Kapitel 315: saptavāyukathā
Vyāsa, Nārada und die Lehre von den sieben Winden
Bhīṣma erzählt, wie Vyāsas Schüler nach Abschluss ihres Vedastudiums fortziehen und Vyāsa allein in Meditation zurückbleibt, bis Nārada ihn zur Fortsetzung der Vedarezitation auffordert (mit einer nur in Teilen der Handschriften überlieferten Zusatzerzählung über die sündigen Bāhlīka-Länder und eine Brahmanin am Tīrtha Puṣkara). Im Hauptteil des Kapitels erläutert Vyāsa dann seinem Sohn Śuka, veranlasst durch einen plötzlichen Sturm, die Lehre von den sieben kosmischen Winden (Pravaha bis Parāvaha).
uktāḥ smo yad bhagavatā tadātvāyatisaṃhitam; tan no manasi saṃrūḍhaṃ kariṣyāmas tathā ca tat
„Was uns vom Erhabenen gesagt wurde, auf Gegenwart und Zukunft bezogen – das ist in unserem Sinn fest eingewurzelt; wir werden es so tun, und so sei es.“
Wort für Wort
uktāḥ smo yad bhagavatā
wir sind angeredet worden [mit dem], was vom Erhabenen [gesagt wurde] (1.Sg.Perf.periphr./Instr.)
tadātvāyatisaṃhitam
auf Gegenwart und Zukunft bezogen (Nom./Akk.n., Kompositum)
Stets von den Zweifachgeborenen verehrt, sich freuend, dem Hausleben zugetan, dem Opferleiten und Lehren ergeben, glanzvoll und in der Welt berühmt, [lebten sie].
Wort für Wort
pūjyamānā dvijair nityaṃ
stets von den Zweifachgeborenen verehrt (Nom.Pl.Part.Pass./Instr.)
modamānā gṛhe ratāḥ
sich freuend, dem Hausleben zugetan (Nom.Pl.)
yājanādhyāpanaratāḥ
dem Opferleiten und Lehren ergeben (Nom.Pl., Kompositum)
Als die Schüler hinabgestiegen waren, setzte sich Vyāsa, mit seinem Sohn als Begleiter, der weise, schweigend der Meditation zugewandt, an einem einsamen Ort.
Wort für Wort
avatīrṇeṣu śiṣyeṣu
als die Schüler hinabgestiegen waren (Lok.Abs.)
vyāsaḥ putrasahāyavān
Vyāsa, den Sohn als Begleiter habend (Nom.)
tūṣṇīṃ dhyānaparo dhīmān
schweigend, der Meditation zugewandt, der Weise (Nom.)
ekānte samupāviśat
setzte sich an einem einsamen Ort (Lok./3.Sg.Impf.)
bho bho maharṣe vāsiṣṭha brahmaghoṣo na vartate; eko dhyānaparas tūṣṇīṃ kim āsse cintayann iva
„He, he, großer Weiser, Nachkomme des Vāsiṣṭha! Kein Klang der Vedarezitation ist zu hören – warum sitzt du allein, schweigend, der Meditation zugewandt, wie in Gedanken versunken?“
Wort für Wort
bho bho maharṣe vāsiṣṭha
he, he, großer Weiser, Vāsiṣṭha-Nachkomme (Vok.)
brahmaghoṣo na vartate
kein Vedaklang ist [hier] vorhanden (Nom./3.Sg.Präs.)
eko dhyānaparas tūṣṇīṃ
allein, der Meditation zugewandt, schweigend (Nom.)
kim āsse cintayann iva
warum sitzt du, wie nachdenkend? (2.Sg.Präs./Part.)
Vāsiṣṭha: Bezug auf Vyāsas Abstammung von Vasiṣṭha (über dessen Sohn Śakti und Parāśara).
na bhrājate yathāpūrvaṃ niṣādānām ivālayaḥ; devarṣigaṇajuṣṭo 'pi vedadhvaninirākṛtaḥ
Er strahlt nicht wie zuvor, gleich der Wohnstätte von Niṣādas, obwohl er von Scharen der Götter und Seher besucht wird – denn er ist des Vedaklangs beraubt.
