Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 137: pūjanībrahmadattasaṃvādaḥ Das Gespräch der Vogelmutter Pūjanī mit König Brahmadatta über Vertrauen und Feindschaft

Auf Yudhiṣṭhiras Frage, wie ein König ohne Vertrauen leben könne, erzählt Bhīṣma die Erzählung von der Vogelmutter Pūjanī und König Brahmadatta von Kāmpilya, deren Sohn vom Königssohn getötet wird; sie dient als Lehrstück über die Unheilbarkeit einmal entstandener Feindschaft und den Wert des Misstrauens.

yudhiṣṭhira uvāca; ukto mantro mahābāho na viśvāso 'sti śatruṣu; kathaṃ hi rājā varteta yadi sarvatra nāśvaset

Yudhiṣṭhira sprach: „Der Rat ist [nun] ausgesprochen, Starkarmiger: Gegenüber Feinden gibt es kein Vertrauen. Wie aber soll sich ein König verhalten, wenn er nirgends vertraut?“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
ukto mantro mahābāho
der Rat ist gesagt worden, Starkarmiger (Part. Perf. Pass./Nom./Vok.)
na viśvāso 'sti śatruṣu
nicht gibt es Vertrauen bei/gegenüber Feinden (Nom./Lok. Pl.)
kathaṃ hi rājā varteta
wie denn soll der König sich verhalten (Opt. Med.)
yadi sarvatra nāśvaset
wenn er überall nicht vertraut (Opt. Präs.)

viśvāsād dhi paraṃ rājño rājann utpadyate bhayam; kathaṃ vai nāśvasan rājā śatrūñ jayati pārthiva

„Aus Vertrauen [zwar] entsteht dem König die größte Gefahr, o König; wie aber besiegt ein König, der nicht vertraut, die Feinde, o Herr der Erde?“

Wort für Wort
viśvāsād dhi paraṃ rājño
aus Vertrauen ja, höchste [Gefahr] dem König (Abl./Nom./Gen.)
rājann utpadyate bhayam
o König, entsteht Furcht (Vok., 3.Sg. Pass./Med. Präs.)
kathaṃ vai nāśvasan rājā
wie wahrhaftig der nicht vertrauende König (Part. Präs./Nom.)
śatrūñ jayati
besiegt die Feinde (Akk. Pl./3.Sg. Präs.)
pārthiva
o Erdherrscher (Vok.)

Erste Vershälfte: Yudhiṣṭhira hat offenbar die Lesart im Sinn, dass Vertrauen selbst Gefahr bringt; wörtlich „aus Vertrauen entsteht … höchste Furcht“.

etan me saṃśayaṃ chindhi mano me saṃpramuhyati; aviśvāsakathām etām upaśrutya pitāmaha

„Löse mir diesen Zweifel; mein Geist ist ganz verwirrt, da ich diese Rede vom Nichtvertrauen vernommen habe, Großvater.“

Wort für Wort
etan me saṃśayaṃ chindhi
diesen meinen Zweifel zerschneide (Akk./Imp.)
mano me saṃpramuhyati
mein Geist wird völlig verwirrt (Präs.)
aviśvāsakathām etām
diese Rede vom Nichtvertrauen (Akk. Sg. f.)
upaśrutya
gehört habend (Abs.)
pitāmaha
Großvater (Vok.)

bhīṣma uvāca; śṛṇu kaunteya yo vṛtto brahmadattaniveśane; pūjanyā saha saṃvādo brahmadattasya pārthiva

Bhīṣma sprach: „Höre, Sohn der Kuntī, was sich im Haus des Brahmadatta zugetragen hat: das Gespräch der Pūjanī mit Brahmadatta, o Herr der Erde.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
śṛṇu kaunteya
höre, Kuntīsohn (Imp./Vok.)
yo vṛtto brahmadattaniveśane
was geschehen ist im Haus des Brahmadatta (Part. Perf. Pass./Lok.)
pūjanyā saha saṃvādo
das Gespräch mit Pūjanī (Instr./Nom.)
brahmadattasya pārthiva
des Brahmadatta, o Herrscher (Gen./Vok.)

kāmpilye brahmadattasya antaḥpuranivāsinī; pūjanī nāma śakunī dīrghakālaṃ sahoṣitā

In Kāmpilya, im Frauengemach des Brahmadatta wohnend, lebte eine Vogelmutter namens Pūjanī lange Zeit [dort] zusammen [mit ihm].

Wort für Wort
kāmpilye brahmadattasya
in Kāmpilya des Brahmadatta (Lok./Gen.)
antaḥpuranivāsinī
im Frauengemach wohnend (Nom. Sg. f.)
pūjanī nāma śakunī
Pūjanī mit Namen, eine Vogelfrau (Nom.)
dīrghakālaṃ sahoṣitā
lange Zeit zusammen gewohnt habend (Akk./Part. Perf. Pass. f.)

rutajñā sarvabhūtānāṃ yathā vai jīvajīvakaḥ; sarvajñā sarvadharmajñā tiryagyonigatāpi sā

Sie verstand die Laute aller Wesen, wie der Jīvajīvaka [-Vogel]; allwissend und die Pflichten aller kennend, obwohl sie im Schoß eines Tieres geboren war.

Wort für Wort
rutajñā sarvabhūtānāṃ
Kennerin der Laute aller Wesen (Nom. f./Gen. Pl.)
yathā vai jīvajīvakaḥ
wie fürwahr der Jīvajīvaka-Vogel (Nom.)
sarvajñā sarvadharmajñā
allwissend, alle Pflichten kennend (Nom. f.)
tiryagyonigatāpi sā
obwohl sie in tierischen Schoß gegangen war, sie (Part. Perf. Pass. f. + api)

rutajñā sarvabhūtānām: wörtlich „Kennerin der Rufe aller Wesen“.

abhiprajātā sā tatra putram ekaṃ suvarcasam; samakālaṃ ca rājño 'pi devyāḥ putro vyajāyata

Dort gebar sie einen einzigen, überaus glanzvollen Sohn; zur gleichen Zeit wurde auch der Königin ein Sohn geboren.

Wort für Wort
abhiprajātā sā tatra
sie gebar dort (Part. Perf. Pass. f./Adv.)
putram ekaṃ suvarcasam
einen Sohn, einen einzigen, sehr glanzvoll (Akk.)
samakālaṃ ca rājño 'pi
und zur selben Zeit auch des Königs (Adv./Gen.)
devyāḥ putro vyajāyata
der Königin ein Sohn wurde geboren (Gen./Nom./3.Sg. Impf. Med.)

tayor arthe kṛtajñā sā khecarī pūjanī sadā

Um der beiden willen war jene Himmelsgängerin Pūjanī stets dankbar [tätig].

Wort für Wort
tayor arthe
um der beiden willen (Lok. Du.)
kṛtajñā sā
dankbar, sie (Nom. f.)
khecarī pūjanī sadā
die Himmelsgängerin Pūjanī, stets (Nom./Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; ohne Prädikat überliefert, sinngemäß ergänzt.

samudratīraṃ gatvā sā tv ājahāra phaladvayam; puṣṭyarthaṃ ca svaputrasya rājaputrasya caiva ha

Sie ging zum Ufer des Meeres und brachte zwei Früchte, zur Kräftigung ihres eigenen Sohnes und des Königssohnes.

Wort für Wort
samudratīraṃ gatvā sā
zum Meeresufer gegangen, sie (Akk./Abs.)
tv ājahāra phaladvayam
aber brachte ein Fruchtpaar (3.Sg. Perf./Akk.)
puṣṭyarthaṃ ca svaputrasya
zur Kräftigung ihres eigenen Sohnes (Akk. Adv./Gen.)
rājaputrasya caiva ha
und des Königssohnes fürwahr (Gen.)

phalam ekaṃ sutāyādād rājaputrāya cāparam; amṛtāsvādasadṛśaṃ balatejovivardhanam

Eine Frucht gab sie dem Sohn, die andere dem Königssohn; [sie war] dem Geschmack des Nektars gleich und mehrte Kraft und Glanz.

Wort für Wort
phalam ekaṃ sutāyādād
eine Frucht dem Sohn gab sie (Akk./Dat./3.Sg. Aor./Impf.)
rājaputrāya cāparam
und dem Königssohn die andere (Dat./Akk.)
amṛtāsvādasadṛśaṃ
dem Nektargeschmack gleich (Akk. n.)
balatejovivardhanam
Kraft und Glanz mehrend (Akk. n.)

ādāyādāya saivāśu tayoḥ prādāt punaḥ punaḥ

Immer wieder nahm sie [Früchte] und gab sie den beiden rasch, wieder und wieder.

Wort für Wort
ādāyādāya saivāśu
immer wieder nehmend, eben sie schnell (Abs. Iter./Nom. f.)
tayoḥ prādāt
den beiden gab sie (Gen./Dat.-Sinn Du./3.Sg. Aor.)
punaḥ punaḥ
wieder und wieder (Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; Objekt „Früchte“ ergänzt.

tatrāgacchat parāṃ vṛddhiṃ rājaputraḥ phalāśanāt

Dort erlangte der Königssohn durch das Essen der Früchte großes Wachstum.

Wort für Wort
tatrāgacchat parāṃ vṛddhiṃ
dort erlangte er hohes Wachstum (3.Sg. Impf./Akk.)
rājaputraḥ
der Königssohn (Nom.)
phalāśanāt
durch das Essen der Früchte (Abl.)

tataḥ sa dhātryā kakṣeṇa uhyamāno nṛpātmajaḥ; dadarśa taṃ pakṣisutaṃ bālyād āgatya bālakaḥ

Darauf sah der Königssohn, von der Amme auf der Hüfte getragen, den Vogelsohn; als Knabe kam er aus kindlichem Sinn heran.

Wort für Wort
tataḥ sa dhātryā kakṣeṇa
darauf er, von der Amme an der Hüfte (Instr. f./Instr.)
uhyamāno nṛpātmajaḥ
getragen werdend, der Königssohn (Part. Präs. Pass./Nom.)
dadarśa taṃ pakṣisutaṃ
sah jenen Vogelsohn (3.Sg. Perf./Akk.)
bālyād āgatya bālakaḥ
aus Kindlichkeit herangekommen, der Knabe (Abl./Abs./Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; kakṣeṇa (Instr.) vermutlich für kakṣe / kakṣayā „an der Seite/Hüfte“ [?].

dhātryā hastagataś cāpi tenākrīḍata pakṣiṇā; śūnye tu tam upādāya pakṣiṇaṃ samajātakam; hatvā tataḥ sa rājendra dhātryā hastam upāgamat

Auch in der Hand der Amme spielte er mit jenem Vogel; an einem einsamen Ort aber nahm er den gleichaltrigen Vogel, tötete ihn und kehrte dann zur Hand der Amme zurück, o Fürst der Könige.

Wort für Wort
dhātryā hastagataś cāpi
und auch in der Hand der Amme befindlich (Gen./Nom.)
tenākrīḍata pakṣiṇā
spielte mit jenem Vogel (3.Sg. Impf. Med./Instr.)
śūnye tu tam upādāya
an einsamem Ort aber, ihn ergriffen habend (Lok./Abs.)
pakṣiṇaṃ samajātakam
den Vogel, gleichaltrig (Akk.)
hatvā tataḥ sa rājendra
getötet habend, dann er, o Königsfürst (Abs./Nom./Vok.)
dhātryā hastam upāgamat
kam zur Hand der Amme (Gen./Akk./3.Sg. Impf.)

atha sā śakunī rājann āgamat phalahārikā; apaśyan nihataṃ putraṃ tena bālena bhūtale

Da kam jene Vogelmutter, o König, Früchte holend, und sah ihren Sohn von dem Knaben erschlagen am Boden liegen.

Wort für Wort
atha sā śakunī rājann
da sie, die Vogelfrau, o König (Nom. f./Vok.)
āgamat phalahārikā
kam, Früchte holend (3.Sg. Impf./Nom. f.)
apaśyan nihataṃ putraṃ
sah den erschlagenen Sohn (Impf./Akk.)
tena bālena bhūtale
von jenem Knaben, auf dem Erdboden (Instr./Lok.)

bāṣpapūrṇamukhī dīnā dṛṣṭvā sā tu hataṃ sutam; pūjanī duḥkhasaṃtaptā rudatī vākyam abravīt

Mit tränenerfülltem Gesicht, elend, sah Pūjanī ihren erschlagenen Sohn; von Leid verzehrt sprach sie weinend das Wort.

