasu
und Entschlossenheit in den Werken (Nom.; Lok.Pl.)
Als der Krieg zwischen Göttern und Asuras vorüber war, die Daityas und Dānavas vernichtet waren, die Welten von Viṣṇu durchschritten waren und Śatakratu König der Götter war,
Wort für Wort
vṛtte devāsure yuddhe
als der Götter-Asura-Krieg geschehen war (Lok.abs.)
daityadānavasaṃkṣaye
bei Vernichtung der Daityas und Dānavas (Lok.abs.)
viṣṇukrānteṣu lokeṣu
als die Welten von Viṣṇu durchschritten waren (Lok.abs.)
„Daitya, du zitterst nicht – aus Tapferkeit oder durch Dienst an den Alten oder weil du durch Askese [innerlich] gefestigt bist; in jedem Fall ist das sehr schwer.“
Wort für Wort
daitya na vyathase
Daitya, du zitterst nicht (Vok.; 2.Sg.Präs.)
śauryād atha vā vṛddhasevayā
aus Tapferkeit oder durch Dienst an Alten (Abl.; Instr.)
tapasā bhāvitatvād vā
oder weil durch Askese geläutert/gefestigt (Instr.; Abl.)
sarvathaitat suduṣkaram
auf jeden Fall ist dies sehr schwer (Adv.; Nom.n.)
„Nachdem du unter deinesgleichen die Höchststellung erlangt und unübertroffene Genüsse genossen hast, nun deines Heeres und Reiches beraubt – sag, warum trauerst du nicht?“
Wort für Wort
śraiṣṭhyaṃ prāpya svajātīnāṃ
Vorrang erlangt habend unter den eigenen Verwandten (Akk.; Abs.; Gen.)
bhraṣṭaśrīr vibhavabhraṣṭo yan na śocasi duṣkaram; trailokyarājyanāśe hi ko 'nyo jīvitum utsahet
„Des Glanzes und der Macht beraubt – dass du nicht trauerst, ist schwer [zu verstehen]; wer sonst könnte beim Verlust der Herrschaft über die drei Welten weiterleben wollen?“
Wort für Wort
bhraṣṭaśrīr vibhavabhraṣṭo
von Glanz abgefallen, von Macht abgefallen (Nom., Bahuvrīhi)
yan na śocasi duṣkaram
dass du nicht trauerst, ist schwer (Nom.n.)
trailokyarājyanāśe hi
denn beim Verlust der Herrschaft über die Dreiwelt (Lok.)
„Wer aber gegenüber dem Feind, der in seiner Gewalt ist, obwohl mächtig, Mitleid übt, gegenüber einem Helden, der ihm in die Hand gefallen ist – den kennt man als [wahren] Mann.“
Wort für Wort
yas tu śatror vaśasthasya
wer aber gegenüber dem in seiner Gewalt befindlichen Feind (Gen.)
śakto 'pi kurute dayām
obwohl fähig, übt Mitleid (Nom.; 3.Sg.Med.)
hastaprāptasya vīrasya
gegenüber dem in die Hand gelangten Helden (Gen.)
taṃ caiva puruṣaṃ viduḥ
den kennt man wahrlich als Mann (Akk.; 3.Pl.Perf.)
naitad asmatkṛtaṃ śakra naitac chakra tvayā kṛtam; yat tvam evaṃgato vajrin yad vāpy evaṃgatā vayam
„Dies ist nicht von uns getan, Śakra, und dies, Śakra, nicht von dir getan: dass du, Vajraträger, so weit gekommen bist und dass wir so weit gekommen sind.“
Wort für Wort
naitad asmatkṛtaṃ śakra
dies ist nicht von uns getan, Śakra (Part.; Vok.)
naitac chakra tvayā kṛtam
dies ist nicht von dir getan, Śakra (Instr.; Part.)
yat tvam evaṃgato vajrin
dass du so gelangt bist, Vajraträger (Part.; Vok.)
