Kapitel 15: daṇḍapraśaṃsā
Arjunas Lobrede auf die Strafgewalt und die Pflicht des Königs, Feinde zu töten
Arjuna antwortet auf Draupadīs Rede und hält Yudhiṣṭhira die Notwendigkeit der Strafgewalt (daṇḍa) für den Bestand von Weltordnung und Dharma vor; er beruft sich auf das Gesetz, dass Wesen von Wesen leben.
Vaiśaṃpāyana sprach: Als Arjuna die Worte der Yājñasenī [Draupadī] gehört hatte, sprach er abermals, nachdem er den starkarmigen älteren Bruder, den Herrscher, [ehrerbietig] um Gehör gebeten hatte [?].
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf. 3.Sg.)
yājñasenyā vacaḥ śrutvā
die Rede der Yājñasenī gehört habend (Gen./Akk., Abs.)
punar eva arjuno 'bravīt
abermals sprach Arjuna (Impf. 3.Sg.)
anumānya
nachdem er [ehrerbietig] um Zustimmung/Gehör gebeten (Abs.)
mahābāhuṃ jyeṣṭhaṃ bhrātaram īśvaram
den starkarmigen, älteren Bruder, den Herrn (Akk.Sg.)
anumānya: Bedeutung 'ehrerbietig ansprechen / um Erlaubnis bitten' angesetzt.
Die Strafe lenkt alle Geschöpfe, die Strafe allein schützt sie; die Strafe wacht bei den Schlafenden; die Strafe, so wissen die Weisen, ist das Dharma.
Wort für Wort
daṇḍaḥ śāsti prajāḥ sarvāḥ
die Strafe lenkt alle Geschöpfe (Nom.Sg./Akk.Pl., 3.Sg.Präs.)
daṇḍa eva abhirakṣati
die Strafe allein beschützt (3.Sg.Präs.)
daṇḍaḥ supteṣu jāgarti
die Strafe wacht bei den Schlafenden (Lok.Pl., 3.Sg.Präs.)
daṇḍaṃ dharmaṃ vidur budhāḥ
die Strafe [als] Dharma kennen die Weisen (Akk., 3.Pl.Perf., Nom.Pl.)
Die Strafe schützt das Dharma, ebenso den Nutzen [artha], o Herr der Menschen; die Strafe schützt die Lust [kāma]; die Strafe wird die Dreiheit [trivarga] genannt.
rājadaṇḍabhayād eke pāpāḥ pāpaṃ na kurvate; yamadaṇḍabhayād eke paralokabhayād api
Manche Sünder tun aus Furcht vor der Strafe des Königs kein Unrecht, manche aus Furcht vor der Strafe des Yama, [manche] auch aus Furcht vor dem Jenseits.
Wort für Wort
rājadaṇḍabhayād eke
aus Furcht vor der Königsstrafe manche (Abl., Nom.Pl.)
pāpāḥ pāpaṃ na kurvate
Sünder tun kein Unrecht (Nom.Pl., Akk., 3.Pl.Präs.Med.)
Bei den Brahmanen besteht die Strafe im Wort, bei den Kṣatriyas im Einsatz des Armes; der Vaiśya gilt als der mit Geldstrafe [Belegte], der Śūdra wird „ohne Strafe“ genannt [?].
Wort für Wort
vāci daṇḍo brāhmaṇānām
im Wort die Strafe bei Brahmanen (Lok., Gen.Pl.)
kṣatriyāṇāṃ bhujārpaṇam
bei Kṣatriyas der Armeinsatz (Gen.Pl., Nom.)
dānadaṇḍaḥ smṛto vaiśyaḥ
der Vaiśya gilt als der Abgaben-/Geldstrafe-[Belegte] (Part.Pass., Nom.)
nirdaṇḍaḥ śūdra ucyate
straflos wird der Śūdra genannt (Pass.3.Sg.)
Text knapp und mehrdeutig; nirdaṇḍa beim Śūdra evtl. 'ohne (eigene) Strafe/Strafgewalt'.
yatra śyāmo lohitākṣo daṇḍaś carati sūnṛtaḥ; prajās tatra na muhyanti netā cet sādhu paśyati
Wo die dunkle, rotäugige, wahrhaftige [oder: wohlgesinnte] Strafe umhergeht, dort geraten die Geschöpfe nicht in Verwirrung, wenn der Lenker recht sieht.
madhyasthān sarvabhūteṣu dāntāñ śamaparāyaṇān; yajante mānavāḥ ke cit praśāntāḥ sarvakarmasu
[Jene,] die allen Wesen gegenüber unparteiisch, gezügelt und ganz dem Frieden hingegeben sind, verehren nur einige Menschen, [nämlich] die in allen Handlungen Befriedeten.
