Kapitel 251: dharmalakṣaṇa
Kennzeichen des Dharma: Wandel, Wahrheit und die Goldene Regel
Auf Yudhiṣṭhiras Frage nach Wesen, Herkunft und Ziel des Dharma nennt Bhīṣma dessen Kennzeichen und begründet ihn aus Wahrheit, Furchtlosigkeit des Redlichen und dem Grundsatz, anderen nicht anzutun, was man selbst nicht erleiden will. Einige Verse (besonders 12, 18, 20, 22, 23) sind syntaktisch schwierig.
yudhiṣṭhira uvāca; ime vai mānavāḥ sarve dharmaṃ prati viśaṅkitāḥ; ko 'yaṃ dharmaḥ kuto dharmas tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Diese Menschen alle sind ja im Hinblick auf den Dharma voller Zweifel. Was ist dieser Dharma, woher [kommt] der Dharma? Das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (3.Sg.Perf.)
ime vai mānavāḥ sarve
diese ja, die Menschen, alle (Nom.Pl.)
dharmaṃ prati viśaṅkitāḥ
im Hinblick auf den Dharma zweifelnd/besorgt (Akk. + Postp.; Part.Pass.Nom.Pl.)
ko 'yaṃ dharmaḥ
was [ist] dieser Dharma (Nom.Sg.)
kuto dharmaḥ
woher [kommt] der Dharma (Abl.-Adv.)
tan me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Imp.2.Sg./Dat.-Gen.; Vok.)
dharmo nv ayam ihārthaḥ kim amutrārtho 'pi vā bhavet; ubhayārtho 'pi vā dharmas tan me brūhi pitāmaha
„Ist dieser Dharma nun hier [in dieser Welt] auf ein Ziel [gerichtet], oder mag er auch auf ein Ziel im Jenseits [gerichtet] sein? Oder ist der Dharma auf beides gerichtet? Das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
dharmo nv ayam ihārthaḥ kim
ist dieser Dharma nun hier zweckhaft/auf ein Ziel bezogen (Nom.Sg.; Fragepartikel)
amutrārtho 'pi vā bhavet
oder mag er auch im Jenseits zweckhaft sein (Opt.3.Sg.)
ubhayārtho 'pi vā dharmaḥ
oder ist der Dharma auf beides gerichtet (Nom.Sg.)
Bhīṣma sprach: „Guter Wandel, Überlieferung [Smṛti], die Veden: dreifach ist das Kennzeichen des Dharma. Als viertes nennen die Weisen den Nutzen [artha] als Kennzeichen des Dharma.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (3.Sg.Perf.)
sadācāraḥ smṛtir vedāḥ
guter Wandel, Überlieferung, Veden (Nom.)
trividhaṃ dharmalakṣaṇam
dreifach das Kennzeichen des Dharma (Nom.Sg.n.; Tatpuruṣa)
caturtham artham ity āhuḥ
als Viertes den Nutzen, so sagen (Akk.; 3.Pl.Perf.)
kavayo dharmalakṣaṇam
die Weisen [nennen es] Kennzeichen des Dharma (Nom.Pl.; Akk.Sg.)
api hy uktāni karmāṇi vyavasyanty uttarāvare; lokayātrārtham eveha dharmasya niyamaḥ kṛtaḥ; ubhayatra sukhodarka iha caiva paratra ca
Auch die [eigens] ausgesprochenen Handlungen bestimmen [sie] als höhere und niedere [?]. Nur für den Gang der Welt hier ist die Regelung des Dharma gemacht worden. Beides, hier und im Jenseits, hat Glück zur Folge.
