Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 251: dharmalakṣaṇa Kennzeichen des Dharma: Wandel, Wahrheit und die Goldene Regel

Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach Wesen, Herkunft und Ziel des Dharma nennt Bhīṣma dessen Kennzeichen und begründet ihn aus Wahrheit, Furchtlosigkeit des Redlichen und dem Grundsatz, anderen nicht anzutun, was man selbst nicht erleiden will. Einige Verse (besonders 12, 18, 20, 22, 23) sind syntaktisch schwierig.

yudhiṣṭhira uvāca; ime vai mānavāḥ sarve dharmaṃ prati viśaṅkitāḥ; ko 'yaṃ dharmaḥ kuto dharmas tan me brūhi pitāmaha

Yudhiṣṭhira sprach: „Diese Menschen alle sind ja im Hinblick auf den Dharma voller Zweifel. Was ist dieser Dharma, woher [kommt] der Dharma? Das sage mir, Großvater.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (3.Sg.Perf.)
ime vai mānavāḥ sarve
diese ja, die Menschen, alle (Nom.Pl.)
dharmaṃ prati viśaṅkitāḥ
im Hinblick auf den Dharma zweifelnd/besorgt (Akk. + Postp.; Part.Pass.Nom.Pl.)
ko 'yaṃ dharmaḥ
was [ist] dieser Dharma (Nom.Sg.)
kuto dharmaḥ
woher [kommt] der Dharma (Abl.-Adv.)
tan me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Imp.2.Sg./Dat.-Gen.; Vok.)

dharmo nv ayam ihārthaḥ kim amutrārtho 'pi vā bhavet; ubhayārtho 'pi vā dharmas tan me brūhi pitāmaha

„Ist dieser Dharma nun hier [in dieser Welt] auf ein Ziel [gerichtet], oder mag er auch auf ein Ziel im Jenseits [gerichtet] sein? Oder ist der Dharma auf beides gerichtet? Das sage mir, Großvater.“

Wort für Wort
dharmo nv ayam ihārthaḥ kim
ist dieser Dharma nun hier zweckhaft/auf ein Ziel bezogen (Nom.Sg.; Fragepartikel)
amutrārtho 'pi vā bhavet
oder mag er auch im Jenseits zweckhaft sein (Opt.3.Sg.)
ubhayārtho 'pi vā dharmaḥ
oder ist der Dharma auf beides gerichtet (Nom.Sg.)
tan me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Imp.2.Sg.; Vok.)

bhīṣma uvāca; sadācāraḥ smṛtir vedās trividhaṃ dharmalakṣaṇam; caturtham artham ity āhuḥ kavayo dharmalakṣaṇam

Bhīṣma sprach: „Guter Wandel, Überlieferung [Smṛti], die Veden: dreifach ist das Kennzeichen des Dharma. Als viertes nennen die Weisen den Nutzen [artha] als Kennzeichen des Dharma.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
sadācāraḥ smṛtir vedāḥ
guter Wandel, Überlieferung, Veden (Nom.)
trividhaṃ dharmalakṣaṇam
dreifach das Kennzeichen des Dharma (Nom.Sg.n.; Tatpuruṣa)
caturtham artham ity āhuḥ
als Viertes den Nutzen, so sagen (Akk.; 3.Pl.Perf.)
kavayo dharmalakṣaṇam
die Weisen [nennen es] Kennzeichen des Dharma (Nom.Pl.; Akk.Sg.)

api hy uktāni karmāṇi vyavasyanty uttarāvare; lokayātrārtham eveha dharmasya niyamaḥ kṛtaḥ; ubhayatra sukhodarka iha caiva paratra ca

Auch die [eigens] ausgesprochenen Handlungen bestimmen [sie] als höhere und niedere [?]. Nur für den Gang der Welt hier ist die Regelung des Dharma gemacht worden. Beides, hier und im Jenseits, hat Glück zur Folge.