Wort für Wort
madhyasthān sarvabhūteṣu
die Unparteiischen unter allen Wesen (Akk.Pl., Lok.Pl.)
dāntāñ śamaparāyaṇān
Gezügelte, ganz dem Frieden Hingegebene (Akk.Pl.)
yajante mānavāḥ ke cit
verehren (opfern) einige Menschen (3.Pl.Präs.Med., Nom.Pl.)
praśāntāḥ sarvakarmasu
Befriedete in allen Handlungen (Nom.Pl., Lok.Pl.)
Bezug: die Götter Brahmā, Dhātṛ, Pūṣan aus dem vorigen Vers.
vinītakrodhaharṣā hi mandā vanam upāśritāḥ; vinā vadhaṃ na kurvanti tāpasāḥ prāṇayāpanam
Selbst die, welche Zorn und Freude gebändigt haben, die Schlichten [?], die sich in den Wald begeben haben, die Asketen, bestreiten ihren Lebensunterhalt nicht ohne Töten.
Wort für Wort
vinītakrodhaharṣā hi
denn die, bei denen Zorn und Freude gebändigt sind (Nom.Pl.)
mandā vanam upāśritāḥ
die Langsamen/Schlichten [?], in den Wald gegangen (Nom.Pl., Part.Pass.)
vinā vadhaṃ na kurvanti
ohne Töten tun nicht (3.Pl.Präs.)
tāpasāḥ prāṇayāpanam
die Asketen den Lebensunterhalt (Nom.Pl., Akk.)
mandāḥ: 'langsam, träge, einfach'; Sinn im Zusammenhang unsicher.
udake bahavaḥ prāṇāḥ pṛthivyāṃ ca phaleṣu ca; na ca kaś cin na tān hanti kim anyat prāṇayāpanāt
Im Wasser gibt es viele Lebewesen, auch auf der Erde und in den Früchten; und es gibt keinen, der sie nicht tötet; was ist [das] anderes als Lebenserhaltung?
Wort für Wort
udake bahavaḥ prāṇāḥ
im Wasser viele Lebewesen (Lok., Nom.Pl.)
pṛthivyāṃ ca phaleṣu ca
und auf der Erde und in Früchten (Lok.)
na ca kaś cin na tān hanti
und keiner, der sie nicht tötet (Nom., Akk.Pl., 3.Sg.)
Manche Wesen sind von so winziger Herkunft, dass sie nur durch Schlussfolgerung erkennbar sind; schon durch das Fallen einer Wimper wäre ihr Zerfall [?] möglich.
Wort für Wort
sūkṣmayonīni bhūtāni
Wesen mit winzigem Ursprung (Nom.Pl.n.)
tarkagamyāni kāni cit
durch Schluss erfassbar, manche (Nom.Pl.n.)
pakṣmaṇo 'pi nipātena
schon durch das Fallen der Wimper (Gen., Instr.)
yeṣāṃ syāt skandhaparyayaḥ
deren wäre Zerfall/Untergang [?] (Rel.Gen., Opt.3.Sg.)
skandhaparyaya: Bedeutung unsicher (etwa 'Umsturz des Körperverbandes, Untergang').
bhūmiṃ bhittvauṣadhīś chittvā vṛkṣādīn aṇḍajān paśūn; manuṣyās tanvate yajñāṃs te svargaṃ prāpnuvanti ca
Die Erde aufreißend, Pflanzen schneidend, [ebenso] Bäume und andere, eiergeborene Wesen und Tiere [tötend], vollziehen die Menschen Opfer, und sie gelangen in den Himmel.
Wenn es in der Welt keine Strafgewalt gäbe, wären diese Geschöpfe zugrunde gegangen; die Stärkeren hätten die Schwächeren gebraten wie Fische am Spieß.
Wort für Wort
daṇḍaḥ cet na bhavet loke
wenn die Strafgewalt nicht wäre in der Welt (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.; Lok.Sg.)
vyanaśiṣyan imāḥ prajāḥ
wären zugrunde gegangen diese Geschöpfe (Cond.3.Pl.; Nom.Pl.f.)
