Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 186: ācāravidhi Vorschriften des rechten Wandels und Sittenregeln

Yudhiṣṭhira fragt nach der Ordnung des rechten Wandels (ācāra); Bhīṣma zählt Regeln des Alltags, der Reinheit, des Essens und des Umgangs auf und schließt mit Sätzen über Sünde, Dharma und ihre Folgen.

yudhiṣṭhira uvāca; ācārasya vidhiṃ tāta procyamānaṃ tvayānagha; śrotum icchāmi dharmajña sarvajño hy asi me mataḥ

Yudhiṣṭhira sprach: „Die Ordnung des rechten Wandels, Vater, die du vortragen mögest, Makelloser – die möchte ich hören, Kenner des Dharma; denn allwissend bist du, so meine Ansicht.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
ācārasya vidhiṃ tāta
die Regel des Wandels (Gen./Akk.), Vater (Vok.)
procyamānaṃ tvayānagha
die von dir vorgetragen werden soll (Part.Pass./Akk.), von dir (Instr.), Makelloser (Vok.)
śrotum icchāmi dharmajña
hören (Inf.) will ich (1.Sg.), Kenner des Dharma (Vok.)
sarvajño hy asi me mataḥ
allwissend fürwahr bist du (2.Sg.), von mir gehalten (Part.Pass./Nom.)

bhīṣma uvāca; durācārā durviceṣṭā duṣprajñāḥ priyasāhasāḥ; asanto hy abhivikhyātāḥ santaś cācāralakṣaṇāḥ

Bhīṣma sprach: „Die schlechten Wandels sind, schlecht Handelnde, schlechten Verstandes, dem Gewaltsamen Zugeneigte – diese sind als Unedle bekannt; Edle dagegen sind durch das Merkmal des [rechten] Wandels [gekennzeichnet].“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
durācārā durviceṣṭā
die schlechten Wandels, die schlecht Handelnden (Nom.Pl.)
duṣprajñāḥ priyasāhasāḥ
schlechten Verstandes, dem Gewaltsamen zugeneigt (Nom.Pl., Bahuvrīhi)
asanto hy abhivikhyātāḥ
als Unedle fürwahr bekannt (Nom.Pl., Part.Pass.)
santaś cācāralakṣaṇāḥ
Edle aber, durch den Wandel gekennzeichnet (Nom.Pl., Bahuvrīhi)

Der zweite Satzteil ist elliptisch; „gekennzeichnet“ sinngemäß ergänzt.

purīṣaṃ yadi vā mūtraṃ ye na kurvanti mānavāḥ; rājamārge gavāṃ madhye dhānyamadhye ca te śubhāḥ

Diejenigen Menschen, die weder Kot noch Urin verrichten – auf der Königsstraße, inmitten von Kühen und inmitten von Korn –, sie sind [gut und] heilvoll.

Wort für Wort
purīṣaṃ yadi vā mūtraṃ
Kot oder auch Urin (Akk.)
ye na kurvanti mānavāḥ
die nicht verrichten (3.Pl.Präs.), Menschen (Nom.Pl.)
rājamārge gavāṃ madhye
auf der Königsstraße (Lok.), inmitten der Kühe (Gen.+Lok.)
dhānyamadhye ca
und inmitten von Korn (Lok.)
te śubhāḥ
die sind gut/heilvoll (Nom.Pl.)

agnyāgāre tathā tīre ye na kurvanti te śubhāḥ

Im Feuerhaus ebenso und am Ufer: Die [dort] nicht [verrichten], die sind gut.

Wort für Wort
agnyāgāre tathā tīre
im Feuerhaus (Lok.), ebenso am Ufer (Lok.)
ye na kurvanti
die nicht verrichten (3.Pl.Präs.)
te śubhāḥ
die sind gut (Nom.Pl.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

śaucam āvaśyakaṃ kṛtvā devatānāṃ ca tarpaṇam; dharmam āhur manuṣyāṇām upaspṛśya nadīṃ taret

Nachdem er die notwendige Reinigung vollzogen und den Göttern die Labung [dargebracht] hat – [das], sagt man, ist der Menschen Dharma; nach dem Mundspülen (Wasserberühren) möge er den Fluss überqueren.

