Kapitel 322: pañcarātrotpattiḥ
Ursprung der Pañcarātra-Lehre und Śvetadvīpa
Bhīṣma erzählt Yudhiṣṭhira, wie Nārada auf Geheiß Nārāyaṇas die Insel Śvetadvīpa besuchte und ihre überirdischen Bewohner sah. Die Erzählung führt zur Geschichte des frommen Königs Uparicara Vasu und zum Ursprung der Pañcarātra-Lehre, die von den sieben Ṛṣis, den Citraśikhaṇḍins, verkündet wurde.
Bhīṣma sprach: Er, der Beste der Zweifüßler, von Nārāyaṇa, dem höchsten Urwesen, so angesprochen, sprach ein Wort zu Nārāyaṇa, dem Besten der Zweifüßler, der zum Wohl der Welt weilt.
„Wozu deine selbstentstandene, vortreffliche Geburt hier im Haus des Dharma vierfach [geschieht] [?] – das werde heute zum Wohl der Welt vollbracht: Ich gehe, um deine ursprüngliche Wesensnatur zu schauen.
Wort für Wort
yadartham
wozu, zu welchem Zweck (Adv.)
ātmaprabhave iha janma
die selbstentstandene Geburt hier (Nom.Sg.)
tava uttamam
deine vortreffliche (Nom.Sg.)
dharmagṛhe caturdhā
im Haus des Dharma, vierfach (Lok.Sg./Adv.) [?]
tat sādhyatām
das werde vollbracht (3.Sg.Imp.Pass.)
lokahitārtham adya
zum Wohl der Welt, heute (Adv.)
gacchāmi draṣṭum
ich gehe, um zu schauen (1.Sg.Präs./Inf.)
prakṛtiṃ tavādyām
deine ursprüngliche Wesensnatur (Akk.Sg.)
„dharmagṛhe caturdhā“ bleibt unklar; vermutlich Anspielung auf die vierfache (Vyūha-)Manifestation im ‚Haus des Dharma‘.
vedāḥ svadhītā mama lokanātha; taptaṃ tapo nānṛtam uktapūrvam; pūjāṃ gurūṇāṃ satataṃ karomi; parasya guhyaṃ na ca bhinnapūrvam
Die Veden sind von mir studiert worden, o Herr der Welt, Askese ist geübt worden, nie zuvor wurde Unwahres gesprochen; die Verehrung der Lehrer erweise ich beständig, und das Geheimnis eines anderen habe ich nie zuvor preisgegeben.
Wort für Wort
vedāḥ svadhītā mama
die Veden sind von mir studiert worden (Nom.Pl./Part.Perf.Pass.)
guptāni catvāri yathāgamaṃ me; śatrau ca mitre ca samo 'smi nityam; taṃ cādidevaṃ satataṃ prapanna; ekāntabhāvena vṛṇomy ajasram; ebhir viśeṣaiḥ pariśuddhasattvaḥ; kasmān na paśyeyam anantam īśam
Die vier [Pflichten] sind von mir gemäß der Überlieferung gehütet [?]; gegenüber Feind und Freund bin ich stets gleichmütig; und zu jenem Urgott beständig Zuflucht genommen habend, erwähle ich [ihn] mit ausschließlicher Hingabe unablässig; durch diese Vorzüge, von gereinigtem Wesen – warum sollte ich da den unendlichen Herrn nicht schauen?“
Wort für Wort
guptāni catvāri
die vier [Pflichten/Geheimnisse] sind gehütet (Nom.Pl.) [?]
yathāgamaṃ me
gemäß der Überlieferung von mir (Adv./Instr.)
śatrau ca mitre ca
gegenüber Feind und Freund (Lok.Sg.)
samo 'smi nityam
bin ich stets gleich (Nom.Sg./1.Sg.Präs.)
taṃ cādidevaṃ satataṃ prapanna
und zu jenem Urgott beständig Zuflucht genommen habend (Akk.Sg./Nom.Sg.Part.)
ekāntabhāvena vṛṇomy ajasram
mit ausschließlicher Gesinnung erwähle ich unablässig (Instr.Sg./1.Sg.Präs.)
ebhir viśeṣaiḥ pariśuddhasattvaḥ
durch diese Vorzüge, von gereinigtem Wesen (Instr.Pl./Nom.Sg.)
kasmān na paśyeyam anantam īśam
warum sollte ich den unendlichen Herrn nicht schauen (Interrog./1.Sg.Opt./Akk.Sg.)