Wort für Wort
bāṣpapūrṇamukhī dīnā
mit tränenvollem Gesicht, elend (Nom. f.)
dṛṣṭvā sā tu hataṃ sutam
gesehen habend, sie aber den erschlagenen Sohn (Abs./Akk.)
pūjanī duḥkhasaṃtaptā
Pūjanī, von Leid gequält (Nom. f.)
rudatī vākyam abravīt
weinend sprach sie das Wort (Part. Präs. f./Akk./3.Sg. Impf.)

kṣatriye saṃgataṃ nāsti na prītir na ca sauhṛdam; kāraṇe saṃbhajantīha kṛtārthāḥ saṃtyajanti ca

„Bei einem Kṣatriya gibt es kein [echtes] Zusammensein, keine Zuneigung und keine Freundschaft; nur um eines Zweckes willen verkehren sie hier miteinander, und wenn der Zweck erreicht ist, verlassen sie [einen].“

Wort für Wort
kṣatriye saṃgataṃ nāsti
beim Kṣatriya gibt es keine Verbindung (Lok./Nom. n.)
na prītir na ca sauhṛdam
nicht Zuneigung und nicht Freundschaft (Nom.)
kāraṇe saṃbhajantīha
aus Grund/Zweck verkehren sie hier (Lok./3.Pl. Präs.)
kṛtārthāḥ saṃtyajanti ca
und die, deren Zweck erfüllt ist, verlassen (Nom. Pl./3.Pl. Präs.)

kṣatriyeṣu na viśvāsaḥ kāryaḥ sarvopaghātiṣu; apakṛtyāpi satataṃ sāntvayanti nirarthakam

„Auf Kṣatriyas, die alle schädigen, darf man kein Vertrauen setzen; nachdem sie [einem] Unrecht getan haben, beschwichtigen sie stets, doch nutzlos.“

Wort für Wort
kṣatriyeṣu na viśvāsaḥ
bei Kṣatriyas kein Vertrauen (Lok. Pl./Nom.)
kāryaḥ sarvopaghātiṣu
ist zu setzen, bei denen, die alle verletzen (Gerundiv/Lok. Pl.)
apakṛtyāpi satataṃ
auch nachdem sie Schaden getan, stets (Abs./Adv.)
sāntvayanti nirarthakam
beschwichtigen sie, nutzlos (3.Pl. Präs./Adv.)

aham asya karomy adya sadṛśīṃ vairayātanām; kṛtaghnasya nṛśaṃsasya bhṛśaṃ viśvāsaghātinaḥ

„Ich vollziehe heute an diesem [Knaben] die entsprechende Vergeltung für [den Mord], [an ihm,] dem Undankbaren, Grausamen, der sehr das Vertrauen zerstört hat.“

Wort für Wort
aham asya karomy adya
ich tue diesem heute (Nom./Gen./1.Sg. Präs.)
sadṛśīṃ vairayātanām
die entsprechende Rache/Vergeltung (Akk. f.)
kṛtaghnasya nṛśaṃsasya
des Undankbaren, des Grausamen (Gen.)
bhṛśaṃ viśvāsaghātinaḥ
sehr Vertrauen tötend (Adv./Gen.)

sahasaṃjātavṛddhasya tathaiva sahabhojinaḥ; śaraṇāgatasya ca vadhas trividhaṃ hy asya kilbiṣam

„Er hat einen, der mit ihm zusammen aufgewachsen ist, ebenso einen Tischgefährten und einen Schutzsuchenden getötet: Dreifach ist ja seine Schuld.“

Wort für Wort
sahasaṃjātavṛddhasya
des zusammen Geborenen und Aufgewachsenen (Gen.)
tathaiva sahabhojinaḥ
ebenso des Mitessers (Gen.)
śaraṇāgatasya ca
und des Schutz Gesuchenden (Gen.)
vadhas trividhaṃ hy asya
Tötung, dreifach ja ist seine (Nom./Nom./Gen.)
kilbiṣam
Schuld (Nom. n.)

Gemeint ist der tote Vogelsohn, mit dem der Prinz aufwuchs und aß (Mahl von denselben Früchten).

ity uktvā caraṇābhyāṃ tu netre nṛpasutasya sā; bhittvā svasthā tata idaṃ pūjanī vākyam abravīt

Nachdem sie so gesprochen hatte, durchbohrte Pūjanī dem Königssohn mit beiden Füßen die Augen; dann, gefasst, sprach sie diese Worte.

Wort für Wort
ity uktvā caraṇābhyāṃ tu
so gesprochen habend, mit beiden Füßen (Abs./Instr. Du.)
netre nṛpasutasya sā
die zwei Augen des Königssohnes, sie (Akk. Du./Gen./Nom.)
bhittvā svasthā tataḥ
durchbohrt habend, gefasst, dann (Abs./Nom. f./Adv.)
idaṃ pūjanī vākyam abravīt
sprach Pūjanī dieses Wort (Nom./Akk./Impf.)

icchayaiva kṛtaṃ pāpaṃ sadya evopasarpati; kṛtapratikriyaṃ teṣāṃ na naśyati śubhāśubham

„Eine aus Absicht getane Sünde kommt sofort heran; bei denen, die Vergeltung geübt haben, geht das Gute und Schlechte [ihrer Tat] nicht verloren [?].“

Wort für Wort
icchayaiva kṛtaṃ pāpaṃ
durch bloßen Willen getane Sünde (Instr./Part./Nom.)
sadya evopasarpati
sogleich eben nähert sich (Adv./3.Sg. Präs.)
kṛtapratikriyaṃ teṣāṃ
Vergeltung getan, bei ihnen (Nom. n./Gen.)
na naśyati śubhāśubham
geht nicht verloren, Gutes und Schlechtes (3.Sg. Präs./Nom. n.)

Zweite Vershälfte syntaktisch unklar: möglicherweise „kṛtapratikriyāṇām“ zu verstehen, d. h. das Ergebnis geht auch bei vollzogener Vergeltung nicht unter.

pāpaṃ karma kṛtaṃ kiṃ cin na tasmin yadi vidyate; nipātyate 'sya putreṣu na cet pautreṣu naptṛṣu

„Wenn in ihm keine irgendwie begangene böse Tat gefunden wird, so wird sie auf seine Söhne herabgesandt, wenn nicht, auf die Enkel, die Urenkel.“

Wort für Wort
pāpaṃ karma kṛtaṃ kiṃ cit
böse Tat, begangene, irgendeine (Nom./Part./Pron.)
na tasmin yadi vidyate
wenn in ihm nicht vorhanden ist (Lok./3.Sg. Pass. Präs.)
nipātyate 'sya putreṣu
wird herabgeworfen auf seine Söhne (3.Sg. Pass./Gen./Lok. Pl.)
na cet pautreṣu naptṛṣu
wenn nicht, auf Enkel [und] Urenkel (Lok. Pl.)

brahmadattaḥ sutaṃ dṛṣṭvā pūjanyā hṛtalocanam; kṛte pratikṛtaṃ matvā pūjanīm idam abravīt

Als Brahmadatta seinen Sohn sah, dem Pūjanī die Augen geraubt hatte, meinte er, „für das Getane sei vergolten“, und sprach zu Pūjanī dies.

Wort für Wort
brahmadattaḥ sutaṃ dṛṣṭvā
Brahmadatta, den Sohn gesehen habend (Nom./Akk./Abs.)
pūjanyā hṛtalocanam
dem von Pūjanī die Augen genommen (Instr./Akk.)
kṛte pratikṛtaṃ matvā
für das Getane sei Vergeltung [getan], gemeint habend (Lok./Part./Abs.)
pūjanīm idam abravīt
zu Pūjanī dies sprach er (Akk./Impf.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile.

brahmadatta uvāca; asti vai kṛtam asmābhir asti pratikṛtaṃ tvayā; ubhayaṃ tat samībhūtaṃ vasa pūjani mā gamaḥ

Brahmadatta sprach: „Getan wurde [Böses] von uns, vergolten von dir; beides ist ausgeglichen. Bleib, Pūjanī, geh nicht fort.“

Wort für Wort
brahmadatta uvāca
Brahmadatta sprach (Perf.)
asti vai kṛtam asmābhir
es ist fürwahr getan von uns (3.Sg. Präs./Part./Instr.)
asti pratikṛtaṃ tvayā
es ist vergolten von dir (Part./Instr.)
ubhayaṃ tat samībhūtaṃ
beides, das, ausgeglichen (Nom. n.)
vasa pūjani mā gamaḥ
bleib, Pūjanī, geh nicht (Imp./Vok./Injunktiv mit mā)

pūjany uvāca; sakṛt kṛtāparādhasya tatraiva parilambataḥ; na tad budhāḥ praśaṃsanti śreyas tatrāpasarpaṇam

Pūjanī sprach: „Wer einmal ein Vergehen begangen hat und dort gleichwohl verweilt: das loben die Weisen nicht; besser ist es, von dort wegzugehen.“

Wort für Wort
pūjany uvāca
Pūjanī sprach (Perf.)
sakṛt kṛtāparādhasya
des einmal ein Vergehen Begangenen (Adv./Gen.)
tatraiva parilambataḥ
der eben dort verweilt (Adv./Part. Präs./Gen.)
na tad budhāḥ praśaṃsanti
das loben die Weisen nicht (Nom./3.Pl. Präs.)
śreyas tatrāpasarpaṇam
besser ist dort das Weggehen (Komp. n./Nom.)

parilambataḥ: „zögernd/verweilend“ (wörtlich „herabhängend“).

sāntve prayukte nṛpate kṛtavaire na viśvaset; kṣipraṃ prabadhyate mūḍho na hi vairaṃ praśāmyati

„Wenn Besänftigung angewandt wird, soll man einem König, mit dem Feindschaft entstanden ist, nicht vertrauen; rasch wird der Tor gefesselt, denn Feindschaft kommt nicht zur Ruhe.“

Wort für Wort
sāntve prayukte nṛpate
wenn Besänftigung angewandt ist, beim König (Lok. abs./Lok.)
kṛtavaire na viśvaset
beim Feindschaft-Gestifteten soll man nicht vertrauen (Lok./Opt.)
kṣipraṃ prabadhyate mūḍho
rasch wird gefesselt der Tor (Adv./Pass. Präs./Nom.)
na hi vairaṃ praśāmyati
denn Feindschaft erlischt nicht (3.Sg. Präs.)

anyonyaṃ kṛtavairāṇāṃ putrapautraṃ nigacchati; putrapautre vinaṣṭe tu paralokaṃ nigacchati

„Bei denen, die einander Feindschaft getan haben, geht [sie] auf Sohn und Enkel über; sind Sohn und Enkel vernichtet, so gelangt [der Täter] in die jenseitige Welt.“

Wort für Wort
anyonyaṃ kṛtavairāṇāṃ
bei einander Feindschaft Getan-Habenden (Adv./Gen. Pl.)
putrapautraṃ nigacchati
Sohn und Enkel erreicht [sie] (Akk. n. Kollektiv/3.Sg. Präs.)
putrapautre vinaṣṭe tu
wenn Sohn und Enkel aber vernichtet sind (Lok. abs.)
paralokaṃ nigacchati
geht er in die andere Welt (Akk./3.Sg. Präs.)

sarveṣāṃ kṛtavairāṇām aviśvāsaḥ sukhāvahaḥ; ekāntato na viśvāsaḥ kāryo viśvāsaghātakaḥ

„Bei allen, die einander Feindschaft getan haben, bringt Misstrauen Glück; schlechthin darf man kein Vertrauen fassen, denn Vertrauen tötet.“

Wort für Wort
sarveṣāṃ kṛtavairāṇām
bei allen Feindschaft Getan-Habenden (Gen. Pl.)
aviśvāsaḥ sukhāvahaḥ
Misstrauen, Glück bringend (Nom.)
ekāntato na viśvāsaḥ
schlechthin nicht Vertrauen (Adv./Nom.)
kāryo viśvāsaghātakaḥ
ist zu üben, vernichtend/tötend durch Vertrauen (Gerundiv/Nom.)

viśvāsaghātakaḥ: „Vertrauen, das vernichtet“, als Bahuvrīhi/Prädikat zu viśvāsaḥ gefasst; auch „ein Vertrauensbrecher“ möglich [?].

na viśvased aviśvaste viśvaste 'pi na viśvaset

„Man soll dem nicht vertrauen, der nicht vertraut, und auch dem Vertrauten nicht vertrauen.“

Wort für Wort
na viśvased aviśvaste
man soll nicht vertrauen dem Nichtvertrauten (Opt./Lok.)
viśvaste 'pi na viśvaset
auch dem Vertrauten soll man nicht vertrauen (Lok./Opt.)

viśvāsād bhayam utpannam api mūlaṃ nikṛntati

„Aus Vertrauen entstandene Furcht schneidet sogar die Wurzel ab.“

Wort für Wort
viśvāsād bhayam utpannam
aus Vertrauen Furcht, entstanden (Abl./Nom./Part.)
api mūlaṃ nikṛntati
sogar die Wurzel schneidet ab (Akk./3.Sg. Präs.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile.

kāmaṃ viśvāsayed anyān pareṣāṃ tu na viśvaset

„Andere mag man nach Belieben Vertrauen fassen lassen, den Feinden aber soll man nicht vertrauen.“

Wort für Wort
kāmaṃ viśvāsayed anyān
gern mag man Vertrauen einflößen anderen (Adv./Kaus. Opt./Akk.)
pareṣāṃ tu na viśvaset
den Gegnern aber soll man nicht vertrauen (Gen. Pl./Opt.)

aviśvāsāt paraṃ hanti viśvāsād vadhyate paraiḥ

„Durch Misstrauen erschlägt man den Feind, durch Vertrauen wird man von Feinden erschlagen.“

Wort für Wort
aviśvāsāt paraṃ hanti
durch Misstrauen erschlägt man den Feind (Abl./Akk./3.Sg. Präs.)
viśvāsād vadhyate paraiḥ
durch Vertrauen wird man erschlagen von Feinden (Abl./Pass./Instr.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile.

mātā pitā bāndhavānāṃ variṣṭhau; bhāryā jarā bījamātraṃ tu putraḥ; bhrātā śatruḥ klinnapāṇir vayasya; ātmā hy ekaḥ sukhaduḥkhasya vettā

„Mutter und Vater sind die Vorzüglichsten unter den Verwandten; die Gattin ist [wie] das Alter [?]; der Sohn ist nur Samenkorn; der Bruder ist ein Feind; der Freund hat feuchte Hand [?]; das Selbst allein ist der Kenner von Glück und Leid.“

Wort für Wort
mātā pitā bāndhavānāṃ variṣṭhau
Mutter [und] Vater sind die vorzüglichsten der Verwandten (Nom. Du./Gen. Pl.)
bhāryā jarā
die Gattin [ist] Alter (Nom.)
bījamātraṃ tu putraḥ
nur Samen aber der Sohn (Nom.)
bhrātā śatruḥ
der Bruder [ist] Feind (Nom.)
klinnapāṇir vayasyaḥ
der Freund mit feuchter Hand (Nom.)
ātmā hy ekaḥ sukhaduḥkhasya vettā
das Selbst allein ist Kenner von Glück und Leid (Nom./Gen.)