Wort für Wort
śaucam āvaśyakaṃ kṛtvā
die notwendige Reinigung (Akk.) vollzogen habend (Abs.)
devatānāṃ ca tarpaṇam
und die Labung der Gottheiten (Gen.Pl./Akk.)
dharmam āhur manuṣyāṇām
Dharma, sagen sie (3.Pl.Perf.), der Menschen (Gen.Pl.)
upaspṛśya nadīṃ taret
nach dem Wasserberühren (Abs.), den Fluss möge er überqueren (3.Sg.Opt.)

Syntax und Bezug von „dharmam āhuḥ“ unsicher; wortnah wiedergegeben.

sūryaṃ sadopatiṣṭheta na svapyād bhāskarodaye; sāyaṃ prātar japan saṃdhyāṃ tiṣṭhet pūrvāṃ tathāparām

Die Sonne soll er stets verehren; beim Aufgang der Sonne soll er nicht schlafen; abends und morgens die Saṃdhyā murmelnd, soll er stehen – in der früheren wie in der späteren [Dämmerung].

Wort für Wort
sūryaṃ sadopatiṣṭheta
die Sonne (Akk.), stets möge er verehren (3.Sg.Opt.Med.)
na svapyād bhāskarodaye
nicht möge er schlafen (Opt.), beim Aufgang der Sonne (Lok.)
sāyaṃ prātar japan saṃdhyām
abends, morgens, murmelnd (Part.Präs.), die Dämmerung(sandacht) (Akk.)
tiṣṭhet pūrvāṃ tathāparām
er möge stehen (3.Sg.Opt.), die frühere sowie die spätere (Akk.)

pañcārdro bhojanaṃ kuryāt prāṅmukho maunam āsthitaḥ; na ninded annabhakṣyāṃś ca svādv asvādu ca bhakṣayet

Mit fünf [Körperteilen] befeuchtet soll er die Mahlzeit einnehmen, nach Osten gewandt, Schweigen wahrend; er soll Speisen nicht tadeln und Wohlschmeckendes wie Unschmackhaftes essen.

Wort für Wort
pañcārdro bhojanaṃ kuryāt
mit fünf [Gliedern] nass (Nom.), die Mahlzeit möge er halten (3.Sg.Opt.)
prāṅmukho maunam āsthitaḥ
ostwärts gewandt (Nom.), Schweigen eingehalten habend (Part.Perf.Pass./Nom.)
na ninded annabhakṣyāṃś ca
nicht möge er tadeln (Opt.), Speisen und Esswaren (Akk.Pl.)
svādv asvādu ca bhakṣayet
Schmackhaftes und Unschmackhaftes (Akk.), möge er essen (Opt.)

pañcārdra: „fünf [Körperteile] feucht“ (nach üblicher Deutung Hände, Füße, Mund) [?].

nārdrapāṇiḥ samuttiṣṭhen nārdrapādaḥ svapen niśi; devarṣināradaproktam etad ācāralakṣaṇam

Nicht mit feuchter Hand soll er aufstehen, nicht mit nassen Füßen bei Nacht schlafen; dies ist das vom göttlichen Seher Nārada verkündete Merkmal rechten Wandels.

Wort für Wort
nārdrapāṇiḥ samuttiṣṭhen
nicht mit feuchter Hand (Nom.), er möge aufstehen (3.Sg.Opt.)
nārdrapādaḥ svapen niśi
nicht mit nassen Füßen, er möge schlafen (Opt.), bei Nacht (Lok.)
devarṣināradaproktam
vom Götterseher Nārada verkündet (Kompositum, Part.Pass./Nom.)
etad ācāralakṣaṇam
dies (Nom.), Merkmal des Wandels (Nom.)

śucikāmam anaḍvāhaṃ devagoṣṭhaṃ catuṣpatham; brāhmaṇaṃ dhārmikaṃ caiva nityaṃ kuryāt pradakṣiṇam

Den Reinheit Liebenden, den Stier, den Götterstall, den Kreuzweg und den rechtschaffenen Brahmanen soll er stets rechtsherum umschreiten.

