Kapitel 186: ācāravidhi
Vorschriften des rechten Wandels und Sittenregeln
Yudhiṣṭhira fragt nach der Ordnung des rechten Wandels (ācāra); Bhīṣma zählt Regeln des Alltags, der Reinheit, des Essens und des Umgangs auf und schließt mit Sätzen über Sünde, Dharma und ihre Folgen.
yudhiṣṭhira uvāca; ācārasya vidhiṃ tāta procyamānaṃ tvayānagha; śrotum icchāmi dharmajña sarvajño hy asi me mataḥ
Yudhiṣṭhira sprach: „Die Ordnung des rechten Wandels, Vater, die du vortragen mögest, Makelloser – die möchte ich hören, Kenner des Dharma; denn allwissend bist du, so meine Ansicht.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
ācārasya vidhiṃ tāta
die Regel des Wandels (Gen./Akk.), Vater (Vok.)
procyamānaṃ tvayānagha
die von dir vorgetragen werden soll (Part.Pass./Akk.), von dir (Instr.), Makelloser (Vok.)
śrotum icchāmi dharmajña
hören (Inf.) will ich (1.Sg.), Kenner des Dharma (Vok.)
sarvajño hy asi me mataḥ
allwissend fürwahr bist du (2.Sg.), von mir gehalten (Part.Pass./Nom.)
Bhīṣma sprach: „Die schlechten Wandels sind, schlecht Handelnde, schlechten Verstandes, dem Gewaltsamen Zugeneigte – diese sind als Unedle bekannt; Edle dagegen sind durch das Merkmal des [rechten] Wandels [gekennzeichnet].“
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
durācārā durviceṣṭā
die schlechten Wandels, die schlecht Handelnden (Nom.Pl.)
duṣprajñāḥ priyasāhasāḥ
schlechten Verstandes, dem Gewaltsamen zugeneigt (Nom.Pl., Bahuvrīhi)
asanto hy abhivikhyātāḥ
als Unedle fürwahr bekannt (Nom.Pl., Part.Pass.)
santaś cācāralakṣaṇāḥ
Edle aber, durch den Wandel gekennzeichnet (Nom.Pl., Bahuvrīhi)
Der zweite Satzteil ist elliptisch; „gekennzeichnet“ sinngemäß ergänzt.
purīṣaṃ yadi vā mūtraṃ ye na kurvanti mānavāḥ; rājamārge gavāṃ madhye dhānyamadhye ca te śubhāḥ
Diejenigen Menschen, die weder Kot noch Urin verrichten – auf der Königsstraße, inmitten von Kühen und inmitten von Korn –, sie sind [gut und] heilvoll.
Wort für Wort
purīṣaṃ yadi vā mūtraṃ
Kot oder auch Urin (Akk.)
ye na kurvanti mānavāḥ
die nicht verrichten (3.Pl.Präs.), Menschen (Nom.Pl.)
rājamārge gavāṃ madhye
auf der Königsstraße (Lok.), inmitten der Kühe (Gen.+Lok.)
Nachdem er die notwendige Reinigung vollzogen und den Göttern die Labung [dargebracht] hat – [das], sagt man, ist der Menschen Dharma; nach dem Mundspülen (Wasserberühren) möge er den Fluss überqueren.
Wort für Wort
śaucam āvaśyakaṃ kṛtvā
die notwendige Reinigung (Akk.) vollzogen habend (Abs.)
devatānāṃ ca tarpaṇam
und die Labung der Gottheiten (Gen.Pl./Akk.)
dharmam āhur manuṣyāṇām
Dharma, sagen sie (3.Pl.Perf.), der Menschen (Gen.Pl.)
upaspṛśya nadīṃ taret
nach dem Wasserberühren (Abs.), den Fluss möge er überqueren (3.Sg.Opt.)
Syntax und Bezug von „dharmam āhuḥ“ unsicher; wortnah wiedergegeben.
sūryaṃ sadopatiṣṭheta na svapyād bhāskarodaye; sāyaṃ prātar japan saṃdhyāṃ tiṣṭhet pūrvāṃ tathāparām
Die Sonne soll er stets verehren; beim Aufgang der Sonne soll er nicht schlafen; abends und morgens die Saṃdhyā murmelnd, soll er stehen – in der früheren wie in der späteren [Dämmerung].