Sprichwortartige, dunkle Strophe. „bhāryā jarā“ und „klinnapāṇir vayasyaḥ“ sind nur wörtlich wiedergegeben; klinnapāṇi vermutlich „mit nasser [d. h. nach Gaben tastender/klebriger] Hand“.

anyonyakṛtavairāṇāṃ na saṃdhir upapadyate; sa ca hetur atikrānto yadartham aham āvasam

„Zwischen denen, die einander Feindschaft getan haben, ist ein Bündnis nicht möglich; und jener Grund, um dessentwillen ich [hier] wohnte, ist überschritten.“

Wort für Wort
anyonyakṛtavairāṇāṃ
bei gegenseitig Feindschaft Getan-Habenden (Gen. Pl.)
na saṃdhir upapadyate
kein Bündnis ist möglich (Nom./3.Sg. Präs. Med.)
sa ca hetur atikrāntaḥ
und dieser Grund ist vorüber/überschritten (Nom./Part.)
yadartham aham āvasam
um dessentwillen ich wohnte (Adv./1.Sg. Impf.)

pūjitasyārthamānābhyāṃ jantoḥ pūrvāpakāriṇaḥ; ceto bhavaty aviśvastaṃ pūrvaṃ trāsayate balāt

„Bei einem Wesen, das durch Besitz und Ehre geehrt wurde, früher aber Schaden getan hat, wird das Herz misstrauisch; [die frühere Tat] erschreckt es zuerst mit Gewalt.“

Wort für Wort
pūjitasyārthamānābhyāṃ
des durch Vermögen und Ehre Geehrten (Gen./Instr. Du.)
jantoḥ pūrvāpakāriṇaḥ
eines Wesens, das früher geschadet hat (Gen.)
ceto bhavaty aviśvastaṃ
das Herz wird misstrauisch (Nom. n./3.Sg. Präs./Adj.)
pūrvaṃ trāsayate balāt
zuerst erschreckt es mit Gewalt (Adv./3.Sg. Kaus./Abl.)

Subjekt von trāsayate ist unklar (ceto oder die frühere Untat, vgl. 137.043); hier mit ceto gefasst [?].

pūrvaṃ saṃmānanā yatra paścāc caiva vimānanā; jahyāt taṃ sattvavān vāsaṃ saṃmānitavimānitaḥ

„Wo zuerst Ehrung und danach Geringschätzung [erfolgt], diesen Aufenthalt soll der Standhafte verlassen, der geehrt und dann missachtet wurde.“

Wort für Wort
pūrvaṃ saṃmānanā yatra
wo zuerst Ehrung (Adv./Nom./Adv.)
paścāc caiva vimānanā
und danach Missachtung (Adv./Nom.)
jahyāt taṃ sattvavān vāsaṃ
verlassen soll jenen Aufenthalt der Standhafte (Opt./Akk./Nom.)
saṃmānitavimānitaḥ
der geehrt-und-missachtete (Nom.)

uṣitāsmi tavāgāre dīrghakālam ahiṃsitā; tad idaṃ vairam utpannaṃ sukham āssva vrajāmy aham

„Ich habe lange Zeit in deinem Haus gewohnt, unverletzt; nun ist diese Feindschaft entstanden. Lebe wohl [wörtl.: sitze glücklich], ich gehe.“

Wort für Wort
uṣitāsmi tavāgāre
ich habe gewohnt in deinem Haus (Part. Perf. f. + 1.Sg. asmi/Lok.)
dīrghakālam ahiṃsitā
lange Zeit, unverletzt (Adv./Nom. f.)
tad idaṃ vairam utpannaṃ
dann ist diese Feindschaft entstanden (Nom./Part.)
sukham āssva
sitze [d. h. lebe] glücklich (Adv./Imp. Med.)
vrajāmy aham
ich gehe (1.Sg. Präs.)

brahmadatta uvāca; yatkṛte pratikuryād vai na sa tatrāparādhnuyāt; anṛṇas tena bhavati vasa pūjani mā gamaḥ

Brahmadatta sprach: „Wofür man Vergeltung übt, darin verfehlt man sich nicht mehr; man wird dadurch schuldenfrei. Bleib, Pūjanī, geh nicht.“

Wort für Wort
brahmadatta uvāca
Brahmadatta sprach (Perf.)
yatkṛte pratikuryād vai
wofür man Vergeltung üben mag (Lok./Opt.)
na sa tatrāparādhnuyāt
der verfehlt sich dabei nicht (Opt.)
anṛṇas tena bhavati
schuldenfrei wird er dadurch (Nom./Instr./3.Sg. Präs.)
vasa pūjani mā gamaḥ
bleib, Pūjanī, geh nicht (Imp./Vok./Injunktiv)

pūjany uvāca; na kṛtasya na kartuś ca sakhyaṃ saṃdhīyate punaḥ; hṛdayaṃ tatra jānāti kartuś caiva kṛtasya ca

Pūjanī sprach: „Weder dessen, dem [Leid] angetan wurde, noch des Täters Freundschaft wird [je] wieder geknüpft; das Herz kennt dort sowohl den Täter als auch den, dem es angetan wurde.“

Wort für Wort
pūjany uvāca
Pūjanī sprach (Perf.)
na kṛtasya na kartuś ca
weder des Betroffenen noch des Täters (Gen.)
sakhyaṃ saṃdhīyate punaḥ
Freundschaft wird wieder geknüpft (Nom./Pass. Präs./Adv.)
hṛdayaṃ tatra jānāti
das Herz weiß dort (Nom./Adv./3.Sg. Präs.)
kartuś caiva kṛtasya ca
sowohl den Täter als auch den Betroffenen (Gen.)

brahmadatta uvāca; kṛtasya caiva kartuś ca sakhyaṃ saṃdhīyate punaḥ; vairasyopaśamo dṛṣṭaḥ pāpaṃ nopāśnute punaḥ

Brahmadatta sprach: „Zwischen dem, dem etwas angetan wurde, und dem Täter wird die Freundschaft wieder geknüpft; man sieht, dass die Feindschaft zur Ruhe kommt; [und] Schuld haftet [dann] nicht mehr an.“

Wort für Wort
brahmadatta uvāca
Brahmadatta sprach (Perf.)
kṛtasya caiva kartuś ca
sowohl dem, dem [etwas] angetan wurde, als auch dem Täter (Gen.Sg.)
sakhyaṃ saṃdhīyate punaḥ
Freundschaft (Nom.Sg.) wird wieder geknüpft (3.Sg.Pass.)
vairasya upaśamaḥ dṛṣṭaḥ
die Beruhigung der Feindschaft (Nom.Sg./Gen.Sg.) ist gesehen (Part.Pass.)
pāpaṃ na upāśnute punaḥ
Übel/Schuld erlangt [ihn] nicht wieder (3.Sg.Med.)

pūjany uvāca; nāsti vairam upakrāntaṃ sāntvito 'smīti nāśvaset; viśvāsād badhyate bālas tasmāc chreyo hy adarśanam

Pūjanī sprach: „Ist Feindschaft einmal eingetreten, [so ist sie nicht beendet]; ‚Ich bin ja besänftigt worden‘ – [so denkend] soll man nicht aufatmen. Aus Vertrauen wird der Tor gefesselt; darum ist es besser, [sich] nicht zu sehen [d. h. sich zu meiden].“

Wort für Wort
pūjany uvāca
Pūjanī sprach (Perf.)
nāsti vairam upakrāntam
nicht [ist] Feindschaft, die begonnen hat [= sie besteht nicht als erloschen] (Nom.Sg.n., Part.Pass.) [?]
sāntvitaḥ asmi iti na āśvaset
„ich bin besänftigt“, so [denkend] soll man nicht aufatmen (Part.Pass./1.Sg.Präs./3.Sg.Opt.)
viśvāsād badhyate bālaḥ
aus Vertrauen wird der Tor gefesselt (Abl./3.Sg.Pass./Nom.Sg.)
tasmāc chreyo hi adarśanam
darum ist besser das Nichtsehen [Meiden] (Nom.Sg.n. Komp.)

Erster Halbvers knapp; „nāsti“ elliptisch, Ergänzung [?].

tarasā ye na śakyante śastraiḥ suniśitair api; sāmnā te vinigṛhyante gajā iva kareṇubhiḥ

Die, die durch Gewalt nicht bezwungen werden können, auch nicht durch sehr scharf geschliffene Waffen, die werden durch Begütigung überwältigt, wie Elefanten durch Elefantenkühe.

Wort für Wort
tarasā ye na śakyante
die, die durch Gewalt nicht bezwungen werden können (Instr./Nom.Pl./3.Pl.Pass.)
śastraiḥ suniśitair api
auch durch sehr scharf geschliffene Waffen (Instr.Pl.)
sāmnā te vinigṛhyante
durch Begütigung werden sie gebändigt (Instr.Sg./3.Pl.Pass.)
gajā iva kareṇubhiḥ
wie Elefanten durch Elefantenkühe (Nom.Pl./Instr.Pl.)

brahmadatta uvāca; saṃvāsāj jāyate sneho jīvitāntakareṣv api; anyonyasya ca viśvāsaḥ śvapacena śuno yathā

Brahmadatta sprach: „Durch das Zusammenleben entsteht Zuneigung, selbst unter denen, die einander das Leben nehmen wollen; und gegenseitiges Vertrauen [entsteht], wie zwischen einem Hundeesser [Ausgestoßenen] und einem Hund.“

Wort für Wort
brahmadatta uvāca
Brahmadatta sprach (Perf.)
saṃvāsāj jāyate snehaḥ
aus dem Zusammenleben entsteht Zuneigung (Abl.Sg./3.Sg.Pass./Nom.Sg.)
jīvitāntakareṣu api
selbst bei denen, die das Leben beenden [wollen] (Lok.Pl., Komp.)
anyonyasya ca viśvāsaḥ
und gegenseitiges Vertrauen (Gen.Sg./Nom.Sg.)
śvapacena śunaḥ yathā
wie [zwischen] Hundeesser (Instr.) und Hund (Gen.)

anyonyakṛtavairāṇāṃ saṃvāsān mṛdutāṃ gatam; naiva tiṣṭhati tad vairaṃ puṣkarastham ivodakam

Bei denen, die einander Feindschaft angetan haben, wird sie durch das Zusammenleben mild; jene Feindschaft bleibt nicht bestehen, wie Wasser auf einem Lotusblatt.

Wort für Wort
anyonyakṛtavairāṇām
derer, die einander Feindschaft angetan haben (Gen.Pl., Komp.)
saṃvāsān mṛdutāṃ gatam
durch das Zusammenleben zur Milde gelangt (Abl.Sg./Akk.Sg./Part.Pass.)
na eva tiṣṭhati tad vairam
nicht bleibt jene Feindschaft [bestehen] (3.Sg.Präs./Nom.Sg.n.)
puṣkarastham iva udakam
wie Wasser, das auf einem Lotusblatt steht (Nom.Sg.n.)

pūjany uvāca; vairaṃ pañcasamutthānaṃ tac ca budhyanti paṇḍitāḥ; strīkṛtaṃ vāstujaṃ vāgjaṃ sasapatnāparādhajam

Pūjanī sprach: „Feindschaft hat fünf Ursprünge, und die Weisen erkennen sie: durch Frauen bewirkt, durch Besitz [Grund und Boden] entstanden, durch Worte entstanden, [durch Rivalität] und durch ein Vergehen entstanden.“

Wort für Wort
pūjany uvāca
Pūjanī sprach (Perf.)
vairaṃ pañcasamutthānam
Feindschaft ist fünffach im Ursprung (Nom.Sg.n., Komp.)
tac ca budhyanti paṇḍitāḥ
und das erkennen die Gelehrten (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
strīkṛtaṃ vāstujaṃ vāgjam
durch Frauen bewirkt, aus Besitz, aus Worten entstanden (Nom.Sg.n.)
sasapatnāparādhajam
aus Rivalität und Vergehen entstanden (Nom.Sg.n., Komp.) [?]