Wort für Wort
śucikāmam anaḍvāhaṃ
den Reinheit Wünschenden [?], den Stier (Akk.)
devagoṣṭhaṃ catuṣpatham
den Götterstall/Götterplatz, den Kreuzweg (Akk.)
brāhmaṇaṃ dhārmikaṃ caiva
und den Brahmanen, den rechtschaffenen (Akk.)
nityaṃ kuryāt pradakṣiṇam
stets möge er machen (Opt.), die Rechtsumschreitung (Akk.)

śucikāmam unsicher (evtl. „den, der Reinheit begehrt“ oder Bezeichnung eines Gegenstands).

atithīnāṃ ca sarveṣāṃ preṣyāṇāṃ svajanasya ca; sāmānyaṃ bhojanaṃ bhṛtyaiḥ puruṣasya praśasyate

Das gemeinsame Mahl mit allen Gästen, mit Dienern und mit den eigenen Leuten, mit den Untergebenen, wird für einen Mann gerühmt.

Wort für Wort
atithīnāṃ ca sarveṣāṃ
und aller Gäste (Gen.Pl.)
preṣyāṇāṃ svajanasya ca
der Diener (Gen.Pl.), der eigenen Leute (Gen.Sg.)
sāmānyaṃ bhojanaṃ bhṛtyaiḥ
gemeinsames Mahl (Nom.), mit den Angestellten (Instr.Pl.)
puruṣasya praśasyate
für einen Mann (Gen.) wird gepriesen (3.Sg.Pass.)

sāyaṃ prātar manuṣyāṇām aśanaṃ devanirmitam; nāntarā bhojanaṃ dṛṣṭam upavāsī tathā bhavet

Abends und morgens ist den Menschen die Mahlzeit von den Göttern festgesetzt; dazwischen ist keine Mahlzeit vorgesehen; fastend soll er so [dazwischen] sein.

Wort für Wort
sāyaṃ prātar manuṣyāṇām
abends, morgens, der Menschen (Gen.Pl.)
aśanaṃ devanirmitam
Mahlzeit (Nom.), von den Göttern geschaffen (Nom.)
nāntarā bhojanaṃ dṛṣṭam
nicht dazwischen Essen (Nom.), gesehen/vorgesehen (Part.Pass.)
upavāsī tathā bhavet
fastend (Nom.), so möge er sein (3.Sg.Opt.)

homakāle tathā juhvann ṛtukāle tathā vrajan; ananyastrījanaḥ prājño brahmacārī tathā bhavet

Zur Zeit des Opfers Opfergaben darbringend, zur Fruchtbarkeitszeit [der Frau] beiwohnend, keine andere Frau [als die eigene] habend – so soll der Weise Enthaltsamer sein.

Wort für Wort
homakāle tathā juhvann
zur Opferzeit, ebenso opfernd (Part.Präs.)
ṛtukāle tathā vrajan
zur Fruchtbarkeitszeit, ebenso hingehend (Part.Präs.)
ananyastrījanaḥ prājño
keine andere Frau habend (Nom., Bahuvrīhi), weise (Nom.)
brahmacārī tathā bhavet
Brahmacārin, so möge er sein (3.Sg.Opt.)

„brahmacārī“ hier im Sinne der Enthaltsamkeit außerhalb der Fruchtbarkeitszeit.

amṛtaṃ brāhmaṇocchiṣṭaṃ jananyā hṛdayaṃ kṛtam; upāsīta janaḥ satyaṃ satyaṃ santa upāsate

Nektar ist der Rest [der Speise] eines Brahmanen; der Mutter Herz ist [dazu] gemacht [?]. Der Mensch soll die Wahrheit verehren; die Wahrheit verehren die Guten.

Wort für Wort
amṛtaṃ brāhmaṇocchiṣṭaṃ
Nektar (Nom.), Rest des Brahmanen (Nom.)
jananyā hṛdayaṃ kṛtam
der Mutter (Gen./Instr.) Herz (Nom.), gemacht (Part.Pass.) [?]
upāsīta janaḥ satyaṃ
verehren möge (3.Sg.Opt.Med.), der Mensch (Nom.), die Wahrheit (Akk.)
satyaṃ santa upāsate
die Wahrheit (Akk.), die Guten (Nom.Pl.), verehren (3.Pl.Präs.Med.)

