Kapitel 297: vasumān-bhṛguvaṃśadhara-saṃvādaḥ dharmopadeśaḥ
Belehrung des jagenden Königs Vasumat durch den Bhṛgu-Weisen über Dharma und Standhaftigkeit
Bhīṣma erzählt, wie der Janaka-Sohn Vasumat im Wald einen Weisen aus dem Geschlecht der Bhṛgu nach dem höchsten Heil fragt. Die Antwort mahnt zu Dharma, Freigebigkeit gegenüber Würdigen, Selbstzucht und Standhaftigkeit.
Bhīṣma sprach: Als irgendein Sohn des Janaka auf der Jagd in einem einsamen Wald umherzog, erblickte er den Fürsten der Brahmanen, den Seher, den Stammhalter der Bhṛgu.
„Ehrwürdiger, was ist dies Heilsame, das für den Menschen im jenseitigen wie im diesseitigen [Leben] sein kann, [für ihn], der einen unbeständigen Körper hat und unter der Herrschaft der Begierde steht?“
Wort für Wort
bhagavan kim idaṃ śreyaḥ
Ehrwürdiger, was ist dies Heilsame (Vok./Nom.)
pretya vāpīha vā bhavet
im Jenseits oder auch hier, es möge sein (Abs. als Adv./Opt.)
puruṣasya adhruve dehe
für den Menschen, im unbeständigen Körper (Gen./Lok.)
kāmasya vaśavartinaḥ
der Begierde untertan (Gen./Nom.-Gen. des Menschen)
„Dharma ist den Guten heilsam, den Menschen, und Dharma ist die Stütze der Guten; aus dem Dharma, mein Lieber, sind die drei Welten samt Beweglichem und Unbeweglichem hervorgegangen.“
Wort für Wort
dharmaḥ satāṃ hitaḥ puṃsām
Dharma ist den Guten heilsam, den Menschen (Nom./Gen./Dat.-Sinn)
dharmaś caivāśrayaḥ satām
und Dharma ist die Zuflucht der Guten (Nom./Gen.)
dharmāl lokās trayaḥ
aus dem Dharma die drei Welten (Abl./Nom.)
tāta pravṛttāḥ
Lieber, sind hervorgegangen (Vok./Part. Nom. Pl.)
sacarācarāḥ
mit Beweglichem und Unbeweglichem (Nom. Pl. Bahuvrīhi)
„Du, der du nach Süßem gierst: Warum gelangst du nicht zur Begierdelosigkeit hinsichtlich der Genüsse? Den Honig siehst du, du Törichter, den Absturz siehst du nicht.“
Wort für Wort
svādukāmuka
du nach Süßem Lüsterner (Vok.)
kāmānāṃ vaitṛṣṇyaṃ
hinsichtlich der Genüsse Begierdelosigkeit (Gen./Akk.)
kiṃ na gacchasi
warum gelangst du nicht (2.Sg.Präs.)
madhu paśyasi durbuddhe
Honig siehst du, du Törichter (Akk./2.Sg./Vok.)
prapātaṃ nānupaśyasi
den Absturz siehst du nicht [wahr] (Akk./2.Sg.Präs.)
„Für den Unedlen, der nach Dharma verlangt, ist lauteres Handeln schwer; für den Edlen, der nach Dharma verlangt, ist das [sonst] schwere Handeln leicht.“
Wort für Wort
asatā dharmakāmena
für den Unedlen, der Dharma begehrt (Instr. des Handelnden)
„Wer im Wald ein Leben in dörflichen Genüssen führt, ist wie ein Dörfler; wer im Dorf ein Leben in Waldgenüssen führt, ist ebenso wie ein Waldbewohner.“
Wort für Wort
vane grāmyasukhācāraḥ
im Wald dörfliche Freuden pflegend (Lok./Nom. Bahuvrīhi)
„Setze gesammelt Vertrauen in den Dharma, der in Geist, Rede und Tat besteht, nachdem du Vorzüge und Nachteile von Rückzug und von Tätigkeit sorgfältig abgewogen hast.“
Wort für Wort
manovākkarmake dharme
im Dharma, der aus Geist, Rede und Tat besteht (Lok.)
kuru śraddhāṃ samāhitaḥ
setze Vertrauen, gesammelt (Imp./Akk./Nom.)
nivṛttau vā pravṛttau vā
im Rückzug oder in der Tätigkeit (Lok.)
saṃpradhārya guṇāguṇān
abgewogen habend Vorzüge und Nachteile (Abs./Akk. Pl.)
nityaṃ ca bahu dātavyaṃ sādhubhyaś cānasūyatā; prārthitaṃ vrataśaucābhyāṃ satkṛtaṃ deśakālayoḥ
„Und beständig ist viel zu geben, und Neidlosigkeit [ist zu üben] gegenüber den Guten; [zu geben ist,] was erbeten wurde, mit Gelübde und Reinheit, ehrerbietig, nach Ort und Zeit.“
Wort für Wort
nityaṃ ca bahu dātavyaṃ
und beständig viel ist zu geben (Adv./Gerundiv)
sādhubhyaś cānasūyatā
und den Guten gegenüber Neidlosigkeit (Dat./Nom. f.)
prārthitaṃ
das Erbetene (Part. Pass. n.)
vrataśaucābhyāṃ satkṛtaṃ
mit Gelübde und Reinheit, ehrerbietig (Instr. Du./Part. n.)
deśakālayoḥ
nach Ort und Zeit (Lok. Du.)