Wort für Wort
api hy uktāni karmāṇi
auch ja, die ausgesprochenen/vorgeschriebenen Handlungen (Part.Pass.Nom.Pl.n.)
vyavasyanty uttarāvare
sie bestimmen/entscheiden [als] höhere und niedere [?] (3.Pl.Präs.; Nom.Du./Akk.)
lokayātrārtham eveha
nur um des Weltgangs willen hier (Akk.-Adv.)
dharmasya niyamaḥ kṛtaḥ
des Dharma Regelung ist gemacht (Gen.; Nom.; Part.Pass.)
ubhayatra sukhodarkaḥ
in beiden [Welten] glückbringende Folge habend (Bahuvrīhi)
iha caiva paratra ca
hier und dort im Jenseits (Adv.)

uttarāvare unsicher: möglicherweise ‚höher und niedriger‘ (Rangfolge der Handlungen) oder ‚später und früher‘.

alabdhvā nipuṇaṃ dharmaṃ pāpaḥ pāpe prasajjati; na ca pāpakṛtaḥ pāpān mucyante ke cid āpadi

Wer den feinen Dharma nicht erlangt hat, der Böse, hängt am Bösen. Und keiner der Übeltäter wird in der Not von den Übeln befreit.

Wort für Wort
alabdhvā nipuṇaṃ dharmam
nicht erlangt habend den feinen Dharma (Abs.; Akk.Sg.)
pāpaḥ pāpe prasajjati
der Böse haftet am Bösen (Nom.; Lok.; 3.Sg.Präs.)
na ca pāpakṛtaḥ
und nicht die Übeltäter (Nom.Pl.)
pāpān mucyante
von den Übeln werden befreit (Abl.; 3.Pl.Pass.)
ke cid āpadi
irgendeiner in der Not (Nom.Pl.; Lok.Sg.)

apāpavādī bhavati yadā bhavati dharmavit; dharmasya niṣṭhā svācāras tam evāśritya bhotsyase

Wenn einer Dharma kennt, wird er einer, der nichts Übles redet. Das Endziel des Dharma ist das eigene rechte Verhalten; darauf dich stützend wirst du erwachen [zur Einsicht].

Wort für Wort
apāpavādī bhavati
einer, der nichts Übles sagt, wird er (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
yadā bhavati dharmavit
wenn er wird ein Dharmakundiger (Nom.Sg.)
dharmasya niṣṭhā svācāraḥ
des Dharma Endziel [ist] eigenes rechtes Verhalten (Gen.; Nom.)
tam evāśritya
eben darauf gestützt (Abs.)
bhotsyase
du wirst erwachen/einsehen (2.Sg.Fut.Med.)

yadādharmasamāviṣṭo dhanaṃ gṛhṇāti taskaraḥ; ramate nirharan stenaḥ paravittam arājake

Wenn der Dieb, vom Adharma erfüllt, Reichtum nimmt, freut sich der Räuber beim Wegtragen fremden Gutes, wo kein König ist.

Wort für Wort
yadādharmasamāviṣṭaḥ
wenn vom Adharma erfüllt/besessen (Part.Pass.Nom.Sg.; Tatpuruṣa)
dhanaṃ gṛhṇāti taskaraḥ
Reichtum nimmt der Dieb (Akk.; 3.Sg.Präs.; Nom.)
ramate nirharan stenaḥ
freut sich, forttragend, der Räuber (3.Sg.Präs.; Part.Präs.)
paravittam arājake
fremdes Gut, im königlosen [Zustand] (Akk.; Lok.)

yadāsya tad dharanty anye tadā rājānam icchati; tadā teṣāṃ spṛhayate ye vai tuṣṭāḥ svakair dhanaiḥ

Wenn andere ihm dieses [sein Gut] wegnehmen, dann wünscht er sich einen König; dann sehnt er sich nach jenen, die mit ihrem eigenen Besitz zufrieden sind.

Wort für Wort
yadāsya tad dharanty anye
wenn ihm dieses andere wegnehmen (Gen.; 3.Pl.Präs.)
tadā rājānam icchati
dann wünscht er einen König (Akk.; 3.Sg.Präs.)
tadā teṣāṃ spṛhayate
dann sehnt er sich nach jenen (Gen./Dat.; 3.Sg.Präs.)
ye vai tuṣṭāḥ svakair dhanaiḥ
die ja zufrieden sind mit ihrem eigenen Besitz (Nom.Pl.; Instr.Pl.)

abhītaḥ śucir abhyeti rājadvāram aśaṅkitaḥ; na hi duścaritaṃ kiṃ cid antarātmani paśyati

Furchtlos, rein und unbesorgt tritt [ein solcher] an das Tor des Königs; denn er sieht in seinem Inneren nichts Schlechtes, das er getan hat.