Der erste Halbvers ist syntaktisch schwer zu fassen; Deutung unsicher.

loṣṭhamardī tṛṇacchedī nakhakhādī tu yo naraḥ; nityocchiṣṭaḥ śaṅkuśuko nehāyur vindate mahat

Wer ein Mensch ist, der Erdschollen zerreibt, Gras abreißt, Nägel kaut, stets unrein ist und [furchtsam/zaudernd] [?], der erlangt hier kein großes Leben.

Wort für Wort
loṣṭhamardī tṛṇacchedī
Schollenzerreiber, Grasabreißer (Nom.)
nakhakhādī tu yo naraḥ
Nägelkauer, der Mann, der (Nom.)
nityocchiṣṭaḥ śaṅkuśuko
stets unrein (Nom.), śaṅkuśuka [?] (Nom.)
nehāyur vindate mahat
nicht (na) hier (iha) Lebensdauer, er findet (3.Sg.Präs.Med.), große (Akk.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). śaṅkuśuka unklar; „nehāyuḥ“ wohl na + iha + āyuḥ.

yajuṣā saṃskṛtaṃ māṃsaṃ nivṛtto māṃsabhakṣaṇāt; na bhakṣayed vṛthāmāṃsaṃ pṛṣṭhamāṃsaṃ ca varjayet

Mit der Yajus-Formel geweihtes Fleisch [mag er essen]; vom Fleischessen soll er sich [sonst] fernhalten; er soll kein Fleisch ohne Zweck essen und Rückenfleisch meiden.

Wort für Wort
yajuṣā saṃskṛtaṃ māṃsaṃ
mit der Yajus-Formel geweiht (Part.Pass.), Fleisch (Akk.)
nivṛtto māṃsabhakṣaṇāt
abgelassen (Nom.), vom Fleischessen (Abl.)
na bhakṣayed vṛthāmāṃsaṃ
nicht möge er essen (Opt.), nutzloses Fleisch (Akk.)
pṛṣṭhamāṃsaṃ ca varjayet
und Rückenfleisch (Akk.), möge er meiden (Opt.)

svadeśe paradeśe vā atithiṃ nopavāsayet; kāmyaṃ karmaphalaṃ labdhvā gurūṇām upapādayet

Im eigenen Land oder in der Fremde soll er den Gast nicht hungern lassen; hat er die Frucht eines aus Wunsch getanen Werkes erlangt, soll er sie den Älteren überreichen.

Wort für Wort
svadeśe paradeśe vā
im eigenen Land oder im fremden Land (Lok.)
atithiṃ nopavāsayet
den Gast (Akk.), nicht möge er fasten lassen (Kaus.Opt.)
kāmyaṃ karmaphalaṃ labdhvā
die gewünschte Frucht des Werks (Akk.), erlangt habend (Abs.)
gurūṇām upapādayet
den Älteren/Lehrern (Dat./Gen.), möge er zukommen lassen (Kaus.Opt.)

gurubhya āsanaṃ deyaṃ kartavyaṃ cābhivādanam; gurūn abhyarcya yujyante āyuṣā yaśasā śriyā

Den Älteren ist ein Sitz zu geben und die Begrüßung zu leisten; wer die Älteren ehrt, wird mit Lebensdauer, Ruhm und Glück verbunden.

Wort für Wort
gurubhya āsanaṃ deyaṃ
den Älteren (Dat.Pl.), Sitz (Nom.), zu geben (Gerundiv)
kartavyaṃ cābhivādanam
und zu tun (Gerundiv), die Begrüßung (Nom.)
gurūn abhyarcya
die Älteren (Akk.Pl.), verehrt habend (Abs.)
yujyante āyuṣā yaśasā śriyā
werden verbunden (3.Pl.Pass.), mit Leben, Ruhm, Glück (Instr.)

nekṣetādityam udyantaṃ na ca nagnāṃ parastriyam; maithunaṃ samaye dharmyaṃ guhyaṃ caiva samācaret

Nicht soll er die aufgehende Sonne ansehen, noch eine nackte fremde Frau; den Beischlaf soll er zur [rechten] Zeit, dem Dharma gemäß und im Verborgenen vollziehen.

