Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 136: mārjāramūṣakasaṃvādaḥ Yudhiṣṭhiras Frage nach Rettung aus der Not und die Geschichte von Kater und Maus im Fangnetz

Yudhiṣṭhira fragt nach dem richtigen Verhalten eines Schwachen, der von vielen Feinden umringt ist. Bhīṣma antwortet mit der Fabel von der Maus Palita und dem Kater Lomaśa, die zeigt, wie man sich durch ein Zweckbündnis auch mit dem Feind rettet.

yudhiṣṭhira uvāca; sarvatra buddhiḥ kathitā śreṣṭhā te bharatarṣabha; anāgatā tathotpannā dīrghasūtrā vināśinī

Yudhiṣṭhira sprach: Überall, o Stier unter den Bhāratas, ist von dir die Einsicht als die beste bezeichnet worden: die [auf das] Künftige [gerichtete] und die [auf das] Eingetretene [gerichtete]; die zögerliche [Einsicht] aber ist verderblich.

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
sarvatra buddhiḥ kathitā śreṣṭhā te
überall ist die Einsicht als die beste bezeichnet von dir (Nom.Sg.f. Part.; Gen./Instr. te)
bharatarṣabha
o Stier der Bhāratas (Vok.)
anāgatā tathotpannā
die künftige und die eingetretene [Einsicht] (Nom.Sg.f.)
dīrghasūtrā vināśinī
die zögerliche, verderbenbringende (Nom.Sg.f.)

tad icchāmi parāṃ buddhiṃ śrotuṃ bharatasattama; yathā rājan na muhyeta śatrubhiḥ parivāritaḥ

Diese höchste Einsicht möchte ich hören, o Bester der Bharatas: wie, o König, man nicht verwirrt wird, wenn man von Feinden umringt ist.

Wort für Wort
tad icchāmi
das wünsche ich (1.Sg.Präs.)
parāṃ buddhiṃ śrotum
die höchste Einsicht zu hören (Akk.Sg.f.; Inf.)
bharatasattama
o Bester der Bharatas (Vok.)
yathā rājan na muhyeta
wie, o König, man nicht verwirrt werde (Vok.; Opt.Pass./Med.)
śatrubhiḥ parivāritaḥ
von Feinden umringt (Instr.Pl.; Part.Pass. Nom.)

dharmārthakuśala prājña sarvaśāstraviśārada; pṛcchāmi tvā kuruśreṣṭha tan me vyākhyātum arhasi

O du, der du in Recht und Nutzen bewandert, weise und in allen Lehrbüchern kundig bist, bester der Kurus: ich frage dich; das sollst du mir darlegen.

Wort für Wort
dharmārthakuśala prājña
o in Recht und Nutzen Geschickter, Weiser (Vok.)
sarvaśāstraviśārada
o in allen Lehrschriften Kundiger (Vok.)
pṛcchāmi tvā
ich frage dich (1.Sg.Präs.; Akk.)
kuruśreṣṭha
o Bester der Kurus (Vok.)
tan me vyākhyātum arhasi
das sollst du mir darlegen (Inf.; 2.Sg.Präs. arhasi)

śatrubhir bahubhir grasto yathā varteta pārthivaḥ; etad icchāmy ahaṃ śrotuṃ sarvam eva yathāvidhi

Wie ein König sich verhalten soll, der von vielen Feinden ergriffen ist: eben dies möchte ich vollständig und der Vorschrift gemäß hören.

Wort für Wort
śatrubhir bahubhir grasto
von vielen Feinden ergriffen (Instr.Pl.; Part.Pass.)
yathā varteta pārthivaḥ
wie sich der König verhalten soll (Opt.Med.; Nom.)
etad icchāmy ahaṃ śrotum
dies möchte ich hören (1.Sg.; Inf.)
sarvam eva yathāvidhi
alles ganz nach Vorschrift (Adv.)

viṣamasthaṃ hi rājānaṃ śatravaḥ paripanthinaḥ; bahavo 'py ekam uddhartuṃ yatante pūrvatāpitāḥ

Denn einen König in schwieriger Lage bedrängen die Feinde, die ihm auf dem Weg auflauern; auch viele bemühen sich, den Einen zu stürzen, [wenn sie] zuvor [von ihm] gequält worden sind.

Wort für Wort
viṣamasthaṃ hi rājānam
den in schwieriger Lage befindlichen König (Akk.Sg.)
śatravaḥ paripanthinaḥ
die Feinde als Wegelagerer/Widersacher (Nom.Pl.)
bahavo 'py ekam
auch viele [gegen] einen (Nom.Pl.; Akk.Sg.)
uddhartum yatante
suchen zu stürzen/auszurotten (Inf.; 3.Pl.Med.)
pūrvatāpitāḥ
zuvor Gequälte (Nom.Pl.; Part.Pass.)

uddhartum: „stürzen/ausrotten“; Lesart „zuvor von ihm gequält“ gewählt.

sarvataḥ prārthyamānena durbalena mahābalaiḥ; ekenaivāsahāyena śakyaṃ sthātuṃ kathaṃ bhavet

Wie kann ein Schwacher, der von allen Seiten von sehr Mächtigen bedrängt wird, allein und ohne Helfer standhalten?

Wort für Wort
sarvataḥ prārthyamānena
von allen Seiten bedrängt/umworben (Instr.Sg.; Part.Pass.)
durbalena mahābalaiḥ
von einem Schwachen [gegenüber] sehr Starken (Instr.Sg.; Instr.Pl.)
ekenaivāsahāyena
ganz allein, ohne Helfer (Instr.Sg.)
śakyaṃ sthātuṃ kathaṃ bhavet
wie wäre es möglich standzuhalten (Inf.; Opt.)

kathaṃ mitram ariṃ caiva vindeta bharatarṣabha; ceṣṭitavyaṃ kathaṃ cātra śatror mitrasya cāntare

Wie kann man Freund und Feind erkennen, o Stier der Bhāratas? Und wie ist hierbei zu handeln im Verhältnis zwischen dem Feind und dem Freund?

Wort für Wort
kathaṃ mitram ariṃ caiva
wie [erkennt man] Freund und Feind (Akk.Sg.)
vindeta
man finde/erkenne (Opt.Med.)
bharatarṣabha
o Stier der Bhāratas (Vok.)
ceṣṭitavyaṃ kathaṃ cātra
und wie ist hier zu handeln (Gerundiv, unpersönlich)
śatror mitrasya cāntare
im Verhältnis zwischen Feind und Freund (Gen.; Lok.)

prajñātalakṣaṇe rājann amitre mitratāṃ gate; kathaṃ nu puruṣaḥ kuryāt kiṃ vā kṛtvā sukhī bhavet

Wenn ein Feind, dessen Merkmale erkannt sind, zum Freund geworden ist, o König: wie soll dann der Mensch handeln, oder was hat er zu tun, um glücklich zu werden?

Wort für Wort
prajñātalakṣaṇe rājann
[bei einem] dessen Merkmale erkannt sind, o König (Lok. abs.; Vok.)
amitre mitratāṃ gate
wenn der Feind zur Freundschaft gelangt ist (Lok. abs.)
kathaṃ nu puruṣaḥ kuryāt
wie soll der Mensch handeln (Opt.)
kiṃ vā kṛtvā sukhī bhavet
oder was getan habend wird er glücklich sein (Abs.; Opt.)

vigrahaṃ kena vā kuryāt saṃdhiṃ vā kena yojayet; kathaṃ vā śatrumadhyastho vartetābalavān iti

Mit wem soll er Krieg führen, oder mit wem ein Bündnis schließen? Oder wie soll ein Schwacher sich verhalten, der inmitten von Feinden steht?

Wort für Wort
vigrahaṃ kena vā kuryāt
mit wem soll er Krieg führen (Instr.; Opt.)
saṃdhiṃ vā kena yojayet
oder mit wem ein Bündnis anknüpfen (Opt. Kaus.)
kathaṃ vā śatrumadhyastho
oder wie [einer], der inmitten der Feinde steht (Nom.)
vartetābalavān iti
soll sich verhalten der Kraftlose (Opt.; Nom.; iti schließt die Frage)

etad vai sarvakṛtyānāṃ paraṃ kṛtyaṃ paraṃtapa; naitasya kaś cid vaktāsti śrotā cāpi sudurlabhaḥ

Dies ist wahrlich die höchste aller Aufgaben, o Feindebezwinger; dafür gibt es niemanden, der es darlegen könnte, und auch ein Zuhörer ist sehr schwer zu finden.

Wort für Wort
etad vai sarvakṛtyānām
dies ist wahrlich von allen Aufgaben (Gen.Pl.)
paraṃ kṛtyaṃ paraṃtapa
die höchste Aufgabe, o Feindebezwinger (Nom.; Vok.)
naitasya kaś cid vaktāsti
es gibt keinen Sprecher dafür (Nom.Sg. Nomen agentis)
śrotā cāpi sudurlabhaḥ
und auch ein Hörer ist sehr schwer zu erlangen (Nom.)

ṛte śāṃtanavād bhīṣmāt satyasaṃdhāj jitendriyāt; tad anviṣya mahābāho sarvam etad vadasva me

Außer Bhīṣma, dem Śaṃtanu-Sohn, der der Wahrheit verpflichtet ist und die Sinne bezwungen hat: darum suche [ihn auf], o Starkarmiger, und sage mir all dies.

Wort für Wort
ṛte śāṃtanavād bhīṣmāt
außer Bhīṣma, dem Sohn Śaṃtanus (Abl.)
satyasaṃdhāj jitendriyāt
dem Wahrhaftigen, der die Sinne besiegt hat (Abl.)
tad anviṣya
daher/dieses nachforschend (Abs.)
mahābāho
o Starkarmiger (Vok.)
sarvam etad vadasva me
all dies sage mir (Imp.Med.)

Der Satz ist knapp; tad anviṣya evtl. „nach diesem forschend/danach suchend“, sinngemäß hier auf Bhīṣma bezogen.

bhīṣma uvāca; tvadyukto 'yam anupraśno yudhiṣṭhira guṇodayaḥ; śṛṇu me putra kārtsnyena guhyam āpatsu bhārata

Bhīṣma sprach: Diese Nachfrage ist deiner würdig, Yudhiṣṭhira, ein Aufstieg an Vorzügen. Höre von mir, mein Sohn, vollständig das Geheimnis für Notlagen, o Bhārata.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
tvadyukto 'yam anupraśno
diese Nachfrage ist dir angemessen (Nom.Sg.m.)
yudhiṣṭhira guṇodayaḥ
o Yudhiṣṭhira, ein Aufgang der Vorzüge (Vok.; Nom.)
śṛṇu me putra kārtsnyena
höre von mir, Sohn, vollständig (Imp.; Vok.; Instr. als Adv.)
guhyam āpatsu bhārata
das Geheime für Notfälle, o Bhārata (Nom./Akk.; Lok.Pl.; Vok.)

amitro mitratāṃ yāti mitraṃ cāpi praduṣyati; sāmarthyayogāt kāryāṇāṃ tadgatyā hi sadā gatiḥ

Ein Nichtfreund wird zum Freund, und auch ein Freund wird zum Feind, je nach dem Zusammenwirken der Fähigkeit bei den Aufgaben; denn der Gang [des Verhältnisses] folgt stets deren Gang.

Wort für Wort
amitro mitratāṃ yāti
ein Nichtfreund gelangt zur Freundschaft (3.Sg.Präs.)
mitraṃ cāpi praduṣyati
und auch ein Freund wird feindlich/verdorben (3.Sg.Präs.)
sāmarthyayogāt kāryāṇām
aus dem Zusammenwirken der Kräfte/Zwecke bei den Aufgaben (Abl.; Gen.Pl.)
tadgatyā hi sadā gatiḥ
denn durch deren Gang [folgt] stets der Gang (Instr.; Nom.)

Zweiter Halbvers knapp und mehrdeutig; sinngemäß: Beziehungen folgen dem Verlauf der Zwecke.

tasmād viśvasitavyaṃ ca vigrahaṃ ca samācaret; deśaṃ kālaṃ ca vijñāya kāryākāryaviniścaye

Darum soll man vertrauen und [auch] Krieg führen, nachdem man Ort und Zeit erkannt hat, bei der Entscheidung dessen, was zu tun und nicht zu tun ist.

Wort für Wort
tasmād viśvasitavyaṃ ca
darum ist zu vertrauen (Gerundiv, unpersönlich)
vigrahaṃ ca samācaret
und Krieg soll man führen (Opt.)
deśaṃ kālaṃ ca vijñāya
Ort und Zeit erkannt habend (Abs.)
kāryākāryaviniścaye
bei der Entscheidung über Zu-Tuendes und Nicht-zu-Tuendes (Lok.)

saṃdhātavyaṃ budhair nityaṃ vyavasyaṃ ca hitārthibhiḥ; amitrair api saṃdheyaṃ prāṇā rakṣyāś ca bhārata

Bündnisse sind von den Weisen stets zu schließen, und Entschlossenheit von den Nutzenwünschenden; sogar mit Feinden ist ein Bündnis zu schließen, und das Leben ist zu schützen, o Bhārata.

Wort für Wort
saṃdhātavyaṃ budhair nityam
zu verbünden von den Weisen stets (Gerundiv; Instr.Pl.)
vyavasyaṃ ca hitārthibhiḥ
und zu entschließen von Nutzenstrebenden (Gerundiv; Instr.Pl.)
amitrair api saṃdheyam
auch mit Feinden ist ein Bündnis zu schließen (Gerundiv)
prāṇā rakṣyāś ca bhārata
und die Lebenshauche sind zu schützen, o Bhārata (Nom.Pl.; Vok.)

vyavasyam: Bedeutung unsicher (Gerundiv von vi-ava-so „entscheiden/entschlossen sein“).

yo hy amitrair naro nityaṃ na saṃdadhyād apaṇḍitaḥ; na so 'rtham āpnuyāt kiṃ cit phalāny api ca bhārata

Wer als unweiser Mann nie mit Feinden ein Bündnis schließt, der erlangt keinen Nutzen und keinerlei Früchte, o Bhārata.

Wort für Wort
yo hy amitrair naro nityam
der Mann, der stets mit Feinden (Nom.; Instr.Pl.)
na saṃdadhyād apaṇḍitaḥ
kein Bündnis schließt, der Unweise (Opt.)
na so 'rtham āpnuyāt kiṃ cit
der erlangt keinerlei Nutzen (Opt.)
phalāny api ca bhārata
und auch keine Früchte, o Bhārata (Akk.Pl.; Vok.)

yas tv amitreṇa saṃdhatte mitreṇa ca virudhyate; arthayuktiṃ samālokya sumahad vindate phalam

Wer aber mit dem Feind ein Bündnis schließt und sich mit dem Freund entzweit, der erlangt, wenn er die Verbindung mit dem Nutzen bedenkt, sehr große Frucht.

Wort für Wort
yas tv amitreṇa saṃdhatte
wer aber mit dem Feind ein Bündnis schließt (3.Sg.Med.)
mitreṇa ca virudhyate
und mit dem Freund in Streit gerät (3.Sg.Pass./Med.)
arthayuktiṃ samālokya
die Verbindung mit dem Nutzen betrachtet habend (Abs.)
sumahad vindate phalam
sehr große Frucht erlangt (3.Sg.Med.)

atrāpy udāharantīmam itihāsaṃ purātanam; mārjārasya ca saṃvādaṃ nyagrodhe mūṣakasya ca

Hierzu führt man diese alte Geschichte an: das Gespräch eines Katers und einer Maus am Feigenbaum.

Wort für Wort
atrāpy udāharanti
auch hierzu führt man an (3.Pl.Präs.)
imam itihāsaṃ purātanam
diese alte Geschichte (Akk.Sg.)
mārjārasya ca saṃvādam
und das Gespräch des Katers (Gen.; Akk.)
nyagrodhe mūṣakasya ca
am Nyagrodha-Baum und der Maus (Lok.; Gen.)

nyagrodha: Banyan-/Feigenbaum (Ficus benghalensis).

vane mahati kasmiṃś cin nyagrodhaḥ sumahān abhūt; latājālaparicchanno nānādvijagaṇāyutaḥ

In irgendeinem großen Wald stand ein sehr großer Nyagrodha, von einem Geflecht aus Ranken bedeckt und von Scharen verschiedener Vögel bewohnt.

Wort für Wort
vane mahati kasmiṃś cin
in einem großen Wald, irgendeinem (Lok.)
nyagrodhaḥ sumahān abhūt
war ein sehr großer Nyagrodha (Aor.)
latājālaparicchannaḥ
von einem Rankengeflecht bedeckt (Nom.; Part.Pass.)
nānādvijagaṇāyutaḥ
mit Scharen verschiedener Vögel versehen (Nom.)

skandhavān meghasaṃkāśaḥ śītacchāyo manoramaḥ; vairantyam abhito jātas tarur vyālamṛgākulaḥ

Stammreich, einer Wolke gleich, mit kühlem Schatten, anmutig, war er rings bei Vairantya gewachsen, ein Baum, voll von Raubtieren.

Wort für Wort
skandhavān meghasaṃkāśaḥ
mit [mächtigem] Stamm, einer Wolke gleichend (Nom.)
śītacchāyo manoramaḥ
mit kühlem Schatten, herzerfreuend (Nom.)
vairantyam abhito jātaḥ
bei/um Vairantya gewachsen (Akk.; Part.Pass.)
tarur vyālamṛgākulaḥ
der Baum, von Raubtieren erfüllt (Nom.)

vairantya: vermutlich Ortsname [?]; abhitaḥ + Akk. „bei/um“.

tasya mūlaṃ samāśritya kṛtvā śatamukhaṃ bilam; vasati sma mahāprājñaḥ palito nāma mūṣakaḥ

An seiner Wurzel hatte eine sehr kluge Maus namens Palita Zuflucht genommen und einen Bau mit hundert Öffnungen gegraben und lebte dort.

Wort für Wort
tasya mūlaṃ samāśritya
an dessen Wurzel Zuflucht genommen habend (Abs.)
kṛtvā śatamukhaṃ bilam
einen Bau mit hundert Mündungen gemacht habend (Abs.)
vasati sma
wohnte (Präs. + sma = Vergangenheit)
mahāprājñaḥ palito nāma mūṣakaḥ
die sehr kluge Maus mit Namen Palita, „der Graue“ (Nom.)

śākhāś ca tasya saṃśritya vasati sma sukhaṃ puraḥ; lomaśo nāma mārjāraḥ pakṣisattvāvasādakaḥ

Und in seinen Ästen wohnte behaglich ein Kater namens Lomaśa, der Vögel und Tiere zugrunde richtete.

Wort für Wort
śākhāś ca tasya saṃśritya
und seine Äste bezogen habend (Akk.Pl.; Abs.)
vasati sma sukhaṃ puraḥ
wohnte behaglich, vorn/zuvor [?] (Adv.)
lomaśo nāma mārjāraḥ
der Kater namens Lomaśa, „der Haarige“ (Nom.)
pakṣisattvāvasādakaḥ
Vögel und Tiere vernichtend (Nom.)

puraḥ: Bedeutung im Kontext unklar.

tatra cāgatya caṇḍālo vairantyakṛtaketanaḥ; ayojayat tam unmāthaṃ nityam astaṃ gate ravau

Dorthin kam ein Caṇḍāla, der bei Vairantya seine Hütte errichtet hatte, und stellte dort täglich, wenn die Sonne untergegangen war, eine Falle auf.

Wort für Wort
tatra cāgatya caṇḍālaḥ
und dorthin gekommen, ein Caṇḍāla (Abs.; Nom.)
vairantyakṛtaketanaḥ
der bei Vairantya seine Behausung gemacht hatte (Nom.)
ayojayat tam unmātham
stellte diese Falle auf (Impf. Kaus.; Akk.)
nityam astaṃ gate ravau
stets, wenn die Sonne untergegangen war (Lok. abs.)

tatra snāyumayān pāśān yathāvat saṃnidhāya saḥ; gṛhaṃ gatvā sukhaṃ śete prabhātām eti śarvarīm

Dort legte er die Schlingen aus Sehnen ordnungsgemäß aus, ging nach Hause und schlief behaglich, bis die Nacht zum Morgen wurde.

Wort für Wort
tatra snāyumayān pāśān
dort Schlingen aus Sehnen (Akk.Pl.)
yathāvat saṃnidhāya saḥ
ordnungsgemäß hingelegt habend, er (Abs.)
gṛhaṃ gatvā sukhaṃ śete
nach Hause gegangen schläft er behaglich (Abs.; 3.Sg.Med.)
prabhātām eti śarvarīm
bis die Nacht zum Morgengrauen kommt (Akk.; 3.Sg.Präs.)

Zweiter Halbvers wörtlich: „er ... schläft, [bis] die Nacht das Morgengrauen erreicht“; prabhātām eti śarvarīm sinngemäß wiedergegeben.

tatra sma nityaṃ badhyante naktaṃ bahuvidhā mṛgāḥ; kadā cit tatra mārjāras tv apramatto 'py abadhyata

Dort verfingen sich allnächtlich Tiere vielerlei Art; eines Tages wurde dort auch der Kater gefangen, obwohl er achtsam war.

Wort für Wort
tatra sma nityaṃ badhyante
dort wurden stets gefangen (Präs. Pass. + sma)
naktaṃ bahuvidhā mṛgāḥ
nachts, vielerlei Tiere (Adv.; Nom.Pl.)
kadā cit tatra mārjāraḥ
einmal dort der Kater (Nom.)
tv apramatto 'py abadhyata
obwohl er achtsam war, wurde er gefangen (Impf.Pass.)

tasmin baddhe mahāprājñaḥ śatrau nityātatāyini; taṃ kālaṃ palito jñātvā vicacāra sunirbhayaḥ

Als jener, der ständig nachstellende Feind, gefangen war, erkannte die sehr kluge Maus Palita diesen Zeitpunkt und streifte völlig furchtlos umher.

Wort für Wort
tasmin baddhe mahāprājñaḥ
als der [Kater] gefangen war, der sehr Kluge (Lok. abs.; Nom.)
śatrau nityātatāyini
[dem] stets angreifenden Feind (Lok.)
taṃ kālaṃ palito jñātvā
diesen Zeitpunkt Palita erkannt habend (Akk.; Abs.)
vicacāra sunirbhayaḥ
streifte umher, ganz furchtlos (Perf.; Nom.)

tenānucaratā tasmin vane viśvastacāriṇā; bhakṣaṃ vicaramāṇena nacirād dṛṣṭam āmiṣam

Als er in diesem Wald, [auch] jenem folgend, vertrauensvoll umherging und nach Futter suchte, sah er bald darauf ein Stück Fleisch.

Wort für Wort
tenānucaratā tasmin vane
von ihm, der in diesem Wald herumstreifte (Instr.; Part.)
viśvastacāriṇā
vertrauensvoll wandelnd (Instr.)
bhakṣaṃ vicaramāṇena
nach Futter umherstreifend (Akk.; Instr.Part.)
nacirād dṛṣṭam āmiṣam
nicht lange danach wurde Fleisch gesehen (Abl.; Part.Pass.)

anucaratā ist unklar (evtl. „ohne Sorge herumziehend“); wörtlich steht „von ihm ... wurde gesehen“.

sa tam unmātham āruhya tad āmiṣam abhakṣayat; tasyopari sapatnasya baddhasya manasā hasan

Er stieg auf jene Falle und fraß jenes Fleisch; über seinem gefangenen Rivalen lachte er im Sinn.

Wort für Wort
sa tam unmātham āruhya
er stieg auf jene Falle (Abs.)
tad āmiṣam abhakṣayat
fraß jenes Fleisch (Impf.)
tasyopari sapatnasya baddhasya
über seinem gefesselten Rivalen (Gen.)
manasā hasan
im Sinn lachend (Instr.; Part.Präs.)

āmiṣe tu prasaktaḥ sa kadā cid avalokayan; apaśyad aparaṃ ghoram ātmanaḥ śatrum āgatam

Doch während er am Fleisch hing, erblickte er einmal beim Umschauen einen anderen furchtbaren Feind, der auf ihn zugekommen war.