„sasapatnāparādhajam“: die Fünfzahl (Frau, Besitz, Worte, Nebenbuhler, Vergehen) verlangt Auflösung sa-sapatna-aparādhaja; Wiedergabe unsicher.

tatra dātā nihantavyaḥ kṣatriyeṇa viśeṣataḥ; prakāśaṃ vāprakāśaṃ vā buddhvā deśabalādikam

Dabei ist der, der [den Schaden] zufügt, zu töten, vor allem vom Kṣatriya – sei es offen oder verdeckt, nachdem er Ort, Kraft und dergleichen erwogen hat.

Wort für Wort
tatra dātā nihantavyaḥ
dabei ist der Zufügende zu töten (Nom.Sg./Gerundiv)
kṣatriyeṇa viśeṣataḥ
vom Kṣatriya besonders (Instr.Sg./Adv.)
prakāśaṃ vā aprakāśaṃ vā
offen oder nicht offen (Adv.)
buddhvā deśabalādikam
nachdem er erkannt hat Ort, Kraft und dergleichen (Abs./Akk.Sg.n., Komp.)

dātā „Geber“ hier im Sinn von „der, der [Schaden] zufügt“ (Ergänzung).

kṛtavaire na viśvāsaḥ kāryas tv iha suhṛdy api; channaṃ saṃtiṣṭhate vairaṃ gūḍho 'gnir iva dāruṣu

Gegenüber dem, mit dem Feindschaft besteht, ist hier kein Vertrauen zu fassen, selbst nicht gegenüber einem Freund; verborgen besteht die Feindschaft fort, wie ein verborgenes Feuer in Hölzern.

Wort für Wort
kṛtavaire na viśvāsaḥ
bei [dem, mit dem] Feindschaft geschlossen ist, [ist] kein Vertrauen (Lok.Sg./Nom.Sg.)
kāryaḥ tu iha suhṛdi api
zu fassen hier, selbst bei einem Freund (Gerundiv/Lok.Sg.)
channaṃ saṃtiṣṭhate vairam
verborgen bleibt die Feindschaft bestehen (Nom.Sg.n./3.Sg.Med.)
gūḍhaḥ agniḥ iva dāruṣu
wie verborgenes Feuer in Hölzern (Nom.Sg./Lok.Pl.)

na vittena na pāruṣyair na sāntvena na ca śrutaiḥ; vairāgniḥ śāmyate rājann aurvāgnir iva sāgare

Weder durch Besitz noch durch harte Worte, weder durch Begütigung noch durch Belehrungen [Gehörtes] wird das Feuer der Feindschaft gelöscht, o König – wie das Aurva-Feuer im Meer [nicht gelöscht wird].

Wort für Wort
na vittena na pāruṣyaiḥ
nicht durch Besitz, nicht durch Härten (Instr.Sg./Instr.Pl.)
na sāntvena na ca śrutaiḥ
nicht durch Begütigung und nicht durch Gehörtes (Instr.)
vairāgniḥ śāmyate
das Feuer der Feindschaft wird gelöscht (Nom.Sg./3.Sg.Pass.)
rājan
o König (Vok.)
aurvāgniḥ iva sāgare
wie das Aurva-Feuer im Meer (Nom.Sg./Lok.Sg.)

na hi vairāgnir udbhūtaḥ karma vāpy aparādhajam; śāmyaty adagdhvā nṛpate vinā hy ekatarakṣayāt

Denn ein aufgeflammtes Feuer der Feindschaft oder eine aus einem Vergehen entstandene Tat kommt nicht zur Ruhe, ohne zu verbrennen, o Herr der Menschen, außer durch den Untergang des einen von beiden.

Wort für Wort
na hi vairāgniḥ udbhūtaḥ
denn nicht [kommt] das aufgeflammte Feuer der Feindschaft (Nom.Sg./Part.Pass.)
karma vā api aparādhajam
oder auch eine aus Vergehen entstandene Tat (Nom.Sg.n.)
śāmyati adagdhvā
kommt zur Ruhe, ohne verbrannt zu haben (3.Sg.Präs./Abs.)
nṛpate
o Fürst (Vok.)
vinā hi ekatarakṣayāt
außer durch den Untergang des einen von beiden (Abl.Sg.)

satkṛtasyārthamānābhyāṃ syāt tu pūrvāpakāriṇaḥ; naiva śāntir na viśvāsaḥ karma trāsayate balāt

Mag der, der früher Unrecht getan hat, durch Besitz und Ehre wohlgeehrt sein – [dennoch] gibt es weder Frieden noch Vertrauen; die [begangene] Tat ängstigt [ihn] mit Macht.

Wort für Wort
satkṛtasya artha-mānābhyām
wohlgeehrt durch Besitz und Ehre (Part.Pass.Gen./Instr.Du.)
syāt tu pūrvāpakāriṇaḥ
mag er sein, der früher Unrecht tat (3.Sg.Opt./Gen.Sg.)
na eva śāntiḥ na viśvāsaḥ
weder Frieden noch Vertrauen (Nom.Sg.)
karma trāsayate balāt
die Tat ängstigt mit Macht (Nom.Sg.n./3.Sg.Kaus./Abl.) [?]

Sinn des zweiten Halbverses unsicher (Subjekt von trāsayate).

naivāpakāre kasmiṃś cid ahaṃ tvayi tathā bhavān; viśvāsād uṣitā pūrvaṃ nedānīṃ viśvasāmy aham

[Früher war] weder ich in irgendeinem Unrecht gegen dich [verwickelt] noch du gegen mich; im Vertrauen habe ich früher [hier] gewohnt; jetzt aber vertraue ich nicht.

Wort für Wort
na eva apakāre kasmiṃś cid
in keinem Unrecht (Lok.Sg.)
ahaṃ tvayi tathā bhavān
ich [nicht] dir gegenüber, so auch du [mir gegenüber nicht] (Nom./Lok.Sg./Nom.Sg.)
viśvāsād uṣitā pūrvam
aus Vertrauen habe ich früher gewohnt (Abl./Part.Pass.f.)
na idānīṃ viśvasāmi aham
jetzt vertraue ich nicht (Adv./1.Sg.Präs.)

Elliptisch; Ergänzungen in Klammern.

brahmadatta uvāca; kālena kriyate kāryaṃ tathaiva vividhāḥ kriyāḥ; kālenaiva pravartante kaḥ kasyehāparādhyati

Brahmadatta sprach: „Durch die Zeit wird das Werk vollbracht, ebenso die mannigfaltigen Handlungen; durch die Zeit allein kommen sie in Gang; wer verfehlt sich hier an wem?“

Wort für Wort
brahmadatta uvāca
Brahmadatta sprach (Perf.)
kālena kriyate kāryam
durch die Zeit wird das Werk getan (Instr./3.Sg.Pass./Nom.Sg.n.)
tathā eva vividhāḥ kriyāḥ
ebenso die vielfältigen Handlungen (Nom.Pl.f.)
kālena eva pravartante
durch die Zeit allein kommen sie in Gang (3.Pl.Med.)
kaḥ kasya iha aparādhyati
wer verfehlt sich hier an wem (Nom./Gen./3.Sg.Präs.)

tulyaṃ cobhe pravartete maraṇaṃ janma caiva ha; kāryate caiva kālena tannimittaṃ hi jīvati

Beide kommen gleichermaßen in Gang: Tod und Geburt; es wird auch durch die Zeit bewirkt; [nur] deshalb lebt man.

Wort für Wort
tulyaṃ ca ubhe pravartete
gleichermaßen kommen beide in Gang (Adv./Nom.Du.f./3.Du.Med.)
maraṇaṃ janma ca eva ha
Tod und Geburt fürwahr (Nom.Sg.n.)
kāryate ca eva kālena
und es wird durch die Zeit bewirkt (3.Sg.Pass.Kaus./Instr.)
tannimittaṃ hi jīvati
denn deswegen lebt man (Adv./3.Sg.Präs.) [?]

Zweiter Halbvers dunkel; Wiedergabe unsicher.

badhyante yugapat ke cid ekaikasya na cāpare; kālo dahati bhūtāni saṃprāpyāgnir ivendhanam

Manche werden zugleich gebunden, einzeln [dagegen] nicht die anderen [?]; die Zeit verbrennt die Wesen, wenn sie sie erreicht hat, wie Feuer Brennholz.

Wort für Wort
badhyante yugapat ke cit
manche werden zugleich gebunden (3.Pl.Pass./Adv./Nom.Pl.)
ekaikasya na ca apare
bei dem einzelnen [ist es] nicht [so], [und] die anderen [?] (Gen.Sg./Nom.Pl.)
kālaḥ dahati bhūtāni
die Zeit verbrennt die Wesen (Nom.Sg./3.Sg.Präs./Akk.Pl.)
saṃprāpya agniḥ iva indhanam
nachdem sie es erreicht hat, wie Feuer Brennholz (Abs./Nom.Sg./Akk.Sg.)

Erster Halbvers syntaktisch unklar.

nāhaṃ pramāṇaṃ naiva tvam anyonyakaraṇe śubhe; kālo nityam upādhatte sukhaṃ duḥkhaṃ ca dehinām

Weder ich noch du sind Maßstab beim gegenseitigen Tun, du Gute; die Zeit teilt beständig den Verkörperten Glück und Leid zu.

Wort für Wort
na aham pramāṇam
nicht ich bin Maßstab (Nom./Nom.Sg.n.)
na eva tvam
und auch nicht du (Nom.)
anyonyakaraṇe śubhe
beim gegenseitigen Tun, du Gute (Lok.Sg./Vok.Sg.f.)
kālaḥ nityam upādhatte
die Zeit teilt stets zu (Nom.Sg./Adv./3.Sg.Med.)
sukhaṃ duḥkhaṃ ca dehinām
Glück und Leid den Verkörperten (Akk.Sg./Dat.-Gen.Pl.)

evaṃ vaseha sasnehā yathākālam ahiṃsitā; yat kṛtaṃ tac ca me kṣāntaṃ tvaṃ caiva kṣama pūjani

„So bleibe hier wohnen, voller Zuneigung, der Zeit gemäß unversehrt; was [getan] wurde, das ist von mir verziehen, und du, Pūjanī, verzeihe [ebenfalls].“

Wort für Wort
evaṃ vasa iha sasnehā
so wohne hier, voller Zuneigung (Imp.2.Sg./Nom.Sg.f.)
yathākālam ahiṃsitā
der Zeit gemäß, unverletzt (Adv./Part.Pass.f.)
yat kṛtaṃ tat ca me kṣāntam
was getan wurde, das ist von mir verziehen (Nom.Sg.n./Part.Pass.)
tvaṃ ca eva kṣama pūjani
auch du verzeihe, Pūjanī (Nom./Imp.2.Sg./Vok.)

pūjany uvāca; yadi kālaḥ pramāṇaṃ te na vairaṃ kasya cid bhavet; kasmāt tv apacitiṃ yānti bāndhavā bāndhave hate

Pūjanī sprach: „Wenn die Zeit für dich Maßstab ist, dürfte es für niemanden Feindschaft geben; warum aber üben Verwandte Vergeltung, wenn ein Verwandter erschlagen ist?“

Wort für Wort
pūjany uvāca
Pūjanī sprach (Perf.)
yadi kālaḥ pramāṇaṃ te
wenn die Zeit dir Maßstab ist (Nom.Sg./Gen.Sg.)
na vairaṃ kasya cid bhavet
so dürfte niemandem Feindschaft sein (3.Sg.Opt.)
kasmāt tu apacitiṃ yānti
warum aber gehen sie zur Vergeltung (Abl.Interr./Akk.Sg./3.Pl.Präs.)
bāndhavāḥ bāndhave hate
Verwandte, wenn ein Verwandter erschlagen ist (Nom.Pl./Lok.abs.)

kasmād devāsurāḥ pūrvam anyonyam abhijaghnire; yadi kālena niryāṇaṃ sukhaduḥkhe bhavābhavau

Warum haben früher Götter und Asuras einander bekämpft, wenn der Ausgang durch die Zeit [bestimmt ist] – Glück und Leid, Werden und Vergehen?

