Kapitel 136: mārjāramūṣakasaṃvādaḥ
Yudhiṣṭhiras Frage nach Rettung aus der Not und die Geschichte von Kater und Maus im Fangnetz
Yudhiṣṭhira fragt nach dem richtigen Verhalten eines Schwachen, der von vielen Feinden umringt ist. Bhīṣma antwortet mit der Fabel von der Maus Palita und dem Kater Lomaśa, die zeigt, wie man sich durch ein Zweckbündnis auch mit dem Feind rettet.
Yudhiṣṭhira sprach: Überall, o Stier unter den Bhāratas, ist von dir die Einsicht als die beste bezeichnet worden: die [auf das] Künftige [gerichtete] und die [auf das] Eingetretene [gerichtete]; die zögerliche [Einsicht] aber ist verderblich.
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
sarvatra buddhiḥ kathitā śreṣṭhā te
überall ist die Einsicht als die beste bezeichnet von dir (Nom.Sg.f. Part.; Gen./Instr. te)
bharatarṣabha
o Stier der Bhāratas (Vok.)
anāgatā tathotpannā
die künftige und die eingetretene [Einsicht] (Nom.Sg.f.)
Denn einen König in schwieriger Lage bedrängen die Feinde, die ihm auf dem Weg auflauern; auch viele bemühen sich, den Einen zu stürzen, [wenn sie] zuvor [von ihm] gequält worden sind.
Wort für Wort
viṣamasthaṃ hi rājānam
den in schwieriger Lage befindlichen König (Akk.Sg.)
śatravaḥ paripanthinaḥ
die Feinde als Wegelagerer/Widersacher (Nom.Pl.)
bahavo 'py ekam
auch viele [gegen] einen (Nom.Pl.; Akk.Sg.)
uddhartum yatante
suchen zu stürzen/auszurotten (Inf.; 3.Pl.Med.)
pūrvatāpitāḥ
zuvor Gequälte (Nom.Pl.; Part.Pass.)
uddhartum: „stürzen/ausrotten“; Lesart „zuvor von ihm gequält“ gewählt.
Wenn ein Feind, dessen Merkmale erkannt sind, zum Freund geworden ist, o König: wie soll dann der Mensch handeln, oder was hat er zu tun, um glücklich zu werden?
Wort für Wort
prajñātalakṣaṇe rājann
[bei einem] dessen Merkmale erkannt sind, o König (Lok. abs.; Vok.)
amitre mitratāṃ gate
wenn der Feind zur Freundschaft gelangt ist (Lok. abs.)
kathaṃ nu puruṣaḥ kuryāt
wie soll der Mensch handeln (Opt.)
kiṃ vā kṛtvā sukhī bhavet
oder was getan habend wird er glücklich sein (Abs.; Opt.)
Dies ist wahrlich die höchste aller Aufgaben, o Feindebezwinger; dafür gibt es niemanden, der es darlegen könnte, und auch ein Zuhörer ist sehr schwer zu finden.
Wort für Wort
etad vai sarvakṛtyānām
dies ist wahrlich von allen Aufgaben (Gen.Pl.)
paraṃ kṛtyaṃ paraṃtapa
die höchste Aufgabe, o Feindebezwinger (Nom.; Vok.)
naitasya kaś cid vaktāsti
es gibt keinen Sprecher dafür (Nom.Sg. Nomen agentis)
śrotā cāpi sudurlabhaḥ
und auch ein Hörer ist sehr schwer zu erlangen (Nom.)
ṛte śāṃtanavād bhīṣmāt satyasaṃdhāj jitendriyāt; tad anviṣya mahābāho sarvam etad vadasva me
Außer Bhīṣma, dem Śaṃtanu-Sohn, der der Wahrheit verpflichtet ist und die Sinne bezwungen hat: darum suche [ihn auf], o Starkarmiger, und sage mir all dies.
Wort für Wort
ṛte śāṃtanavād bhīṣmāt
außer Bhīṣma, dem Sohn Śaṃtanus (Abl.)
satyasaṃdhāj jitendriyāt
dem Wahrhaftigen, der die Sinne besiegt hat (Abl.)
tad anviṣya
daher/dieses nachforschend (Abs.)
mahābāho
o Starkarmiger (Vok.)
sarvam etad vadasva me
all dies sage mir (Imp.Med.)
Der Satz ist knapp; tad anviṣya evtl. „nach diesem forschend/danach suchend“, sinngemäß hier auf Bhīṣma bezogen.
bhīṣma uvāca; tvadyukto 'yam anupraśno yudhiṣṭhira guṇodayaḥ; śṛṇu me putra kārtsnyena guhyam āpatsu bhārata
Bhīṣma sprach: Diese Nachfrage ist deiner würdig, Yudhiṣṭhira, ein Aufstieg an Vorzügen. Höre von mir, mein Sohn, vollständig das Geheimnis für Notlagen, o Bhārata.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
tvadyukto 'yam anupraśno
diese Nachfrage ist dir angemessen (Nom.Sg.m.)
yudhiṣṭhira guṇodayaḥ
o Yudhiṣṭhira, ein Aufgang der Vorzüge (Vok.; Nom.)
śṛṇu me putra kārtsnyena
höre von mir, Sohn, vollständig (Imp.; Vok.; Instr. als Adv.)
guhyam āpatsu bhārata
das Geheime für Notfälle, o Bhārata (Nom./Akk.; Lok.Pl.; Vok.)
Ein Nichtfreund wird zum Freund, und auch ein Freund wird zum Feind, je nach dem Zusammenwirken der Fähigkeit bei den Aufgaben; denn der Gang [des Verhältnisses] folgt stets deren Gang.
Wort für Wort
amitro mitratāṃ yāti
ein Nichtfreund gelangt zur Freundschaft (3.Sg.Präs.)
mitraṃ cāpi praduṣyati
und auch ein Freund wird feindlich/verdorben (3.Sg.Präs.)
sāmarthyayogāt kāryāṇām
aus dem Zusammenwirken der Kräfte/Zwecke bei den Aufgaben (Abl.; Gen.Pl.)
tadgatyā hi sadā gatiḥ
denn durch deren Gang [folgt] stets der Gang (Instr.; Nom.)
Zweiter Halbvers knapp und mehrdeutig; sinngemäß: Beziehungen folgen dem Verlauf der Zwecke.
saṃdhātavyaṃ budhair nityaṃ vyavasyaṃ ca hitārthibhiḥ; amitrair api saṃdheyaṃ prāṇā rakṣyāś ca bhārata
Bündnisse sind von den Weisen stets zu schließen, und Entschlossenheit von den Nutzenwünschenden; sogar mit Feinden ist ein Bündnis zu schließen, und das Leben ist zu schützen, o Bhārata.
Wort für Wort
saṃdhātavyaṃ budhair nityam
zu verbünden von den Weisen stets (Gerundiv; Instr.Pl.)
vyavasyaṃ ca hitārthibhiḥ
und zu entschließen von Nutzenstrebenden (Gerundiv; Instr.Pl.)
amitrair api saṃdheyam
auch mit Feinden ist ein Bündnis zu schließen (Gerundiv)
prāṇā rakṣyāś ca bhārata
und die Lebenshauche sind zu schützen, o Bhārata (Nom.Pl.; Vok.)
vyavasyam: Bedeutung unsicher (Gerundiv von vi-ava-so „entscheiden/entschlossen sein“).
yas tv amitreṇa saṃdhatte mitreṇa ca virudhyate; arthayuktiṃ samālokya sumahad vindate phalam
Wer aber mit dem Feind ein Bündnis schließt und sich mit dem Freund entzweit, der erlangt, wenn er die Verbindung mit dem Nutzen bedenkt, sehr große Frucht.
Wort für Wort
yas tv amitreṇa saṃdhatte
wer aber mit dem Feind ein Bündnis schließt (3.Sg.Med.)
mitreṇa ca virudhyate
und mit dem Freund in Streit gerät (3.Sg.Pass./Med.)
arthayuktiṃ samālokya
die Verbindung mit dem Nutzen betrachtet habend (Abs.)
Wenn die Eule oben gerüstet ist und der Schlangenfeind unten steht, während der Kater in der Schlinge gefesselt ist: was soll ich tun? Ob mit den sechs Königseigenschaften, den sieben Mitteln, o Makelloser?