Wort für Wort
āmiṣe tu prasaktaḥ sa
er aber, am Fleisch haftend (Lok.; Part.Pass.)
kadā cid avalokayan
einmal umherblickend (Part.Präs.)
apaśyad aparaṃ ghoram
erblickte einen anderen, furchtbaren (Impf.; Akk.)
ātmanaḥ śatrum āgatam
Feind seiner selbst, herangekommen (Gen.; Akk.; Part.Pass.)

śaraprasūnasaṃkāśaṃ mahīvivaraśāyinam; nakulaṃ harikaṃ nāma capalaṃ tāmralocanam

Einen Mungo namens Harika, der Schilfblüten ähnelte, in Erdlöchern schlief, flink war und kupferrote Augen hatte.

Wort für Wort
śaraprasūnasaṃkāśam
der Schilfblüte gleichend (Akk.)
mahīvivaraśāyinam
im Erdloch schlafend (Akk.)
nakulaṃ harikaṃ nāma
einen Mungo namens Harika (Akk.)
capalaṃ tāmralocanam
flink, kupferäugig (Akk.)

tena mūṣakagandhena tvaramāṇam upāgatam; bhakṣārthaṃ lelihad vaktraṃ bhūmāv ūrdhvamukhaṃ sthitam

Angezogen vom Mäusegeruch, eilte er herbei, um zu fressen; mit leckender Schnauze stand er auf dem Boden, das Gesicht nach oben gerichtet.

Wort für Wort
tena mūṣakagandhena
durch jenen Mäusegeruch (Instr.)
tvaramāṇam upāgatam
eilend herangekommen (Part.; Part.Pass.)
bhakṣārtham lelihad vaktram
zum Fressen, die Schnauze leckend (Part.Präs. Intens.)
bhūmāv ūrdhvamukhaṃ sthitam
auf dem Boden mit erhobenem Gesicht stehend (Lok.; Part.Pass.)

śākhāgatam ariṃ cānyad apaśyat koṭarālayam; ulūkaṃ candrakaṃ nāma tīkṣṇatuṇḍaṃ kṣapācaram

Und einen anderen Feind sah er auf einem Ast, in einer Baumhöhle hausend: eine Eule namens Candraka mit scharfem Schnabel, ein Nachtwandler.

Wort für Wort
śākhāgatam ariṃ cānyad
und einen anderen Feind, auf dem Ast befindlich (Akk.)
apaśyat koṭarālayam
er sah, in der Baumhöhle wohnend (Impf.; Akk.)
ulūkaṃ candrakaṃ nāma
eine Eule namens Candraka (Akk.)
tīkṣṇatuṇḍaṃ kṣapācaram
scharfschnäbelig, nachtstreifend (Akk.)

gatasya viṣayaṃ tasya nakulolūkayos tadā; athāsyāsīd iyaṃ cintā tat prāpya sumahad bhayam

Als er in den Bereich von Mungo und Eule geraten war, kam ihm da dieser Gedanke: „Dies zu erlangen [heißt] sehr große Gefahr.“

Wort für Wort
gatasya viṣayaṃ tasya
dessen, der in den Bereich gelangt war (Gen.; Akk.)
nakulolūkayos tadā
von Mungo und Eule damals (Gen.Du.)
athāsyāsīd iyaṃ cintā
da kam ihm dieser Gedanke (Impf. „war“)
tat prāpya sumahad bhayam
dies erlangt habend, eine sehr große Gefahr (Abs.)

Zweiter Halbvers syntaktisch knapp; tat prāpya sumahad bhayam sinngemäß.

āpady asyāṃ sukaṣṭāyāṃ maraṇe samupasthite; samantād bhaya utpanne kathaṃ kāryaṃ hitaiṣiṇā

In dieser überaus schlimmen Notlage, da der Tod nahe ist und ringsum Gefahr entstanden ist: wie muss einer, der sein Wohl will, handeln?

Wort für Wort
āpady asyāṃ sukaṣṭāyām
in dieser sehr schlimmen Notlage (Lok.)
maraṇe samupasthite
da der Tod bevorsteht (Lok. abs.)
samantād bhaya utpanne
da ringsum Gefahr entstanden ist (Lok. abs.)
kathaṃ kāryaṃ hitaiṣiṇā
wie ist zu handeln von dem, der das Gute wünscht (Gerundiv; Instr.)

sa tathā sarvato ruddhaḥ sarvatra samadarśanaḥ; abhavad bhayasaṃtaptaś cakre cemāṃ parāṃ gatim

So von allen Seiten eingeschlossen und überall [Gefahr] gleichermaßen sehend, war er von Furcht gequält und fasste diesen höchsten Ausweg.

Wort für Wort
sa tathā sarvato ruddhaḥ
er, so von allen Seiten bedrängt (Part.Pass.)
sarvatra samadarśanaḥ
überall [Gefahr] gleich erblickend [?] (Nom.)
abhavad bhayasaṃtaptaḥ
wurde furchtgequält (Impf.; Nom.)
cakre cemāṃ parāṃ gatim
und fasste diesen höchsten Ausweg/Entschluss (Perf.Med.; Akk.)

samadarśana: Bedeutung im Kontext unsicher.

āpad vināśabhūyiṣṭhā śataikīyaṃ ca jīvitam; samantasaṃśayā ceyam asmān āpad upasthitā

Not führt größtenteils zum Untergang, und das Leben hat [nur] eine Chance unter hundert; diese Not ist uns allseits zweifelhaft eingetreten.

Wort für Wort
āpad vināśabhūyiṣṭhā
Not, überwiegend aus Untergang bestehend (Nom.)
śataikīyaṃ ca jīvitam
und das Leben [ist] eines von hundert [?] (Nom.)
samantasaṃśayā ceyam
und diese ist ringsum zweifelhaft (Nom.)
asmān āpad upasthitā
uns ist die Not eingetreten (Akk.; Nom.; Part.Pass.)

śataikīya unsicher; hier als „eins unter hundert“ gedeutet.

gataṃ hi sahasā bhūmiṃ nakulo māṃ samāpnuyāt

Wenn ich nämlich plötzlich zu Boden ginge, würde der Mungo mich erreichen.

Wort für Wort
gataṃ hi sahasā bhūmim
wenn [ich] plötzlich zu Boden gegangen bin (Part.Pass. Akk.)
nakulo māṃ samāpnuyāt
würde der Mungo mich erreichen (Opt.)

gatam ist nicht sicher als Bezug auf „ich“ zu lesen; Konstruktion knapp.

ulūke mūrdhni saṃnaddhe bhujagārāv avāksthite; mārjāre pāśasaṃbaddhe kiṃ kartavyaṃ mayā bhavet; kaccid rājaguṇaiḥ ṣaḍbhiḥ saptopāyās tathānagha

Wenn die Eule oben gerüstet ist und der Schlangenfeind unten steht, während der Kater in der Schlinge gefesselt ist: was soll ich tun? Ob mit den sechs Königseigenschaften, den sieben Mitteln, o Makelloser?

Wort für Wort
ulūke mūrdhni saṃnaddhe
wenn die Eule oben gerüstet ist (Lok. abs.)
bhujagārāv avāksthite
wenn der Schlangenfeind unten steht (Lok. abs.)
mārjāre pāśasaṃbaddhe
wenn der Kater in die Schlinge gebunden ist (Lok. abs.)
kiṃ kartavyaṃ mayā bhavet
was wäre von mir zu tun (Gerundiv; Opt.)
kaccid rājaguṇaiḥ ṣaḍbhiḥ saptopāyās tathānagha
ob mit den sechs Königsgunstaten [und] den sieben Mitteln, o Makelloser [?] (Instr.Pl.; Vok.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text im letzten Pāda stark verderbt, Wiedergabe unsicher.

ulūkaś ceha tiṣṭhantaṃ mārjāraḥ pāśasaṃkṣayāt

Und die Eule hier [wird] mich, der ich [da] stehe, [erreichen], der Kater [aber], wenn die Schlinge zerstört ist.

Wort für Wort
ulūkaś ceha
und die Eule hier (Nom.)
tiṣṭhantaṃ
[mich] stehend (Akk.Part.Präs.)
mārjāraḥ pāśasaṃkṣayāt
der Kater, durch Zerstörung der Schlinge (Nom.; Abl.)

Vers unvollständig/elliptisch; Verb fehlt, Ergänzung unsicher.

na tv evāsmadvidhaḥ prājñaḥ saṃmohaṃ gantum arhati; kariṣye jīvite yatnaṃ yāvad ucchvāsanigraham

Doch ein Weiser wie ich darf nicht in Verwirrung geraten. Ich werde mich um das Leben bemühen, solange ich den Atem anhalten kann.

Wort für Wort
na tv evāsmadvidhaḥ prājñaḥ
aber ein Weiser meiner Art nicht (Nom.)
saṃmohaṃ gantum arhati
darf in Verwirrung geraten (Inf.; 3.Sg.)
kariṣye jīvite yatnam
ich werde mich um das Leben bemühen (Fut.Med.; Lok.; Akk.)
yāvad ucchvāsanigraham
solange bis zum Anhalten des Atems (Akk.)

yāvad ucchvāsanigraham: wörtlich „bis zur Hemmung des Atems“, d. h. bis zum Tod.

na hi buddhyānvitāḥ prājñā nītiśāstraviśāradāḥ; saṃbhramanty āpadaṃ prāpya mahato 'rthān avāpya ca

Denn mit Verstand begabte Weise, die in den Lehren der Klugheit bewandert sind, geraten in der Not nicht ins Wanken, auch wenn sie große Vorteile erlangt haben.

Wort für Wort
na hi buddhyānvitāḥ prājñā
denn Verständige, Weise, mit Verstand versehen (Nom.Pl.)
nītiśāstraviśāradāḥ
in den Lehrbüchern der Politik bewandert (Nom.Pl.)
saṃbhramanty āpadaṃ prāpya
geraten in Verwirrung, Not erlangt habend (3.Pl.; Abs.)
mahato 'rthān avāpya ca
und große Güter/Zwecke erlangt habend (Akk.Pl.; Abs.)

Zweiter Halbvers: „mahato 'rthān avāpya ca“ Bedeutung nicht ganz sicher; hier „auch in Erfolg“.

na tv anyām iha mārjārād gatiṃ paśyāmi sāṃpratam; viṣamastho hy ayaṃ jantuḥ kṛtyaṃ cāsya mahan mayā

Ich sehe jetzt hier keinen anderen Ausweg als den Kater. Denn dieses Geschöpf ist in schwieriger Lage, und ich habe eine große Aufgabe an ihm.

Wort für Wort
na tv anyām iha mārjārād
keinen anderen hier außer dem Kater (Akk.; Abl.)
gatiṃ paśyāmi sāṃpratam
Ausweg sehe ich jetzt (1.Sg.Präs.; Adv.)
viṣamastho hy ayaṃ jantuḥ
denn dieses Geschöpf ist in schwieriger Lage (Nom.)
kṛtyaṃ cāsya mahan mayā
und für ihn [ist] von mir eine große Aufgabe [zu tun] (Nom.; Instr.)

kṛtyaṃ cāsya mahan mayā: elliptisch, sinngemäß ergänzt.

jīvitārthī kathaṃ tv adya prārthitaḥ śatrubhis tribhiḥ; tasmād imam ahaṃ śatruṃ mārjāraṃ saṃśrayāmi vai

Wie soll ich, der ich das Leben erstrebe, heute von drei Feinden Bedrohter überleben? Darum nehme ich bei diesem Feind, dem Kater, Zuflucht.

Wort für Wort
jīvitārthī kathaṃ tv adya
ich, um das Leben besorgt, wie aber heute (Nom.)
prārthitaḥ śatrubhis tribhiḥ
von drei Feinden bedrängt (Part.Pass.; Instr.Pl.)
tasmād imam ahaṃ śatruṃ
darum diesen Feind ich (Akk.)
mārjāraṃ saṃśrayāmi vai
den Kater suche ich auf (1.Sg.Präs.)

kṣatravidyāṃ samāśritya hitam asyopadhāraye; yenemaṃ śatrusaṃghātaṃ matipūrveṇa vañcaye

Gestützt auf die Kunst der Herrschaft erwäge ich, was ihm nützt, wodurch ich diese Feindesschar mit Bedacht täuschen kann.

Wort für Wort
kṣatravidyāṃ samāśritya
auf die Herrscherkunde gestützt (Akk.; Abs.)
hitam asyopadhāraye
erwäge ich sein Wohl (Akk.; 1.Sg.Kaus.)
yenemaṃ śatrusaṃghātam
wodurch diese Feindesschar (Akk.)
matipūrveṇa vañcaye
mit vorbedachtem Sinn täusche ich (Instr.; 1.Sg. Kaus.)

ayam atyantaśatrur me vaiṣamyaṃ paramaṃ gataḥ; mūḍho grāhayituṃ svārthaṃ saṃgatyā yadi śakyate

Dieser, mein Erzfeind, ist in höchste Bedrängnis geraten; wenn es möglich ist, den Verwirrten durch ein Bündnis dazu zu bringen, [meinen] eigenen Vorteil anzunehmen [?].

Wort für Wort
ayam atyantaśatrur me
dieser, mein Todfeind (Nom.)
vaiṣamyaṃ paramaṃ gataḥ
in höchste Bedrängnis geraten (Akk.; Part.Pass.)
mūḍho grāhayituṃ svārthaṃ
der Verwirrte, [ihm] den eigenen Zweck begreiflich zu machen (Nom.; Inf. Kaus.)
saṃgatyā yadi śakyate
durch ein Bündnis, wenn es möglich ist (Instr.; 3.Sg.Pass.)

Syntax des Verses knapp und mehrdeutig; grāhayitum svārtham: Bezug (eigener/sein Vorteil) unsicher.

kadā cid vyasanaṃ prāpya saṃdhiṃ kuryān mayā saha; balinā saṃniviṣṭasya śatror api parigrahaḥ; kārya ity āhur ācāryā viṣame jīvitārthinā

Vielleicht schließt er, ins Unglück geraten, mit mir Frieden. Auch die Aufnahme eines Feindes, der bei einem Starken Zuflucht gesucht hat [?], ist zu tun, sagen die Lehrer, in Not von dem, der sein Leben retten will.

Wort für Wort
kadā cid vyasanaṃ prāpya
vielleicht, ins Unglück geraten (Abs.)
saṃdhiṃ kuryān mayā saha
möge er mit mir Frieden schließen (Opt.)
balinā saṃniviṣṭasya śatror api parigrahaḥ
die Aufnahme auch eines von einem Starken [bedrängten/aufgenommenen] Feindes (Instr.; Gen.; Nom.)
kārya ity āhur ācāryā
zu tun, so sagen die Lehrer (Gerundiv; 3.Pl.Perf.)
viṣame jīvitārthinā
in Notlage vom Lebenswilligen (Lok.; Instr.)

balinā saṃniviṣṭasya: Konstruktion unsicher (ob „von einem Stärkeren bedrängt“ oder „bei einem Starken untergekommen“).

śreyān hi paṇḍitaḥ śatrur na ca mitram apaṇḍitam; mama hy amitre mārjāre jīvitaṃ saṃpratiṣṭhitam

Ein kluger Feind ist besser als ein törichter Freund; denn in dem Kater, meinem Feind, ist mein Leben gegründet.

Wort für Wort
śreyān hi paṇḍitaḥ śatruḥ
besser ist ja ein kluger Feind (Nom.Sg.)
na ca mitram apaṇḍitam
nicht aber ein törichter Freund (Akk.Sg. n.)
mama hy amitre mārjāre
denn für mich, in dem Feind, dem Kater (Gen./Lok.Sg.)
jīvitaṃ saṃpratiṣṭhitam
[mein] Leben ist gegründet (Nom.Sg.n., Part.Pass.)

hantainaṃ saṃpravakṣyāmi hetum ātmābhirakṣaṇe; apīdānīm ayaṃ śatruḥ saṃgatyā paṇḍito bhavet

Wohlan, ich will dir den Grund für den Schutz meiner selbst darlegen: Vielleicht könnte dieser Feind durch das Zusammensein klug [zu mir gesinnt] werden.

Wort für Wort
hanta enaṃ saṃpravakṣyāmi
wohlan, ich will ihn darlegen (1.Sg.Fut.)
hetum ātmābhirakṣaṇe
den Grund beim Schutz seiner selbst (Akk./Lok.Sg.)
api idānīm ayaṃ śatruḥ
vielleicht jetzt dieser Feind (Nom.Sg.)
saṃgatyā paṇḍito bhavet
durch Zusammenkunft klug werden könnte (Instr.Sg./3.Sg.Opt.)

Lesart von apīdānīm und saṃgatyā unsicher; sinngemäß gedeutet.

evaṃ vicintayām āsa mūṣakaḥ śatruceṣṭitam

So überlegte die Maus das Verhalten des Feindes.

Wort für Wort
evaṃ vicintayām āsa
so überlegte (Perf.periphr.)
mūṣakaḥ
die Maus (Nom.Sg.)
śatruceṣṭitam
das Tun des Feindes (Akk.Sg.n., Kompositum)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

tato 'rthagatitattvajñaḥ saṃdhivigrahakālavit; sāntvapūrvam idaṃ vākyaṃ mārjāraṃ mūṣako 'bravīt

Dann sprach die Maus, die das Wesen des Vorteils und der Wege kannte und Frieden, Krieg und die rechte Zeit verstand, zum Kater diese Worte, zunächst besänftigend.

Wort für Wort
tato 'rthagatitattvajñaḥ
dann, der Wesen von Nutzen und Weg Kennende (Nom.Sg.)
saṃdhivigrahakālavit
Frieden, Krieg und rechte Zeit Kennender (Nom.Sg.)
sāntvapūrvam idaṃ vākyam
zuerst mit Besänftigung diese Rede (Akk.Sg.)
mārjāraṃ mūṣako 'bravīt
zum Kater sprach die Maus (Akk./Nom./Impf.)

sauhṛdenābhibhāṣe tvā kaccin mārjāra jīvasi; jīvitaṃ hi tavecchāmi śreyaḥ sādhāraṇaṃ hi nau

„Ich rede dich freundschaftlich an: Lebst du noch, Kater? Ich wünsche ja dein Leben; denn das Heil ist uns beiden gemeinsam.

Wort für Wort
sauhṛdena abhibhāṣe tvā
mit Freundschaft rede ich dich an (Instr.Sg./1.Sg.Med./Akk.)
kaccin mārjāra jīvasi
lebst du wohl, Kater? (Vok./2.Sg.Präs.)
jīvitaṃ hi tava icchāmi
denn dein Leben wünsche ich (1.Sg.Präs.)
śreyaḥ sādhāraṇaṃ hi nau
denn das Heil ist gemeinsam für uns beide (Nom.Sg.n./Gen.Du.)

na te saumya viṣattavyaṃ jīviṣyasi yathā purā; ahaṃ tvām uddhariṣyāmi prāṇāñ jahyāṃ hi te kṛte

Du brauchst nicht zu verzagen, Milder; du wirst leben wie zuvor. Ich werde dich herausholen; ich würde ja um deinetwillen mein Leben hingeben.“

Wort für Wort
na te saumya viṣattavyam
nicht ist von dir zu verzagen, Sanfter (Gerundiv/Vok.)
jīviṣyasi yathā purā
du wirst leben wie früher (2.Sg.Fut.)
aham tvām uddhariṣyāmi
ich werde dich herausziehen (1.Sg.Fut.)
prāṇāñ jahyāṃ hi te kṛte
meine Lebenshauche gäbe ich um deinetwillen auf (Akk.Pl./1.Sg.Opt.)

jahyām: Opt. von hā, „aufgeben“.

asti kaś cid upāyo 'tra puṣkalaḥ pratibhāti mām; yena śakyas tvayā mokṣaḥ prāptuṃ śreyo yathā mayā

„Es gibt hier ein reichliches Mittel, das mir einleuchtet, wodurch du die Befreiung erlangen kannst, ebenso wie es für mich das Heil ist.

Wort für Wort
asti kaś cid upāyaḥ atra
es gibt hier irgendein Mittel (3.Sg.Präs./Nom.)
puṣkalaḥ pratibhāti mām
reichlich, es leuchtet mir ein (Nom./3.Sg.Präs./Akk.)
yena śakyaḥ tvayā mokṣaḥ prāptum
wodurch von dir die Befreiung zu erlangen möglich ist (Instr./Nom./Inf.)
śreyo yathā mayā
wie das Heil von mir (Nom./Instr.)

Text und Konstruktion des zweiten Pādas eng; sinngemäß wiedergegeben.

mayā hy upāyo dṛṣṭo 'yaṃ vicārya matim ātmanaḥ; ātmārthaṃ ca tvadarthaṃ ca śreyaḥ sādhāraṇaṃ hi nau

Denn von mir ist dieses Mittel gesehen worden, nachdem ich meinen Verstand geprüft hatte; es dient meinem und deinem Zweck, denn das Heil ist uns beiden gemeinsam.

Wort für Wort
mayā hy upāyo dṛṣṭo 'yam
von mir ist dieses Mittel gesehen (Instr./Nom.Sg./Part.Pass.)
vicārya matim ātmanaḥ
nachdem ich den eigenen Verstand erwogen (Abs./Akk.Sg./Gen.)
ātmārthaṃ ca tvadarthaṃ ca
zu eigenem und zu deinem Zweck (Adv.)
śreyaḥ sādhāraṇaṃ hi nau
denn das Heil ist uns beiden gemeinsam (Nom.Sg.n.)

idaṃ hi nakulolūkaṃ pāpabuddhy abhitaḥ sthitam; na dharṣayati mārjāra tena me svasti sāṃpratam

Dieses Paar, Ichneumon und Eule, sitzt mit bösem Sinn ringsum; es wagt sich nicht an dich heran, Kater; deshalb ist mir jetzt wohl.

Wort für Wort
idaṃ hi nakulolūkam
dieses Paar, Ichneumon und Eule (Nom.Sg.n., Dvandva)
pāpabuddhy abhitaḥ sthitam
mit böser Absicht ringsum verharrend (Instr./Adv./Part.Pass.)
na dharṣayati mārjāra
es greift nicht an, Kater (3.Sg.Präs./Vok.)
tena me svasti sāṃpratam
darum ist mir jetzt Wohlergehen (Instr./Dat.-Gen./Nom./Adv.)

nakulolūkam: Neutr.-Singular als Dvandva-Sammelbegriff; dharṣayati mit Singular-Kongruenz; sinngemäß.

kūjaṃś capalanetro 'yaṃ kauśiko māṃ nirīkṣate; nagaśākhāgrahas tiṣṭhaṃs tasyāhaṃ bhṛśam udvije

Dieser Kauśika [Eule] mit den rastlosen Augen blickt mich unter Krächzen an; auf dem Ast des Baumes sitzend, fürchte ich mich sehr vor ihm.

Wort für Wort
kūjan capalanetro 'yam
krächzend, mit unruhigen Augen, dieser (Part.Präs./Nom.Sg.)
kauśiko mām nirīkṣate
die Eule blickt mich an (Nom./Akk./3.Sg.Med.)
nagaśākhāgrahas tiṣṭhan
auf dem Baumast Halt findend und verharrend (Nom./Part.Präs.)
tasya ahaṃ bhṛśam udvije
vor ihm bin ich sehr erschrocken (Gen./1.Sg.Präs./Adv.)

nagaśākhāgrahaḥ: Lesung unsicher; „auf dem Ast Halt habend“ gewählt.

satāṃ sāptapadaṃ sakhyaṃ savāso me 'si paṇḍitaḥ; sāṃvāsyakaṃ kariṣyāmi nāsti te mṛtyuto bhayam

Bündnis der Guten wird mit dem siebten Schritt geschlossen; du bist mein Mitbewohner, du Kluger; ich will die Gemeinschaft des Zusammenlebens pflegen, du hast keine Todesfurcht [mehr].