Wort für Wort
kasmād devāsurāḥ pūrvam
warum [haben] früher Götter und Asuras (Abl.Interr./Nom.Pl.)
anyonyam abhijaghnire
einander bekämpft/geschlagen (Perf.3.Pl.Med.)
yadi kālena niryāṇam
wenn durch die Zeit der Ausgang [ist] (Instr./Nom.Sg.n.)
sukha-duḥkhe bhava-abhavau
Glück und Leid, Werden und Vergehen (Nom.Du.n./Nom.Du.m.)

bhiṣajo bheṣajaṃ kartuṃ kasmād icchanti rogiṇe; yadi kālena pacyante bheṣajaiḥ kiṃ prayojanam

Warum wollen Ärzte dem Kranken eine Arznei bereiten? Wenn [die Krankheiten] durch die Zeit ausreifen, was nützen [dann] Arzneien?

Wort für Wort
bhiṣajaḥ bheṣajaṃ kartum
die Ärzte, Arznei zu bereiten (Nom.Pl./Akk.Sg./Inf.)
kasmāt icchanti rogiṇe
warum wünschen sie für den Kranken (Abl.Interr./3.Pl.Präs./Dat.Sg.)
yadi kālena pacyante
wenn sie durch die Zeit ausreifen (Instr./3.Pl.Pass.)
bheṣajaiḥ kiṃ prayojanam
was ist der Zweck mit Arzneien (Instr.Pl./Nom.Sg.n.)

pralāpaḥ kriyate kasmāt sumahāñ śokamūrchitaiḥ; yadi kālaḥ pramāṇaṃ te kasmād dharmo 'sti kartṛṣu

Warum wird von den durch Kummer Betäubten so großes Wehklagen erhoben? Wenn die Zeit für dich Maßstab ist, warum gibt es [dann] Recht bei den Tätern?

Wort für Wort
pralāpaḥ kriyate kasmāt
Wehklagen wird gemacht, warum (Nom.Sg./3.Sg.Pass./Abl.Interr.)
sumahān śokamūrchitaiḥ
sehr großes, von den durch Kummer Betäubten (Nom.Sg./Instr.Pl.)
yadi kālaḥ pramāṇaṃ te
wenn die Zeit dir Maßstab ist (Nom.Sg./Gen.Sg.)
kasmād dharmaḥ asti kartṛṣu
warum gibt es Recht bei den Tätern (Nom.Sg./3.Sg.Präs./Lok.Pl.) [?]

Zweiter Halbvers: dharmaḥ kartṛṣu wörtlich „Recht bei den Handelnden“; Sinn: warum werden Täter zur Verantwortung gezogen; Wiedergabe unsicher.

tava putro mamāpatyaṃ hatavān hiṃsito mayā; anantaraṃ tvayā cāhaṃ bandhanīyā mahīpate

„Dein Sohn hat mein Kind getötet, und er ist von mir verletzt worden; im Anschluss daran müsstest du mich fesseln, o Herr der Erde.“

Wort für Wort
tava putraḥ mama apatyam
dein Sohn [hat] mein Kind (Gen./Nom.Sg./Gen./Akk.Sg.n.)
hatavān hiṃsitaḥ mayā
getötet, [er ist] von mir verletzt worden (Part.Perf.Akt./Part.Pass./Instr.)
anantaraṃ tvayā ca aham
und unmittelbar danach von dir ich (Adv./Instr./Nom.)
bandhanīyā mahīpate
bin zu fesseln, o Erdherr (Gerundiv f./Vok.)

ahaṃ hi putraśokena kṛtapāpā tavātmaje; tathā tvayā prahartavyaṃ mayi tattvaṃ ca me śṛṇu

„Denn aus Sohnesschmerz habe ich an deinem Sohn Böses getan; so musst du an mir Vergeltung üben; und höre von mir die Wahrheit.“

Wort für Wort
aham hi putraśokena
ich nämlich aus Sohnesschmerz (Nom./Instr.Sg.)
kṛtapāpā tava ātmaje
habe Böses getan an deinem Sohn (Nom.Sg.f./Lok.Sg.)
tathā tvayā prahartavyam
so ist von dir zu schlagen [Vergeltung zu üben] (Adv./Instr./Gerundiv)
mayi tattvaṃ ca me śṛṇu
an mir; und höre von mir die Wahrheit (Lok./Akk.Sg.n./Imp.2.Sg.)

bhakṣārthaṃ krīḍanārthaṃ vā narā vāñchanti pakṣiṇaḥ; tṛtīyo nāsti saṃyogo vadhabandhād ṛte kṣamaḥ

Menschen begehren Vögel zur Nahrung oder zum Spiel; ein Drittes gibt es nicht; [es gibt] keine Verbindung, die erträglich wäre, ohne Töten und Fesseln.

Wort für Wort
bhakṣa-artham krīḍana-artham vā
zur Nahrung oder zum Spiel (Adv./Komp.)
narāḥ vāñchanti pakṣiṇaḥ
Menschen wünschen Vögel (Nom.Pl./3.Pl.Präs./Akk.Pl.)
tṛtīyaḥ na asti saṃyogaḥ
ein drittes Verhältnis gibt es nicht (Nom.Sg./3.Sg.Präs.)
vadhabandhāt ṛte kṣamaḥ
erträglich außer Töten und Fesseln (Abl.Sg./Präp./Nom.Sg.)

vadhabandhabhayād eke mokṣatantram upāgatāḥ; maraṇotpātajaṃ duḥkham āhur dharmavido janāḥ

Aus Furcht vor Töten und Fesseln sind manche zum Weg der Befreiung gelangt; das Leid, das aus Tod und Unheil entsteht, [nennen], so sagen die Menschen, die das Recht kennen, [das schlimmste].

Wort für Wort
vadhabandhabhayāt eke
aus Furcht vor Töten und Fesseln manche (Abl.Sg./Nom.Pl.)
mokṣatantram upāgatāḥ
sind zum System/Weg der Befreiung gelangt (Akk.Sg./Part.Pass.Pl.)
maraṇa-utpāta-jam duḥkham
das aus Tod und Unheil entstehende Leid (Akk.Sg.n.)
āhuḥ dharmavidaḥ janāḥ
sagen die rechtskundigen Menschen (Perf.3.Pl./Nom.Pl.)

Ergänzung [das schlimmste] unsicher; im Text steht nur „sie sagen“.

sarvasya dayitāḥ prāṇāḥ sarvasya dayitāḥ sutāḥ; duḥkhād udvijate sarvaḥ sarvasya sukham īpsitam

Allen sind die Lebensodem lieb, allen sind die Söhne lieb; jeder schreckt vor Leid zurück; für jeden wird Glück gewünscht.

Wort für Wort
sarvasya dayitāḥ prāṇāḥ
jedem sind die Lebenshauche lieb (Gen.Sg./Nom.Pl.)
sarvasya dayitāḥ sutāḥ
jedem sind die Söhne lieb (Nom.Pl.)
duḥkhāt udvijate sarvaḥ
vor Leid schreckt jeder zurück (Abl.Sg./3.Sg.Präs./Nom.Sg.)
sarvasya sukham īpsitam
für jeden ist Glück erwünscht (Nom.Sg.n./Part.Pass.)

duḥkhaṃ jarā brahmadatta duḥkham arthaviparyayaḥ; duḥkhaṃ cāniṣṭasaṃvāso duḥkham iṣṭaviyogajam

Leid ist das Alter, Brahmadatta, Leid ist der Verlust des Besitzes; Leid ist das Zusammensein mit Unliebem, Leid entsteht aus der Trennung vom Geliebten.

Wort für Wort
duḥkhaṃ jarā brahmadatta
Leid ist das Alter, Brahmadatta (Nom.Sg.f./Vok.)
duḥkham artha-viparyayaḥ
Leid ist der Verlust von Besitz/Zweck (Nom.Sg.m.)
duḥkhaṃ ca aniṣṭasaṃvāsaḥ
und Leid ist das Zusammenleben mit Unerwünschtem (Nom.Sg.m., Komp.)
duḥkham iṣṭaviyogajam
Leid ist das aus Trennung vom Erwünschten Geborene (Nom.Sg.n.)

vairabandhakṛtaṃ duḥkhaṃ hiṃsājaṃ strīkṛtaṃ tathā; duḥkhaṃ sukhena satataṃ janād viparivartate

Leid, das durch Feindschaft und Fesselung entsteht, das aus Gewalt geborene und ebenso das durch Frauen bewirkte; Leid wechselt beständig mit Glück, [von Mensch zu Mensch] [?].

Wort für Wort
vairabandhakṛtaṃ duḥkham
durch Feindschaft und Fesselung bewirktes Leid (Nom.Sg.n., Komp.)
hiṃsājaṃ strīkṛtaṃ tathā
aus Gewalt Geborenes und durch Frauen Bewirktes ebenso (Nom.Sg.n.)
duḥkhaṃ sukhena satatam
Leid [wechselt] mit Glück beständig (Nom.Sg.n./Instr./Adv.)
janāt viparivartate
bei den Menschen/von Mensch zu Mensch wendet es sich (Abl.Sg./3.Sg.Med.) [?]

Letzter Pāda unsicher.

na duḥkhaṃ paraduḥkhe vai ke cid āhur abuddhayaḥ; yo duḥkhaṃ nābhijānāti sa jalpati mahājane

„Bei fremdem Leid gibt es kein Leid“, sagen manche Unverständige; wer das Leid nicht kennt, der schwatzt in der großen Versammlung [unter den Leuten].

Wort für Wort
na duḥkham paraduḥkhe vai
nicht [gibt es] Leid im Leid der anderen (Nom.Sg.n./Lok.Sg.)
ke cit āhuḥ abuddhayaḥ
manche sagen, die Unverständigen (Nom.Pl./Perf.3.Pl./Nom.Pl.)
yaḥ duḥkhaṃ na abhijānāti
wer das Leid nicht kennt (Nom.Sg./Akk.Sg./3.Sg.Präs.)
sa jalpati mahājane
der schwatzt unter den vielen Leuten (3.Sg.Präs./Lok.Sg.)

yas tu śocati duḥkhārtaḥ sa kathaṃ vaktum utsahet

Wer aber, von Leid geplagt, jammert – wie könnte der [darüber] zu reden wagen?

Wort für Wort
yaḥ tu śocati
wer aber jammert (Nom.Sg./3.Sg.Präs.)
duḥkhārtaḥ
vom Leid geplagt (Nom.Sg.)
sa katham vaktum utsahet
wie könnte der zu sprechen wagen (Nom./Interr./Inf./3.Sg.Opt.)

Der Satz wird in Einheit 72 fortgeführt (Vers 137.062, durch Zusatzstrophe unterbrochen).

bhinnāḥ śliṣṭā na śakyante śastraiḥ suniśitair api; sāmnā te 'pi nigṛhyante gajā iva kareṇubhiḥ

Auch Zerstrittene und Verbundene können nicht durch sehr scharfe Waffen [bezwungen werden]; durch Begütigung aber werden auch sie gebändigt, wie Elefanten durch Elefantenkühe.

Wort für Wort
bhinnāḥ śliṣṭāḥ na śakyante
Zerstrittene [und] Verbundene können nicht (Nom.Pl./3.Pl.Pass.)
śastraiḥ suniśitaiḥ api
durch Waffen, selbst sehr scharfe (Instr.Pl.)
sāmnā te api nigṛhyante
durch Begütigung werden auch sie gebändigt (Instr./3.Pl.Pass.)
gajāḥ iva kareṇubhiḥ
wie Elefanten durch Elefantenkühe (Nom.Pl./Instr.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzstrophe; Variante von Vers 43.

rasajñaḥ sarvaduḥkhasya yathātmani tathā pare

[Wer] den Geschmack alles Leids kennt, [erkennt es] wie bei sich selbst so bei anderen.

Wort für Wort
rasajñaḥ sarvaduḥkhasya
der Kenner des Geschmacks alles Leids (Nom.Sg./Gen.Sg., Komp.)
yathā ātmani tathā pare
wie bei sich selbst, so bei anderen (Lok.Sg./Lok.Pl.)

Fortsetzung von Einheit 70; Satzbau elliptisch.

yat kṛtaṃ te mayā rājaṃs tvayā ca mama yat kṛtam; na tad varṣaśataiḥ śakyaṃ vyapohitum ariṃdama

„Was ich dir angetan habe, König, und was du mir angetan hast – das kann selbst in hundert Jahren nicht getilgt werden, Bezwinger der Feinde.“

Wort für Wort
yat kṛtaṃ te mayā rājan
was von mir dir getan wurde, König (Nom.Sg.n./Dat./Instr./Vok.)
tvayā ca mama yat kṛtam
und was von dir mir getan wurde (Instr./Gen./Part.Pass.)
na tad varṣaśataiḥ śakyam
das ist nicht in hundert Jahren möglich (Instr.Pl./Nom.Sg.n.)
vyapohitum ariṃdama
zu tilgen, Bezwinger der Feinde (Inf./Vok.)