„guptāni catvāri“ (die vier gehüteten [Dinge]) bleibt inhaltlich unklar; evtl. Rückbezug auf die zuvor genannten Tugenden.
tasmād anujñāṃ mama dehi deva; taṃ vai dṛṣṭvā kṛtakṛtyo bhavāmi
„Deshalb gib mir die Erlaubnis, o Gott; nachdem ich ihn wahrlich gesehen habe, werde ich einer sein, dessen Werk erfüllt ist.“
Wort für Wort
tasmād
deshalb (Adv.)
anujñāṃ mama dehi
gib mir die Erlaubnis (Akk.Sg./2.Sg.Imp.)
deva
o Gott (Vok.Sg.)
taṃ vai dṛṣṭvā
nachdem ich ihn wahrlich gesehen habe (Absolutiv)
kṛtakṛtyo bhavāmi
werde ich einer mit erfülltem Werk (Nom.Sg./1.Sg.Präs.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers nur in einem Teil der Handschriften; setzt vermutlich Nāradas Rede aus den vorigen Versen fort.
tato visṛṣṭaḥ parameṣṭhiputraḥ; so 'bhyarcayitvā tam ṛṣiṃ purāṇam; kham utpapātottamavegayuktas; tato 'dhimerau sahasā nililye
Darauf, entlassen, erhob sich der Sohn Parameṣṭhins [Nārada], nachdem er jenen uralten Ṛṣi [Nārāyaṇa] verehrt hatte, mit höchster Geschwindigkeit ausgestattet in den Himmelsraum; darauf verbarg er sich jählings auf dem Meru.
Wort für Wort
tato visṛṣṭaḥ
darauf entlassen (Adv./Nom.Sg.Part.)
parameṣṭhiputraḥ
der Sohn Parameṣṭhins [Nārada] (Nom.Sg.)
so 'bhyarcayitvā
er, nachdem er verehrt hatte (Pron./Absolutiv)
tam ṛṣiṃ purāṇam
jenen uralten Ṛṣi (Akk.Sg.)
kham utpapāta
erhob sich in den Himmelsraum (Akk.Sg./3.Sg.Perf.)
uttamavegayuktas
mit höchster Geschwindigkeit ausgestattet (Nom.Sg.)
tatrāvatasthe ca munir muhūrtam; ekāntam āsādya gireḥ sa śṛṅge; ālokayann uttarapaścimena; dadarśa cātyadbhutarūpayuktam
Und dort verweilte der Weise einen Augenblick, nachdem er einen abgelegenen Ort auf dem Gipfel des Berges erreicht hatte; nach Nordwesten blickend, sah er [etwas] von überaus wunderbarer Gestalt.
Wort für Wort
tatrāvatasthe ca munir
und dort verweilte der Weise (3.Sg.Impf./Nom.Sg.)
muhūrtam
einen Augenblick (Akk.Sg.Adv.)
ekāntam āsādya
nachdem er einen abgelegenen Ort erreicht hatte (Akk.Sg./Absolutiv)
gireḥ sa śṛṅge
er, auf dem Gipfel des Berges (Gen.Sg./Lok.Sg.)
ālokayann
blickend (Part.Präs.Akt.)
uttarapaścimena
nach Nordwesten (Instr.Sg.Adv.)
dadarśa
sah er (3.Sg.Perf.)
cātyadbhutarūpayuktam
und [etwas] von überaus wunderbarer Form ausgestattet (Akk.Sg.)
Das Objekt von ‚sah‘ bleibt hier implizit; die Erscheinung wird erst im folgenden Vers benannt (die Insel Śvetadvīpa).
kṣīrodadher uttarato hi dvīpaḥ; śvetaḥ sa nāmnā prathito viśālaḥ; meroḥ sahasraiḥ sa hi yojanānāṃ; dvātriṃśatordhvaṃ kavibhir niruktaḥ
Denn nördlich des Milchmeeres [liegt] eine Insel; sie ist unter dem Namen ‚Śveta‘ (die Weiße) bekannt, ausgedehnt; sie liegt, wie die Seher erklärt haben, zweiunddreißigtausend Yojanas oberhalb des Meru.
Wort für Wort
kṣīrodadher uttarato hi
denn nördlich des Milchmeeres (Gen.Sg./Adv.)
dvīpaḥ
eine Insel (Nom.Sg.)