„Durch die Zeit habe ich dich besiegt, durch die Zeit bin ich von dir besiegt worden; die Zeit ist der Wanderer unter den Wandernden, die Zeit treibt/ordnet die Geschöpfe [?].“
Wort für Wort
kālena tvāham ajayaṃ
durch die Zeit besiegte ich dich (Instr.; Impf. 1.Sg.)
kālenāhaṃ jitas tvayā
durch die Zeit bin ich von dir besiegt (Part.; Instr.)
gantā gatimatāṃ kālaḥ
der Gehende unter den Gehenden ist die Zeit (Nom.; Gen.Pl.)
kālaḥ kalayati prajāḥ
die Zeit treibt/berechnet die Geschöpfe [?] (3.Sg.Präs.; Akk.Pl.)
kalayati: ‚antreiben, ordnen, zählen, verzehren‘; die Wahl ist unsicher.
„Indra, mit gewöhnlichem Verstand schwatzend begreifst du es nicht; manche halten dich für sehr [bedeutend], weil du durch eigene Tat die Höchststellung erlangt hast.“
Wort für Wort
indra prākṛtayā buddhyā
Indra, mit gewöhnlichem Verstand (Vok.; Instr.)
pralapan nāvabudhyase
schwatzend begreifst du nicht (Part.; 2.Sg.Präs.Med.)
ke cit tvāṃ bahu manyante
manche halten dich für sehr [wichtig] (3.Pl.Präs.)
śraiṣṭhyaṃ prāptaṃ svakarmaṇā
der Vorrang erreicht hat durch eigenes Tun (Akk.; Part.; Instr.)
Weil du aber diese Stätte erlangt hast, hältst du dich selbst für überaus bedeutend, für den Gott, den Ursprung aller Wesen, gleichsam wie den ewigen Brahmā.
Wort für Wort
idaṃ tu labdhvā tvaṃ sthānam
diese Stätte aber erlangt habend, du (Abs./Nom.)
ātmānaṃ bahu manyase
dich selbst hältst du für hoch (Akk./2.Sg.Med.Präs.)
sarvabhūtabhavaṃ devam
den Gott, Ursprung aller Wesen (Akk.Sg.m., Kompositum)
brahmāṇam iva śāśvatam
gleichsam wie den ewigen Brahmā (Akk.Sg.m.)
Syntax der zweiten Zeile: Akkusative als zweites Objekt von manyase (‚für … halten‘).
savṛkṣauṣadhiratneyaṃ sasaritparvatākarā; tān idānīṃ na paśyāmi yair bhukteyaṃ purā mahī
Diese Erde mit Bäumen, Kräutern und Juwelen, mit Flüssen, Bergen und Fundstätten: jene sehe ich jetzt nicht, von denen diese Erde einst genossen wurde.
Wort für Wort
savṛkṣauṣadhiratnā iyam
diese mit Bäumen, Kräutern, Juwelen (Nom.Sg.f., Bahuvrīhi)
sasaritparvatākarā
mit Flüssen, Bergen, Minen (Nom.Sg.f., Bahuvrīhi)
tān idānīṃ na paśyāmi
jene sehe ich jetzt nicht (Akk.Pl./1.Sg.Präs.)
yaiḥ bhuktā iyaṃ purā mahī
von denen genossen diese Erde einst (Instr.Pl./Part.Perf.Pass.f./Nom.Sg.f.)
ko hi sthātum alaṃ loke kruddhasya mama saṃyuge; kālas tu balavān prāptas tena tiṣṭhasi vāsava
Wer in der Welt wäre imstande, mir im Kampf standzuhalten, wenn ich zornig bin? Doch die mächtige Zeit ist gekommen; deshalb bleibst du bestehen, Vāsava.