Wort für Wort
na bhrājate yathāpūrvaṃ
er strahlt nicht wie zuvor (3.Sg.Präs.)
niṣādānām ivālayaḥ
wie eine Wohnstätte der Niṣādas (Gen.Pl./Nom.)
devarṣigaṇajuṣṭo 'pi
obwohl von Scharen der Götter und Seher besucht (Nom., Kompositum)
Nārada sprach: „Der Makel der Veden ist das Nicht-Studieren; der Makel des Brahmanen ist das Fehlen der Gelübde; der Makel der Erde sind die Vāhīkas; der Makel der Frauen ist die Neugier.“
Wort für Wort
nārada uvāca
Nārada sprach (3.Sg.Perf.)
anāmnāyamalā vedā
der Veden Makel ist das Nicht-Studieren (Nom., Kompositum)
brāhmaṇasyāvrataṃ malam
des Brahmanen Makel ist die Gelübdelosigkeit (Gen./Nom.)
„Du sollst die Veden studieren, zusammen mit deinem weisen Sohn, und dabei durch den Klang der Vedarezitation die Finsternis vertreiben, die von den Rākṣasas Furcht erzeugt.“
Wort für Wort
adhīyatāṃ bhavān vedān
du mögest die Veden studieren (Impv./Nom./Akk.)
sārdhaṃ putreṇa dhīmatā
zusammen mit dem weisen Sohn (Instr.)
vidhunvan brahmaghoṣeṇa
durch den Vedaklang abschüttelnd (Part./Instr.)
rakṣobhayakṛtaṃ tamaḥ
die von Rākṣasas bewirkte Furcht[-Dunkelheit] (Akk., Kompositum)
Bhīṣma sprach: Nachdem er Nāradas Worte gehört hatte, sagte Vyāsa, der höchste Kenner des Dharma, hocherfreut: „So sei es“ – fest entschlossen zum Vedastudium.
uvāca ca mahāprājñaṃ nāradaṃ punar eva hi; malaṃ pṛthivyā bāhlīkā ity uktam adhunā tvayā; nārada uvāca; kīdṛśāś caiva bāhlīkā brūhi me vadatāṃ vara; asyāṃ pṛthivyāṃ catvāro deśāḥ pāpajanair vṛtāḥ; yugaṃdharas tu prathamas tathā bhūtilakaḥ smṛtaḥ; acyutacchala ity uktas tṛtīyaḥ pāpakṛttamaḥ; caturthas tu mahāpāpo bāhlīka iti saṃjñitaḥ; mṛgoṣṭragardabhakṣīraṃ pibanty asya yugaṃdhare; ekavarṇās tu dṛśyante janā vai hy acyutasthale; mehanti ca malaṃ pāpā visṛjanti jaleṣu vai; nityaṃ bhūtilake 'tyannaṃ taj jalaṃ ca pibanti ca; haribāhyās tu vāhīkā na smaranti hariṃ kva cit; aihalaukikamokṣaṃ te māṃsaśoṇitavardhanāḥ; vṛthā jātā bhaviṣyanti bāhlīkā iti viśrutāḥ; puṣkarāhāraniratāḥ piśācā yad abhāṣata; musuṇṭhīṃ parigṛhyogrāṃ tac chṛṇuṣva mahāmune; brāhmaṇīṃ bahuputrāṃ tāṃ puṣkare snātum āgatām; yugaṃdhare payaḥ pītvā hy ucitā hy acyutasthale; tathā bhūtilake snātvā bāhlīkāṃś ca nirīkṣya vai; āgatāsi tathā snātuṃ kathaṃ svargaṃ na gacchasi; ity uktvā brāhmaṇībhāṇḍaṃ pothayitvā musuṇṭhinā; uvāca