Wort für Wort
abhītaḥ śucir abhyeti
furchtlos, rein, tritt heran (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
rājadvāram aśaṅkitaḥ
das Königstor, unbesorgt (Akk.; Nom.Sg.)
na hi duścaritaṃ kiṃ cit
denn nicht irgendein Fehlverhalten (Akk.Sg.n.)
antarātmani paśyati
im Inneren/im eigenen Selbst sieht er (Lok.; 3.Sg.Präs.)

satyasya vacanaṃ sādhu na satyād vidyate param; satyena vidhṛtaṃ sarvaṃ sarvaṃ satye pratiṣṭhitam

Das Wort der Wahrheit ist gut; nichts Höheres als die Wahrheit gibt es. Durch Wahrheit ist alles gehalten, alles ist in der Wahrheit gegründet.

Wort für Wort
satyasya vacanaṃ sādhu
der Wahrheit Wort [ist] gut (Gen.; Nom.Sg.n.)
na satyād vidyate param
nichts Höheres als die Wahrheit gibt es (Abl.; 3.Sg.Pass.; Nom.Sg.n.)
satyena vidhṛtaṃ sarvam
durch Wahrheit gehalten alles (Instr.; Part.Pass.)
sarvaṃ satye pratiṣṭhitam
alles in der Wahrheit gegründet (Lok.; Part.Pass.)

api pāpakṛto raudrāḥ satyaṃ kṛtvā pṛthak pṛthak; adroham avisaṃvādaṃ pravartante tadāśrayāḥ; te cen mitho 'dhṛtiṃ kuryur vinaśyeyur asaṃśayam

Selbst grausame Übeltäter, die einzeln Wahrheit [als Abmachung] geschlossen haben, handeln, darauf gestützt, ohne Verrat und ohne Wortbruch. Würden sie einander gegenüber unbeständig, gingen sie zweifellos zugrunde.

Wort für Wort
api pāpakṛto raudrāḥ
selbst Übeltäter, grausame (Nom.Pl.)
satyaṃ kṛtvā pṛthak pṛthak
Wahrheit [Abmachung] geschlossen habend, jeder für sich (Abs.; Adv.)
adroham avisaṃvādam
ohne Verrat, ohne Wortbruch (Akk.-Adv.)
pravartante tadāśrayāḥ
verfahren, darauf gestützt (3.Pl.Präs.Med.; Bahuvrīhi Nom.Pl.)
te cen mitho 'dhṛtiṃ kuryuḥ
wenn diese einander Unbeständigkeit übten (Opt.3.Pl.; Akk.) [?]
vinaśyeyur asaṃśayam
sie gingen zugrunde, zweifellos (Opt.3.Pl.; Adv.)

na hartavyaṃ paradhanam iti dharmaḥ sanātanaḥ; manyante balavantas taṃ durbalaiḥ saṃpravartitam; yadā niyatidaurbalyam athaiṣām eva rocate

„Fremdes Gut ist nicht zu rauben“: das ist der ewige Dharma. Die Mächtigen meinen, er sei von den Schwachen in Gang gesetzt worden – [dann,] wenn ihnen selbst die vom Schicksal [bestimmte] Schwäche gefällt [?].

Wort für Wort
na hartavyaṃ paradhanam
nicht ist zu rauben fremdes Gut (Gerundiv; Nom.Sg.n.)
iti dharmaḥ sanātanaḥ
so [lautet] der ewige Dharma (Nom.Sg.)
manyante balavantas tam
es meinen die Mächtigen ihn (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.; Akk.)
durbalaiḥ saṃpravartitam
von den Schwachen in Gang gesetzt (Instr.Pl.; Part.Pass.Kaus.)
yadā niyatidaurbalyam
wenn die Schwäche des Schicksals/schicksalhafte Schwäche (Nom.Sg.n.)
athaiṣām eva rocate
dann gefällt eben ihnen (3.Sg.Präs.; Dat./Gen.Pl.)