śūle matsyān iva
wie Fische am Spieß (Lok.Sg.; Akk.Pl.)
apakṣyan
hätten gebraten (Cond.3.Pl.)
durbalān balavattarāḥ
die Schwachen, die Stärkeren (Akk.Pl.; Nom.Pl., Komparativ)
Und dies ist wahr, was einst von Brahmā gesagt wurde: Die Strafgewalt, recht gehandhabt, schützt die Geschöpfe. Sieh, auch die Feuer erlöschen furchtlos [ohne Ausbrechen]; bedroht, brennen sie aus Furcht vor der Strafgewalt.
Wort für Wort
satyaṃ ca idaṃ brahmaṇā pūrvam uktam
und wahr ist dies, von Brahmā früher gesagt (Nom.Sg.n.; Instr.Sg.; Part.Perf.Pass.)
daṇḍaḥ prajā rakṣati
die Strafgewalt schützt die Geschöpfe (Nom.Sg.; Akk.Pl.; 3.Sg.Präs.)
sādhu nītaḥ
gut geleitet, recht gehandhabt (Adv.; Part.Perf.Pass. Nom.Sg.)
paśya agnayaḥ ca pratiśāmyanti abhītāḥ
sieh, auch die Feuer kommen zur Ruhe, ohne Furcht (Imp.2.Sg.; Nom.Pl.; 3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
saṃtarjitāḥ daṇḍabhayāt jvalanti
bedroht, aus Furcht vor der Strafgewalt brennen sie (Part.Perf.Pass. Nom.Pl.; Abl.Sg.; 3.Pl.Präs.)
Die zweite Vershälfte ist syntaktisch knapp und schwer zu deuten: Die Feuer erlöschen abhītāḥ, und jvalanti wird als Brennen aus Strafangst gelesen; genaue Deutung unsicher.
Wenn du, König, die Strafgewalt nicht unermüdlich gegen die Strafwürdigen verhängen würdest, ...
Wort für Wort
yadi na praṇayet rājan
wenn nicht verhängen würde, König (Opt.3.Sg.; Vok.Sg.)
daṇḍaṃ daṇḍyeṣu
die Strafe gegen die Strafwürdigen (Akk.Sg.; Lok.Pl.)
atandritaḥ
unermüdlich (Nom.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; Satz bricht ab, der Nachsatz fehlt. Subjekt des Opt. ist ergänzt [du].
ye 'pi saṃbhinnamaryādā nāstikā vedanindakāḥ; te 'pi bhogāya kalpante daṇḍenopanipīḍitāḥ
Auch die, welche die Schranken durchbrochen haben, die Ungläubigen, die Veda-Verächter, sind, von der Strafgewalt bedrängt, für den Genuss [der Ordnung] tauglich.
Wort für Wort
ye api saṃbhinnamaryādāḥ
auch die, die die Schranken zerbrochen haben (Nom.Pl.; Nom.Pl., Bahuvrīhi)
nāstikāḥ vedanindakāḥ
Ungläubige, Veda-Schmäher (Nom.Pl.; Nom.Pl.)
te api bhogāya kalpante
auch sie werden tauglich zum Genuss (Nom.Pl.; Dat.Sg.; 3.Pl.Präs. Med.)
daṇḍena upanipīḍitāḥ
von der Strafgewalt bedrängt (Instr.Sg.; Part.Perf.Pass. Nom.Pl.)
bhogāya kalpante: wörtlich „werden zum Genuss/Nutzen geeignet“; Sinn: fügen sich in ein geordnetes, genießbares Leben [?].
sarvo daṇḍajito loko durlabho hi śucir naraḥ; daṇḍasya hi bhayād bhīto bhogāyeha prakalpate
Die ganze Welt ist von der Strafgewalt bezwungen; ein reiner Mensch ist ja schwer zu finden. Wer aus Furcht vor der Strafe erschrickt, wird hienieden für den Genuss tauglich.
Wort für Wort
sarvaḥ daṇḍajitaḥ lokaḥ
die ganze Welt ist von der Strafe bezwungen (Nom.Sg.m.; Nom.Sg., Tatpuruṣa)
durlabhaḥ hi śuciḥ naraḥ
schwer zu erlangen ja ist ein reiner Mann (Nom.Sg.; Partikel; Nom.Sg.; Nom.Sg.)
daṇḍasya hi bhayāt bhītaḥ
aus Furcht ja vor der Strafgewalt erschrocken (Gen.Sg.; Abl.Sg.; Part.Perf.Pass. Nom.Sg.)
bhogāya iha prakalpate
zum Genuss hienieden wird tauglich (Dat.Sg.; Adv.; 3.Sg.Präs. Med.)