Wort für Wort
ulūke mūrdhni saṃnaddhe
wenn die Eule oben gerüstet ist (Lok. abs.)
bhujagārāv avāksthite
wenn der Schlangenfeind unten steht (Lok. abs.)
mārjāre pāśasaṃbaddhe
wenn der Kater in die Schlinge gebunden ist (Lok. abs.)
kiṃ kartavyaṃ mayā bhavet
was wäre von mir zu tun (Gerundiv; Opt.)
kaccid rājaguṇaiḥ ṣaḍbhiḥ saptopāyās tathānagha
ob mit den sechs Königsgunstaten [und] den sieben Mitteln, o Makelloser [?] (Instr.Pl.; Vok.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text im letzten Pāda stark verderbt, Wiedergabe unsicher.
na hi buddhyānvitāḥ prājñā nītiśāstraviśāradāḥ; saṃbhramanty āpadaṃ prāpya mahato 'rthān avāpya ca
Denn mit Verstand begabte Weise, die in den Lehren der Klugheit bewandert sind, geraten in der Not nicht ins Wanken, auch wenn sie große Vorteile erlangt haben.
Wort für Wort
na hi buddhyānvitāḥ prājñā
denn Verständige, Weise, mit Verstand versehen (Nom.Pl.)
nītiśāstraviśāradāḥ
in den Lehrbüchern der Politik bewandert (Nom.Pl.)
saṃbhramanty āpadaṃ prāpya
geraten in Verwirrung, Not erlangt habend (3.Pl.; Abs.)
mahato 'rthān avāpya ca
und große Güter/Zwecke erlangt habend (Akk.Pl.; Abs.)
Zweiter Halbvers: „mahato 'rthān avāpya ca“ Bedeutung nicht ganz sicher; hier „auch in Erfolg“.
Dieser, mein Erzfeind, ist in höchste Bedrängnis geraten; wenn es möglich ist, den Verwirrten durch ein Bündnis dazu zu bringen, [meinen] eigenen Vorteil anzunehmen [?].
Wort für Wort
ayam atyantaśatrur me
dieser, mein Todfeind (Nom.)
vaiṣamyaṃ paramaṃ gataḥ
in höchste Bedrängnis geraten (Akk.; Part.Pass.)
mūḍho grāhayituṃ svārthaṃ
der Verwirrte, [ihm] den eigenen Zweck begreiflich zu machen (Nom.; Inf. Kaus.)
saṃgatyā yadi śakyate
durch ein Bündnis, wenn es möglich ist (Instr.; 3.Sg.Pass.)
Syntax des Verses knapp und mehrdeutig; grāhayitum svārtham: Bezug (eigener/sein Vorteil) unsicher.
Vielleicht schließt er, ins Unglück geraten, mit mir Frieden. Auch die Aufnahme eines Feindes, der bei einem Starken Zuflucht gesucht hat [?], ist zu tun, sagen die Lehrer, in Not von dem, der sein Leben retten will.
Wort für Wort
kadā cid vyasanaṃ prāpya
vielleicht, ins Unglück geraten (Abs.)
saṃdhiṃ kuryān mayā saha
möge er mit mir Frieden schließen (Opt.)
balinā saṃniviṣṭasya śatror api parigrahaḥ
die Aufnahme auch eines von einem Starken [bedrängten/aufgenommenen] Feindes (Instr.; Gen.; Nom.)
kārya ity āhur ācāryā
zu tun, so sagen die Lehrer (Gerundiv; 3.Pl.Perf.)
viṣame jīvitārthinā
in Notlage vom Lebenswilligen (Lok.; Instr.)
balinā saṃniviṣṭasya: Konstruktion unsicher (ob „von einem Stärkeren bedrängt“ oder „bei einem Starken untergekommen“).
Wohlan, ich will dir den Grund für den Schutz meiner selbst darlegen: Vielleicht könnte dieser Feind durch das Zusammensein klug [zu mir gesinnt] werden.
Wort für Wort
hanta enaṃ saṃpravakṣyāmi
wohlan, ich will ihn darlegen (1.Sg.Fut.)
hetum ātmābhirakṣaṇe
den Grund beim Schutz seiner selbst (Akk./Lok.Sg.)
api idānīm ayaṃ śatruḥ
vielleicht jetzt dieser Feind (Nom.Sg.)
saṃgatyā paṇḍito bhavet
durch Zusammenkunft klug werden könnte (Instr.Sg./3.Sg.Opt.)
Lesart von apīdānīm und saṃgatyā unsicher; sinngemäß gedeutet.
tato 'rthagatitattvajñaḥ saṃdhivigrahakālavit; sāntvapūrvam idaṃ vākyaṃ mārjāraṃ mūṣako 'bravīt
Dann sprach die Maus, die das Wesen des Vorteils und der Wege kannte und Frieden, Krieg und die rechte Zeit verstand, zum Kater diese Worte, zunächst besänftigend.
Wort für Wort
tato 'rthagatitattvajñaḥ
dann, der Wesen von Nutzen und Weg Kennende (Nom.Sg.)
saṃdhivigrahakālavit
Frieden, Krieg und rechte Zeit Kennender (Nom.Sg.)
mayā hy upāyo dṛṣṭo 'yaṃ vicārya matim ātmanaḥ; ātmārthaṃ ca tvadarthaṃ ca śreyaḥ sādhāraṇaṃ hi nau
Denn von mir ist dieses Mittel gesehen worden, nachdem ich meinen Verstand geprüft hatte; es dient meinem und deinem Zweck, denn das Heil ist uns beiden gemeinsam.
Wort für Wort
mayā hy upāyo dṛṣṭo 'yam
von mir ist dieses Mittel gesehen (Instr./Nom.Sg./Part.Pass.)
vicārya matim ātmanaḥ
nachdem ich den eigenen Verstand erwogen (Abs./Akk.Sg./Gen.)
ātmārthaṃ ca tvadarthaṃ ca
zu eigenem und zu deinem Zweck (Adv.)
śreyaḥ sādhāraṇaṃ hi nau
denn das Heil ist uns beiden gemeinsam (Nom.Sg.n.)
satāṃ sāptapadaṃ sakhyaṃ savāso me 'si paṇḍitaḥ; sāṃvāsyakaṃ kariṣyāmi nāsti te mṛtyuto bhayam
Bündnis der Guten wird mit dem siebten Schritt geschlossen; du bist mein Mitbewohner, du Kluger; ich will die Gemeinschaft des Zusammenlebens pflegen, du hast keine Todesfurcht [mehr].
Wort für Wort
satāṃ sāptapadaṃ sakhyam
bei Guten gilt Freundschaft nach sieben Schritten (Gen.Pl./Nom.Sg.n.)
savāso me 'si paṇḍitaḥ
mein Mitbewohner bist du, Kluger (2.Sg.Präs./Nom.)
sāṃvāsyakaṃ kariṣyāmi
ich werde das Zusammenleben pflegen (1.Sg.Fut.)
nāsti te mṛtyuto bhayam
es gibt für dich keine Furcht vor dem Tod (3.Sg.Präs./Abl.)
sāptapadam: bezogen auf die sieben Schritte, die Freundschaft besiegeln.
tvam āśrito nagasyāgraṃ mūlaṃ tv aham upāśritaḥ; ciroṣitāv ihāvāṃ vai vṛkṣe 'smin viditaṃ hi te
Du bist zur Spitze des Baumes hinaufgestiegen, ich aber habe mich an der Wurzel niedergelassen; lange haben wir beide auf diesem Baum gewohnt, das weißt du ja.
