Kapitel 285: varṇotpattidharmanirūpaṇam
Ursprung der Stände und Gotras, ihre besonderen und allgemeinen Pflichten, Wirkung von Geburt und Handeln
Parāśara belehrt König Janaka über die Entstehung der vier Stände und der Mischstände, die Herkunft der Gotras aus Askese, die Sonderpflichten und die allgemeinen Pflichten der Stände sowie darüber, ob Geburt oder Handeln einen Menschen befleckt.
janaka uvāca; varṇo viśeṣavarṇānāṃ maharṣe kena jāyate; etad icchāmy ahaṃ śrotuṃ tad brūhi vadatāṃ vara
Janaka sprach: „Wodurch, großer Seher, entsteht der Stand (varṇa) der einzelnen besonderen Stände? Das möchte ich hören; sage es mir, Bester der Redenden.“
Wort für Wort
janaka uvāca
Janaka sprach (Perf.)
varṇo viśeṣavarṇānāṃ
der Stand unter den besonderen Ständen (Nom.Sg. / Gen.Pl.)
maharṣe kena jāyate
großer Seher, wodurch entsteht er (Vok. / Instr. / 3.Sg.Pass.-Präs.)
etad icchāmy ahaṃ śrotuṃ
das wünsche ich zu hören (Akk. / 1.Sg. / Inf.)
tad brūhi vadatāṃ vara
das sage, Bester der Redenden (Imp.2.Sg. / Vok. / Gen.Pl.)
yad etaj jāyate 'patyaṃ sa evāyam iti śrutiḥ; kathaṃ brāhmaṇato jāto viśeṣagrahaṇaṃ gataḥ
„Dass das Kind, das gezeugt wird, eben jener [Erzeuger] selbst ist – so lautet die Überlieferung. Wie ist [einer], von einem Brahmanen geboren, zu einer [davon] abweichenden Bezeichnung gelangt?“
Wort für Wort
yad etaj jāyate 'patyaṃ
dass dieses Kind gezeugt wird (Nom.Sg.n. / 3.Sg.Pass.)
sa evāyam iti śrutiḥ
„er ist eben dieser“ – so die Überlieferung (Nom.Sg.f.)
kathaṃ brāhmaṇato jāto
wie, vom Brahmanen her geboren (Adv. / Abl. / PPP Nom.)
viśeṣagrahaṇaṃ gataḥ
zur Annahme einer Besonderheit gelangt (Akk. / PPP Nom.)
viśeṣagrahaṇa: wörtlich „Annahme einer Besonderheit“; hier als abweichende Benennung/Standeszuordnung gedeutet.
parāśara uvāca; evam etan mahārāja yena jātaḥ sa eva saḥ; tapasas tv apakarṣeṇa jātigrahaṇatāṃ gataḥ
Parāśara sprach: „So ist es, großer König: Von wem einer gezeugt ist, der ist eben dieser. Durch Minderung der Askese jedoch ist er zur Bezeichnung einer [anderen] Geburtsgruppe gelangt.“
Wort für Wort
parāśara uvāca
Parāśara sprach (Perf.)
evam etan mahārāja
so verhält sich das, großer König (Vok.)
yena jātaḥ sa eva saḥ
von wem gezeugt, der ist eben er (Instr. / PPP Nom.)
tapasas tv apakarṣeṇa
durch Minderung der Askese aber (Gen. / Instr.Sg.)
jātigrahaṇatāṃ gataḥ
zur Benennung nach Geburtsgruppe gelangt (Akk.Sg.f. / PPP Nom.)
sukṣetrāc ca subījāc ca puṇyo bhavati saṃbhavaḥ; ato 'nyatarato hīnād avaro nāma jāyate
„Aus gutem Feld und aus guter Saat wird die Entstehung verdienstvoll. Ist eines von beiden mangelhaft, so wird ein Geringerer, dem Namen nach, geboren.“
Wort für Wort
sukṣetrāc ca subījāc ca
aus gutem Feld und aus guter Saat (Abl.)
puṇyo bhavati saṃbhavaḥ
wird verdienstvoll die Entstehung (3.Sg. / Nom.)
ato 'nyatarato hīnād
daher: aus einem von beiden, [wenn] mangelhaft (Abl.)
avaro nāma jāyate
wird ein Geringerer, dem Namen nach, geboren (Nom. / Adv. / 3.Sg.Pass.)