Wort für Wort
satāṃ sāptapadaṃ sakhyam
bei Guten gilt Freundschaft nach sieben Schritten (Gen.Pl./Nom.Sg.n.)
savāso me 'si paṇḍitaḥ
mein Mitbewohner bist du, Kluger (2.Sg.Präs./Nom.)
sāṃvāsyakaṃ kariṣyāmi
ich werde das Zusammenleben pflegen (1.Sg.Fut.)
nāsti te mṛtyuto bhayam
es gibt für dich keine Furcht vor dem Tod (3.Sg.Präs./Abl.)

sāptapadam: bezogen auf die sieben Schritte, die Freundschaft besiegeln.

na hi śaknoṣi mārjāra pāśaṃ chettuṃ vinā mayā; ahaṃ chetsyāmi te pāśaṃ yadi māṃ tvaṃ na hiṃsasi

Denn du kannst, Kater, ohne mich die Schlinge nicht zerschneiden; ich werde deine Schlinge zerschneiden, wenn du mir nichts zuleide tust.

Wort für Wort
na hi śaknoṣi mārjāra
denn du vermagst nicht, Kater (2.Sg.Präs./Vok.)
pāśaṃ chettuṃ vinā mayā
die Schlinge zu zerschneiden ohne mich (Akk./Inf./Instr.)
ahaṃ chetsyāmi te pāśam
ich werde deine Schlinge zerschneiden (1.Sg.Fut.)
yadi māṃ tvaṃ na hiṃsasi
wenn du mich nicht verletzt (2.Sg.Präs.)

tvam āśrito nagasyāgraṃ mūlaṃ tv aham upāśritaḥ; ciroṣitāv ihāvāṃ vai vṛkṣe 'smin viditaṃ hi te

Du bist zur Spitze des Baumes hinaufgestiegen, ich aber habe mich an der Wurzel niedergelassen; lange haben wir beide auf diesem Baum gewohnt, das weißt du ja.

Wort für Wort
tvam āśrito nagasya agram
du bist zur Spitze des Baumes gegangen (Nom./Part.Pass./Gen./Akk.)
mūlaṃ tv aham upāśritaḥ
die Wurzel aber habe ich aufgesucht (Akk./Nom./Part.Pass.)
ciroṣitāv ihāvāṃ vai
lange wohnten wir beide hier (Nom.Du./Adv.)
vṛkṣe 'smin viditaṃ hi te
auf diesem Baum, das ist dir ja bekannt (Lok./Nom.Sg.n.)

yasminn āśvasate kaś cid yaś ca nāśvasate kva cit; na tau dhīrāḥ praśaṃsanti nityam udvignacetasau

Wem irgendjemand vertraut und wem einer nirgends vertraut: die beiden loben die Besonnenen nicht, denn stets ist ihr Gemüt in Unruhe.

Wort für Wort
yasmin āśvasate kaś cit
bei wem irgendwer Vertrauen fasst (Lok./3.Sg.Med.)
yaś ca na āśvasate kva cit
und wer nirgends vertraut (Nom./3.Sg.Med.)
na tau dhīrāḥ praśaṃsanti
die beiden loben die Weisen nicht (Akk.Du./Nom.Pl./3.Pl.)
nityam udvignacetasau
stets von unruhigem Gemüt (Adv./Nom.Du., Bahuvrīhi)

Sinn: weder blindes noch völliges Misstrauen.

tasmād vivardhatāṃ prītiḥ satyā saṃgatir astu nau; kālātītam apārthaṃ hi na praśaṃsanti paṇḍitāḥ

Darum möge unsere Zuneigung wachsen, unser Bündnis sei wahrhaftig; denn was die Zeit verstreichen ließ und zwecklos ist, loben die Klugen nicht.

Wort für Wort
tasmād vivardhatāṃ prītiḥ
darum möge wachsen die Zuneigung (Imp.Med./Nom.Sg.)
satyā saṃgatir astu nau
wahr sei die Verbindung von uns beiden (Nom./3.Sg.Imp./Gen.Du.)
kālātītam apārthaṃ hi
denn was die Zeit überschritten hat und sinnlos ist (Nom.Sg.n.)
na praśaṃsanti paṇḍitāḥ
loben die Klugen nicht (3.Pl./Nom.Pl.)

arthayuktim imāṃ tāvad yathābhūtāṃ niśāmaya; tava jīvitam icchāmi tvaṃ mamecchasi jīvitam

Vernimm nun diese zweckmäßige Fügung, so wie sie wirklich ist: Ich wünsche dein Leben, und du wünschst mein Leben.

Wort für Wort
arthayuktim imāṃ tāvat
diese zweckmäßige Fügung zunächst (Akk.Sg.f.)
yathābhūtāṃ niśāmaya
wie sie wirklich ist, vernimm (Akk./Imp.)
tava jīvitam icchāmi
dein Leben wünsche ich (Gen./Akk./1.Sg.)
tvaṃ mama icchasi jīvitam
du wünschst mein Leben (2.Sg./Gen./Akk.)

kaś cit tarati kāṣṭhena sugambhīrāṃ mahānadīm; sa tārayati tat kāṣṭhaṃ sa ca kāṣṭhena tāryate

Mancher überquert mit einem Stück Holz einen sehr tiefen großen Strom; der bringt das Holz hinüber, und er wird vom Holz hinübergebracht.

Wort für Wort
kaś cit tarati kāṣṭhena
mancher überquert mit dem Holz (3.Sg./Instr.)
sugambhīrāṃ mahānadīm
einen sehr tiefen großen Fluss (Akk.Sg.f.)
sa tārayati tat kāṣṭham
der bringt jenes Holz hinüber (Nom./Kaus.3.Sg./Akk.)
sa ca kāṣṭhena tāryate
und er wird vom Holz hinübergebracht (Instr./Pass.3.Sg.)

īdṛśo nau samāyogo bhaviṣyati sunistaraḥ; ahaṃ tvāṃ tārayiṣyāmi tvaṃ ca māṃ tārayiṣyasi

Von solcher Art wird unser beider Verbindung sein, sehr leicht zu überwinden: Ich werde dich hinüberbringen, und du wirst mich hinüberbringen.“

Wort für Wort
īdṛśo nau samāyogaḥ
von solcher Art ist unser beider Verbindung (Nom./Gen.Du.)
bhaviṣyati sunistaraḥ
wird sein, leicht zu überwinden (3.Sg.Fut./Nom.)
ahaṃ tvāṃ tārayiṣyāmi
ich werde dich hinüberbringen (1.Sg.Fut.Kaus.)
tvaṃ ca māṃ tārayiṣyasi
und du wirst mich hinüberbringen (2.Sg.Fut.)

evam uktvā tu palitas tadartham ubhayor hitam; hetumad grahaṇīyaṃ ca kālākāṅkṣī vyapaikṣata

Nachdem so der Graue gesprochen hatte, blickte er, auf die rechte Zeit wartend, aufmerksam auf das, was beiden nützlich und begründet annehmbar war.

Wort für Wort
evam uktvā tu palitaḥ
nachdem so gesprochen der Palita [der Graue] (Abs./Nom.)
tadartham ubhayor hitam
darum, für beide Heilsames (Adv./Gen.Du./Akk.)
hetumad grahaṇīyaṃ ca
begründet und annehmbar (Akk.Sg.n.)
kālākāṅkṣī vyapaikṣata
auf die Zeit wartend, blickte er hin (Nom./3.Sg.Impf.Med.)

palita: „grau“; hier Eigenname der Maus.

atha suvyāhṛtaṃ tasya śrutvā śatrur vicakṣaṇaḥ; hetumad grahaṇīyārthaṃ mārjāro vākyam abravīt

Nachdem der scharfsinnige Feind [der Kater] die wohlgesprochenen Worte jener [Maus] vernommen hatte, sprach er eine begründete, annehmbare Rede.

Wort für Wort
atha suvyāhṛtaṃ tasya
dann das wohl Gesprochene von ihr (Akk.Sg.n./Gen.)
śrutvā śatrur vicakṣaṇaḥ
nachdem er gehört, der Feind, der scharfsinnige (Abs./Nom.)
hetumad grahaṇīyārtham
begründet, auf Annehmbares zielend (Akk.)
mārjāro vākyam abravīt
der Kater sprach die Rede (Nom./Akk./Impf.)

buddhimān vākyasaṃpannas tad vākyam anuvarṇayan; tām avasthām avekṣyāntyāṃ sāmnaiva pratyapūjayat

Der verständige, redegewandte [Kater] pries, jene Rede Punkt für Punkt erwägend, im Blick auf seine äußerste Lage ihn sogleich mit Freundlichkeit.

Wort für Wort
buddhimān vākyasaṃpannaḥ
verständig, redebegabt (Nom.Sg.)
tad vākyam anuvarṇayan
jene Rede beschreibend, sie wiederholend (Akk./Part.Präs.)
tām avasthām avekṣya antyām
jene äußerste Lage betrachtend (Akk.Sg.f./Abs.)
sāmnā eva pratyapūjayat
allein mit Freundlichkeit erwiderte er die Ehrung (Instr./3.Sg.Impf.)

anuvarṇayan: hier im Sinn von „durchgehen, wiederholen“.

tatas tīkṣṇāgradaśano vaiḍūryamaṇilocanaḥ; mūṣakaṃ mandam udvīkṣya mārjāro lomaśo 'bravīt

Dann blickte der Kater mit den scharfen Fangzähnen und den Augen wie Katzenaugenstein sanft auf die Maus und sprach, der Behaarte:

Wort für Wort
tatas tīkṣṇāgradaśanaḥ
dann, mit scharfspitzigen Zähnen (Nom.Sg., Bahuvrīhi)
vaiḍūryamaṇilocanaḥ
mit Augen wie Beryll-Edelstein (Nom.)
mūṣakaṃ mandam udvīkṣya
die Maus sanft ansehend (Akk./Adv./Abs.)
mārjāro lomaśo 'bravīt
der Kater, der Behaarte, sprach (Nom./Nom./Impf.)

lomaśa: „behaart“, im Folgenden auch Eigenname des Katers.

nandāmi saumya bhadraṃ te yo māṃ jīvantam icchasi; śreyaś ca yadi jānīṣe kriyatāṃ mā vicāraya

„Ich freue mich, Sanfter; Heil dir, der du mich lebend wünschst! Wenn du weißt, was das Heilsame ist, so werde es getan; zögere nicht.

Wort für Wort
nandāmi saumya bhadraṃ te
ich freue mich, Sanfter, Glück dir (1.Sg./Vok./Nom.)
yo māṃ jīvantam icchasi
der du mich lebend wünschst (Nom./Akk./Part.Präs.)
śreyaś ca yadi jānīṣe
und wenn du das Heil kennst (Akk./2.Sg.)
kriyatāṃ mā vicāraya
es werde getan, erwäge nicht lange (Imp.Pass./Imp.Kaus.)

ahaṃ hi dṛḍham āpannas tvam āpannataro mayā; dvayor āpannayoḥ saṃdhiḥ kriyatāṃ mā vicāraya

Denn ich bin in festem Bann [der Not], du bist noch mehr in Not als ich; da wir beide in Not sind, werde ein Bündnis geschlossen; zögere nicht.

Wort für Wort
ahaṃ hi dṛḍham āpannaḥ
denn ich bin heftig in Not geraten (Nom./Adv./Part.Pass.)
tvam āpannataro mayā
du bist in größerer Not als ich (Nom./Komp./Instr.)
dvayor āpannayoḥ saṃdhiḥ
zwischen uns beiden, den Bedrängten, [sei] Bündnis (Gen.Du./Nom.)
kriyatāṃ mā vicāraya
es werde getan, zögere nicht (Imp.Pass./Imp.)

vidhatsva prāptakālaṃ yat kāryaṃ sidhyatu cāvayoḥ; mayi kṛcchrād vinirmukte na vinaṅkṣyati te kṛtam

Tu, was der Zeit gemäß ist; die Sache soll uns beiden gelingen. Wenn ich aus der Not befreit bin, wird das von dir Geleistete nicht verloren gehen.

Wort für Wort
vidhatsva prāptakālaṃ yat
tu, was zeitgemäß [ist] (Imp.Med./Akk.)
kāryaṃ sidhyatu ca āvayoḥ
und das Werk gelinge uns beiden (Nom./3.Sg.Imp./Gen.Du.)
mayi kṛcchrād vinirmukte
wenn ich aus der Bedrängnis befreit bin (Lok.abs./Abl.)
na vinaṅkṣyati te kṛtam
nicht wird zugrunde gehen dein Werk (3.Sg.Fut./Gen./Nom.)

nyastamāno 'smi bhakto 'smi śiṣyas tvaddhitakṛt tathā; nideśavaśavartī ca bhavantaṃ śaraṇaṃ gataḥ

Ich habe den Stolz abgelegt; ich bin dir ergeben, dein Schüler, tue, was dir nützt, stehe unter deinem Befehl und habe bei dir Zuflucht genommen.“

Wort für Wort
nyastamāno 'smi
ich habe den Stolz niedergelegt (Nom./1.Sg.)
bhakto 'smi śiṣyaḥ
ich bin ergeben, Schüler (Nom./1.Sg.)
tvaddhitakṛt tathā
und dein Wohl bewirkend (Nom.)
nideśavaśavartī ca
und deinem Befehl unterworfen (Nom.)
bhavantaṃ śaraṇaṃ gataḥ
zu dir als Zuflucht gegangen (Akk./Nom.)

ity evam uktaḥ palito mārjāraṃ vaśam āgatam; vākyaṃ hitam uvācedam abhinītārtham arthavat

Als der Palita so angesprochen war, sprach er zum Kater, der in seine Gewalt gekommen war, diese heilsame, zielgerichtete und sinnvolle Rede.

Wort für Wort
ity evam uktaḥ palitaḥ
so angesprochen der Palita (Nom.Sg./Part.Pass.)
mārjāraṃ vaśam āgatam
zum Kater, der in [seine] Gewalt kam (Akk./Akk./Part.Pass.)
vākyaṃ hitam uvāca idam
diese heilsame Rede sprach er (Akk./Perf.)
abhinītārtham arthavat
mit gehaltvollem Ziel, sinnvoll (Akk.)

udāraṃ yad bhavān āha naitac citraṃ bhavadvidhe; vidito yas tu mārgo me hitārthaṃ śṛṇu taṃ mama

„Was du Edles gesagt hast, ist bei einem wie dir nicht erstaunlich; höre aber von mir den Weg, der mir bekannt ist und dem Nutzen dient.

Wort für Wort
udāraṃ yad bhavān āha
das Edle, was du gesagt hast (Akk./Nom./Perf.)
na etac citraṃ bhavadvidhe
dies ist nicht erstaunlich bei einem wie dir (Nom./Lok.)
vidito yas tu mārgo me
der Weg aber, der mir bekannt ist (Part.Pass./Nom./Gen.)
hitārthaṃ śṛṇu taṃ mama
zum Nutzen höre ihn von mir (Adv./Imp./Akk./Gen.)

ahaṃ tvānupravekṣyāmi nakulān me mahad bhayam; trāyasva māṃ mā vadhīś ca śakto 'smi tava mokṣaṇe

Ich werde in dich hineingehen, denn ich habe große Furcht vor den Ichneumons; schütze mich und töte mich nicht; ich bin imstande, dich zu befreien.

Wort für Wort
aham tvā anupravekṣyāmi
ich werde zu dir hineingehen (1.Sg.Fut./Akk.)
nakulān me mahad bhayam
vor den Ichneumons habe ich große Furcht (Abl./Gen./Nom.)
trāyasva mām mā vadhīś ca
schütze mich und töte nicht (Imp.Med./Injunktiv/Aor.)
śakto 'smi tava mokṣaṇe
ich bin fähig zu deiner Befreiung (Nom./Lok.)

anupravekṣyāmi: „an deiner Seite eintreten“, gemeint ist Schutz unter dem Kater; wörtlich gedeutet.

ulūkāc caiva māṃ rakṣa kṣudraḥ prārthayate hi mām; ahaṃ chetsyāmi te pāśān sakhe satyena te śape

Und schütze mich vor der Eule, denn der Niedrige stellt mir nach; ich werde deine Schlingen zerschneiden, Freund, dies schwöre ich dir bei der Wahrheit.“

Wort für Wort
ulūkāc ca eva māṃ rakṣa
und auch vor der Eule schütze mich (Abl./Imp.)
kṣudraḥ prārthayate hi mām
denn der Gemeine begehrt mich (Nom./3.Sg.Med.)
ahaṃ chetsyāmi te pāśān
ich werde deine Schlingen zerschneiden (1.Sg.Fut./Akk.Pl.)
sakhe satyena te śape
Freund, bei der Wahrheit schwöre ich dir (Vok./Instr./1.Sg.Med.)

tad vacaḥ saṃgataṃ śrutvā lomaśo yuktam arthavat; harṣād udvīkṣya palitaṃ svāgatenābhyapūjayat

Als Lomaśa jene passende, zweckmäßige und vernünftige Rede gehört hatte, blickte er vor Freude auf Palita und ehrte ihn mit einem Willkommensgruß.

Wort für Wort
tad vacaḥ saṃgataṃ śrutvā
jene übereinstimmende Rede gehört habend (Akk./Abs.)
lomaśo yuktam arthavat
Lomaśa, sie für passend, sinnvoll [haltend] (Nom./Akk.)
harṣād udvīkṣya palitam
vor Freude aufblickend auf Palita (Abl./Abs./Akk.)
svāgatena abhyapūjayat
mit „Willkommen!“ ehrte er (Instr./3.Sg.Impf.)

sa taṃ saṃpūjya palitaṃ mārjāraḥ sauhṛde sthitaḥ; suvicintyābravīd dhīraḥ prītas tvarita eva hi

Nachdem der Kater den Palita geehrt hatte, blieb er in Freundschaft [ihm] zugetan; nach gutem Überlegen sprach er, der Besonnene, froh und eilig.

Wort für Wort
sa taṃ saṃpūjya palitam
er, nachdem er ihn, Palita, geehrt (Nom./Akk./Abs.)
mārjāraḥ sauhṛde sthitaḥ
der Kater, der in Freundschaft stand (Nom./Lok./Part.Pass.)
suvicintya abravīd dhīraḥ
nach gutem Überlegen sprach der Besonnene (Abs./Impf./Nom.)
prītas tvarita eva hi
erfreut und eilig (Nom./Nom.)

kṣipram āgaccha bhadraṃ te tvaṃ me prāṇasamaḥ sakhā; tava prājña prasādād dhi kṣipraṃ prāpsyāmi jīvitam

„Komm rasch, Heil dir! Du bist mir wie mein Lebenshauch, mein Freund; durch deine Gunst, du Kluger, werde ich rasch das Leben erlangen.

Wort für Wort
kṣipram āgaccha bhadraṃ te
komm rasch, Heil dir (Adv./Imp./Nom./Gen.)
tvaṃ me prāṇasamaḥ sakhā
du bist mir gleich meinem Atem, Freund (Nom./Gen./Nom.)
tava prājña prasādāt
durch deine Gunst, Kluger (Gen./Vok./Abl.)
kṣipraṃ prāpsyāmi jīvitam
rasch werde ich das Leben erlangen (Adv./1.Sg.Fut./Akk.)

yad yad evaṃgatenādya śakyaṃ kartuṃ mayā tava; tad ājñāpaya kartāhaṃ saṃdhir evāstu nau sakhe

Was immer in dieser Lage heute von mir für dich getan werden kann, das befiehl; ich werde es tun; das Bündnis soll zwischen uns bestehen, Freund.

Wort für Wort
yad yad evaṃgatena adya
was auch immer in solcher Lage heute (Nom./Instr.)
śakyaṃ kartuṃ mayā tava
von mir für dich zu tun möglich (Inf./Instr./Gen.)
tad ājñāpaya kartā aham
das befiehl, ich werde es tun (Imp.Kaus./Nom.)
saṃdhir eva astu nau sakhe
Bündnis nur soll sein zwischen uns, Freund (Nom./3.Sg.Imp./Vok.)

asmāt te saṃśayān muktaḥ samitragaṇabāndhavaḥ; sarvakāryāṇi kartāhaṃ priyāṇi ca hitāni ca

Aus dieser Gefahr befreit, werde ich mit den Freundesscharen und Verwandten alles tun, was dir lieb und heilsam ist.

Wort für Wort
asmāt te saṃśayāt muktaḥ
aus dieser für dich bestehenden Gefahr befreit (Abl./Part.Pass.)
samitragaṇabāndhavaḥ
mit Freundesschar und Verwandten (Nom., Bahuvrīhi)
sarvakāryāṇi kartā aham
alle Aufgaben werde ich tun (Akk.Pl./Nom.)
priyāṇi ca hitāni ca
sowohl Liebes als auch Heilsames (Akk.Pl.n.)

Zuordnung von te im ersten Pāda ungewiss; sinngemäß wiedergegeben.

muktaś ca vyasanād asmāt saumyāham api nāma te; prītim utpādayeyaṃ ca pratikartuṃ ca śaknuyām

Und aus dieser Not befreit, Sanfter, möchte auch ich dir Freude bereiten und dir Gegenleistung zu erbringen vermögen.“

Wort für Wort
muktaś ca vyasanād asmāt
und befreit aus dieser Not (Nom./Abl.)
saumya aham api nāma te
Sanfter, auch ich fürwahr dir (Vok./Nom./Gen.)
prītim utpādayeyaṃ ca
und möchte Freude erzeugen (Akk./1.Sg.Opt.Kaus.)
pratikartuṃ ca śaknuyām
und möchte vergelten können (Inf./1.Sg.Opt.)

pratyapakurvan bahv api na bhāti pūrvopakāriṇā tulyaḥ; ekaḥ karoti hi kṛte niṣkāraṇam eva kurute 'nyaḥ

Wer Gegendienst erweist, auch reichlich, kommt dem früheren Wohltäter nicht gleich; der eine handelt, weil ihm getan wurde, der andere tut es ohne jeden Grund.

Wort für Wort
pratyapakurvan bahv api
auch wer vielfach Gegendienst leistet (Part.Präs./Adv.)
na bhāti pūrvopakāriṇā tulyaḥ
scheint nicht gleich dem früheren Wohltäter (Nom./Instr.)
ekaḥ karoti hi kṛte
der eine handelt, wenn ihm getan wurde (Nom./3.Sg./Lok.)
niṣkāraṇam eva kurute 'nyaḥ
der andere tut es ohne Anlass (Adv./3.Sg.Med./Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; vermutlich sind bhāti und kṛte im Sinn von „erscheint“ bzw. „wenn eine Tat [an ihm] geschah“ gemeint.

grāhayitvā tu taṃ svārthaṃ mārjāraṃ mūṣakas tadā; praviveśa suvisrabdhaḥ samyag arthāṃś cacāra ha

Nachdem er den Kater seinen Zweck hatte fassen lassen, ging die Maus dann vertrauensvoll zu ihm hinein und verfolgte ihre Ziele in rechter Weise.

Wort für Wort
grāhayitvā tu taṃ svārtham
nachdem er ihn seinen Zweck erfassen ließ (Abs.Kaus./Akk.)
mārjāraṃ mūṣakas tadā
den Kater, die Maus damals (Akk./Nom.)
praviveśa suvisrabdhaḥ
trat ein, ganz vertrauensvoll (3.Sg.Perf./Nom.)
samyag arthāṃś cacāra ha
und verfolgte recht [seine] Ziele (Adv./Akk.Pl./Perf.)

Zweiter Pāda mit „Zweck“ vs. Erfassen leicht verschränkt; freie Deutung [?]

evam āśvāsito vidvān mārjāreṇa sa mūṣakaḥ; mārjārorasi visrabdhaḥ suṣvāpa pitṛmātṛvat

So von dem Kater beruhigt, schlief die kluge Maus, im Vertrauen auf dessen Brust wie an [der Brust] von Vater und Mutter.

Wort für Wort
evam āśvāsito vidvān
so beruhigt, der Kundige (Part.Pass.Kaus./Nom.)
mārjāreṇa sa mūṣakaḥ
vom Kater, jene Maus (Instr./Nom.)
mārjārorasi visrabdhaḥ
auf der Brust des Katers vertrauensvoll (Lok./Nom.)
suṣvāpa pitṛmātṛvat
schlief wie bei Vater und Mutter (Perf./Adv.)

līnaṃ tu tasya gātreṣu mārjārasyātha mūṣakam; tau dṛṣṭvā nakulolūkau nirāśau jagmatur gṛhān

Als aber Ichneumon und Eule die Maus in den Gliedern jenes Katers verborgen sahen, gingen die beiden enttäuscht in ihre Behausungen.