krodhatāmrākṣī piśācī tīrthapālikā; etat tu te divā vṛttaṃ rātrau vṛttam athānyathā; gaccha bāhlīkasaṃsargād aśucitvaṃ na saṃśayaḥ; yad dviṣanti mahātmānaṃ na smaranti janārdanam; na teṣāṃ puṇyatīrtheṣu gatiḥ saṃsargiṇām api; udyuktā brāhmaṇī bhītā pratiyātā sutaiḥ saha; svadehasthā jajāpaivaṃ saputrā dhyānatatparā; anantasya hareḥ śuddhaṃ nāma vai dvādaśākṣaram; vatsaratritaye pūrṇe brāhmaṇī punar āgatā; saputrā puṣkaradvāraṃ piśācy āha tathāgatam; namas te brāhmaṇi śubhe pūtāhaṃ tava darśanāt; kuru tīrthābhiṣekaṃ ca saputrā pāpavarjitā; harer nāmnā ca māṃ sādhvī jalena spraṣṭum arhasi; ity uktā brāhmaṇī hṛṣṭā putraiḥ saha śubhavratā; jalena prokṣayām āsa dvādaśākṣarasaṃyutam; tatkṣaṇād abhavac chuddhā piśācī divyarūpiṇī; apsarā hy abhavad divyā gatā svarlokam uttamam; brāhmaṇī caiva kālena vāsudevaparāyaṇā; saputrā cāgatā sthānam acyutasya paraṃ śubham; etat te kathitaṃ vidvan mune kālo 'yam āgataḥ; gamiṣye 'haṃ mahāprājña āgamiṣyāmi vai punaḥ; ity uktvā sa jagāmātha nārado vadatāṃ varaḥ; dvaipāyanas tu bhagavāṃs tac chrutvā munisattamāt
Und er sprach abermals zu dem hochweisen Nārada: „Als Makel der Erde hast du eben die Bāhlīkas bezeichnet – wie sind denn die Bāhlīkas beschaffen? Sag es mir, du Bester der Redekundigen.“ [Anm.: Die Sprecherangabe „Nārada sprach“ steht im überlieferten Text bereits vor dieser Frage; da die beschreibende Antwort erst im Folgenden einsetzt, dürfte die Zuordnung hier vertauscht oder fehlplatziert sein.] Nārada sprach: „Auf dieser Erde gibt es vier Länder, die von sündigen Leuten bewohnt sind: Yugandhara gilt als das erste, ebenso Bhūtilaka als zweites; das dritte, dessen Bewohner die schlimmsten Sünder sind, wird Acyutacchala genannt; das vierte aber, hochsündig, heißt Bāhlīka. In Yugandhara trinkt man Milch von Wild, Kamel und Esel; in Acyutasthala erscheinen die Leute wahrlich ohne [Kasten-]Unterschied; sündig, wie sie sind, urinieren sie und entleeren ihren Unrat in die Gewässer; in Bhūtilaka essen sie ständig übermäßig und trinken eben dieses [verunreinigte] Wasser. Die Vāhīkas aber, Hari fernstehend, gedenken Haris niemals; ihr Ziel ist nur die Befreiung von den Nöten dieser Welt, diese Vermehrer von Fleisch und Blut – vergeblich geboren werden sie sein, die als Bāhlīkas bekannt sind.
