Kapitel 51: bhīṣmastuti
Bhīṣmas Lobpreis auf Kṛṣṇa und dessen Verheißung der Todesstunde
Bhīṣma huldigt Kṛṣṇa-Viṣṇu als Ursprung und Ende der Welten; Kṛṣṇa antwortet, nennt Bhīṣmas Restlebenszeit (56 Tage) und fordert ihn auf, Yudhiṣṭhira zu belehren und dessen Trauer zu vertreiben.
„Der Himmel ist von deinem Haupt erfüllt, von den Füßen die göttliche Erde, die Vasuṃdharā; die Himmelsrichtungen sind deine Arme, die Sonne dein Auge, in deiner Kraft ist Śakra gegründet.“
Wort für Wort
divaṃ te śirasā vyāptam
der Himmel ist von deinem Haupt durchdrungen (Nom.Sg./Instr.Sg./Part.Pass.)
padbhyāṃ devī vasuṃdharā
von den Füßen [durchdrungen] die göttliche Erde (Instr.Du./Nom.Sg.f.)
diśaḥ bhujau
die Himmelsrichtungen [sind deine] Arme (Nom.Pl./Nom.Du.)
raviḥ cakṣuḥ
die Sonne [ist dein] Auge (Nom.Sg.)
vīrye śakraḥ pratiṣṭhitaḥ
in [deiner] Heldenkraft ist Śakra gegründet (Lok.Sg./Nom.Sg./Part.Pass.)
„Für den, der bei dir Zuflucht genommen hat, dir Ergebenen, der ein ersehntes Ziel zu gewinnen strebt – was das Heil ist, Lotosäugiger, das bedenke, Bester der Götter.“
Wort für Wort
tvatprapannāya bhaktāya
für den bei dir Zuflucht Genommenen, Ergebenen (Dat.Sg.)
gatim iṣṭāṃ jigīṣave
für den, der das ersehnte Ziel gewinnen will (Akk.Sg.f./Dat.Sg.)
yat śreyaḥ puṇḍarīkākṣa
was das Heilvollere ist, Lotosäugiger (Rel./Nom.Sg.n./Vok.Sg.)
tat dhyāyasva surottama
das bedenke, Bester der Götter (Akk./Imp.Med.2.Sg./Vok.Sg.)
Der Dativ tvatprapannāya bhaktāya jigīṣave bezieht sich wohl auf den Sprecher Bhīṣma selbst (oder Yudhiṣṭhira); nicht ausdrücklich gesagt.
„Sechsundfünfzig [Tage], Vorzüglichster der Kurus, sind der Rest der Tage deines Lebens. Danach wirst du mit den heilvollen Früchten [deiner] Werke, die aufgehen, vereint werden, Bhīṣma, wenn du den Leib abgelegt hast.“
Wort für Wort
pañcāśataṃ ṣaṭ ca
fünfzig und sechs (Nom.Sg.n./Nom.Pl.)
kurupravīra
Vorzüglichster der Kurus (Vok.Sg.)
śeṣaṃ dinānāṃ tava jīvitasya
der Rest der Tage deines Lebens (Nom.Sg.n./Gen.Pl./Gen.Sg./Gen.Sg.n.)
tataḥ śubhaiḥ karmaphalodayaiḥ tvam
danach mit heilvollen Aufgängen der Werkfrüchte du (Adv./Instr.Pl./Nom.)
sameṣyase bhīṣma vimucya deham
wirst du vereint werden, Bhīṣma, den Leib ablegend (Fut.Med.2.Sg./Vok./Abs./Akk.Sg.)
Wörtlich „fünfzig und sechs“; das Wort „Tage“ steht erst im nächsten Pāda (dinānām).
„Diese Götter, die Vasus, alle, ihre Himmelswagen bestiegen habend, den lodernden Feuern gleich, erwarten dich unsichtbar – [dich,] wie die Sonne, die nordwärts ihrem [Wende-]Ziel zustrebt.“
Wort für Wort
ete hi devāḥ vasavaḥ
diese Götter, die Vasus (Nom.Pl.)
vimānāni āsthāya sarve
die Himmelswagen bestiegen habend, alle (Akk.Pl./Abs./Nom.Pl.)
die zum Ziel gelangende Sonne nordwärts (Akk.Sg.f./Part.Präs. Akk.Sg./Adv./Akk.Sg.) [?]