Wort für Wort
nekṣetādityam udyantaṃ
nicht möge er ansehen (Opt.), die Sonne (Akk.), aufgehend (Part.Präs.)
na ca nagnāṃ parastriyam
und nicht die nackte (Akk.), fremde Frau (Akk.)
maithunaṃ samaye dharmyaṃ
Beischlaf (Akk.), zur rechten Zeit (Lok.), dharmagemäß (Akk.)
guhyaṃ caiva samācaret
und verborgen (Akk./Adv.), möge er vollziehen (Opt.)

tīrthānāṃ hṛdayaṃ tīrthaṃ śucīnāṃ hṛdayaṃ śuciḥ; sarvam āryakṛtaṃ śaucaṃ vālasaṃsparśanāni ca

Das Herz der Tīrthas ist das Tīrtha, das Herz der Reinen ist der Reine; alles vom Ārya Getane ist Reinheit, und [auch] das Berühren von Haaren [?].

Wort für Wort
tīrthānāṃ hṛdayaṃ tīrtham
der Furten/Pilgerstätten (Gen.Pl.), Herz (Nom.), Tīrtha (Nom.)
śucīnāṃ hṛdayaṃ śuciḥ
der Reinen (Gen.Pl.), Herz (Nom.), rein (Nom.)
sarvam āryakṛtaṃ śaucaṃ
alles (Nom.), vom Ārya getan (Nom.), Reinheit (Nom.)
vālasaṃsparśanāni ca
und Berührungen von Haaren (Nom.Pl.) [?]

Zweiter Halbvers unsicher; vālasaṃsparśana evtl. auch anders zu deuten.

darśane darśane nityaṃ sukhapraśnam udāharet; sāyaṃ prātaś ca viprāṇāṃ pradiṣṭam abhivādanam

Bei jedem Wiedersehen soll er stets die Frage nach dem Wohlergehen aussprechen; abends und morgens ist den Brahmanen die Begrüßung vorgeschrieben.

Wort für Wort
darśane darśane nityaṃ
bei jedem Anblick (Lok.), stets
sukhapraśnam udāharet
die Frage nach dem Wohlergehen (Akk.), möge er aussprechen (Opt.)
sāyaṃ prātaś ca viprāṇāṃ
abends und morgens, der Brahmanen (Gen.Pl.)
pradiṣṭam abhivādanam
vorgeschrieben (Part.Pass.), die Begrüßung (Nom.)

devagoṣṭhe gavāṃ madhye brāhmaṇānāṃ kriyāpathe; svādhyāye bhojane caiva dakṣiṇaṃ pāṇim uddharet

Im Götterstall, inmitten von Kühen, auf dem Weg der Brahmanen-Riten, beim Veda-Studium und beim Essen soll er die rechte Hand erheben.

Wort für Wort
devagoṣṭhe gavāṃ madhye
im Götterstall/-platz (Lok.), inmitten der Kühe
brāhmaṇānāṃ kriyāpathe
auf dem Weg der Riten der Brahmanen (Gen.Pl.+Lok.)
svādhyāye bhojane caiva
beim Selbststudium, beim Essen (Lok.)
dakṣiṇaṃ pāṇim uddharet
die rechte Hand (Akk.), möge er erheben (Opt.)

sāyaṃprātaś ca viprāṇāṃ pūjanaṃ ca yathāvidhi

Abends und morgens auch die Verehrung der Brahmanen, nach Vorschrift.

Wort für Wort
sāyaṃprātaś ca viprāṇāṃ
abends und morgens, der Brahmanen (Gen.Pl.)
pūjanaṃ ca yathāvidhi
und Verehrung (Nom./Akk.), vorschriftsgemäß (Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

paṇyānāṃ śobhanaṃ paṇyaṃ kṛṣīṇāṃ bādyate kṛṣiḥ; bahukāraṃ ca sasyānāṃ vāhye vāhyaṃ tathā gavām

Von den Waren [ist] die Ware [die] schöne; unter den Feldarbeiten wird die Feldarbeit [ge]drängt/beeinträchtigt [?]; unter den Feldfrüchten [ist es] sehr förderlich, unter den Zugtieren [ist es] das Zugtier der Kühe [?].