Wort für Wort
tvam āśrito nagasya agram
du bist zur Spitze des Baumes gegangen (Nom./Part.Pass./Gen./Akk.)
mūlaṃ tv aham upāśritaḥ
die Wurzel aber habe ich aufgesucht (Akk./Nom./Part.Pass.)
ciroṣitāv ihāvāṃ vai
lange wohnten wir beide hier (Nom.Du./Adv.)
vṛkṣe 'smin viditaṃ hi te
auf diesem Baum, das ist dir ja bekannt (Lok./Nom.Sg.n.)
ulūkāc caiva māṃ rakṣa kṣudraḥ prārthayate hi mām; ahaṃ chetsyāmi te pāśān sakhe satyena te śape
Und schütze mich vor der Eule, denn der Niedrige stellt mir nach; ich werde deine Schlingen zerschneiden, Freund, dies schwöre ich dir bei der Wahrheit.“
Wort für Wort
ulūkāc ca eva māṃ rakṣa
und auch vor der Eule schütze mich (Abl./Imp.)
kṣudraḥ prārthayate hi mām
denn der Gemeine begehrt mich (Nom./3.Sg.Med.)
ahaṃ chetsyāmi te pāśān
ich werde deine Schlingen zerschneiden (1.Sg.Fut./Akk.Pl.)
sakhe satyena te śape
Freund, bei der Wahrheit schwöre ich dir (Vok./Instr./1.Sg.Med.)
pratyapakurvan bahv api na bhāti pūrvopakāriṇā tulyaḥ; ekaḥ karoti hi kṛte niṣkāraṇam eva kurute 'nyaḥ
Wer Gegendienst erweist, auch reichlich, kommt dem früheren Wohltäter nicht gleich; der eine handelt, weil ihm getan wurde, der andere tut es ohne jeden Grund.
Wort für Wort
pratyapakurvan bahv api
auch wer vielfach Gegendienst leistet (Part.Präs./Adv.)
na bhāti pūrvopakāriṇā tulyaḥ
scheint nicht gleich dem früheren Wohltäter (Nom./Instr.)
ekaḥ karoti hi kṛte
der eine handelt, wenn ihm getan wurde (Nom./3.Sg./Lok.)
niṣkāraṇam eva kurute 'nyaḥ
der andere tut es ohne Anlass (Adv./3.Sg.Med./Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; vermutlich sind bhāti und kṛte im Sinn von „erscheint“ bzw. „wenn eine Tat [an ihm] geschah“ gemeint.
tathaiva tau susaṃtrastau dṛḍham āgatatandritau; dṛṣṭvā tayoḥ parāṃ prītiṃ vismayaṃ paramaṃ gatau; balinau matimantau ca suvṛttau cāpy upāsitau; aśaktau tu nayāt tasmāt saṃpradharṣayituṃ balāt; kāryārthakṛtasaṃdhī tau dṛṣṭvā mārjāramūṣikau; ulūkanakulau tūrṇaṃ jagmatus tau svam ālayam
Ebenso, sehr erschrocken und ermattet, schauten die beiden ihre große gegenseitige Zuneigung und gerieten in höchstes Staunen; [der Kater und die Maus waren] stark und klug, von gutem Wandel, und sie hatten sie [die Feinde] gepflegt. Nicht imstande, sie durch Klugheit oder mit Gewalt zu überwältigen, erblickten Eule und Ichneumon Kater und Maus, die wegen ihres Zweckes ein Bündnis geschlossen hatten, und gingen rasch in ihr Heim.
Wort für Wort
tathā eva tau susaṃtrastau
ebenso die beiden, sehr erschrocken (Nom.Du.)
dṛḍham āgatatandritau
heftig ermattet (Nom.Du.)
dṛṣṭvā tayoḥ parāṃ prītiṃ
sehend ihre höchste Zuneigung (Abs./Gen.Du./Akk.)
vismayaṃ paramaṃ gatau
in höchstes Staunen geraten (Akk./Nom.Du.)
balinau matimantau ca suvṛttau
stark, klug, von gutem Wandel (Nom.Du.)
kāryārthakṛtasaṃdhī tau
die beiden, die zweckhalber Bündnis geschlossen (Akk.Du.)
ulūkanakulau tūrṇaṃ jagmatus tau
Eule und Ichneumon gingen rasch (Nom.Du./Perf.Du.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage mit Lücken im Sinn; Zuordnung der Subjekte (Feinde oder Kater und Maus) unklar; upāsitau und aśaktau uneindeutig [?]
Palita aber, der Ort und Zeit kannte, schnitt, in seinen Gliedern verborgen, o König, langsam, ganz langsam die Schlingen durch und wartete auf den rechten Augenblick.
Wort für Wort
līnas tu tasya gātreṣu palitaḥ
Palita, in dessen Gliedern verborgen (Nom./Gen./Lok.)
deśakālavit
Ort und Zeit kennend (Nom.)
ciccheda pāśān nṛpate
zerschnitt die Schlingen, König (Perf./Akk.Pl./Vok.)
„Warum, Sanfter, beeilst du dich nicht? Verachtest du mich, weil dein Ziel erreicht ist? Zerschneide die Schlingen, du Feindtöter; gleich kommt der Śvapaca [Hundeesser, Jäger].“
Wort für Wort
kiṃ saumya na abhitvarase
warum, Sanfter, eilst du nicht? (Vok./2.Sg.)
kiṃ kṛtārtho 'vamanyase
verachtest du [mich], da dein Ziel erreicht ist? (Nom./2.Sg.Med.)
chindhi pāśān amitraghna
zerschneide die Schlingen, Feindtöter (Imp./Akk.Pl./Vok.)
purā śvapaca eti saḥ
bevor der Śvapaca kommt (Adv./Nom./3.Sg.)
purā mit Präsens: „bevor“ oder „gleich“; śvapaca: Jäger, wörtlich „Hundekocher“.
So von jenem in Eile angesprochen, sprach der kluge Palita zu dem Kater, der die Einsicht nicht geübt hatte [und] ihm untertan war, Worte, die ihm selbst zum Vorteil waren.
Wort für Wort
ity uktas tvaratā tena
so angesprochen von jenem Eiligen (Part.Pass./Instr.)
matimān palito 'bravīt
der kluge Palita sprach (Nom./Impf.)
mārjāram akṛtaprajñam
zum Kater, der keine Klugheit geübt hat (Akk., Bahuvrīhi)
vaśyam ātmahitaṃ vacaḥ
ihm untertan, Worte zum eigenen Nutzen (Akk./Akk.)
vaśyam bezieht sich auf den Kater; ātmahitam „für sich selbst heilsam“.
tūṣṇīṃ bhava na te saumya tvarā kāryā na saṃbhramaḥ; vayam evātra kālajñā na kālaḥ parihāsyate
Sei still, Freund; du brauchst dich nicht zu beeilen, und keine Hast [ist nötig]! Wir beide kennen hier die [rechte] Zeit; die Zeit wird [uns] nicht entgehen.
Wort für Wort
tūṣṇīṃ bhava
sei still (Imp.2.Sg.)
na te saumya tvarā kāryā
nicht ist von dir, Freund, Eile zu machen (Gen./Vok., Gerundiv fem.)
na saṃbhramaḥ
[ebenso] keine Aufregung (Nom.Sg.)
vayam evātra kālajñāḥ
wir eben sind hier die Zeitkundigen (Nom.Pl.)
na kālaḥ parihāsyate
die Zeit wird nicht entgehen/verloren gehen (Pass.Fut.3.Sg.)
„Sobald ich den Caṇḍāla mit der Waffe in der Hand herankommen sehe, dann werde ich deine Fessel durchtrennen, wenn die gemeinsame Gefahr eingetreten ist.“
Wort für Wort
yāvat paśyāmi caṇḍālam
sobald ich den Caṇḍāla sehe (1.Sg.Präs., Akk.Sg.m.)
āyāntaṃ śastrapāṇinam
der herankommt, die Waffe in der Hand (Akk.Sg.m., Part.Präs.)
tataś chetsyāmi te pāśam
dann werde ich deine Fessel durchtrennen (Fut.1.Sg., Gen., Akk.Sg.m.)
prāpte sādhāraṇe bhaye
wenn die gemeinsame Gefahr eingetreten ist (Lok.abs.)
evam uktas tu mārjāro mūṣakeṇātmano hitam; vacanaṃ vākyatattvajño jīvitārthī mahāmatiḥ
So angeredet von der Maus, [mit einem Wort], das für sie selbst heilsam war, der Kater, ein Kenner des Sinns der Rede, auf Leben bedacht, hochverständig ...