Wort für Wort
kaḥ hi sthātum alaṃ loke
wer wäre denn fähig zu bestehen in der Welt (Nom./Inf./Lok.)
kruddhasya mama saṃyuge
meiner, des Zornigen, im Kampf (Gen.Sg.m./Lok.)
kālaḥ tu balavān prāptaḥ
die Zeit aber, mächtig, ist gekommen (Nom./Part.Perf.Pass.)
Ich bin von der indrischen Stätte gestürzt, du bist als Indra im Himmel eingesetzt; in dieser bunten Welt der Lebenden ist man durch den Umschwung der Zeit zu verehren.
Wort für Wort
aham aindrāt cyutaḥ sthānāt
ich bin von der indrischen Stätte gestürzt (Nom./Abl.Sg.n./Part.Perf.Pass.)
tvam indraḥ prakṛtaḥ divi
du bist als Indra eingesetzt im Himmel (Nom./Part.Perf.Pass./Lok.)
sucitre jīvaloke asmin
in dieser sehr bunten Lebenswelt (Lok.Sg.m.)
upāsyaḥ kālaparyayāt
zu verehren durch den Umschwung der Zeit (Gerundiv/Abl.Sg.m.)
Letzte Zeile syntaktisch knapp; ‚upāsyaḥ‘ vermutlich ‚wird verehrt/bedient‘ [?].
kiṃ hi kṛtvā tvam indro 'dya kiṃ hi kṛtvā cyutā vayam; kālaḥ kartā vikartā ca sarvam anyad akāraṇam
Was hast du denn getan, dass du heute Indra bist, und was haben wir getan, dass wir gestürzt sind? Die Zeit ist Wirkende und Umwandelnde; alles andere ist ohne Grund.
Wort für Wort
kiṃ hi kṛtvā tvam indraḥ adya
was getan habend bist du heute Indra (Abs./Nom.)
kiṃ hi kṛtvā cyutāḥ vayam
was getan habend sind wir gestürzt (Abs./Part.Perf.Pass./Nom.Pl.)
nāśaṃ vināśam aiśvaryaṃ sukhaduḥkhe bhavābhavau; vidvān prāpyaivam atyarthaṃ na prahṛṣyen na ca vyathet
Untergang, Vernichtung, Herrschaft, Glück und Leid, Werden und Vergehen: wenn der Wissende dies so gründlich erfasst hat, soll er sich weder übermäßig freuen noch betrüben.
Wort für Wort
nāśaṃ vināśam aiśvaryam
Verlust, Vernichtung, Herrschaft (Akk.Sg.m./n.)
sukhaduḥkhe bhavābhavau
Glück und Leid, Werden und Vergehen (Akk.Du.n./m.)
vidvān prāpya evam atyartham
der Wissende, so [dies] erfasst habend, sehr (Nom.Sg.m./Abs./Adv.)
na prahṛṣyet na ca vyathet
soll sich nicht freuen und nicht betrüben (Opt.3.Sg.)
nāhaṃ kartā na kartā tvaṃ kartā yas tu sadā prabhuḥ; so 'yaṃ pacati kālo māṃ vṛkṣe phalam ivāgatam
„Nicht ich bin der Täter, nicht du bist der Täter; Täter ist der, der stets der Herr ist; dieser Kāla kocht mich wie eine am Baum herangereifte Frucht.“
Wort für Wort
nāhaṃ kartā na kartā tvaṃ
nicht ich [bin] Täter, nicht [bist] du Täter (Nom.Sg.)
kartā yas tu sadā prabhuḥ
Täter ist der, der stets Herr ist (Nom.Sg.)
so 'yaṃ pacati kālo māṃ
dieser Kāla kocht mich (3.Sg.Präs./Nom./Akk.)
vṛkṣe phalam ivāgatam
wie eine am Baum [herangereifte] Frucht (Lok./Nom.Sg.n., Part.Perf.Pass.)