Damit die vier Stände nicht verwirrt werden und damit man gut geleitet wird, hat der Schöpfer die Strafgewalt eingesetzt, um Recht [dharma] und Nutzen [artha] zu schützen.
Wort für Wort
cāturvarṇya-apramohāya
zur Nichtverwirrung der vier Stände (Dat.Sg.)
sunītanayanāya ca
und zur guten Führung (Dat.Sg.)
daṇḍaḥ vidhātrā vihitaḥ
die Strafgewalt wurde vom Schöpfer eingesetzt (Nom.Sg.; Instr.Sg.; Part.Perf.Pass.)
viśvalopaḥ pravarteta bhidyeran sarvasetavaḥ; mamatvaṃ na prajānīyur yadi daṇḍo na pālayet
Allgemeine Zerstörung würde eintreten, alle Dämme würden brechen, und man würde kein Eigentum [„Mein-Sein“] mehr kennen, wenn die Strafgewalt nicht schützte.
na saṃvatsarasatrāṇi tiṣṭheyur akutobhayāḥ; vidhivad dakṣiṇāvanti yadi daṇḍo na pālayet
Die einjährigen Opferfeiern würden nicht furchtlos [ungestört] bestehen, die mit ordnungsgemäßen Opfergaben an die Priester ausgestatteten, wenn die Strafgewalt nicht schützte.
Wort für Wort
na saṃvatsarasatrāṇi tiṣṭheyuḥ
nicht bestünden die Jahres-Opfersitzungen (Nom.Pl.n.; Opt.3.Pl.)
akutobhayāḥ
ohne Furcht von irgendwoher (Nom.Pl.)
vidhivat dakṣiṇāvanti
regelgerecht, mit Priestergeschenken versehen (Adv.; Nom.Pl.n.)
yadi daṇḍaḥ na pālayet
wenn die Strafgewalt nicht schützte (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
akutobhayāḥ ist grammatisch m./Nom.Pl., bezieht sich sinngemäß auf die Opfersitzungen (Genus-Abweichung).
careyur nāśrame dharmaṃ yathoktaṃ vidhim āśritāḥ; na vidyāṃ prāpnuyāt kaś cid yadi daṇḍo na pālayet
Die Menschen würden im Āśrama nicht das Dharma befolgen, wie es gesagt ist, der Vorschrift folgend; niemand würde Wissen erlangen, wenn die Strafgewalt nicht schützte.
Wort für Wort
careyuḥ na āśrame dharmam
sie würden nicht üben im Āśrama das Dharma (Opt.3.Pl.; Lok.Sg.; Akk.Sg.)
yathoktaṃ vidhim āśritāḥ
wie gesagt, der Vorschrift folgend (Adv.; Akk.Sg.; Part.Perf.Akt. Nom.Pl.)
na vidyāṃ prāpnuyāt kaś cit
nicht würde Wissen erlangen irgendjemand (Akk.Sg.; Opt.3.Sg.; Nom.Sg.)
yadi daṇḍaḥ na pālayet
wenn die Strafgewalt nicht schützte (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
na preṣyā vacanaṃ kuryur na bālo jātu karhi cit; tiṣṭhet pitṛmate dharme yadi daṇḍo na pālayet
Diener würden keinen Befehl ausführen, und ein Kind würde niemals bei der von den Vätern gebilligten Ordnung bleiben, wenn die Strafgewalt nicht schützte.
Wort für Wort
na preṣyāḥ vacanaṃ kuryuḥ
Diener würden nicht das Wort tun (Nom.Pl.; Akk.Sg.; Opt.3.Pl.)
na bālaḥ jātu karhi cit
nie ein Kind, jemals (Nom.Sg.; Adv.; Adv.)
tiṣṭhet pitṛmate dharme
bliebe in dem von den Vätern gebilligten Dharma (Opt.3.Sg.; Lok.Sg.)
yadi daṇḍaḥ na pālayet
wenn die Strafgewalt nicht schützte (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
pitṛmate dharme kann auch „in der Ansicht/Ordnung des Vaters“ heißen; hier: vom Vater gebilligt.
daṇḍe sthitāḥ prajāḥ sarvā bhayaṃ daṇḍaṃ vidur budhāḥ; daṇḍe svargo manuṣyāṇāṃ loko 'yaṃ ca pratiṣṭhitaḥ
Alle Geschöpfe beruhen auf der Strafgewalt; die Weisen kennen die Strafgewalt als Furcht. In der Strafgewalt sind der Himmel der Menschen und diese Welt gegründet.