Höre nun, was die Piśācas sprachen, die sich stets an der Nahrung von Puṣkara erfreuen, als eine von ihnen eine furchtbare musuṇṭhī [?] ergriff – das höre, o großer Weiser: Eine Brahmanin mit vielen Söhnen war nach Puṣkara gekommen, um zu baden; [die Piśācī sprach zu ihr]: ‚Du hast in Yugandhara Milch getrunken, wie es dort Sitte war, und ebenso in Acyutasthala, hast dich auch in Bhūtilaka gewaschen und die Bāhlīkas besucht – und bist nun gekommen, um hier zu baden: warum gehst du dann nicht gleich in den Himmel?‘ So sprach sie und zerschlug mit der musuṇṭhī [?] das Gefäß der Brahmanin; da sprach die vor Zorn kupferäugige Piśācī, die Wächterin der Pilgerstätte: ‚Dies ist dir am Tag geschehen [?]; in der Nacht wird es sich anders zutragen [?]. Geh! Durch den Umgang mit den Bāhlīkas bist du unrein, ohne Zweifel. Weil sie den Hochherzigen hassen und Janārdana nicht gedenken, gibt es für sie an den heiligen Pilgerstätten keinen Zugang – nicht einmal für die, die nur mit ihnen verkehren.‘
Erschrocken kehrte die Brahmanin mit ihren Söhnen um; in sich gekehrt, der Meditation zugewandt, murmelte sie so, mit ihrem Sohn, den reinen, zwölfsilbigen Namen des unendlichen Hari. Als drei Jahre vollendet waren, kam die Brahmanin mit ihrem Sohn wieder zum Tor von Puṣkara; die Piśācī sprach zu ihr, die so zurückgekehrt war: ‚Verehrung dir, holde Brahmanin! Rein bin ich schon durch deinen Anblick. Vollziehe die Weihe an der Pilgerstätte, sündenfrei, mit deinem Sohn, und berühre mich, du Tugendhafte, mit Wasser und dem Namen Haris.‘ So angesprochen, freute sich die Brahmanin von gutem Gelübde mit ihren Söhnen und besprengte sie mit Wasser, verbunden mit dem zwölfsilbigen Mantra. Im selben Augenblick wurde die Piśācī rein und von göttlicher Gestalt; sie wurde eine himmlische Apsaras und ging zur höchsten Himmelswelt. Die Brahmanin aber wurde mit der Zeit ganz Vāsudeva zugewandt und gelangte mit ihrem Sohn zum höchsten, heilvollen Ort des Acyuta.
Dies ist dir erzählt, du Kundiger, Weiser; nun ist die Zeit gekommen: Ich werde gehen, o Hochweiser, doch wiederkommen werde ich.‘ So sprach Nārada, der Beste der Redner, und ging fort. Der erhabene Dvaipāyana aber, nachdem er dies vom besten der Weisen gehört hatte, [Anm.: Der Satz bricht an der Grenze dieser Zusatzpassage ab; er wird sinngemäß im folgenden Vers fortgeführt.]
Wort für Wort
uvāca ca mahāprājñaṃ nāradam punar eva hi
[Vyāsa] sprach wiederum zum hochweisen Nārada (3.Sg.Perf.)
malaṃ pṛthivyā bāhlīkā ity uktam adhunā tvayā
‚die Bāhlīkas sind der Makel der Erde‘, wurde eben von dir gesagt (PPP/Instr.)
nārada uvāca
Nārada sprach (3.Sg.Perf.)
kīdṛśāś caiva bāhlīkā brūhi me vadatāṃ vara
wie sind die Bāhlīkas? Sag mir, bester der Redner (2.Sg.Impv./Vok.)
asyāṃ pṛthivyāṃ catvāro deśāḥ pāpajanair vṛtāḥ
auf dieser Erde vier Länder, von sündigen Leuten bewohnt (Lok./Nom.Pl./Instr.)
yugaṃdharas tu prathamas tathā bhūtilakaḥ smṛtaḥ
Yugandhara ist das erste, ebenso gilt Bhūtilaka (Nom./PPP)
acyutacchala ity uktas tṛtīyaḥ pāpakṛttamaḥ
Acyutacchala heißt das dritte, das sündigste (Nom./PPP)
caturthas tu mahāpāpo bāhlīka iti saṃjñitaḥ
das vierte, hochsündig, wird Bāhlīka genannt (Nom./PPP)
mṛgoṣṭragardabhakṣīraṃ pibanty asya yugaṃdhare
sie trinken Milch von Reh, Kamel, Esel in Yugandhara (3.Pl.Präs./Lok.)
ekavarṇās tu dṛśyante janā vai hy acyutasthale
kastenlos erscheinen die Leute in Acyutasthala (Nom.Pl./3.Pl.Präs.Pass.)
mehanti ca malaṃ pāpā visṛjanti jaleṣu vai
die Sündigen urinieren und entleeren Unrat in die Gewässer (3.Pl.Präs./Lok.)
nityaṃ bhūtilake 'tyannaṃ taj jalaṃ ca pibanti ca
stets trinken sie in Bhūtilaka übermäßig Speise und dieses Wasser (3.Pl.Präs.)
haribāhyās tu vāhīkā na smaranti hariṃ kva cit
die Vāhīkas, Hari fern, gedenken Haris niemals (Nom.Pl./3.Pl.Präs.)