āvayoḥ kṛtam anyonyaṃ tatra saṃdhir na vidyate; smṛtvā smṛtvā hi te putraṃ navaṃ vairaṃ bhaviṣyati

Was wir einander angetan haben – dabei gibt es keine Aussöhnung; denn wenn du dich immer wieder an deinen Sohn erinnerst, wird neue Feindschaft entstehen.

Wort für Wort
āvayoḥ kṛtam anyonyam
was von uns beiden einander getan wurde (Gen.Du./Part.Pass./Adv.)
tatra saṃdhiḥ na vidyate
dabei gibt es keine Aussöhnung (Lok./Nom.Sg./3.Sg.Pass.)
smṛtvā smṛtvā hi te putram
denn wiederholt an deinen Sohn denkend (Abs./Gen./Akk.)
navaṃ vairaṃ bhaviṣyati
neue Feindschaft wird entstehen (Nom.Sg.n./3.Sg.Fut.)

vairam antikam āsajya yaḥ prītiṃ kartum icchati; mṛnmayasyeva bhagnasya tasya saṃdhir na vidyate

Wer, nachdem er Feindschaft in die Nähe gebracht hat, Zuneigung stiften will – bei dem gibt es keine Verbindung, wie bei einem zerbrochenen Tongefäß.

Wort für Wort
vairam antikam āsajya
nachdem er sich mit Feindschaft in der Nähe verbunden hat (Akk./Adv./Abs.)
yaḥ prītiṃ kartum icchati
wer Zuneigung schaffen will (Nom./Akk./Inf./3.Sg.Präs.)
mṛnmayasya iva bhagnasya
wie bei einem zerbrochenen tönernen [Gefäß] (Gen.Sg.)
tasya saṃdhiḥ na vidyate
bei dem gibt es keine Verbindung (Gen./Nom./3.Sg.Pass.)

niścitaś cārthaśāstrajñair aviśvāsaḥ sukhodayaḥ; uśanāś cātha gāthe dve prahrādāyābravīt purā

Und festgestellt ist von den Kennern der Nutzenlehre: Misstrauen bringt Wohlergehen hervor; und Uśanas sprach einst zwei Strophen zu Prahlāda.

Wort für Wort
niścitaḥ ca arthaśāstrajñaiḥ
und festgestellt von den Kennern der Nutzenlehre (Part.Pass./Instr.Pl.)
aviśvāsaḥ sukhodayaḥ
Misstrauen ist Ursprung von Wohlergehen (Nom.Sg./Nom.Sg., Komp.)
uśanāḥ ca atha gāthe dve
und dann Uśanas zwei Strophen (Nom.Sg./Akk.Du.f.)
prahrādāya abravīt purā
zu Prahlāda sprach er einst (Dat./Impf.3.Sg./Adv.)

ye vairiṇaḥ śraddadhate satye satyetare 'pi vā; te śraddadhānā vadhyante madhu śuṣkatṛṇair yathā

Die, die dem Feind vertrauen – sei es im Wahren oder im Unwahren –, diese Vertrauenden werden erschlagen wie Honig [?] durch trockene Grashalme.

Wort für Wort
ye vairiṇaḥ śraddadhate
die, die den Feinden vertrauen (Nom.Pl./Dat.-Gen.Sg./3.Pl.Med.)
satye satyetare api vā
im Wahren oder auch im Unwahren (Lok.Sg.)
te śraddadhānāḥ vadhyante
diese Vertrauenden werden getötet (Nom.Pl./Part.Präs./3.Pl.Pass.)
madhu śuṣkatṛṇaiḥ yathā
wie Honig [?] durch trockene Grashalme (Nom.Sg.n./Instr.Pl.) [?]

Vergleich im letzten Pāda unklar; Wiedergabe unsicher.

na hi vairāṇi śāmyanti kuleṣv ā daśamād yugāt; ākhyātāraś ca vidyante kule ced vidyate pumān

Denn Feindschaften kommen in Geschlechtern nicht zur Ruhe, bis zur zehnten Generation; und es finden sich [Leute], die [sie] erzählen, wenn im Geschlecht [noch] ein Mann vorhanden ist.

Wort für Wort
na hi vairāṇi śāmyanti
denn Feindschaften kommen nicht zur Ruhe (Nom.Pl./3.Pl.Präs.)
kuleṣu ā daśamāt yugāt
in Geschlechtern bis zur zehnten Generation (Lok.Pl./Abl.Sg.)
ākhyātāraḥ ca vidyante
und es finden sich Erzähler (Nom.Pl./3.Pl.Pass.)
kule cet vidyate pumān
wenn im Geschlecht ein Mann vorhanden ist (Lok./Nom.Sg.)

upaguhya hi vairāṇi sāntvayanti narādhipāḥ; athainaṃ pratipiṃṣanti pūrṇaṃ ghaṭam ivāśmani

Denn nachdem sie Feindschaften verborgen [wörtl. umfasst] haben, begütigen Fürsten [die Gegner]; dann zermalmen sie ihn, wie man einen vollen Krug an einem Stein [zerschlägt].

Wort für Wort
upaguhya hi vairāṇi
denn nachdem sie Feindschaften umfasst/verborgen haben (Abs./Akk.Pl.)
sāntvayanti narādhipāḥ
begütigen die Menschenherrscher (3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
atha enam pratipiṃṣanti
dann zermalmen sie ihn (Adv./Akk.Sg./3.Pl.Präs.)
pūrṇaṃ ghaṭam iva aśmani
wie einen vollen Krug am Stein (Akk.Sg./Lok.Sg.)

sadā na viśvased rājan pāpaṃ kṛtveha kasya cit; apakṛtya pareṣāṃ hi viśvāsād duḥkham aśnute

Niemals soll man vertrauen, König, wenn man hier jemandem Böses getan hat; wer anderen Unrecht getan hat und [dann] vertraut, erlangt Leid.

Wort für Wort
sadā na viśvaset rājan
nie soll man vertrauen, König (Adv./3.Sg.Opt./Vok.)
pāpaṃ kṛtvā iha kasya cit
nachdem man hier jemandem Böses getan hat (Akk./Abs./Gen.)
apakṛtya pareṣām hi
nachdem man anderen Unrecht getan hat (Abs./Gen.Pl.)
viśvāsāt duḥkham aśnute
aus Vertrauen erlangt man Leid (Abl.Sg./Akk./3.Sg.Med.)

brahmadatta uvāca; nāviśvāsāc cinvate 'rthān nehante cāpi kiṃ cana; bhayād ekatarān nityaṃ mṛtakalpā bhavanti ca

Brahmadatta sprach: „Aus Misstrauen häufen [Menschen] keine Güter an und streben auch nach nichts; aus Furcht vor einem von beiden [?] sind sie stets wie Tote.“

Wort für Wort
brahmadatta uvāca
Brahmadatta sprach (Perf.)
na aviśvāsāt cinvate arthān
nicht aus Misstrauen häufen sie Güter an (Abl./3.Pl.Med./Akk.Pl.)
na īhante ca api kiṃ cana
und streben auch nach nichts (3.Pl.Med./Akk.)
bhayāt ekatarāt nityam
aus Furcht vor einem von beiden [?], stets (Abl./Adv.)
mṛtakalpāḥ bhavanti ca
sind wie Tote (Nom.Pl./3.Pl.Präs.)

ekatarāt: Bezug unklar (Furcht vor einem der beiden Übel?).

pūjany uvāca; yasyeha vraṇinau pādau padbhyāṃ ca parisarpati; kṣaṇyete tasya tau pādau suguptam abhidhāvataḥ

Pūjanī sprach: „Wer hier mit wunden Füßen auf [eben] diesen Füßen umherkriecht, dem werden diese beiden Füße verletzt, auch wenn er, [sie] gut verwahrt, drauflosrennt.“

Wort für Wort
pūjanī uvāca
Pūjanī sprach (Perf.)
yasya iha vraṇinau pādau
wessen hier wunde Füße [sind] (Gen./Nom.Du.)
padbhyāṃ ca parisarpati
und [wer] auf den Füßen umherkriecht (Instr.Du./3.Sg.)
kṣaṇyete tasya tau pādau
werden verletzt, dessen beide Füße (3.Du.Pass./Gen./Nom.Du.)
suguptam abhidhāvataḥ
gut verwahrt, wenn er drauflosrennt (Adv./Part.Gen.Sg.)

netrābhyāṃ sarujābhyāṃ yaḥ prativātam udīkṣate; tasya vāyurujātyarthaṃ netrayor bhavati dhruvam

Wer mit schmerzenden Augen gegen den Wind blickt, dessen Augen erleiden gewiss übermäßig den Windschmerz.

Wort für Wort
netrābhyāṃ sarujābhyām
mit den schmerzenden Augen (Instr.Du.)
yaḥ prativātam udīkṣate
wer gegen den Wind hinblickt (Nom.Sg./Adv./3.Sg.Med.)
tasya vāyurujā atyartham
dessen Windschmerz, übermäßig (Gen./Nom.Sg.f./Adv.)
netrayoḥ bhavati dhruvam
an den Augen entsteht, gewiss (Gen./Lok.Du./3.Sg.)

duṣṭaṃ panthānam āśritya yo mohād abhipadyate; ātmano balam ajñātvā tad antaṃ tasya jīvitam

Wer, einen schlechten Weg betretend, aus Verblendung [darauf] fortschreitet, ohne die eigene Kraft zu kennen — damit endet sein Leben.

Wort für Wort
duṣṭaṃ panthānam āśritya
einen schlechten Weg betreten habend (Akk.Sg./Abs.)
yaḥ mohāt abhipadyate
wer aus Verblendung [ihn] beschreitet (Abl./3.Sg.Med.)
ātmanaḥ balam ajñātvā
die eigene Kraft nicht kennend (Gen./Akk./Abs.)
tat antam tasya jīvitam
dessen Leben hat dies zum Ende (Nom.Sg.n./Gen.)

yas tu varṣam avijñāya kṣetraṃ kṛṣati mānavaḥ; hīnaṃ puruṣakāreṇa sasyaṃ naivāpnute punaḥ

Wer aber als Mensch ein Feld pflügt, ohne die Regenzeit zu kennen, [und dabei] an [rechter] Mannestat Mangel hat, erlangt die Saat[frucht] nicht.

Wort für Wort
yaḥ tu varṣam avijñāya
wer aber den Regen nicht erkannt habend (Nom./Akk./Abs.)
kṣetraṃ kṛṣati mānavaḥ
das Feld pflügt, der Mensch (Akk./3.Sg./Nom.)
hīnaṃ puruṣakāreṇa
mangelnd an Mannestat [?] (Part./Instr.)
sasyaṃ na eva āpnute punaḥ
die Ernte erlangt er keineswegs (Akk./3.Sg.Med.)

hīnam: Bezug (Feld oder Handelnder) und punar unsicher.

yaś ca tiktaṃ kaṣāyaṃ vāpy āsvādavidhuraṃ hitam; āhāraṃ kurute nityaṃ so 'mṛtatvāya kalpate

Wer aber stets Nahrung zu sich nimmt, die bitter oder herb, ohne Wohlgeschmack, jedoch heilsam ist, der ist zur Unsterblichkeit tauglich.

Wort für Wort
yaḥ ca tiktaṃ kaṣāyaṃ vā
und wer Bitteres oder Herbes (Nom./Akk.Sg.n.)
āsvādavidhuram hitam
des Wohlgeschmacks bar, [doch] heilsam (Akk.Sg.n.)
āhāraṃ kurute nityam
Nahrung zu sich nimmt, stets (Akk./3.Sg.Med.)
saḥ amṛtatvāya kalpate
der ist tauglich zur Unsterblichkeit (Dat./3.Sg.Med.)

pathyaṃ bhuktvā naro lobhād yo 'nyad aśnāti bhojanam; pariṇāmam avijñāya tad antaṃ tasya jīvitam

Wer als Mensch Bekömmliches gegessen hat und aus Gier anderes Essen isst, ohne die Folge zu bedenken — damit endet sein Leben.

Wort für Wort
pathyaṃ bhuktvā naraḥ
Bekömmliches gegessen habend, der Mann (Akk./Abs./Nom.)
lobhāt yaḥ anyat aśnāti bhojanam
aus Gier, wer anderes Essen isst (Abl./Akk./3.Sg.)
pariṇāmam avijñāya
die Folge nicht erkennend (Akk./Abs.)
tat antaṃ tasya jīvitam
damit endet sein Leben (Nom.Sg.n.)

daivaṃ puruṣakāraś ca sthitāv anyonyasaṃśrayāt; udāttānāṃ karma tantraṃ daivaṃ klībā upāsate

Schicksal und Mannestat bestehen durch gegenseitige Stütze; für die Hochgesinnten ist die Tat das Maßgebliche, das Schicksal verehren die Schwächlinge.