Letzter Pāda syntaktisch unklar; Sinn: die Mächtigen räumen dem Dharma nur dann Geltung ein, wenn sie selbst in Schwäche geraten.

na hy atyantaṃ balayutā bhavanti sukhino 'pi vā; tasmād anārjave buddhir na kāryā te kathaṃ cana

Denn nicht dauerhaft sind Machtvolle mächtig, oder auch Glückliche glücklich. Darum darf dein Sinn niemals auf Unredlichkeit gerichtet sein.

Wort für Wort
na hy atyantaṃ balayutāḥ
denn nicht auf Dauer mit Kraft versehen (Adv.; Nom.Pl.)
bhavanti sukhino 'pi vā
sind, oder auch Glückliche (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
tasmād anārjave buddhiḥ
deshalb auf Unredlichkeit der Sinn (Abl.-Adv.; Lok.; Nom.Sg.f.)
na kāryā te kathaṃ cana
ist nicht zu richten bei dir auf keine Weise (Gerundiv; Gen./Dat.)

asādhubhyo 'sya na bhayaṃ na corebhyo na rājataḥ; na kiṃ cit kasya cit kurvan nirbhayaḥ śucir āvaset

Vor Bösen hat er keine Furcht, nicht vor Dieben, nicht vor dem König. Wer niemandem irgendetwas antut, lebt furchtlos und rein.

Wort für Wort
asādhubhyo 'sya na bhayam
vor den Bösen hat er keine Furcht (Abl.Pl.; Gen.; Nom.Sg.)
na corebhyo na rājataḥ
nicht vor Dieben, nicht vor dem König (Abl.Pl.; Abl.-Adv.)
na kiṃ cit kasya cit kurvan
nichts jemandem [Böses] tuend (Part.Präs.)
nirbhayaḥ śucir āvaset
furchtlos, rein wohne er/lebt (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)

sarvataḥ śaṅkate steno mṛgo grāmam iveyivān; bahudhācaritaṃ pāpam anyatraivānupaśyati

Von allen Seiten fürchtet sich der Dieb, wie ein Wild, das ins Dorf gekommen ist. Das vielfach begangene Übel sieht er anderswo.

Wort für Wort
sarvataḥ śaṅkate stenaḥ
überall fürchtet sich der Dieb (Adv.; 3.Sg.Präs.Med.)
mṛgo grāmam iveyivān
wie ein Wild, das ins Dorf gekommen ist (Nom.Sg.; Akk.; Part.Perf.Akt.)
bahudhācaritaṃ pāpam
das vielfach begangene Übel (Part.Pass.Akk.Sg.n.)
anyatraivānupaśyati
nur anderswo sieht er es (Adv.; 3.Sg.Präs.)

muditaḥ śucir abhyeti sarvato nirbhayaḥ sadā; na hi duścaritaṃ kiṃ cid ātmano 'nyeṣu paśyati

Froh und rein tritt [der Redliche] hin, überall stets furchtlos; denn nichts Schlechtes, das er selbst getan hat, sieht er bei anderen.

Wort für Wort
muditaḥ śucir abhyeti
froh, rein, tritt heran (Part.Pass.Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
sarvato nirbhayaḥ sadā
überall furchtlos, stets (Adv.; Nom.Sg.)
na hi duścaritaṃ kiṃ cit
denn nicht irgendein Fehlverhalten (Akk.Sg.n.)
ātmano 'nyeṣu paśyati
seiner selbst bei anderen sieht er (Gen.; Lok.Pl.; 3.Sg.Präs.)

dātavyam ity ayaṃ dharma ukto bhūtahite rataiḥ; taṃ manyante dhanayutāḥ kṛpaṇaiḥ saṃpravartitam

„Man soll geben“: dies ist der Dharma, ausgesprochen von denen, die am Wohl der Wesen Freude haben. Ihn halten die Reichen für von den Armseligen in Gang gesetzt.

Wort für Wort
dātavyam ity ayaṃ dharmaḥ
„zu geben ist“, so [lautet] dieser Dharma (Gerundiv; Nom.Sg.)
ukto bhūtahite rataiḥ
gesagt von an Wesenwohl Erfreuten (Part.Pass.; Instr.Pl.)
taṃ manyante dhanayutāḥ
ihn meinen die Besitzenden (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
kṛpaṇaiḥ saṃpravartitam
von den Armseligen in Gang gesetzt (Instr.Pl.; Part.Pass.)

yadā niyatikārpaṇyam athaiṣām eva rocate; na hy atyantaṃ dhanavanto bhavanti sukhino 'pi vā

[Dann,] wenn ihnen selbst die vom Schicksal [bestimmte] Armseligkeit gefällt [?]: Denn nicht dauerhaft werden Reiche, oder auch Glückliche, glücklich [bleiben].