Wort für Wort
līnaṃ tu tasya gātreṣu
verborgen aber in dessen Gliedern (Akk./Gen./Lok.Pl.)
mārjārasya atha mūṣakam
des Katers, dann die Maus (Gen./Akk.)
tau dṛṣṭvā nakulolūkau
die beiden, nachdem sie sahen, Ichneumon und Eule (Nom.Du./Abs.)
nirāśau jagmatur gṛhān
hoffnungslos gingen sie zu ihren Häusern (Nom.Du./Perf.Du./Akk.Pl.)

tathaiva tau susaṃtrastau dṛḍham āgatatandritau; dṛṣṭvā tayoḥ parāṃ prītiṃ vismayaṃ paramaṃ gatau; balinau matimantau ca suvṛttau cāpy upāsitau; aśaktau tu nayāt tasmāt saṃpradharṣayituṃ balāt; kāryārthakṛtasaṃdhī tau dṛṣṭvā mārjāramūṣikau; ulūkanakulau tūrṇaṃ jagmatus tau svam ālayam

Ebenso, sehr erschrocken und ermattet, schauten die beiden ihre große gegenseitige Zuneigung und gerieten in höchstes Staunen; [der Kater und die Maus waren] stark und klug, von gutem Wandel, und sie hatten sie [die Feinde] gepflegt. Nicht imstande, sie durch Klugheit oder mit Gewalt zu überwältigen, erblickten Eule und Ichneumon Kater und Maus, die wegen ihres Zweckes ein Bündnis geschlossen hatten, und gingen rasch in ihr Heim.

Wort für Wort
tathā eva tau susaṃtrastau
ebenso die beiden, sehr erschrocken (Nom.Du.)
dṛḍham āgatatandritau
heftig ermattet (Nom.Du.)
dṛṣṭvā tayoḥ parāṃ prītiṃ
sehend ihre höchste Zuneigung (Abs./Gen.Du./Akk.)
vismayaṃ paramaṃ gatau
in höchstes Staunen geraten (Akk./Nom.Du.)
balinau matimantau ca suvṛttau
stark, klug, von gutem Wandel (Nom.Du.)
kāryārthakṛtasaṃdhī tau
die beiden, die zweckhalber Bündnis geschlossen (Akk.Du.)
ulūkanakulau tūrṇaṃ jagmatus tau
Eule und Ichneumon gingen rasch (Nom.Du./Perf.Du.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage mit Lücken im Sinn; Zuordnung der Subjekte (Feinde oder Kater und Maus) unklar; upāsitau und aśaktau uneindeutig [?]

līnas tu tasya gātreṣu palito deśakālavit; ciccheda pāśān nṛpate kālākāṅkṣī śanaiḥ śanaiḥ

Palita aber, der Ort und Zeit kannte, schnitt, in seinen Gliedern verborgen, o König, langsam, ganz langsam die Schlingen durch und wartete auf den rechten Augenblick.

Wort für Wort
līnas tu tasya gātreṣu palitaḥ
Palita, in dessen Gliedern verborgen (Nom./Gen./Lok.)
deśakālavit
Ort und Zeit kennend (Nom.)
ciccheda pāśān nṛpate
zerschnitt die Schlingen, König (Perf./Akk.Pl./Vok.)
kālākāṅkṣī śanaiḥ śanaiḥ
auf die Zeit wartend, ganz allmählich (Nom./Adv.)

atha bandhaparikliṣṭo mārjāro vīkṣya mūṣakam; chindantaṃ vai tadā pāśān atvarantaṃ tvarānvitaḥ

Da sah der von den Fesseln geplagte Kater die Maus die Schlingen durchschneiden, ohne sich zu beeilen, und wurde selbst eilig.

Wort für Wort
atha bandhaparikliṣṭo mārjāraḥ
da der von der Fessel gequälte Kater (Nom./Nom.)
vīkṣya mūṣakam
die Maus erblickend (Abs./Akk.)
chindantaṃ vai tadā pāśān
die Schlingen durchtrennend (Akk./Part.Präs.)
atvarantaṃ tvarānvitaḥ
sich nicht beeilend, er selbst voll Eile (Akk./Nom.)

tam atvarantaṃ palitaṃ pāśānāṃ chedane tadā; saṃcodayitum ārebhe mārjāro mūṣakaṃ tadā

Der Kater begann dann, die Maus Palita, die sich beim Zerschneiden der Schlingen nicht beeilte, anzutreiben.

Wort für Wort
tam atvarantaṃ palitam
ihn, den sich nicht beeilenden Palita (Akk.)
pāśānāṃ chedane tadā
beim Zerschneiden der Schlingen damals (Gen.Pl./Lok.)
saṃcodayitum ārebhe
begann anzutreiben (Inf.Kaus./3.Sg.Perf.Med.)
mārjāro mūṣakaṃ tadā
der Kater die Maus (Nom./Akk.)

kiṃ saumya nābhitvarase kiṃ kṛtārtho 'vamanyase; chindhi pāśān amitraghna purā śvapaca eti saḥ

„Warum, Sanfter, beeilst du dich nicht? Verachtest du mich, weil dein Ziel erreicht ist? Zerschneide die Schlingen, du Feindtöter; gleich kommt der Śvapaca [Hundeesser, Jäger].“

Wort für Wort
kiṃ saumya na abhitvarase
warum, Sanfter, eilst du nicht? (Vok./2.Sg.)
kiṃ kṛtārtho 'vamanyase
verachtest du [mich], da dein Ziel erreicht ist? (Nom./2.Sg.Med.)
chindhi pāśān amitraghna
zerschneide die Schlingen, Feindtöter (Imp./Akk.Pl./Vok.)
purā śvapaca eti saḥ
bevor der Śvapaca kommt (Adv./Nom./3.Sg.)

purā mit Präsens: „bevor“ oder „gleich“; śvapaca: Jäger, wörtlich „Hundekocher“.

ity uktas tvaratā tena matimān palito 'bravīt; mārjāram akṛtaprajñaṃ vaśyam ātmahitaṃ vacaḥ

So von jenem in Eile angesprochen, sprach der kluge Palita zu dem Kater, der die Einsicht nicht geübt hatte [und] ihm untertan war, Worte, die ihm selbst zum Vorteil waren.

Wort für Wort
ity uktas tvaratā tena
so angesprochen von jenem Eiligen (Part.Pass./Instr.)
matimān palito 'bravīt
der kluge Palita sprach (Nom./Impf.)
mārjāram akṛtaprajñam
zum Kater, der keine Klugheit geübt hat (Akk., Bahuvrīhi)
vaśyam ātmahitaṃ vacaḥ
ihm untertan, Worte zum eigenen Nutzen (Akk./Akk.)

vaśyam bezieht sich auf den Kater; ātmahitam „für sich selbst heilsam“.

tūṣṇīṃ bhava na te saumya tvarā kāryā na saṃbhramaḥ; vayam evātra kālajñā na kālaḥ parihāsyate

Sei still, Freund; du brauchst dich nicht zu beeilen, und keine Hast [ist nötig]! Wir beide kennen hier die [rechte] Zeit; die Zeit wird [uns] nicht entgehen.

Wort für Wort
tūṣṇīṃ bhava
sei still (Imp.2.Sg.)
na te saumya tvarā kāryā
nicht ist von dir, Freund, Eile zu machen (Gen./Vok., Gerundiv fem.)
na saṃbhramaḥ
[ebenso] keine Aufregung (Nom.Sg.)
vayam evātra kālajñāḥ
wir eben sind hier die Zeitkundigen (Nom.Pl.)
na kālaḥ parihāsyate
die Zeit wird nicht entgehen/verloren gehen (Pass.Fut.3.Sg.)

akāle kṛtyam ārabdhaṃ kartuṃ nārthāya kalpate; tad eva kāla ārabdhaṃ mahate 'rthāya kalpate

Ein zur Unzeit begonnenes Werk taugt nicht dazu, etwas zu bewirken; dasselbe zur [rechten] Zeit begonnen taugt zu großem Gewinn.

Wort für Wort
akāle kṛtyam ārabdham
ein zur Unzeit begonnenes Werk (Lok.Sg./Nom.Sg.n., Part.Pass.)
kartuṃ nārthāya kalpate
taugt nicht zum Erfolg (Inf./Dat.Sg./3.Sg.Präs.Med.)
tad eva kāle ārabdham
eben dasselbe zur Zeit begonnen (Nom.Sg.n., Lok.Sg.)
mahate 'rthāya kalpate
taugt zu großem Nutzen (Dat.Sg./3.Sg.Präs.Med.)

akālavipramuktān me tvatta eva bhayaṃ bhavet; tasmāt kālaṃ pratīkṣasva kim iti tvarase sakhe

Von einem zur Unzeit Befreiten – eben von dir – würde mir Gefahr drohen; darum warte auf die [rechte] Zeit; was hast du es so eilig, Freund?

Wort für Wort
akālavipramuktāt me
von einem zur Unzeit Befreiten, mir [drohte] (Abl.Sg./Gen.Sg.)
tvatta eva bhayaṃ bhavet
eben von dir Furcht/Gefahr würde entstehen (Abl., 3.Sg.Opt.)
tasmāt kālaṃ pratīkṣasva
darum erwarte die Zeit (Imp.Med.2.Sg.)
kim iti tvarase sakhe
warum eilst du, Freund (3.Sg. → 2.Sg.Präs.Med., Vok.)

yāvat paśyāmi caṇḍālam āyāntaṃ śastrapāṇinam; tataś chetsyāmi te pāśaṃ prāpte sādhāraṇe bhaye

„Sobald ich den Caṇḍāla mit der Waffe in der Hand herankommen sehe, dann werde ich deine Fessel durchtrennen, wenn die gemeinsame Gefahr eingetreten ist.“

Wort für Wort
yāvat paśyāmi caṇḍālam
sobald ich den Caṇḍāla sehe (1.Sg.Präs., Akk.Sg.m.)
āyāntaṃ śastrapāṇinam
der herankommt, die Waffe in der Hand (Akk.Sg.m., Part.Präs.)
tataś chetsyāmi te pāśam
dann werde ich deine Fessel durchtrennen (Fut.1.Sg., Gen., Akk.Sg.m.)
prāpte sādhāraṇe bhaye
wenn die gemeinsame Gefahr eingetreten ist (Lok.abs.)

tasmin kāle pramuktas tvaṃ tarum evādhirohasi; na hi te jīvitād anyat kiṃ cit kṛtyaṃ bhaviṣyati

„Zu jener Zeit, befreit, wirst du eben auf den Baum steigen; denn du wirst dann nichts anderes zu tun haben als [dein] Leben [zu retten].“

Wort für Wort
tasmin kāle pramuktas tvam
zu jener Zeit bist du befreit (Lok., Nom.Sg.m., Part.Pass.)
tarum evādhirohasi
eben den Baum besteigst du (Akk., 2.Sg.Präs.)
na hi te jīvitād anyat
denn nichts anderes als das Leben für dich (Gen./Dat., Abl., Nom.Sg.n.)
kiṃ cit kṛtyaṃ bhaviṣyati
irgendetwas zu Tuendes wird sein (Nom.Sg.n., Fut.3.Sg.)

tato bhavaty atikrānte traste bhīte ca lomaśa; ahaṃ bilaṃ pravekṣyāmi bhavāñ śākhāṃ gamiṣyati

„Wenn dann [die Gefahr] vorüber ist, Lomaśa, und du erschreckt und furchtsam bist, werde ich in die Höhle gehen, und du wirst auf den Ast gelangen.“

Wort für Wort
tato bhavaty atikrānte
dann, wenn es vorüber ist (Lok.abs., Part.Pass.)
traste bhīte ca lomaśa
[während du] erschreckt und furchtsam [bist], Lomaśa (Lok.Sg.m., Vok.)
ahaṃ bilaṃ pravekṣyāmi
ich werde in die Höhle eintreten (Akk., Fut.1.Sg.)
bhavāñ śākhāṃ gamiṣyati
du wirst zum Ast gehen (Nom.Sg., Akk., Fut.3.Sg.)

Konstruktion von bhavaty atikrānte traste bhīte ca unsicher [?]; sinngemäß gedeutet.

evam uktas tu mārjāro mūṣakeṇātmano hitam; vacanaṃ vākyatattvajño jīvitārthī mahāmatiḥ

So angeredet von der Maus, [mit einem Wort], das für sie selbst heilsam war, der Kater, ein Kenner des Sinns der Rede, auf Leben bedacht, hochverständig ...

Wort für Wort
evam uktas tu mārjāraḥ
so angesprochen aber der Kater (Nom.Sg.m., Part.Pass.)
mūṣakeṇātmano hitam
von der Maus, [das] für sie selbst Heilsame (Instr., Gen., Akk.Sg.n.)
vacanaṃ vākyatattvajñaḥ
das Wort, der Kenner des Kerns der Rede (Akk.Sg.n., Nom.Sg.m.)
jīvitārthī mahāmatiḥ
lebenssuchend, hochverständig (Nom.Sg.m.)

Satz setzt sich in der nächsten Einheit fort; ātmano hitam bezieht sich auf das Eigeninteresse der Maus.

athātmakṛtyatvaritaḥ samyak praśrayam ācaran; uvāca lomaśo vākyaṃ mūṣakaṃ cirakāriṇam

da, eilig um sein eigenes Anliegen, sich vollkommen ehrerbietig benehmend, sprach Lomaśa das Wort zur säumenden Maus.

Wort für Wort
athātmakṛtyatvaritaḥ
dann, um die eigene Sache in Eile (Nom.Sg.m.)
samyak praśrayam ācaran
vollkommen Ehrerbietung übend (Akk.Sg.m., Part.Präs.)
uvāca lomaśo vākyam
sprach Lomaśa die Rede (Perf.3.Sg., Nom., Akk.)
mūṣakaṃ cirakāriṇam
zur Maus, die lange zögert (Akk.Sg.m.)

na hy evaṃ mitrakāryāṇi prītyā kurvanti sādhavaḥ; yathā tvaṃ mokṣitaḥ kṛcchrāt tvaramāṇena vai mayā

Denn nicht so verrichten Redliche Freundesdienste aus Zuneigung, wie du von mir in Eile aus der Not befreit wurdest.

Wort für Wort
na hy evaṃ mitrakāryāṇi
denn nicht auf diese Weise die Freundesdienste (Akk.Pl.n.)
prītyā kurvanti sādhavaḥ
aus Zuneigung verrichten die Redlichen (Instr.Sg., 3.Pl.Präs., Nom.Pl.)
yathā tvaṃ mokṣitaḥ kṛcchrāt
wie du befreit wurdest aus der Not (Nom.Sg., Part.Pass.Kaus., Abl.)
tvaramāṇena vai mayā
von mir, der ich mich beeilte (Instr.Sg., Part.Präs.Med.)

tathaiva tvaramāṇena tvayā kāryaṃ hitaṃ mama; yatnaṃ kuru mahāprājña yathā svasty āvayor bhavet

Ebenso hast du in Eile mein Wohl zu besorgen; bemühe dich, großer Weiser, dass es uns beiden gut ergeht.

Wort für Wort
tathaiva tvaramāṇena
ebenso von dir, der du dich beeilst (Instr.Sg., Part.Präs.Med.)
tvayā kāryaṃ hitaṃ mama
ist von dir mein Wohl zu tun (Instr., Gerundiv, Gen.)
yatnaṃ kuru mahāprājña
mühe dich, großer Weiser (Imp.2.Sg., Vok.)
yathā svasty āvayor bhavet
damit Heil uns beiden sei (Gen./Lok.Du., 3.Sg.Opt.)

atha vā pūrvavairaṃ tvaṃ smaran kālaṃ vikarṣasi; paśya duṣkṛtakarmatvaṃ vyaktam āyuḥkṣayo mama

Oder denkst du an die frühere Feindschaft und ziehst die Zeit hin? Sieh, [wie] schlecht du handelst: offenkundig ist [damit] mein Lebensende.

Wort für Wort
atha vā pūrvavairaṃ tvam
oder aber die frühere Feindschaft du (Akk.Sg.n., Nom.Sg.)
smaran kālaṃ vikarṣasi
dich erinnernd ziehst du die Zeit hin (Part.Präs., 2.Sg.Präs.)
paśya duṣkṛtakarmatvam
sieh die Schlechthandlung (Imp.2.Sg., Akk.Sg.n., Abstraktum)
vyaktam āyuḥkṣayo mama
offenkundig [ist] mein Lebensschwund (Nom.Sg.m., Gen.)

Zweite Vershälfte knapp; sinngemäß wiedergegeben.

yac ca kiṃ cin mayājñānāt purastād vipriyaṃ kṛtam; na tan manasi kartavyaṃ kṣamaye tvāṃ prasīda me

Und was ich früher aus Unwissenheit an Unliebem getan habe, das sollst du nicht im Sinn behalten; ich bitte dich um Verzeihung, sei mir gnädig.

Wort für Wort
yac ca kiṃ cin mayājñānāt
und was immer von mir aus Unwissen (Instr., Abl.)
purastād vipriyaṃ kṛtam
früher Unliebes getan wurde (Adv., Nom.Sg.n., Part.Pass.)
na tan manasi kartavyam
das ist nicht im Sinn zu halten (Lok., Gerundiv)
kṣamaye tvāṃ prasīda me
ich bitte dich um Nachsicht; sei mir gnädig (1.Sg.Präs.Kaus., Akk., Imp.2.Sg., Dat./Gen.)

tam evaṃvādinaṃ prājñaḥ śāstravid buddhisaṃmataḥ; uvācedaṃ vacaḥ śreṣṭhaṃ mārjāraṃ mūṣakas tadā

Zu ihm, der so sprach, sagte da die Maus, die kluge, schriftkundige, vom Verstand geschätzte, diese vortreffliche Rede an den Kater.

Wort für Wort
tam evaṃvādinaṃ prājñaḥ
zu ihm, der so redete, der Kluge (Akk.Sg., Nom.Sg.)
śāstravid buddhisaṃmataḥ
der Lehrbuchkundige, durch Einsicht geachtet (Nom.Sg.)
uvācedaṃ vacaḥ śreṣṭham
sprach dieses beste Wort (Perf.3.Sg., Akk.Sg.n.)
mārjāraṃ mūṣakas tadā
zum Kater die Maus damals (Akk., Nom.Sg.)

śrutaṃ me tava mārjāra svam arthaṃ parigṛhṇataḥ; mamāpi tvaṃ vijānīhi svam arthaṃ parigṛhṇataḥ

„Gehört habe ich dich, Kater, der du deinen eigenen Vorteil verfolgst; erkenne auch bei mir, dass ich meinen eigenen Vorteil verfolge.“

Wort für Wort
śrutaṃ me tava mārjāra
gehört wurde von mir dein [Wort], Kater (Part.Pass., Instr./Gen., Vok.)
svam artham parigṛhṇataḥ
der du das Eigene, den Vorteil, ergreifst (Akk., Part.Präs., Gen.Sg.)
mamāpi tvaṃ vijānīhi
auch von mir erkenne du (Gen., Imp.2.Sg.)
svam artham parigṛhṇataḥ
dass ich das eigene Interesse verfolge (Gen.Sg.Part.)

yan mitraṃ bhītavat sādhyaṃ yan mitraṃ bhayasaṃhitam; surakṣitaṃ tataḥ kāryaṃ pāṇiḥ sarpamukhād iva

„Ein Freund, der wie ein Furchtsamer zu behandeln ist, ein Freund, der mit Furcht behaftet ist, [gegen den] muss man sich gut schützen – wie die Hand vor dem Rachen einer Schlange.“

Wort für Wort
yan mitraṃ bhītavat sādhyam
ein Freund, der wie ein Furchtsamer zu behandeln ist (Nom.Sg.n., Gerundiv)
yan mitraṃ bhayasaṃhitam
ein Freund, der mit Furcht verbunden ist (Nom.Sg.n., Kompositum)
surakṣitaṃ tataḥ kāryam
gut geschützt ist darum zu verfahren (Part.Pass., Adv., Gerundiv)
pāṇiḥ sarpamukhād iva
wie die Hand vor dem Schlangenmaul (Nom.Sg.m., Abl.)

Das grammatische Geschlecht (Neutrum mitram) und der Vergleich pāṇiḥ sarpamukhād iva sind knapp; sinngemäß gedeutet.

kṛtvā balavatā saṃdhim ātmānaṃ yo na rakṣati; apathyam iva tad bhuktaṃ tasyānarthāya kalpate

„Wer mit einem Mächtigen ein Bündnis geschlossen hat und sich selbst nicht schützt, dem gereicht das wie eine unbekömmlich genossene Speise zum Unheil.“

Wort für Wort
kṛtvā balavatā saṃdhim
nachdem er mit einem Mächtigen ein Bündnis geschlossen hat (Abs., Instr., Akk.)
ātmānaṃ yo na rakṣati
wer sich selbst nicht schützt (Akk., Rel.Nom., 3.Sg.Präs.)
apathyam iva tad bhuktam
wie Unbekömmliches, das genossen [wurde] (Nom.Sg.n., Part.Pass.)
tasyānarthāya kalpate
für ihn gereicht es zum Schaden (Gen., Dat., 3.Sg.Präs.Med.)

na kaś cit kasya cin mitraṃ na kaś cit kasya cit suhṛt

„Keiner ist jemandes Freund, keiner jemandes Herzensfreund.“

Wort für Wort
na kaś cit kasya cin mitram
niemand ist irgendjemandes Freund (Nom.Sg., Gen.Sg., Nom.Sg.n.)
na kaś cit kasya cit suhṛt
niemand ist irgendjemandes Wohlgesinnter (Nom.Sg.m.)

Satz beginnt hier eine Gedankenreihe; Fortsetzung in den folgenden Einheiten.

arthatas tu nibadhyante mitrāṇi ripavas tathā

Nach Nutzen nur werden Freunde und ebenso Feinde [aneinander] gebunden.

Wort für Wort
arthatas tu
nach [Maßgabe des] Nutzens jedoch (Abl.-Adv.)
nibadhyante
werden gebunden (3.Pl.Präs.Pass.)
mitrāṇi ripavas tathā
Freunde und ebenso Feinde (Nom.Pl.n., Nom.Pl.m.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

arthair arthā nibadhyante gajair vanagajā iva

Durch Vorteile werden Vorteile gebunden, wie wilde Waldelefanten durch [zahme] Elefanten.

Wort für Wort
arthair arthā nibadhyante
durch Zwecke/Vorteile werden Zwecke gebunden (Instr.Pl., Nom.Pl., 3.Pl.Pass.)
gajair vanagajā iva
wie Waldelefanten durch Elefanten (Instr.Pl., Nom.Pl.)

na hi kaś cit kṛte kārye kartāraṃ samavekṣate; tasmāt sarvāṇi kāryāṇi sāvaśeṣāṇi kārayet

„Denn keiner sieht nach dem Handelnden, wenn die Sache getan ist; darum soll man alle Aufgaben mit einem Rest [Unerledigtem] ausführen lassen.“

Wort für Wort
na hi kaś cit kṛte kārye
denn keiner, wenn die Sache getan ist (Lok.abs.)
kartāraṃ samavekṣate
schaut nach dem Täter (Akk.Sg., 3.Sg.Präs.Med.)
tasmāt sarvāṇi kāryāṇi
darum alle Aufgaben (Abl., Akk.Pl.n.)
sāvaśeṣāṇi kārayet
mit Rest soll man [sie] ausführen lassen (Akk.Pl.n., 3.Sg.Opt.Kaus.)

tasmin kāle 'pi ca bhavān divākīrtibhayānvitaḥ; mama na grahaṇe śaktaḥ palāyanaparāyaṇaḥ

„Auch zu jener Zeit wirst du, von Furcht vor dem Caṇḍāla erfüllt, nicht fähig sein, mich zu fassen, ganz aufs Fliehen bedacht.“

Wort für Wort
tasmin kāle 'pi ca bhavān
und auch zu jener Zeit du (Lok., Nom.Sg.)
divākīrtibhayānvitaḥ
mit Furcht vor dem Caṇḍāla behaftet (Nom.Sg.m.)
mama na grahaṇe śaktaḥ
zu meinem Ergreifen nicht fähig (Gen., Lok.Sg.n., Nom.Sg.m.)
palāyanaparāyaṇaḥ
auf Flucht ganz aus (Nom.Sg.m.)

divākīrti als Bezeichnung des Caṇḍāla gedeutet.

chinnaṃ tu tantubāhulyaṃ tantur eko 'vaśeṣitaḥ; chetsyāmy ahaṃ tad apy āśu nirvṛto bhava lomaśa

Zerschnitten ist die Fülle der Fäden, ein einziger Faden ist übrig; auch den werde ich rasch durchtrennen; sei getrost, Lomaśa.