Wort für Wort
evam uktas tu mārjāraḥ
so angesprochen aber der Kater (Nom.Sg.m., Part.Pass.)
mūṣakeṇātmano hitam
von der Maus, [das] für sie selbst Heilsame (Instr., Gen., Akk.Sg.n.)
vacanaṃ vākyatattvajñaḥ
das Wort, der Kenner des Kerns der Rede (Akk.Sg.n., Nom.Sg.m.)
jīvitārthī mahāmatiḥ
lebenssuchend, hochverständig (Nom.Sg.m.)
Satz setzt sich in der nächsten Einheit fort; ātmano hitam bezieht sich auf das Eigeninteresse der Maus.
yan mitraṃ bhītavat sādhyaṃ yan mitraṃ bhayasaṃhitam; surakṣitaṃ tataḥ kāryaṃ pāṇiḥ sarpamukhād iva
„Ein Freund, der wie ein Furchtsamer zu behandeln ist, ein Freund, der mit Furcht behaftet ist, [gegen den] muss man sich gut schützen – wie die Hand vor dem Rachen einer Schlange.“
Wort für Wort
yan mitraṃ bhītavat sādhyam
ein Freund, der wie ein Furchtsamer zu behandeln ist (Nom.Sg.n., Gerundiv)
yan mitraṃ bhayasaṃhitam
ein Freund, der mit Furcht verbunden ist (Nom.Sg.n., Kompositum)
surakṣitaṃ tataḥ kāryam
gut geschützt ist darum zu verfahren (Part.Pass., Adv., Gerundiv)
pāṇiḥ sarpamukhād iva
wie die Hand vor dem Schlangenmaul (Nom.Sg.m., Abl.)
Das grammatische Geschlecht (Neutrum mitram) und der Vergleich pāṇiḥ sarpamukhād iva sind knapp; sinngemäß gedeutet.
kṛtvā balavatā saṃdhim ātmānaṃ yo na rakṣati; apathyam iva tad bhuktaṃ tasyānarthāya kalpate
„Wer mit einem Mächtigen ein Bündnis geschlossen hat und sich selbst nicht schützt, dem gereicht das wie eine unbekömmlich genossene Speise zum Unheil.“
Wort für Wort
kṛtvā balavatā saṃdhim
nachdem er mit einem Mächtigen ein Bündnis geschlossen hat (Abs., Instr., Akk.)
ātmānaṃ yo na rakṣati
wer sich selbst nicht schützt (Akk., Rel.Nom., 3.Sg.Präs.)
apathyam iva tad bhuktam
wie Unbekömmliches, das genossen [wurde] (Nom.Sg.n., Part.Pass.)
tasyānarthāya kalpate
für ihn gereicht es zum Schaden (Gen., Dat., 3.Sg.Präs.Med.)
Stark waren die beiden [Kater und Maus] und klug und obendrein zu einem Verband zusammengetreten; wegen [ihres] klugen Vorgehens waren sie mit Gewalt nicht zu überwältigen.
Wort für Wort
balinau matimantau ca
stark und verständig (Nom.Du.m.)
saṃghātaṃ cāpy upāgatau
und auch zum Zusammenschluss gelangt (Akk.Sg.m., Nom.Du.m.)
aśakyau sunayāt tasmāt
unmöglich [zu bezwingen] wegen jener guten Politik (Nom.Du.m., Abl.)
saṃpradharṣayituṃ balāt
zu überwältigen mit Gewalt (Inf.Kaus., Abl.)
Bezug der Duale (Kater/Maus) aus dem Zusammenhang erschlossen.
Als Eule und Mungo Kater und Maus, die zu gemeinsamem Zweck ein Bündnis geschlossen hatten, sahen, gingen sie eilends ein jeder in die eigene Behausung.
Wort für Wort
kāryārthaṃ kṛtasaṃdhī tau
die beiden, die um der Sache willen ein Bündnis geschlossen hatten (Nom.Du.m.)
Auch die Falle nahm der Caṇḍāla an sich, blickte ringsum, gab die Hoffnung auf und zog im Nu von jenem Ort ab; und der Caṇḍāla ging zu seinem Haus, Stier der Bharatas.
Wort für Wort
unmātham apy athādāya
auch die Falle nehmend (Akk.Sg.m., Abs.)
caṇḍālo vīkṣya sarvaśaḥ
der Caṇḍāla, ringsum blickend (Nom., Abs.)
vihatāśaḥ kṣaṇenātha
mit zerschlagener Hoffnung im Augenblick dann (Nom.Sg.m.)
tasmād deśād apākramat
von jenem Ort entfernte er sich (Abl., Impf.3.Sg.)
jagāma ca svabhavanaṃ caṇḍālaḥ
und der Caṇḍāla ging zu seinem Haus (Perf.3.Sg., Akk.)
„Ohne irgendeine Verabredung getroffen zu haben, bin ich plötzlich [davon]gesprungen [?]; du hegst doch keinen Argwohn gegen mich, den Dankbaren, der Gutes getan hat?“
Wort für Wort
akṛtvā saṃvidaṃ kāṃ cit
ohne irgendeine Verständigung getroffen zu haben (Abs.neg., Akk.Sg.f.)
sahasāham upaplutaḥ
plötzlich bin ich hinaufgesprungen/überwältigt [?] (Adv., Nom.Sg.m., Part.Pass.)
kṛtajñaṃ kṛtakalyāṇam
den Dankbaren, der Gutes getan hat (Akk.Sg.m.)
kaccin māṃ nābhiśaṅkase
du verdächtigst mich doch nicht? (Fragepartikel, Akk., 2.Sg.Präs.)
tat kṛto 'haṃ tvayā mitraṃ sāmarthyād ātmanaḥ sakhe; sa māṃ mitratvam āpannam upabhoktuṃ tvam arhasi
„So bin ich von dir, Freund, aus deiner eigenen Kraft zum Freund gemacht worden; als ein Freund, der [zu dir] gekommen ist, solltest du mich genießen [d. h. dich meiner erfreuen].“
Wort für Wort
tat kṛto 'haṃ tvayā mitram
daher wurde ich von dir zum Freund gemacht (Nom.Sg.m., Instr., Akk.Sg.n.)
sāmarthyād ātmanaḥ sakhe
aus [deinem] Vermögen selbst, Freund (Abl., Gen., Vok.)
sa māṃ mitratvam āpannam
so mich, der zur Freundschaft gelangt ist (Akk.Sg.m., Part.Pass.)
upabhoktuṃ tvam arhasi
zu genießen bist du imstande/solltest du (Inf., 2.Sg.Präs.)
buddhyā tvam uśanāḥ sākṣād bale tv adhikṛtā vayam; tvanmantrabalayukto hi vindeta jayam eva ha
„An Verstand bist du geradezu Uśanas [Śukra]; an Kraft sind wir die Zuständigen; wer mit der Kraft deines Rates verbunden ist, würde gewiss den Sieg erlangen.“
Wort für Wort
buddhyā tvam uśanāḥ sākṣāt
an Verstand bist du leibhaftig Uśanas (Instr., Nom.Sg.m., Adv.)
bale tv adhikṛtā vayam
in der Kraft sind wir aber die Bestellten (Lok., Nom.Pl.)
tvanmantrabalayukto hi
denn wer mit der Kraft deines Rates verbunden ist (Nom.Sg.m.)
vindeta jayam eva ha
würde eben den Sieg gewinnen (3.Sg.Opt.Med., Akk.)
eṣāṃ saumyāni mitrāṇi krodhanāś caiva śatravaḥ; sāntvitās te na budhyante rāgalobhavaśaṃ gatāḥ
Deren Freunde sind mild, und [deren] Feinde zornig; [doch] beschwichtigt merken sie es nicht, [wenn] sie in die Gewalt von Leidenschaft und Gier geraten sind [?].
Wort für Wort
eṣāṃ saumyāni mitrāṇi
von diesen (Gen.Pl.), Freunde sind mild (N.Pl.n.)
krodhanāś caiva śatravaḥ
und Feinde zornig (Nom.Pl.m.)
sāntvitās te na budhyante
beschwichtigt (Part.Pass., Nom.Pl.) sie merken nicht (3.Pl.Med.)
rāgalobhavaśaṃ gatāḥ
in die Gewalt von Leidenschaft und Gier gegangen (Kompositum, Akk.; Part.Pass. Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; Kongruenz von saumyāni (n.) mit mitrāṇi und der Bezug von eṣām sind unklar.