aihalaukikamokṣaṃ te māṃsaśoṇitavardhanāḥ
ihr Ziel ist nur diesseitige Befreiung, diese Vermehrer von Fleisch und Blut (Nom.Pl.)
vṛthā jātā bhaviṣyanti bāhlīkā iti viśrutāḥ
vergeblich geboren werden sein, die als Bāhlīkas bekannt sind (3.Pl.Fut./PPP)
puṣkarāhāraniratāḥ piśācā yad abhāṣata; musuṇṭhīṃ parigṛhyogrāṃ tac chṛṇuṣva mahāmune
höre, was die an Puṣkaras Nahrung hängenden Piśācas sprachen, als eine eine furchtbare musuṇṭhī[?] ergriff (3.Pl.Impf./2.Sg.Impv.)
brāhmaṇīṃ bahuputrāṃ tāṃ puṣkare snātum āgatām
eine Brahmanin mit vielen Söhnen, nach Puṣkara zum Baden gekommen (Akk./PPP)
yugaṃdhare payaḥ pītvā hy ucitā hy acyutasthale
in Yugandhara Milch getrunken habend, wie es auch in Acyutasthala Sitte war (Absolutiv)
tathā bhūtilake snātvā bāhlīkāṃś ca nirīkṣya vai
ebenso in Bhūtilaka gebadet und die Bāhlīkas betrachtet habend (Absolutiv)
āgatāsi tathā snātuṃ kathaṃ svargaṃ na gacchasi
du bist gekommen, um hier zu baden – warum gehst du nicht in den Himmel? (2.Sg.Präs.)
die Brahmanin aber wurde mit der Zeit Vāsudeva zugewandt und gelangte mit ihrem Sohn zum höchsten, heilvollen Ort des Acyuta (Instr./PPP/Akk.)
etat te kathitaṃ vidvan mune kālo 'yam āgataḥ; gamiṣye 'haṃ mahāprājña āgamiṣyāmi vai punaḥ; ity uktvā sa jagāmātha nārado vadatāṃ varaḥ; dvaipāyanas tu bhagavāṃs tac chrutvā munisattamāt
dies ist dir erzählt; die Zeit ist gekommen, ich werde gehen und wiederkommen – so sprach Nārada und ging; der erhabene Dvaipāyana aber, dies vom besten der Weisen gehört habend [Anm.: Satz bricht ab] (1.Sg.Fut./Absolutiv)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage, nur in Teilen der Handschriften überliefert. Die Sprecherzuordnung um „nārada uvāca“ ist unklar (die Frage nach den Bāhlīkas dürfte eher Vyāsa zuzuschreiben sein); die Bedeutung von „musuṇṭhī“ sowie der Wendung „divā vṛttam … rātrau vṛttam“ ist textkritisch unsicher und daher mit [?] markiert. Der letzte Satz bricht an der Passagengrenze ab und wird im folgenden regulären Vers fortgesetzt.
Wie im Spiegel dein eigenes Bild, so siehst du das Selbst durch das Selbst; nachdem du die Veden selbst im Selbst niedergelegt hast, erwäge sie gründlich mit dem Verstand.
Wort für Wort
ādarśe
im Spiegel (Lok.Sg.)
svām iva chāyām
dein eigenes Abbild, wie (Akk.Sg.)
paśyasi
du siehst (2.Sg.Präs.)
ātmānam ātmanā
das Selbst durch das Selbst (Akk.Sg./Instr.Sg.)
nyasya
nachdem [du] niedergelegt hast (Gerundium)
ātmani svayaṃ vedān
im Selbst selbst die Veden (Lok.Sg./Akk.Pl.)
buddhyā samanucintaya
erwäge mit dem Verstand gründlich (Instr.Sg./2.Sg.Imp.)
devayānacaro viṣṇoḥ pitṛyānaś ca tāmasaḥ; dvāv etau pretya panthānau divaṃ cādhaś ca gacchataḥ
Der Pfad der Götter, der zu Viṣṇu führt, und der finstere Pfad der Ahnen: Diese beiden Wege gehen nach dem Tod, der eine himmelwärts, der andere abwärts.
