Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 300: pralayavarṇanam Die Auflösung der Welt durch Feuer, Wasser, Wind und die Rückkehr in den Unmanifesten

Yājñavalkya schildert die Weltauflösung (saṃhāra) am Ende eines Brahmā-Tages als stufenweises Verschlingen: Sonnenglut, Wasser, Feuer, Wind, Raum, Geist, Ahaṃkāra, das Große Selbst. Am Schluss kündigt er die Darlegung nach adhyātma, adhibhūta und adhidaiva an.

yājñavalkya uvāca; tattvānāṃ sargasaṃkhyā ca kālasaṃkhyā tathaiva ca; mayā proktānupūrvyeṇa saṃhāram api me śṛṇu

Yājñavalkya sprach: „Die Zahl der Entfaltungen der Prinzipien und ebenso die Zahl der Zeiten habe ich dir der Reihe nach dargelegt; höre nun auch von mir die Auflösung.“

Wort für Wort
yājñavalkya uvāca
Yājñavalkya sprach (Perf.)
tattvānāṃ sargasaṃkhyā ca
und die Zahl der Entfaltungen der Prinzipien (Gen.Pl./Nom.Sg.)
kālasaṃkhyā tathaiva ca
und ebenso die Zahl der Zeiten (Nom.Sg.)
mayā proktānupūrvyeṇa
von mir der Reihe nach dargelegt (Instr./Part.Pass./Instr.Sg.)
saṃhāram api me śṛṇu
auch die Auflösung höre von mir (Akk.Sg./Imp.2.Sg.)

yathā saṃharate jantūn sasarja ca punaḥ punaḥ; anādinidhano brahmā nityaś cākṣara eva ca

Wie er die Geschöpfe einzieht und wieder und wieder erschafft: Brahmā, ohne Anfang und Ende, ewig und unvergänglich.

Wort für Wort
yathā saṃharate jantūn
wie er die Wesen einzieht (3.Sg.Präs.Med./Akk.Pl.)
sasarja ca punaḥ punaḥ
und erschuf, wieder und wieder (3.Sg.Perf.)
anādinidhano brahmā
Brahmā, ohne Anfang und Ende (Kompositum/Nom.Sg.)
nityaś cākṣara eva ca
und ewig und unvergänglich (Nom.Sg.)

ahaḥkṣayam atho buddhvā niśi svapnamanās tathā; codayām āsa bhagavān avyakto 'haṃkṛtaṃ naram

Da er das Schwinden des Tages erkannt hat und nachts mit auf Schlaf gerichtetem Sinn ist, treibt der Erhabene, der Unmanifeste, den ichgemachten Menschen an.

Wort für Wort
ahaḥkṣayam atho buddhvā
das Schwinden des Tages, sodann erkannt habend (Akk.Sg./Abs.)
niśi svapnamanās tathā
in der Nacht, so auch mit schlafgeneigtem Sinn (Lok.Sg./Nom.Sg.)
codayām āsa bhagavān
trieb an, der Erhabene (Perf.periphr./Nom.Sg.)
avyakto 'haṃkṛtaṃ naram
der Unmanifeste, den ichgemachten Menschen (Nom.Sg./Akk.Sg.)

„ahaṃkṛtaṃ naram“: wörtlich der vom Ichbewusstsein (Ahaṃkāra) gebildete Puruṣa; Deutung unsicher [?].

tataḥ śatasahasrāṃśur avyaktenābhicoditaḥ; kṛtvā dvādaśadhātmānam ādityo jvaladagnivat

Darauf, vom Unmanifesten angetrieben, macht sich die Sonne mit ihren hunderttausend Strahlen zwölffach, gleich lodendem Feuer.