śvetaḥ sa nāmnā prathito
sie, unter dem Namen ‚Śveta' bekannt (Nom.Sg./Instr.Sg.)
viśālaḥ
ausgedehnt (Nom.Sg.)
meroḥ
des Meru (Gen.Sg.)
sahasraiḥ sa hi yojanānāṃ
sie [liegt], durch Tausende von Yojanas (Instr.Pl./Gen.Pl.)
dvātriṃśatordhvaṃ
zweiunddreißig[-tausend], darüber hinaus (Adv.)
kavibhir niruktaḥ
von den Sehern [so] erklärt (Instr.Pl./Nom.Sg.Part.)
Dort [gibt es] jenseits der Sinne stehende, nahrungslose, von Zucken freie und wohlriechende weiße Männer, die alle Sünde abgelegt haben und die den sündigen Menschen den Anblick rauben [d. h. für sie unsichtbar sind].
Wort für Wort
atīndriyāś cānaśanāś ca tatra
dort jenseits der Sinne stehende und nahrungslose (Nom.Pl.)
[Sie haben] Körper mit diamantharten Knochen, sind von gleichem Maß und Gewicht, von göttlicher Abstammung und Gestalt, mit heilvoller Wesenskraft ausgestattet; ihre Köpfe haben die Form eines Schirms, [ihre Stimme gleicht] dem Tosen einer Wolkenmasse; sie haben vier schöne lotusartige [Merkmale] [?] und hundert Füße wie Lotusblüten [?].
Wort für Wort
vajrāsthikāyāḥ
mit diamantharten Knochen im Körper (Nom.Pl.)
samamānonmānā
von gleichem Maß und Gewicht (Nom.Pl.)
divyānvayarūpāḥ
von göttlicher Abstammung und Gestalt (Nom.Pl.)
śubhasāropetāḥ
mit heilvoller Wesenskraft ausgestattet (Nom.Pl.)
chatrākṛtiśīrṣā
mit schirmförmigen Köpfen (Nom.Pl.)
meghaughaninādāḥ
mit einer Stimme wie das Tosen einer Wolkenmasse (Nom.Pl.)
satpuṣkaracatuṣkā
mit vier schönen Lotus[-merkmalen] (Nom.Pl.) [?]
rājīvaśatapādāḥ
mit hundert Füßen wie Lotusblumen (Nom.Pl.) [?]
‚satpuṣkaracatuṣka‘ und ‚rājīvaśatapāda‘ sind unklare Komposita – wörtlich etwa ‚vier gute Lotusse‘ und ‚hundert lotusgleiche Füße‘; vermutlich bildliche Beschreibung überirdischer Körpermerkmale.
[Sie sind] mit sechzig weißen Zähnen und acht Stoßzähnen ausgestattet, und mit ihren Zungen belecken sie nach allen Seiten das sonnengleiche Antlitz [?].
Wort für Wort
ṣaṣṭyā dantair yuktāḥ
mit sechzig Zähnen ausgestattet (Instr.Pl./Nom.Pl.)
śuklair aṣṭābhir daṃṣṭrābhir
mit acht weißen Stoßzähnen (Instr.Pl.)
ye
die (Rel.Pron. Nom.Pl.)
jihvābhir
mit den Zungen (Instr.Pl.)
viṣvagvaktraṃ
das nach allen Seiten [gewandte] Antlitz (Akk.Sg.)
lelihyante
belecken sie (3.Pl.Präs.Intens.)
sūryaprakhyam
das sonnengleiche (Akk.Sg.)
Bildhafte Beschreibung; der genaue Sinn (Selbstbeleckung des Antlitzes) bleibt unsicher.
[Sie verehren] mit Hingabe den Gott, aus dem das Universum entstanden ist, aus dem alle Welten geboren wurden – die Veden, die Rechtsordnungen, die friedvollen Weisen, alle Götter sind seine Hervorbringungen.
Wort für Wort
bhaktyā
mit Hingabe (Instr.Sg.)
devaṃ viśvotpannaṃ
den Gott, aus dem das All entstand (Akk.Sg.)
yasmāt sarve lokāḥ sūtāḥ
aus dem alle Welten geboren wurden (Abl.Sg./Nom.Pl./Part.)
vedā dharmā munayaḥ śāntā
die Veden, die Rechtsordnungen, die friedvollen Weisen (Nom.Pl.)
devāḥ sarve
alle Götter (Nom.Pl.)
tasya visargāḥ
sind seine Hervorbringungen (Gen.Sg./Nom.Pl.)