Von Geburt gibt es keinen Feind dem Namen nach, und einen Freund gibt es [dem Namen nach] nicht; durch die Verbindung mit Vermögen [und Nutzen] entstehen Freunde und ebenso Feinde.
Wort für Wort
nāsti jātyā ripur nāma
es gibt nicht von Geburt (Instr.) einen Feind (Nom.) dem Namen nach
mitraṃ nāma na vidyate
einen Freund dem Namen nach gibt es nicht (3.Sg.Pass.)
sāmarthyayogāj jāyante
aus der Verbindung mit Vermögen/Nutzen (Abl.) entstehen (3.Pl.Med.)
nāsti maitrī sthirā nāma na ca dhruvam asauhṛdam; arthayuktyā hi jāyante mitrāṇi ripavas tathā
Es gibt keine beständige Freundschaft dem Namen nach, und auch Nicht-Freundschaft ist nicht fest; je nach Verknüpfung mit dem Zweck entstehen Freunde und ebenso Feinde.
Wort für Wort
nāsti maitrī sthirā nāma
es gibt keine beständige Freundschaft (Nom.f.) dem Namen nach
na ca dhruvam asauhṛdam
und nicht fest Nicht-Freundschaft (Nom.n.)
arthayuktyā hi jāyante
denn durch Zweckverbindung (Instr.) entstehen (3.Pl.Med.)
Wer, ohne den Zusammenhang mit dem Zweck zu erkennen, sein Herz auf [Wohl]wollen richtet, sei es gegenüber einem Freund oder einem Feind: auch dessen Sinn ist schwankend [?].
Wort für Wort
arthayuktim avijñāya
die Zweckverbindung nicht erkannt habend (Abs.)
yaḥ śubhe kurute matim
wer auf Gutes/Wohlwollen (Lok.) den Sinn richtet (3.Sg.Med.)
mitre vā yadi vā śatrau
sei es bei einem Freund oder bei einem Feind (Lok.)
tasyāpi calitā matiḥ
auch dessen Sinn schwankend (Nom.f.)
śubhe ist knapp; Lesart „auf Gutes/Wohlwollen“ wurde gewählt.
na viśvased aviśvaste viśvaste 'pi na viśvaset; viśvāsād bhayam utpannaṃ mūlāny api nikṛntati
Man soll dem nicht trauen, der nicht vertrauenswürdig ist, und auch dem Vertrauenswürdigen soll man nicht [blind] trauen; aus Vertrauen entstandene Gefahr schneidet sogar die Wurzeln ab.
Wort für Wort
na viśvased aviśvaste
man soll nicht vertrauen (3.Sg.Opt.) einem Nicht-Vertrauenswürdigen (Lok.)
viśvaste 'pi na viśvaset
auch einem Vertrauenswürdigen soll man nicht vertrauen
viśvāsād bhayam utpannam
aus Vertrauen (Abl.) Gefahr entstanden (Nom.n.)
mūlāny api nikṛntati
sogar die Wurzeln (Akk.) schneidet sie ab (3.Sg.Präs.)
arthayuktyā hi dṛśyante pitā mātā sutās tathā; mātulā bhāgineyāś ca tathā saṃbandhibāndhavāḥ
Durch Zweckverbindung nämlich erscheinen [einem] Vater, Mutter und ebenso Söhne, Mutterbrüder und Schwestersöhne sowie Verschwägerte und Verwandte [als zugehörig].
Wort für Wort
arthayuktyā hi dṛśyante
denn durch Zweckverbindung (Instr.) erscheinen/werden gesehen (3.Pl.Pass.)
Den halte ich für einen von trügerischer Klugheit, der [du] unmittelbar nach der Befreiung ein Werk zu vollbringen suchst, das leicht auszuführen und ohne Zweifel [gelingt] [?].
Wort für Wort
taṃ manye nikṛtiprajñam
den halte ich (1.Sg.Präs.) für trügerisch klug (Bahuvrīhi, Akk.)
yo mokṣaṃ pratyanantaram
der(du) nach der Befreiung (Akk.) unmittelbar danach
kṛtyaṃ mṛgayase kartum
ein Werk (Akk.) suchst du (2.Sg.Präs.Med.) zu tun (Inf.)
sukhopāyam asaṃśayam
mit leichtem Mittel, zweifelsfrei (Akk.n.)
Person wechselt (yaḥ … mṛgayase); Wortlaut unsicher.
yady api bhrātaraḥ kruddhā bhāryā vā kāraṇāntare; svabhāvatas te prīyante netaraḥ prīyate janaḥ
Selbst wenn Brüder oder die Gattin aus anderem Grund zornig sind, so werden sie doch von Natur aus [wieder] geliebt; ein anderer Mensch wird nicht geliebt.
Wort für Wort
yady api bhrātaraḥ kruddhā
selbst wenn Brüder zornig (Nom.Pl.)
bhāryā vā kāraṇāntare
oder die Gattin, aus anderem Grund (Lok.)
svabhāvatas te prīyante
von Natur aus werden sie geliebt (3.Pl.Pass.)
netaraḥ prīyate janaḥ
nicht ein anderer Mensch wird geliebt (3.Sg.Pass.)
Der eine wird durch Geben lieb, ein anderer durch freundliche Rede, wieder andere durch Mantras, Opfergüsse und Murmelgebete; um des Zweckes willen wird man geliebt.
Wort für Wort
priyo bhavati dānena
lieb wird man durch Geben (Instr.)
priyavādena cāparaḥ
und ein anderer durch freundliches Reden (Instr.)
mantrahomajapair anyaḥ
ein weiterer durch Mantras, Opfer, Gemurmel (Instr.Pl.)
kāryārthaṃ prīyate janaḥ
um des Zwecks willen wird der Mensch geliebt (3.Sg.Pass.)
Ist ein Grund entstanden, so ist da Zuneigung; bei einem anderen Grund haben wir beide sie nicht; ist der Bestand des Grundes zerstört, so schwindet jene Zuneigung.
Wort für Wort
utpanne kāraṇe prītir
wenn der Grund entstanden ist (Lok.abs.), Zuneigung (Nom.)
nāsti nau kāraṇāntare
sie ist nicht bei uns beiden (Gen.Du.) bei anderem Grund (Lok.)
pradhvaste kāraṇasthāne
wenn der Ort/Bestand des Grundes zerstört ist (Lok.abs.)
na tv īdṛśaṃ tvayā vācyaṃ viduṣi svārthapaṇḍite; akāle 'viṣamasthasya svārthahetur ayaṃ tava
Doch dergleichen sollst du nicht sagen, [du] Kundiger, in Eigennutz Gelehrter; zur Unzeit [sagst du es] einem nicht in Bedrängnis Befindlichen: dies ist dein Eigennutzgrund [?].
Wort für Wort
na tv īdṛśaṃ tvayā vācyam
nicht aber solches ist von dir zu sagen (Gerundiv)
viduṣi svārthapaṇḍite
[zu] dem Kundigen, im Eigennutz Gelehrten (Lok.)
akāle 'viṣamasthasya
zur Unzeit, [zu] einem nicht in Bedrängnis Stehenden (Gen.)
Darum weiche ich nicht von meinem Eigennutz ab, fest stehend in Frieden und Krieg; wie Wolkengestalten verwandeln sie sich von Augenblick zu Augenblick.
Wort für Wort
tasmān nāhaṃ cale svārthāt
darum weiche ich nicht ab (1.Sg.Präs.) vom Eigennutz (Abl.)
susthitaḥ saṃdhivigrahe
fest stehend (Nom.) in Frieden und Krieg (Lok.)
abhrāṇām iva rūpāṇi
wie die Gestalten der Wolken (Gen.Pl.; Akk.Pl.)
vikurvanti kṣaṇe kṣaṇe
sie verwandeln sich (3.Pl.) von Augenblick zu Augenblick (Lok.)
tvaṃ hi me 'tyantataḥ śatruḥ sāmarthyān mitratāṃ gataḥ; tat kṛtyam abhinirvṛttaṃ prakṛtiḥ śatrutāṃ gatā
Du bist mir ja von Grund auf Feind, durch [deine] Fähigkeit zum Freund geworden; jenes Werk ist vollbracht, [meine] Natur ist [wieder] zur Feindschaft gelangt.