Wort für Wort
yadā niyatikārpaṇyam
wenn die vom Schicksal [bestimmte] Armseligkeit (Nom.Sg.n.)
athaiṣām eva rocate
dann gefällt eben ihnen (3.Sg.Präs.)
na hy atyantaṃ dhanavantaḥ
denn nicht auf Dauer Reiche (Adv.; Nom.Pl.)
bhavanti sukhino 'pi vā
sind/werden, oder auch Glückliche (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)

Parallelvers zu 12; Syntax des ersten Halbverses ebenso unklar.

yad anyair vihitaṃ necched ātmanaḥ karma pūruṣaḥ; na tat pareṣu kurvīta jānann apriyam ātmanaḥ

Was ein Mensch von anderen für sich nicht getan haben will, diese Tat soll er nicht an anderen verüben, wenn er weiß, dass es ihm selbst unlieb ist.

Wort für Wort
yad anyair vihitaṃ necchet
was von anderen Getanes er nicht wünscht (Instr.Pl.; Part.Pass.; Opt.3.Sg.)
ātmanaḥ karma pūruṣaḥ
für sich die Tat der Mensch (Gen.; Akk.; Nom.)
na tat pareṣu kurvīta
das soll er nicht an anderen tun (Lok.Pl.; Opt.3.Sg.Med.)
jānann apriyam ātmanaḥ
wissend [es sei] unlieb für sich (Part.Präs.; Akk.Sg.n.; Gen.)

yo 'nyasya syād upapatiḥ sa kaṃ kiṃ vaktum arhati; yad anyas tasya tat kuryān na mṛṣyed iti me matiḥ

Wer einem anderen Buhle sein wollte [?], was kann der zu wem sagen? Was ein anderer ihm [Gleiches] täte, würde er nicht dulden: so meine Ansicht.

Wort für Wort
yo 'nyasya syād upapatiḥ
wer eines anderen Buhle/Nebenmann wäre (Gen.; Opt.3.Sg.; Nom.Sg.) [?]
sa kaṃ kiṃ vaktum arhati
der, wen [und] was zu sagen ist er berechtigt (Inf.; 3.Sg.Präs.)
yad anyas tasya tat kuryāt
was ein anderer ihm täte (Opt.3.Sg.)
na mṛṣyed iti me matiḥ
er würde es nicht dulden, so meine Ansicht (Opt.3.Sg.; Nom.Sg.f.)

upapati wohl ‚Nebengatte, Buhle‘ (Ehebruch als Beispiel der Regel); die Deutung des Halbverses ist unsicher.

jīvituṃ yaḥ svayaṃ cecchet kathaṃ so 'nyaṃ praghātayet; yad yad ātmana iccheta tat parasyāpi cintayet

Wer selbst leben will, wie könnte der einen anderen töten lassen? Was immer er für sich wünscht, das soll er auch für den anderen bedenken.

Wort für Wort
jīvituṃ yaḥ svayaṃ cecchet
wer selbst zu leben wünscht (Inf.; Nom.; Opt.3.Sg.)
kathaṃ so 'nyaṃ praghātayet
wie könnte der einen anderen töten lassen (Opt.3.Sg.Kaus.)
yad yad ātmana iccheta
was immer er für sich wünschte (Gen./Dat.; Opt.3.Sg.Med.)
tat parasyāpi cintayet
das auch für den anderen bedenke er (Gen.; Opt.3.Sg.)

atiriktaiḥ saṃvibhajed bhogair anyān akiṃcanān; etasmāt kāraṇād dhātrā kusīdaṃ saṃpravartitam

Mit überschüssigen Genüssen soll er die anderen, die nichts besitzen, teilhaben lassen. Aus diesem Grund ist vom Schöpfer das [verzinste] Darlehen in Gang gesetzt worden [?].

