Kapitel 130: āpaddharme vijñānabalena jīvanam
Der Lebensunterhalt in Notzeiten, Maßstäbe des Dharma und Verhalten der Guten
Yudhiṣṭhira fragt, wie ein Brahmane in verfallener Zeit leben soll; Bhīṣma antwortet mit dem Vorrang der Unterscheidungseinsicht, mahnt zu Nachsicht statt Schmähung und verweist auf die Guten als Maßstab des Dharma.
Yudhiṣṭhira sprach: „Wenn das höchste Dharma geschwunden ist, das von aller Welt übertreten wird [?], und wenn alles, was auf Erden den Lebensunterhalt bietet, den Räubern anheimgefallen ist –
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
hīne paramake dharme
als das höchste Dharma geschwunden war (Lok. abs.)
sarvalokātilaṅghini
das von aller Welt übertreten wird [?] (Kompositum, Lok.)
sarvasmin dasyusād bhūte
als alles den Räubern anheimgefallen war (Lok. abs.)
pṛthivyām upajīvane
was auf Erden den Lebensunterhalt betrifft (Lok.)
sarvalokātilaṅghin kann auch aktiv verstanden werden (alle Welten überschreitend); hier als Beschreibung des von allen missachteten Dharma gefasst.
Bhīṣma sprach: „Gestützt auf die Kraft der Unterscheidungseinsicht muss man leben, wenn es so weit gekommen ist. Dies alles ist nur für Gute bestimmt; für Schlechte nichts.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
vijñānabalam āsthāya
gestützt auf die Kraft der Unterscheidungseinsicht (Abs.)
jīvitavyaṃ tathāgate
es ist zu leben, wenn es so gekommen ist (Gerundiv, unpers. / Lok. abs.)
sarvaṃ sādhvartham eva idam
dies alles ist nur für Gute bestimmt (Nom. Sg. n.)
Mit heftigem Zorn [?], o König, ohne die Ordnung im Reich zu erschüttern, dürfte man auch Ungegebenes nehmen, [im Gedanken:] ‚Das Vermögen des Gebers ist mein.‘ [?]
Wort für Wort
suroṣeṇa ātmanaḥ rājan
mit heftigem Zorn [?] des eigenen, König (Instr./Gen./Vok.)
rājye sthitim akopayan
die Ordnung im Reich nicht erschütternd (Akk., Part. Präs. Kaus.)
adattam api ādadīta
auch Ungegebenes dürfte man nehmen (Part. Akk., Opt. Med.)
dātur vittaṃ mama iti vā
oder: ‚des Gebers Vermögen ist mein‘ (Gen., Nom.)
Der Vers ist syntaktisch und inhaltlich schwierig; die Wiedergabe von suroṣeṇa ātmanaḥ ist unsicher.
vijñānabalapūto yo vartate ninditeṣv api; vṛttavijñānavān dhīraḥ kas taṃ kiṃ vaktum arhati
Wer, durch die Kraft der Einsicht geläutert, auch unter Getadeltem wandelt, der Standhafte, der Kenner von Brauch und Einsicht – wer dürfte ihm etwas vorhalten?
Wort für Wort
vijñānabalapūto yo vartate
wer, durch die Kraft der Einsicht geläutert, verfährt (Nom., 3.Sg.Präs.)
ninditeṣv api
auch unter Getadeltem (Lok. Pl.)
vṛttavijñānavān dhīraḥ
der Kenner von Brauch und Einsicht, der Standhafte (Nom.)
yad eva prakṛtaṃ śāstram aviśeṣeṇa vindati; tad eva madhyāḥ sevante medhāvī cāpy athottaram
Was immer die vorliegende Lehre ohne Unterschied vorschreibt, das befolgen die Mittleren; der Kluge aber [befolgt] darüber hinaus das Weitere/Höhere [?].
Wort für Wort
yad eva prakṛtaṃ śāstram
welche vorliegende Lehre (Nom.)
aviśeṣeṇa vindati
ohne Unterschied findet/vorschreibt (Instr., 3.Sg.)
tad eva madhyāḥ sevante
eben das befolgen die Mittleren (Nom. Pl., 3.Pl.)
medhāvī ca api atha uttaram
der Kluge aber auch dann das Höhere [?] (Nom., Akk.)
athottaram unsicher: eventuell „danach das Folgende“.
ṛtvikpurohitācāryān satkṛtair abhipūjitān; na brāhmaṇān yātayeta doṣān prāpnoti yātayan
Opferpriester, Hauspriester und Lehrer, die durch Geehrte mit Ehrungen verehrt werden: Brahmanen soll man nicht quälen; wer quält, zieht sich Schuld zu.