Wort für Wort
api hy uktāni karmāṇi
auch ja, die ausgesprochenen/vorgeschriebenen Handlungen (Part.Pass.Nom.Pl.n.)
vyavasyanty uttarāvare
sie bestimmen/entscheiden [als] höhere und niedere [?] (3.Pl.Präs.; Nom.Du./Akk.)
lokayātrārtham eveha
nur um des Weltgangs willen hier (Akk.-Adv.)
dharmasya niyamaḥ kṛtaḥ
des Dharma Regelung ist gemacht (Gen.; Nom.; Part.Pass.)
ubhayatra sukhodarkaḥ
in beiden [Welten] glückbringende Folge habend (Bahuvrīhi)
iha caiva paratra ca
hier und dort im Jenseits (Adv.)
uttarāvare unsicher: möglicherweise ‚höher und niedriger‘ (Rangfolge der Handlungen) oder ‚später und früher‘.
Wenn einer Dharma kennt, wird er einer, der nichts Übles redet. Das Endziel des Dharma ist das eigene rechte Verhalten; darauf dich stützend wirst du erwachen [zur Einsicht].
Wort für Wort
apāpavādī bhavati
einer, der nichts Übles sagt, wird er (Nom.Sg.; 3.Sg.Präs.)
yadā bhavati dharmavit
wenn er wird ein Dharmakundiger (Nom.Sg.)
dharmasya niṣṭhā svācāraḥ
des Dharma Endziel [ist] eigenes rechtes Verhalten (Gen.; Nom.)
yadāsya tad dharanty anye tadā rājānam icchati; tadā teṣāṃ spṛhayate ye vai tuṣṭāḥ svakair dhanaiḥ
Wenn andere ihm dieses [sein Gut] wegnehmen, dann wünscht er sich einen König; dann sehnt er sich nach jenen, die mit ihrem eigenen Besitz zufrieden sind.
Wort für Wort
yadāsya tad dharanty anye
wenn ihm dieses andere wegnehmen (Gen.; 3.Pl.Präs.)
tadā rājānam icchati
dann wünscht er einen König (Akk.; 3.Sg.Präs.)
tadā teṣāṃ spṛhayate
dann sehnt er sich nach jenen (Gen./Dat.; 3.Sg.Präs.)
ye vai tuṣṭāḥ svakair dhanaiḥ
die ja zufrieden sind mit ihrem eigenen Besitz (Nom.Pl.; Instr.Pl.)
api pāpakṛto raudrāḥ satyaṃ kṛtvā pṛthak pṛthak; adroham avisaṃvādaṃ pravartante tadāśrayāḥ; te cen mitho 'dhṛtiṃ kuryur vinaśyeyur asaṃśayam
Selbst grausame Übeltäter, die einzeln Wahrheit [als Abmachung] geschlossen haben, handeln, darauf gestützt, ohne Verrat und ohne Wortbruch. Würden sie einander gegenüber unbeständig, gingen sie zweifellos zugrunde.
Wort für Wort
api pāpakṛto raudrāḥ
selbst Übeltäter, grausame (Nom.Pl.)
satyaṃ kṛtvā pṛthak pṛthak
Wahrheit [Abmachung] geschlossen habend, jeder für sich (Abs.; Adv.)
adroham avisaṃvādam
ohne Verrat, ohne Wortbruch (Akk.-Adv.)
pravartante tadāśrayāḥ
verfahren, darauf gestützt (3.Pl.Präs.Med.; Bahuvrīhi Nom.Pl.)
te cen mitho 'dhṛtiṃ kuryuḥ
wenn diese einander Unbeständigkeit übten (Opt.3.Pl.; Akk.) [?]
na hartavyaṃ paradhanam iti dharmaḥ sanātanaḥ; manyante balavantas taṃ durbalaiḥ saṃpravartitam; yadā niyatidaurbalyam athaiṣām eva rocate
„Fremdes Gut ist nicht zu rauben“: das ist der ewige Dharma. Die Mächtigen meinen, er sei von den Schwachen in Gang gesetzt worden – [dann,] wenn ihnen selbst die vom Schicksal [bestimmte] Schwäche gefällt [?].