Wort für Wort
paṇyānāṃ śobhanaṃ paṇyaṃ
von den Waren (Gen.Pl.), schöne (Nom.), Ware (Nom.)
kṛṣīṇāṃ bādyate kṛṣiḥ
von den Feldarbeiten (Gen.Pl.), wird bedrängt (3.Sg.Pass.), Feldarbeit (Nom.) [?]
bahukāraṃ ca sasyānāṃ
und vielfach förderlich (Nom.), der Feldfrüchte (Gen.Pl.)
vāhye vāhyaṃ tathā gavām
unter Zugtieren (Lok.), Zugtier (Nom.), ebenso der Kühe (Gen.Pl.) [?]

Vers wohl Teil einer Liste von Höflichkeits-/Segensformeln; Sinn verderbt oder sehr elliptisch, Wiedergabe unsicher.

saṃpannaṃ bhojane nityaṃ pānīye tarpaṇaṃ tathā; suśṛtaṃ pāyase brūyād yavāgvāṃ kṛsare tathā

Beim Essen soll er stets „reichlich versehen“ sagen, beim Trinkwasser „gelabt“; beim Milchreis soll er sagen „gut gekocht“, ebenso beim Reisschleim und beim Sesam-Reis-Gericht.

Wort für Wort
saṃpannaṃ bhojane nityaṃ
„wohlversehen/vollkommen“ (Nom.), beim Essen (Lok.), stets
pānīye tarpaṇaṃ tathā
beim Trinkwasser (Lok.), „Labung“ (Nom.), ebenso
suśṛtaṃ pāyase brūyād
„gut gekocht“ (Part.Pass.), beim Milchreis (Lok.), möge er sagen (Opt.)
yavāgvāṃ kṛsare tathā
beim Reisschleim (Lok.), beim Kṛsara (Reis-Sesam-Gericht) (Lok.), ebenso

śmaśrukarmaṇi saṃprāpte kṣute snāne 'tha bhojane; vyādhitānāṃ ca sarveṣām āyuṣyam abhinandanam

Wenn das Bartscheren eingetreten ist, beim Niesen, beim Baden und beim Essen, und allen Kranken gegenüber ist der Segenswunsch für langes Leben [zu sprechen].

Wort für Wort
śmaśrukarmaṇi saṃprāpte
beim Bartschneiden (Lok.), eingetreten (Part.Pass.)
kṣute snāne 'tha bhojane
beim Niesen, beim Bad, sodann beim Essen (Lok.)
vyādhitānāṃ ca sarveṣām
und aller Kranken (Gen.Pl.)
āyuṣyam abhinandanam
„Langes Leben!“ (Nom.), Glückwunsch (Nom.)

pratyādityaṃ na meheta na paśyed ātmanaḥ śakṛt; sutastriyā ca śayanaṃ sahabhojyaṃ ca varjayet

Der Sonne gegenüber soll er nicht urinieren und nicht den eigenen Kot ansehen; das Lager mit der Frau des Sohnes [?] und gemeinsames Essen soll er meiden.

Wort für Wort
pratyādityaṃ na meheta
der Sonne zugewandt (Adv.), nicht möge er urinieren (Opt.)
na paśyed ātmanaḥ śakṛt
nicht möge er ansehen (Opt.), eigenen Kot (Akk.)
sutastriyā ca śayanaṃ
und mit der Frau des Sohnes (Instr.), Lager (Akk.) [?]
sahabhojyaṃ ca varjayet
und gemeinsames Essen (Akk.), möge er meiden (Opt.)

sutastriyā: „mit der Frau des Sohnes“ oder „mit Sohn und Frau“ – unsicher.

tvaṃkāraṃ nāmadheyaṃ ca jyeṣṭhānāṃ parivarjayet; avarāṇāṃ samānānām ubhayeṣāṃ na duṣyati

Das Du-Sagen und den Namen soll er gegenüber Älteren meiden; bei Jüngeren, Gleichen und beiden [Gruppen] schadet es nicht.

Wort für Wort
tvaṃkāraṃ nāmadheyaṃ ca
das Du-Sagen (Akk.), und den Namen (Akk.)
jyeṣṭhānāṃ parivarjayet
gegenüber den Älteren (Gen.Pl.), möge er meiden (Opt.)
avarāṇāṃ samānānām
bei Jüngeren/Geringeren, bei Gleichen (Gen.Pl.)
ubhayeṣāṃ na duṣyati
bei beiden (Gen.Pl.), nicht fehlt es/schadet es (3.Sg.Präs.)

hṛdayaṃ pāpavṛttānāṃ pāpam ākhyāti vaikṛtam; jñānapūrvaṃ vinaśyanti gūhamānā mahājane

Das Herz der in Sünde Lebenden verkündet die Sünde, verzerrt; wissentlich gehen sie zugrunde, [obwohl] sie sich vor der großen Menge verbergen.