Wort für Wort
chinnaṃ tu tantubāhulyam
zerschnitten ist die Menge der Fäden (Part.Pass. n., Nom.Sg.n.)
tantur eko 'vaśeṣitaḥ
ein einziger Faden ist übrig gelassen (Nom.Sg.m., Part.Pass.)
chetsyāmy ahaṃ tad apy āśu
ich werde auch das rasch durchtrennen (1.Sg.Fut.)
nirvṛto bhava lomaśa
sei beruhigt, Lomaśa (Nom.Sg.m., Imp.2.Sg., Vok.)

tayoḥ saṃvadator evaṃ tathaivāpannayor dvayoḥ; kṣayaṃ jagāma sā rātrir lomaśaṃ cāviśad bhayam

Während die beiden so miteinander redeten, beide in Not geraten, ging jene Nacht dahin, und Furcht drang in Lomaśa ein.

Wort für Wort
tayoḥ saṃvadator evam
während die beiden so sprachen (Gen.abs.Du.)
tathaivāpannayor dvayoḥ
ebenso, beide in Not (Gen.Du.)
kṣayaṃ jagāma sā rātriḥ
zu Ende ging jene Nacht (Akk., Perf.3.Sg., Nom.Sg.f.)
lomaśaṃ cāviśad bhayam
und in Lomaśa trat Furcht ein (Akk., Impf.3.Sg., Nom.Sg.n.)

tataḥ prabhātasamaye vikṛtaḥ kṛṣṇapiṅgalaḥ; sthūlasphig vikaco rūkṣaḥ śvacakraparivāritaḥ

Da, zur Zeit der Morgendämmerung, [erschien] ein Missgestalteter, schwarzbraun, mit dickem Gesäß, kahl, rau, von einem Rudel Hunde umgeben.

Wort für Wort
tataḥ prabhātasamaye
dann zur Zeit des Morgengrauens (Lok.Sg.)
vikṛtaḥ kṛṣṇapiṅgalaḥ
missgestaltet, schwarzbraun (Nom.Sg.m.)
sthūlasphig vikaco rūkṣaḥ
dickgesäßig, kahl [?], rau (Nom.Sg.m.)
śvacakraparivāritaḥ
von einem Hunderudel umringt (Nom.Sg.m., Part.Pass.)

vikaca hier als 'kahl' gedeutet; unsicher.

śaṅkukarṇo mahāvaktraḥ palito ghoradarśanaḥ; parigho nāma caṇḍālaḥ śastrapāṇir adṛśyata

Mit Pflockohren, großem Maul, ergraut, schrecklich anzusehen, wurde ein Caṇḍāla namens Parigha, Waffe in der Hand, sichtbar.

Wort für Wort
śaṅkukarṇo mahāvaktraḥ
mit pflockartigen Ohren, mit großem Maul (Nom.Sg.m.)
palito ghoradarśanaḥ
ergraut, von furchtbarem Anblick (Nom.Sg.m.)
parigho nāma caṇḍālaḥ
ein Caṇḍāla namens Parigha (Nom.Sg.m.)
śastrapāṇir adṛśyata
mit Waffe in der Hand wurde er gesehen (Nom.Sg.m., Impf.Pass.3.Sg.)

taṃ dṛṣṭvā yamadūtābhaṃ mārjāras trastacetanaḥ; uvāca palitaṃ bhītaḥ kim idānīṃ kariṣyasi

Als der Kater ihn, gleich einem Boten Yamas, sah, sprach er mit verstörtem Sinn ängstlich zu Palita: „Was wirst du jetzt tun?“

Wort für Wort
taṃ dṛṣṭvā yamadūtābham
ihn erblickend, dem Boten Yamas gleich (Abs., Akk.Sg.m.)
mārjāras trastacetanaḥ
der Kater, im Sinn erschrocken (Nom.Sg.m.)
uvāca palitaṃ bhītaḥ
sprach zu Palita, verängstigt (Perf.3.Sg., Akk., Nom.Sg.m.)
kim idānīṃ kariṣyasi
was wirst du jetzt tun (Fut.2.Sg.)

atha cāpi susaṃtrastau taṃ dṛṣṭvā ghoradarśanam; kṣaṇena nakulolūkau nairāśyaṃ jagmatus tadā

Und auch Mungo und Eule, als sie ihn von furchtbarem Anblick sahen, sehr erschrocken, gaben da im Nu die Hoffnung auf.

Wort für Wort
atha cāpi susaṃtrastau
und auch, sehr erschrocken (Nom.Du.m.)
taṃ dṛṣṭvā ghoradarśanam
ihn erblickend, den furchtbar Anzusehenden (Abs., Akk.Sg.m.)
kṣaṇena nakulolūkau
im Augenblick Mungo und Eule (Instr., Nom.Du.)
nairāśyaṃ jagmatus tadā
zur Hoffnungslosigkeit gelangten damals (Akk.Sg.n., Perf.3.Du.)

balinau matimantau ca saṃghātaṃ cāpy upāgatau; aśakyau sunayāt tasmāt saṃpradharṣayituṃ balāt

Stark waren die beiden [Kater und Maus] und klug und obendrein zu einem Verband zusammengetreten; wegen [ihres] klugen Vorgehens waren sie mit Gewalt nicht zu überwältigen.

Wort für Wort
balinau matimantau ca
stark und verständig (Nom.Du.m.)
saṃghātaṃ cāpy upāgatau
und auch zum Zusammenschluss gelangt (Akk.Sg.m., Nom.Du.m.)
aśakyau sunayāt tasmāt
unmöglich [zu bezwingen] wegen jener guten Politik (Nom.Du.m., Abl.)
saṃpradharṣayituṃ balāt
zu überwältigen mit Gewalt (Inf.Kaus., Abl.)

Bezug der Duale (Kater/Maus) aus dem Zusammenhang erschlossen.

kāryārthaṃ kṛtasaṃdhī tau dṛṣṭvā mārjāramūṣakau; ulūkanakulau tūrṇaṃ jagmatuḥ svaṃ svam ālayam

Als Eule und Mungo Kater und Maus, die zu gemeinsamem Zweck ein Bündnis geschlossen hatten, sahen, gingen sie eilends ein jeder in die eigene Behausung.

Wort für Wort
kāryārthaṃ kṛtasaṃdhī tau
die beiden, die um der Sache willen ein Bündnis geschlossen hatten (Nom.Du.m.)
dṛṣṭvā mārjāramūṣakau
erblickend Kater und Maus (Abs., Akk.Du.)
ulūkanakulau tūrṇam
Eule und Mungo eilends (Nom.Du., Adv.)
jagmatuḥ svaṃ svam ālayam
gingen jeder in sein Heim (Perf.3.Du., Akk.Sg.m.)

tataś ciccheda taṃ tantuṃ mārjārasya sa mūṣakaḥ; vipramukto 'tha mārjāras tam evābhyapatad drumam

Dann durchtrennte die Maus dem Kater jenen Faden; vom Fesseln befreit, sprang der Kater eben jenen Baum an.

Wort für Wort
tataś ciccheda taṃ tantum
darauf durchtrennte sie jenen Faden (Perf.3.Sg., Akk.Sg.m.)
mārjārasya sa mūṣakaḥ
des Katers, jene Maus (Gen., Nom.)
vipramukto 'tha mārjāraḥ
befreit dann der Kater (Nom.Sg.m., Part.Pass.)
tam evābhyapatad drumam
eben zu jenem Baum flog/sprang er (Impf.3.Sg., Akk.Sg.m.)

sa ca tasmād bhayān mukto mukto ghoreṇa śatruṇā; bilaṃ viveśa palitaḥ śākhāṃ bheje ca lomaśaḥ

Und er, von jener Furcht befreit, von dem furchtbaren Feind befreit: Palita schlüpfte in die Höhle, und Lomaśa erklomm den Ast.

Wort für Wort
sa ca tasmād bhayān muktaḥ
und er, von jener Furcht befreit (Nom., Abl., Part.Pass.)
mukto ghoreṇa śatruṇā
befreit vom schrecklichen Feind (Instr.Sg.)
bilaṃ viveśa palitaḥ
in die Höhle ging Palita (Akk., Perf.3.Sg.)
śākhāṃ bheje ca lomaśaḥ
und den Ast suchte Lomaśa auf (Akk., Perf.3.Sg.Med.)

unmātham apy athādāya caṇḍālo vīkṣya sarvaśaḥ; vihatāśaḥ kṣaṇenātha tasmād deśād apākramat; jagāma ca svabhavanaṃ caṇḍālo bharatarṣabha

Auch die Falle nahm der Caṇḍāla an sich, blickte ringsum, gab die Hoffnung auf und zog im Nu von jenem Ort ab; und der Caṇḍāla ging zu seinem Haus, Stier der Bharatas.

Wort für Wort
unmātham apy athādāya
auch die Falle nehmend (Akk.Sg.m., Abs.)
caṇḍālo vīkṣya sarvaśaḥ
der Caṇḍāla, ringsum blickend (Nom., Abs.)
vihatāśaḥ kṣaṇenātha
mit zerschlagener Hoffnung im Augenblick dann (Nom.Sg.m.)
tasmād deśād apākramat
von jenem Ort entfernte er sich (Abl., Impf.3.Sg.)
jagāma ca svabhavanaṃ caṇḍālaḥ
und der Caṇḍāla ging zu seinem Haus (Perf.3.Sg., Akk.)
bharatarṣabha
Stier der Bharatas (Vok.Sg.)

tatas tasmād bhayān mukto durlabhaṃ prāpya jīvitam; bilasthaṃ pādapāgrasthaḥ palitaṃ lomaśo 'bravīt

Dann, von jener Furcht befreit, das schwer erreichbare Leben gewonnen, sprach Lomaśa, oben auf dem Baumwipfel, zu Palita, der in der Höhle saß.

Wort für Wort
tatas tasmād bhayān muktaḥ
darauf, von jener Furcht befreit (Abl., Part.Pass.)
durlabhaṃ prāpya jīvitam
schwer erlangbares Leben erlangt habend (Abs., Akk.Sg.n.)
bilasthaṃ pādapāgrasthaḥ
zu dem in der Höhle Befindlichen, der auf dem Baumwipfel Befindliche (Akk.Sg., Nom.Sg.)
palitaṃ lomaśo 'bravīt
zu Palita sprach Lomaśa (Akk., Impf.3.Sg.)

akṛtvā saṃvidaṃ kāṃ cit sahasāham upaplutaḥ; kṛtajñaṃ kṛtakalyāṇaṃ kaccin māṃ nābhiśaṅkase

„Ohne irgendeine Verabredung getroffen zu haben, bin ich plötzlich [davon]gesprungen [?]; du hegst doch keinen Argwohn gegen mich, den Dankbaren, der Gutes getan hat?“

Wort für Wort
akṛtvā saṃvidaṃ kāṃ cit
ohne irgendeine Verständigung getroffen zu haben (Abs.neg., Akk.Sg.f.)
sahasāham upaplutaḥ
plötzlich bin ich hinaufgesprungen/überwältigt [?] (Adv., Nom.Sg.m., Part.Pass.)
kṛtajñaṃ kṛtakalyāṇam
den Dankbaren, der Gutes getan hat (Akk.Sg.m.)
kaccin māṃ nābhiśaṅkase
du verdächtigst mich doch nicht? (Fragepartikel, Akk., 2.Sg.Präs.)

upaplutaḥ ist hier unsicher gedeutet.

gatvā ca mama viśvāsaṃ dattvā ca mama jīvitam; mitropabhogasamaye kiṃ tvaṃ naivopasarpasi

„Nachdem du mein Vertrauen gewonnen und mir das Leben geschenkt hast – warum kommst du zur Zeit des Genusses [der Freundschaft] nicht heran?“

Wort für Wort
gatvā ca mama viśvāsam
und mein Vertrauen erlangt habend (Abs., Gen., Akk.Sg.m.)
dattvā ca mama jīvitam
und mir das Leben gegeben habend (Abs., Akk.Sg.n.)
mitropabhogasamaye
zur Zeit des Genusses am Freund (Lok.Sg.m.)
kiṃ tvaṃ naivopasarpasi
warum kommst du keineswegs heran (2.Sg.Präs.)

kṛtvā hi pūrvaṃ mitrāṇi yaḥ paścān nānutiṣṭhati; na sa mitrāṇi labhate kṛcchrāsv āpatsu durmatiḥ

„Wer zuvor Freunde gewonnen hat und danach nicht [zu ihnen] hält, der Törichte gewinnt in harten Nöten keine Freunde.“

Wort für Wort
kṛtvā hi pūrvaṃ mitrāṇi
denn früher Freunde gemacht habend (Abs., Akk.Pl.n.)
yaḥ paścān nānutiṣṭhati
wer danach nicht [danach] handelt (Rel.Nom., 3.Sg.Präs.)
na sa mitrāṇi labhate
der erlangt keine Freunde (Nom.Sg., Akk.Pl.n., 3.Sg.Präs.Med.)
kṛcchrāsv āpatsu durmatiḥ
in schweren Nöten, der Törichte (Lok.Pl.f., Nom.Sg.m.)

tat kṛto 'haṃ tvayā mitraṃ sāmarthyād ātmanaḥ sakhe; sa māṃ mitratvam āpannam upabhoktuṃ tvam arhasi

„So bin ich von dir, Freund, aus deiner eigenen Kraft zum Freund gemacht worden; als ein Freund, der [zu dir] gekommen ist, solltest du mich genießen [d. h. dich meiner erfreuen].“

Wort für Wort
tat kṛto 'haṃ tvayā mitram
daher wurde ich von dir zum Freund gemacht (Nom.Sg.m., Instr., Akk.Sg.n.)
sāmarthyād ātmanaḥ sakhe
aus [deinem] Vermögen selbst, Freund (Abl., Gen., Vok.)
sa māṃ mitratvam āpannam
so mich, der zur Freundschaft gelangt ist (Akk.Sg.m., Part.Pass.)
upabhoktuṃ tvam arhasi
zu genießen bist du imstande/solltest du (Inf., 2.Sg.Präs.)

sāmarthyād ātmanaḥ: Bezug (deine/meine Fähigkeit) unsicher; sinngemäß gedeutet.

yāni me santi mitrāṇi ye ca me santi bāndhavāḥ; sarve tvāṃ pūjayiṣyanti śiṣyā gurum iva priyam

„Die Freunde, die ich habe, und die Verwandten, die ich habe, sie alle werden dich ehren wie Schüler den geliebten Lehrer.“

Wort für Wort
yāni me santi mitrāṇi
die Freunde, die ich habe (Nom.Pl.n., 3.Pl.Präs.)
ye ca me santi bāndhavāḥ
und die Verwandten, die ich habe (Nom.Pl.m.)
sarve tvāṃ pūjayiṣyanti
alle werden dich ehren (Fut.3.Pl.)
śiṣyā gurum iva priyam
wie Schüler den lieben Lehrer (Nom.Pl., Akk.Sg.)

ahaṃ ca pūjayiṣye tvāṃ samitragaṇabāndhavam; jīvitasya pradātāraṃ kṛtajñaḥ ko na pūjayet

„Und ich werde dich samt der Freundesschar und den Verwandten ehren; welcher Dankbare würde den Lebensspender nicht ehren?“

Wort für Wort
ahaṃ ca pūjayiṣye tvām
und ich werde dich ehren (Fut.1.Sg.Med.)
samitragaṇabāndhavam
samt Freundesschar und Verwandten (Akk.Sg.m.)
jīvitasya pradātāram
den Geber des Lebens (Gen., Akk.Sg.m.)
kṛtajñaḥ ko na pūjayet
welcher Dankbare würde nicht ehren (Nom.Sg., Opt.3.Sg.)

īśvaro me bhavān astu śarīrasya gṛhasya ca; arthānāṃ caiva sarveṣām anuśāstā ca me bhava

„Sei du Herr über meinen Körper und mein Haus, und sei mein Ratgeber in allen meinen Angelegenheiten.“

Wort für Wort
īśvaro me bhavān astu
Herr über mich sei Er/du (Nom.Sg., Gen., Imp.3.Sg.)
śarīrasya gṛhasya ca
über den Körper und das Haus (Gen.Sg.)
arthānāṃ caiva sarveṣām
und über alle Güter/Angelegenheiten (Gen.Pl.)
anuśāstā ca me bhava
und Unterweiser sei mir (Nom.Sg.m., Imp.2.Sg.)

amātyo me bhava prājña piteva hi praśādhi mām; na te 'sti bhayam asmatto jīvitenātmanaḥ śape

„Sei mein Minister, Weiser; unterweise mich wie ein Vater; keine Gefahr ist dir von mir; ich schwöre es bei meinem Leben.“

Wort für Wort
amātyo me bhava prājña
mein Minister sei du, Weiser (Nom., Imp.2.Sg., Vok.)
piteva hi praśādhi mām
wie ein Vater lenke mich (Imp.2.Sg., Akk.)
na te 'sti bhayam asmattaḥ
dir ist keine Furcht von uns [mir] (Gen., 3.Sg., Abl.)
jīvitenātmanaḥ śape
bei dem eigenen Leben schwöre ich (Instr., Gen., 1.Sg.Präs.Med.)

buddhyā tvam uśanāḥ sākṣād bale tv adhikṛtā vayam; tvanmantrabalayukto hi vindeta jayam eva ha

„An Verstand bist du geradezu Uśanas [Śukra]; an Kraft sind wir die Zuständigen; wer mit der Kraft deines Rates verbunden ist, würde gewiss den Sieg erlangen.“

Wort für Wort
buddhyā tvam uśanāḥ sākṣāt
an Verstand bist du leibhaftig Uśanas (Instr., Nom.Sg.m., Adv.)
bale tv adhikṛtā vayam
in der Kraft sind wir aber die Bestellten (Lok., Nom.Pl.)
tvanmantrabalayukto hi
denn wer mit der Kraft deines Rates verbunden ist (Nom.Sg.m.)
vindeta jayam eva ha
würde eben den Sieg gewinnen (3.Sg.Opt.Med., Akk.)

evam uktaḥ paraṃ sāntvaṃ mārjāreṇa sa mūṣakaḥ; uvāca paramārthajñaḥ ślakṣṇam ātmahitaṃ vacaḥ

So vom Kater mit höchster Beschwichtigung angeredet, sprach die Maus, die das höchste Ziel kannte, ein glattes, auf das eigene Wohl bedachtes Wort.

Wort für Wort
evam uktaḥ paraṃ sāntvam
so angesprochen, mit höchster Beschwichtigung (Part.Pass., Akk.Sg.n.)
mārjāreṇa sa mūṣakaḥ
vom Kater die Maus (Instr., Nom.)
uvāca paramārthajñaḥ
sprach, der das höchste Ziel Kennende (Perf.3.Sg., Nom.Sg.m.)
ślakṣṇam ātmahitaṃ vacaḥ
ein glattes, auf das eigene Wohl gerichtetes Wort (Akk.Sg.n.)

yad bhavān āha tat sarvaṃ mayā te lomaśa śrutam; mamāpi tāvad bruvataḥ śṛṇu yat pratibhāti mām

„Alles, was du gesagt hast, Lomaśa, habe ich gehört; höre nun auch du, was mir, der ich spreche, in den Sinn kommt.“

Wort für Wort
yad bhavān āha tat sarvam
alles, was du sagtest (Perf.3.Sg.)
mayā te lomaśa śrutam
von mir, Lomaśa, wurde von dir gehört (Instr., Gen., Vok., Part.Pass.)
mamāpi tāvad bruvataḥ
auch [von] mir, der ich nun spreche (Gen.Sg., Part.Präs.)
śṛṇu yat pratibhāti mām
höre, was mir einleuchtet (Imp.2.Sg., 3.Sg.Präs., Akk.)

veditavyāni mitrāṇi boddhavyāś cāpi śatravaḥ; etat susūkṣmaṃ loke 'smin dṛśyate prājñasaṃmatam

„Freunde muss man erkennen, und auch Feinde muss man durchschauen; dies gilt in dieser Welt als überaus fein und wird von den Klugen gebilligt.“

Wort für Wort
veditavyāni mitrāṇi
zu erkennen sind Freunde (Gerundiv Nom.Pl.n.)
boddhavyāś cāpi śatravaḥ
und zu durchschauen auch Feinde (Gerundiv Nom.Pl.m.)
etat susūkṣmaṃ loke 'smin
dies ist äußerst fein in dieser Welt (Nom.Sg.n., Lok.)
dṛśyate prājñasaṃmatam
wird gesehen/gilt, von Klugen gebilligt (3.Sg.Pass., Nom.Sg.n.)

śatrurūpāś ca suhṛdo mitrarūpāś ca śatravaḥ

Freunde von Feindesgestalt und Feinde von Freundesgestalt [gibt es] ...

Wort für Wort
śatrurūpāś ca suhṛdaḥ
und Freunde in Feindesgestalt (Nom.Pl.m.)
mitrarūpāś ca śatravaḥ
und Feinde in Freundesgestalt (Nom.Pl.m.)

[Anm.: Satz bricht ab, Fortsetzung in der nächsten Einheit.]

eṣāṃ saumyāni mitrāṇi krodhanāś caiva śatravaḥ; sāntvitās te na budhyante rāgalobhavaśaṃ gatāḥ

Deren Freunde sind mild, und [deren] Feinde zornig; [doch] beschwichtigt merken sie es nicht, [wenn] sie in die Gewalt von Leidenschaft und Gier geraten sind [?].

Wort für Wort
eṣāṃ saumyāni mitrāṇi
von diesen (Gen.Pl.), Freunde sind mild (N.Pl.n.)
krodhanāś caiva śatravaḥ
und Feinde zornig (Nom.Pl.m.)
sāntvitās te na budhyante
beschwichtigt (Part.Pass., Nom.Pl.) sie merken nicht (3.Pl.Med.)
rāgalobhavaśaṃ gatāḥ
in die Gewalt von Leidenschaft und Gier gegangen (Kompositum, Akk.; Part.Pass. Nom.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; Kongruenz von saumyāni (n.) mit mitrāṇi und der Bezug von eṣām sind unklar.

sāntvitās te na budhyante rāgalobhavaśaṃ gatāḥ

Beschwichtigt merken sie es nicht, [wenn] sie in die Gewalt von Leidenschaft und Gier geraten sind.

Wort für Wort
sāntvitās te
beschwichtigt, sie (Part.Pass. Nom.Pl.; Nom.Pl.)
na budhyante
sie merken nicht (3.Pl.Präs.Med.)
rāgalobhavaśaṃ gatāḥ
in die Gewalt von Leidenschaft und Gier geraten (Part.Pass. Nom.Pl.)

nāsti jātyā ripur nāma mitraṃ nāma na vidyate; sāmarthyayogāj jāyante mitrāṇi ripavas tathā

Von Geburt gibt es keinen Feind dem Namen nach, und einen Freund gibt es [dem Namen nach] nicht; durch die Verbindung mit Vermögen [und Nutzen] entstehen Freunde und ebenso Feinde.