Wort für Wort
sūryaṃ sadopatiṣṭheta
die Sonne (Akk.), stets möge er verehren (3.Sg.Opt.Med.)
na svapyād bhāskarodaye
nicht möge er schlafen (Opt.), beim Aufgang der Sonne (Lok.)
sāyaṃ prātar japan saṃdhyām
abends, morgens, murmelnd (Part.Präs.), die Dämmerung(sandacht) (Akk.)
tiṣṭhet pūrvāṃ tathāparām
er möge stehen (3.Sg.Opt.), die frühere sowie die spätere (Akk.)
pañcārdro bhojanaṃ kuryāt prāṅmukho maunam āsthitaḥ; na ninded annabhakṣyāṃś ca svādv asvādu ca bhakṣayet
Mit fünf [Körperteilen] befeuchtet soll er die Mahlzeit einnehmen, nach Osten gewandt, Schweigen wahrend; er soll Speisen nicht tadeln und Wohlschmeckendes wie Unschmackhaftes essen.
Wort für Wort
pañcārdro bhojanaṃ kuryāt
mit fünf [Gliedern] nass (Nom.), die Mahlzeit möge er halten (3.Sg.Opt.)
Nicht mit feuchter Hand soll er aufstehen, nicht mit nassen Füßen bei Nacht schlafen; dies ist das vom göttlichen Seher Nārada verkündete Merkmal rechten Wandels.
Wort für Wort
nārdrapāṇiḥ samuttiṣṭhen
nicht mit feuchter Hand (Nom.), er möge aufstehen (3.Sg.Opt.)
nārdrapādaḥ svapen niśi
nicht mit nassen Füßen, er möge schlafen (Opt.), bei Nacht (Lok.)
devarṣināradaproktam
vom Götterseher Nārada verkündet (Kompositum, Part.Pass./Nom.)
Abends und morgens ist den Menschen die Mahlzeit von den Göttern festgesetzt; dazwischen ist keine Mahlzeit vorgesehen; fastend soll er so [dazwischen] sein.
Wort für Wort
sāyaṃ prātar manuṣyāṇām
abends, morgens, der Menschen (Gen.Pl.)
aśanaṃ devanirmitam
Mahlzeit (Nom.), von den Göttern geschaffen (Nom.)
nāntarā bhojanaṃ dṛṣṭam
nicht dazwischen Essen (Nom.), gesehen/vorgesehen (Part.Pass.)
Zur Zeit des Opfers Opfergaben darbringend, zur Fruchtbarkeitszeit [der Frau] beiwohnend, keine andere Frau [als die eigene] habend – so soll der Weise Enthaltsamer sein.
Wort für Wort
homakāle tathā juhvann
zur Opferzeit, ebenso opfernd (Part.Präs.)
ṛtukāle tathā vrajan
zur Fruchtbarkeitszeit, ebenso hingehend (Part.Präs.)
ananyastrījanaḥ prājño
keine andere Frau habend (Nom., Bahuvrīhi), weise (Nom.)
brahmacārī tathā bhavet
Brahmacārin, so möge er sein (3.Sg.Opt.)
„brahmacārī“ hier im Sinne der Enthaltsamkeit außerhalb der Fruchtbarkeitszeit.
Nektar ist der Rest [der Speise] eines Brahmanen; der Mutter Herz ist [dazu] gemacht [?]. Der Mensch soll die Wahrheit verehren; die Wahrheit verehren die Guten.
Wort für Wort
amṛtaṃ brāhmaṇocchiṣṭaṃ
Nektar (Nom.), Rest des Brahmanen (Nom.)
jananyā hṛdayaṃ kṛtam
der Mutter (Gen./Instr.) Herz (Nom.), gemacht (Part.Pass.) [?]
upāsīta janaḥ satyaṃ
verehren möge (3.Sg.Opt.Med.), der Mensch (Nom.), die Wahrheit (Akk.)
satyaṃ santa upāsate
die Wahrheit (Akk.), die Guten (Nom.Pl.), verehren (3.Pl.Präs.Med.)
Der erste Halbvers ist syntaktisch schwer zu fassen; Deutung unsicher.
loṣṭhamardī tṛṇacchedī nakhakhādī tu yo naraḥ; nityocchiṣṭaḥ śaṅkuśuko nehāyur vindate mahat
Wer ein Mensch ist, der Erdschollen zerreibt, Gras abreißt, Nägel kaut, stets unrein ist und [furchtsam/zaudernd] [?], der erlangt hier kein großes Leben.