Wort für Wort
devayānacaraḥ viṣṇoḥ
der Weg des Götterpfades, zu Viṣṇu [gehörig] (Nom.Sg./Gen.Sg.)
Der im Luftraum die Feuchtigkeit von den Wolken und von den Blitzen [herbeiträgt], von höchstem Glanz - er weht als zweiter, brausend, mit Namen Āvaha.
yo 'dbhiḥ saṃyojya jīmūtān parjanyāya prayacchati; udvaho nāma varṣiṣṭhas tritīyaḥ sa sadāgatiḥ
- der die Wolken, nachdem er sie mit den Wassern vereint hat, dem Regengott Parjanya übergibt: das ist der dritte, der Vortrefflichste, mit Namen Udvaha, der beständig Wehende.
Wort für Wort
yo 'dbhiḥ saṃyojya jīmūtān
der, nachdem er die Wolken mit den Wassern vereint hat (Nom.Sg./Instr.Pl./Gerundium/Akk.Pl.)
parjanyāya prayacchati
dem Regengott Parjanya übergibt (Dat.Sg./3.Sg.Präs.)
Von ihm zusammengefügt und unversehrt bewahrt, werden sie zu den brausendsten der Donnerer; zum Schutz [der Welt] entstanden, nehmen sie die Gestalt von Wolken an.
Wort für Wort
saṃhatā yena ca aviddhā
von ihm zusammengefügt und unversehrt (Nom.Pl./Instr.Sg.)
bhavanti nadatāṃ nadāḥ
werden zu den Donnerern unter den Donnernden [?] (3.Pl.Präs./Gen.Pl./Nom.Pl.)
rakṣaṇārthāya saṃbhūtā
zum Zweck des Schutzes entstanden (Dat.Sg./Nom.Pl.)
meghatvam upayānti ca
und nehmen die Wolkennatur an (Akk.Sg./3.Pl.Präs.)
„aviddhā“ (unversehrt) und die Wendung „nadatāṃ nadāḥ“ (die Donnerer unter den Donnernden) sind bildhaft verdichtet; Übersetzung sinngemäß.
Von ihm, dem kraftvollen und rauen, der [den Wolken] die Säfte zerstört, werden die vom Wind getroffenen Wolken zerschlagen und werden nicht zu Regenwolken.
Wort für Wort
yena vegavatā
von ihm, dem kraftvollen (Instr.Sg.)
rugṇā rūkṣeṇa
zerbrochen, durch den rauen [Wind] (Nom.Pl./Instr.Sg.)
arujatā rasān
der die Säfte zerstört (Instr.Sg.Part.Präs./Akk.Pl.)
vāyunā vihatā meghā
vom Wind geschlagen, die Wolken (Instr.Sg./Nom.Pl.)
In dem die Sonne, aus der Ferne zurückgeworfen, mit ihrem einen Strahl zum Ursprung tausendfachen Lichts wird, durch das die Erde erstrahlt.
Wort für Wort
dūrāt pratihato yasmin
aus der Ferne zurückgeworfen, in dem (Nom.Sg.Part./Lok.Sg.)
ekaraśmir divākaraḥ
die Sonne mit einem einzigen Strahl (Nom.Sg.)
yonir aṃśusahasrasya
der Ursprung tausendfachen Lichts (Nom.Sg./Gen.Sg.)
yena bhāti vasuṃdharā
durch das die Erde erstrahlt (Instr.Sg./3.Sg.Präs./Nom.Sg.)
Die genaue syntaktische Verbindung von „pratihataḥ“ und „ekaraśmiḥ“ ist unsicher; Sinn sinngemäß erschlossen: der Wind vermittelt/vervielfacht das Sonnenlicht.
Von dem der Mond genährt wird, die göttliche Schatzkammer auch des Amṛta: das ist der sechste Wind, mit Namen Parivaha, der Vortrefflichste der Schnellen.
Wort für Wort
yasmād āpyāyate somo
von dem der Mond genährt wird (Abl.Sg./3.Sg.Pass./Nom.Sg.)
nidhir divyo 'mṛtasya ca
die göttliche Schatzkammer, und des Amṛta (Nom.Sg./Gen.Sg.)