Wort für Wort
nāsti jātyā ripur nāma
es gibt nicht von Geburt (Instr.) einen Feind (Nom.) dem Namen nach
mitraṃ nāma na vidyate
einen Freund dem Namen nach gibt es nicht (3.Sg.Pass.)
sāmarthyayogāj jāyante
aus der Verbindung mit Vermögen/Nutzen (Abl.) entstehen (3.Pl.Med.)
mitrāṇi ripavas tathā
Freunde (Nom.Pl.), Feinde ebenso (Nom.Pl.)

yo yasmiñ jīvati svārthaṃ paśyet tāvat sa jīvati; sa tasya tāvan mitraṃ syād yāvan na syād viparyayaḥ

Wer in jemandes Leben seinen eigenen Vorteil sieht, der lebt [in dessen Gunst] so lange; er mag ihm Freund sein, solange keine Umkehr eintritt.

Wort für Wort
yo yasmiñ jīvati
wer (Nom.), wenn jener lebt (Lok.abs.)
svārthaṃ paśyet
eigenen Vorteil sähe (Akk.; 3.Sg.Opt.)
tāvat sa jīvati
so lange lebt er (3.Sg.Präs.)
sa tasya tāvan mitraṃ syād
er sei ihm so lange Freund (3.Sg.Opt.)
yāvan na syād viparyayaḥ
solange keine Umkehr eintritt (3.Sg.Opt.)

nāsti maitrī sthirā nāma na ca dhruvam asauhṛdam; arthayuktyā hi jāyante mitrāṇi ripavas tathā

Es gibt keine beständige Freundschaft dem Namen nach, und auch Nicht-Freundschaft ist nicht fest; je nach Verknüpfung mit dem Zweck entstehen Freunde und ebenso Feinde.

Wort für Wort
nāsti maitrī sthirā nāma
es gibt keine beständige Freundschaft (Nom.f.) dem Namen nach
na ca dhruvam asauhṛdam
und nicht fest Nicht-Freundschaft (Nom.n.)
arthayuktyā hi jāyante
denn durch Zweckverbindung (Instr.) entstehen (3.Pl.Med.)
mitrāṇi ripavas tathā
Freunde, Feinde ebenso (Nom.Pl.)

mitraṃ ca śatrutām eti kasmiṃś cit kālaparyaye; śatruś ca mitratām eti svārtho hi balavattaraḥ

Auch ein Freund wird zum Feind, in irgendeinem Wandel der Zeit, und ein Feind wird zum Freund; denn der eigene Vorteil ist stärker.

Wort für Wort
mitraṃ ca śatrutām eti
und ein Freund geht in Feindschaft über (Akk.; 3.Sg.Präs.)
kasmiṃś cit kālaparyaye
in irgendeinem Wandel der Zeit (Lok.)
śatruś ca mitratām eti
und ein Feind geht in Freundschaft über
svārtho hi balavattaraḥ
denn der eigene Vorteil ist stärker (Nom., Komp.)

yo viśvasati mitreṣu na cāśvasati śatruṣu; arthayuktim avijñāya calitaṃ tasya jīvitam

Wer Freunden traut und Feinden nicht vertraut, ohne den Zusammenhang mit dem Zweck zu erkennen, dessen Leben ist schwankend.

Wort für Wort
yo viśvasati mitreṣu
wer vertraut (3.Sg.Präs.) auf Freunde (Lok.Pl.)
na cāśvasati śatruṣu
und nicht Zutrauen fasst zu Feinden (Lok.Pl.)
arthayuktim avijñāya
die Zweckverbindung nicht erkannt habend (Akk.; Abs.)
calitaṃ tasya jīvitam
schwankend (Part.Pass.) sein Leben (Nom.n.)

arthayuktim avijñāya yaḥ śubhe kurute matim; mitre vā yadi vā śatrau tasyāpi calitā matiḥ

Wer, ohne den Zusammenhang mit dem Zweck zu erkennen, sein Herz auf [Wohl]wollen richtet, sei es gegenüber einem Freund oder einem Feind: auch dessen Sinn ist schwankend [?].

Wort für Wort
arthayuktim avijñāya
die Zweckverbindung nicht erkannt habend (Abs.)
yaḥ śubhe kurute matim
wer auf Gutes/Wohlwollen (Lok.) den Sinn richtet (3.Sg.Med.)
mitre vā yadi vā śatrau
sei es bei einem Freund oder bei einem Feind (Lok.)
tasyāpi calitā matiḥ
auch dessen Sinn schwankend (Nom.f.)

śubhe ist knapp; Lesart „auf Gutes/Wohlwollen“ wurde gewählt.

na viśvased aviśvaste viśvaste 'pi na viśvaset; viśvāsād bhayam utpannaṃ mūlāny api nikṛntati

Man soll dem nicht trauen, der nicht vertrauenswürdig ist, und auch dem Vertrauenswürdigen soll man nicht [blind] trauen; aus Vertrauen entstandene Gefahr schneidet sogar die Wurzeln ab.

Wort für Wort
na viśvased aviśvaste
man soll nicht vertrauen (3.Sg.Opt.) einem Nicht-Vertrauenswürdigen (Lok.)
viśvaste 'pi na viśvaset
auch einem Vertrauenswürdigen soll man nicht vertrauen
viśvāsād bhayam utpannam
aus Vertrauen (Abl.) Gefahr entstanden (Nom.n.)
mūlāny api nikṛntati
sogar die Wurzeln (Akk.) schneidet sie ab (3.Sg.Präs.)

arthayuktyā hi dṛśyante pitā mātā sutās tathā; mātulā bhāgineyāś ca tathā saṃbandhibāndhavāḥ

Durch Zweckverbindung nämlich erscheinen [einem] Vater, Mutter und ebenso Söhne, Mutterbrüder und Schwestersöhne sowie Verschwägerte und Verwandte [als zugehörig].

Wort für Wort
arthayuktyā hi dṛśyante
denn durch Zweckverbindung (Instr.) erscheinen/werden gesehen (3.Pl.Pass.)
pitā mātā sutās tathā
Vater, Mutter, Söhne ebenso (Nom.)
mātulā bhāgineyāś ca
Mutterbrüder und Schwestersöhne (Nom.Pl.)
tathā saṃbandhibāndhavāḥ
ebenso Verschwägerte und Verwandte (Nom.Pl.)

putraṃ hi mātāpitaru tyajataḥ patitaṃ priyam; loko rakṣati cātmānaṃ paśya svārthasya sāratām

Einen gefallenen Sohn, wenn auch lieb, verlassen Mutter und Vater; und die Welt schützt sich selbst. Sieh die Wesenskraft des Eigennutzes!

Wort für Wort
putraṃ hi mātāpitaru
den Sohn (Akk.), Mutter und Vater (Nom.Du.)
tyajataḥ patitaṃ priyam
verlassen (3.Du.Präs.) gefallenen, lieben (Akk.)
loko rakṣati cātmānam
und die Welt schützt sich selbst (3.Sg.Präs.; Akk.)
paśya svārthasya sāratām
sieh (Imp.) die Wesenskraft/Stärke des Eigennutzes (Gen.; Akk.f.)

taṃ manye nikṛtiprajñaṃ yo mokṣaṃ pratyanantaram; kṛtyaṃ mṛgayase kartuṃ sukhopāyam asaṃśayam

Den halte ich für einen von trügerischer Klugheit, der [du] unmittelbar nach der Befreiung ein Werk zu vollbringen suchst, das leicht auszuführen und ohne Zweifel [gelingt] [?].

Wort für Wort
taṃ manye nikṛtiprajñam
den halte ich (1.Sg.Präs.) für trügerisch klug (Bahuvrīhi, Akk.)
yo mokṣaṃ pratyanantaram
der(du) nach der Befreiung (Akk.) unmittelbar danach
kṛtyaṃ mṛgayase kartum
ein Werk (Akk.) suchst du (2.Sg.Präs.Med.) zu tun (Inf.)
sukhopāyam asaṃśayam
mit leichtem Mittel, zweifelsfrei (Akk.n.)

Person wechselt (yaḥ … mṛgayase); Wortlaut unsicher.

asmin nilaya eva tvaṃ nyagrodhād avatāritaḥ; pūrvaṃ niviṣṭam unmāthaṃ capalatvān na buddhavān

In diesem Bau eben wurdest du vom Feigenbaum herabgebracht; die früher gelegte Fangvorrichtung [?] hast du aus Unbeständigkeit nicht bemerkt.

Wort für Wort
asmin nilaya eva tvam
in diesem Bau (Lok.) eben du
nyagrodhād avatāritaḥ
vom Nyagrodha-Baum (Abl.) herabgebracht (Part.Pass. Nom.)
pūrvaṃ niviṣṭam unmātham
früher angebracht (Part.Pass.) Fang-/Rüttelvorrichtung (Akk.)
capalatvān na buddhavān
aus Unbeständigkeit (Abl.) hast nicht erkannt (Part.Perf.Akt.)

unmātha ist unsicher; hier als Falle/Schlinge gedeutet.

ātmanaś capalo nāsti kuto 'nyeṣāṃ bhaviṣyati; tasmāt sarvāṇi kāryāṇi capalo hanty asaṃśayam

Für sich selbst ist keiner unbeständig; woher [sollte er es] bei anderen sein? Darum vernichtet der Unbeständige ohne Zweifel alle Vorhaben.

Wort für Wort
ātmanaś capalo nāsti
für sich selbst (Gen.) ein Unbeständiger (Nom.) ist nicht
kuto 'nyeṣāṃ bhaviṣyati
woher wird er bei anderen (Gen.Pl.) sein (3.Sg.Fut.)
tasmāt sarvāṇi kāryāṇi
darum alle Vorhaben (Akk.Pl.)
capalo hanty asaṃśayam
der Unbeständige (Nom.) vernichtet (3.Sg.Präs.) zweifellos

bravīti madhuraṃ kaṃ cit priyo me ha bhavān iti; tan mithyākaraṇaṃ sarvaṃ vistareṇāpi me śṛṇu

Mancher spricht süß: „Du bist mir gewiss lieb.“ Das alles ist Trug; höre es von mir auch ausführlich.

Wort für Wort
bravīti madhuraṃ kaṃ cit
es spricht süß (Adv.) irgendeiner (Nom.)
priyo me ha bhavān iti
„lieb mir wahrlich bist du“ (Nom.), so
tan mithyākaraṇaṃ sarvam
dies alles ein Trugwerk (Nom.n.)
vistareṇāpi me śṛṇu
auch ausführlich (Instr.) von mir höre (Imp.)

kāraṇāt priyatām eti dveṣyo bhavati kāraṇāt; arthārthī jīvaloko 'yaṃ na kaś cit kasya cit priyaḥ

Aus einem Grund wird man lieb, aus einem Grund wird man verhasst; nach Nutzen strebend ist diese Lebewesenwelt, keiner ist irgendwem lieb.

Wort für Wort
kāraṇāt priyatām eti
aus einem Grund (Abl.) geht in Liebsein über (3.Sg.Präs.)
dveṣyo bhavati kāraṇāt
verhasst wird er aus einem Grund
arthārthī jīvaloko 'yam
nach Nutzen strebend (Nom.) diese Welt der Lebenden
na kaś cit kasya cit priyaḥ
keiner (Nom.) für irgendwen (Gen.) lieb

sakhyaṃ sodarayor bhrātror daṃpatyor vā parasparam; kasya cin nābhijānāmi prītiṃ niṣkāraṇām iha

Freundschaft zwischen leiblichen Brüdern oder zwischen Ehepaaren untereinander: bei niemandem kenne ich hier grundlose Zuneigung.

Wort für Wort
sakhyaṃ sodarayor bhrātror
Freundschaft (Nom.) zwischen leiblichen Brüdern (Gen.Du.)
daṃpatyor vā parasparam
oder zwischen Ehepaar (Gen.Du.) einander
kasya cin nābhijānāmi
bei keinem (Gen.) kenne ich nicht → kenne ich (1.Sg.)
prītiṃ niṣkāraṇām iha
Zuneigung (Akk.) grundlos (Akk.f.) hier

yady api bhrātaraḥ kruddhā bhāryā vā kāraṇāntare; svabhāvatas te prīyante netaraḥ prīyate janaḥ

Selbst wenn Brüder oder die Gattin aus anderem Grund zornig sind, so werden sie doch von Natur aus [wieder] geliebt; ein anderer Mensch wird nicht geliebt.

Wort für Wort
yady api bhrātaraḥ kruddhā
selbst wenn Brüder zornig (Nom.Pl.)
bhāryā vā kāraṇāntare
oder die Gattin, aus anderem Grund (Lok.)
svabhāvatas te prīyante
von Natur aus werden sie geliebt (3.Pl.Pass.)
netaraḥ prīyate janaḥ
nicht ein anderer Mensch wird geliebt (3.Sg.Pass.)

priyo bhavati dānena priyavādena cāparaḥ; mantrahomajapair anyaḥ kāryārthaṃ prīyate janaḥ

Der eine wird durch Geben lieb, ein anderer durch freundliche Rede, wieder andere durch Mantras, Opfergüsse und Murmelgebete; um des Zweckes willen wird man geliebt.

Wort für Wort
priyo bhavati dānena
lieb wird man durch Geben (Instr.)
priyavādena cāparaḥ
und ein anderer durch freundliches Reden (Instr.)
mantrahomajapair anyaḥ
ein weiterer durch Mantras, Opfer, Gemurmel (Instr.Pl.)
kāryārthaṃ prīyate janaḥ
um des Zwecks willen wird der Mensch geliebt (3.Sg.Pass.)

utpanne kāraṇe prītir nāsti nau kāraṇāntare; pradhvaste kāraṇasthāne sā prītir vinivartate

Ist ein Grund entstanden, so ist da Zuneigung; bei einem anderen Grund haben wir beide sie nicht; ist der Bestand des Grundes zerstört, so schwindet jene Zuneigung.

Wort für Wort
utpanne kāraṇe prītir
wenn der Grund entstanden ist (Lok.abs.), Zuneigung (Nom.)
nāsti nau kāraṇāntare
sie ist nicht bei uns beiden (Gen.Du.) bei anderem Grund (Lok.)
pradhvaste kāraṇasthāne
wenn der Ort/Bestand des Grundes zerstört ist (Lok.abs.)
sā prītir vinivartate
jene Zuneigung kehrt zurück/schwindet (3.Sg.Präs.Med.)

nau kann auch als „unsere“ gelesen werden; Zeile 1–2 knapp.

kiṃ nu tat kāraṇaṃ manye yenāhaṃ bhavataḥ priyaḥ; anyatrābhyavahārārthāt tatrāpi ca budhā vayam

Was für ein Grund [besteht] wohl, meine ich, weshalb ich dir lieb bin? Außer zum Zwecke des Verzehrens: auch darin sind wir [beide] kundig.

Wort für Wort
kiṃ nu tat kāraṇaṃ manye
welcher wohl jener Grund, meine ich (1.Sg.)
yenāhaṃ bhavataḥ priyaḥ
wodurch ich dir (Gen.) lieb bin
anyatrābhyavahārārthāt
außer aus dem Zweck des Verzehrens (Abl.)
tatrāpi ca budhā vayam
und auch darin kundig (Nom.Pl.) wir

kālo hetuṃ vikurute svārthas tam anuvartate; svārthaṃ prājño 'bhijānāti prājñaṃ loko 'nuvartate

Die Zeit wandelt den Grund um, der Eigennutz folgt ihm; der Kluge erkennt den Eigennutz, [und] den Klugen befolgt die Welt.

Wort für Wort
kālo hetuṃ vikurute
die Zeit (Nom.) den Grund (Akk.) verändert (3.Sg.Med.)
svārthas tam anuvartate
der Eigennutz folgt ihm (3.Sg.Med.)
svārthaṃ prājño 'bhijānāti
den Eigennutz erkennt der Kluge (3.Sg.Präs.)
prājñaṃ loko 'nuvartate
dem Klugen folgt die Welt (3.Sg.Med.)

na tv īdṛśaṃ tvayā vācyaṃ viduṣi svārthapaṇḍite; akāle 'viṣamasthasya svārthahetur ayaṃ tava

Doch dergleichen sollst du nicht sagen, [du] Kundiger, in Eigennutz Gelehrter; zur Unzeit [sagst du es] einem nicht in Bedrängnis Befindlichen: dies ist dein Eigennutzgrund [?].

Wort für Wort
na tv īdṛśaṃ tvayā vācyam
nicht aber solches ist von dir zu sagen (Gerundiv)
viduṣi svārthapaṇḍite
[zu] dem Kundigen, im Eigennutz Gelehrten (Lok.)
akāle 'viṣamasthasya
zur Unzeit, [zu] einem nicht in Bedrängnis Stehenden (Gen.)
svārthahetur ayaṃ tava
dies ist dein Eigennutzgrund (Nom.)

Syntax der zweiten Zeile unsicher.

tasmān nāhaṃ cale svārthāt susthitaḥ saṃdhivigrahe; abhrāṇām iva rūpāṇi vikurvanti kṣaṇe kṣaṇe

Darum weiche ich nicht von meinem Eigennutz ab, fest stehend in Frieden und Krieg; wie Wolkengestalten verwandeln sie sich von Augenblick zu Augenblick.

Wort für Wort
tasmān nāhaṃ cale svārthāt
darum weiche ich nicht ab (1.Sg.Präs.) vom Eigennutz (Abl.)
susthitaḥ saṃdhivigrahe
fest stehend (Nom.) in Frieden und Krieg (Lok.)
abhrāṇām iva rūpāṇi
wie die Gestalten der Wolken (Gen.Pl.; Akk.Pl.)
vikurvanti kṣaṇe kṣaṇe
sie verwandeln sich (3.Pl.) von Augenblick zu Augenblick (Lok.)

adyaiva hi ripur bhūtvā punar adyaiva sauhṛdam; punaś ca ripur adyaiva yuktīnāṃ paśya cāpalam

Heute eben erst Feind geworden, dann heute eben [wieder] Freundschaft, und wieder heute eben Feind: sieh die Unbeständigkeit der Berechnungen!

Wort für Wort
adyaiva hi ripur bhūtvā
heute eben, Feind geworden (Abs.)
punar adyaiva sauhṛdam
wieder heute eben Freundschaft (Nom.n.)
punaś ca ripur adyaiva
und wieder heute eben Feind
yuktīnāṃ paśya cāpalam
der Berechnungen/Fügungen (Gen.Pl.) sieh die Unbeständigkeit (Akk.)

āsīt tāvat tu maitrī nau yāvad dhetur abhūt purā; sā gatā saha tenaiva kālayuktena hetunā

Unsere Freundschaft bestand so lange, wie früher der Grund da war; sie ist mit eben diesem durch die Zeit bedingten Grund dahingegangen.

Wort für Wort
āsīt tāvat tu maitrī nau
es bestand so lange Freundschaft (Nom.) zwischen uns beiden (Gen.Du.)
yāvad dhetur abhūt purā
solange der Grund war (Aor.) früher
sā gatā saha tenaiva
sie ist gegangen (Part.Pass.) mit eben jenem
kālayuktena hetunā
mit dem zeitgebundenen Grund (Instr.)

tvaṃ hi me 'tyantataḥ śatruḥ sāmarthyān mitratāṃ gataḥ; tat kṛtyam abhinirvṛttaṃ prakṛtiḥ śatrutāṃ gatā

Du bist mir ja von Grund auf Feind, durch [deine] Fähigkeit zum Freund geworden; jenes Werk ist vollbracht, [meine] Natur ist [wieder] zur Feindschaft gelangt.

Wort für Wort
tvaṃ hi me 'tyantataḥ śatruḥ
du bist mir ja durch und durch Feind
sāmarthyān mitratāṃ gataḥ
durch Fähigkeit/Nutzen (Abl.) zur Freundschaft gelangt (Part.Pass.)
tat kṛtyam abhinirvṛttam
jenes Werk vollendet (Part.Pass.)
prakṛtiḥ śatrutāṃ gatā
die [Grund-]Natur zur Feindschaft gelangt (Nom.f.)

prakṛti hier als ursprüngliche Natur des Verhältnisses gedeutet.

so 'ham evaṃ praṇītāni jñātvā śāstrāṇi tattvataḥ; praviśeyaṃ kathaṃ pāśaṃ tvatkṛtaṃ tad vadasva me

So [beschaffen] ich, der ich die so dargelegten Lehrschriften der Wahrheit nach kenne: wie sollte ich in die von dir gelegte Schlinge treten? Sag mir das.

Wort für Wort
so 'ham evaṃ praṇītāni
ich, der so (Nom.), so dargelegte (Part.Pass. Akk.Pl.)
jñātvā śāstrāṇi tattvataḥ
erkannt habend (Abs.) die Lehrschriften (Akk.) der Wahrheit gemäß
praviśeyaṃ kathaṃ pāśam
wie sollte ich eintreten (1.Sg.Opt.) in die Schlinge (Akk.)
tvatkṛtaṃ tad vadasva me
von dir gemacht (Akk.); das sag (Imp.) mir

tvadvīryeṇa vimukto 'haṃ madvīryeṇa tathā bhavān; anyonyānugrahe vṛtte nāsti bhūyaḥ samāgamaḥ

Durch deine Kraft bin ich befreit, ebenso du durch meine; da die gegenseitige Gefälligkeit geschehen ist, gibt es kein weiteres Zusammentreffen.

Wort für Wort
tvadvīryeṇa vimukto 'ham
durch deine Kraft (Instr.) befreit (Nom.) ich
madvīryeṇa tathā bhavān
durch meine Kraft ebenso du
anyonyānugrahe vṛtte
bei gegenseitiger Gunst (Lok.), erfolgt (Lok.abs.)
nāsti bhūyaḥ samāgamaḥ
es gibt nicht weiteres Zusammentreffen (Nom.)

tvaṃ hi saumya kṛtārtho 'dya nirvṛttārthās tathā vayam; na te 'sty anyan mayā kṛtyaṃ kiṃ cid anyatra bhakṣaṇāt

Du, Guter, hast ja heute dein Ziel erreicht, und wir ebenso unser Ziel vollendet; du hast an mir nichts anderes zu tun, außer zum Fressen.

Wort für Wort
tvaṃ hi saumya kṛtārtho 'dya
du ja, Guter, hast dein Ziel erreicht heute
nirvṛttārthās tathā vayam
mit vollendetem Zweck (Nom.Pl.) ebenso wir
na te 'sty anyan mayā kṛtyam
nicht ist für dich etwas anderes mit mir zu tun (Nom.n.)
kiṃ cid anyatra bhakṣaṇāt
irgendetwas außer zum Fressen (Abl.)

aham annaṃ bhavān bhoktā durbalo 'haṃ bhavān balī; nāvayor vidyate saṃdhir niyukte viṣame bale

Ich bin die Speise, du der Esser; ich bin schwach, du bist stark; zwischen uns beiden gibt es kein Bündnis, [da] die Kraft ungleich [verteilt] ist.

Wort für Wort
aham annaṃ bhavān bhoktā
ich Speise (Nom.), du Esser (Nom.)
durbalo 'haṃ bhavān balī
schwach ich, du stark
nāvayor vidyate saṃdhir
zwischen uns beiden gibt es nicht (Gen.Du.) ein Bündnis
niyukte viṣame bale
da die Kraft ungleich eingesetzt/bestellt ist (Lok.abs.)

saṃmanye 'haṃ tava prajñāṃ yan mokṣāt pratyanantaram; bhakṣyaṃ mṛgayase nūnaṃ sukhopāyam asaṃśayam

Ich bewundere deine Klugheit, dass du unmittelbar nach der Befreiung Fressbares suchst, leicht zu erlangen und zweifellos.

Wort für Wort
saṃmanye 'haṃ tava prajñām
ich schätze (1.Sg.Präs.) deine Klugheit (Akk.)
yan mokṣāt pratyanantaram
dass unmittelbar nach der Befreiung (Abl.)
bhakṣyaṃ mṛgayase nūnam
Fressbares suchst du (2.Sg.) gewiss
sukhopāyam asaṃśayam
mit leichtem Mittel, zweifelsfrei (Akk.n.)

Ironisch gemeint.

bhakṣyārtham eva baddhas tvaṃ sa muktaḥ prasṛtaḥ kṣudhā; śāstrajñam abhisaṃdhāya nūnaṃ bhakṣayitādya mām

Nur zum Fressen wurdest du gebunden; nun gelöst, bist du vom Hunger vorwärtsgetrieben; gewiss wirst du mich heute fressen, [da du] auf mich Schriftkundigen abzielst.