„Aus dem Mund, aus den Armen, aus den Schenkeln und aus den Füßen wurden sie geboren, als Prajāpati die Welten schuf – so wissen es die Kenner des Dharma.“
Wort für Wort
vaktrād bhujābhyām
aus dem Mund, aus den beiden Armen (Abl.Sg. / Abl.Du.)
ūrubhyāṃ padbhyāṃ ca
aus den Schenkeln und den Füßen (Abl.Du.)
evātha jajñire
und dann wurden sie geboren (Perf.3.Pl.Med.)
sṛjataḥ prajāpater lokān
während Prajāpati die Welten schuf (Gen.abs. / Akk.Pl.)
„Die Mundgeborenen sind die Brahmanen, Lieber; die Armgeborenen die Kṣatriyas [„Verwandten der Herrschaft“]; die Schenkelgeborenen sind die Besitzenden [Vaiśyas], König; die Fußgeborenen die Diener.“
Wort für Wort
mukhajā brāhmaṇās tāta
die Mundgeborenen sind die Brahmanen, Lieber (Nom.Pl. / Vok.)
bāhujāḥ kṣatrabandhavaḥ
die Armgeborenen sind die Kṣatriyas (Nom.Pl.)
ūrujā dhanino rājan
die Schenkelgeborenen sind die Vermögenden, König (Nom.Pl. / Vok.)
janaka uvāca; brahmaṇaikena jātānāṃ nānātvaṃ gotrataḥ katham; bahūnīha hi loke vai gotrāṇi munisattama
Janaka sprach: „Wie [kommt] bei den von dem einen Brahman/Brahmā Geborenen Verschiedenheit nach Gotra [zustande]? Denn viele Gotras gibt es ja hier in der Welt, Bester der Weisen.“
Wort für Wort
janaka uvāca
Janaka sprach (Perf.)
brahmaṇaikena jātānāṃ
von dem einen Brahman/Brahmā Geborener [?] (Instr. / PPP Gen.Pl.)
nānātvaṃ gotrataḥ katham
Verschiedenheit nach Gotra, wie (Nom. / Adv. auf -tas)
bahūnīha hi loke vai
viele nämlich hier in der Welt (Nom.Pl.n. / Lok.)
gotrāṇi munisattama
Gotras, Bester der Weisen (Nom.Pl. / Vok.)
brahmaṇaikena: unsichere Deutung (Instr. von brahman/brahmā „vom einen Brahmā“, oder Brahmanen) [?].
yatra tatra kathaṃ jātāḥ svayoniṃ munayo gatāḥ; śūdrayonau samutpannā viyonau ca tathāpare
„Wie sind die Weisen, wo auch immer geboren, zu ihrem eigenen Ursprung [Brahmanentum] gelangt? Manche sind im Schoß einer Śūdra-Frau entstanden, andere ‚schoßlos‘ [in abweichendem Schoß].“
Wort für Wort
yatra tatra kathaṃ jātāḥ
wo auch immer, wie geboren (Adv. / PPP Nom.Pl.)
svayoniṃ munayo gatāḥ
zu ihrem eigenen Ursprung die Weisen gegangen (Akk. / Nom.Pl. / PPP)
śūdrayonau samutpannā
im Śūdra-Schoß entstanden (Lok. / PPP Nom.Pl.)
viyonau ca tathāpare
und im abweichenden Schoß [?], ebenso andere (Lok. / Nom.Pl.)
svayoni und viyoni sind unsicher gedeutet [?]: viyoni könnte „aus nichtmenschlichem/anderem Schoß“ bedeuten.