Der zweite Teil (kāṣṭhāṃ prapadyantam udak pataṃgam) ist syntaktisch knapp; wörtlich „die Sonne, die nordwärts zum Ziel/zur Bahn gelangt“. Deutung unsicher.
„Sobald die erhabene Sonne sich gewendet hat und durch die Macht der Zeit in die nördliche Richtung eingetreten ist, wirst du zu den Welten gehen, Vorzüglichster der Männer, die ein Wissender, wenn er sie erlangt hat, nicht wieder verlässt.“
Wort für Wort
vyāvṛttamātre bhagavati
sobald sie sich gewendet hat, bei der erhabenen (Lok.Sg.)
sūrye diśaṃ udīcīm
wenn die Sonne die nördliche Richtung (Lok.Sg./Akk.Sg.f./Akk.Sg.f.)
kālavaśāt prapanne
durch die Macht der Zeit eingetreten ist (Abl.Sg./Part.Pf.Lok.Sg. – Abs. Lok.)
gantā asi lokān puruṣapravīra
wirst du gehen zu den Welten, Vorzüglichster der Männer (Periphr.Fut.2.Sg./Akk.Pl./Vok.Sg.)
na āvartate yān upalabhya vidvān
nicht kehrt zurück [zu denen], die er erlangt hat, der Wissende (3.Sg.Präs./Rel.Akk.Pl./Abs./Nom.Sg.)
nāvartate yān upalabhya vidvān: wörtlich „zu denen ein Wissender, nachdem er sie erlangt hat, nicht zurückkehrt“.
amuṃ ca lokaṃ tvayi bhīṣma yāte; jñānāni naṅkṣyanty akhilena vīra; ataḥ sma sarve tvayi saṃnikarṣaṃ; samāgatā dharmavivecanāya
„Und wenn du zu jener [anderen] Welt gegangen bist, Bhīṣma, wird das Wissen ganz und gar verlorengehen, Held; darum sind wir alle bei dir zusammengekommen, um das Dharma zu unterscheiden.“
Wort für Wort
amuṃ ca lokaṃ tvayi bhīṣma yāte
und wenn du, Bhīṣma, zu jener Welt gegangen bist (Akk.Sg./Lok.Sg./Vok./Part.Lok.Sg. – Abs. Lok.)
jñānāni naṅkṣyanti akhilena vīra
werden die Kenntnisse schwinden, gänzlich, Held (Nom.Pl.n./Fut.3.Pl./Instr.Sg./Vok.Sg.)
ataḥ sma sarve tvayi saṃnikarṣam
darum sind wir alle bei dir in der Nähe (Adv./1.Pl.Präs./Nom.Pl./Lok./Akk.Sg.)
samāgatāḥ dharmavivecanāya
zusammengekommen zur Unterscheidung des Dharma (Part.Pf.Pass. Nom.Pl./Dat.Sg.)
ataḥ sma: sma wird hier als smaḥ „wir sind“ gefasst.
„Dem Yudhiṣṭhira, dessen Gelehrsamkeit von der Trauer um seine Verwandten getroffen ist und der an der Wahrheit festhält – sprich ihm ein nützliches, mit Dharma und Artha wohlverbundenes Wort und vertreibe seine Trauer.“
Wort für Wort
tajjñātiśokopahataśrutāya
dem, dessen Wissen von der Trauer um dessen Verwandte getroffen ist (Dat.Sg., Kompositum)
satyābhisaṃdhāya yudhiṣṭhirāya
dem an der Wahrheit Festhaltenden, Yudhiṣṭhira (Dat.Sg.)
prabrūhi dharmārthasamādhiyuktam
sprich, [ein Wort] mit Dharma und Artha wohlverbunden (Imp.2.Sg./Akk.Sg.n.)
arthyaṃ vacaḥ asya
ein nützliches Wort, ihm (Akk.Sg.n./Akk.Sg.n./Gen.Sg.)
apanudāsya śokam
vertreibe die Trauer (Imp./Gerund. [?]/Akk.Sg.)
śruta ist hier als „Gelehrsamkeit, Wissen“ gefasst; apanudāsya wird als Imperativ/Gerundium „vertreibe / indem du vertreibst“ verstanden, die Form ist ungewöhnlich.