Wort für Wort
tvaṃ hi me 'tyantataḥ śatruḥ
du bist mir ja durch und durch Feind
sāmarthyān mitratāṃ gataḥ
durch Fähigkeit/Nutzen (Abl.) zur Freundschaft gelangt (Part.Pass.)
tat kṛtyam abhinirvṛttam
jenes Werk vollendet (Part.Pass.)
prakṛtiḥ śatrutāṃ gatā
die [Grund-]Natur zur Feindschaft gelangt (Nom.f.)
prakṛti hier als ursprüngliche Natur des Verhältnisses gedeutet.
so 'ham evaṃ praṇītāni jñātvā śāstrāṇi tattvataḥ; praviśeyaṃ kathaṃ pāśaṃ tvatkṛtaṃ tad vadasva me
So [beschaffen] ich, der ich die so dargelegten Lehrschriften der Wahrheit nach kenne: wie sollte ich in die von dir gelegte Schlinge treten? Sag mir das.
Wort für Wort
so 'ham evaṃ praṇītāni
ich, der so (Nom.), so dargelegte (Part.Pass. Akk.Pl.)
jñātvā śāstrāṇi tattvataḥ
erkannt habend (Abs.) die Lehrschriften (Akk.) der Wahrheit gemäß
praviśeyaṃ kathaṃ pāśam
wie sollte ich eintreten (1.Sg.Opt.) in die Schlinge (Akk.)
bhakṣyārtham eva baddhas tvaṃ sa muktaḥ prasṛtaḥ kṣudhā; śāstrajñam abhisaṃdhāya nūnaṃ bhakṣayitādya mām
Nur zum Fressen wurdest du gebunden; nun gelöst, bist du vom Hunger vorwärtsgetrieben; gewiss wirst du mich heute fressen, [da du] auf mich Schriftkundigen abzielst.
Ich werde nicht mit dir zusammenkommen; der Grund für das Zusammensein ist erloschen. Denke von dort, wo du bist, Heil auf mich, wenn [dir] eine gute Tat in Erinnerung ist.
Wort für Wort
nāhaṃ tvayā sameṣyāmi
ich werde nicht mit dir zusammenkommen (1.Sg.Fut.)
vṛtto hetuḥ samāgame
der Grund ist geschehen/abgelaufen (Part.Pass.) bei der Zusammenkunft (Lok.)
śivaṃ dhyāyasva me 'trasthaḥ
Heil denke (Imp.Med.) mir, hier befindlich [?]
sukṛtaṃ smaryate yadi
wenn eine gute Tat erinnert wird (3.Sg.Pass.)
me 'trasthaḥ: Bezug unklar (dort/hier befindlich).
Welcher Kluge würde in den Machtbereich eines Feindes gehen, [wenn er] zur Nahrung des Feindes geworden ist, [eines Feindes,] der geplagt und hungrig Fressbares sucht?
Wort für Wort
śatror annādyabhūtaḥ san
zur Speise des Feindes (Gen.) geworden seiend (Part.Präs.)
kliṣṭasya kṣudhitasya ca
des geplagten und des hungrigen (Gen.)
bhakṣyaṃ mṛgayamāṇasya
des Fressbares Suchenden (Part.Präs.Med. Gen.)
kaḥ prājño viṣayaṃ vrajet
welcher Kluge würde in den Bereich gehen (3.Sg.Opt.)
Um seiner selbst willen ist Nachkommenschaft aufzugeben, Reich, Juwel und Reichtum ebenso; selbst alles Besitzes entäußert, soll man sich selbst durch sich selbst schützen.
Wort für Wort
ātmārthe saṃtatis tyājyā
um des Selbst willen (Lok.) Nachkommenschaft aufzugeben (Gerundiv f.)
rājyaṃ ratnaṃ dhanaṃ tathā
Reich, Juwel, Reichtum ebenso (Nom.)
api sarvasvam utsṛjya
selbst alles Eigentum aufgegeben habend (Abs.)
rakṣed ātmānam ātmanā
man soll schützen (3.Sg.Opt.) das Selbst (Akk.) durch sich (Instr.)
na tv ātmanaḥ saṃpradānaṃ dhanaratnavad iṣyate; ātmā tu sarvato rakṣyo dārair api dhanair api
Die Hingabe seiner selbst aber wird nicht wie [die von] Reichtum und Juwelen gebilligt; das Selbst ist vor allem zu schützen, auch [mehr] als Frauen und Reichtümer.
Wort für Wort
na tv ātmanaḥ saṃpradānam
nicht aber die Hingabe des Selbst (Gen.; Nom.n.)
dhanaratnavad iṣyate
wie bei Reichtum und Juwelen (Adv.) wird gewünscht/gebilligt (3.Sg.Pass.)
ātmā tu sarvato rakṣyo
das Selbst aber ist von allen Seiten zu schützen (Gerundiv)
dārair api dhanair api
auch durch Frauen, auch durch Reichtümer (Instr.Pl.) [d.h. selbst um den Preis von]
dārair api dhanair api: Instr. „selbst mit/um den Preis von Frauen und Reichtümern“.
Wer überall Argwohn erregt, selbst wenn er stets Freundliches tut, [der ist verdächtig] bei edelgeborenen, guten Freunden, Rechtschaffenen und Großgesinnten.
Wort für Wort
śaṅkanīyaḥ sa sarvatra
er ist überall verdächtig (Nom.Sg.m., Gerundiv)
priyam apy ācaran sadā
auch wenn er stets Liebes tut (Akk.Sg.n./Part.Präs.Nom.Sg.)
kulajānāṃ sumitrāṇām
bei Edelgeborenen, guten Freunden (Gen./Lok.-Sinn, Pl.)
dhārmikāṇāṃ mahātmanām
bei Rechtschaffenen, Großgesinnten (Gen.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers, syntaktisch locker; Ergänzung sinngemäß, unsicher.
lomaśa uvāca; satyaṃ śape tvayāhaṃ vai mitradroho vigarhitaḥ
Lomaśa sprach: „Ich schwöre bei der Wahrheit: Verrat an einem Freund wird von mir als tadelnswert angesehen.
Wort für Wort
lomaśa uvāca
Lomaśa sprach (Nom./3.Sg.Perf.)
satyaṃ śape tvayāhaṃ vai
ich schwöre bei der Wahrheit, dir gegenüber wahrlich (Akk.Sg./1.Sg.Präs./Instr.)
mitradroho vigarhitaḥ
Freundesverrat ist verachtenswert (Nom.Sg.m./Part.Pass.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Sprecherangabe Lomaśa (Katzenname) in der Zusatzpassage; Deutung von tvayā [?] unsicher.
„Ich achte deine Klugheit, da du auf mein Wohl bedacht bist; du hast die Sache dem wahren Wesen nach dargelegt, mit [dem] von mir [ausgehenden] durchdringenden Blick [?].
Wort für Wort
saṃmanye 'haṃ tava prajñām
ich schätze deine Einsicht (1.Sg.Präs./Akk.Sg.f.)
yas tvaṃ mama hite rataḥ
da du auf mein Wohl bedacht bist (Rel.Nom./Loc.Sg.n./Part.Nom.Sg.)
uktavān arthatattvena
du hast gesagt gemäß dem Wesen der Sache (Part.Perf.Akt./Instr.)
mayā saṃbhinnadarśanaḥ
von mir, mit dem Einblick eingeschätzt (Instr.Sg./Nom.Sg.m.)
Ich bin des Rechts kundig, ich kenne die Tugenden, ich bin besonders dankbar, und ich bin zärtlich gegenüber Freunden, besonders gegenüber solchen wie dir.
Wort für Wort
dharmajño 'smi guṇajño 'smi
Rechtskenner bin ich, Tugendkenner bin ich (Nom.Sg./1.Sg.Präs.)
dhik śabdo hi budhair dṛṣṭo madvidheṣu manasviṣu; maraṇaṃ dharmatattvajña na māṃ śaṅkitum arhasi
Denn ‚Pfui!‘, [dieser] Ausruf ist von Weisen bei Hochgesinnten wie mir gesehen worden; [schon] der Tod [ist besser], du Kenner des Wesens des Rechts, als dass du mich verdächtigst.