Parāśara sprach: „König, das ist nicht als [Maßstab] anzunehmen bei niedriger Geburt; die Entstehung der Hochgemuten, deren Selbst durch Askese vollendet ist, [beruht auf Askese].“
Wort für Wort
parāśara uvāca
Parāśara sprach (Perf.)
rājan naitad bhaved grāhyam
König, dies dürfte nicht anzunehmen sein (Vok. / Opt.3.Sg. / Gerundiv)
apakṛṣṭena janmanā
bei niedriger Geburt (Instr.Sg.n.)
mahātmanāṃ samutpattis
die Entstehung der Hochgemuten (Gen.Pl. / Nom.Sg.f.)
tapasā bhāvitātmanām
durch Askese, deren Selbst vollendet ist (Instr. / Gen.Pl.)
Zweiter Halbvers elliptisch; „beruht auf Askese“ ergänzt.
ete svāṃ prakṛtiṃ prāptā vaideha tapaso ''śrayāt; pratiṣṭhitā vedavido dame tapasi caiva hi
„Diese haben, König der Videher, durch die Stütze der Askese ihre [eigentliche] Natur erlangt; sie stehen fest, Veda-Kundige, in Selbstbeherrschung und in Askese.“
Wort für Wort
ete svāṃ prakṛtiṃ prāptā
diese ihre [eigene] Natur erlangt habend (Nom.Pl. / Akk.Sg. / PPP)
vaideha tapaso ''śrayāt
Videher, aus der Stütze der Askese (Vok. / Gen. / Abl.)
Parāśara sprach: „Gaben annehmen, Opfer leiten und ebenso Lehren, König, sind die besondere Pflicht der Brahmanen; Schutz ist die schöne [Pflicht] des Kṣatra.“
Wort für Wort
parāśara uvāca
Parāśara sprach (Perf.)
pratigraho yājanaṃ ca
Annehmen von Gaben und Opferleitung (Nom.Sg.)
tathaivādhyāpanaṃ nṛpa
und ebenso Lehren, König (Nom. / Vok.)
viśeṣadharmo viprāṇāṃ
besondere Pflicht der Brahmanen (Nom. / Gen.Pl.)
rakṣā kṣatrasya śobhanā
Schutz [ist] des Kṣatra schöne [Pflicht] (Nom.Sg.f. / Gen. / Nom.Sg.f.)
ānṛśaṃsyam ahiṃsā cāpramādaḥ saṃvibhāgitā; śrāddhakarmātitheyaṃ ca satyam akrodha eva ca
„Mitgefühl [Nicht-Grausamkeit], Gewaltlosigkeit, Unachtsamkeit-Freiheit [Wachsamkeit], Teilen, das Totenopfer-Werk und Gastfreundschaft, Wahrhaftigkeit und Zornlosigkeit,“
„Die drei Stände fallen, Fürst, wenn sie in Fehlhandeln verharren; sie steigen auf, wenn sie sich hier, wie es den Guten entspricht, auf ihre eigenen Pflichtwerke stützen.“
Wort für Wort
vikarmāvasthitā varṇāḥ
in Fehlhandeln verharrende Stände (PPP Nom.Pl. / Nom.Pl.)
patanti nṛpate trayaḥ
fallen, Fürst, die drei (3.Pl. / Vok. / Nom.)
unnamanti yathāsantam
steigen auf, wie es den Guten entspricht [?] (3.Pl. / Adv.)
āśritya svakarmasu
sich stützend auf die eigenen Werke (Abs. / Lok.Pl.)
na cāpi śūdraḥ patatīti niścayo; na cāpi saṃskāram ihārhatīti vā; śrutipravṛttaṃ na ca dharmam āpnute; na cāsya dharme pratiṣedhanaṃ kṛtam
„Auch ein Śūdra fällt nicht – so lautet die Entscheidung; und [es heißt] auch nicht, dass er hier eine Weihe nicht verdiene; [wohl] erlangt er nicht den von der Śruti ausgehenden Dharma, doch ist ihm im Dharma kein Verbot auferlegt.“
Wort für Wort
na cāpi śūdraḥ patatīti niścayo
auch ein Śūdra fällt nicht – so die Entscheidung (Nom. / 3.Sg. / Nom.)
na cāpi saṃskāram ihārhatīti vā
und auch nicht: er verdient hier keine Weihe [?], oder (Akk. / 3.Sg.)