Wort für Wort
tataḥ śatasahasrāṃśur
darauf der Hunderttausendstrahlige (Nom.Sg.)
avyaktenābhicoditaḥ
vom Unmanifesten angetrieben (Instr./Part.Pass.)
kṛtvā dvādaśadhātmānam
sich zwölffach machend (Abs./Akk.Sg.)
ādityo jvaladagnivat
die Sonne, gleich lodendem Feuer (Nom.Sg./Adv.)

caturvidhaṃ prajājālaṃ nirdahaty āśu tejasā; jarāyvaṇḍasvedajātam udbhijjaṃ ca narādhipa

Das vierfache Geschöpfnetz verbrennt sie rasch mit ihrer Glut: das aus Mutterleib, Ei und Schweiß Geborene und das Aufsprossende, o Herrscher der Menschen.

Wort für Wort
caturvidhaṃ prajājālaṃ
das vierfache Geschöpfnetz (Akk.Sg.)
nirdahaty āśu tejasā
verbrennt sie rasch mit Glut (3.Sg.Präs./Instr.Sg.)
jarāyvaṇḍasvedajātam
aus Mutterleib, Ei, Schweiß Geborenes (Kompositum/Akk.Sg.)
udbhijjaṃ ca narādhipa
und Aufsprossendes, o Herrscher der Menschen (Akk.Sg./Vok.Sg.)

etad unmeṣamātreṇa viniṣṭaṃ sthāṇujaṅgamam; kūrmapṛṣṭhasamā bhūmir bhavaty atha samantataḥ

Dies ist im bloßen Augenaufschlag vernichtet, Unbewegliches und Bewegliches; die Erde wird dann ringsum einem Schildkrötenrücken gleich.

Wort für Wort
etad unmeṣamātreṇa
dies im bloßen Augenaufschlag (Nom.Sg.n./Instr.Sg.)
viniṣṭaṃ sthāṇujaṅgamam
vernichtet, Festes und Bewegliches (Part.Pass./Nom.Sg.n.)
kūrmapṛṣṭhasamā bhūmir
die Erde, dem Schildkrötenrücken gleich (Nom.Sg.f.)
bhavaty atha samantataḥ
wird dann ringsum (3.Sg.Präs./Adv.)

jagad dagdhvāmitabalaḥ kevalaṃ jagatīṃ tataḥ; ambhasā balinā kṣipram āpūryata samantataḥ

Nachdem er die Welt verbrannt hat, der von unermesslicher Kraft, wird dann die Erde allein rasch ringsum von mächtigem Wasser erfüllt.

Wort für Wort
jagad dagdhvāmitabalaḥ
die Welt verbrannt habend, von unermesslicher Kraft (Akk.Sg./Abs./Nom.Sg.)
kevalaṃ jagatīṃ tataḥ
allein die Erde, dann (Akk.Sg.f./Adv.)
ambhasā balinā kṣipram
mit mächtigem Wasser, rasch (Instr.Sg./Adv.)
āpūryata samantataḥ
wurde erfüllt, ringsum (3.Sg.Impf./Pass.)

tataḥ kālāgnim āsādya tad ambho yāti saṃkṣayam; vinaṣṭe 'mbhasi rājendra jājvalīty analo mahān

Dann erreicht das Wasser das Zeitfeuer und geht zugrunde; ist das Wasser vernichtet, o Herr der Könige, flammt das große Feuer auf.

Wort für Wort
tataḥ kālāgnim āsādya
dann das Zeitfeuer erreicht habend (Akk.Sg./Abs.)
tad ambho yāti saṃkṣayam
jenes Wasser geht in die Vernichtung (Nom.Sg./3.Sg.Präs./Akk.Sg.)
vinaṣṭe 'mbhasi rājendra
wenn das Wasser vernichtet ist, o Herr der Könige (Lok.abs./Vok.Sg.)
jājvalīty analo mahān
flammt auf, das große Feuer (3.Sg.Intens./Nom.Sg.)

tam aprameyo 'tibalaṃ jvalamānaṃ vibhāvasum; ūṣmāṇaṃ sarvabhūtānāṃ saptārciṣam athāñjasā

Ihn, das unermessliche, übermächtige, lodende Feuer, die Hitze aller Wesen, den Siebenflammigen, verschlingt dann mühelos der mächtige Wind.