Wort für Wort
atiriktaiḥ saṃvibhajet
mit überschüssigen [soll er] teilen (Part.Pass.Instr.Pl.; Opt.3.Sg.)
bhogair anyān akiṃcanān
mit Genüssen andere Besitzlose (Instr.Pl.; Akk.Pl.)
etasmāt kāraṇād
aus diesem Grund (Abl.)
dhātrā kusīdam
vom Schöpfer/Ordner das Darlehen (Instr.; Nom.Sg.n.)
saṃpravartitam
in Gang gesetzt (Part.Pass.Kaus.)

kusīda ‚Darlehen/Zins‘: Bezug im Zusammenhang unsicher.

yasmiṃs tu devāḥ samaye saṃtiṣṭheraṃs tathā bhavet; atha cel lābhasamaye sthitir dharme 'pi śobhanā

In welcher Übereinkunft die Götter verharren würden, so soll es sein. Und wenn [es] zur Zeit des Gewinns [ist], ist das Verharren im Dharma schön [?].

Wort für Wort
yasmiṃs tu devāḥ samaye
in welcher aber die Götter Übereinkunft (Lok.; Nom.Pl.)
saṃtiṣṭheraṃs tathā bhavet
verharren würden, so soll es sein (Opt.3.Pl.; Opt.3.Sg.)
atha cel lābhasamaye
und wenn zur Zeit des Gewinns (Lok.)
sthitir dharme 'pi śobhanā
das Feststehen auch im Dharma [ist] schön (Nom.Sg.f.; Lok.)

Text und Bezug unsicher.

sarvaṃ priyābhyupagataṃ dharmam āhur manīṣiṇaḥ; paśyaitaṃ lakṣaṇoddeśaṃ dharmādharme yudhiṣṭhira

Alles, was durch [gegenseitige] Zuneigung angenommen ist, nennen die Weisen Dharma. Sieh dieses bezeichnende Merkmal von Dharma und Adharma, Yudhiṣṭhira.

Wort für Wort
sarvaṃ priyābhyupagatam
alles durch Zuneigung Angenommene/Zugestandene (Part.Pass.Nom.Sg.n.) [?]
dharmam āhur manīṣiṇaḥ
Dharma nennen die Weisen (Akk.; 3.Pl.Perf.; Nom.Pl.)
paśyaitaṃ lakṣaṇoddeśam
sieh diese Merkmalsbestimmung (Imp.2.Sg.; Akk.Sg.)
dharmādharme yudhiṣṭhira
von Dharma und Adharma, Yudhiṣṭhira (Lok./Gen.-Sinn; Vok.)

lokasaṃgrahasaṃyuktaṃ vidhātrā vihitaṃ purā; sūkṣmadharmārthaniyataṃ satāṃ caritam uttamam

Mit dem Zusammenhalt der Welt verbunden, vor Zeiten vom Ordner festgesetzt, an feine Dharma-Ziele gebunden: das ist der beste Wandel der Guten.

Wort für Wort
lokasaṃgrahasaṃyuktam
mit dem Zusammenhalt der Welt verbunden (Part.Pass.Nom.Sg.n.)
vidhātrā vihitaṃ purā
vom Ordner festgesetzt, einst (Instr.; Part.Pass.; Adv.)
sūkṣmadharmārthaniyatam
an feine Dharma-Ziele gebunden (Tatpuruṣa; Part.Pass.)
satāṃ caritam uttamam
der Guten bester Wandel (Gen.Pl.; Nom.Sg.n.)

dharmalakṣaṇam ākhyātam etat te kurusattama; tasmād anārjave buddhir na kāryā te kathaṃ cana

Das Kennzeichen des Dharma ist dir erzählt worden, Bester der Kuru. Darum darf dein Sinn niemals auf Unredlichkeit gerichtet sein.

Wort für Wort
dharmalakṣaṇam ākhyātam
das Kennzeichen des Dharma erzählt (Part.Pass.Nom.Sg.n.)
etat te kurusattama
dieses dir, Bester der Kuru (Gen./Dat.; Vok.)
tasmād anārjave buddhiḥ
deshalb auf Unredlichkeit der Sinn (Abl.-Adv.; Lok.; Nom.)
na kāryā te kathaṃ cana
ist nicht zu richten bei dir auf keine Weise (Gerundiv)

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