„Denn wenn für die Trauernden der Kummer das Unglück nicht wegzieht [und] dem Trauernden keine Kraft [dadurch] zukommt, deshalb trauere ich heute nicht.“
Wort für Wort
yadā hi śocatāṃ śokaḥ
wenn nämlich für die Trauernden der Kummer (Gen.Pl.Part./Nom.Sg.m.)
vyasanaṃ nāpakarṣati
das Unglück nicht wegzieht (Akk.Sg.n./3.Sg.Präs.)
sāmarthyaṃ śocato nāsti
Kraft für den Trauernden ist nicht (Nom.Sg.n./Gen.Sg.Part./3.Sg.Präs.)
nādya śocāmy ahaṃ tataḥ
heute trauere ich deshalb nicht (Adv./1.Sg.Präs./Adv.)
savajram udyataṃ bāhuṃ dṛṣṭvā pāśāṃś ca vāruṇān; kasyeha na vyathed buddhir mṛtyor api jighāṃsataḥ
„Beim Anblick des mit dem Vajra erhobenen Armes und der Schlingen Varuṇas – wessen Verstand würde hier nicht zittern, wenn selbst der Tod ihn töten wollte?“
Wort für Wort
savajram udyataṃ bāhuṃ
den erhobenen Arm mit dem Vajra (Akk.Sg.m.)
dṛṣṭvā pāśāṃś ca vāruṇān
gesehen habend, und die Schlingen Varuṇas (Abs./Akk.Pl.m.)
kasyeha na vyathed buddhir
wessen Verstand würde hier nicht zittern (Gen./Opt.3.Sg./Nom.Sg.f.)
mṛtyor api jighāṃsataḥ
selbst wenn der Tod töten wollte (Gen.Sg./Part.Des.Gen.Sg.)
Konstruktion des zweiten Halbverses (Gen. abs.) sinngemäß wiedergegeben.
sā te na vyathate buddhir acalā tattvadarśinī; bruvan na vyathase sa tvaṃ vākyaṃ satyaparākrama
„Dieser dein Verstand zittert nicht, [er ist] unerschütterlich, die Wahrheit schauend; auch im Reden erbebst du nicht, du, dessen Tapferkeit in der Wahrheit liegt, [mit deiner] Rede.“
Wort für Wort
sā te na vyathate buddhir
dieser dein Verstand zittert nicht (Nom.Sg.f./Gen./3.Sg.Präs.)
acalā tattvadarśinī
unerschütterlich, die Wahrheit schauend (Nom.Sg.f.)
bruvan na vyathase sa tvaṃ
redend zitterst du nicht, eben du (Part.Präs./2.Sg.Präs./Nom.)
vākyaṃ satyaparākrama
[deine] Rede, du wahrhaft Tapferer (Akk.Sg.n./Vok.)
anīśasyāpramattasya bhūtāni pacataḥ sadā; anivṛttasya kālasya kṣayaṃ prāpto na mucyate
„Wer dem Untergang verfallen ist, wird von der Zeit nicht freigelassen, die keinen Herrn über sich hat, nie nachlässig ist, stets die Wesen kocht und nie umkehrt.“
Wort für Wort
anīśasyāpramattasya
der Herrenlosen, Unachtsamkeitsfreien (Gen.Sg.m.)
bhūtāni pacataḥ sadā
die stets die Wesen kocht (Akk.Pl./Part.Präs.Gen.Sg.)
anivṛttasya kālasya
der Zeit, die nie umkehrt (Gen.Sg.m.)
kṣayaṃ prāpto na mucyate
wer den Untergang erreicht hat, wird nicht befreit (Akk./Part.Perf.Pass./3.Sg.Pass.)
