Kapitel 70: daṇḍanītimāhātmyaṃ yugakāraṇatvaṃ ca rājñaḥ
Die Größe der Strafordnung: Der König als Ursache der Zeitalter
Bhīṣma erläutert, dass die Daṇḍanīti (Politik der Strafgewalt) die Ordnung der vier Stände trägt und dass die Art der Herrschaft des Königs bestimmt, ob das Kṛta-, Tretā-, Dvāpara- oder Kali-Zeitalter anbricht; der König erntet entsprechend Verdienst oder Schuld.
yudhiṣṭhira uvāca; daṇḍanītiś ca rājā ca samastau tāv ubhāv api; kasya kiṃ kurvataḥ siddhyai tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Sowohl die Strafordnung als auch der König: beide zusammen, auch beide [jeweils] – wessen Tun führt wozu zum Gelingen? Das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.3.Sg.)
daṇḍanītiś ca rājā ca
und die Strafordnung und der König (Nom.Sg.)
samastau tāv ubhāv api
zusammengenommen, diese beiden auch (Nom.Du.)
kasya kiṃ kurvataḥ siddhyai
bei wessen Tun was, zum Gelingen (Gen.Sg., Part.Präs./Dat.Sg.)
Bhīṣma sprach: „Die Größe der Strafordnung [will ich dir darlegen] mit feststehenden Wörtern samt Begründungen. Höre mich, der ich sie darlege, König, der Wahrheit gemäß hier, Bhārata.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.3.Sg.)
mahābhāgyaṃ daṇḍanītyāḥ
die Größe der Strafordnung (Nom./Akk.Sg.n./Gen.Sg.)
siddhaiḥ śabdaiḥ sahetukaiḥ
mit feststehenden Wörtern, mit Begründungen (Instr.Pl.)
śṛṇu me śaṃsato rājan
höre mich, den Darlegenden, König (Imp.2.Sg./Gen.Sg.Part./Vok.)
yathāvad iha bhārata
der Wahrheit gemäß, hier, Bhārata (Adv./Vok.)
„siddhaiḥ śabdaiḥ“ etwas frei: mit bewährten/feststehenden Begriffen.
daṇḍanītiḥ svadharmebhyaś cāturvarṇyaṃ niyacchati; prayuktā svāminā samyag adharmebhyaś ca yacchati
Die Strafordnung hält die vier Stände von [dem, was] ihren je eigenen Pflichten [widerspricht], zurück und bindet sie [an ihre Pflichten]; richtig vom Herrn angewandt, bewahrt sie [sie] auch vor Unrecht.
Wort für Wort
daṇḍanītiḥ
die Strafordnung (Nom.Sg.f.)
svadharmebhyaś cāturvarṇyaṃ niyacchati
von den eigenen Pflichten her die vier Stände lenkt/bindet (Abl.Pl./Akk.Sg./3.Sg.Präs.)
prayuktā svāminā samyag
angewandt vom Herrn richtig (Part.Perf.Pass.Nom.f./Instr.Sg./Adv.)
adharmebhyaś ca yacchati
und von Unrecht hält sie ab (Abl.Pl./3.Sg.Präs.)
„niyacchati“ hier doppelt: lenkt/hält in Zucht; „yacchati“ (in der Sinnfolge: hält fern) — Verständnis unsicher.
Wenn die vier Stände in ihrer je eigenen Pflicht stehen, die Schranken nicht durcheinandergeraten und durch die Strafordnung Wohlstand gewirkt ist, ohne dass die Untertanen von irgendwoher Furcht haben,
Wort für Wort
cāturvarṇye svadharmasthe
wenn die Vierständeordnung in der eigenen Pflicht steht (Lok.abs.)
maryādānām asaṃkare
wenn keine Vermischung der Schranken (Gen.Pl./Lok.Sg.)
daṇḍanītikṛte kṣeme
bei durch die Strafordnung bewirktem Wohlergehen (Lok.abs.)
prajānām akutobhaye
der Untertanen ohne Furcht von irgendwoher (Gen.Pl./Lok.Sg.)
Ein Viertel des Unheilvollen [ist vorhanden, und die Welt] folgt [dem übrigen] drei Teilen; die Erde reift [nur noch] durch Pflügen, ebenso die Kräuter.
Wort für Wort
aśubhasya caturthāṃśas
des Unheilvollen ein Viertelteil (Gen.Sg./Nom.Sg.)
trīn aṃśān anuvartate
drei Teile folgt [?] (Akk.Pl./3.Sg.Med.)
kṛṣṭapacyaiva pṛthivī
nur durch Pflügen reifend die Erde (Nom.Sg.f.)
bhavanty oṣadhayas tathā
sind [sie], die Kräuter ebenso (3.Pl./Nom.Pl.)
Pāda a-b syntaktisch schwierig; Übersetzung wortnah und unsicher [?].
Wenn ein König, die Strafordnung voranstellend, herrscht,
Wort für Wort
daṇḍanītiṃ puraskṛtya
die Strafordnung voranstellend (Akk./Abs.)
yadā rājā praśāsti
wenn der König regiert (Nom./3.Sg.Präs.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage, nur in einem Teil der Handschriften; Satz setzt sich in der folgenden Einheit fort.
die Untertanen recht beschützen; [sie] erfüllen hier und im Jenseits die Wünsche.
Wort für Wort
paripālyāḥ prajāḥ samyag
zu beschützen die Untertanen recht (Gerundiv Nom.Pl./Nom.Pl./Adv.)
iha pretya ca kāmadāḥ
hier und nach dem Tod Wünsche gewährend (Adv./Abs./Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Bezug des „kāmadāḥ“ auf die Untertanen unsicher [?].
**** **** kṣatriyeṇa vijānatā; lipsitavyam alabdhaṃ ca labdhaṃ rakṣyaṃ ca bhārata
[Lücke] … von einem wissenden Kṣatriya ist das Nichterlangte zu erstreben und das Erlangte zu bewahren, Bhārata.
Wort für Wort
**** ****
[Lücke im Text]
kṣatriyeṇa vijānatā
von einem Kṣatriya, wissenden (Instr.Sg.)
lipsitavyam alabdhaṃ ca
zu erstreben das Nichterlangte (Gerundiv/Nom.n.)
labdhaṃ rakṣyaṃ ca bhārata
und das Erlangte zu bewahren, Bhārata (Gerundiv/Vok.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Anfang des Verses ist im Text als Lücke („****“) ausgefallen.
Darum, Nachkomme des Kuru, schütze die Untertanen gemäß dem Dharma, [als] Kundiger der Politik. Wenn du so handelst und die Untertanen schützt, wirst du den schwer zu besiegenden Himmel erobern.
Wort für Wort
tasmāt kauravya dharmeṇa
darum, Kauravya, nach dem Dharma (Adv./Vok./Instr.)
prajāḥ pālaya nītimān
die Untertanen schütze, Kundiger der Politik (Akk.Pl./Imp.2.Sg./Nom.Sg.)
evaṃvṛttaḥ prajā rakṣan
so handelnd, die Untertanen schützend (Nom.Sg.m./Akk.Pl./Part.)
svargaṃ jetāsi durjayam
den Himmel wirst du erobern, schwer besiegbaren (Akk./Periphr.Fut.2.Sg./Akk.)