Wort für Wort
dhik śabdo hi budhair dṛṣṭaḥ
‚Pfui‘-Laut von Weisen gesehen (Nom.Sg.m./Instr.Pl./Part.Pass.)
madvidheṣu manasviṣu
bei Hochgesinnten wie mir (Lok.Pl.)
maraṇaṃ dharmatattvajña
der Tod [ist besser], Kenner des Rechtswesens (Nom.Sg.n./Vok.)
na māṃ śaṅkitum arhasi
mich verdächtigen sollst du nicht (Inf./2.Sg.Präs.)
Ergänzung [ist besser] nach dem Sinn; Konstruktion elliptisch.
sādhur bhavāñ śrutārtho 'smi prīyate na ca viśvase; saṃstavair vā dhanaughair vā nāhaṃ śakyaḥ punas tvayā
„Du bist gut, ich habe [deine] Worte gehört; ich freue mich, aber ich vertraue nicht; weder durch Lobpreisungen noch durch Fluten von Reichtum bin ich [von dir] wieder [zu gewinnen].
Wort für Wort
sādhur bhavān
gut seid Ihr (Nom.Sg.m./Nom.Sg.m.)
śrutārtho 'smi prīyate na ca viśvase
ich habe den Sinn gehört; es freut sich, aber ich vertraue nicht (Nom./1.Sg./Pass.3.Sg./1.Sg.Präs.)
saṃstavair vā dhanaughair vā
durch Lobreden oder Reichtumsfluten (Instr.Pl.)
nāhaṃ śakyaḥ punas tvayā
ich bin nicht [zu gewinnen] wieder von dir (1.Sg./Gerundiv/Adv./Instr.)
śatrusādhāraṇe kṛtye kṛtvā saṃdhiṃ balīyasā; samāhitaś cared yuktyā kṛtārthaś ca na viśvaset
Wer mit einem Stärkeren in einer gemeinsamen, beiden Feinden gegenüber [erforderlichen] Sache ein Bündnis geschlossen hat, soll aufmerksam und klug verfahren und, [wenn] das Ziel erreicht ist, nicht [mehr] vertrauen.
Wort für Wort
śatrusādhāraṇe kṛtye
in einer gegen den gemeinsamen Feind gerichteten Aufgabe (Lok.Sg.n.)
kṛtvā saṃdhiṃ balīyasā
nachdem er Bündnis mit dem Stärkeren geschlossen (Abs./Akk./Instr.)
samāhitaś cared yuktyā
gesammelt soll er verfahren mit Klugheit (Part.Nom./3.Sg.Opt./Instr.)
kṛtārthaś ca na viśvaset
und mit erreichtem Ziel soll er nicht vertrauen (Nom./3.Sg.Opt.)
na viśvased aviśvaste viśvaste nātiviśvaset; nityaṃ viśvāsayed anyān pareṣāṃ tu na viśvaset
Man soll dem nicht trauen, der nicht vertrauenswürdig ist, und dem Vertrauenswürdigen nicht allzu sehr vertrauen; stets soll man andere Vertrauen fassen lassen, aber den anderen selbst nicht vertrauen.
Wort für Wort
na viśvased aviśvaste
man soll nicht vertrauen dem Nichtvertrauenden (3.Sg.Opt./Lok.)
viśvaste nātiviśvaset
dem Vertrauten nicht allzu sehr vertrauen (Lok./3.Sg.Opt.)
nityaṃ viśvāsayed anyān
stets soll man vertrauen machen andere (Adv./Kaus.Opt./Akk.Pl.)
pareṣāṃ tu na viśvaset
doch anderen nicht vertrauen (Gen./3.Sg.Opt.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; pareṣām mit Genitiv statt Lokativ.
Die Kurzfassung der Lehrbücher der Staatsklugheit gilt als das höchste Misstrauen; darum ist Misstrauen gegenüber Menschen reichlich zum eigenen Vorteil.
Wort für Wort
saṃkṣepo nītiśāstrāṇām
die Kurzfassung der Politikschriften (Nom.Sg./Gen.Pl.)
aviśvāsaḥ paro mataḥ
Misstrauen als höchstes gilt (Nom./Nom./Part.Pass.)
nṛṣu tasmād aviśvāsaḥ
gegenüber Menschen daher Misstrauen (Lok.Pl./Abl./Nom.)
puṣkalaṃ hitam ātmanaḥ
reichlich Nutzen für sich (Nom.Sg.n./Nom.Sg.n./Gen.)
vadhyante na hy aviśvastāḥ śatrubhir durbalā api; viśvastās tv āśu vadhyante balavanto 'pi durbalaiḥ
Denn Misstrauende werden von Feinden nicht getötet, selbst wenn sie schwach sind; Vertrauende aber werden schnell getötet, selbst wenn sie stark sind, von Schwachen.
Wort für Wort
vadhyante na hy aviśvastāḥ
getötet werden nicht die Misstrauischen (3.Pl.Pass./Nom.Pl.)
śatrubhir durbalā api
von Feinden, auch wenn schwach (Instr.Pl./Nom.Pl.)
viśvastās tv āśu vadhyante
Vertrauende aber werden schnell getötet (Nom.Pl./Adv./3.Pl.Pass.)
Die beiden, die einander Feindschaft angetan hatten, schlossen höchste Freundschaft; und ihrer beider Sinn war [doch] darauf gerichtet, einander zu überlisten.
Wort für Wort
anyonyakṛtavairau tu
gegenseitig Feindschaft gemacht habend, doch (Nom.Du.)
cakratuḥ prītim uttamām
sie beide schlossen höchste Zuneigung (3.Du.Perf./Akk./Akk.)
anyonyam abhisaṃdhātum
einander zu überlisten (Adv./Inf.)
abhūc caiva tayor matiḥ
und es war bei beiden der Gedanke (3.Sg.Aor./Gen.Du./Nom.)
tatra prājño 'bhisaṃdhatte samyag buddhibalāśrayāt; abhisaṃdhīyate prājñaḥ pramādād api cābudhaiḥ
Dabei überlistet der Kluge [den anderen] recht aufgrund der Kraft des Verstandes; der Kluge wird aber auch aus Unachtsamkeit von Unverständigen überlistet.
Wort für Wort
tatra prājño 'bhisaṃdhatte
dabei überlistet der Kluge (Adv./Nom./3.Sg.Präs.Med.)
samyag buddhibalāśrayāt
recht durch Zuflucht zur Verstandeskraft (Adv./Abl.)
abhisaṃdhīyate prājñaḥ
wird überlistet der Kluge (3.Sg.Pass./Nom.)
pramādād api cābudhaiḥ
auch aus Unachtsamkeit von Unverständigen (Abl./Instr.Pl.)
tasmād abhītavad bhīto viśvastavad aviśvasan; na hy apramattaś calati calito vā vinaśyati
Darum: wie ein Furchtloser, [obwohl] furchtsam; wie ein Vertrauender, [obwohl] misstrauisch; denn wer nicht unachtsam ist, gerät nicht ins Wanken, und wer ins Wanken gerät, geht zugrunde.
Wort für Wort
tasmād abhītavad bhīto
daher furchtlos-gleich, [selbst] furchtsam (Abl./Adv./Nom.)
viśvastavad aviśvasan
vertrauend-gleich, misstrauend (Adv./Part.Nom.)
na hy apramattaś calati
denn wer nicht unachtsam ist, wankt nicht (Nom./3.Sg.Präs.)
calito vā vinaśyati
oder der Wankende geht zugrunde (Part.Nom./3.Sg.Präs.)
Zweiter Halbvers: wörtlich „der Nichtunachtsame wankt nicht, oder [der] Gewankte geht zugrunde“; vā zurückhaltend als „und“ gefasst [?].
„Mit dem Feind [soll] zur [rechten] Zeit ein Bündnis, mit dem Freund zur [rechten] Zeit Feindschaft geschlossen werden“, so sagen die Kenner der Wahrheit stets, Yudhiṣṭhira.