Wort für Wort
daṇḍe sthitāḥ prajāḥ sarvāḥ
in der Strafgewalt beruhend alle Geschöpfe (Lok.Sg.; Part.Perf.Akt. Nom.Pl.; Nom.Pl.)
bhayaṃ daṇḍaṃ viduḥ budhāḥ
als Furcht die Strafgewalt kennen die Weisen (Akk.Sg.; Akk.Sg.; 3.Pl.Perf.; Nom.Pl.)
daṇḍe svargaḥ manuṣyāṇām
in der Strafgewalt der Himmel der Menschen (Lok.Sg.; Nom.Sg.; Gen.Pl.)
lokaḥ ayaṃ ca pratiṣṭhitaḥ
und diese Welt ist gegründet (Nom.Sg.; Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.)
Der freche Hund würde die Opferspeise auslecken, und die Krähe würde den Puroḍāśa-Kuchen forttragen, wenn die Strafgewalt nicht erhoben wäre [und nicht schützte].
Wort für Wort
haviḥ śvā prapibet dhṛṣṭaḥ
die Opfergabe würde der Hund austrinken, dreist (Akk.Sg.; Nom.Sg.; Opt.3.Sg.; Nom.Sg.)
daṇḍaḥ cet na udyataḥ bhavet
wenn die Strafgewalt nicht erhoben wäre (Nom.Sg.; Part.Perf.Pass.; Opt.3.Sg.)
haret kākaḥ puroḍāśam
fortnähme die Krähe den Opferkuchen (Opt.3.Sg.; Nom.Sg.; Akk.Sg.)
yadi daṇḍaḥ na pālayet
wenn die Strafgewalt nicht schützte (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
Nur für den Gang der Welt ist hier die Darlegung des Dharma gemacht worden: „Nicht-Verletzen“, und „Verletzen der Guten [ist Unrecht]“; besser ist die Annahme des Dharma [unter diesen Gesichtspunkten].
Wort für Wort
lokayātrā-artham eva iha
nur zum Zweck des Weltlaufs hier (Akk.Sg.; Partikel; Adv.)
dharmapravacanaṃ kṛtam
die Darlegung des Dharma ist gemacht (Nom.Sg.n.; Part.Perf.Pass.)
ahiṃsā sādhuhiṃsā iti
Gewaltlosigkeit, [und] Gewalt gegen Gute, so [heißt es] (Nom.Sg.; Nom.Sg.; Zitatpartikel)
śreyān dharmaparigrahaḥ
besser ist die Annahme des Dharma (Nom.Sg., Komparativ; Nom.Sg.)
Zweite Vershälfte knapp und mehrdeutig; ahiṃsā sādhuhiṃsā iti kann auch als „Gewaltlosigkeit gegen die Guten, Gewalt [gegen die Bösen]“ gelesen werden [?].
ātatāyī hi yo hanyād ātatāyinam āgatam; na tena bhrūṇahā sa syān manyus taṃ manyum ṛcchati
Denn wer einen herankommenden Angreifer erschlägt, der ein Angreifer ist, wird dadurch nicht zum Embryotöter; der Zorn trifft [nur] den Zorn.
Wort für Wort
ātatāyī hi yaḥ hanyāt
denn wer erschlüge als Angreifer (Nom.Sg.; Partikel; Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
ātatāyinam āgatam
einen Angreifer, der herangekommen ist (Akk.Sg.; Part.Perf.Akt. Akk.Sg.)
na tena bhrūṇahā saḥ syāt
nicht dadurch würde er Embryotöter sein (Instr.Sg.; Nom.Sg.; Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
manyuḥ tam manyum ṛcchati
der Zorn trifft den Zorn (Nom.Sg.; Akk.Sg.; Akk.Sg.; 3.Sg.Präs.)
Der Vers ist ein Zitat/Sentenz; der Angreifer (ātatāyin) ist ein feststehender Rechtsbegriff. Die Wendung manyus taṃ manyum ṛcchati [?] – sinngemäß: der Zorn des Getöteten trifft nur den Zorn des Angreifers.