Wort für Wort
daivaṃ puruṣakāraḥ ca
Schicksal und Mannestat (Nom.Sg.)
sthitau anyonyasaṃśrayāt
bestehen (beide) durch gegenseitige Stütze (Part.Nom.Du./Abl.)
udāttānāṃ karma tantram
für die Hochgesinnten ist die Tat das Maßgebliche (Gen.Pl./Nom.Sg.)
daivaṃ klībāḥ upāsate
das Schicksal verehren die Schwächlinge (Akk./Nom.Pl./3.Pl.Med.)

karma cātmahitaṃ kāryaṃ tīkṣṇaṃ vā yadi vā mṛdu; grasyate 'karmaśīlas tu sadānarthair akiṃcanaḥ

Und die Tat, die dem eigenen Wohl dient, ist zu tun, sei sie hart oder mild; wer aber zum Nichtstun neigt, der Besitzlose, wird stets von Unheil verschlungen.

Wort für Wort
karma ca ātmahitaṃ kāryam
und die dem Selbst nützliche Tat ist zu tun (Nom./Gerundiv)
tīkṣṇaṃ vā yadi vā mṛdu
hart oder aber mild (Nom.Sg.n.)
grasyate akarmaśīlaḥ tu
wird verschlungen, der zur Untätigkeit Neigende aber (3.Sg.Pass./Nom.)
sadā anarthaiḥ akiṃcanaḥ
stets von Unheilen, der Besitzlose (Instr.Pl./Nom.Sg.)

tasmāt saṃśayite 'py arthe kārya eva parākramaḥ; sarvasvam api saṃtyajya kāryam ātmahitaṃ naraiḥ

Darum ist selbst bei zweifelhafter Sache Tatkraft aufzuwenden; sogar unter Preisgabe allen Besitzes ist von den Menschen das eigene Wohl zu vollbringen.

Wort für Wort
tasmāt saṃśayite api arthe
darum auch bei zweifelhafter Sache (Abl./Lok.)
kāryaḥ eva parākramaḥ
ist Tatkraft aufzuwenden (Gerundiv/Nom.)
sarvasvam api saṃtyajya
auch alles Eigentum aufgebend (Akk./Abs.)
kāryam ātmahitaṃ naraiḥ
ist das eigene Wohl zu wirken von den Männern (Gerundiv/Instr.Pl.)

vidyā śauryaṃ ca dākṣyaṃ ca balaṃ dhairyaṃ ca pañcamam; mitrāṇi sahajāny āhur vartayantīha yair budhāḥ

Wissen, Tapferkeit, Tüchtigkeit, Kraft und als fünftes Standhaftigkeit — diese nennen sie angeborene Freunde, mit denen die Weisen hier ihr Leben bestreiten.

Wort für Wort
vidyā śauryaṃ ca dākṣyaṃ ca
Wissen, Tapferkeit und Tüchtigkeit (Nom.Sg.)
balaṃ dhairyaṃ ca pañcamam
Kraft und Standhaftigkeit als fünftes (Nom./Nom.Sg.n.)
mitrāṇi sahajāni āhuḥ
angeborene Freunde nennen sie (Akk.Pl./Perf.3.Pl.)
vartayanti iha yaiḥ budhāḥ
bestreiten ihr Leben hier, mit denen die Weisen (3.Pl./Instr.Pl./Nom.Pl.)

niveśanaṃ ca kupyaṃ ca kṣetraṃ bhāryā suhṛjjanaḥ; etāny upacitāny āhuḥ sarvatra labhate pumān

Haus, Hausrat, Feld, Ehefrau und Freundeskreis — diese, sagt man, sind [als Erworbenes] angehäuft; überall erlangt sie der Mann.

Wort für Wort
niveśanaṃ ca kupyaṃ ca
Haus und Hausrat/Geräte (Nom.Sg.n.)
kṣetraṃ bhāryā suhṛjjanaḥ
Feld, Ehefrau, Freundeskreis (Nom.Sg.)
etāni upacitāni āhuḥ
diese als angehäuft nennen sie (Nom.Pl.n./Part./Perf.3.Pl.)
sarvatra labhate pumān
überall erlangt [sie] der Mann (Adv./3.Sg.Med./Nom.)

Zusammenhang (upacita = Angehäuftes; durch die fünf Kräfte?) nicht ganz klar.

sarvatra ramate prājñaḥ sarvatra ca virocate; na vibhīṣayate kaṃ cid bhīṣito na bibheti ca

Überall freut sich der Kluge und überall glänzt er; er ängstigt niemanden, und selbst geängstigt fürchtet er sich nicht.

Wort für Wort
sarvatra ramate prājñaḥ
überall freut sich der Kluge (Adv./3.Sg.Med./Nom.)
sarvatra ca virocate
und überall glänzt er (3.Sg.Med.)
na vibhīṣayate kaṃ cit
er ängstigt niemanden (3.Sg.Kaus./Akk.)
bhīṣitaḥ na bibheti ca
und geängstigt fürchtet er sich nicht (Part.Nom./3.Sg.Perf.-Präs.)

nityaṃ buddhimato hy arthaḥ svalpako 'pi vivardhate; dākṣyeṇa kurute karma saṃyamāt pratitiṣṭhati

Stets wächst dem Verständigen selbst ein sehr kleiner Besitz; durch Tüchtigkeit vollbringt er sein Werk, durch Selbstzügelung steht er fest.

Wort für Wort
nityaṃ buddhimataḥ hi arthaḥ
stets [wächst] dem Verständigen der Besitz (Adv./Gen./Nom.)
svalpakaḥ api vivardhate
auch ein sehr geringer wächst (Nom./3.Sg.Med.)
dākṣyeṇa kurute karma
durch Tüchtigkeit vollbringt er das Werk (Instr./3.Sg.Med./Akk.)
saṃyamāt pratitiṣṭhati
durch Selbstbeherrschung steht er fest (Abl./3.Sg.)

gṛhasnehāvabaddhānāṃ narāṇām alpamedhasām; kustrī khādati māṃsāni māghamā segavām iva

Bei den Menschen, die durch Liebe zum Haus gebunden und geringen Verstandes sind, frisst die schlechte Frau [das] Fleisch, wie ... [?]

Wort für Wort
gṛhasnehāvabaddhānām
die durch Hausliebe Gefesselten (Gen.Pl.)
narāṇām alpamedhasām
der Menschen geringen Verstandes (Gen.Pl.)
kustrī khādati māṃsāni
die schlechte Frau frisst Fleisch (Nom./3.Sg./Akk.Pl.)
māghamā segavām iva
wie ... [?] (verderbt)

Der Vergleich „māghamā segavām iva“ ist verderbt/unklar; nicht sicher deutbar.

gṛhaṃ kṣetrāṇi mitrāṇi svadeśa iti cāpare; ity evam avasīdanti narā buddhiviparyaye

„Haus, Felder, Freunde“, und andere [sagen] „die Heimat“ — so gehen Menschen zugrunde, wenn der Verstand verkehrt ist.

Wort für Wort
gṛhaṃ kṣetrāṇi mitrāṇi
Haus, Felder, Freunde (Nom.)
svadeśaḥ iti ca apare
„Heimatland“, und andere [sagen] so (Nom./Part./Nom.Pl.)
iti evam avasīdanti narāḥ
so gehen zugrunde die Menschen (3.Pl./Nom.Pl.)
buddhiviparyaye
bei Verkehrung des Verstandes (Lok.)

utpatet sarujād deśād vyādhidurbhikṣapīḍitāt; anyatra vastuṃ gacched vā vased vā nityamānitaḥ

Man soll einen Ort verlassen, der von Leiden, Krankheit und Hungersnot bedrängt ist; man soll anderswohin gehen, um zu wohnen, oder [dort] stets geehrt wohnen.

Wort für Wort
utpatet sarujāt deśāt
man breche auf von einem leidvollen Ort (Opt./Abl.)
vyādhidurbhikṣapīḍitāt
von Krankheit und Hungersnot bedrängt (Abl.)
anyatra vastuṃ gacchet vā
anderswohin gehe man, um zu wohnen, oder (Adv./Inf./Opt.)
vaset vā nityamānitaḥ
oder man wohne, stets geehrt (Opt./Part.Nom.)

tasmād anyatra yāsyāmi vastuṃ nāham ihotsahe; kṛtam etad anāhāryaṃ tava putreṇa pārthiva

Darum werde ich anderswohin gehen; ich mag hier nicht wohnen. Dies Unabwendbare ist von deinem Sohn getan worden, König.

Wort für Wort
tasmāt anyatra yāsyāmi
darum werde ich anderswohin gehen (Abl./Adv./Fut.1.Sg.)
vastuṃ na aham iha utsahe
zu wohnen mag ich hier nicht (Inf./1.Sg.Med.)
kṛtam etat anāhāryam
getan ist dies Unabwendbare (Part./Nom.Sg.n.)
tava putreṇa pārthiva
von deinem Sohn, König (Instr./Vok.)

kubhāryāṃ ca kuputraṃ ca kurājānaṃ kusauhṛdam; kusaṃbandhaṃ kudeśaṃ ca dūrataḥ parivarjayet

Eine schlechte Frau, einen schlechten Sohn, einen schlechten König, einen schlechten Freund, schlechte Verwandtschaft und ein schlechtes Land soll man aus der Ferne meiden.

Wort für Wort
kubhāryāṃ ca kuputraṃ ca
schlechte Frau und schlechten Sohn (Akk.)
kurājānaṃ kusauhṛdam
schlechten König, schlechten Freund (Akk.)
kusaṃbandhaṃ kudeśaṃ ca
schlechte Verwandtschaft und schlechtes Land (Akk.)
dūrataḥ parivarjayet
von fern meide man (Adv./Opt.)

kumitre nāsti viśvāsaḥ kubhāryāyāṃ kuto ratiḥ; kurājye nirvṛtir nāsti kudeśe na prajīvyate

Beim schlechten Freund gibt es kein Vertrauen, bei der schlechten Frau woher Freude? Unter schlechter Herrschaft gibt es keine Ruhe, im schlechten Land kann man nicht leben.

Wort für Wort
kumitre na asti viśvāsaḥ
beim schlechten Freund gibt es kein Vertrauen (Lok./3.Sg./Nom.)
kubhāryāyāṃ kutaḥ ratiḥ
bei schlechter Frau woher Freude (Lok./Interr./Nom.)
kurājye nirvṛtiḥ na asti
unter schlechter Herrschaft gibt es keine Ruhe (Lok./Nom.)
kudeśe na prajīvyate
im schlechten Land lebt man nicht [gut] (Lok./Pass. unpers.)

kumitre saṃgataṃ nāsti nityam asthirasauhṛde; avamānaḥ kusaṃbandhe bhavaty arthaviparyaye

Mit einem schlechten Freund, dessen Freundschaft stets unbeständig ist, gibt es keine [rechte] Verbindung; bei schlechter Verwandtschaft entsteht Geringschätzung, wenn der Nutzen sich verkehrt.

Wort für Wort
kumitre saṃgatam na asti
beim schlechten Freund gibt es keine Verbindung (Lok./Nom.Sg.n.)
nityam asthirasauhṛde
stets, bei unbeständiger Freundschaft (Adv./Lok.)
avamānaḥ kusaṃbandhe
Geringschätzung bei schlechter Verwandtschaft (Nom./Lok.)
bhavati arthaviparyaye
entsteht bei Verkehrung des Nutzens (3.Sg./Lok.)

sā bhāryā yā priyaṃ brūte sa putro yatra nirvṛtiḥ; tan mitraṃ yatra viśvāsaḥ sa deśo yatra jīvyate

Die ist eine Frau, die Liebes spricht; der ist ein Sohn, bei dem Zufriedenheit ist; das ist ein Freund, bei dem Vertrauen ist; das ist ein Land, wo man leben kann.

Wort für Wort
sā bhāryā yā priyaṃ brūte
die ist Frau, die Liebes spricht (Nom.f./3.Sg.)
saḥ putraḥ yatra nirvṛtiḥ
der ist Sohn, bei dem Zufriedenheit ist (Nom./Adv./Nom.)
tat mitraṃ yatra viśvāsaḥ
das ist Freund, wo Vertrauen ist (Nom.n./Nom.)
saḥ deśaḥ yatra jīvyate
das ist Land, wo man lebt (Nom./Pass. unpers.)

yatra nāsti balātkāraḥ sa rājā tīvraśāsanaḥ; na caiva hy abhisaṃbandho daridraṃ yo bubhūṣati

Wo es keine Gewalt gibt, [dort ist] ein König strenger Herrschaft [?]; und keineswegs gibt es eine [nähere] Verbindung mit dem, der arm werden will [?].

Wort für Wort
yatra na asti balātkāraḥ
wo es keine Gewalt gibt (Adv./Nom.)
saḥ rājā tīvraśāsanaḥ
der ist ein König strenger Herrschaft [?] (Nom.)
na ca eva hi abhisaṃbandhaḥ
und keineswegs ist eine Verbindung (Nom.)
daridraṃ yaḥ bubhūṣati
wer arm sein/werden will [?] (Akk./Nom./Des.3.Sg.)