Wort für Wort
kālena ripuṇā saṃdhiḥ
zur rechten Zeit mit dem Feind Bündnis (Instr./Instr./Nom.)
kāle mitreṇa vigrahaḥ
zur Zeit mit dem Freund Krieg (Lok./Instr./Nom.)
kārya ity eva tattvajñāḥ
soll gemacht werden, so eben die Kenner (Gerundiv/Ptkl./Nom.Pl.)
Wenn du dies bedacht und den Sinn der Lehrbücher erfasst hast, großer König, so sollst du, [nun] angegriffen und unachtsam, [schon] vor der Gefahr wie ein Furchtsamer auftreten.
Wort für Wort
evaṃ matvā mahārāja
so bedacht, großer König (Abs./Vok.)
śāstrārtham abhigamya ca
und den Lehrsinn erfasst habend (Akk./Abs.)
abhiyukto 'pramattaś ca
angegriffen und nicht unachtsam (Part.Nom./Nom.)
prāg bhayād bhītavac caret
vor der Furcht wie ein Furchtsamer soll er auftreten (Adv./Abl./Adv./3.Sg.Opt.)
abhiyukta kann „angegriffen“ oder „eifrig bemüht“ heißen; „nicht unachtsam“ wurde hier gewählt [?].
Wie ein Furchtsamer soll man Vorkehrungen treffen und ebenso Gegenbündnisse [schließen]; aus Furcht entsteht der Verstand, der aus unachtsamem Eifer geboren wird.
Wort für Wort
bhītavat saṃvidhiḥ kāryaḥ
wie ein Furchtsamer Vorkehrung ist zu tun (Adv./Nom./Gerundiv)
pratisaṃdhis tathaiva ca
und ebenso Gegenbündnis (Nom./Adv.)
bhayād utpadyate buddhiḥ
aus Furcht entsteht Verstand (Abl./3.Sg.Pass./Nom.)
apramattābhiyogajā
aus Eifer des Nichtunachtsamen geboren (Nom.Sg.f.)
na bhayaṃ vidyate rājan bhītasyānāgate bhaye; abhītasya tu visrambhāt sumahaj jāyate bhayam
Es gibt keine Furcht, König, für den Furchtsamen, wenn die Gefahr noch nicht da ist; für den Furchtlosen aber entsteht aus Sorglosigkeit sehr große Furcht.
Wort für Wort
na bhayaṃ vidyate rājan
nicht Furcht ist, König (Nom./3.Sg.Pass./Vok.)
bhītasyānāgate bhaye
für den Furchtsamen bei nicht gekommener Gefahr (Gen./Lok.abs.)
abhītasya tu visrambhāt
für den Furchtlosen aber aus Zutrauen (Gen./Ptkl./Abl.)
Und „er ist furchtsam“, so soll ihm gar nicht auf irgendeine Weise ein Geheimrat verwehrt werden; denn aus Unwissenheit würde er, wenn [etwas] bekannt wird, zu den Ortskundigen gehen [?].
Wort für Wort
na bhīrur iti cātyantam
und „er ist kein Feigling“, so im Übermaß (Nom./Ptkl./Adv.)
mantro 'deyaḥ kathaṃ cana
Rat ist nicht zu geben auf keine Weise (Nom./Gerundiv/Adv.)
avijñānād dhi vijñāte
denn aus Nichtwissen, wenn es erkannt ist (Abl./Ptkl./Lok.abs.)
gacched āspadadarśiṣu
würde er gehen zu den Standort-Sehenden (3.Sg.Opt./Lok.Pl.)
Vers textlich schwierig: na bhīrur iti … amantro ’deyaḥ; Wiedergabe unsicher, Text wohl verderbt.
Darum: wie ein Furchtloser [auftreten], [obwohl] furchtsam; wie ein Vertrauender, [obwohl] misstrauisch; in Kenntnis der Schwere der Aufgaben soll man nichts Unwahres tun.
Wort für Wort
tasmād abhītavad bhīto
daher furchtlos-gleich, furchtsam (Abl./Adv./Nom.)
viśvastavad aviśvasan
vertrauend-gleich, misstrauend (Adv./Part.Nom.)
kāryāṇāṃ gurutāṃ buddhvā
der Aufgaben Schwere erkannt habend (Gen.Pl./Akk./Abs.)
upalabhya matiṃ cāgryām arimitrāntaraṃ tathā; saṃdhivigrahakālaṃ ca mokṣopāyaṃ tathāpadi
Nachdem du dir höchste Einsicht [angeeignet] und den Unterschied zwischen Feind und Freund [erkannt hast], ebenso die Zeit für Bündnis und Krieg und den Ausweg in der Not,
Wort für Wort
upalabhya matiṃ cāgryām
erlangt habend auch höchsten Verstand (Abs./Akk./Akk.)
arimitrāntaraṃ tathā
Unterschied von Feind und Freund ebenso (Akk.Sg.n./Adv.)
śatrusādhāraṇe kṛtye kṛtvā saṃdhiṃ balīyasā; samāgamaṃ cared yuktyā kṛtārtho na ca viśvaset
[so] schließe in einer gegen den gemeinsamen Feind gerichteten Aufgabe mit einem Stärkeren ein Bündnis; verkehre klug [mit ihm] und vertraue nicht, wenn das Ziel erreicht ist.
Wort für Wort
śatrusādhāraṇe kṛtye
in gemeinsamer Feindsache (Lok.Sg.n.)
kṛtvā saṃdhiṃ balīyasā
nach Bündnis mit dem Stärkeren (Abs./Akk./Instr.)
samāgamaṃ cared yuktyā
Umgang soll man pflegen mit Klugheit (Akk./3.Sg.Opt./Instr.)
kṛtārtho na ca viśvaset
erfolgreich und nicht vertrauen (Nom./Ptkl./3.Sg.Opt.)
Diese mit dem Dreiklang [von Recht, Nutzen, Lust] nicht in Widerspruch stehende Staatsklugheit [wende an], Yudhiṣṭhira; erhebe dich nach diesem Gehörten, und erfreue mehr noch die Untertanen.
Wort für Wort
aviruddhāṃ trivargeṇa
nicht im Widerspruch mit dem Dreiklang (Akk.Sg.f./Instr.)
nītim etāṃ yudhiṣṭhira
diese Staatsklugheit, Yudhiṣṭhira (Akk./Akk./Vok.)
abhyuttiṣṭha śrutād asmāt
erhebe dich nach diesem Gehörten (Imp./Abl.)
bhūyas tvaṃ rañjayan prajāḥ
mehr noch, du, die Untertanen erfreuend (Adv./Nom./Part./Akk.Pl.)
Diese sind Kenner des Rechts und stets dankbar, Herr; wenn sie geehrt werden, tun sie Heilvolles, [und sie haben] vormals Erobertes, Herrscher der Menschen.
Wort für Wort
ete dharmasya vettāraḥ
diese sind Kenner des Rechts (Nom.Pl./Gen./Nom.Pl.)
kṛtajñāḥ satataṃ prabho
dankbar stets, Herr (Nom.Pl./Adv./Vok.)
pūjitāḥ śubhakarmāṇaḥ
geehrt, Gutes wirkend (Part.Pass.Nom.Pl./Nom.Pl.)
pūrvajityā narādhipa
durch frühere Eroberung, Herr der Menschen (Instr.Sg.f./Vok.)
pūrvajityā: Deutung unsicher (Instr. von pūrvajiti?); Vers vermutlich verderbt.
Dieses gut Gesagte über Bündnis und Krieg zwischen zwei [Parteien], das die Unterscheidung des Verstandes bewirkt, Bhārata: so soll ein Fürst es stets erwägen und im Kreis der Feinde anwenden, Herrscher.
Wort für Wort
dvayor imaṃ bhārata
dieses zweier, Bhārata (Gen.Du./Akk./Vok.)
saṃdhivigrahaṃ subhāṣitam
Bündnis-und-Krieg, das gut Gesagte (Akk./Akk.)
buddhiviśeṣakāritam
Verstandesunterschied bewirkend (Akk.Sg.n.)
tathānvavekṣya kṣitipena sarvadā
so betrachtet, von einem Fürsten, stets (Adv./Abs./Instr./Adv.)
niṣevitavyaṃ nṛpa śatrumaṇḍale
ist anzuwenden, König, im Feindeskreis (Gerundiv/Vok./Lok.)