Wort für Wort
ṛtvikpurohitācāryān
Opferpriester, Hauspriester, Lehrer (Akk. Pl.)
satkṛtair abhipūjitān
mit Ehrungen [von Geehrten] verehrt (Instr., Part. Akk.)
na brāhmaṇān yātayeta
Brahmanen soll man nicht quälen (Akk., Opt.)
doṣān prāpnoti yātayan
Schuld erlangt, wer quält (Akk. Pl., 3.Sg., Part.)
etat pramāṇaṃ lokasya cakṣur etat sanātanam; tat pramāṇo 'vagāheta tena tat sādhv asādhu vā
Dies ist der Maßstab der Welt, dies das ewige Auge; diesen als Maßstab nehmend soll man [die Dinge] ergründen, dadurch [erkennt man], ob jenes gut oder schlecht ist.
Wort für Wort
etat pramāṇaṃ lokasya
dies ist der Maßstab der Welt (Nom., Gen.)
cakṣur etat sanātanam
dies ist das ewige Auge (Nom.)
tat pramāṇo avagāheta
dies zum Maßstab habend soll man eintauchen/ergründen (Bahuvrīhi, Opt. Med.)
Wie zwei gleichgezogene, zähmbare, wohlgezähmte, gut ziehende Zugtiere die Deichsel [das Joch] aufnehmend ziehen, so soll ein König verfahren; und wie ihm, dem Ziehenden, Helfer beistehen mögen, so [sollen es] auch die anderen.
Wort für Wort
yathā samadhurau damyau
wie zwei gleich Angeschirrte, zähmbare (Nom. Du.)
sudāntau sādhuvāhinau
wohlgezähmte, gut ziehende (Nom. Du.)
dhuram udyamya vahatas
die Deichsel aufnehmend ziehen sie (Abs., 3.Du.)
tathā varteta vai nṛpaḥ
so soll der König verfahren (Opt.)
yathā yathā asya vahataḥ sahāyāḥ syus
je wie dem Ziehenden Helfer sein mögen (Gen., Nom., Opt.)
tathā apare
so die anderen (Nom. Pl.)
Der letzte Halbvers ist knapp und verdichtet; Ergänzung des Verbs unsicher.
ācāram eva manyante garīyo dharmalakṣaṇam; apare naivam icchanti ye śaṅkhalikhitapriyāḥ; mārdavād atha lobhād vā te brūyur vākyam īdṛśam
Das Verhalten halten manche für das gewichtigere Kennzeichen des Dharma; andere wollen es nicht so, die an Śaṅkha und Likhita Gefallen haben; aus Milde oder aus Gier mögen sie ein solches Wort sprechen [?].
Wort für Wort
ācāram eva manyante
das Verhalten halten sie (Akk., 3.Pl.)
garīyo dharmalakṣaṇam
für das gewichtigere Kennzeichen des Dharma (Komp. n.)
apare na evam icchanti
andere wollen es nicht so (3.Pl.)
ye śaṅkhalikhitapriyāḥ
die, die an Śaṅkha und Likhita Gefallen haben (Nom. Pl.)
ārṣam apy atra paśyanti vikarmasthasya yāpanam; na cārṣāt sadṛśaṃ kiṃ cit pramāṇaṃ vidyate kva cit
Auch das Zeugnis der Ṛṣis sehen sie hierin: den Lebensunterhalt für einen, der im Fehlverhalten steht; und nichts kommt dem Ṛṣi-Wort als Maßstab gleich, nirgends.
Wort für Wort
ārṣam api atra paśyanti
auch das von den Ṛṣis Stammende sehen sie hierin (Akk., 3.Pl.)
vikarmasthasya yāpanam
das Durchbringen des im Fehlverhalten Stehenden (Gen., Akk.)
sarvataḥ satkṛtaḥ sadbhir bhūtiprabhavakāraṇaiḥ; hṛdayenābhyanujñāto yo dharmas taṃ vyavasyati
Welches Dharma von allen Seiten von den Guten geehrt wird, die Ursachen von Gedeihen und Ursprung sind, und mit dem Herzen gebilligt ist, das bestimme man [als Dharma].
Wort für Wort
sarvataḥ satkṛtaḥ sadbhir
von allen Seiten geehrt von den Guten (Nom., Instr. Pl.)
bhūtiprabhavakāraṇaiḥ
die Ursachen von Gedeihen und Ursprung [sind] (Instr. Pl.)
hṛdayena abhyanujñāto
mit dem Herzen gebilligt (Instr., Part.)
yo dharmas taṃ vyavasyati
welches Dharma, das bestimmt man (Nom., Akk., 3.Sg.)
Der Bezug von bhūtiprabhavakāraṇaiḥ (auf sadbhiḥ) ist unsicher.
yaś caturguṇasaṃpannaṃ dharmaṃ veda sa dharmavit; aher iva hi dharmasya padaṃ duḥkhaṃ gaveṣitum
Wer das vierfach ausgestattete Dharma kennt, der ist ein Kenner des Dharma; denn wie die Spur einer Schlange ist die Spur des Dharma schwer aufzuspüren.
Wort für Wort
yaś caturguṇasaṃpannaṃ
wer das vierfach ausgestattete (Nom., Akk.)
dharmaṃ veda sa dharmavit
Dharma kennt, der ist Dharma-Kenner (Perf. 3.Sg., Nom.)