śrutipravṛttaṃ na ca dharmam āpnute
den aus der Śruti hervorgehenden Dharma erlangt er nicht (PPP Akk. / 3.Sg.Med.)
na cāsya dharme pratiṣedhanaṃ kṛtam
und ihm ist im Dharma kein Verbot gemacht (Gen. / Lok. / Nom. / PPP)
Syntax der beiden ersten Pādas mehrdeutig (Verneinungen); Wiedergabe [?] nach dem Sinn: kein Fall des Śūdra, keine Verweigerung der Weihe, kein Verbot.
„Den Vaidehaka nennen sie einen Śūdra, die Zweimalgeborenen, großer König, die in der Śruti Bewanderten. Ich aber sehe, Herr der Menschen, den Gott, Viṣṇu, das Oberhaupt der ganzen Welt.“
Wort für Wort
vaidehakaṃ śūdram udāharanti
den Vaidehaka einen Śūdra nennen sie (Akk. / Akk. / 3.Pl.)
dvijā mahārāja śrutopapannāḥ
die Zweimalgeborenen, großer König, Śruti-Bewanderte (Nom.Pl. / Vok. / Nom.Pl.)
ahaṃ hi paśyāmi narendra devaṃ
ich aber sehe, Herr der Menschen, den Gott (Nom. / 1.Sg. / Vok. / Akk.)
viśvasya viṣṇuṃ jagataḥ pradhānam
Viṣṇu, der ganzen Welt Oberhaupt (Gen. / Akk. / Gen. / Akk.)
Zusammenhang der zweiten Hälfte unklar; Sinn [?]: der Sprecher sieht auch im Śūdra das Göttliche.
„Wer das Verhalten der Guten befolgt, sind die Niedrigsten, die sich erheben wollen; wenn sie ohne Mantra nährende Riten vollziehen, werden sie nicht befleckt.“
Wort für Wort
satāṃ vṛttam anuṣṭhāya
das Verhalten der Guten befolgend (Gen.Pl. / Akk. / Abs.)
nihīnā ujjihīrṣavaḥ
die Niedrigen, sich erheben wollend (Nom.Pl. / Nom.Pl.Desid.)
mantravarjaṃ na duṣyanti
ohne Mantra werden sie nicht befleckt (Adv. / 3.Pl.)
jātyā ca karmaṇā caiva duṣṭaṃ karma niṣevate; jātyā duṣṭaś ca yaḥ pāpaṃ na karoti sa pūruṣaḥ
„Wer durch Geburt und durch Handeln verdorben ist, der übt verdorbenes Handeln aus; wer aber durch Geburt verdorben ist und dennoch nichts Böses tut, der ist ein [wahrer] Mann.“
Wort für Wort
jātyā ca karmaṇā caiva
durch Geburt und durch Handeln (Instr.)
duṣṭaṃ karma niṣevate
verdorbenes Handeln übt er aus (PPP Akk. / 3.Sg.Med.)
jātyā duṣṭaś ca yaḥ pāpaṃ
und wer durch Geburt verdorben ist, Böses (Instr. / PPP Nom. / Akk.)
„Nachdem sie die Feuer niedergelegt haben, sitzen sie [in Andacht] und schauen [die Wahrheit], fieberfrei, nachdem sie den zum höchsten Heil führenden Pfad des Dharma Stufe um Stufe bestiegen haben.“
„Alle Stände gehen, nachdem sie, König, recht die dharmagemäßen Werke getan, wahre Worte gesprochen und den grausamen Adharma in der Lebenswelt aufgegeben haben, in den Himmel; darüber ist kein Zweifel zu hegen.“
Wort für Wort
sarve varṇā dharmakāryāṇi samyak
alle Stände, Dharma-Werke, recht (Nom.Pl. / Akk.Pl. / Adv.)