Kein explizites Verb der Verehrung im Sanskrit; aus dem Zusammenhang der vorigen Verse ergänzt.
yudhiṣṭhira uvāca; atīndriyā nirāhārā aniṣpandāḥ sugandhinaḥ; kathaṃ te puruṣā jātāḥ kā teṣāṃ gatir uttamā
Yudhiṣṭhira sprach: „Wie sind diese Männer entstanden, die jenseits der Sinne, nahrungslos, bewegungslos und wohlriechend sind? Was ist ihr höchstes Ziel?
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
atīndriyā nirāhārā
jenseits der Sinne, nahrungslos (Nom.Pl.)
aniṣpandāḥ sugandhinaḥ
bewegungslos, wohlriechend (Nom.Pl.)
kathaṃ te puruṣā jātāḥ
wie sind diese Männer entstanden (Adv./Nom.Pl./Part.Perf.)
kā teṣāṃ gatir uttamā
was ist ihr höchstes Ziel (Interrog./Gen.Pl./Nom.Sg.)
Ist dies, o Bester der Bharatas, das Merkmal jener Menschen, die hier [auf Erden] befreit werden – dasselbe, das den Bewohnern der Śvetadvīpa [eigen ist]?
Wort für Wort
ye vimuktā bhavantīha narā
jene Männer, die hier befreit werden (Nom.Pl./3.Pl.Präs.)
bharatasattama
o Bester der Bharatas (Vok.Sg.)
teṣāṃ lakṣaṇam etad dhi
ist dies eben ihr Merkmal (Gen.Pl./Nom.Sg.)
yac chvetadvīpavāsinām
das der Bewohner der Śvetadvīpa (Nom.Sg.Rel./Gen.Pl.)
bhīṣma uvāca; vistīrṇaiṣā kathā rājañ śrutā me pitṛsaṃnidhau; saiṣā tava hi vaktavyā kathāsāro hi sa smṛtaḥ
Bhīṣma sprach: „Ausführlich ist diese Erzählung, o König, wie ich sie in der Nähe meines Vaters gehört habe; sie muss dir eben erzählt werden, denn sie gilt als der Kern der Erzählung.“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Nom.Sg./3.Sg.Perf.)
vistīrṇaiṣā kathā
ausführlich ist diese Erzählung (Nom.Sg.)
rājañ
o König (Vok.Sg.)
śrutā me pitṛsaṃnidhau
von mir in der Nähe des Vaters gehört (Nom.Sg.Part./Lok.Sg.)
saiṣā tava hi vaktavyā
sie muss dir eben erzählt werden (Nom.Sg./Gerundiv)
kathāsāro hi sa smṛtaḥ
denn sie gilt als der Kern der Erzählung (Nom.Sg./Part.Perf.Pass.)
Nārada, der Beste der Weisen, erzählte sie dem Śāntanu; von dem König einst befragt, sprach er sie; dort habe ich sie einst gehört.
Wort für Wort
śaṃtanoḥ kathayām āsa
erzählte dem Śāntanu (Dat./Gen.Sg./3.Sg.Perf.)
nārado munisattamaḥ
Nārada, der Beste der Weisen (Nom.Sg.)
rājñā pṛṣṭaḥ purā
von dem König einst befragt (Instr.Sg./Nom.Sg.Part./Adv.)
prāha
sprach er (3.Sg.Perf.)
tatrāhaṃ śrutavān purā
dort habe ich [sie] einst gehört (Adv./Nom.Sg.Part.Perf.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers nur in einem Teil der Handschriften; erläutert die Überlieferungskette Nārada → Śāntanu → Bhīṣma.
Gestützt auf die Sātvata-Vorschrift, die zuvor aus dem Mund der Sonne hervorgegangen war, verehrte er den Göttergebieter [Nārāyaṇa] und mit dessen Opferrest die Ahnen.
Wort für Wort
sātvataṃ vidhim āsthāya
gestützt auf die Sātvata-Vorschrift (Akk.Sg./Absolutiv)
prāk sūryamukhaniḥsṛtam
die zuvor aus dem Mund der Sonne hervorgegangene (Adv./Akk.Sg.)
pūjayām āsa deveśaṃ
verehrte er den Göttergebieter (3.Sg.Perf./Akk.Sg.)
taccheṣeṇa
mit dessen Opferrest (Instr.Sg.)
pitāmahān
die Ahnen (Akk.Pl.)