„Wachsam unter den Nachlässigen wacht die Zeit über die Verkörperten; dass jemand sie, [auch] mit Anstrengung, überwunden hätte, ist von niemandem je gesehen worden.“
Wort für Wort
apramattaḥ pramatteṣu
wachsam unter den Nachlässigen (Nom.Sg.m./Lok.Pl.)
kālo jāgarti dehiṣu
die Zeit wacht über die Verkörperten (Nom.Sg./3.Sg.Präs./Lok.Pl.)
prayatnenāpy atikrāntaḥ
selbst durch Anstrengung überschritten (Instr.Sg./Part.Perf.Pass.)
dṛṣṭapūrvo na kena cit
je gesehen worden ist [es] von niemandem (Nom.Sg.m./Instr.)
Zweiter Halbvers: sinngemäß, „kālaḥ“ als Subjekt des Überschreitens zu ergänzen: die Zeit wurde von niemandem je [durch Anstrengung] überwunden gesehen.
sā te na vyathate buddhir acalā tattvadarśinī; aham āsaṃ purā ceti manasāpi na budhyase
„Dieser dein Verstand zittert nicht, [er ist] unerschütterlich, die Wahrheit schauend; ‚Ich war früher [so]‘ – das begreifst du nicht einmal im Geist [?].“
Wort für Wort
sā te na vyathate buddhir
dieser dein Verstand zittert nicht (Nom.Sg.f./Gen./3.Sg.Präs.)
acalā tattvadarśinī
unerschütterlich, die Wahrheit schauend (Nom.Sg.f.)
aham āsaṃ purā ceti
‚ich war früher‘ und so (Nom./Impf.1.Sg./Adv.)
manasāpi na budhyase
nicht einmal im Geist begreifst du (Instr./2.Sg.Präs.)
kālenākramya loke 'smin pacyamāne balīyasā; ajyeṣṭham akaniṣṭhaṃ ca kṣipyamāṇo na budhyase
„Da du in dieser Welt, die von der stärkeren Zeit überwältigt gekocht wird, umhergeworfen wirst, nimmst du weder einen Ältesten noch einen Jüngsten wahr.“
Wort für Wort
kālenākramya loke 'smin
von der Zeit überfallen, in dieser Welt (Instr./Abs./Lok.Sg.)
pacyamāne balīyasā
die gekocht wird von der Stärkeren (Part.Präs.Pass.Lok./Instr.Sg.)
ajyeṣṭham akaniṣṭhaṃ ca
ohne Ältesten und ohne Jüngsten (Akk.Sg.m.)
kṣipyamāṇo na budhyase
umhergeworfen, nimmst du nicht wahr (Part.Präs.Pass./2.Sg.Präs.)
„Du aber, Kenner des Wesens des Seienden, wissend, mit Erkenntnis und Askese begabt, siehst die Zeit ganz deutlich wie eine Amalaka-Frucht auf der Handfläche.“
Wort für Wort
bhavāṃs tu bhāvatattvajño
du aber, Kenner des Wesens des Seienden (Nom.Sg.m.)
vidvāñ jñānataponvitaḥ
wissend, mit Erkenntnis und Askese begabt (Nom.Sg.m.)
kālaṃ paśyati suvyaktaṃ
die Zeit siehst du sehr deutlich (Akk./3.Sg.Präs./Adv.)
pāṇāv āmalakaṃ yathā
wie eine Amalaka-Frucht auf der Hand (Lok.Sg./Akk.Sg.n.)
viyoniṣu ca bījāni mokṣyante puruṣā yadā; saṃkaraṃ kāṃsyabhāṇḍaiś ca baliṃ cāpi kupātrakaiḥ
„[wenn] Männer den Samen in [ungeeignete] Schöße entlassen werden – Vermischung –, und [man] Bronzegefäße [benutzt] und die Opfergabe in schlechten Gefäßen [darbringt] [?],“
Wort für Wort
viyoniṣu ca bījāni
und den Samen in Nicht-Schöße (Lok.Pl.f./Nom.Pl.n.)
mokṣyante puruṣā yadā
werden entlassen die Männer, wenn (3.Pl.Fut.Pass./Nom.Pl.m./Konj.)
saṃkaraṃ kāṃsyabhāṇḍaiś ca
Vermischung und mit Bronzegefäßen (Akk.Sg.m./Instr.Pl.n.)
baliṃ cāpi kupātrakaiḥ
und die Opfergabe mit schlechten Gefäßen (Akk.Sg.m./Instr.Pl.n.)