Wort für Wort
bhakṣyārtham eva baddhas tvam
nur zum Fressen gebunden (Part.Pass.) du
sa muktaḥ prasṛtaḥ kṣudhā
er, gelöst, vorgedrungen durch Hunger (Instr.)
śāstrajñam abhisaṃdhāya
auf den Schriftkundigen abzielend (Abs.)
nūnaṃ bhakṣayitādya mām
gewiss wirst du fressen (Fut.) heute mich

jānāmi kṣudhitaṃ hi tvām āhārasamayaś ca te; sa tvaṃ mām abhisaṃdhāya bhakṣyaṃ mṛgayase punaḥ

Ich weiß ja, dass du hungrig bist und dass deine Essenszeit [gekommen ist]; du nimmst mich ins Auge und suchst wieder Fressbares.

Wort für Wort
jānāmi kṣudhitaṃ hi tvām
ich weiß ja, dass du hungrig (Akk.) bist
āhārasamayaś ca te
und deine Essenszeit (Nom.)
sa tvaṃ mām abhisaṃdhāya
du, mich ins Auge fassend (Abs.)
bhakṣyaṃ mṛgayase punaḥ
Fressbares suchst du wieder (2.Sg.)

yac cāpi putradāraṃ svaṃ tat saṃnisṛjase mayi; śuśrūṣāṃ nāma me kartuṃ sakhe mama na tatkṣamam

Und dass du deine Söhne und Frau mir zur Verfügung stellst, um mir zu dienen, Freund: das ist für mich nicht angemessen [?].

Wort für Wort
yac cāpi putradāraṃ svam
und dass [du] Söhne und Frau, die eigenen (Akk.)
tat saṃnisṛjase mayi
das überlässt du (2.Sg.Med.) mir (Lok.)
śuśrūṣāṃ nāma me kartum
Dienst (Akk.) sozusagen mir zu leisten (Inf.)
sakhe mama na tatkṣamam
Freund, mir ist das nicht angemessen (Nom.n.)

Sinn der zweiten Zeile unsicher.

tvayā māṃ sahitaṃ dṛṣṭvā priyā bhāryā sutāś ca ye; kasmān māṃ te na khādeyur hṛṣṭāḥ praṇayinas tvayi

Sähen mich deine liebe Gattin und deine Söhne zusammen mit dir, warum sollten sie mich nicht fressen, erfreut und dir zugetan?

Wort für Wort
tvayā māṃ sahitaṃ dṛṣṭvā
mich mit dir zusammen (Akk.) gesehen habend (Abs.)
priyā bhāryā sutāś ca ye
die liebe Gattin und die Söhne, welche
kasmān māṃ te na khādeyur
warum sollten sie mich nicht fressen (3.Pl.Opt.)
hṛṣṭāḥ praṇayinas tvayi
erfreut, dir zugetan (Nom.Pl.; Lok.)

nāhaṃ tvayā sameṣyāmi vṛtto hetuḥ samāgame; śivaṃ dhyāyasva me 'trasthaḥ sukṛtaṃ smaryate yadi

Ich werde nicht mit dir zusammenkommen; der Grund für das Zusammensein ist erloschen. Denke von dort, wo du bist, Heil auf mich, wenn [dir] eine gute Tat in Erinnerung ist.

Wort für Wort
nāhaṃ tvayā sameṣyāmi
ich werde nicht mit dir zusammenkommen (1.Sg.Fut.)
vṛtto hetuḥ samāgame
der Grund ist geschehen/abgelaufen (Part.Pass.) bei der Zusammenkunft (Lok.)
śivaṃ dhyāyasva me 'trasthaḥ
Heil denke (Imp.Med.) mir, hier befindlich [?]
sukṛtaṃ smaryate yadi
wenn eine gute Tat erinnert wird (3.Sg.Pass.)

me 'trasthaḥ: Bezug unklar (dort/hier befindlich).

śatror annādyabhūtaḥ san kliṣṭasya kṣudhitasya ca; bhakṣyaṃ mṛgayamāṇasya kaḥ prājño viṣayaṃ vrajet

Welcher Kluge würde in den Machtbereich eines Feindes gehen, [wenn er] zur Nahrung des Feindes geworden ist, [eines Feindes,] der geplagt und hungrig Fressbares sucht?

Wort für Wort
śatror annādyabhūtaḥ san
zur Speise des Feindes (Gen.) geworden seiend (Part.Präs.)
kliṣṭasya kṣudhitasya ca
des geplagten und des hungrigen (Gen.)
bhakṣyaṃ mṛgayamāṇasya
des Fressbares Suchenden (Part.Präs.Med. Gen.)
kaḥ prājño viṣayaṃ vrajet
welcher Kluge würde in den Bereich gehen (3.Sg.Opt.)

svasti te 'stu gamiṣyāmi dūrād api tavodvije; nāhaṃ tvayā sameṣyāmi nirvṛto bhava lomaśa

Heil dir! Ich werde gehen; auch aus der Ferne schrecke ich vor dir zurück. Ich werde nicht mit dir zusammenkommen; sei zufrieden, Lomaśa.

Wort für Wort
svasti te 'stu gamiṣyāmi
Heil dir sei (3.Sg.Imp.); ich werde gehen (1.Sg.Fut.)
dūrād api tavodvije
auch aus der Ferne (Abl.) vor dir schrecke ich zurück (1.Sg.Med.)
nāhaṃ tvayā sameṣyāmi
ich werde nicht mit dir zusammenkommen
nirvṛto bhava lomaśa
sei zufrieden (Imp.), Lomaśa (Vok.)

yadi tvaṃ sukṛtaṃ vetsi tatsakhyam anusāraya; viśvastaṃ vā pramattaṃ vā etad eva kṛtaṃ bhavet

Wenn du eine gute Tat [von mir] kennst, so lass jene Freundschaft [danach] fortwirken; ob vertrauend oder unachtsam: eben dies wäre getan [?].

Wort für Wort
yadi tvaṃ sukṛtaṃ vetsi
wenn du eine gute Tat kennst (2.Sg.Präs.)
tatsakhyam anusāraya
jene Freundschaft lass nachfolgen/fortwirken (Kaus.Imp.)
viśvastaṃ vā pramattaṃ vā
vertrauend oder unachtsam (Akk.)
etad eva kṛtaṃ bhavet
eben dies wäre getan (3.Sg.Opt.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; Sinn unsicher.

balavat saṃnikarṣo hi na kadā cit praśasyate; praśāntād api me prājña bhetavyaṃ balinaḥ sadā

Die Nähe zu einem Mächtigen wird zu keiner Zeit gebilligt; auch vor einem Friedfertigen, Kluger, muss ich mich stets vor dem Starken fürchten.

Wort für Wort
balavat saṃnikarṣo hi
Nähe zu einem Starken (Nom.) ja
na kadā cit praśasyate
wird zu keiner Zeit gepriesen (3.Sg.Pass.)
praśāntād api me prājña
auch vor einem Beruhigten, mir (Gen.), Kluger (Vok.)
bhetavyaṃ balinaḥ sadā
zu fürchten ist [von mir] der Starke (Abl.) stets (Gerundiv)

yadi tv arthena me kāryaṃ brūhi kiṃ karavāṇi te; kāmaṃ sarvaṃ pradāsyāmi na tv ātmānaṃ kadā cana

Wenn du aber mit [meinem] Besitz etwas erreichen willst, sag, was ich für dich tun soll; nach Wunsch werde ich alles geben, niemals aber mich selbst.

Wort für Wort
yadi tv arthena me kāryam
wenn aber mit Besitz (Instr.) mir [dir?] etwas zu tun ist
brūhi kiṃ karavāṇi te
sag (Imp.), was soll ich dir tun (1.Sg.Konj.)
kāmaṃ sarvaṃ pradāsyāmi
nach Wunsch alles werde ich geben (1.Sg.Fut.)
na tv ātmānaṃ kadā cana
nicht aber mich selbst jemals (Akk.)

ātmārthe saṃtatis tyājyā rājyaṃ ratnaṃ dhanaṃ tathā; api sarvasvam utsṛjya rakṣed ātmānam ātmanā

Um seiner selbst willen ist Nachkommenschaft aufzugeben, Reich, Juwel und Reichtum ebenso; selbst alles Besitzes entäußert, soll man sich selbst durch sich selbst schützen.

Wort für Wort
ātmārthe saṃtatis tyājyā
um des Selbst willen (Lok.) Nachkommenschaft aufzugeben (Gerundiv f.)
rājyaṃ ratnaṃ dhanaṃ tathā
Reich, Juwel, Reichtum ebenso (Nom.)
api sarvasvam utsṛjya
selbst alles Eigentum aufgegeben habend (Abs.)
rakṣed ātmānam ātmanā
man soll schützen (3.Sg.Opt.) das Selbst (Akk.) durch sich (Instr.)

aiśvaryadhanaratnānāṃ pratyamitre 'pi tiṣṭhatām; dṛṣṭā hi punar āvṛttir jīvatām iti naḥ śrutam

Herrschaft, Reichtum und Juwelen, [auch] wenn sie beim Gegner bleiben: eine Rückkehr wurde bei Lebenden gesehen, so haben wir gehört.

Wort für Wort
aiśvaryadhanaratnānām
von Herrschaft, Reichtum und Juwelen (Gen.Pl.)
pratyamitre 'pi tiṣṭhatām
auch wenn sie beim Gegner (Lok.) bleiben (Part.Präs. Gen.Pl.)
dṛṣṭā hi punar āvṛttir
gesehen ja wurde Wiederkehr (Nom.f.)
jīvatām iti naḥ śrutam
bei Lebenden (Gen.Pl.), so von uns gehört (Part.Pass.)

na tv ātmanaḥ saṃpradānaṃ dhanaratnavad iṣyate; ātmā tu sarvato rakṣyo dārair api dhanair api

Die Hingabe seiner selbst aber wird nicht wie [die von] Reichtum und Juwelen gebilligt; das Selbst ist vor allem zu schützen, auch [mehr] als Frauen und Reichtümer.

Wort für Wort
na tv ātmanaḥ saṃpradānam
nicht aber die Hingabe des Selbst (Gen.; Nom.n.)
dhanaratnavad iṣyate
wie bei Reichtum und Juwelen (Adv.) wird gewünscht/gebilligt (3.Sg.Pass.)
ātmā tu sarvato rakṣyo
das Selbst aber ist von allen Seiten zu schützen (Gerundiv)
dārair api dhanair api
auch durch Frauen, auch durch Reichtümer (Instr.Pl.) [d.h. selbst um den Preis von]

dārair api dhanair api: Instr. „selbst mit/um den Preis von Frauen und Reichtümern“.

ātmarakṣitatantrāṇāṃ suparīkṣitakāriṇām; āpado nopapadyante puruṣāṇāṃ svadoṣajāḥ

Bei Männern, deren Regierung auf Selbstschutz beruht und die nach guter Prüfung handeln, treten Unglücksfälle, aus eigenen Fehlern geboren, nicht ein.

Wort für Wort
ātmarakṣitatantrāṇām
von denen, deren Ordnung im Selbstschutz besteht (Bahuvrīhi Gen.Pl.)
suparīkṣitakāriṇām
von gut geprüft Handelnden (Gen.Pl.)
āpado nopapadyante
Unglücke treten nicht ein (3.Pl.Med.)
puruṣāṇāṃ svadoṣajāḥ
bei Männern (Gen.Pl.), aus eigenen Fehlern geboren (Nom.Pl.f.)

śatrūn samyag vijānanti durbalā ye balīyasaḥ

Die Schwachen, die [es mit] Stärkeren [zu tun haben], erkennen die Feinde recht;

Wort für Wort
śatrūn samyag vijānanti
die Feinde recht erkennen sie (Akk.Pl./Adv./3.Pl.Präs.)
durbalā ye balīyasaḥ
die Schwachen, die [gegenüber] Stärkeren [stehen] (Nom.Pl./Rel./Abl.Sg. o. Gen.Sg. Komp.) [?]

Der Vers setzt den Satz aus 136.174 fort; die Beziehung von balīyasaḥ ist knapp.

śaṅkanīyaḥ sa sarvatra priyam apy ācaran sadā; kulajānāṃ sumitrāṇāṃ dhārmikāṇāṃ mahātmanām

Wer überall Argwohn erregt, selbst wenn er stets Freundliches tut, [der ist verdächtig] bei edelgeborenen, guten Freunden, Rechtschaffenen und Großgesinnten.

Wort für Wort
śaṅkanīyaḥ sa sarvatra
er ist überall verdächtig (Nom.Sg.m., Gerundiv)
priyam apy ācaran sadā
auch wenn er stets Liebes tut (Akk.Sg.n./Part.Präs.Nom.Sg.)
kulajānāṃ sumitrāṇām
bei Edelgeborenen, guten Freunden (Gen./Lok.-Sinn, Pl.)
dhārmikāṇāṃ mahātmanām
bei Rechtschaffenen, Großgesinnten (Gen.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, syntaktisch locker; Ergänzung sinngemäß, unsicher.

teṣāṃ na cālyate buddhir ātmārthaṃ kṛtaniścayā

Deren Verstand, der sich zum eigenen Nutzen entschieden hat, wird nicht ins Wanken gebracht.

Wort für Wort
teṣāṃ na cālyate buddhiḥ
deren Verstand wird nicht bewegt (Gen.Pl./Nom.Sg.f./3.Sg.Pass.)
ātmārthaṃ kṛtaniścayā
auf das eigene Wohl mit gefasstem Entschluss (Adv./Nom.Sg.f. Bahuvrīhi)

ity abhivyaktam evāsau palitenāvabhartsitaḥ; mārjāro vrīḍito bhūtvā mūṣakaṃ vākyam abravīt

So [von ihm] offen [angesprochen] und vom Palita zurechtgewiesen, wurde der Kater beschämt und sprach zur Maus die Worte:

Wort für Wort
ity abhivyaktam evāsau
so offen fürwahr er (Adv./Nom.Sg.m.)
palitenāvabhartsitaḥ
von Palita zurechtgewiesen (Instr.Sg./Part.Pass.Nom.Sg.)
mārjāro vrīḍito bhūtvā
der Kater, beschämt geworden (Nom.Sg./Part.Pass./Abs.)
mūṣakaṃ vākyam abravīt
zur Maus das Wort sprach er (Akk.Sg./Akk.Sg./3.Sg.Impf.)

lomaśa uvāca; satyaṃ śape tvayāhaṃ vai mitradroho vigarhitaḥ

Lomaśa sprach: „Ich schwöre bei der Wahrheit: Verrat an einem Freund wird von mir als tadelnswert angesehen.

Wort für Wort
lomaśa uvāca
Lomaśa sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
satyaṃ śape tvayāhaṃ vai
ich schwöre bei der Wahrheit, dir gegenüber wahrlich (Akk.Sg./1.Sg.Präs./Instr.)
mitradroho vigarhitaḥ
Freundesverrat ist verachtenswert (Nom.Sg.m./Part.Pass.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Sprecherangabe Lomaśa (Katzenname) in der Zusatzpassage; Deutung von tvayā [?] unsicher.

satāṃ saptapadaṃ mitraṃ kathaṃ tvaṃ māṃ na viśvaseḥ

Freundschaft der Guten [entsteht schon nach] sieben Schritten; warum vertraust du mir nicht?“

Wort für Wort
satāṃ saptapadaṃ mitram
der Guten sieben-Schritt-[Freundschaft], Freund (Gen.Pl./Nom.Sg.n.)
kathaṃ tvaṃ māṃ na viśvaseḥ
wie kannst du mir nicht vertrauen (Adv./2.Sg.Opt.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

saṃmanye 'haṃ tava prajñāṃ yas tvaṃ mama hite rataḥ; uktavān arthatattvena mayā saṃbhinnadarśanaḥ

„Ich achte deine Klugheit, da du auf mein Wohl bedacht bist; du hast die Sache dem wahren Wesen nach dargelegt, mit [dem] von mir [ausgehenden] durchdringenden Blick [?].

Wort für Wort
saṃmanye 'haṃ tava prajñām
ich schätze deine Einsicht (1.Sg.Präs./Akk.Sg.f.)
yas tvaṃ mama hite rataḥ
da du auf mein Wohl bedacht bist (Rel.Nom./Loc.Sg.n./Part.Nom.Sg.)
uktavān arthatattvena
du hast gesagt gemäß dem Wesen der Sache (Part.Perf.Akt./Instr.)
mayā saṃbhinnadarśanaḥ
von mir, mit dem Einblick eingeschätzt (Instr.Sg./Nom.Sg.m.)

Zweiter Halbvers syntaktisch schwierig; Wiedergabe unsicher.

na tu mām anyathā sādho tvaṃ vijñātum ihārhasi; prāṇapradānajaṃ tvatto mama sauhṛdam āgatam

Doch darfst du mich nicht anders einschätzen, du Guter: Aus dir ist mir, [da du mir] das Leben schenktest, Freundschaft erwachsen.

Wort für Wort
na tu mām anyathā sādho
doch mich nicht anders, du Guter (Akk./Adv./Vok.)
tvaṃ vijñātum ihārhasi
du solltest erkennen hier (Inf./2.Sg.Präs.)
prāṇapradānajaṃ tvattaḥ
aus Lebensgabe geboren, von dir (Nom.Sg.n./Abl.)
mama sauhṛdam āgatam
mir Freundschaft gekommen (Gen./Nom.Sg.n./Part.)

dharmajño 'smi guṇajño 'smi kṛtajño 'smi viśeṣataḥ; mitreṣu vatsalaś cāsmi tvadvidheṣu viśeṣataḥ

Ich bin des Rechts kundig, ich kenne die Tugenden, ich bin besonders dankbar, und ich bin zärtlich gegenüber Freunden, besonders gegenüber solchen wie dir.

Wort für Wort
dharmajño 'smi guṇajño 'smi
Rechtskenner bin ich, Tugendkenner bin ich (Nom.Sg./1.Sg.Präs.)
kṛtajño 'smi viśeṣataḥ
dankbar bin ich besonders (Nom.Sg./Adv.)
mitreṣu vatsalaś cāsmi
und Freunden zugetan bin ich (Lok.Pl./Nom.Sg.)
tvadvidheṣu viśeṣataḥ
gerade bei deinesgleichen (Lok.Pl./Adv.)

tan mām evaṃgate sādho na yāvayitum arhasi; tvayā hi yāvyamāno 'haṃ prāṇāñ jahyāṃ sabāndhavaḥ

Darum, du Guter, sollst du mich, da es so steht, nicht abweisen; denn wenn du mich abweist, gebe ich samt meinen Verwandten das Leben auf.

Wort für Wort
tan mām evaṃgate sādho
darum mich, da es so steht, du Guter (Adv./Akk./Lok.abs./Vok.)
na yāvayitum arhasi
abweisen sollst du nicht (Inf.Kaus./2.Sg.)
tvayā hi yāvyamāno 'ham
denn von dir abgewiesen, ich (Instr./Part.Pass.Nom.)
prāṇāñ jahyāṃ sabāndhavaḥ
das Leben würde ich aufgeben samt Verwandten (Akk.Pl./1.Sg.Opt./Nom.Sg.)

dhik śabdo hi budhair dṛṣṭo madvidheṣu manasviṣu; maraṇaṃ dharmatattvajña na māṃ śaṅkitum arhasi

Denn ‚Pfui!‘, [dieser] Ausruf ist von Weisen bei Hochgesinnten wie mir gesehen worden; [schon] der Tod [ist besser], du Kenner des Wesens des Rechts, als dass du mich verdächtigst.

Wort für Wort
dhik śabdo hi budhair dṛṣṭaḥ
‚Pfui‘-Laut von Weisen gesehen (Nom.Sg.m./Instr.Pl./Part.Pass.)
madvidheṣu manasviṣu
bei Hochgesinnten wie mir (Lok.Pl.)
maraṇaṃ dharmatattvajña
der Tod [ist besser], Kenner des Rechtswesens (Nom.Sg.n./Vok.)
na māṃ śaṅkitum arhasi
mich verdächtigen sollst du nicht (Inf./2.Sg.Präs.)

Ergänzung [ist besser] nach dem Sinn; Konstruktion elliptisch.

iti saṃstūyamāno hi mārjāreṇa sa mūṣakaḥ; manasā bhāvagambhīraṃ mārjāraṃ vākyam abravīt

So vom Kater gepriesen, sprach jene Maus mit tiefgründiger Gesinnung zum Kater die Worte:

Wort für Wort
iti saṃstūyamāno hi
so gepriesen (Part.Pass.Nom.Sg.)
mārjāreṇa sa mūṣakaḥ
vom Kater die Maus (Instr./Nom.Sg.)
manasā bhāvagambhīram
im Geist mit tiefem Sinn (Instr./Adv. Komp.)
mārjāraṃ vākyam abravīt
zum Kater das Wort sprach (Akk./Akk./3.Sg.Impf.)

sādhur bhavāñ śrutārtho 'smi prīyate na ca viśvase; saṃstavair vā dhanaughair vā nāhaṃ śakyaḥ punas tvayā

„Du bist gut, ich habe [deine] Worte gehört; ich freue mich, aber ich vertraue nicht; weder durch Lobpreisungen noch durch Fluten von Reichtum bin ich [von dir] wieder [zu gewinnen].

Wort für Wort
sādhur bhavān
gut seid Ihr (Nom.Sg.m./Nom.Sg.m.)
śrutārtho 'smi prīyate na ca viśvase
ich habe den Sinn gehört; es freut sich, aber ich vertraue nicht (Nom./1.Sg./Pass.3.Sg./1.Sg.Präs.)
saṃstavair vā dhanaughair vā
durch Lobreden oder Reichtumsfluten (Instr.Pl.)
nāhaṃ śakyaḥ punas tvayā
ich bin nicht [zu gewinnen] wieder von dir (1.Sg./Gerundiv/Adv./Instr.)

prīyate unpersönlich/verkürzt; Ergänzung [zu gewinnen] sinngemäß.

na hy amitravaśaṃ yānti prājñā niṣkāraṇaṃ sakhe; asminn arthe ca gāthe dve nibodhośanasā kṛte

Denn Kluge geraten nicht ohne Grund in die Gewalt von Nichtfreunden, Freund; und zu dieser Sache vernimm zwei von Uśanas verfasste Strophen.

Wort für Wort
na hy amitravaśaṃ yānti
nicht in die Gewalt von Feinden gehen (Akk.Sg./3.Pl.Präs.)
prājñā niṣkāraṇaṃ sakhe
die Klugen ohne Grund, Freund (Nom.Pl./Adv./Vok.)
asminn arthe ca gāthe dve
und in dieser Sache zwei Strophen (Lok./Akk.Du.f.)
nibodhośanasā kṛte
vernimm, von Uśanas gemacht (Imp.2.Sg./Instr./Part.Pass.Du.)

śatrusādhāraṇe kṛtye kṛtvā saṃdhiṃ balīyasā; samāhitaś cared yuktyā kṛtārthaś ca na viśvaset

Wer mit einem Stärkeren in einer gemeinsamen, beiden Feinden gegenüber [erforderlichen] Sache ein Bündnis geschlossen hat, soll aufmerksam und klug verfahren und, [wenn] das Ziel erreicht ist, nicht [mehr] vertrauen.

Wort für Wort
śatrusādhāraṇe kṛtye
in einer gegen den gemeinsamen Feind gerichteten Aufgabe (Lok.Sg.n.)
kṛtvā saṃdhiṃ balīyasā
nachdem er Bündnis mit dem Stärkeren geschlossen (Abs./Akk./Instr.)
samāhitaś cared yuktyā
gesammelt soll er verfahren mit Klugheit (Part.Nom./3.Sg.Opt./Instr.)
kṛtārthaś ca na viśvaset
und mit erreichtem Ziel soll er nicht vertrauen (Nom./3.Sg.Opt.)

na viśvased aviśvaste viśvaste nātiviśvaset; nityaṃ viśvāsayed anyān pareṣāṃ tu na viśvaset

Man soll dem nicht trauen, der nicht vertrauenswürdig ist, und dem Vertrauenswürdigen nicht allzu sehr vertrauen; stets soll man andere Vertrauen fassen lassen, aber den anderen selbst nicht vertrauen.