‚pitāmahān‘ (wörtl. ‚Großväter‘) hier im Sinn von Vorvätern/Ahnen aufgefasst.
pitṛśeṣeṇa viprāṃś ca saṃvibhajyāśritāṃś ca saḥ; śeṣānnabhuk satyaparaḥ sarvabhūteṣv ahiṃsakaḥ; sarvabhāvena bhaktaḥ sa devadevaṃ janārdanam
Und er verteilte mit dem Opferrest der Ahnen [Anteile] an die Brahmanen und an die Schutzbefohlenen; er selbst genoss [nur] die übriggebliebene Speise, der Wahrheit ergeben, gegenüber allen Wesen gewaltlos, mit ganzem Wesen dem Gott der Götter Janārdana hingegeben,
Wort für Wort
pitṛśeṣeṇa
mit dem Opferrest der Ahnen (Instr.Sg.)
viprāṃś ca saṃvibhajya
und, nachdem er verteilt hatte, an die Brahmanen (Akk.Pl./Absolutiv)
āśritāṃś ca saḥ
und an die Schutzbefohlenen, er (Akk.Pl./Nom.Sg.)
śeṣānnabhuk
die übriggebliebene Speise genießend (Nom.Sg.)
satyaparaḥ
der Wahrheit ergeben (Nom.Sg.)
sarvabhūteṣv ahiṃsakaḥ
gegenüber allen Wesen gewaltlos (Lok.Pl./Nom.Sg.)
sarvabhāvena bhaktaḥ sa
mit ganzem Wesen hingegeben, er (Instr.Sg./Nom.Sg.)
dem ohne Anfang, Mitte und Ende Seienden, dem Schöpfer der Welt, dem Unvergänglichen.
Wort für Wort
anādimadhyanidhanaṃ
den ohne Anfang, Mitte und Ende (Akk.Sg.)
lokakartāram
den Schöpfer der Welt (Akk.Sg.)
avyayam
den Unvergänglichen (Akk.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; führt die Epitheta für Janārdana aus dem vorigen Vers fort.
O Feindevernichter, diesem [König], der Hingabe zu Nārāyaṇa trug, gab Śakra, der Götterkönig, selbst ein gemeinsames Lager und einen [gemeinsamen] Sitz.
Wort für Wort
tasya
diesem [König] (Gen.Sg.)
nārāyaṇe bhaktiṃ vahato
der Hingabe zu Nārāyaṇa trug (Lok.Sg./Akk.Sg./Gen.Sg.Part.)
Die auf Wunsch [vollzogenen] und die aus [besonderem] Anlass [gebotenen], die immerwährenden, opferwürdigen höchsten Handlungen – alle vollzog er, gesammelten Sinnes, gestützt auf die Sātvata-Vorschrift.
Wort für Wort
kāmyanaimittikājasraṃ
die auf Wunsch, aus Anlass, [und] die beständigen (Akk./Adj.)
Die vornehmsten Kenner des Pañcarātra genossen im Haus jenes hochherzigen [Königs] das vom Erhabenen verkündete Prāyaṇa-[Ritual] [?] und aßen die Erstlingsspeise.
Wort für Wort
pañcarātravido mukhyās
die vornehmsten Kenner des Pañcarātra (Nom.Pl.)
tasya gehe mahātmanaḥ
im Haus jenes hochherzigen [Königs] (Gen.Sg./Lok.Sg.)
prāyaṇaṃ bhagavatproktaṃ
das vom Erhabenen verkündete Prāyaṇa[-Ritual] (Akk.Sg.) [?]
bhuñjate
genießen sie (3.Pl.Präs.Med.)
cāgrabhojanam
und die Erstlingsspeise (Akk.Sg.)
‚prāyaṇam‘ (wörtl. ‚Hingang/Ende‘) bleibt unklar; möglicherweise Name eines Ritus oder einer rituellen Mahlzeit.
tasya praśāsato rājyaṃ dharmeṇāmitraghātinaḥ; nānṛtā vāk samabhavan mano duṣṭaṃ na cābhavat; na ca kāyena kṛtavān sa pāpaṃ param aṇv api
Während er, der Feindevernichter, das Reich nach Recht regierte, entstand keine unwahre Rede [bei ihm], noch wurde [sein] Geist böse; und auch mit dem Körper vollbrachte er nicht die geringste Sünde.