[Anm.: Konstruktion des zweiten Halbverses unklar; Verb fehlt bzw. ist zu ergänzen.]
Nachdem der erhabene Śatakratu so zu ihm gesprochen hatte, zog er, der auf dem Elefantenkönig Reitende, wieder ab; alle Asuras besiegt habend, freute sich der Herr der Götter und wurde Alleinherrscher.
Wort für Wort
tam evam uktvā bhagavāñ śatakratuḥ
nachdem er zu ihm so gesprochen hatte, der Erhabene Śatakratu (Akk./Abs./Nom.Sg.m.)
pratiprayāto gajarājavāhanaḥ
zog zurück, den Elefantenkönig als Reittier habend (Part.Perf.Pass./Nom.Sg.m.)
vijitya sarvān asurān
alle Asuras besiegt habend (Abs./Akk.Pl.m.)
surādhipo nananda harṣeṇa
der Götterherr freute sich mit Freude (Nom.Sg.m./Perf.3.Sg./Instr.)
maharṣayas tuṣṭuvur añjasā ca taṃ; vṛṣākapiṃ sarvacarācareśvaram; himāpaho havyam udāvahaṃs tvaraṃs; tathāmṛtaṃ cārpitam īśvarāya ha
Die großen Seher priesen ihn sogleich, den Vṛṣākapi, den Herrn alles Beweglichen und Unbeweglichen; der Kälte-Vertreiber [Agni][?] trug eilend die Opfergabe herbei, und so wurde dem Herrn auch das Amṛta dargebracht.
Wort für Wort
maharṣayas tuṣṭuvur añjasā ca taṃ
die großen Seher priesen ihn sogleich (Nom.Pl.m./Perf.3.Pl./Adv./Akk.)
vṛṣākapiṃ sarvacarācareśvaram
den Vṛṣākapi, Herrn alles Beweglichen und Unbeweglichen (Akk.Sg.m.)
himāpaho havyam udāvahaṃs tvaraṃs
der Kälte-Vertreiber [Agni] trug die Opfergabe eilend herbei (Nom.Sg.m./Akk.Sg.n./Impf./Part.)
tathāmṛtaṃ cārpitam īśvarāya ha
und ebenso wurde das Amṛta dem Herrn dargebracht (Nom.Sg.n./Part.Perf.Pass./Dat.)
„himāpaha“ als Epitheton Agnis (Kälte-Vertreiber) gedeutet [?]; Vṛṣākapi hier als Name/Beiname Indras bzw. Viṣṇus-Śivas unsicher.
Von den besten Zweimalgeborenen, die überallhin gelangt sind, gepriesen, von strahlendem Glanz, frei von Zorn, der Herr, mit befriedetem Geist, erfreut, gelangte Vāsava in seine Wohnstatt, den Himmel Triviṣṭapa, und jubelte.
Wort für Wort
dvijottamaiḥ sarvagatair abhiṣṭuto
von den besten Zweimalgeborenen, den überallhin Gelangten, gepriesen (Instr.Pl.m./Part.Perf.Pass.)
vidīptatejā gatamanyur īśvaraḥ
von leuchtendem Glanz, zornlos, der Herr (Nom.Sg.m.)
praśāntacetā muditaḥ svam ālayaṃ
friedlichen Sinnes, erfreut, in seine Wohnstatt (Nom.Sg.m./Akk.Sg.m.)
triviṣṭapaṃ prāpya mumoda vāsavaḥ
nachdem er Triviṣṭapa erreicht hatte, jubelte Vāsava (Akk./Abs./Perf.3.Sg./Nom.)