Wort für Wort
loṣṭhamardī tṛṇacchedī
Schollenzerreiber, Grasabreißer (Nom.)
nakhakhādī tu yo naraḥ
Nägelkauer, der Mann, der (Nom.)
nityocchiṣṭaḥ śaṅkuśuko
stets unrein (Nom.), śaṅkuśuka [?] (Nom.)
nehāyur vindate mahat
nicht (na) hier (iha) Lebensdauer, er findet (3.Sg.Präs.Med.), große (Akk.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). śaṅkuśuka unklar; „nehāyuḥ“ wohl na + iha + āyuḥ.
yajuṣā saṃskṛtaṃ māṃsaṃ nivṛtto māṃsabhakṣaṇāt; na bhakṣayed vṛthāmāṃsaṃ pṛṣṭhamāṃsaṃ ca varjayet
Mit der Yajus-Formel geweihtes Fleisch [mag er essen]; vom Fleischessen soll er sich [sonst] fernhalten; er soll kein Fleisch ohne Zweck essen und Rückenfleisch meiden.
Wort für Wort
yajuṣā saṃskṛtaṃ māṃsaṃ
mit der Yajus-Formel geweiht (Part.Pass.), Fleisch (Akk.)
nivṛtto māṃsabhakṣaṇāt
abgelassen (Nom.), vom Fleischessen (Abl.)
na bhakṣayed vṛthāmāṃsaṃ
nicht möge er essen (Opt.), nutzloses Fleisch (Akk.)
Im eigenen Land oder in der Fremde soll er den Gast nicht hungern lassen; hat er die Frucht eines aus Wunsch getanen Werkes erlangt, soll er sie den Älteren überreichen.
Wort für Wort
svadeśe paradeśe vā
im eigenen Land oder im fremden Land (Lok.)
atithiṃ nopavāsayet
den Gast (Akk.), nicht möge er fasten lassen (Kaus.Opt.)
kāmyaṃ karmaphalaṃ labdhvā
die gewünschte Frucht des Werks (Akk.), erlangt habend (Abs.)
gurūṇām upapādayet
den Älteren/Lehrern (Dat./Gen.), möge er zukommen lassen (Kaus.Opt.)
nekṣetādityam udyantaṃ na ca nagnāṃ parastriyam; maithunaṃ samaye dharmyaṃ guhyaṃ caiva samācaret
Nicht soll er die aufgehende Sonne ansehen, noch eine nackte fremde Frau; den Beischlaf soll er zur [rechten] Zeit, dem Dharma gemäß und im Verborgenen vollziehen.
Wort für Wort
nekṣetādityam udyantaṃ
nicht möge er ansehen (Opt.), die Sonne (Akk.), aufgehend (Part.Präs.)
na ca nagnāṃ parastriyam
und nicht die nackte (Akk.), fremde Frau (Akk.)
maithunaṃ samaye dharmyaṃ
Beischlaf (Akk.), zur rechten Zeit (Lok.), dharmagemäß (Akk.)
guhyaṃ caiva samācaret
und verborgen (Akk./Adv.), möge er vollziehen (Opt.)
Von den Waren [ist] die Ware [die] schöne; unter den Feldarbeiten wird die Feldarbeit [ge]drängt/beeinträchtigt [?]; unter den Feldfrüchten [ist es] sehr förderlich, unter den Zugtieren [ist es] das Zugtier der Kühe [?].
Wort für Wort
paṇyānāṃ śobhanaṃ paṇyaṃ
von den Waren (Gen.Pl.), schöne (Nom.), Ware (Nom.)
kṛṣīṇāṃ bādyate kṛṣiḥ
von den Feldarbeiten (Gen.Pl.), wird bedrängt (3.Sg.Pass.), Feldarbeit (Nom.) [?]
bahukāraṃ ca sasyānāṃ
und vielfach förderlich (Nom.), der Feldfrüchte (Gen.Pl.)
vāhye vāhyaṃ tathā gavām
unter Zugtieren (Lok.), Zugtier (Nom.), ebenso der Kühe (Gen.Pl.) [?]
Vers wohl Teil einer Liste von Höflichkeits-/Segensformeln; Sinn verderbt oder sehr elliptisch, Wiedergabe unsicher.
Beim Essen soll er stets „reichlich versehen“ sagen, beim Trinkwasser „gelabt“; beim Milchreis soll er sagen „gut gekocht“, ebenso beim Reisschleim und beim Sesam-Reis-Gericht.