Zweite Hälfte syntaktisch schwierig (daridram, bubhūṣati); Deutung unsicher.

bhāryā deśo 'tha mitrāṇi putrasaṃbandhibāndhavāḥ; etat sarvaṃ guṇavati dharmanetre mahīpatau

Frau, Land, Freunde, Sohn, Verschwägerte und Sippe — dies alles [gedeiht] bei einem tugendhaften Erdherrn, der den Dharma zum Führer hat.

Wort für Wort
bhāryā deśaḥ atha mitrāṇi
Frau, Land, dann Freunde (Nom.)
putrasaṃbandhibāndhavāḥ
Söhne, Verschwägerte und Sippe (Nom.Pl.)
etat sarvaṃ guṇavati
dies alles bei einem Tugendhaften (Nom.n./Lok.)
dharmanetre mahīpatau
bei dem den Dharma zum Führer habenden Erdherrn (Lok./Lok.)

Verb fehlt; sinngemäß „gedeiht/ist gesichert“.

adharmajñasya vilayaṃ prajā gacchanty anigrahāt; rājā mūlaṃ trivargasya apramatto 'nupālayan

Beim Dharma-Unkundigen gehen die Untertanen zugrunde, da ungezügelt; der König ist die Wurzel der Dreiheit [der Lebensziele], wenn er wachsam [sie] schützt.

Wort für Wort
adharmajñasya vilayam
bei einem, der den Dharma nicht kennt, Untergang (Gen./Akk.)
prajāḥ gacchanti anigrahāt
die Untertanen gehen, wegen fehlender Zügelung (Nom.Pl./3.Pl./Abl.)
rājā mūlaṃ trivargasya
der König ist die Wurzel der Dreiheit (Nom./Nom./Gen.)
apramattaḥ anupālayan
wachsam, schützend (Nom./Part.)

baliṣaḍbhāgam uddhṛtya baliṃ tam upayojayet; na rakṣati prajāḥ samyag yaḥ sa pārthivataskaraḥ

Nachdem er den sechsten Teil [des Ertrags] als Abgabe erhoben hat, soll er diese Abgabe [dem Zweck] zuführen; wer die Untertanen nicht recht schützt, der ist ein Dieb unter den Herrschern.

Wort für Wort
baliṣaḍbhāgam uddhṛtya
den sechsten Teil als Abgabe erhoben habend (Akk./Abs.)
baliṃ tam upayojayet
diese Abgabe verwende er [zweckgemäß] (Akk./Opt.)
na rakṣati prajāḥ samyak
nicht schützt er die Untertanen recht (3.Sg./Akk.Pl./Adv.)
yaḥ saḥ pārthivataskaraḥ
wer, der ist ein Königsdieb (Nom./Nom.)

dattvābhayaṃ yaḥ svayam eva rājā; na tat pramāṇaṃ kurute yathāvat; sa sarvalokād upalabhya pāpam; adharmabuddhir nirayaṃ prayāti

Der König, der selbst Schutz zugesagt hat, dies aber nicht gehörig verbindlich hält, der erlangt von der ganzen Welt Sünde und geht mit der Gesinnung des Unrechts in die Hölle.

Wort für Wort
dattvā abhayaṃ yaḥ svayam eva rājā
Schutz zugesagt habend, der König selbst (Abs./Akk./Nom.)
na tat pramāṇaṃ kurute yathāvat
dies nicht als maßgeblich behandelt, gehörig (3.Sg.Med.)
saḥ sarvalokāt upalabhya pāpam
der, von aller Welt Sünde erlangend (Abl./Abs./Akk.)
adharmabuddhiḥ nirayaṃ prayāti
unrechtgesinnt geht er in die Hölle (Nom./Akk./3.Sg.)

dattvābhayaṃ yaḥ sma rājā pramāṇaṃ kurute sadā; sa sarvasukhakṛj jñeyaḥ prajā dharmeṇa pālayan

Der König aber, der nach gegebener Schutzzusage diese stets verbindlich hält, ist als Bewirker aller Glückseligkeit anzusehen, da er die Untertanen gemäß dem Dharma schützt.

Wort für Wort
dattvā abhayaṃ yaḥ sma rājā
Schutz zugesagt habend, der König (Abs./Akk./Nom.)
pramāṇaṃ kurute sadā
als maßgeblich behandelt er stets (Akk./3.Sg.Med.)
saḥ sarvasukhakṛt jñeyaḥ
der ist als Glücksbewirker aller anzusehen (Nom./Gerundiv)
prajā dharmeṇa pālayan
die Untertanen gemäß dem Dharma schützend (Akk.Pl./Instr./Part.)

pitā mātā gurur goptā vahnir vaiśravaṇo yamaḥ; sapta rājño guṇān etān manur āha prajāpatiḥ

Vater, Mutter, Lehrer, Beschützer, Feuer, Vaiśravaṇa, Yama — diese sieben Eigenschaften des Königs hat Manu, der Prajāpati, genannt.

Wort für Wort
pitā mātā guruḥ goptā
Vater, Mutter, Lehrer, Beschützer (Nom.)
vahniḥ vaiśravaṇaḥ yamaḥ
Feuer, Vaiśravaṇa, Yama (Nom.)
sapta rājñaḥ guṇān etān
diese sieben Eigenschaften des Königs (Akk.Pl./Gen.)
manuḥ āha prajāpatiḥ
Manu sagte, der Prajāpati (Nom./Perf.3.Sg.)

pitā hi rājā rāṣṭrasya prajānāṃ yo 'nukampakaḥ; tasmin mithyāpraṇīte hi tiryag gacchati mānavaḥ

Denn der König ist der Vater des Reiches, der Mitleid mit den Untertanen hat; wird dieser verkehrt gelenkt, gerät der Mensch auf Abwege.

Wort für Wort
pitā hi rājā rāṣṭrasya
denn Vater ist der König des Reiches (Nom./Gen.)
prajānāṃ yaḥ anukampakaḥ
der, der Mitleid mit den Untertanen hat (Gen.Pl./Nom.)
tasmin mithyāpraṇīte hi
wenn dieser verkehrt gelenkt wird (Lok.abs.)
tiryak gacchati mānavaḥ
schräg/auf Abwege geht der Mensch (Adv./3.Sg./Nom.)

tiryak evtl. auch „geht in die Tierwelt“.

saṃbhāvayati māteva dīnam abhyavapadyate; dahaty agnir ivāniṣṭān yamayan bhavate yamaḥ

Wie eine Mutter hegt er [sie], nimmt sich des Elenden an; wie Feuer verbrennt er die Unliebsamen; als Zügler wird er zu Yama.

Wort für Wort
saṃbhāvayati mātā iva
er hegt wie eine Mutter (3.Sg./Nom.)
dīnam abhyavapadyate
des Elenden nimmt er sich an (Akk./3.Sg.Med.)
dahati agniḥ iva aniṣṭān
wie Feuer verbrennt er die Unerwünschten (3.Sg./Nom./Akk.Pl.)
yamayan bhavate yamaḥ
zügelnd wird er Yama (Part./3.Sg.Med./Nom.)

iṣṭeṣu visṛjaty arthān kubera iva kāmadaḥ; gurur dharmopadeśena goptā ca paripālanāt

Den Lieben spendet er Güter wie Kubera, der Wunschgewährer; er ist Lehrer durch Unterweisung im Dharma und Beschützer durch Bewahrung.

Wort für Wort
iṣṭeṣu visṛjati arthān
an die Lieben verteilt er Güter (Lok.Pl./3.Sg./Akk.Pl.)
kuberaḥ iva kāmadaḥ
wie Kubera, der Wünsche Gewährende (Nom./Nom.)
guruḥ dharmopadeśena
Lehrer durch Unterweisung im Dharma (Nom./Instr.)
goptā ca paripālanāt
und Beschützer durch Bewahrung (Nom./Abl.)

yas tu rañjayate rājā paurajānapadān guṇaiḥ; na tasya bhraśyate rājyaṃ guṇadharmānupālanāt

Der König aber, der Stadt- und Landbewohner durch Tugenden erfreut, dessen Herrschaft geht nicht verloren, weil er die Tugenden und Pflichten bewahrt.

Wort für Wort
yaḥ tu rañjayate rājā
der König aber, der erfreut (Nom./3.Sg.Kaus./Nom.)
paurajānapadān guṇaiḥ
Stadt- und Landbewohner durch Tugenden (Akk.Pl./Instr.Pl.)
na tasya bhraśyate rājyam
nicht geht dessen Herrschaft verloren (3.Sg.Med./Gen./Nom.)
guṇadharmānupālanāt
wegen Bewahrung von Tugenden und Pflichten (Abl.)

svayaṃ samupajānan hi paurajānapadakriyāḥ; sa sukhaṃ modate bhūpa iha loke paratra ca

Denn dieser Erdherr, der selbst die Angelegenheiten der Stadt- und Landbewohner genau kennt, freut sich glücklich in dieser und in der jenseitigen Welt.

Wort für Wort
svayaṃ samupajānan hi
selbst genau kennend (Adv./Part.)
paurajānapadakriyāḥ
die Angelegenheiten der Stadt- und Landbewohner (Akk.Pl.)
saḥ sukhaṃ modate bhūpaḥ
der freut sich glücklich, der Erdherr (Nom./Adv./3.Sg.Med./Nom.)
iha loke paratra ca
in dieser Welt und im Jenseits (Lok./Adv.)

nityodvignāḥ prajā yasya karabhāraprapīḍitāḥ; anarthair vipralupyante sa gacchati parābhavam

Der König, dessen Untertanen stets beunruhigt, von der Last der Steuern bedrückt und durch Unheil geplündert werden, gerät in den Untergang.

Wort für Wort
nityodvignāḥ prajāḥ yasya
stets beunruhigt die Untertanen, dessen (Nom.Pl./Gen.)
karabhāraprapīḍitāḥ
von der Steuerlast bedrückt (Nom.Pl.)
anarthaiḥ vipralupyante
durch Unheil werden sie geplündert (Instr.Pl./3.Pl.Pass.)
saḥ gacchati parābhavam
der gerät in Untergang (Nom./3.Sg./Akk.)

prajā yasya vivardhante sarasīva mahotpalam; sa sarvayajñaphalabhāg rājā loke mahīyate

Der König, dessen Untertanen gedeihen wie eine große Lotosblume im See, hat Anteil an der Frucht aller Opfer und wird in der Welt verehrt.

Wort für Wort
prajāḥ yasya vivardhante
dessen Untertanen gedeihen (Nom.Pl./Gen./3.Pl.Med.)
sarasi iva mahotpalam
wie im See eine große Lotosblume (Lok./Nom.)
saḥ sarvayajñaphalabhāk
der hat Anteil an der Frucht aller Opfer (Nom.)
rājā loke mahīyate
der König wird in der Welt verehrt (Nom./Lok./3.Sg.Pass.)

balinā vigraho rājan na kathaṃ cit praśasyate; balinā vigṛhītasya kuto rājyaṃ kutaḥ sukham

Streit mit einem Starken wird keineswegs gebilligt, König; woher [käme] Herrschaft, woher Glück für den, mit dem ein Starker Streit angefangen hat?

Wort für Wort
balinā vigrahaḥ rājan
mit einem Starken Streit, König (Instr./Nom./Vok.)
na katham cit praśasyate
wird keineswegs gebilligt (3.Sg.Pass.)
balinā vigṛhītasya
für den, mit dem ein Starker Streit hat (Instr./Part.Gen.)
kutaḥ rājyaṃ kutaḥ sukham
woher Herrschaft, woher Glück (Interr./Nom.)

bhīṣma uvāca; saivam uktvā śakunikā brahmadattaṃ narādhipam; rājānaṃ samanujñāpya jagāmāthepsitāṃ diśam

Bhīṣma sprach: Nachdem die Vogelfrau so gesprochen und vom König Brahmadatta, dem Herrscher der Menschen, Urlaub erhalten hatte, ging sie darauf in die gewünschte Himmelsrichtung.

Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
sā evam uktvā śakunikā
sie, so gesprochen habend, die Vogelfrau (Abs./Nom.)
brahmadattaṃ narādhipam rājānaṃ
Brahmadatta, den Herrscher der Menschen, den König (Akk.)
samanujñāpya jagāma atha
Urlaub erhalten habend, ging sie dann (Abs./Perf.3.Sg.)
īpsitāṃ diśam
in die gewünschte Himmelsrichtung (Akk.)

etat te brahmadattasya pūjanyā saha bhāṣitam; mayoktaṃ bharataśreṣṭha kim anyac chrotum icchasi

Dies ist das Gespräch Brahmadattas mit Pūjanī, das ich dir erzählt habe, Bester der Bharatas; was willst du sonst noch hören?

Wort für Wort
etat te brahmadattasya
dies [Gespräch] für dich, des Brahmadatta (Nom.n./Dat./Gen.)
pūjanyā saha bhāṣitam
mit Pūjanī gesprochen (Instr./Part.)
mayā uktaṃ bharataśreṣṭha
von mir gesagt, Bester der Bharatas (Instr./Part./Vok.)
kim anyat śrotum icchasi
was anderes zu hören wünschst du (Akk./Inf./2.Sg.)

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