Sehr elliptische Konstruktion; die Ergänzungen in Klammern sind erschlossen.
„Ein Zweimalgeborener, der nicht grausam, rein, selbstbeherrscht, wahrhaftig in der Rede und in Geradheit gefestigt ist, in Herkunft und Handeln lauter und den Veda kennt, sei ein [würdiger] Empfänger.“
Wort für Wort
anṛśaṃsaḥ śucir dāntaḥ
nicht grausam, rein, bezwungen (Nom.)
satyavāg ārjave sthitaḥ
wahrhaftig redend, in Geradheit stehend (Nom.)
yonikarmaviśuddhaś ca
und lauter in Herkunft und Handeln (Nom.)
pātraṃ syād vedavid dvijaḥ
ein Gefäß [Empfänger] sei der Veda-kundige Zweimalgeborene (Nom./Opt.)
„Und eine geehrte Einzelgattin; die Herkunft [gilt] hier als durch Geburt [bestimmt]; ein Kundiger, der Ṛg-, Yajus- und Sāmaveda beherrscht, der die sechs Werke ausübt, wird ein [würdiger] Empfänger genannt.“
Wort für Wort
satkṛtā caikapatnī ca
und eine geehrte, nur einen Gatten habende Frau [?] (Nom. f.)
jātyā yonir iheṣyate
durch Geburt der Schoß [Herkunft] wird hier erstrebt/gilt (Instr./Nom./3.Sg.Pass.) [?]
ṛgyajuḥsāmago vidvān
Ṛg-, Yajus- und Sāman-kundig, gelehrt (Nom.)
ṣaṭkarmā pātram ucyate
der sechs Werke ausübt, wird Empfänger genannt (Nom./Nom./3.Sg.Pass.)
Erster Halbvers syntaktisch dunkel; Sinn der Wendung jātyā yonir iheṣyate unsicher.
sa eva dharmaḥ so 'dharmas taṃ taṃ pratinaraṃ bhavet; pātrakarmaviśeṣeṇa deśakālāv avekṣya ca
„Eben dies wird bei diesem und jenem Menschen zu Dharma oder zu Adharma, je nach der Besonderheit von Empfänger und Handlung und mit Rücksicht auf Ort und Zeit.“
Wort für Wort
sa eva dharmaḥ so 'dharmaḥ
eben dies ist Dharma, dies Adharma (Nom.)
taṃ taṃ pratinaraṃ bhavet
bei jedem einzelnen Menschen mag es werden (Adv./Opt.)
pātrakarmaviśeṣeṇa
durch die Besonderheit von Empfänger und Handlung (Instr.)
Geistiges Leid [vertreibe man] durch den Dienst an den Alten, körperliches durch Heilmittel, das der Rede durch das Murmeln von Mantras; der Kundige soll es mit Eifer vernichten.
Wort für Wort
mānasaṃ vṛddhasevābhiḥ
das Geistige durch Dienst an den Alten (Nom. n./Instr. Pl.)
duḥkhaṃ śārīram auṣadhaiḥ
Leid, das Körperliche durch Heilkräuter (Akk./Instr. Pl.)
vācikaṃ mantrajāpyena
das der Rede durch Mantra-Murmeln (Instr.)
vidvān yatnād vināśayet
der Kundige soll mit Eifer vernichten (Nom./Abl./Opt.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (Sternvers), nur in einem Teil der Handschriften.
rājarṣir adhṛtiḥ svargāt patito hi mahābhiṣaḥ; yayātiḥ kṣīṇapuṇyaś ca dhṛtyā lokān avāptavān
„Der Königsseher Mahābhiṣa, der nicht standhaft war, stürzte vom Himmel; Yayāti, dessen Verdienst erschöpft war, gewann durch Standhaftigkeit [wieder] Welten.“
Wort für Wort
rājarṣir adhṛtiḥ
der Königsseher, nicht standhaft (Nom.)
svargāt patito hi mahābhiṣaḥ
vom Himmel gefallen fürwahr, Mahābhiṣa (Abl./Part. Nom./Nom.)
yayātiḥ kṣīṇapuṇyaś ca
und Yayāti, dessen Verdienst erschöpft war (Nom.)
dhṛtyā lokān avāptavān
durch Standhaftigkeit Welten erlangte (Instr./Akk./Part. Perf. Akt.)
sa tu svabhāvasaṃpannas tac chrutvā munibhāṣitam; vinivartya manaḥ kāmād dharme buddhiṃ cakāra ha
Der von Natur Wohlgeratene aber, nachdem er diese Worte des Weisen gehört hatte, wandte den Geist von der Begierde ab und richtete seinen Sinn auf den Dharma.
Wort für Wort
sa tu svabhāvasaṃpannaḥ
er aber, von Natur wohlgeraten (Nom.)
tac chrutvā munibhāṣitam
dies gehört habend, vom Weisen Gesprochenes (Abs./Akk.)
vinivartya manaḥ kāmāt
abgewandt habend den Geist von der Begierde (Abs./Akk./Abl.)
dharme buddhiṃ cakāra ha
auf den Dharma richtete er den Sinn, fürwahr (Lok./Akk./Perf.)