Wort für Wort
hṛdayaṃ pāpavṛttānām
Herz (Nom.), der sündig Wandelnden (Gen.Pl.)
pāpam ākhyāti vaikṛtam
die Sünde (Akk.), verkündet (3.Sg.Präs.), verzerrt (Akk./Adv.)
jñānapūrvaṃ vinaśyanti
wissentlich (Adv.), gehen zugrunde (3.Pl.Präs.)
gūhamānā mahājane
sich verbergend (Part.Präs.Med.), vor der großen Menge (Lok.)

jñānapūrvaṃ kṛtaṃ pāpaṃ chādayanty abahuśrutāḥ; nainaṃ manuṣyāḥ paśyanti paśyanti tridivaukasaḥ

Die wenig Gelehrten verhüllen die wissentlich begangene Sünde; ihn sehen die Menschen nicht, [aber] es sehen [ihn] die Himmelsbewohner.

Wort für Wort
jñānapūrvaṃ kṛtaṃ pāpaṃ
wissentlich begangene Sünde (Akk.)
chādayanty abahuśrutāḥ
verhüllen (3.Pl.Präs.), die wenig Gelehrten (Nom.Pl.)
nainaṃ manuṣyāḥ paśyanti
nicht ihn (Akk.), Menschen (Nom.Pl.), sehen (3.Pl.)
paśyanti tridivaukasaḥ
sehen (3.Pl.), die Himmelsbewohner (Nom.Pl.)

pāpena hi kṛtaṃ pāpaṃ pāpam evānuvartate

Denn durch Sünde getane Sünde folgt nur der Sünde nach.

Wort für Wort
pāpena hi kṛtaṃ pāpaṃ
durch Sünde (Instr.), denn, getane Sünde (Nom.)
pāpam evānuvartate
nur der Sünde (Akk.), folgt nach (3.Sg.Präs.Med.)

dharmeṇāpihito dharmo dharmam evānuvartate

Das durch Dharma bedeckte Dharma folgt nur dem Dharma nach.

Wort für Wort
dharmeṇāpihito dharmo
durch Dharma (Instr.), bedeckt (Part.Pass.), Dharma (Nom.)
dharmam evānuvartate
nur dem Dharma (Akk.), folgt nach (3.Sg.Präs.Med.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

dhārmikeṇa kṛto dharmaḥ kartāram anuvartate

Das vom Rechtschaffenen getane Dharma folgt dem Täter nach.

Wort für Wort
dhārmikeṇa kṛto dharmaḥ
vom Rechtschaffenen (Instr.), getan (Part.Pass.), Dharma (Nom.)
kartāram anuvartate
dem Täter (Akk.), folgt nach (3.Sg.Präs.Med.)

pāpaṃ kṛtaṃ na sphurate yathāghair; vipācyamānaṃ punar eti kartuḥ

Die getane Sünde regt sich nicht [sogleich] wie Übel; zur Reife gebracht kehrt sie wieder zum Täter zurück.

Wort für Wort
pāpaṃ kṛtaṃ na sphurate
Sünde (Nom.), getan (Part.Pass.), nicht regt sich (3.Sg.Präs.Med.)
yathāghair
wie [mit] Übeln (Instr.Pl.) [?]
vipācyamānaṃ
zur Reife gebracht werdend (Part.Pass.Präs.)
punar eti kartuḥ
wieder kommt sie (3.Sg.Präs.), zum Täter (Gen./Dat.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Halbvers syntaktisch unsicher (yathāghair).

pāpaṃ kṛtaṃ na smaratīha mūḍho; vivartamānasya tad eti kartuḥ; rāhur yathā candram upaiti cāpi; tathābudhaṃ pāpam upaiti karma

Die getane Sünde bedenkt hier der Tor nicht; sie kehrt sich um und kommt zum Täter, wie Rāhu zum Mond kommt; so kommt das [böse] Werk, die Sünde, zum Unverständigen.

