Kapitel 268: tṛṣṇātyāgopadeśaḥ (janaka-māṇḍavya-saṃvādaḥ)
Die Gier überwinden: König Janakas Lied vom Glück des Nichtbesitzens
Yudhiṣṭhira fragt, wie die aus Besitz erwachsene Gier zu beenden sei. Bhīṣma antwortet mit einer alten Geschichte, in der der König der Videhas dem Weisen Māṇḍavya sein Lied vom Glück des Besitzlosen und vom Versiegen der Gier vorträgt.
Yudhiṣṭhira sprach: „Brüder, Väter, Söhne, Verwandte und ebenso Freunde – um des Besitzes willen wurden sie erschlagen von uns, den Grausamen mit sündigem Sinn.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf. 3.Sg.)
bhrātaraḥ pitaraḥ putrāḥ
Brüder, Väter, Söhne (Nom.Pl.)
jñātayaḥ suhṛdaḥ tathā
Verwandte, Freunde, ebenso (Nom.Pl.)
artha-hetoḥ hatāḥ
um des Besitzes willen erschlagen (Abl. als Postposition/Part.Pass. Nom.Pl.)
yac ca kāmasukhaṃ loke yac ca divyaṃ mahat sukham; tṛṣṇākṣayasukhasyaite nārhataḥ ṣoḍaśīṃ kalām
„Und was es in der Welt an Sinnenlust-Glück gibt und was es an großem himmlischem Glück gibt – diese beiden sind nicht den sechzehnten Teil des Glücks vom Versiegen der Gier wert.“
Wort für Wort
yat ca kāma-sukhaṃ loke
und was Glück der Begierden in der Welt (Nom.Sg.n./Lok.)
yat ca divyaṃ mahat sukham
und was himmlisches großes Glück (Nom.Sg.n.)
tṛṣṇā-kṣaya-sukhasya
des Glücks vom Schwinden der Gier (Gen.Sg., Kompositum)
kiṃ cid eva mamatvena yadā bhavati kalpitam; tad eva paritāpāya nāśe saṃpadyate punaḥ
„Wenn irgendetwas auch nur im Geringsten durch das Denken „mein“ als [Eigentum] festgesetzt worden ist, so wird eben dies bei seinem Verlust wiederum zu Qual.“
Wort für Wort
kiṃ cit eva mamatvena
irgendetwas nur durch Mein-heit (Nom.Sg.n./Instr.Sg.)
yadā bhavati kalpitam
sobald es festgesetzt/zugeschrieben ist (3.Sg.Präs./Part.Pass.)
tat eva paritāpāya
eben dieses zur Qual (Nom./Dat.Sg.)
nāśe saṃpadyate punaḥ
beim Verlust wird es wiederum (Lok.Sg./3.Sg.Med.Präs./Adv.)
na kāmān anurudhyeta duḥkhaṃ kāmeṣu vai ratiḥ; prāpyārtham upayuñjīta dharme kāmaṃ vivarjayet
„Man soll den Begierden nicht nachgeben; Leid ist die Lust an Begierden. Den erlangten Besitz soll man verwenden; für den Dharma [aber] meide man die Begierde.“
Wort für Wort
na kāmān anurudhyeta
nicht den Begierden soll man nachgeben (Akk.Pl./Opt.Med.)
duḥkhaṃ kāmeṣu vai ratiḥ
Leid ist wahrlich die Lust an Begierden (Nom.Sg.n./Lok.Pl./Nom.Sg.f.)
prāpya artham upayuñjīta
erlangt habend den Besitz soll man verwenden (Abs./Akk./Opt.Med.)
dharme kāmaṃ vivarjayet
im Dharma/für den Dharma die Begierde meiden (Lok.Sg./Akk.Sg./Opt.)
Die zweite Vershälfte ist syntaktisch knapp; „für den Dharma“ (dharme) kann auch als „in Bezug auf den Dharma“ gefasst werden [?].
vidvān sarveṣu bhūteṣu vyāghramāṃsopamo bhavet; kṛtakṛtyo viśuddhātmā sarvaṃ tyajati vai saha
„Der Wissende soll unter allen Wesen dem Tigerfleisch gleichen [?]; mit erfüllter Pflicht, reinen Selbstes, gibt er wahrlich alles zugleich auf.“
Wort für Wort
vidvān sarveṣu bhūteṣu
der Wissende unter allen Wesen (Nom.Sg./Lok.Pl.)
vyāghra-māṃsa-upamaḥ bhavet
dem Tigerfleisch gleich soll er sein (Kompositum Nom.Sg./Opt.)
kṛta-kṛtyaḥ viśuddha-ātmā
der sein Werk vollbracht hat, reinen Selbstes (Nom.Sg., Komposita)
sarvaṃ tyajati vai saha
alles gibt er auf, wahrlich, zugleich (Akk.Sg.n./3.Sg.Präs./Adv.)
vyāghramāṃsopama („dem Tigerfleisch gleich“) ist unklar; vermutlich: wie das Fleisch des Tigers, das alle meiden bzw. an dem sich niemand vergreift. Deutung unsicher.
ubhe satyānṛte tyaktvā śokānandau priyāpriye; bhayābhaye ca saṃtyajya saṃpraśānto nirāmayaḥ
„Wahres und Unwahres beides aufgebend, Kummer und Freude, Liebes und Unliebes, und Furcht und Furchtlosigkeit ganz verlassend, wird er völlig befriedet und frei von Leiden.“
Wort für Wort
ubhe satya-anṛte tyaktvā
beides, Wahres und Unwahres, aufgegeben habend (Akk.Du.n./Absolutiv)
śoka-ānandau priya-apriye
Kummer und Freude, Liebes und Unliebes (Akk.Du.)
bhaya-abhaye ca saṃtyajya
Furcht und Furchtlosigkeit und ganz aufgebend (Akk.Du./Absolutiv)
saṃpraśāntaḥ nirāmayaḥ
völlig befriedet, ohne Leiden (Part.Pass. Nom.Sg./Nom.Sg.)
yā dustyajā durmatibhir yā na jīryati jīryataḥ; yo 'sau prāṇāntiko rogas tāṃ tṛṣṇāṃ tyajataḥ sukham
„Die von Böswilligen schwer aufzugeben ist, die nicht altert, wenn man selbst altert, die eine Krankheit ist, die erst mit dem Lebensende endet – wer diese Gier aufgibt, dem [wird] Glück [zuteil].“
Wort für Wort
yā dustyajā durmatibhiḥ
die schwer aufzugeben ist für Übelgesinnte (Nom.Sg.f./Instr.Pl.)
yā na jīryati jīryataḥ
die nicht altert, wenn der Alternde altert (3.Sg.Präs./Part.Gen.Sg.)
yaḥ asau prāṇa-antikaḥ rogaḥ
die jene lebensendende Krankheit [ist] (Nom.Sg.m., Kompositum)
tāṃ tṛṣṇāṃ tyajataḥ
diese Gier aufgebend (Akk.Sg.f./Part.Präs. Gen.Sg.)
sukham
Glück (Nom.Sg.n.)
Die letzte Wendung (tāṃ tṛṣṇāṃ tyajataḥ sukham) ist elliptisch; ergänzt ist „wird zuteil“.