Wort für Wort
tam aprameyo 'tibalaṃ
ihn, der Unermessliche, übermächtig (Akk.Sg./Nom.Sg./Akk.Sg.)
jvalamānaṃ vibhāvasum
lodend, das Feuer (Part.Präs./Akk.Sg.)
ūṣmāṇaṃ sarvabhūtānām
die Hitze aller Wesen (Akk.Sg./Gen.Pl.)
saptārciṣam athāñjasā
den Siebenflammigen, sodann mühelos (Akk.Sg./Adv.)

Satzkonstruktion über Vers 9–10: Objekt in 9, Verb in 10. Subjekt „aprameyaḥ“ in 9a als Attribut des Windes gefasst [?].

bhakṣayām āsa balavān vāyur aṣṭātmako balī; vicarann amitaprāṇas tiryag ūrdhvam adhas tathā

Verschlungen hat ihn der mächtige Wind, der achtgestaltige, starke, der sich mit unermesslichen Lebenshauchen quer, aufwärts und abwärts bewegt.

Wort für Wort
bhakṣayām āsa balavān
verschlang, der Mächtige (Perf.periphr./Nom.Sg.)
vāyur aṣṭātmako balī
der Wind, achtgestaltig, stark (Nom.Sg.)
vicarann amitaprāṇas
sich bewegend, von unermesslichen Lebenshauchen (Part.Präs./Nom.Sg.)
tiryag ūrdhvam adhas tathā
quer, aufwärts, abwärts ebenso (Adv.)

tam apratibalaṃ bhīmam ākāśaṃ grasate ''tmanā; ākāśam apy atinadan mano grasati cārikam

Ihn, den unvergleichlich Starken, Furchtbaren, verschlingt der Raum durch sich selbst; und den Raum, den laut Tönenden, verschlingt der umherziehende Geist.

Wort für Wort
tam apratibalaṃ bhīmam
ihn, den Unvergleichlichen, Furchtbaren (Akk.Sg.)
ākāśaṃ grasate 'tmanā
der Raum verschlingt durch sich selbst (Nom.Sg./3.Sg.Präs.Med./Instr.Sg.)
ākāśam apy atinadan
auch den Raum, laut tönend (Akk.Sg./Part.Präs.)
mano grasati cārikam
der Geist verschlingt, der umherziehende (Nom.Sg./3.Sg.Präs./Nom.Sg.)

mano grasati sarvātmā so 'haṃkāraḥ prajāpatiḥ; ahaṃkāraṃ mahān ātmā bhūtabhavyabhaviṣyavit

Den Geist verschlingt das Allselbst, jener Ahaṃkāra, der Herr der Geschöpfe; den Ahaṃkāra [verschlingt] das Große Selbst, das Vergangenes, Künftiges und Kommendes kennt.

Wort für Wort
mano grasati sarvātmā
den Geist verschlingt das Allselbst (Akk.Sg./3.Sg.Präs./Nom.Sg.)
so 'haṃkāraḥ prajāpatiḥ
jener Ahaṃkāra, Herr der Geschöpfe (Nom.Sg.)
ahaṃkāraṃ mahān ātmā
den Ahaṃkāra das Große Selbst (Akk.Sg./Nom.Sg.)
bhūtabhavyabhaviṣyavit
Vergangenes, Künftiges, Kommendes kennend (Kompositum/Nom.Sg.)

tam apy anupamātmānaṃ viśvaṃ śaṃbhuḥ prajāpatiḥ; aṇimā laghimā prāptir īśāno jyotir avyayaḥ

Auch ihn, das unvergleichliche Selbst, [verschlingt] das All, Śambhu, der Herr der Geschöpfe, [der] Aṇimā, Laghimā, Prāpti, der Herrscher, das unvergängliche Licht [ist].

Wort für Wort
tam apy anupamātmānaṃ
auch ihn, dessen Selbst unvergleichlich ist (Akk.Sg.)
viśvaṃ śaṃbhuḥ prajāpatiḥ
das All, Śambhu, Herr der Geschöpfe (Nom.Sg.)
aṇimā laghimā prāptir
Aṇimā, Laghimā, Prāpti (Nom.Sg.)
īśāno jyotir avyayaḥ
Herrscher, unvergängliches Licht (Nom.Sg.)