ṣaṣṭhaḥ parivaho nāma
der sechste, mit Namen Parivaha (Nom.Sg.)
sa vāyur javatāṃ varaḥ
er, der Wind, der Beste der Schnellen (Nom.Sg./Gen.Pl.)
samyag anvīkṣatāṃ buddhyā śāntayādhyātmanityayā; dhyānābhyāsābhirāmāṇāṃ yo 'mṛtatvāya kalpate
Für jene, die mit ruhigem, stets dem inneren Selbst zugewandtem Verstand richtig betrachten und sich an der Übung der Meditation erfreuen, dient dieser [Wind] zur Unsterblichkeit.
Wort für Wort
samyag anvīkṣatāṃ
die richtig betrachten (Adv./Gen.Pl.Part.)
buddhyā śāntayā
mit ruhigem Verstand (Instr.Sg.)
adhyātmanityayā
der stets dem inneren Selbst zugewandten (Instr.Sg.)
dhyānābhyāsābhirāmāṇāṃ
die sich an der Übung der Meditation erfreuen (Gen.Pl.)
yo 'mṛtatvāya kalpate
der zur Unsterblichkeit dient (Nom.Sg./Dat.Sg./3.Sg.Präs.)
Nachdem sie ihn mit Geschwindigkeit erreicht hatten, gelangten die zehntausend Söhne des Dakṣa, des Herrn der Geschöpfe, an das Ende der Himmelsrichtungen.
Wort für Wort
yaṃ samāsādya vegena
nachdem sie ihn erreicht hatten, mit Geschwindigkeit (Akk.Sg./Gerundium/Instr.Sg.)
diśām antaṃ prapedire
gelangten an das Ende der Richtungen (Gen.Pl./Akk.Sg./3.Pl.Perf.)
dakṣasya daśa putrāṇāṃ sahasrāṇi
zehntausend Söhne des Dakṣa (Gen.Sg./Gen.Pl./Nom.Pl.)
yena sṛṣṭaḥ parābhūto yāty eva na nivartate; parāvaho nāma paro vāyuḥ sa duratikramaḥ
Von dem fortgetrieben geht, wer zunichte wird, nur fort und kehrt nicht zurück: das ist der letzte, höchste Wind, mit Namen Parāvaha, der Unüberwindliche.
Wort für Wort
yena sṛṣṭaḥ parābhūtaḥ
von dem fortgetrieben, wer zunichte geworden ist (Instr.Sg./Nom.Sg.)
yāty eva na nivartate
geht nur fort, kehrt nicht zurück (3.Sg.Präs. x2)
parāvaho nāma paro vāyuḥ
mit Namen Parāvaha, der höchste/letzte Wind (Nom.Sg.)
tasmād brahmavido brahma nādhīyante 'tivāyati; vāyor vāyubhayaṃ hy uktaṃ brahma tat pīḍitaṃ bhavet
Deshalb rezitieren die Kenner des Veda den heiligen Text nicht, wenn er allzu heftig weht; denn es heißt, dem Wind wohne eine Windgefahr inne [?] - jener heilige Text würde dadurch geschädigt.
Wort für Wort
tasmād brahmavido
deshalb die Kenner des heiligen Wortes (Abl./Nom.Pl.)
brahma na adhīyante
rezitieren den heiligen Text nicht (Akk.Sg./3.Pl.Präs.)
ativāyati
wenn es allzu heftig weht (Lok.Abs.Part.)
vāyor vāyubhayaṃ hy uktam
denn es heißt: vom Wind [droht dem Wind/der Rezitation] Windgefahr [?] (Gen.Sg./Nom.Sg./Part.Perf.Pass.)
brahma tat pīḍitaṃ bhavet
jener heilige Text würde bedrängt/geschädigt (Nom.Sg./Part.Pass./3.Sg.Opt.)
Die Wendung „vāyor vāyubhayam“ ist syntaktisch schwer eindeutig zu fassen; sinngemäß auf die durch heftigen Sturm bedingte Gefährdung der Rezitation bezogen.