Wort für Wort
tasya praśāsato rājyaṃ
während er das Reich regierte (Gen.Sg.Part./Akk.Sg.)
dharmeṇāmitraghātinaḥ
des Feindevernichters, nach Recht (Instr.Sg./Gen.Sg.)
nānṛtā vāk samabhavan
keine unwahre Rede entstand (Nom.Sg./3.Sg.Impf.)
mano duṣṭaṃ na cābhavat
und [sein] Geist wurde nicht böse (Nom.Sg./3.Sg.Impf.)
na ca kāyena kṛtavān
und auch mit dem Körper vollbrachte er nicht (Instr.Sg./Nom.Sg.Part.Perf.)
sa pāpaṃ param aṇv api
er die geringste Sünde, auch nur (Nom.Sg./Akk.Sg./Adj.)
Vereint mit den vier Veden wurde sie auf dem Meru, dem großen Berg, geschaffen, durch sieben Münder verkündet: die unübertreffliche Weltordnung [Lehre].
die unübertreffliche Weltordnung (Nom./Akk. Sg., Apposition)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (star); führt den Satz aus dem vorangehenden, hier nicht enthaltenen Vers fort (Subjekt: die Lehre/śāstra).
kundig des Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen, der Wahrheit und dem Dharma ergeben –
Wort für Wort
bhūtabhavyabhaviṣya
das Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige
jñāḥ
kundig (Nom. Pl.)
satyadharma
der Wahrheit und dem Dharma
parāyaṇāḥ
ergeben/hingegeben (Nom. Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (star); Fortsetzung der Beschreibung der Weisen aus dem vorigen Vers.
tatra dharmārthakāmā hi mokṣaḥ paścāc ca kīrtitaḥ; maryādā vividhāś caiva divi bhūmau ca saṃsthitāḥ
Darin wurden Dharma, Artha und Kāma, und danach auch die Erlösung [mokṣa] verkündet, sowie mannigfache Ordnungen, die im Himmel und auf der Erde feststehen.
Wort für Wort
tatra dharmārthakāmā hi
darin wurden Dharma, Artha und Kāma [verkündet] (Nom. Pl.)
mokṣaḥ paścāc ca kīrtitaḥ
und die Erlösung wurde danach verkündet (Nom. Sg., Part.Perf.Pass.)
maryādā vividhāś caiva
und mannigfache Ordnungen/Grenzen (Nom. Pl.)
divi bhūmau ca saṃsthitāḥ
im Himmel und auf der Erde feststehend (Lok. Sg. + Nom. Pl., Part.)
tataḥ pravartitā samyak tapovidbhir dvijātibhiḥ; śabde cārthe ca hetau ca eṣā prathamasargajā
Darauf wurde sie [die Rede] von den in Askese Erfahrenen, den Zweifachgeborenen, recht entfaltet, in Laut, Bedeutung und Ursache – sie, aus der ersten Schöpfung entstanden.
Wort für Wort
tataḥ pravartitā samyak
darauf recht in Gang gesetzt/entfaltet (Nom. Sg. Fem., Part.)
tapovidbhir dvijātibhiḥ
von den in Askese Erfahrenen, den Zweifachgeborenen (Instr. Pl.)
śabde cārthe ca hetau ca
in Laut, Bedeutung und Ursache (Lok. Sg.)
eṣā prathamasargajā
sie, aus der ersten Schöpfung entstanden (Nom. Sg. Fem.)
ādāv eva hi tac chāstram oṃkārasvarabhūṣitam; ṛṣibhir bhāvitaṃ tatra yatra kāruṇiko hy asau
Schon ganz am Anfang war jene Lehre mit dem Klang der Silbe Oṃ geschmückt; von den Ṛṣis wurde sie dort verwirklicht, wo jener Gütige [Nārāyaṇa] war [?].
Wort für Wort
ādāv eva hi
schon ganz am Anfang (Lok. Sg. + Partikeln)
tac chāstram
jene Lehre (Nom. Sg. Ntr.)
oṃkārasvarabhūṣitam
mit dem Klang der Silbe Oṃ geschmückt (Nom. Sg., Adj.)
ṛṣibhir bhāvitaṃ tatra
von den Ṛṣis dort verwirklicht/ausgestaltet (Instr. Pl. + Nom. Sg., Part.)
yatra kāruṇiko hy asau
wo jener Gütige [war] (Lok. + Nom. Sg.)
'yatra kāruṇiko hy asau' ist knapp und unklar; vermutlich Bezug auf Nārāyaṇas Anwesenheit oder Wirken an jenem Ort.