Verb ergänzt aus Vers 12 und 15 (anugrasati); Satzbau elliptisch.

sarvataḥpāṇipādāntaḥ sarvatokṣiśiromukhaḥ; sarvataḥśrutimāṃl loke sarvam āvṛtya tiṣṭhati

Überall im Innern mit Händen und Füßen, überall mit Augen, Köpfen und Mündern, überall hörend in der Welt, steht er da und umhüllt alles.

Wort für Wort
sarvataḥpāṇipādāntaḥ
überall Hände und Füße im Innern habend (Kompositum/Nom.Sg.)
sarvatokṣiśiromukhaḥ
überall Augen, Köpfe, Münder habend (Kompositum/Nom.Sg.)
sarvataḥśrutimāṃl loke
überall hörend, in der Welt (Nom.Sg./Lok.Sg.)
sarvam āvṛtya tiṣṭhati
alles umhüllend, steht er (Abs./3.Sg.Präs.)

hṛdayaṃ sarvabhūtānāṃ parvaṇo 'ṅguṣṭhamātrakaḥ; anugrasaty anantaṃ hi mahātmā viśvam īśvaraḥ

Das Herz aller Wesen, daumengroß am Gelenk [?]; er verschlingt das Unendliche, der Großselbstige, das All, der Herr.

Wort für Wort
hṛdayaṃ sarvabhūtānāṃ
das Herz aller Wesen (Nom.Sg./Gen.Pl.)
parvaṇo 'ṅguṣṭhamātrakaḥ
am Gelenk [?] daumengroß (Abl./Gen.Sg./Nom.Sg.)
anugrasaty anantaṃ hi
verschlingt nämlich das Unendliche (3.Sg.Präs./Akk.Sg.)
mahātmā viśvam īśvaraḥ
der Großselbstige, das All, der Herr (Nom.Sg.)

„parvaṇo 'ṅguṣṭhamātraḥ“: Text unsicher; wohl „am Gelenk (?) daumengroß“.

tataḥ samabhavat sarvam akṣayāvyayam avraṇam; bhūtabhavyamanuṣyāṇāṃ sraṣṭāram anaghaṃ tathā

Dann entstand alles, unvergänglich, unversehrt, und ebenso der makellose Schöpfer von Vergangenem, Künftigem und Menschen.

Wort für Wort
tataḥ samabhavat sarvam
dann entstand alles (Adv./3.Sg.Impf./Nom.Sg.n.)
akṣayāvyayam avraṇam
unvergänglich, unerschöpflich, unversehrt (Nom.Sg.n.)
bhūtabhavyamanuṣyāṇāṃ
von Vergangenem, Künftigem, Menschen (Gen.Pl.)
sraṣṭāram anaghaṃ tathā
den Schöpfer, makellos, ebenso (Akk.Sg.)

eṣo 'pyayas te rājendra yathāvat paribhāṣitaḥ; adhyātmam adhibhūtaṃ ca adhidaivaṃ ca śrūyatām

Dies ist dir, o Herr der Könige, sein Vergehen der Wahrheit gemäß dargelegt worden; nun werde das auf das Selbst, das auf die Wesen und das auf die Götter Bezogene gehört.

Wort für Wort
eṣo 'pyayas te rājendra
dies ist die Auflösung, dir, o Herr der Könige (Nom.Sg./Dat.Sg./Vok.Sg.)
yathāvat paribhāṣitaḥ
der Wahrheit gemäß dargelegt (Adv./Part.Pass.)
adhyātmam adhibhūtaṃ ca
das Selbstbezogene und das Wesenbezogene (Nom.Sg.n.)
adhidaivaṃ ca śrūyatām
und das Göttliche, es werde gehört (Nom.Sg.n./Imp.Pass.3.Sg.)

„apyayaḥ“ (Auflösung) statt „apiyaḥ“ gelesen.

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