Wort für Wort
na hartavyaṃ paradhanam
nicht ist zu rauben fremdes Gut (Gerundiv; Nom.Sg.n.)
iti dharmaḥ sanātanaḥ
so [lautet] der ewige Dharma (Nom.Sg.)
manyante balavantas tam
es meinen die Mächtigen ihn (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.; Akk.)
durbalaiḥ saṃpravartitam
von den Schwachen in Gang gesetzt (Instr.Pl.; Part.Pass.Kaus.)
yadā niyatidaurbalyam
wenn die Schwäche des Schicksals/schicksalhafte Schwäche (Nom.Sg.n.)
athaiṣām eva rocate
dann gefällt eben ihnen (3.Sg.Präs.; Dat./Gen.Pl.)
Letzter Pāda syntaktisch unklar; Sinn: die Mächtigen räumen dem Dharma nur dann Geltung ein, wenn sie selbst in Schwäche geraten.
„Man soll geben“: dies ist der Dharma, ausgesprochen von denen, die am Wohl der Wesen Freude haben. Ihn halten die Reichen für von den Armseligen in Gang gesetzt.
Wort für Wort
dātavyam ity ayaṃ dharmaḥ
„zu geben ist“, so [lautet] dieser Dharma (Gerundiv; Nom.Sg.)
ukto bhūtahite rataiḥ
gesagt von an Wesenwohl Erfreuten (Part.Pass.; Instr.Pl.)
taṃ manyante dhanayutāḥ
ihn meinen die Besitzenden (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
kṛpaṇaiḥ saṃpravartitam
von den Armseligen in Gang gesetzt (Instr.Pl.; Part.Pass.)
yadā niyatikārpaṇyam athaiṣām eva rocate; na hy atyantaṃ dhanavanto bhavanti sukhino 'pi vā
[Dann,] wenn ihnen selbst die vom Schicksal [bestimmte] Armseligkeit gefällt [?]: Denn nicht dauerhaft werden Reiche, oder auch Glückliche, glücklich [bleiben].
Wort für Wort
yadā niyatikārpaṇyam
wenn die vom Schicksal [bestimmte] Armseligkeit (Nom.Sg.n.)
athaiṣām eva rocate
dann gefällt eben ihnen (3.Sg.Präs.)
na hy atyantaṃ dhanavantaḥ
denn nicht auf Dauer Reiche (Adv.; Nom.Pl.)
bhavanti sukhino 'pi vā
sind/werden, oder auch Glückliche (3.Pl.Präs.; Nom.Pl.)
Parallelvers zu 12; Syntax des ersten Halbverses ebenso unklar.
Mit überschüssigen Genüssen soll er die anderen, die nichts besitzen, teilhaben lassen. Aus diesem Grund ist vom Schöpfer das [verzinste] Darlehen in Gang gesetzt worden [?].
Wort für Wort
atiriktaiḥ saṃvibhajet
mit überschüssigen [soll er] teilen (Part.Pass.Instr.Pl.; Opt.3.Sg.)
bhogair anyān akiṃcanān
mit Genüssen andere Besitzlose (Instr.Pl.; Akk.Pl.)
etasmāt kāraṇād
aus diesem Grund (Abl.)
dhātrā kusīdam
vom Schöpfer/Ordner das Darlehen (Instr.; Nom.Sg.n.)
saṃpravartitam
in Gang gesetzt (Part.Pass.Kaus.)
kusīda ‚Darlehen/Zins‘: Bezug im Zusammenhang unsicher.
Alles, was durch [gegenseitige] Zuneigung angenommen ist, nennen die Weisen Dharma. Sieh dieses bezeichnende Merkmal von Dharma und Adharma, Yudhiṣṭhira.
Wort für Wort
sarvaṃ priyābhyupagatam
alles durch Zuneigung Angenommene/Zugestandene (Part.Pass.Nom.Sg.n.) [?]
dharmam āhur manīṣiṇaḥ
Dharma nennen die Weisen (Akk.; 3.Pl.Perf.; Nom.Pl.)
paśyaitaṃ lakṣaṇoddeśam
sieh diese Merkmalsbestimmung (Imp.2.Sg.; Akk.Sg.)
dharmādharme yudhiṣṭhira
von Dharma und Adharma, Yudhiṣṭhira (Lok./Gen.-Sinn; Vok.)