Wort für Wort
pāpaṃ kṛtaṃ na smaratīha mūḍho
getane Sünde (Akk.), nicht gedenkt hier (3.Sg.), der Tor (Nom.)
vivartamānasya tad eti kartuḥ
dem sich Wendenden (Gen.), dies (Nom.), kommt (3.Sg.), zum Täter
rāhur yathā candram upaiti cāpi
wie Rāhu (Nom.), den Mond (Akk.), erreicht (3.Sg.), auch
tathābudhaṃ pāpam upaiti karma
so den Unverständigen (Akk.), die Sünde (Nom.), erreicht (3.Sg.), das Werk (Nom.)

vivartamānasya kartuḥ ist knapp; sinngemäß wiedergegeben [?].

āśayā saṃcitaṃ dravyaṃ yat kāle neha bhujyate; tad budhā na praśaṃsanti maraṇaṃ na pratīkṣate

Das durch Hoffnung angesammelte Gut, das nicht zur rechten Zeit hier genossen wird – das loben die Weisen nicht; der Tod wartet nicht.

Wort für Wort
āśayā saṃcitaṃ dravyaṃ
durch Hoffnung (Instr.), angesammelt (Part.Pass.), Gut (Nom.)
yat kāle neha bhujyate
welches, zur Zeit (Lok.), nicht hier, wird genossen (3.Sg.Pass.)
tad budhā na praśaṃsanti
das, die Weisen (Nom.Pl.), nicht loben (3.Pl.Präs.)
maraṇaṃ na pratīkṣate
der Tod (Nom.), nicht wartet (3.Sg.Präs.Med.)

mānasaṃ sarvabhūtānāṃ dharmam āhur manīṣiṇaḥ; tasmāt sarveṣu bhūteṣu manasā śivam ācaret

Das Dharma aller Wesen liegt im Geist, sagen die Weisen; darum soll er allen Wesen gegenüber im Geist Heilvolles üben.

Wort für Wort
mānasaṃ sarvabhūtānāṃ
geistig/im Geist gründend (Akk.), aller Wesen (Gen.Pl.)
dharmam āhur manīṣiṇaḥ
Dharma (Akk.), sagen (3.Pl.Perf.), die Weisen (Nom.Pl.)
tasmāt sarveṣu bhūteṣu
darum, gegenüber allen Wesen (Lok.Pl.)
manasā śivam ācaret
mit dem Geist (Instr.), Heilvolles (Akk.), möge er üben (Opt.)

eka eva cared dharmaṃ nāsti dharme sahāyatā; kevalaṃ vidhim āsādya sahāyaḥ kiṃ kariṣyati

Allein soll man das Dharma üben; im Dharma gibt es keine Gefährtenschaft; was wird ein Helfer [noch] tun, wenn man allein die [rechte] Vorschrift erlangt hat?

Wort für Wort
eka eva cared dharmaṃ
allein nur (Nom.), möge üben (Opt.), Dharma (Akk.)
nāsti dharme sahāyatā
nicht ist (3.Sg.), im Dharma (Lok.), Beistand/Gefährtenschaft (Nom.)
kevalaṃ vidhim āsādya
allein/nur (Adv.), die Vorschrift (Akk.), erlangt habend (Abs.)
sahāyaḥ kiṃ kariṣyati
ein Helfer (Nom.), was (Akk.), wird tun (3.Sg.Fut.)

devā yonir manuṣyāṇāṃ devānām amṛtaṃ divi; pretyabhāve sukhaṃ dharmāc chaśvat tair upabhujyate

Die Götter sind der Ursprung der Menschen; der Götter Nektar ist im Himmel; im Zustand nach dem Tod wird Glück aus dem Dharma von ihnen immerwährend genossen.

Wort für Wort
devā yonir manuṣyāṇām
die Götter (Nom.Pl.), Ursprung (Nom.), der Menschen (Gen.Pl.)
devānām amṛtaṃ divi
der Götter (Gen.Pl.), Nektar (Nom.), im Himmel (Lok.)
pretyabhāve sukhaṃ dharmāc
im Dasein nach dem Tod (Lok.), Glück (Nom.), aus Dharma (Abl.)
chaśvat tair upabhujyate
immerfort (Adv.), von ihnen (Instr.Pl.), wird genossen (3.Sg.Pass.)

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