Wort für Wort
saṃpannaṃ bhojane nityaṃ
„wohlversehen/vollkommen“ (Nom.), beim Essen (Lok.), stets
pānīye tarpaṇaṃ tathā
beim Trinkwasser (Lok.), „Labung“ (Nom.), ebenso
suśṛtaṃ pāyase brūyād
„gut gekocht“ (Part.Pass.), beim Milchreis (Lok.), möge er sagen (Opt.)
yavāgvāṃ kṛsare tathā
beim Reisschleim (Lok.), beim Kṛsara (Reis-Sesam-Gericht) (Lok.), ebenso
Wenn das Bartscheren eingetreten ist, beim Niesen, beim Baden und beim Essen, und allen Kranken gegenüber ist der Segenswunsch für langes Leben [zu sprechen].
Wort für Wort
śmaśrukarmaṇi saṃprāpte
beim Bartschneiden (Lok.), eingetreten (Part.Pass.)
pratyādityaṃ na meheta na paśyed ātmanaḥ śakṛt; sutastriyā ca śayanaṃ sahabhojyaṃ ca varjayet
Der Sonne gegenüber soll er nicht urinieren und nicht den eigenen Kot ansehen; das Lager mit der Frau des Sohnes [?] und gemeinsames Essen soll er meiden.
Wort für Wort
pratyādityaṃ na meheta
der Sonne zugewandt (Adv.), nicht möge er urinieren (Opt.)
na paśyed ātmanaḥ śakṛt
nicht möge er ansehen (Opt.), eigenen Kot (Akk.)
sutastriyā ca śayanaṃ
und mit der Frau des Sohnes (Instr.), Lager (Akk.) [?]
sahabhojyaṃ ca varjayet
und gemeinsames Essen (Akk.), möge er meiden (Opt.)
sutastriyā: „mit der Frau des Sohnes“ oder „mit Sohn und Frau“ – unsicher.
pāpaṃ kṛtaṃ na smaratīha mūḍho; vivartamānasya tad eti kartuḥ; rāhur yathā candram upaiti cāpi; tathābudhaṃ pāpam upaiti karma
Die getane Sünde bedenkt hier der Tor nicht; sie kehrt sich um und kommt zum Täter, wie Rāhu zum Mond kommt; so kommt das [böse] Werk, die Sünde, zum Unverständigen.
Wort für Wort
pāpaṃ kṛtaṃ na smaratīha mūḍho
getane Sünde (Akk.), nicht gedenkt hier (3.Sg.), der Tor (Nom.)
vivartamānasya tad eti kartuḥ
dem sich Wendenden (Gen.), dies (Nom.), kommt (3.Sg.), zum Täter
rāhur yathā candram upaiti cāpi
wie Rāhu (Nom.), den Mond (Akk.), erreicht (3.Sg.), auch
tathābudhaṃ pāpam upaiti karma
so den Unverständigen (Akk.), die Sünde (Nom.), erreicht (3.Sg.), das Werk (Nom.)
vivartamānasya kartuḥ ist knapp; sinngemäß wiedergegeben [?].
Allein soll man das Dharma üben; im Dharma gibt es keine Gefährtenschaft; was wird ein Helfer [noch] tun, wenn man allein die [rechte] Vorschrift erlangt hat?
Wort für Wort
eka eva cared dharmaṃ
allein nur (Nom.), möge üben (Opt.), Dharma (Akk.)
nāsti dharme sahāyatā
nicht ist (3.Sg.), im Dharma (Lok.), Beistand/Gefährtenschaft (Nom.)
kevalaṃ vidhim āsādya
allein/nur (Adv.), die Vorschrift (Akk.), erlangt habend (Abs.)
sahāyaḥ kiṃ kariṣyati
ein Helfer (Nom.), was (Akk.), wird tun (3.Sg.Fut.)
Die Götter sind der Ursprung der Menschen; der Götter Nektar ist im Himmel; im Zustand nach dem Tod wird Glück aus dem Dharma von ihnen immerwährend genossen.
Wort für Wort
devā yonir manuṣyāṇām
die Götter (Nom.Pl.), Ursprung (Nom.), der Menschen (Gen.Pl.)
devānām amṛtaṃ divi
der Götter (Gen.Pl.), Nektar (Nom.), im Himmel (Lok.)
pretyabhāve sukhaṃ dharmāc
im Dasein nach dem Tod (Lok.), Glück (Nom.), aus Dharma (Abl.)
chaśvat tair upabhujyate
immerfort (Adv.), von ihnen (Instr.Pl.), wird genossen (3.Sg.Pass.)