Wort für Wort
na viśvased aviśvaste
man soll nicht vertrauen dem Nichtvertrauenden (3.Sg.Opt./Lok.)
viśvaste nātiviśvaset
dem Vertrauten nicht allzu sehr vertrauen (Lok./3.Sg.Opt.)
nityaṃ viśvāsayed anyān
stets soll man vertrauen machen andere (Adv./Kaus.Opt./Akk.Pl.)
pareṣāṃ tu na viśvaset
doch anderen nicht vertrauen (Gen./3.Sg.Opt.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; pareṣām mit Genitiv statt Lokativ.

tasmāt sarvāsv avasthāsu rakṣej jīvitam ātmanaḥ; dravyāṇi saṃtatiś caiva sarvaṃ bhavati jīvataḥ

Darum soll man in allen Lagen das eigene Leben schützen; Besitz und Nachkommenschaft, alles gehört dem, der lebt.

Wort für Wort
tasmāt sarvāsv avasthāsu
daher in allen Lagen (Abl./Lok.Pl.f.)
rakṣej jīvitam ātmanaḥ
soll man schützen das Leben des Selbst (3.Sg.Opt./Akk./Gen.)
dravyāṇi saṃtatiś caiva
Güter und Nachkommenschaft (Nom.Pl./Nom.Sg.)
sarvaṃ bhavati jīvataḥ
alles wird für den Lebenden (Nom./3.Sg.Präs./Gen.Part.)

saṃkṣepo nītiśāstrāṇām aviśvāsaḥ paro mataḥ; nṛṣu tasmād aviśvāsaḥ puṣkalaṃ hitam ātmanaḥ

Die Kurzfassung der Lehrbücher der Staatsklugheit gilt als das höchste Misstrauen; darum ist Misstrauen gegenüber Menschen reichlich zum eigenen Vorteil.

Wort für Wort
saṃkṣepo nītiśāstrāṇām
die Kurzfassung der Politikschriften (Nom.Sg./Gen.Pl.)
aviśvāsaḥ paro mataḥ
Misstrauen als höchstes gilt (Nom./Nom./Part.Pass.)
nṛṣu tasmād aviśvāsaḥ
gegenüber Menschen daher Misstrauen (Lok.Pl./Abl./Nom.)
puṣkalaṃ hitam ātmanaḥ
reichlich Nutzen für sich (Nom.Sg.n./Nom.Sg.n./Gen.)

vadhyante na hy aviśvastāḥ śatrubhir durbalā api; viśvastās tv āśu vadhyante balavanto 'pi durbalaiḥ

Denn Misstrauende werden von Feinden nicht getötet, selbst wenn sie schwach sind; Vertrauende aber werden schnell getötet, selbst wenn sie stark sind, von Schwachen.

Wort für Wort
vadhyante na hy aviśvastāḥ
getötet werden nicht die Misstrauischen (3.Pl.Pass./Nom.Pl.)
śatrubhir durbalā api
von Feinden, auch wenn schwach (Instr.Pl./Nom.Pl.)
viśvastās tv āśu vadhyante
Vertrauende aber werden schnell getötet (Nom.Pl./Adv./3.Pl.Pass.)
balavanto 'pi durbalaiḥ
auch Starke von Schwachen (Nom.Pl./Instr.Pl.)

tvadvidhebhyo mayā hy ātmā rakṣyo mārjāra sarvadā; rakṣa tvam api cātmānaṃ caṇḍālāj jātikilbiṣāt

Vor Leuten wie dir, Kater, muss ich mich stets schützen; schütze auch du dich selbst vor dem Caṇḍāla, [der dich] durch seine Herkunft befleckt [?].

Wort für Wort
tvadvidhebhyo mayā hy ātmā
vor deinesgleichen von mir das Selbst (Abl.Pl./Instr./Nom.)
rakṣyo mārjāra sarvadā
zu schützen, Kater, allezeit (Gerundiv/Vok./Adv.)
rakṣa tvam api cātmānam
schütze auch du dich selbst (Imp./Nom./Akk.)
caṇḍālāj jātikilbiṣāt
vor dem Caṇḍāla, aus Geburtsmakel [?] (Abl./Abl.)

jātikilbiṣāt: „Makel der Geburt“; Bezug (Caṇḍāla als Gefahr für den Kater) unsicher.

sa tasya bruvatas tv evaṃ saṃtrāsāj jātasādhvasaḥ; svabilaṃ hi javenāśu mārjāraḥ prayayau tataḥ

Als er so sprach, packte den Kater vor Schreck Furcht, und er lief eilends von dort schnell zu seinem eigenen Bau.

Wort für Wort
sa tasya bruvatas tv evam
als jener so zu ihm sprach (Nom./Gen.Part./Adv.)
saṃtrāsāj jātasādhvasaḥ
aus Schreck von Angst erfasst (Abl./Nom.Sg.m.)
svabilaṃ hi javenāśu
zu seinem Bau mit Schnelligkeit rasch (Akk./Instr./Adv.)
mārjāraḥ prayayau tataḥ
der Kater ging fort von da (Nom./3.Sg.Perf./Adv.)

tataḥ śāstrārthatattvajño buddhisāmarthyam ātmanaḥ; viśrāvya palitaḥ prājño bilam anyaj jagāma ha

Darauf ging der kluge Palita, der das Wesen der Lehrbücher kannte, nachdem er seine eigene Verstandeskraft kundgetan hatte, in einen anderen Bau.

Wort für Wort
tataḥ śāstrārthatattvajñaḥ
darauf Kenner der Lehrwahrheit (Adv./Nom.Sg.m.)
buddhisāmarthyam ātmanaḥ
die Verstandeskraft seiner selbst (Akk./Gen.)
viśrāvya palitaḥ prājñaḥ
nachdem er bekanntgemacht, der kluge Palita (Abs.Kaus./Nom./Nom.)
bilam anyaj jagāma ha
zu einem anderen Bau ging er (Akk./Akk./3.Sg.Perf./Ptkl.)

evaṃ prajñāvatā buddhyā durbalena mahābalāḥ; ekena bahavo 'mitrāḥ palitenābhisaṃdhitāḥ

So wurden durch einen einzigen schwachen Palita mit weisem Verstand viele große, mächtige Feinde überlistet.

Wort für Wort
evaṃ prajñāvatā buddhyā
so mit weisem Verstand (Adv./Instr.)
durbalena mahābalāḥ
durch einen Schwachen die Machtvollen (Instr./Nom.Pl.)
ekena bahavo 'mitrāḥ
durch einen viele Feinde (Instr./Nom.Pl./Nom.Pl.)
palitenābhisaṃdhitāḥ
von Palita überlistet (Instr./Part.Pass.Nom.Pl.)

ariṇāpi samarthena saṃdhiṃ kurvīta paṇḍitaḥ; mūṣakaś ca biḍālaś ca muktāv anyonyasaṃśrayāt

Auch mit einem mächtigen Feind soll der Gelehrte ein Bündnis schließen; die Maus und der Kater wurden durch gegenseitige Zuflucht befreit.

Wort für Wort
ariṇāpi samarthena
auch mit einem Feind, der fähig ist (Instr./Instr.)
saṃdhiṃ kurvīta paṇḍitaḥ
Bündnis soll schließen der Gelehrte (Akk./3.Sg.Opt.Med./Nom.)
mūṣakaś ca biḍālaś ca
Maus und Kater (Nom.Sg./Nom.Sg.)
muktāv anyonyasaṃśrayāt
beide wurden befreit durch gegenseitige Zuflucht (Nom.Du./Abl.)

ity eṣa kṣatradharmasya mayā mārgo 'nudarśitaḥ; vistareṇa mahīpāla saṃkṣepeṇa punaḥ śṛṇu

So ist von mir der Weg des Kriegerstandes-Rechts dargelegt worden; ausführlich, Erdenherrscher, [und nun] hör es noch einmal in Kürze.

Wort für Wort
ity eṣa kṣatradharmasya
so dieser des Kriegerrechts (Adv./Nom./Gen.)
mayā mārgo 'nudarśitaḥ
von mir Weg dargelegt (Instr./Nom./Part.Pass.)
vistareṇa mahīpāla
ausführlich, Erdenhüter (Instr./Vok.)
saṃkṣepeṇa punaḥ śṛṇu
in Kürze wieder höre (Instr./Adv./Imp.)

Der Satz ist elliptisch: vistareṇa bezieht sich auf das Gesagte; Ergänzung sinngemäß.

anyonyakṛtavairau tu cakratuḥ prītim uttamām; anyonyam abhisaṃdhātum abhūc caiva tayor matiḥ

Die beiden, die einander Feindschaft angetan hatten, schlossen höchste Freundschaft; und ihrer beider Sinn war [doch] darauf gerichtet, einander zu überlisten.

Wort für Wort
anyonyakṛtavairau tu
gegenseitig Feindschaft gemacht habend, doch (Nom.Du.)
cakratuḥ prītim uttamām
sie beide schlossen höchste Zuneigung (3.Du.Perf./Akk./Akk.)
anyonyam abhisaṃdhātum
einander zu überlisten (Adv./Inf.)
abhūc caiva tayor matiḥ
und es war bei beiden der Gedanke (3.Sg.Aor./Gen.Du./Nom.)

tatra prājño 'bhisaṃdhatte samyag buddhibalāśrayāt; abhisaṃdhīyate prājñaḥ pramādād api cābudhaiḥ

Dabei überlistet der Kluge [den anderen] recht aufgrund der Kraft des Verstandes; der Kluge wird aber auch aus Unachtsamkeit von Unverständigen überlistet.

Wort für Wort
tatra prājño 'bhisaṃdhatte
dabei überlistet der Kluge (Adv./Nom./3.Sg.Präs.Med.)
samyag buddhibalāśrayāt
recht durch Zuflucht zur Verstandeskraft (Adv./Abl.)
abhisaṃdhīyate prājñaḥ
wird überlistet der Kluge (3.Sg.Pass./Nom.)
pramādād api cābudhaiḥ
auch aus Unachtsamkeit von Unverständigen (Abl./Instr.Pl.)

tasmād abhītavad bhīto viśvastavad aviśvasan; na hy apramattaś calati calito vā vinaśyati

Darum: wie ein Furchtloser, [obwohl] furchtsam; wie ein Vertrauender, [obwohl] misstrauisch; denn wer nicht unachtsam ist, gerät nicht ins Wanken, und wer ins Wanken gerät, geht zugrunde.

Wort für Wort
tasmād abhītavad bhīto
daher furchtlos-gleich, [selbst] furchtsam (Abl./Adv./Nom.)
viśvastavad aviśvasan
vertrauend-gleich, misstrauend (Adv./Part.Nom.)
na hy apramattaś calati
denn wer nicht unachtsam ist, wankt nicht (Nom./3.Sg.Präs.)
calito vā vinaśyati
oder der Wankende geht zugrunde (Part.Nom./3.Sg.Präs.)

Zweiter Halbvers: wörtlich „der Nichtunachtsame wankt nicht, oder [der] Gewankte geht zugrunde“; vā zurückhaltend als „und“ gefasst [?].

kālena ripuṇā saṃdhiḥ kāle mitreṇa vigrahaḥ; kārya ity eva tattvajñāḥ prāhur nityaṃ yudhiṣṭhira

„Mit dem Feind [soll] zur [rechten] Zeit ein Bündnis, mit dem Freund zur [rechten] Zeit Feindschaft geschlossen werden“, so sagen die Kenner der Wahrheit stets, Yudhiṣṭhira.

Wort für Wort
kālena ripuṇā saṃdhiḥ
zur rechten Zeit mit dem Feind Bündnis (Instr./Instr./Nom.)
kāle mitreṇa vigrahaḥ
zur Zeit mit dem Freund Krieg (Lok./Instr./Nom.)
kārya ity eva tattvajñāḥ
soll gemacht werden, so eben die Kenner (Gerundiv/Ptkl./Nom.Pl.)
prāhur nityaṃ yudhiṣṭhira
sagen stets, Yudhiṣṭhira (3.Pl.Perf./Adv./Vok.)

evaṃ matvā mahārāja śāstrārtham abhigamya ca; abhiyukto 'pramattaś ca prāg bhayād bhītavac caret

Wenn du dies bedacht und den Sinn der Lehrbücher erfasst hast, großer König, so sollst du, [nun] angegriffen und unachtsam, [schon] vor der Gefahr wie ein Furchtsamer auftreten.

Wort für Wort
evaṃ matvā mahārāja
so bedacht, großer König (Abs./Vok.)
śāstrārtham abhigamya ca
und den Lehrsinn erfasst habend (Akk./Abs.)
abhiyukto 'pramattaś ca
angegriffen und nicht unachtsam (Part.Nom./Nom.)
prāg bhayād bhītavac caret
vor der Furcht wie ein Furchtsamer soll er auftreten (Adv./Abl./Adv./3.Sg.Opt.)

abhiyukta kann „angegriffen“ oder „eifrig bemüht“ heißen; „nicht unachtsam“ wurde hier gewählt [?].

bhītavat saṃvidhiḥ kāryaḥ pratisaṃdhis tathaiva ca; bhayād utpadyate buddhir apramattābhiyogajā

Wie ein Furchtsamer soll man Vorkehrungen treffen und ebenso Gegenbündnisse [schließen]; aus Furcht entsteht der Verstand, der aus unachtsamem Eifer geboren wird.

Wort für Wort
bhītavat saṃvidhiḥ kāryaḥ
wie ein Furchtsamer Vorkehrung ist zu tun (Adv./Nom./Gerundiv)
pratisaṃdhis tathaiva ca
und ebenso Gegenbündnis (Nom./Adv.)
bhayād utpadyate buddhiḥ
aus Furcht entsteht Verstand (Abl./3.Sg.Pass./Nom.)
apramattābhiyogajā
aus Eifer des Nichtunachtsamen geboren (Nom.Sg.f.)

na bhayaṃ vidyate rājan bhītasyānāgate bhaye; abhītasya tu visrambhāt sumahaj jāyate bhayam

Es gibt keine Furcht, König, für den Furchtsamen, wenn die Gefahr noch nicht da ist; für den Furchtlosen aber entsteht aus Sorglosigkeit sehr große Furcht.

Wort für Wort
na bhayaṃ vidyate rājan
nicht Furcht ist, König (Nom./3.Sg.Pass./Vok.)
bhītasyānāgate bhaye
für den Furchtsamen bei nicht gekommener Gefahr (Gen./Lok.abs.)
abhītasya tu visrambhāt
für den Furchtlosen aber aus Zutrauen (Gen./Ptkl./Abl.)
sumahaj jāyate bhayam
sehr große entsteht Furcht (Nom./3.Sg.Präs./Nom.)

na bhīrur iti cātyantaṃ mantro 'deyaḥ kathaṃ cana; avijñānād dhi vijñāte gacched āspadadarśiṣu

Und „er ist furchtsam“, so soll ihm gar nicht auf irgendeine Weise ein Geheimrat verwehrt werden; denn aus Unwissenheit würde er, wenn [etwas] bekannt wird, zu den Ortskundigen gehen [?].

Wort für Wort
na bhīrur iti cātyantam
und „er ist kein Feigling“, so im Übermaß (Nom./Ptkl./Adv.)
mantro 'deyaḥ kathaṃ cana
Rat ist nicht zu geben auf keine Weise (Nom./Gerundiv/Adv.)
avijñānād dhi vijñāte
denn aus Nichtwissen, wenn es erkannt ist (Abl./Ptkl./Lok.abs.)
gacched āspadadarśiṣu
würde er gehen zu den Standort-Sehenden (3.Sg.Opt./Lok.Pl.)

Vers textlich schwierig: na bhīrur iti … amantro ’deyaḥ; Wiedergabe unsicher, Text wohl verderbt.

tasmād abhītavad bhīto viśvastavad aviśvasan; kāryāṇāṃ gurutāṃ buddhvā nānṛtaṃ kiṃ cid ācaret

Darum: wie ein Furchtloser [auftreten], [obwohl] furchtsam; wie ein Vertrauender, [obwohl] misstrauisch; in Kenntnis der Schwere der Aufgaben soll man nichts Unwahres tun.

Wort für Wort
tasmād abhītavad bhīto
daher furchtlos-gleich, furchtsam (Abl./Adv./Nom.)
viśvastavad aviśvasan
vertrauend-gleich, misstrauend (Adv./Part.Nom.)
kāryāṇāṃ gurutāṃ buddhvā
der Aufgaben Schwere erkannt habend (Gen.Pl./Akk./Abs.)
nānṛtaṃ kiṃ cid ācaret
nichts Unwahres soll er tun (Akk./Akk./3.Sg.Opt.)

evam etan mayā proktam itihāsaṃ yudhiṣṭhira; śrutvā tvaṃ suhṛdāṃ madhye yathāvat samupācara

So ist diese Erzählung von mir vorgetragen worden, Yudhiṣṭhira; nachdem du sie gehört hast, verfahre inmitten deiner Freunde richtig.

Wort für Wort
evam etan mayā proktam
so dieses von mir gesprochen (Adv./Nom./Instr./Part.Pass.)
itihāsaṃ yudhiṣṭhira
die Erzählung, Yudhiṣṭhira (Nom.Sg.n./Vok.)
śrutvā tvaṃ suhṛdāṃ madhye
gehört habend, du inmitten der Freunde (Abs./Nom./Gen.Pl./Lok.)
yathāvat samupācara
gehörig verfahre (Adv./Imp.2.Sg.)

upalabhya matiṃ cāgryām arimitrāntaraṃ tathā; saṃdhivigrahakālaṃ ca mokṣopāyaṃ tathāpadi

Nachdem du dir höchste Einsicht [angeeignet] und den Unterschied zwischen Feind und Freund [erkannt hast], ebenso die Zeit für Bündnis und Krieg und den Ausweg in der Not,

Wort für Wort
upalabhya matiṃ cāgryām
erlangt habend auch höchsten Verstand (Abs./Akk./Akk.)
arimitrāntaraṃ tathā
Unterschied von Feind und Freund ebenso (Akk.Sg.n./Adv.)
saṃdhivigrahakālaṃ ca
und die Zeit für Bündnis und Krieg (Akk.Sg.m.)
mokṣopāyaṃ tathāpadi
Rettungsmittel ebenso in der Not (Akk./Adv./Lok.)

Der Satz wird in 136.206 ff. fortgeführt.

śatrusādhāraṇe kṛtye kṛtvā saṃdhiṃ balīyasā; samāgamaṃ cared yuktyā kṛtārtho na ca viśvaset

[so] schließe in einer gegen den gemeinsamen Feind gerichteten Aufgabe mit einem Stärkeren ein Bündnis; verkehre klug [mit ihm] und vertraue nicht, wenn das Ziel erreicht ist.

Wort für Wort
śatrusādhāraṇe kṛtye
in gemeinsamer Feindsache (Lok.Sg.n.)
kṛtvā saṃdhiṃ balīyasā
nach Bündnis mit dem Stärkeren (Abs./Akk./Instr.)
samāgamaṃ cared yuktyā
Umgang soll man pflegen mit Klugheit (Akk./3.Sg.Opt./Instr.)
kṛtārtho na ca viśvaset
erfolgreich und nicht vertrauen (Nom./Ptkl./3.Sg.Opt.)

aviruddhāṃ trivargeṇa nītim etāṃ yudhiṣṭhira; abhyuttiṣṭha śrutād asmād bhūyas tvaṃ rañjayan prajāḥ

Diese mit dem Dreiklang [von Recht, Nutzen, Lust] nicht in Widerspruch stehende Staatsklugheit [wende an], Yudhiṣṭhira; erhebe dich nach diesem Gehörten, und erfreue mehr noch die Untertanen.

Wort für Wort
aviruddhāṃ trivargeṇa
nicht im Widerspruch mit dem Dreiklang (Akk.Sg.f./Instr.)
nītim etāṃ yudhiṣṭhira
diese Staatsklugheit, Yudhiṣṭhira (Akk./Akk./Vok.)
abhyuttiṣṭha śrutād asmāt
erhebe dich nach diesem Gehörten (Imp./Abl.)
bhūyas tvaṃ rañjayan prajāḥ
mehr noch, du, die Untertanen erfreuend (Adv./Nom./Part./Akk.Pl.)

brāhmaṇaiś cāpi te sārdhaṃ yātrā bhavatu pāṇḍava; brāhmaṇā hi paraṃ śreyo divi ceha ca bhārata

Und auch mit den Brahmanen soll dein Weg [gemeinsam] sein, Pāṇḍava; denn die Brahmanen sind das höchste Heil im Himmel und hier, Bhārata.

Wort für Wort
brāhmaṇaiś cāpi te sārdham
und auch mit Brahmanen dir zusammen (Instr.Pl./Dat./Adv.)
yātrā bhavatu pāṇḍava
der Gang soll sein, Pāṇḍava (Nom./Imp.3.Sg./Vok.)
brāhmaṇā hi paraṃ śreyaḥ
denn die Brahmanen das höchste Heil (Nom.Pl./Nom.Sg.n.)
divi ceha ca bhārata
im Himmel und hier, Bhārata (Lok./Adv./Vok.)

ete dharmasya vettāraḥ kṛtajñāḥ satataṃ prabho; pūjitāḥ śubhakarmāṇaḥ pūrvajityā narādhipa

Diese sind Kenner des Rechts und stets dankbar, Herr; wenn sie geehrt werden, tun sie Heilvolles, [und sie haben] vormals Erobertes, Herrscher der Menschen.

Wort für Wort
ete dharmasya vettāraḥ
diese sind Kenner des Rechts (Nom.Pl./Gen./Nom.Pl.)
kṛtajñāḥ satataṃ prabho
dankbar stets, Herr (Nom.Pl./Adv./Vok.)
pūjitāḥ śubhakarmāṇaḥ
geehrt, Gutes wirkend (Part.Pass.Nom.Pl./Nom.Pl.)
pūrvajityā narādhipa
durch frühere Eroberung, Herr der Menschen (Instr.Sg.f./Vok.)

pūrvajityā: Deutung unsicher (Instr. von pūrvajiti?); Vers vermutlich verderbt.

rājyaṃ śreyaḥ paraṃ rājan yaśaḥ kīrtiṃ ca lapsyase; kulasya saṃtatiṃ caiva yathānyāyaṃ yathākramam

Königsherrschaft, höchstes Heil, König, wirst du erlangen, Ruhm und Ansehen und den Fortbestand deines Geschlechts, ordnungsgemäß und der Reihe nach.

Wort für Wort
rājyaṃ śreyaḥ paraṃ rājan
Herrschaft, höchstes Heil, König (Akk./Akk./Akk./Vok.)
yaśaḥ kīrtiṃ ca lapsyase
Ruhm und Ansehen wirst du erlangen (Akk./Akk./2.Sg.Fut.Med.)
kulasya saṃtatiṃ caiva
und des Geschlechts Fortdauer (Gen./Akk./Ptkl.)
yathānyāyaṃ yathākramam
nach Recht, nach Reihenfolge (Adv./Adv.)

dvayor imaṃ bhārata saṃdhivigrahaṃ; subhāṣitaṃ buddhiviśeṣakāritam; tathānvavekṣya kṣitipena sarvadā; niṣevitavyaṃ nṛpa śatrumaṇḍale

Dieses gut Gesagte über Bündnis und Krieg zwischen zwei [Parteien], das die Unterscheidung des Verstandes bewirkt, Bhārata: so soll ein Fürst es stets erwägen und im Kreis der Feinde anwenden, Herrscher.

Wort für Wort
dvayor imaṃ bhārata
dieses zweier, Bhārata (Gen.Du./Akk./Vok.)
saṃdhivigrahaṃ subhāṣitam
Bündnis-und-Krieg, das gut Gesagte (Akk./Akk.)
buddhiviśeṣakāritam
Verstandesunterschied bewirkend (Akk.Sg.n.)
tathānvavekṣya kṣitipena sarvadā
so betrachtet, von einem Fürsten, stets (Adv./Abs./Instr./Adv.)
niṣevitavyaṃ nṛpa śatrumaṇḍale
ist anzuwenden, König, im Feindeskreis (Gerundiv/Vok./Lok.)

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